DIE THOMASKIRCHE LEIPZIG

ORT DES GLAUBENS,
DES GEISTES, DER MUSIK

Herausgegeben von Britta Taddiken

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gesamtgestaltung: makena plangrafik GbR, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04794-9

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Christian Wolff

BAU UND BAUGESCHICHTE

Martin Petzoldt †

KUNSTGEGENSTÄNDE

Martin Petzoldt †

PERSÖNLICHKEITEN IM UMKREIS DER THOMASKIRCHE

Ullrich Böhme

DIE ORGELN UND INSTRUMENTE IN DER THOMASKIRCHE

Georg Christoph Biller

DER THOMANERCHOR UND DIE THOMASKANTOREN

Christian Wolff

THOMASKIRCHE HEUTE

EREIGNISSE UND DATEN

ABBILDUNGSNACHWEIS

Alle Texte wurden überarbeitet und ergänzt von Britta Taddiken

Hallenlanghaus in Richtung Osten mit der Barockkanzel von Valentin Schwarzenberger, dem Fürstenstuhl auf der Nordempore (links) und dem Born’schen Altar im Chorraum. Aquarell von Hubert Kratz, um 1880.

BAU UND BAUGESCHICHTE

Von außen betrachtet überragt ein steiles Giebeldach den charaktervollen spätgotischen Hallenbau der Thomaskirche. Der daran anschließende langgestreckte Chorbau an der östlichen Giebelwand erinnert daran, dass die Thomaskirche ursprünglich Stiftskirche der Augustiner-Chorherren war. Neugotische Sakristeianbauten, der sich an der Nahtstelle zwischen Langhaus und Chor auf der Südseite befindende Turm mit seiner Renaissancekuppel und die neugotische Westfassade zeugen von einer bewegten Baugeschichte der Thomaskirche.

1949 wurden die Gebeine des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach aus der Krypta der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Johanniskirche in die Thomaskirche umgebettet und 1950 im Chorraum an jener Stelle beigesetzt, an der sich die ältesten Bauteile als Zeugnisse der über 800-jährigen Geschichte der Kirche feststellen lassen.

DIE VORGESCHICHTE DER HEUTIGEN THOMASKIRCHE

In der Mitte des 12. Jahrhunderts stand an der Stelle der heutigen Kirche vermutlich eine dreischiffige Pfeilerbasilika ohne Querhaus mit einem massigen Breitwestturm. Im Jahr 1212 verfügte der Wettiner Markgraf Dietrich von Meißen die Gründung eines Stiftes der Augustiner-Chorherren, als deren Patron in der Papsturkunde von 1218 der Apostel Thomas bezeichnet wird. Der Legende nach sollen damals Leipziger Bürger in ihren Auseinandersetzungen mit dem Markgrafen das Baumaterial zum Chorneubau in der Umgebung verstreut haben. Ein bei Bauuntersuchungen aufgefundenes Kapitell in der Form eines Kelchblocks zeugt von einem spätromanischen Chor. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstand ein mächtiger Turm über dem Ostende des südlichen Seitenschiffes. Anschließend wurde das Langhaus der Kirche erhöht. Die Altarweihen des 14. Jahrhunderts lassen vermuten, dass zu dieser Zeit die baulichen Veränderungen des Langhauses zum Abschluss kamen. Nördlich des Chores ist im Verband der Ostflügel des Chorherrenstifts eine im Mittelalter entstandene Sakristei vorstellbar.

Rekonstruktion des romanischen Baus aus dem 12. / 13. Jahrhundert.

Schnittdarstellung der heutigen Thomaskirche.

DIE HALLENKIRCHE ST. THOMAS

Mitten im blühenden Wirtschaftsleben der Handels- und Messestadt Leipzig entstand in den Jahren 1482  1496 eine weiträumige Hallenkirche als ein hervorragendes Beispiel obersächsischer Spätgotik. Die wohlproportionierte Gestalt des Raumes ist mit ihrer großartigen Akustik bis heute erhalten geblieben. 25 Meter lichte Breite, 39 Meter durchschnittliche Länge und 14 Meter Sandsteinpfeilerhöhe sorgen dafür, dass diese Halle ihren Vorgängerbau in den Ausmaßen übertrifft. Die Südseite mit dem Kirchhof ist als die Schauseite mit Weißenfelser Sandsteinquadern ausgestattet. Das Innere ist geprägt durch ein beeindruckendes Netzgewölbe, dessen Rippen aus Rochlitzer Porphyrtuff gebildet sind. Die Gewölbekappen sind aus Ziegeln aufgemauert. Mit raffinierten Mitteln haben die spätgotischen Gewölbetechniker die verschiedenen Breiten der Kirchenschiffe durch unterschiedliche Geschwindigkeitsabläufe der Rippenfiguren einander angeglichen. Das farbige Rippensystem bringt in seinem Kontrast zum getünchten Putz die dynamischen Kräftebahnen der Hallenkirche plastisch zum Ausdruck. Den Neubau der Thomaskirche leiteten die Baumeister Klaus Roder bis 1489 und bis zum Abschluss 1496 Konrad Pflüger. Der Merseburger Bischof Tilo von Trotha weihte die Thomaskirche am ersten Sonntag nach Ostern des Jahres 1496.

Ansicht von Nordosten. Aquarell von F. W. Heine, 1880.

Im Jahre 1537 ordnete Leipzigs Bürgermeister Ludwig Fachs einen Turmneubau an. Es entstand ein achtseitiger Turmaufbau mit welscher Haube, Laterne und Windstern. Zwei Jahre nach Einführung der Reformation in Leipzig wurde 1541 das an der Nordseite der Kirche gelegene Kloster abgerissen. Im Jahre 1570 ließ der baukundige Leipziger Bürgermeister Hieronymus Lotter in den Seitenschiffen des Innenraumes die umlaufenden Emporen anlegen. Vor dem Turm ließ er ein neues Renaissance-Portal errichten, das allerdings beim Umbau im 19. Jahrhundert einem neugotischen weichen musste.

Durch die Belagerung Leipzigs im Dreißigjährigen Krieg erlitt die Thomaskirche schwere Schäden, die noch währenddessen behoben wurden. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche in barocker Weise durch das Einrichten fester Gestühle für Titelträger und Aristokraten der Stadt im Innenraum umgebaut. Die gesamte Nordseite erhielt einen Anbau mit schlichter Barockfassade, damit Stände und Herren zu ihren gesonderten Plätzen in der Kirche gelangen konnten.

Thomaskirche und alte Thomasschule von Nordwesten um 1880. Links von der Thomasschule ist das alte Wirtschaftsgebäude mit dem schmucklosen Westgiebel zu sehen.

DIE NEUGOTISCHE UMGESTALTUNG IM 19. JAHRHUNDERT

Im 19. Jahrhundert verursachten die napoleonischen Truppen durch die Einrichtung eines Militärmagazins im Inneren der Kirche schwere Schäden. 1813 wurde die Thomaskirche zum Lazarett erklärt. Als Gebhard Lebrecht von Blücher, der als Oberbefehlshaber der preußischen Streitkräfte in der Völkerschlacht bei Leipzig entscheidend zum Sieg über Napoleon beitrug, die Stadt beschoss, schlug auch eine der großen Kanonenkugeln in das Dach der Kirche ein. Zum Gedenken an diese schwere Zeit ist sie auf der ersten Ebene des Turms noch heute zu sehen.