Biblische Gestalten

Herausgegeben von
Christfried Böttrich und Rüdiger Lux

Band 31

 

Matthias Köckert

Abraham

Ahnvater – Vorbild – Kultstifter

Matthias Köckert, Dr. theol., Jahrgang 1944, lehrte zuletzt als Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben Aufsätzen vor allem zur Religionsgeschichte des antiken Israels, zu den Psalmen und zu den Zehn Geboten hat er zahlreiche Arbeiten zu den Vätergeschichten des 1. Mosebuches veröffentlicht.

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Umschlaggestaltung: behnelux gestaltung, Halle/Saale

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04766-6

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Der Autor

Impressum

Vorwort

A. EINFÜHRUNG

1. Die Überlieferung von Abraham und Sara in ihrer Eigenart

2. Die Kunst des Erzählens

3. Die Geschichten über Abraham und Sara als Ursprungsgeschichte Israels

4. Die literarische Komposition von 1Mose 11,27–25,11

B. DARSTELLUNG

1. Von Ur nach Hebron

1.1. »Das ist die Geschichte Terachs und seiner Nachkommen.«
1Mose 11,27–32: Von der Menschheit zu dem einen Volk

1.2. »Gehe aus deinem Land in das Land, das ich dir zeigen werde!«
1Mose 12,1–13,18:

(1) Von Harran nach Kanaan – ein vielstimmiger Beginn

(2) Vom großen Volk zu allen Sippen der Erde (12,1–4a)

(3) Vom Land Kanaan zum Land Jhwhs (12,6.8–9; 13,1.3–4.18b)

(4) Von Kanaan nach Ägypten und zurück (12,10–20; 13,1.3–4)

(5) Im Land – Lot trennt sich von Abraham (13,1–18)

2. In Hebron

2.1. »Gesegnet sei Abram vom höchsten Gott!«
1Mose 14: Abraham rettet Lot und gibt dem Priesterkönig von Salem den Zehnten

2.2. »Fürchte dich nicht, dein Lohn ist sehr groß.«
1Mose 15: Der versprochene Erbe und das gelobte Land

2.3. »JHWH hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann.«
1Mose 16: Saras Plan, Hagars Flucht und Ismaels Geburt

2.4. »Ich will dir und deinen Nachkommen nach dir Gott sein.«
1Mose 17: Gottes unzerstörbarer Bund mit Abraham

2.5. »Ist denn für JHWH etwas unmöglich?«
1Mose 18–19:

(1) Die Abraham-Lot-Erzählung als Grundstock der Komposition

(2) Der Besuch der drei Männer bei Abraham und ihr Gastgeschenk (18,1–16)

(3) Abraham klagt Gottes Gerechtigkeit ein (18,17–33)

(4) Der Besuch der beiden Boten bei Lot und die Folgen (19,1–38)

(5) Die Geburt Isaaks (21,1a.6)

3. In Gerar und Beerscheba

3.1. »Mein Land liegt vor dir; lass dich nieder, wo es dir gefällt!«
1Mose 20,1–18: Abraham und Sara als erste Juden in der Diaspora

3.2. »Der Sohn dieser Magd soll nicht mit meinem Sohn Isaak erben!«
1Mose 21,1–21: Isaaks Geburt, Hagars Vertreibung und Ismaels Rettung

3.3. »Gott ist mit dir bei allem, was du tust.«
1Mose 21,22–34: Abraham erwirbt Brunnenrechte in Beerscheba

3.4. »Nach diesen Begebenheiten stellte Gott Abraham auf die Probe.«
1Mose 22,1–19: Abrahams Bewährung und Isaaks Rettung

4. In Hebron

4.1. »Gehe in mein Land, dass du aus meiner Verwandtschaft eine Frau für meinen Sohn Isaak holst!«
1Mose 22,20–24; 24,1–67: Wie Gott das Geschick seiner Frommen lenkt

4.2. »Dort sind Abraham und seine Frau Sara begraben.«
1Mose 23,1–20; 25,1–11: Ein Grabbesitz für das Ahnpaar

(1) Ein mehrstimmiges Ende

(2) Abraham kauft eine Grabstätte für Sara (23,1–20)

(3) Abraham stirbt alt und lebenssatt (25,1–11)

5. Wie wurde aus den vielen Geschichten die Geschichte von Abraham und Sara?

5.1. Zwei Erklärungsmodelle

5.2. Kurze Biographie der Abrahamüberlieferung

(1) Die Abraham-Lot-Erzählung

(2) Die vereinigte Vätergeschichte

(3) Die priesterliche Konzeption

(4) Eine Diskussion um Gottes Gerechtigkeit

(5) Nachpriesterliche Erweiterungen

(6) Weitere Umdeutungen in spätpersischer Zeit

(7) Diskussionen in der Spätzeit

5.3. Wer war Abraham historisch?

C. WIRKUNG

1. Vom Ahn der im Lande Verbliebenen zum Vorbild der Gerechten:
Abraham und Sara außerhalb des 1Mosebuches

1.1. Hes 33,23–29

1.2. Jes 51,1–8; Jes 41,8–13; 2Chr 20,7

1.3. Jes 29,17–24; Jes 63,7–64,11; Mi 7,18–20

1.4. Jos 24; Ps 105; Neh 9

1.5. Sir 44,19–21; 1Makk 2,52

2. Vom ersten Verehrer des wahren Gottes zum Urbild der Proselyten:
Abraham im frühen Judentum

2.1. Abraham im Bildprogramm der Synagoge in Dura-Europos

2.2. »Unser Vater« und »Vater vieler Völker«

2.3. Erster Verehrer des wahren Gottes: Apokalypse Abraham

2.4. Bewährter Diener der Tora: Jubiläenbuch

2.5. Vorbild an Frömmigkeit und Tugend: Philo, De Abrahamo

2.6. Philosoph und Erfinder: Josephus, Antiquitates

2.7. Abraham im Midrasch: Bereschit Rabba

3. Vom Vater aller, die glauben, zum Zeugen für Jesus Christus:
Abraham und Sara im Neuen Testament und in der Alten Kirche

3.1. Abraham und Sara bei Paulus

(1) Was Hagars und Saras Nachkommen unterscheidet (Gal 4,21–5,1)

(2) Abraham als Zeuge für die Rechtfertigung aus Glauben (Röm 4)

3.2. Abraham im Brief an die Hebräer

3.3. Abraham im Evangelium des Johannes

3.4. Origenes, Homilien zum Buch Genesis, 8 (zu 1Mose 22)

3.5. Abraham in Ravenna und Rom

4. Vorbild eines Gottergebenen für alle Menschen:
Abraham im Koran

4.1. In welcher Welt entstand der Koran?

4.2. Der Koran

4.3. Abraham im Koran

4.4. Ein Beispiel für die Barmherzigkeit des Allmächtigen

4.5. Ein Kompromissloser Monotheist

4.6. Vollkommen Gott ergeben

4.7. Stifter eines neuen Kultes und Urbild eines Muslim

Nachwort

D. VERZEICHNISSE

1. Literaturverzeichnis

2. Abbildungsverzeichnis

Weitere Bücher

Fußnoten

VORWORT

Wer mit der S-Bahn durch Berlin fährt erwartet nicht, ausgerechnet hier Abraham zu begegnen, und doch kann er ihn gar nicht verfehlen. Zwischen den Haltestellen Ostbahnhof und Jannowitzbrücke sieht man zur linken Hand ein modernes Industriegebäude. Auf einer hellgrauen Fläche steht in dunklen Buchstaben weithin sichtbar zu lesen:

Nun trat Abraham näher und sprach:

Willst du wirklich den Gerechten mit dem Frevler verderben? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt.

Diese Sätze aus 1Mose 18,23–24 machen nachdenklich, denn mit ihnen klagt Abraham Gerechtigkeit ein bei Gott. Der ist gerade auf dem Weg nach Sodom. Dort will er prüfen, ob die Stadt wegen der Freveltaten ihrer Bewohner dem Untergang verfallen ist. Geht es in Berlin zu »wie in Sodom und Gomorrha«? Wohin gehöre ich – zu jenen Gerechten oder zu denen, die »mit Blindheit geschlagen« sind (19,11)?

Nicht nur in Berlin stoßen wir in unserem Alltag unerwartet auf Geschichten um Abraham und Sara. Redewendungen mit Anspielungen auf sie finden sich zwar nicht »wie Sand am Meer« (22,17), aber doch zahlreich genug. Autofirmen und Versicherungen werben damit, dass man bei ihnen so sicher aufgehoben ist »wie in Abrahams Schoß« (Lk 16,221). Auf der Riederalp am Aletschgletscher in der Schweiz kann man den »Abrahamschoss« sogar mieten und nächtigt dann in einem komfortablen Ferienhaus. Die Werbetexter haben allerdings nicht bedacht, dass Abrahams Schoß der Ort für die Seligen ist und dass deshalb nur Tote dorthin gelangen können. Wir aber möchten den Abrahamschoß auf der Riederalp doch gern als Lebende und gut erholt wieder verlassen. Im Schlusschoral der Johannespassion von Johann Sebastian Bach singt der Chor:

Ach Herr, lass dein lieb’ Engelein

am letzten End die Seele mein

in Abrahams Schoß tragen!

Vieles hat sich im Lauf der Jahrhunderte mit Abraham als literarischer Gestalt verbunden. Beinahe nichts Menschliches ist ihm fremd geblieben. Unerschütterlich vertraute er seinem Gott (15,6) und war doch nicht frei von Misstrauen in der Fremde (20,11). Unverhofftes Glück hat er erfahren (21,1–7), unsagbarer Schmerz hat ihn stumm gemacht (22,3–10):

Abrahams Herz-Sohn-Schrei,

am großen Ohr der Bibel liegt er bewahrt.2

Mit Abraham und Sara stehen in der Bibel auch wir geschrieben. Deshalb werden wir in diesen Texten auch uns begegnen.

Schon die Bibel enthält nicht nur ein einziges Abrahambild, sondern eine ganze Bildergalerie. Im Zentrum der folgenden Darstellung steht deshalb die Begegnung mit diesen Texten. Die werden teils deutend nacherzählt, teils abschnittweise in einer eigenen Übersetzung präsentiert. Beim Lesen der biblischen Texte entstehen viele Fragen. Die überzeugendsten Antworten erwachsen häufig aus anderen Texten in der Bibel. Man muss nur die richtigen entdecken. Um Platz zu sparen, kann auf sie meist nur mit Angabe der Bibelstellen verwiesen werden. Deshalb empfiehlt es sich, eine Bibel zur Hand zu haben. Bibelstellen aus dem 1. Mosebuch werden meist nur mit Kapitel und Vers angegeben.

Wenn es dem Verständnis dient, werden hebräische Wörter in einer vereinfachten Umschrift wiedergegeben. Der biblische Gottesname JHWH erscheint dagegen ohne Vokale, aber in Kapitälchen. Er kann – wie im Judentum üblich – als Adonaj gelesen werden, was Luther ganz sachgemäß mit »Herr« übersetzt und zur Unterscheidung von allen anderen Herren in Kapitälchen gesetzt hat: HERR.

Die Schreibung der Eigennamen folgt den Loccumer Richtlinien. Im hebräischen Text heißt das Ahnpaar zunächst Abram und Saraj. Erst in 17,5.15 werden sie in Abraham und Sara umbenannt (dazu s. B 2.4). Um Verwirrung zu vermeiden, werden beide stets mit ihren endgültigen Namensformen genannt; nur die Übersetzung folgt dem Namenwechsel.

Im Rahmen dieser Darstellung muss auf eine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen verzichtet werden. In Anmerkungen wird lediglich die wichtigste Literatur abgekürzt genannt, auf die sich die vorliegende Darstellung stützt oder die Anregungen zur Vertiefung bietet. Sie kann im Literaturverzeichnis (D 1.1) leicht gefunden werden. Mehrfach habe ich eigene ältere Untersuchungen aufgegriffen, ohne das im Text eigens kenntlich zu machen.

In der Darstellung finden sich ab und zu Bilder. Einige stammen aus zeitgenössischen antiken Quellen und erhellen Sachaussagen der Texte. Andere bezeugen eindrücklich, wie sich Künstler aller Zeiten mit den biblischen Texten um Abraham auseinandergesetzt und sie gedeutet haben. Alle Bilder werden jeweils kurz erläutert.

Aus der ungemein reichen Wirkungsgeschichte Abrahams in Judentum, Christentum und Islam, in Literatur, Philosophie und bildender Kunst müssen wegen des beschränkten Platzes wenige Beispiele genügen. In den Verzeichnissen (D 1.2–1.5) werden einige Hilfsmittel genannt.

Vielen habe ich zu danken: Die bahnbrechenden Arbeiten des Freundes und Kollegen Erhard Blum (Tübingen) haben diese Darstellung mehr befördert, als Anmerkungen sagen können. Frau Kollegin Zimmermann (Kiel) hat den Abschnitt zu den neutestamentlichen Texten, Herr Dr. Lehmann (Berlin) den zu den Kirchen in Ravenna und Rom durchgesehen. Den Abschnitt über Abraham im Koran hätte ich ohne Beratung durch Frau Dr. Koloska vom Corpus Coranicum (Potsdam) nicht schreiben können. Sie hat mich mit der neueren Koranforschung bekannt gemacht und auch den gesamten Abschnitt kritisch durchgesehen. Ihre hilfreichen Kommentare haben mich vor manchen Irrtümern und falschen Akzenten bewahrt. Fehler habe ich jedoch allein zu verantworten.

Zuletzt danke ich Herrn Kollegen Rüdiger Lux für die Einladung zur Mitarbeit an der Reihe »Biblische Gestalten« und Frau Dr. Annette Weidhas von der Evangelischen Verlagsanstalt für ihre Geduld.

Berlin, am 3. Oktober 2016 Matthias Köckert

A. EINFÜHRUNG

1. DIE ÜBERLIEFERUNG VON ABRAHAM UND SARA IN IHRER EIGENART

Über Abraham und Sara lesen wir in der Bibel3, aber auch in zahlreichen Texten des Judentums4 und des Christentums5 und schließlich im Koran6. Sie hängen jedoch alle in unterschiedlicher Weise von der Bibel ab, indem sie diese fortschreiben, entfalten und auslegen. Sie bezeugen die große Wirkung, die jene biblischen Texte ausgelöst haben. Sie setzt sich im Strom der Jahrhunderte fort in literarischen Texten, in Bildern, in der Musik, sogar im Film.7 Von der Bibel unabhängige Zeugnisse für Abraham oder Sara gibt es nicht. Ausführlicher berichtet die Bibel von beiden allein in 1Mose 11,27–25,11. Zwar begegnet der Name Abraham noch häufiger, allerdings meist nur in der Aufzählung der drei Ahnväter Abraham, Isaak und Jakob. Ein kurzer Blick auf die vorherrschende Textsorte erhellt die Eigenart jener Überlieferung schnell. Abgesehen von wenigen genealogischen Listen (11,27–32 und 25,1–11), kurzen Notizen (z. B. 12,6–9; 13,1–2) und Reden Gottes an Abraham (z. B. 12,1–3; 13,14–17), finden sich in jenem Abschnitt vor allem Erzählungen.

Deren Eigenart tritt im Vergleich mit Zeitungsnachrichten schnell zu Tage.8 Zeitungen sollen möglichst schnell informieren und gekauft werden. Deshalb sind ihre Nachrichten vor allem an den berichteten Ereignissen und an der Bedeutung orientiert, die sie für die gewünschten Leser haben. Ob die Ereignisse tatsächlich geschehen sind, noch dazu so wie berichtet, kann in der Regel nachgeprüft werden. Die Verfallsdauer einer Zeitung ist kurz, denn schon am nächsten Tag gibt es neue Nachrichten. Deshalb werden die Zeitungen des vergangenen Tages als Altpapier entsorgt.

Erzählungen gehören dagegen zu jenen Texten, die – mitunter über viele Jahrhunderte – neue Leser finden und die wir selber oft nicht nur einmal, sondern mehrmals lesen. Das hängt mit ihrer Bedeutung zusammen, die sie für Leser haben. Zwar würden weder Erzählungen überliefert, noch Zeitungen gedruckt, hätten diese keine Bedeutung. Doch unterscheidet sich die Art der Bedeutung bei beiden beträchtlich. Wer, außer Historikern, liest alte Zeitungsnachrichten? Das liegt daran, dass Nachrichten über Ereignisse informieren, die mit ihnen in die Vergangenheit versinken, während Erzählungen an Erfahrungen teilhaben lassen, die immer wieder neu ein Echo bei Lesern hervorrufen. Erzählungen benennen diese Erfahrungen jedoch nicht ausdrücklich, sondern bringen sie indirekt zur Sprache. Sie erzählen von Menschen, die handelnd oder leidend Erfahrungen gemacht und sich dazu verhalten haben. Sie erzählen von der Vergangenheit, beziehen sich aber mit ihr durchaus auf die Gegenwart, ohne von ihr ausdrücklich zu reden.

Um Erfahrungen auf diese Weise mitteilen zu können, muss der Erzähler eine eigene Welt in einem eigenen Zeithorizont erstellen. Diese »erzählte Zeit« unterscheidet sich von der »Zeit des Erzählers« und von der Situation, in der er erzählt. Um die erzählte Zeit mitteilen zu können, brauchen Erzählungen ihrerseits Zeit. Eine Bitte kann auf ein Wort reduziert werden: »Komm!« Eine Nachricht umfasst wenige Zeilen. Eine Erzählung braucht dagegen »Erzählzeit«, um jene Welt aufzubauen, in der die Personen, von denen sie erzählt, Erfahrungen machen.

Dabei wahrt die Erzählung Distanz zwischen der erzählten Zeit und der Zeit ihres Erzählers. Kraft dieser Distanz vermag die Erzählung, Welt zu erschließen. Sie eröffnet den Lesern die Möglichkeit, sich mit den Erfahrungen zu identifizieren, die in ihr verdichtet sind. Lesend erweitert sich unser Horizont; denn im Vorgang des Erzählens oder des Lesens einer Erzählung vollzieht sich ein Austausch von Erfahrungen: »Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten. Und er macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören.«9

Das geschieht freilich weder zwingend noch eindeutig; denn jener Austausch von Erfahrungen hat es stets auch mit der Welt der Leser und mit deren Erfahrungen zu tun. So öffnet die Erzählung stets einen Spielraum mehrerer sinnvoller, wenn auch nicht aller möglichen Deutungen. Darin unterscheidet sie sich von Nachrichten, die auf Eindeutigkeit aus sind. Sie enthält sich auch weitgehend aller Erklärungen und überlässt es dem Leser, sich zu ihr zu verhalten. Darin unterscheidet sie sich vom Kommentar in der Zeitung, der zu einer bestimmten Sicht der Dinge bewegen will. In einer Erzählung wird dagegen der »Zusammenhang des Geschehens … dem Leser nicht aufgedrängt. Es ist ihm freigestellt, sich die Sache zurechtzulegen, wie er sie versteht, und damit erreicht die Erzählung eine Schwingungsbreite, die der Information fehlt.«10 Der Mangel an Eindeutigkeit macht ihren Reichtum aus; denn nur so ist sie stets neuer Entfaltung fähig und erschöpft sich nicht in einer Erzählsituation allein. Das ist auch der Grund dafür, dass man von Abraham und Sara immer wieder neu erzählt und sie auf verschiedene Weise in Anspruch genommen hat.11

Aus diesen Einsichten in die Eigenart erzählender Überlieferung ergibt sich eine erste Folgerung für den sachgemäßen Umgang mit den Erzählungen über Abraham und Sara: So wenig ich einen Liebesbrief wie einen Sozialhilfeantrag behandeln darf, so unsinnig ist es, eine Erzählung wie Zeitungsnachrichten zu lesen. Jene sind auf eine Wahrheit aus, die an der Tatsächlichkeit des Berichteten orientiert ist. Die kann nachgeprüft und bestätigt oder bestritten werden. Das ist bei einer Erzählung nicht möglich; denn deren Wahrheit hängt nicht an der Tatsächlichkeit der erzählten Welt und der in ihr erzählten Ereignisse, sondern an der Bedeutung, welche die erzählten Erfahrungen für die Leser gewinnen können: »Erzählungen zielen nicht auf das Ja oder Nein der Wahrheit, sondern auf ein Mehr oder Weniger an Relevanz.«12 Die Frage, ob es Abraham und Sara »wirklich gegeben hat« und ob »tatsächlich« geschehen ist, was die Bibel über sie erzählt, geht an jenen Texten völlig vorbei; denn sie verwechselt die biblischen Erzählungen mit Nachrichten. »Wahr ist nicht nur das, was war«13 im Sinne dessen, was einmal tatsächlich geschehen ist. »Wirklich wahr« sind die biblischen Erzählungen allemal in dem Sinn, dass sie gewirkt haben und als literarische Kunstwerke immer wieder wirken.

Erzählen ist von Hause aus eine mündliche Kommunikationsform, wie Kinder auch heute noch erfahren, wenn ihre Großeltern ihnen Geschichten erzählen. Aber auch im Alltag besteht ein großer Teil unseres Umgangs miteinander im Erzählen von Geschichten. Dennoch haben wir bisher immer von Lesern gesprochen und dabei stets Texte vorausgesetzt. Das geschah aus gutem Grund; denn die Erzählungen von Abraham und Sara sind uns nur als Texte überliefert, und nur bei den wenigsten lassen sich noch Spuren einer möglichen mündlichen Vorgeschichte aufspüren.14 Viele wurden von vornherein als Literatur geschaffen. Was mündlich erzählt wird, bleibt hinsichtlich des Wortlauts offen und wird im Wiederholungsfall in Varianten weitergegeben, die nicht zuletzt von den Hörern und von der Erzählsituation abhängen. Ein Text hat dagegen einen fest formulierten Wortbestand. Er ist dadurch von der Zeit seiner Entstehung und den Absichten seines Autors bis zu einem gewissen Grade unabhängig. Ein Text enthält deshalb stets mehr an Sinn und Bedeutung, als sein Autor einst beabsichtigt hat. Je besser der Text ist, desto mehr Möglichkeiten der Deutung und der Aneignung eröffnet er. An Jes 51 oder Röm 4 können wir beispielhaft sehen, dass sich die Erzählungen über Abraham und Sara weder in einer einzigen, noch in einer Bedeutung ein für allemal erschöpfen. Spätere Leser in neuen Situationen entdecken in ihnen Aspekte, die zuvor am Rande standen, oder verbinden mit dem Ahnpaar ihre Probleme, die bisher bedeutungslos waren.

Die Erzählungen über Abraham und Sara sind wie die meisten biblischen Texte ohne ausdrückliche Informationen über ihre Autoren, ihre Adressaten und ihre Entstehungssituation überliefert worden. Deshalb müssen diese Zusammenhänge erst aus jenen Texten rekonstruiert werden, deren Sinn durch die Rekonstruktion erhellt werden soll. Das hat zu weit auseinander liegenden Deutungen jener Erzählungen in der Forschung geführt.15 Sie belegen die grundsätzliche Offenheit von Erzählungen für mehr als einen historischen Kontext und Sinnhorizont. Gleichwohl ist deren Zahl begrenzt und keinesfalls beliebig. Die Gestalt des Textes schließt immer auch Deutungsmöglichkeiten aus. Denn Sinn wird eben nicht allein von denen gestiftet, die lesen, er ist vor allem in die konkrete Gestalt des Textes eingeschrieben, die sich nicht zuletzt den Absichten seines Autors angesichts seiner Leser in seiner Zeit verdankt. So erweist sich allein der gegebene Text als sichere Basis für jede Auslegung.

Sollte man dann nicht von vornherein auf die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte dieser Texte und der mutmaßlichen Absichten ihrer Autoren verzichten? Das ist schon deshalb nicht möglich, weil wir im alttestamentlichen Teil der Bibel allermeist nicht Autorenliteratur vor uns haben. Es handelt sich vielmehr um Traditionsliteratur, die im Laufe ihrer Weitergabe fortgeschrieben und auf vielfältige Weise verändert worden ist, bevor man ihre Wort- und Lautgestalt für den gottesdienstlichen Gebrauch abschließend festgestellt hat. Solange man mit ihrem Wortlaut noch produktiv umgehen konnte, haben sich neue Deutungen vor allem in Zusätzen und mancherlei Veränderungen am Wortlaut der Texte sichtbar niedergeschlagen. So begegnen Abraham und Sara großenteils nicht in Einzeltexten, sondern in größeren Kompositionen. Auch haben spätere Leser ihre Deutungen, ihre Erwartungen und Hoffnungen in die ihnen vorliegenden Texte hineingeschrieben. Dabei entstanden nicht selten Widersprüche und Spannungen. Diese wurden nicht immer getilgt, sondern in Kauf genommen, um den Reichtum der Überlieferung zu bewahren. Die in der Bibel vorliegenden Texte enthalten also eine »Sinngeschichte«, die an ihnen selbst noch zu erkennen ist – wie die Baugeschichte am Dom zu Köln. Deshalb kann sich die Auslegung nicht allein mit der jetzt vorliegenden Gestalt dieser Überlieferung begnügen. Zu ihrer Würdigung gehört auch der Versuch, deren Geschichte und die in ihr eingeschmolzene Sinngeschichte zu rekonstruieren.

Daraus ergibt sich eine zweite Folgerung: Wer Sinn und Bedeutung dieser Überlieferungen verstehen will, muss die Texte wieder in jene Situationen verfolgen, in denen sie einst entstanden: Auf welche Fragen gaben sie damals eine Antwort? Welche Probleme trieben ihre Autoren um? Wozu wollten sie ihre Leser bewegen? Antworten auf diese Fragen sind ohne Hypothesen nicht möglich. Deshalb kann es auch nicht die eine richtige Auslegung geben und schon gar nicht eine für alle Zeiten, sondern nur wahrscheinlichere und weniger wahrscheinliche Auslegungen. Nur ein Schelm behauptet, mehr geben zu können, als er hat.

2. DIE KUNST DES ERZÄHLENS

Wenn Sinn und Bedeutung jener Erzählungen über Abraham und Sara nicht in mutmaßlichen Ereignissen hinter der Überlieferung, sondern allein in den Erzählungen selbst gefunden werden können, kommt es entscheidend auf deren Gestaltung an, die das Lesen lenkt.16 Einige Beobachtungen, vornehmlich an 1Mose 12 und 22 gewonnen, schärfen unsere Aufmerksamkeit:

1. Was über das Ahnpaar erzählt wird, muss des Erzählens wert und für die Leser von Bedeutung gewesen sein, sonst hätte man dergleichen nicht überliefert:

z. B. wie Abraham einst von weither aus Ur in Chaldäa über Harran nach Kanaan kam (11,27–12,5);

oder wie Abraham nach Ägypten zog und es dort zu einigem Reichtum brachte (12,10–20).

Es wäre zudem nicht überliefert worden, wenn es nicht zugleich die Aufmerksamkeit gefesselt und unterhalten hätte. Banalitäten erzählt man nicht, wohl aber das Außergewöhnliche im Alltäglichen:

So war es nicht ungewöhnlich, bei den nicht seltenen Hungersnöten nach Ägypten zu ziehen (vgl. 41,57; 43,1; 47,4). Aber dass ein Immigrant wie Abraham in 12,10–20 vor den Pharao gelangt, diesen dann auch noch in Schwierigkeiten bringt und am Ende dennoch Ägypten reicher als zuvor verlassen kann, das überrascht.

Trotzdem fällt die erzählte Welt, so fiktiv sie auch sein mag, nicht aus der Welt heraus, die sich die Leser vorstellen können. Deshalb spiegeln sich in den Erzählungen über Abraham und Sara bis zu einem gewissen Grad die Zeit der Erzähler und deren Absichten wie auch die Lage der ersten Leser wider.17

2. Der Ereignis- und Handlungszusammenhang muss so erzählt werden, dass ein Spannungsbogen entsteht, sonst erlahmt das Interesse. Der Erzähler fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern baut in der Exposition zunächst eine Szenerie auf und stellt die Erzählfiguren vor:

Es kam aber eine Hungersnot über das Land. Da zog Abram nach Ägypten hinab, um sich dort aufzuhalten; denn die Hungersnot im Lande war schwer (12,10).

Erst danach kommt die Handlung in Gang. Die führt zu Komplikationen oder mündet in einen Konflikt. Diese müssen angemessen gelöst werden, bevor die in Gang gesetzte Bewegung zu einem beruhigenden Abschluss kommt, der die ausgelösten Emotionen besänftigt und die Erzählung ausklingen lässt:

So zog Abram aus Ägypten hinauf in den Negev, er und seine Frau und alles, was er hatte (13,1).

Man muss jedoch berücksichtigen, dass die Verbindung mit dem gegenwärtigen Kontext häufig zu Veränderungen am Anfang und am Schluss geführt hat. Nicht selten schuf man auch Erzählungen eigens für einen Kontext, der schon vorlag.

3. Die Handlung wird in der Regel einsträngig erzählt. Sie bildet eine geschlossene Kette, in der ein Glied am anderen hängt und nur das mitgeteilt wird, was der verfolgten Absicht dient:

Eine Hungersnot veranlasst Abram zur Abwanderung nach Ägypten. – Abram gibt Sara wegen ihrer Schönheit als seine Schwester aus. – Die Kunde von Saras Schönheit dringt bis zum Pharao. – Der holt Sara in seinen Palast und beschenkt Abram reich.

(Damit wäre die gesamte Abrahamgeschichte schon am Ende, bevor sie überhaupt recht angefangen hat. Deshalb:) Gott greift ein und schlägt den Pharao mit schweren Plagen. – Der zieht Abram zur Rechenschaft und weist ihn aus.

4. Der Handlungsablauf wird szenisch gegliedert dargeboten. Das trägt zur Klarheit bei. Wechsel der Schauplätze und der Personen oder Reden markieren die einzelnen Szenen. In der Regel kommt man mit zwei oder drei handelnden Personen oder Gruppen aus. Die sind häufig als gegensätzliche Typen konzipiert. Stets stehen nur zwei zugleich auf der Bühne. – So gibt sich nach der Exposition die erste Szene in 12,11–13 durch eine Ortsveränderung zu erkennen, der eine Rede Abrahams an seine Frau Sara folgt:

11Als er nahe an Ägypten herangekommen war, sprach er zu seiner Frau Sarai:

Sieh doch, ich weiß, dass du eine schöne Frau bist. 12Wenn dich die Ägypter sehen, werden sie sagen: Das ist seine Frau! Sie werden mich umbringen, dich aber am Leben lassen.

13Sage doch, du seiest meine Schwester, dass es mir wohl ergehe um deinetwillen und ich deinetwegen am Leben bleibe.

Das zentrale Mittelstück ist gleichfalls durch eine Ortsveränderung hervorgehoben. Es spielt in Ägypten. Aber jetzt überstürzen sich die Ereignisse. Deshalb besteht es nur aus Handlung ohne direkte Rede (12,14–16). Alle Aktionen gehen von den Höflingen und vom Pharao aus, während die bisherigen Akteure passiv bleiben. Im Zentrum steht stillschweigend Sara. Sie ist Objekt der Blicke und Gegenstand rühmender Rede, sie wird von Pharao genommen und verschwindet in seinem Harem. Abraham dagegen wird »um ihretwillen«, wie es ausdrücklich heißt, königlich beschenkt:

14Als nun Abram nach Ägypten kam, sahen die Ägypter, wie überaus schön die Frau war. 15Auch die Höflinge des Pharaos sahen sie und priesen sie beim Pharao. So wurde die Frau in den Palast des Pharaos gebracht.

16Abram jedoch erwies er Wohltaten um ihretwillen: Er erhielt Schafe, Ziegen, Rinder und Esel, Sklaven und Sklavinnen, Eselinnen und Kamele.

Die dritte Szene spielt offenbar in jenem Palast. Der Pharao stellt Abraham in vier anklagenden Sätzen zur Rede. Die erste Szene begann mit einer längeren Rede, in der Abraham seinen Plan auf Kosten Saras entwickelte, während die dazu schwieg. Die dritte Szene endet damit, dass die nur allzu berechtigten Vorwürfe des Pharaos Abraham zum Schweigen bringen:

17Aber JHWH schlug den Pharao mit schweren Plagen, und sein Haus, Sarais wegen, der Frau Abrams.

18Da rief der Pharao Abram und sprach:

Was hast du mir da angetan?

Warum hast du mir nicht mitgeteilt, dass sie deine Frau ist?

19Warum hast du gesagt: Meine Schwester ist sie, so dass ich sie mir zur Frau nahm?

Nun, da ist deine Frau, nimm sie und geh!

20Der Pharao entbot seinetwegen Männer; die geleiteten ihn und seine Frau und alles, was er hatte.

Die drei Szenen sind fast vollständig miteinander verzahnt.18 Lediglich V. 17 steht für sich und ist dadurch als die entscheidende Wende in der Erzählung besonders herausgehoben.

5. Die einzelnen Teile können durch wiederkehrende Leitwörter oder wiederholte Wendungen und Sätze miteinander verbunden werden. Die dadurch entstehenden Querbezüge setzen mitunter erhellende inhaltliche Akzente.

In 12,13 soll Sara in Ägypten sagen, sie sei Abrahams Schwester, »dass es mir wohl ergehe um deinetwillen«; 12,16 erzählt, wie der Pharao Abraham »Wohltaten erwies um ihretwillen«. 22,12.16 rufen mit »deinem Sohn, deinem einzigen« die Kette der Appositionen aus dem göttlichen Befehl in V. 2 in Erinnerung. Auf diese Weise werden in V. 12 die Größe des Opfers hervorgehoben und die maßlose Verheißung begründet, die in V. 16–18 auf die bestandene Probe folgt.

Wiederholungen sind ein wirkungsvolles Mittel, um das Erzähltempo zu verändern, um Pausen zu schaffen oder um Emotionen zu wecken:

Der quälende letzte Weg zur Opferstätte am Ende der drei Tage enthält in 22,7–8 den einzigen Wortwechsel zwischen Sohn und Vater. Unmittelbar davor und danach heißt es lakonisch: »So gingen beide miteinander« (22,6.8). Diese Bemerkung realisiert erzählerisch den Weg und gibt dabei den Lesern Gelegenheit zum Mitfühlen und Nachdenken.

Wiederholungen begegnen häufig mit Variationen. Die haben meist mehr als nur dekorative Bedeutung:

Mehrmals nennt der Erzähler in 22,3.6.7.9–10 die notwendigen Requisiten für das Opfer, aber in unterschiedlicher und – vom Handlungsablauf geurteilt – in nicht immer logischer, gleichwohl in überlegter Reihenfolge:

V. 3 erwähnt als letztes, dass Abraham »das Holz für das Brandopfer spaltet«, obwohl er doch schon den Esel gesattelt und seine Burschen sowie Isaak geholt hat. Die gewaltsame Tätigkeit des Spaltens weist auf das Ziel der Reise voraus und lässt keinen Zweifel am Gehorsam Abrahams.

V.6 verteilt die Requisiten so, dass der Sohn das Holz, der Vater aber Feuer und das Messer trägt, das betont am Schluss genannt wird: Jetzt steht alles buchstäblich auf Messers Schneide.

V.7 bringt mit der Frage des Sohnes die innere Dramatik auf ihren Höhepunkt: »Da sind Feuer und Holz, aber wo ist das Tier zum Brandopfer?«

Die V.9–10 kehren die rituelle Abfolge aus dramaturgischen Gründen um: Die Schächtung kann hier wegen des Eingreifens Gottes nicht vor der Darbringung erfolgen. So stehen die Requisiten in einer Abfolge äußerster Zuspitzung: Abraham baut den Altar, schichtet das Holz auf, bindet Isaak, legt ihn auf den Altar oben auf das Holz und greift nach dem Messer, um seinen Sohn zu schlachten – jetzt erst, in letzter Sekunde, erschallt der Ruf vom Himmel.

Es empfiehlt sich, gerade das Ungewöhnliche oder Befremdliche nicht zu übergehen, sondern genau zu prüfen.

6. Bei alledem muss der Erzähler die eingeführten Ereignisse, die Personen sowie deren Handlungen und Folgen zu einem geeigneten Abschluss bringen, so dass die Erzählung am Ende als ein sinnvolles Ganzes wahrgenommen werden kann. Erzählzüge, die für die Handlung wesentlich sind, aber nicht zu einem sinnvollen Abschluss gebracht wurden, halten die Erzählung offen und lassen die Leser eine Fortsetzung erwarten.

So kann die Erzählung 1Mose 18,1–16a nicht schon nach der Bewirtung in V. 8 enden. Von einem Besuch, der so außergewöhnlich eingeführt wird, erwartet man mehr, als dass die Gäste nach dem Essen einfach aufstehen und gehen. Deshalb folgen sogleich V. 9–15. Aber die unerwartete Ankündigung eines Sohnes für das Greisenpaar weckt neue Spannung. Die Leser von 18,1–16a erwarten wenigstens eine Nachricht, dass der angekündigte Sohn nun auch geboren wird. Deshalb kommt der in 18,10–15 aufgebaute Spannungsbogen erst in 21,1–7 zum Abschluss.

Einzelheiten, die in einer Erzählung keine Funktion haben, oder Erzählzüge, die in ihr nicht zum Abschluss gebracht werden, lassen spätere Bearbeitung vermuten, die damit neue Bezüge herstellt und andere Akzente setzt.

7. Der Erzähler muss konzentrieren und raffen, indem er aus der Fülle der Einzelakte und Details die auswählt, die seinen Absichten entsprechen, diese gewichtet und in eine sinnvolle Abfolge bringt. Anderes wiederum muss er entfalten und detailliert präsentieren, damit die Erzählung lebt und der Leser konkrete Anschauung gewinnt. Dabei kann die erzählte Zeit auf wenige Worte schrumpfen oder sich dehnen:

Neun Monate Schwangerschaft verdichten sich in 21,2 auf einen Satz: »Sara wurde schwanger und gebar Abraham einen Sohn.«

Die dreitägige Wanderung zum Ort des angewiesenen Opfers erscheint in 22,4 nur indirekt im Rückblick: »Am dritten Tage blickte Abraham auf und sah den Ort von ferne.«

Was sich während dieser drei Tage ereignet haben mag, bleibt unerwähnt. Umgekehrt erzählen 22,9–10 minutiös, was Abraham tut, nachdem er mit seinem Sohn dort angekommen ist:

9Als sie zu der Stätte kamen, die Gott ihm gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und schichtete das Holz auf. Er band Isaak, seinen Sohn, und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.

10Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

Der letzte Satz lässt wie in einer Zeitlupe die erzählte Zeit mit der Erzählzeit zusammenfallen. Das innere »Tempo« der erzählten Zeit verläuft also nicht gleichmäßig wie das Ticken einer Uhr, sondern kann sich beschleunigen oder bis zur Unerträglichkeit verlangsamen.

8. Der Erzähler beherrscht die Kunst des Weglassens. Das betrifft vor allem Requisiten und ausdrückliche Charakterisierungen. Er beschränkt sich auf das, was für seine verfolgte Absicht wesentlich ist. Dann aber kann er wie in 22,2 durchaus auch wortreich werden:

Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, Isaak, und geh …

Diese Kette von Appositionen bringt das innere Verhältnis vom Vater zum Sohn stärker zur Geltung als die Beschreibung von Gefühlen. Überhaupt werden Personen und ihre Empfindungen sehr selten und dann karg, aber treffend beschrieben. Seelengemälde sucht man vergebens.

Was in Abraham während jener dreitägigen Reise vorgegangen ist, was Isaak gedacht hat und wie ihm zumute war – 1Mose 22 verrät davon nichts.

Als Sara die Vertreibung Hagars und ihres Sohnes fordert, heißt es in 21,9 immerhin: »Das missfiel Abraham sehr wegen seines Sohnes.«

Manchmal lassen ein Zwiegespräch oder eine Rede die Empfindungen der Personen aufblitzen, meist aber nur indirekt wie in 22,7–8:

7Isaak sprach zu Abraham, seinem Vater:

Da sind das Feuer und das Holz, aber wo ist das Tier zum Brandopfer?

8 Abraham sprach:

Gott wird sich das Tier zum Brandopfer ersehen, mein Sohn.

Weil kaum beschrieben wird, was die Personen empfinden, eröffnen sich den Lesern Möglichkeiten, diese Leerstellen mit ihrer Phantasie auszufüllen.

9. Der Charakter einer Person zeigt sich in dem, was sie tut oder sagt. Dabei werden Reden meist an Höhepunkten und sparsam eingesetzt. Die Zunahme von Reden, Selbstgesprächen oder Reflexionen gegenüber den erzählten Ereignissen und Handlungen, aber auch Rückblenden und nachholendes Erzählen sind Zeichen späterer Zeiten, wie man an einem Vergleich von 1Mose 12 mit 20 sehen kann. Noch weiter geht 1Mose 15, das aus mehreren Gottesreden mit kurzen Einwürfen Abrahams und einem nur noch dürren Erzählgerüst besteht. Auch 1Mose 17 enthält fast nur noch Gottesreden. Der lehrhafte Disput über Gottes Gerechtigkeit in 18,22b–33a erinnert mit seinem auf zwei Halbverse geschrumpften erzählenden Rahmen nur noch von Ferne an eine Erzählung.

Aus diesen Beobachtungen ergibt sich als dritte Folgerung für eine sachgemäße Lektüre: Nur wer die individuelle Gestalt eines Textes so genau wie möglich wahrnimmt, wird der Absichten ansichtig, die der Text verfolgt. Das sparsame und indirekte Erzählen verleiht jeder Einzelheit ein umso größeres Gewicht. Deshalb empfiehlt es sich, nach dem Sinn jedes Details zu fragen; denn fast alles in einer Erzählung hat eine Bedeutung, auch wenn diese nicht sogleich erkennbar ist. Nicht weniger Aufmerksamkeit verdienen die »Temposchwankungen« einer Erzählung, weil durch sie Unwichtiges von Wichtigem unterschieden wird. Hilfreich ist es, die Erzählungen im eigenen Kopf auf die Bühne zu bringen: Wo finden die Ereignisse statt? Welche Figuren treten wann auf? Wie begegnen sie einander? Welche Requisiten werden gebraucht?

3. DIE GESCHICHTEN ÜBER ABRAHAM UND SARA ALS URSPRUNGSGESCHICHTE ISRAELS

Lassen die sehr verschiedenartigen Überlieferungen von Abraham und Sara über die Vielfalt ihrer je eigenen Bedeutung hinaus eine Perspektive erkennen, in der sie gelesen werden sollen?

Angesichts der Konzentration der Überlieferung auf Abraham als Hauptperson mag man zunächst an eine biographische Perspektive denken. Die Überlieferung beginnt mit dem Vater, dem Abraham sein Leben verdankt, und mit den nächsten Verwandten in Ur (11,27–28), wo er auch Sara zur Frau nimmt. Sie endet mit seinem Tod und Begräbnis in einer Grabhöhle bei Hebron (25,7–10). Sein Lebensweg wird als Kette von Wanderungen erzählt, zuerst aus der Heimat Ur über Harran in das ferne Land Kanaan und Ägypten, sodann innerhalb Kanaans mit den Hauptstationen Hebron, Gerar und Beerscheba, bevor erst Sara und dann er bei Hebron begraben werden. Was in diesem Rahmen erzählt wird, lässt jedoch vieles vermissen, was wir von einer Biographie erwarten. Dazu gehören seine Kindheit, Jugend und besten Mannesjahre. Als er Harran verließ, war er immerhin schon 75 Jahre alt (12,4). Wie sah er aus? Was hat ihn beeinflusst? Wodurch wurde er, was er war? Wir vermissen alles, was man als innere Entwicklung bezeichnen könnte, und erst recht deren Verknüpfung mit seinem äußeren Lebensgang. Wir erfahren zwar allerlei Bemerkenswertes, man denke nur an den Besuch Himmlischer vor seinem Zelt bei Hebron oder an seine Erlebnisse in Ägypten, aber ihr innerer Zusammenhang erschließt sich nicht ohne weiteres. Schreibt so ein Biograph? Wir lesen, dass er sein Leben als Wanderhirte fristet und dass er es zu einigem Reichtum gebracht hat, aber seine Wanderungen hin und her im Lande ähneln eher Reisen zu bedeutungsvollen Orten als der Wanderweide eines Kleinviehnomaden. Manche Texte zeichnen ihn als einen zwielichtigen Gesellen, der z. B. um seines Vorteils willen bereit ist, seine Frau preiszugeben (12,10–20). Andere lassen ihn als einen Schwächling erscheinen, der unangenehme Entscheidungen seiner Frau überlässt (16,6). Präsentiert man so einen Helden, den man als Vorbild empfehlen möchte? Ein spezifisch biographisches Interesse lässt sich jenen Texten offensichtlich nicht entnehmen.

Zweifellos erzählen 1Mose 11–25 Geschichten, erzählen sie aber auch Geschichte in dem Sinn, den wir damit verbinden? Bis auf 1Mose 14 fehlt jeder Versuch, Abraham in einen größeren historischen Rahmen zu stellen. Er zieht zwar nach Ägypten und kommt sogar zum Pharao, aber der hat keinen Namen. Eine Schilderung der Zeit und der politischen Umstände, in denen Abraham lebte, suchen wir vergebens. Zwar werden hin und wieder Orte genannt, die auch aus außerbiblischen Quellen bekannt sind, aber mehr als deren Namen erfahren wir kaum. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich aus dem Material jener Geschichten kein historisches Bild von der Zeit Abrahams gewinnen lässt, sondern allenfalls einige Impressionen der Zeit jener Erzähler. Schon Julius Wellhausen bemerkt: »Diese spätere Zeit wird hier, nach ihren inneren und äußeren Grundzügen, absichtslos ins graue Altertum projiziert und spiegelt sich darin wie ein verklärtes Luftbild ab.«19 Was erzählt wird, hat zwar durchaus mit Geschichte zu tun, wie wir noch sehen werden, aber Geschichtsschreibung ist das nicht.

Textgemäßer erscheint es dagegen, sie als Familiengeschichten zu bezeichnen.20 Denn ihr Horizont reicht über die Großfamilie nicht hinaus. Gleich zu Beginn werden ihre für den Fortgang der Abrahamgeschichten wichtigsten Glieder vorgestellt (11,27–32). Wie ein roter Faden zieht sich der unausgesprochene Wunsch des kinderlosen Paares nach einem Sohn von 11,30 über 15,2–5 und 16,1–4, bis er in 21,1–7 auf wunderbare Weise in Erfüllung geht. Andere Geschichten beziehen Verwandte ein, erzählen aber von ihnen stets in einer Perspektive auf Abraham wie bei der Trennung Lots von Abraham in Kap. 13. Selbst die Geschichte der Familie Lots in Sodom (19,1–36), in der Abraham lediglich am Rande erscheint (V. 27–29), wird als Kontrast zu der Abrahams in 18,1–15 erzählt. Es handelt sich in der Tat um Familienerzählungen. Allerdings ist damit nur ihre Szenerie beschrieben und weder etwas über ihren Ursprung gesagt,21 noch ihre Bedeutung erfasst. Die geht deutlich über den Horizont der Familie hinaus.

Weil der Sohn ausgesprochener oder stillschweigender Zielpunkt jener Überlieferungen ist, hat in ihnen nicht nur Abraham, sondern auch Sara eine tragende Rolle. Aber das Thema Sohn ist nicht nur für Abraham und Sara von Bedeutung, denn es eröffnet eine genealogische Linie, die von Abraham über Isaak zu Jakob führt, dem Vater der zwölf Stämme Israels. Insofern sind von Anfang an Abraham und Sara als Ahnpaar Israels im Blick. In ihnen ist vom Ursprung Israels die Rede, ihre Geschichte ist wesentlich Ursprungsgeschichte. Nur deshalb kann Jes 41,8 die in die Verbannung geführten Judäer als »Same Abrahams« ansprechen und Jes 51,2 seine Jerusalemer Leser in der Perserzeit aufrufen:

Blickt auf Abraham, euren Vater,

und auf Sara, die mit euch in Wehen liegt!22

Mit dieser Ausrichtung auf Israel ist eine Völker-Perspektive verbunden.23 Schon der Beginn mit der Genealogie Terachs in 11,27–32 stellt dafür die nötige Lesebrille bereit. Terach hat drei Söhne: Abraham, Nahor und Haran. Abraham nimmt Sara zur Frau; beide werden über Isaak (21,1–7) nicht nur zu Ahnen Jakob-Israels, sondern auch zu Ahnen der Edomiter (25,21–26). Aus der Verbindung Abrahams mit Saras Sklavin Hagar wiederum entstammt Ismael (16,1–15), der Ahn nordwestarabischer Gruppen (25,12–17). Schließlich nimmt sich Abraham nach Saras Tod Ketura zur Frau; dieser Verbindung verdanken sich südarabische Völkerschaften (25,1–6). Im genealogischen Gerüst spielen auch die Brüder Abrahams eine wichtige Rolle. Über Nahor erfahren wir nur, dass er Harans Tochter Milka zur Frau nimmt. Von beiden lesen wir erst wieder in 22,20–24; ihr dritter Sohn erscheint dort als Ahnvater der Aramäer. Abrahams jüngster Bruder Haran wiederum ist der Vater Milkas und Lots, des Neffen Abrahams. Der wird in 19,30–38 zum Ahnvater der Moabiter und Ammoniter. Auf diese Weise werden alle semitischen Völker Syriens, die im Übergang zur Eisenzeit erstmals die Bühne der Geschichte betreten, mit Abraham in verwandtschaftliche Verbindungen gebracht und damit in ein Verhältnis zu Israel gesetzt.24

Welche Interessen leiten diese Verhältnisbestimmungen in der Abrahamüberlieferung? Die zentrale Linie läuft von Abraham über Isaak zu Jakob. Damit wird allein Isaak als legitimer Erbe Abrahams und Saras herausgehoben. Nur er bleibt im Land, Ismael dagegen lebt außerhalb des Landes Kanaan (16,12; 21,21; 25,18); und die Söhne der Ketura schickt Abraham aus dem verheißenen Land weg (25,6). So ist schon das genealogische Gerüst ganz auf Abraham-Isaak-Jakob-Israel ausgerichtet, während die anderen Völker zu Seitenlinien gehören, die von jener Hauptlinie abzweigen.

Zwar sind antike Genealogien25 nicht einfach Widerspiegelungen biologischer Verwandtschaft, sondern immer auch Produkte sozialer Konstruktion und deshalb wandelbar.26 Aber die auf ihr beruhende völkergeschichtliche Perspektive gehört nicht zu den Zutaten, mit denen die Überlieferung über Abraham, Isaak und Jakob und deren Frauen erst nachträglich übermalt worden wäre. Sie ist ihrer Textur schon als Grundmuster eingewoben. So zielt die ältere Abraham-Lot-Erzählung auf die Entstehung Israels und die seiner östlichen Nachbarn. Sie ist mit einer eindeutigen Wertung verbunden: Während sich Abrahams Nachkommen einem Gastgeschenk Himmlischer verdanken (18,1–16), gehen Moab und Ammon aus einem Inzest hervor (19,30–38). Auch die Ankündigung der Geburt Ismaels hat im Zusammenhang von 16,11–12 eine völkergeschichtliche Pointe, endet sie doch mit einem Stammesspruch. Nicht anders verhält es sich mit den Erzählungen von Jakob und Esau oder von Jakob beim Aramäer Laban; denn auch dort gehört jene völkergeschichtliche Perspektive zur Substanz der ältesten Überlieferung. Ohne die vom Thema Sohn beherrschten Erzählungen, die auf Isaak hinauslaufen, würde die Abrahamgeschichte in sich zusammenfallen. Nicht besser erginge es der Jakobgeschichte ohne ihre Bezüge zu Isaak und Rebekka, zu Jakobs Bruder Esau und zu Rebekkas Bruder Laban. Die Reihe Abraham-Isaak-Jakob hatte sicher eine Vorgeschichte, aber diese ist nicht mehr aus den Texten rekonstruierbar. Die setzen vielmehr die genealogische Linie immer schon voraus. Die Abfolge der drei Ahnen ist also nicht erst nachträglich geschaffen worden, um die verschiedenen Überlieferungskreise miteinander zu verbinden.27

In den Erzählungen von Israels Ahnen geht es wie in den Genealogien in erster Linie nicht um Schicksale von Individuen, sondern um die Ursprünge Israels im Kreis seiner Nachbarn. Beide beantworten, wenn auch auf verschiedene Weise, dieselben Fragen: Wie wurde Israel zu einem Volk? Wie kam es zu seinem Land? In welchem Verhältnis steht es zu seinen Nachbarn? Von seinen Ursprüngen in grauer Vergangenheit erzählt man um seiner Gegenwart willen, um sich seiner Identität zu vergewissern, um Besitzstände zu rechtfertigen oder um Ansprüche zu legitimieren. Weil der Ursprung von Völkern in einem genealogisch strukturierten Denken nur in Geschichten von Ahnvätern und Ahnmüttern als den ersten Familien erzählt werden kann, nötigt die völkergeschichtliche Perspektive zum Erzählen von einzelnen Familien. Im Ahnpaar ist also immer schon das Volk gegenwärtig. Sein Schicksal ist das des Volkes. Allerdings lassen sich diese Ursprungsgeschichten Israels in seinen Ahnen nicht als detaillierte Widerspiegelung der Völkergeschichte lesen, handelt es sich doch um Erzählungen, nicht um Allegorien oder nachträgliche Verschlüsselungen geschichtlicher Vorgänge in ihren Einzelheiten.

Aus der Einsicht in das Wesen jener Geschichten als Ursprungsgeschichte Israels ergibt sich als vierte Folgerung: Alle Versuche, aus jenen Geschichten eine biographische Skizze der Ahnen Israels oder ein farbiges Historienbild ihrer Zeit zu gewinnen, gehen an Sinn und Bedeutung jener Texte vorbei. Das gilt auch für Versuche, die Einzelzüge jener Ursprungsgeschichte als ein Protokoll einzelner historischer Vorgänge enträtseln zu wollen. Dagegen kommt es darauf an, in diesen Texten die Bezüge auf das Leben jener Gemeinschaft zu entdecken, die sich zu allen Zeiten der Überlieferungsgeschichte jener Texte als »Israel«28 oder eines seiner Segmente verstand; denn diese Texte, ihre Fortschreibungen und Bearbeitungen wurden geschrieben, um Antworten auf die Fragen zu finden, die jene Erzähler und deren Leser bewegten.

4. DIE LITERARISCHE KOMPOSITION VON 1MOSE 11,2725,11

Die Geschichten von Abraham und Sara stehen nicht am Anfang der Bibel. Zuvor erzählt sie davon, wie Gott Himmel und Erde erschuf und das, was sie erfüllt (1Mose 1–11). Man nennt diesen ersten Hauptteil »Urgeschichte«. Denn er erzählt von dem, »was niemals war und immer ist«29