Simone Heintze

Meine Heilungsgeschichte

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lektorat Elke Rutzenhöfer

Schlussredaktion Constanze Grimm

Gestaltung und Satz Mareike Benrath

Umschlaggestaltung Lena Gerlach

Fotonachweise Cover: Nicole Melzer. Alle anderen: privat

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

© Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main 2015 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Einwilligung des Verlags unzulässig.

ISBN 978-3-96038-040-5

Meinen Eltern Manfred und Heidrun gewidmet

Dieses Buch ist ein Tatsachenbericht. Fast alle Namen, Kliniken und Orte gibt es wirklich. Ärzte, Personal, Psychologen, Freunde und Familie haben ihre Namen zur Verfügung gestellt, weil sie verstehen können, dass dies meine Geschichte und mein Leben ist und ich mich mit Fantasienamen schwertue. Bitte, liebe Leserin, lieber Leser, behandeln Sie diese Namen daher mit Respekt und Achtung. Ich möchte nicht, dass die Privatsphäre dieser Menschen, die mich so treu während meiner Therapie begleitet haben, verletzt wird.

Vielen Dank, Simone Heintze

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Widmung

VORWORT

MÄRZ

Ich will jetzt kein Problem

Vorstellung in den Ev. Kliniken Gelsenkirchen

Ich darf Gott vertrauen

Diagnose – Das Bündel vor der Tür

Hart am Wind

Vorstellung im Marien Hospital Herne

Sylt – Auszeit vor dem Sturm

Nicht an die Zukunft denken

APRIL

Erste Chemo – Ein Trupp kleiner Männchen

Völliger Absturz

MAI

Danke für alles

Die Hochzeit meines Bruders Daniel

Uniklinik Münster – Die Jolie-OP

JUNI

Eine Entscheidung wird vorbereitet

Vierte Chemo, BRCA – Von 37 Grad auf Null

Paclitaxel, die giftige Eibe

JULI

Bitte, betet für mich!

Uniklinik Köln, BRCA – Panikattacke und Luxus-Chemo

Dieser Weg wird kein leichter sein

„Ich werde daher diese Operation nicht befürworten“

Gott hat einen Plan

Chemo-Alltag

Messen im Treppenlaufen

Gespräch mit Dr. Abdallah

AUGUST

Sommerurlaub

Miami, Mallorca oder Herne?

Es geht weiter, Professor Reymond, Heidi und die Krankenkasse

Von dieser Frau kann ich noch viel lernen

Geschwindigkeit freigegeben

SEPTEMBER

Es geht doch!

Fast geschafft

Letzte Chemo

EIN JAHR SPÄTER

NACHWORT

ANHANG

Glossar

Dankeschön!

To-do-Liste

Drei Fragen an Professor Strumberg

Die Seniorenwohngemeinschaft – Die Idee dahinter

Danksagung

VORWORT

Meine bis heute so tiefe Freundschaft zu Simone begann im Jahre 1990, als wir beide im Olgahospital in Stuttgart zusammen in einem Zimmer lagen und Chemo bekamen. Schon im Alter von 15 Jahren bewunderte ich Simones starke Persönlichkeit. Sie hatte damals noch Haare und mittendrin wie zum Trotz eine bunte Strähne. Es war bereits ihre zweite Therapie, sie hatte Erfahrung – und konnte mich aufklären über das, was auf mich zukam. Trotz schwankender Blutwerte ging sie zur Schule, kämpfte und hatte im Vergleich zu mir unendlich viel Energie und Lebensmut!

Gegen die ständige Übelkeit, meinte sie, sollte ich vor der Chemo einfach ordentlich was essen, dann wäre das Spucken nur halb so schlimm. Es stimmte. Bis heute beherzige ich so viele gute Ratschläge und Tipps von Simone.

Ehrenamtlich haben wir jahrelang die Stuttgarter Freizeit Prima Klima für krebskranke Kinder vorbereitet und betreut. Durch Simones lange Erfahrung in der evangelischen Jungschar hatte sie immer kreative Ideen – und wir hatten unendlich viel Spaß.

Unsere wiedergewonnene Freiheit nach den Therapien und das Loslösen von zu Hause haben wir in vollen Zügen genossen. Die gemeinsame Erfahrung, diese Krankheit überlebt zu haben, hat uns zusätzlich verbunden.

Die Insel Sylt ist für uns zum Symbol unserer Freundschaft geworden ist. Fast jedes Jahr verbringen wir dort gemeinsam unsere Ferien. Mittlerweile sind wir beide Familienmanagerinnen – und jede von uns weiß, was es bedeutet, einen Haushalt mit drei Kindern zu leiten und nebenher einen Beruf zu haben.

Als mich Simone im März 2013 anrief und von ihrer Diagnose berichtete, war ich erstaunt, wie ruhig sie war, wie zielgerichtet und positiv. Als ich ihr das sagte, antwortete sie, dass es nur diesen einen Weg gebe und den wolle sie mit Gottes Hilfe gehen. Sie sagte, sie würde getragen von so unendlich vielen lieben Menschen, die für sie beten und sie in Gedanken begleiten. So schien es mir fast, als müsste sie mir Kraft geben und nicht umgekehrt. Während der ganzen Therapie hat sie nie gejammert und immer nach vorne gesehen. Sie hat gekämpft. Für ihre Familie und für ihr eigenes Leben. Aufgeben? Niemals!!!

Simones Buch macht Mut. Ihre Geschichte zeigt, dass es zu schaffen ist, diese Krankheit zu besiegen, wenn man an sich glaubt und gute Ärzte und Schwestern an seiner Seite hat, die einen begleiten und Hoffnung geben.

Tanja Weiß

MÄRZ

Ich will jetzt kein Problem

Vorstellung in den Ev. Kliniken Gelsenkirchen

Ich darf Gott vertrauen

Diagnose – Das Bündel vor der Tür

Hart am Wind

Vorstellung im Marien Hospital Herne

Sylt – Auszeit vor dem Sturm

Nicht an die Zukunft denken

Ich will jetzt kein Problem

Es ist Dienstagmorgen. Meine drei Kinder sind auf dem Weg zur Schule und ich widme mich meiner Einkaufsliste. Während ich aufschreibe, was ich heute Morgen alles erledigen will, beiße ich zwischendurch vom Toast ab. Ich bin eine Planerin, führe Listen und organisiere gern im Voraus. Dann weiß ich, was auf mich zukommt, und verliere mich nicht mittendrin. Bevor ich heute in den Supermarkt kann, muss ich zur Vorsorge bei meiner Gynäkologin. Ein Termin, um den ich mich nicht gerade reiße. Um ehrlich zu sein, ich habe überhaupt keine Lust, da hinzugehen. Die letzten Wochen und Monate waren so anstrengend. Ich will einfach nur mal abhängen und gar nichts müssen. Schon gar nicht irgendwo im Wartezimmer sitzen, um dann irgendwelche Untersuchungen über mich ergehen zu lassen. Ich habe genug von Krankenhäusern, Arztpraxen und Kranksein.

*

Vor zwei Tagen bin ich von meinen Eltern, die rund 400 Kilometer entfernt leben, zurückgekehrt. Meinem Vater wurde im Krankenhaus eine neue Hüfte eingesetzt. Die Operation hat er gut überstanden und für seine neunundsechzig Jahre ist er schon wieder ganz schön fit. Wir sind optimistisch, dass es langsam wieder aufwärtsgeht. Mit meinen beiden Eltern. Meine Mutter hatte nämlich vor sieben Monaten ein schweres Hirnaneurysma, das ist eine lebensbedrohliche Blutung im Gehirn. Wochenlang lag sie im Koma, wochenlang wussten wir nicht, ob sie das überleben würde. Eine aufreibende und furchtbare Zeit. Immer wieder pendelte ich die vier Stunden Zugfahrt zwischen Stuttgart und Gevelsberg hin und her. Zu Hause drei Kinder und einen selbstständigen Mann, in der Heimat meinen Vater, bei dem ich fühlte, dass er meine emotionale Unterstützung brauchte, um dieses Alleinsein am Abend zu ertragen.

Nach knapp sechs Wochen wurde meine Mutter endlich langsam aus dem Koma geholt und in eine Reha verlegt. Niemand traute sich, irgendwelche Prognosen zu stellen. Dabei brannte es uns allen auf der Seele: Wie sehr hatte die Blutung ihr Gehirn geschädigt? Bei jedem Besuch war unklar: Hat sie uns erkannt oder nicht? Weiß sie, wer vor ihr steht? Doch uns blieb nichts anderes übrig, als Geduld zu haben und zu warten. Abzuwarten, wie es sich weiter entwickelt. Sprechen konnte meine Mutter durch den Luftröhrenschnitt nicht. Es dauerte weitere zehn Wochen und eine abermalige Operation, ehe die erlösende Antwort kam: Sie würde keine bleibenden Schäden zurückbehalten. Das grenzte an ein Wunder. Keiner der Ärzte konnte sich diese gute Heilung erklären. Es war ein Wunder. Und ich bin mir sicher, dieses Wunder ist dadurch entstanden, weil so viele Menschen für meine Mutter gebetet haben.

Wir waren so unendlich erleichtert. Alle bangen Minuten, die Sorgen, die Hilflosigkeit, die Warterei, unsere Erschöpfung und unsere Mutlosigkeit. Alles vorbei. Meine Mutter würde ziemlich normal weiterleben dürfen. Keine Bewegungseinschränkung, keine Gehirnschäden. Das Leben wurde wieder Alltag. Wie oft wollte ich aus genau diesem Alltag einfach abhauen. Doch wenn dann plötzlich alles Gewohnte zusammenbricht, dann gibt es nichts, was man lieber zurückhaben möchte als genau diesen ganz normalen Trott.

Der Alltag für meine Eltern bestand darin, endlich wieder ihren Hof mit Pensionspferden zu verwalten, sowie die paar Weinberge, Obstwiesen, Erdbeerfelder,

Meine wunderschöne Heimat Bürg, hier bin ich aufgewachsen.

Weinberge und Obstwiesen, hier war und ist immer etwas zu tun.

Himbeer- und Brombeerbüsche, die auch noch dazugehören. Der Hof meiner Eltern liegt in Baden-Württemberg, umgeben von Wäldern, Wiesen und Weinbergen. Hier bin ich mit meinen beiden Brüdern in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Unser Ort zählt gerade mal 300 Einwohner. Um zu uns zu kommen, muss man erst eine ordentliche Steigung mit einigen Serpentinen überwinden. Doch das lohnt sich, der Blick bis ins weit entfernte Stuttgart ist es allemal wert. In den Hang des Berges schmiegen sich die Weinberge, unter denen viele kleinere Dörfer, und in der Ferne ist der Fernsehturm, das Wahrzeichen Stuttgarts, zu erkennen. Direkt über den Weinbergen steht der ganze Stolz unseres Dorfes, das Burghotel „Schöne Aussicht“. Hotel und Restaurant drapieren sich um einen hübschen mittelalterlichen Turm. Zu Silvester kommen jedes Jahr Karawanen an Menschen aus den umliegenden Städten, um die grandiose Aussicht auf das Feuerwerk von unserem Dorf aus zu genießen. Sie kommen selbst bei Schnee, Sturm und Glatteis.

Ich liebe diese wunderschöne Landschaft, in der ich groß geworden bin. Auch wenn ich das als Jugendliche vorübergehend etwas anders gesehen habe. Im Herbst, wenn die Obstbäume und die Weinstöcke langsam in ihren Winterschlaf gleiten und dabei in allen Farben leuchten, würde ich mich jedes Mal am liebsten einfach in die bunten Blätter hineinlegen, so schön ist das. Ein ganzes Farbenmeer – und ich mittendrin. Zu meinem großen Glück lag mein Zimmer im Dachgeschoss. Jeden Morgen wurde ich so mit dem Blick in den angrenzenden Wald belohnt.

Ganz ähnlich erging es mir im Frühjahr, wenn im Wald die ersten Blätter ihren Weg ans Licht finden. Ich liebe dieses feine, zarte Hellgrün der ersten Blätter. Das ist für mich Frühling, die erste duftende Verheißung eines neuen Sommers, der kommen wird. Der Duft von Kirschblüten wird mich Zeit meines Lebens an zu Hause, an Ostern und an meine Kindheit erinnern. Die verbrachte ich hauptsächlich draußen zwischen Erdbeeren, Äpfeln und Heu. Gameboys gab es noch nicht und Fernsehen durfte ich nur einmal in der Woche, samstags nach dem Baden, Heidi. Ein einziges Mal, ich hatte Windpocken, machten meine Eltern eine Ausnahme und ließen mich bereits am Nachmittag fernsehen. Tatsächlich jedoch hatte ich als Kind kein allzu großes Interesse an diesem Gerät. Ich fand es draußen weitaus spannender. Ein Baumhaus bauen, Feuerchen machen.

Feuer, das war eine Spezialität meines Bruders. Er war für das Zündeln zuständig, ich fürs Löschen! Einmal hätte mein Bruder fast unser Haus abgefackelt, weil er das Feuer nicht richtig gelöscht hatte, als wir alle wegfuhren. So fing der angrenzende Baum Feuer und anschließend unser Balkon. In diesem Moment kamen wir zum Glück zurück. Von meinem Vater, der Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr bei uns im Ort war, gab es den entsprechenden Ärger. Ich fühlte mich mit schuldig, weil ich doch sonst immer fürs Feuerlöschen zuständig war – und somit hatte es ja gar nicht gutgehen können.

Wenn wir nicht zündelten, trieben wir uns in unserem riesigen Garten herum. Es gab hier ein altes Hühnerhaus, das wir zu unserem Clubhaus umgebaut hatten. Auf durchgesessenen Sesseln und ausgefransten Teppichen hielten wir unsere Besprechungen ab, schmiedeten Pläne oder hingen einfach ab und aßen Kekse. Mein Bruder Markus hatte immer irgendwelche Ideen. Ich war eher die Spaßbremse, ruhig, zurückhaltend und vorsichtig. Doch mein Bruder war Überredungskünstler – und so hing ich oft genug mit drin, wenn er sich mal wieder was ausgedacht hatte.

Im Winter waren wir stundenlang im Schnee unterwegs, der manche Jahre über Monate liegenblieb. Wir konnten richtig große Schneehäuser bauen. Unsere Schlittenbahnen waren so gut präpariert, dass wir nur auf dem Po den Berg runterrutschen konnten. Schneeballschlachten wurden im harten Kampf unserer Dorfgemeinschaft gegen die anderen Dörfer ausgetragen. Mitunter dauerte so eine Fehde von einer Schneesaison zur nächsten.

Um uns weiter weg zu bewegen, blieben uns nur der Bus oder das Fahrrad, wobei Fahrradfahren echte Schwerstarbeit war. Denn da, wo man runtersausen konnte, musste man am Ende des Tages wieder rauf.

Zu meiner Familie gehören neben meinen Eltern und meinen zwei Brüdern einige Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. Meine Brüder sind jünger als ich, Markus ein Jahr und Daniel zehn Jahre. Als Daniel geboren wurde, spielten meine Freundinnen und ich noch viel mit unseren Puppen. Und ich hatte nun sogar eine „echte Puppe“, meinen Bruder. Stolz spazierte ich stundenlang mit ihm im Kinderwagen durch die Gegend, und alle blickten neidvoll auf meinen echten Kinderwagen mit einem echten Baby drin. Allerdings konnte das süße Baby manchmal auch ganz anders. Wenn er schrie, überließ ich ihn lieber meiner Mutter und nahm stattdessen die Puppe.

Der Herbst ist eindeutig meine liebste Jahreszeit, zumindest was die Farben in der Natur angeht. Aber er hat auch ganz anderes zu bieten. Fallobst zum Beispiel, diese kleinen Äpfel, die im Herbst zu Tausenden auf dem Boden liegen. Fallobst ist mein erklärter und absoluter Feind. Im Herbst müssen unsere geschätzt 70 Obstbäume alle gleichzeitig geerntet werden. Stundenlang steht man dabei in gebückter Haltung und sammelt einen Apfel nach dem anderen auf. Obwohl ich noch so jung war, schmerzte mein Rücken jeden Abend fürchterlich und ich meinte, jeden Wirbel einzeln zu spüren. Darum ist es mir auch bis heute ein Rätsel, wie meine Eltern das so mühelos schafften und dabei auch noch pure Freude empfanden. Sie freuten sich über jeden Baum, der sich unter den Äpfeln bog. Und immer ganz zum Schluss, wenn ein Anhänger bereits mit einer Tonne Äpfel beladen war, kamen rote Äpfel obendrauf, damit es schön aussah. Jeden Herbst haben wir ungefähr sechs bis zehn Anhänger gefüllt. Meinem Bruder Daniel ging es ähnlich wie mir – und so stöhnten wir gemeinsam, wenn es wieder „Äpfel lesen“ hieß.

Da war die Weinernte, obwohl ebenfalls anstrengend, schon deutlich erfreulicher. Den ganzen Tag liefen wir bergauf und bergab. Ein kostenloses Fitnessstudio mit herrlicher Aussicht und süßer Wegzehrung. Außerdem halfen immer Verwandte oder Freunde bei der Arbeit, und so konnte man sich nett unterhalten und es gab ein leckeres Mittagessen unter freiem Himmel.

Die Erdbeerernte im Sommer war ein Mittelfall. Die Früchte waren so lecker, dass der gekrümmte Rücken gar nicht so ins Gewicht fiel. Zudem war ich hier eher für den Verkauf zuständig. Allerdings nicht in einem nett klimatisierten Verkaufsraum, sondern an der Straße. Unter einem Sonnenschirm, den ich mir mit all den lieben Früchtchen teilte, wartete ich auf kauffreudige Autofahrer. Und das konnte dauern. Hielt endlich ein Auto an, wollten auf einmal alle anderen auch Erdbeeren – und ruck zuck bildete sich eine Schlange. Kurz gesagt, bei uns gab es immer etwas zu tun. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr war mein Vater zusätzlich als Schreiner tätig. Das hieß, meine Mutter managte die ganze Nebenerwerbslandwirtschaft nahezu allein und ich übernahm oft den Haushalt.

*

„Frau Heintze, kommen Sie bitte?“ Ach du meine Güte. Wie lange sitze ich hier schon? Ich weiß es nicht. Die „Gala“ liegt ungelesen auf meinem Schoß. Der Promiklatsch findet ohne mich statt.

„Guten Tag, Frau Heintze. Wie geht es Ihnen?“, fragt mich Frau Dr. Bartz. Ich mag sie. Ich bin kritisch mit Ärzten, aber sie erklärt mir alles, was sie macht, nimmt sich Zeit, um über Untersuchungsergebnisse zu reden, und hört mir zu. Bei ihr habe ich nie das Gefühl, eine blöde Frage zu stellen – und brauche meine Angst nicht zu verstecken. Ich habe fast immer Angst, wenn ich zum Arzt muss.

Weil wir uns schon länger nicht gesehen haben, erzähle ich ihr von meiner Mutter und wie froh ich bin, dass alles so gut ausgegangen ist. Wir unterhalten uns, als sie das Ultraschallgerät an meiner rechten Brust ansetzt. Plötzlich stutzt sie. „Na, haben Sie schon wieder eine neue Zyste entdeckt?“, frage ich. Das wäre nichts Neues. Ich beherberge in dieser Region ziemlich viele Zysten, das weiß ich schon seit Jahren und das, so wurde mir versichert, sei nicht schlimm, hätte fast jede Frau. Aber so, wie meine Ärztin mit dem Ultraschallgerät auf und nieder fährt, die Zyste auszumessen versucht, kommt mir das schon ein bisschen komisch vor. Dennoch mag ich nicht fragen. Ich will jetzt kein Problem. Ich will nach Hause. Frau Dr. Bartz guckt mich an. Sie guckt ernst. Die Plauderstimmung ist dahin. „Frau Heintze, ich habe da etwas entdeckt. Das muss abgeklärt werden. Es ist ein kleiner Knoten. Bitte machen Sie sich nicht verrückt, das kann alles sein.“ Wie jetzt? Abklären? Ja, was könnte es denn sein? Ich will nichts abklären. So toll viele Möglichkeiten gibt es da nämlich nicht. Entweder eine Zyste oder ein Knoten. Und der kann gut- oder bösartig sein. Schwarz oder weiß. Alles gut oder gar nichts gut. Ich bin verstört. Was steckt da in meiner rechten Brust? Frau Dr. Bartz versucht mich zu beruhigen, andererseits jedoch besteht sie darauf, dass dieses Etwas in meiner Brust so schnell wie möglich näher untersucht wird. Sie will sich um Termine für die Mammografie und um einen Vorstellungstermin in einer Klinik kümmern. Alles geht so schnell. Zu schnell. Ich komme nicht mit. Ich war doch gerade noch im Urlaub, auf Zeitreise. Zwischen Weinbergen und Erdbeerfeldern. Dem hier fühle ich mich nicht gewachsen. „Frau Heintze, warten Sie bitte vorne noch einen kleinen Moment.“ Langsam verlasse ich das Sprechzimmer. Zu langsam. Dabei arbeitet mein Gehirn auf Hochtouren, kommt aber zu keinem Ergebnis. Nichts Verwertbares, nichts, was mir jetzt weiterhelfen würde. Ich bekomme den Termin zur Mammografie genannt, morgen Vormittag. Schon? So schnell? Ich nicke höflich. Das Kärtchen, das mir an der Anmeldung über die Theke gereicht wird, stopfe ich lose in meine Handtasche. In meinem Kopf hämmert nur noch ein Wort: Brustkrebs?!

Als ich auf der Straße stehe, bin ich planlos. Verdacht auf Brustkrebs. Gott, was kommt da auf mich zu? Ich hab jetzt keine Zeit für diesen Knoten. Meine Familie, meine Arbeit, meine Ehrenämter – alle brauchen mich. Und ich selbst bin schon so leer. Die letzten Monate waren so anstrengend. So eine Operation schaffe ich nicht, nicht jetzt.

Alles in mir dreht sich. Das ist nicht echt. Die Menschen, die ahnungslos an mir vorbeigehen, im nächsten Geschäft verschwinden, ihre Einkaufstour hinter sich bringen. Die Autos und Busse, die auf der Straße vorbeirollen. Sie alle sind echt. Mein Leben jedoch hat gerade seinen Faden verloren. Out of order. Disorder, disease, disaster, death, schießt es mir durch den Kopf. Das Gedankenkarussell in voller Fahrt.

Ich kann nicht ewig hier auf dem Bürgersteig stehen bleiben, so viel wird mir irgendwann immerhin klar. Aber wo soll ich jetzt hin? Ich entschließe mich zum Naheliegenden. Von der Ärztin bis zu meiner Arbeitsstelle sind es nur ein paar Minuten Fußweg, der Vorteil der Kleinstadt, und wenn ich morgen wegen der Mammografie etwas später komme, muss ich meiner Chefin doch Bescheid sagen. Auf dem Weg versuche ich mich damit zu beruhigen, dass dieses Etwas, dieser Vielleicht-Knoten ja nur einen Zentimeter groß ist. Ein Zentimeter, das ist doch nicht viel, oder? Oder doch? Beruhigen klappt nicht. Der Zentimeter quält mich. Ziemlich aufgelöst komme ich bei meiner Chefin an und erzähle ihr von dem Knoten und dem Verdacht. Sie nimmt die Nachricht entspannt auf, sagt mir, ich solle mir keine Sorgen machen, es würde bestimmt alles gut werden. Nun ja, sie hört jeden Tag solche Diagnosen.

Ich arbeite bei einem Sozialverband. Wir kümmern uns um Schwerbehindertenangelegenheiten, Probleme bei Pflegeversicherungs- oder Rentenanträgen. Wir helfen Menschen, Widerspruch einzulegen, wenn ihre Anträge abgelehnt wurden. Von Krankheiten jeder Art hören wir jeden Tag. An uns wenden sich Menschen, die nicht mehr weiterwissen, weil sie durch das Sozialnetz fallen. Ich bin keine Juristin, ich bin für die Mitglieder, das Telefon und spontanen Besuch zuständig. Dabei erfährt man so viele menschliche Tragödien. Manche brauchen einfach nur mal ein Gegenüber, bei dem sie ihre Sorgen und ihren Frust abladen können. Auch das höre ich mir an. Ich mache diese Arbeit gern. Es tut gut, zu merken, dass man Menschen helfen kann.

Aber heute bin ich durcheinander und die Ruhe und Gelassenheit meiner Arbeitskollegen tun mir gut. Das wird doch nur gemacht, um einen Verdacht abzuklären. Nur abklären. Nur, um ganz sicher zu gehen. Das muss doch gar nicht bösartig sein. Davon war doch gar nicht die Rede. Das böse Krebswort hat doch gar keiner in den Mund genommen. Darum Schluss jetzt. Heute ist mein freier Tag. Und der war eigentlich schon fest verplant. Ich mache mich auf den Weg zum Einkaufen. Im Supermarkt schiebe ich planlos meinen Einkaufswagen vor mir her, weiß plötzlich nicht mehr, was ich einkaufen soll. Stattdessen rebelliert mein Magen. Da drin krampft sich alles zusammen. Was ist denn los mit mir? Was soll das? Wahrscheinlich ist es einfach die Müdigkeit. Ich bin erschöpft, das wird es sein.

Zu Hause angekommen, mache ich mir einen Tee. Nur ein paar Minuten ausruhen, dann wird es schon wieder gehen. Das Telefon klingelt. Mein Mann ruft an. Erleichtert atme ich auf. Das ist doch wohl Gedankenübertragung!? Nein, ist es nicht. Mein Mann ist selbst am Ende. Er und seine vier Brüder leiten eine eigene Firma. Ein Stahlhandel, der sich zusätzlich auf die Demontage von Windkraftanlagen spezialisiert hat. Und da bricht gerade alles zusammen. Ein wichtiger Kunde zieht seine Aufträge zurück. Mein Mann ist vollkommen fertig. Ich kann ihm jetzt nichts von meinem Verdacht erzählen. Also versuche ich, ihn zu trösten. Ich sage Sätze wie: Lass den Kopf nicht hängen. Da kommen andere Firmen, neue Kunden. Wo eine Türe zugeht, geht woanders eine andere auf. Ich staune dabei über mich selbst. Nach dem Telefonat breche ich weinend zusammen, lasse die Tränen die Wangen runterrollen.

Lieber Gott, was passiert da gerade? Bitte, mein himmlischer Vater, lass das alles nicht wahr sein! Mach das weg. Mein Herz rast, ich fühle mich so hilflos, die Situation ist so unwirklich. Mein einziger Strohhalm ist Gott. Er ist, wie immer, nur ein Gebet von mir entfernt. Und so bete ich. Werfe ihm alles vor die Füße, heule, klage, frage ihn, was er sich dabei denkt.

Und plötzlich spüre ich diese wunderbare Ruhe in mir. Gott ist da, ich spüre es ganz genau. Mein Herz atmet auf. Es kann mir nichts passieren, das Gott nicht zulässt. Und Gott weiß, was er tut. Seine Ruhe, sein Frieden tragen mich. Ich habe keine Angst mehr. Zumindest nicht in diesem Moment. In diesem winzigen Moment lasse ich mich tragen und alles ist gut.

Trotzdem will ich auch mit einem Menschen sprechen, unbedingt! Ich muss mit jemandem reden. Jetzt gleich. Sonst ersticke ich. Mein Hausarzt Dr. Schumann* fällt mir ein. Ja, den rufe ich an. Tatsächlich werde ich direkt durchgestellt. Er kennt mich seit 15 Jahren. Unter Tränen berichte ich ihm, was passiert ist. Er versucht mich zu beruhigen und bietet mir sofort an, dass ich morgen nach der Mammografie bei ihm vorbeikommen kann. Erleichtert lege ich auf. Das wird schon. Das wird schon. Immer wieder sage ich mir das vor.

Schließlich mache ich mich daran, ein Mittagessen vorzubereiten. Mich ablenken. Das wird das Beste sein. Marvin und Sarah kommen aus der Schule. Arnd von der Arbeit. Zusammen essen wir. Arnd hat sich etwas vom ersten Schock erholt. Allerdings nur ein bisschen. Der Verlust des Kunden schmerzt. Später kommt Theresa, unsere Jüngste. Ihre Schule liegt etwas weiter entfernt, so dass sie mit dem Bus fahren muss und immer die Letzte ist, die zu Hause ankommt.

Der Alltag hat mich wieder. Hausaufgaben, Vokabeln abfragen. Sarah muss zur Krankengymnastik. Theresa zum Tanzen, und die Bügelwäsche starrt mich an. Abends falle ich einfach nur noch müde ins Bett. Was für ein Tag! Am nächsten Morgen gehe ich zur Mammografie. Der Arzt ist sehr freundlich, allerdings nur vertretungsweise da. Er sieht einen Knoten auf der Aufnahme, findet diesen aber nicht weiter bedenklich. Na also! Hab mich völlig umsonst verrückt gemacht.

Trotzdem fahre ich weiter zu meinem Hausarzt. Auf seinem Ultraschallgerät ist der Knoten deutlich zu erkennen. Mist! Er schallt weiter über meinen gesamten Oberkörper. Aber da ist alles in Ordnung. Gut. Der Knoten scheint also ein Einzelkämpfer zu sein. Dr. Schumann legt mir nahe, den Knoten so schnell wie möglich entfernen zu lassen. „Damit ist bestimmt alles erledigt“, sagt er zu mir. Ich glaube ihm, will ihm das glauben. Verstehe aber auch, um eine Operation komme ich nicht herum.

Draußen ist herrliches Wetter, die Sonne scheint und es ist richtig warm, obwohl erst März ist. Ich habe ein bisschen Zeit zwischen zwei Terminen und spaziere am plätschernden Bach entlang. Über mir zwitschern Vögel und ich genieße mein erstes Eis in diesem Jahr. Ein Vanilleeis mit Mangoüberzug, lecker. Ich liebe das. Die erwachende Natur fesselt mich immer wieder. Wie wunderbar das alles ist. Wie oft rase ich nur so durch den Tag. Doch nun stehe ich da, sehe die ersten Veilchen und die frischen Baumknospen und freue mich darüber. Diesen blöden Verdacht werde ich einfach ignorieren, ihm verbieten, sich in meinem Kopf breit zu machen. Jetzt gerade geht es mir so gut! Das lasse ich mir nicht kaputt machen! Nur ich, der Bach, die Frühlingssonne und der Duft nach Grün. Ich bin Gott so dankbar für diesen Morgen.

Am Abend ruft mich meine Frauenärztin an. Sie möchte wissen, wie die Untersuchung heute Morgen gelaufen ist. Gut gelaunt berichte ich ihr, dass der Arzt den Knoten ziemlich gelassen sah, aber auch gesagt habe, dass er eigentlich für Mammografien gar nicht zuständig sei. Sie wirkt irritiert. Antwortet, dass sie das nicht verstehen könne. Im selben Atemzug gibt sie mir einen Termin für nächste Woche in den Ev. Kliniken in Gelsenkirchen durch.

Die Klinik kenne ich, da war ich vor zwei Jahren schon mal, um meine Zysten überprüfen zu lassen. Das beruhigt mich. Der Arzt damals war zwar nicht die Freundlichkeit in Person, aber die Diagnose, nur eine Zyste, eindeutig. Als ich auflege, wird mir bewusst, dass meine Ärztin nicht nur angerufen hat, weil sie mich so nett findet, sondern weil sie sich tatsächlich Sorgen macht. Sie würde das nicht alles für mich organisieren, wenn da nichts wäre. Das macht mir Angst. In einer Woche muss ich da hin. Es ist wohl doch an der Zeit, meinen Mann einzuweihen, Probleme in der Firma hin oder her. Er muss es wissen – und ich brauche ihn jetzt. So schonend wie möglich versuche ich ihm zu erklären, dass bei mir ein Knoten in der rechten Brust gefunden wurde. Nächste Woche muss ich in die Klinik, um zu klären, wie es weitergeht. Er reagiert aufgeregt, doch als ich von den Untersuchungen heute berichte, die ergeben haben, dass es wirklich nur dieser eine Knoten ist, beruhigt er sich. Unseren Kindern sagen wir vorerst nichts, beschließen wir.

Vorstellung in den Ev. Kliniken Gelsenkirchen

Eigentlich wäre ich genau jetzt bereits auf einer Schulung der Deutschen Rentenversicherung. Vor anderthalb Jahren wurde ich zur Versichertenältesten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) gewählt. Das hört sich ziemlich hochtrabend an, ist aber ein Ehrenamt, das mich befähigt, Rentenberatungen durchzuführen und bei der Antragstellung von Renten zu helfen. Als ich das erste Mal einen Rentenantrag in meinen Händen hielt, dachte ich, dieser Blätterwald sei ein Scherz. Unmöglich, dachte ich, da kann keiner durchsteigen. Doch die Schulungen belehrten mich eines Besseren. Der Antrag ist umfangreich, aber die Arbeit macht trotzdem Spaß. Der Antragsteller erzählt mir dabei sein halbes Leben. Da ich nicht unter Zeitdruck stehe, kann ich einfach zuhören. Für knapp zwei Stunden sind diese Menschen und ich ein Team. Viele vertrauen sich mir völlig an. Die Schulungen, die zweimal pro Jahr stattfinden, sollen mich auf den neuesten Stand bringen. Das ist wichtig. Für mich sind sie aber immer auch noch mehr. Eine Woche Auszeit vom Familienalltag. Nette Mitstreiter, ein guter Austausch über Tipps und Anregungen für die Beratungen und leckeres Essen. Darum wollte ich auch nicht komplett auf diese Schulung verzichten. Da ich erst für Mittwochnachmittag einen Termin in der Klinik bekommen hatte, könnte ich doch von Montag bis Mittwochmittag an der Schulung teilnehmen. Mich nett ablenken lassen. Das ist gerade eh das Beste, was ich tun kann. Bloß nicht nachdenken müssen, nicht über diesen Verdacht. Den Kopf mit anderen Dingen füttern.