Matthias Hilbert

Fromme

Eltern –

unfromme

Kinder?

Lebensgeschichten
großer Zweifler

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Lektorat: Anika Mélix, Leipzig

Cover: Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH · Frankfurt am

Main, Theresa Duck / ​Anja Haß

Satz und Layout: Formenorm, Friederike Arndt, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-96038-059-7

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Heinz-Horst Deichmann

Frommer Unternehmer mit sozialem Gewissen

Friedrich Dürrenmatt

Rebellierender Pfarrerssohn wird am Ende Atheist

Friedrich Engels

Pietistischer Fabrikantensohn wird Missionar des Kommunismus

Gudrun Ensslin

Schwäbische Pfarrerstochter wird Führungsmitglied der RAF

Vincent van Gogh

Als Arbeiterpriester gescheitert, als Malergenie postum gefeiert

Julien Green

Zwischen homosexuellen Exzessen und spiritueller Sehnsucht

John Grisham

Frommer Baptist avanciert zum Superstar des Justiz-Thrillers

Hermann Hesse

Sein Elternhaus – »Folterkammer« oder »Paradies«?

Resümee

Literatur- und Quellennachweis

Fußnoten

Heinz-Horst Deichmann

Frommer Unternehmer mit
sozialem Gewissen

Er galt unter den deutschen Top-Unternehmern als Exot: der am 2. Oktober 2014 im Alter von 88 Jahren verstorbene Heinz-Horst Deichmann, der das Familienunternehmen »Deichmann« aus bescheidenen Anfängen heraus zu einem weltweit operierenden Schuhhandel-Giganten ausgebaut hat. Dass dieser Firmenpatriarch tatsächlich eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, ist schon daraus ersichtlich, dass Berichte über ihn in den Medien mit Überschriften wie »Der Schuhverkäufer mit dem mildtätigen Herzen«, »Missionar und Marketing-Profi« oder »Ein Unternehmer lebt seinen Glauben« versehen wurden. Andere eröffneten ihre Porträts gleich mit verblüffenden Deichmann-Zitaten: »Mir gehört nur, was ich verschenke«, »Wer viel Geld hat, muss Menschen in Not helfen« oder »Die Firma muss den Menschen dienen«.

Diese für einen Erfolgsmanager unserer Tage höchst untypischen und erstaunlichen Aussagen waren dabei keine leeren Worthülsen. Sie trafen auf Heinz-Horst Deichmann tatsächlich zu. Und dass sich bei ihm der clevere Geschäftsmann mit dem christlichen Missionar und Wohltäter harmonisch zu verbinden wusste, hatte wiederum sehr stark mit seinem Vater und dem frommen Elternhaus zu tun, in dem er aufgewachsen war. »Mein Vater war Schuhhändler, und ich habe von ihm den Umgang mit Schuhen genauso gelernt wie den Umgang mit der Bibel«, sagte 1988 in einem Interview der Sohn einmal über Heinrich Deichmann, seinen Vater, und fuhr dann fort: »Um noch weiterzugehen: Ich lernte von ihm auch das Bezeugen des Evangeliums und das Ausüben der Nächstenliebe an Armen, Kranken und an den Juden in den Dreißigerjahren. Bis heute hat mich das tief geprägt.« Offensichtlich außergewöhnliche Männer – der Vater wie der Sohn.

Der gelernte Schuhmacher Heinrich Deichmann eröffnet kurz nach seiner Heirat 1913 im Essener Stadtteil Borbeck eine Schuhmacherei. Für die Schuhreparatur schafft er sich auf Kredit moderne Maschinen an, um schneller und preiswerter als andere Schuster arbeiten zu können. Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) verkauft Deichmann in seinem kleinen Laden auch Schuhe, die in Fabriken hergestellt werden. Da seine Kundschaft in erster Linie aus Bergleuten und ihren Familien besteht, legt er von Anfang an großen Wert darauf, dass seine Schuhartikel sich nicht nur durch Robustheit auszeichnen, sondern auch zu erschwinglichen Preisen angeboten werden können. Das Geschäft läuft so gut, dass Deichmann 1930 eine Filiale in der Nähe des Borbecker Markts eröffnen kann.

Vier Mädchen werden dem Unternehmerpaar Heinrich und Julie Deichmann geschenkt. Dann kommt am 30. September 1926 als fünftes und letztes Kind ein Junge, Heinz-Horst genannt, zur Welt. Der typische Geruch von Schuhleder und Schuhleim umgibt den Kleinen von Anfang an und wird ihm zu etwas Wohlvertrautem. Alles befindet sich ja in einer relativ kleinen Wohnung: Laden, Lager und Werkstatt sowie die wenigen Wohnräume für die Familie, die teil- und zeitweise auch noch als zusätzliche Lagerstätten für die Schuhe fungieren. Oftmals wird der Junge in seinem Stubenwagen ins Lager geschoben, während seine Mutter im Laden die Kunden bedient.

Fleißig und geschäftstüchtig sind die Eltern ohne Frage – und fromm! Vor den Mahlzeiten betet man. Nach dem Essen wird ein Abschnitt aus der Bibel vorgelesen. Sonntags gehen die Deichmann-Kinder in die Sonntagsschule. Hier erzählen ihnen »Onkel« oder »Tanten« die biblischen Geschichten. Es ist eine freikirchliche Gemeinschaft, schlicht Versammlung genannt, der die Eltern angehören. In ihr fühlt man sich wie in einer großen Familie. Auch gibt es keine ordinierten Pastoren, sondern bibelkundige »Brüder« dienen am Wort. Die Säuglingstaufe wird nicht praktiziert. Getauft wird man erst, wenn man bekennt, dass man an Jesus Christus als seinen persönlichen Herrn und Erlöser glaubt und ihm nachfolgen will.

Heinz-Horst ist noch keine zwölf Jahre alt, als er sich auf eigenen Wunsch hin taufen lässt. Nach einer Evangelisationsveranstaltung, auf der in besonderer Weise zum Glauben eingeladen wird, kniet er zu Hause nieder und vertraut Jesus Christus im Gebet sein Leben an. Dass bei dieser Bekehrung tatsächlich etwas Konkretes und Entscheidendes bei und an ihm geschehen ist, dessen ist sich Heinz-Horst Deichmann sein Leben lang dankbar bewusst. So bekennt er 1988 in einem Vortrag vor der »Internationalen Vereinigung Christlicher Geschäftsleute« freimütig: »Christ wurde ich nach einer Veranstaltung in der Gemeinde. Da wurde das Evangelium verkündet. Es wird ja immer, wenn in der Bibel gelesen und das Wort Gottes gesagt wird, das Evangelium verkündet […], die frohe Botschaft von Jesus Christus. Aber da wurde ich eben besonders angesprochen. Elf Jahre war ich alt. Wenn man so von Bekehrung redet, dann lächeln viele Leute, sie wissen nichts damit anzufangen. Dabei heißt das ›Tut Buße‹, das in der Bibel immer wieder gesagt wird, richtig übersetzt: ›Kehrt um, denkt um, bekehrt euch.‹ […] Gemeint ist: ›Bitte, kehrt euch um, ihr seid jetzt mit dem Rücken zu Gott. Kehrt euch um, geht nach vorne, geht auf Gott zu, Gott ist da.‹ Die frohe Botschaft liegt darin: Gott ist euch nahegekommen. Gott hat seinen Sohn auf die Erde gesandt. […] Ich weiß nur, dass ich damals irgendwie nach der Versammlung gebetet habe, dass Jesus seinen Platz in mir einnehmen möchte, dass ich Jesus nachfolgen möchte. Ich kann das so wörtlich gar nicht mehr sagen. Aber wenn man es ernsthaft tut und Jesus annimmt als seinen Heiland, als den, der für einen gestorben ist und der einem ein neues Leben schenken will, dann geschieht etwas in einem, das sich auch ganz subjektiv bemerkbar machen kann als etwas sehr Angenehmes.«

Dass die Eltern den Kindern ihren Glauben überzeugend und authentisch vorleben, trägt sicherlich mit dazu bei, dass Heinz-Horst Deichmann sich bereits in so jungen Jahren bewusst dafür entscheidet, Christ zu werden. Denn »das, was mein Vater jeden Tag aus der Bibel vorlas, von der Liebe Christi, von der Liebe Gottes«, so Deichmann, »wurde praktisch ausgeübt im täglichen Umgang mit anderen Menschen«. So sehr und so nachhaltig prägt das Vorbild des Vaters den Sohn, dass dieser später einmal feststellt: »Wenn ich an meinen Vater denke, an das väterliche Erbe und den väterlichen Auftrag, dann sehe ich auch seinen lebendigen Glauben an Jesus Christus und sein soziales Engagement.«

Und in der Tat stimmen bei Heinrich Deichmann Glauben und Tun, Reden und Verhalten auf symbiotische Weise überein. Das zeigt sich etwa darin, dass er in seiner freien Zeit kranke, alte und notleidende Menschen besucht. Dabei liest er ihnen nicht nur aus der Bibel vor und betet mit ihnen, sondern ist auch bemüht, ihnen ganz praktisch beizustehen und zu helfen. Nicht selten nimmt er bei seinen Besuchen seine Kinder mit. Vor allem an Weihnachten. Dann erwartet er von ihnen, dass sie von ihren eigenen Weihnachtstellern etwas an die Notleidenden verschenken. Es beeindruckt den Sohn zudem tief, wie es der Vater versteht, mit Lieferanten, Mitarbeitern und Kunden zwanglose Unterhaltungen zu führen, »und zwar über Fragen, die Leben und Tod und das ewige Leben betreffen«. Auch das ist etwas, was Heinz-Horst Deichmann von seinem Vater lernt. In großer Selbstverständlichkeit legt auch er später Zeugnis von seinem Glauben ab – in Interviews und Vorträgen, in seiner Mitarbeiterzeitschrift oder eben im persönlichen Gespräch.

Auch während der unseligen Nazizeit bewährt sich Heinrich Deichmanns Glaube. Der Judenhass der Nationalsozialisten erfüllt ihn nicht nur mit Abscheu, sondern auch mit tiefer Sorge. Denn für ihn steht fest, dass, wer sich an dem von Gott erwählten jüdischen Volk versündigt, nach dem Wort des alttestamentlichen Propheten Sacharja »Gottes Augapfel antastet«. Und natürlich ist sich der bibelfeste Mann, der »die Bibel mindestens ebenso gut kannte wie irgendein Pfarrer«, auch jener Stelle aus dem elften Kapitel des Römerbriefes bewusst, in der Paulus darauf hinweist, dass der christliche Glaube sich jüdischer Herkunft verdankt: »Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.« Mit besonderer Wertschätzung begegnet Heinrich Deichmann daher seinen jüdischen Nachbarn.

Und dann vergeht sich auch in Borbeck an jenem 9. November 1938, dem verhängnisvollen Tag der sogenannten »Reichskristallnacht«, der Mob an den hier wohnenden jüdischen Geschäftsleuten, bedroht sie und demoliert ihre Geschäfte. Heinz-Horst Deichmann ist damals gerade einmal zwölf Jahre alt. Doch er hat diesen Tag nie vergessen: »In den Abendstunden«, so schildert er später den antisemitischen Pogrom, »gab es auf der Straße auf einmal einen großen Lärm. Draußen waren viele Leute, fast alles Männer, manche von ihnen offensichtlich angetrunken. Sie trugen Bretter und Balken in den Händen. Und dann hörten wir, wie es krachte und knallte, wie Glas zersplitterte, ein wahnsinniges Getöse, und das dauerte eine ganze Zeit lang. Wir Kinder wussten nicht, worum es ging, aber wir rannten aus Angst vor dem Lärm in den Keller. Als alles vorbei war, trauten wir uns wieder nach oben, und dann sahen wir es: Die jüdischen Geschäfte in unserer Nachbarschaft waren das Ziel des Angriffs gewesen. Aber auch bei uns war eine Scheibe eingeschlagen worden – absichtlich oder aus Versehen? Immerhin war mein Vater als Judenfreund bekannt.«

Auch in dieser Nacht besucht Heinrich Deichmann seine jüdischen Nachbarn und Freunde. Und auch später noch, als bereits nur noch wenige von ihnen in Borbeck verblieben sind – zum Teil verborgen in Kellern oder auf Dachböden hausend –, sucht er sie auf und versucht, ihnen beizustehen. »Überall, wo du bist«, lässt er seinen Sohn wissen, »muss ein klein wenig vom Licht Gottes sichtbar werden.« Er liest den Juden aus dem Alten Testament vor, um ihnen »Trost aus der Bibel zu sagen«. Wie etwa das 53. Kapitel des Jesaja-Buches, wo von »dem leidenden Gottesknecht, der unser aller Sünden trug und für uns den Tod erlitt«, die Rede ist. Mehrmals lädt die Gestapo den unerschrockenen christlichen Schuhhändler vor. Versuchte sie, ihm zu drohen, ihn unter Druck zu setzen? Heinz-Horst Deichmann hat es nicht erfahren. Den frühen Tod des Vaters bringt der Sohn jedoch später mit den Ereignissen jener Tage in Verbindung, wenn er meint, dass »in dieser Zeit bei meinem Vater der Blutdruck und die körperlichen Beschwerden begonnen [haben], die dann letztlich zum Tod führten. Es hat ihn krank gemacht, wirklich.« Am 20. Juli 1940 stirbt der Vater an den Folgen eines Schlaganfalls. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Das Haus, in dem die Familie Deichmann wohnt, gehört einem jüdischen Vermieter. Dieser emigriert gerade noch rechtzeitig vor dem Pogrom mit seiner Familie aus Deutschland. Zuvor kauft ihm Heinrich Deichmann das zum Verkauf angebotene Haus zu einem fairen Preis ab. Das Geld wird jedoch vom Staat beschlagnahmt. Zwar darf die jüdische Familie ausreisen, sie darf aber kein Kapital ausführen. Als Heinz-Horst Deichmann nach dem Krieg erfährt, dass die ehemaligen Vermieter im Ausland überlebt haben, zahlt er ihnen daher 1948 noch einmal den vollen Kaufpreis für das Haus aus. Bei seinen Schuhlieferanten nimmt er dafür eigens ein Darlehen auf.

Doch zurück zu Heinz-Horst Deichmanns Kindheit und Jugend im Dritten Reich. Noch als der Vater lebt, holt er sich von der zuständigen freiherrlichen Grundstücksverwaltung die Erlaubnis zur Benutzung einer zum Gelände des Borbecker Schlosses gehörenden Wiese ein. Auf der von ihm umgegrabenen Parzelle legt er Gemüsebeete an und düngt diese mit Mist aus den Ställen der Bergleute. Von dem Verkauf der geernteten Früchte kauft er sodann seinem Freund ein Fahrrad, das er aber auch selbst benutzt, um den Geschäftskunden der Eltern die reparierten oder neu bestellten Schuhe auszuliefern. Offensichtlich verfügt bereits das Kind ansatzweise über jene Eigenschaften, die für den später so erfolgreichen Unternehmer Deichmann typisch sein sollten: Fleiß, Kreativität und Wagemut.

In Borbeck besucht der Junge das Gymnasium in der Prinzenstraße. Nebenbei lernt und spielt er vorzüglich Geige. Das Lernen fällt ihm so leicht, dass er in allen Fächern – mit Ausnahme von Sport – Bestnoten erzielt. Doch der Zweite Weltkrieg sollte sich schon bald auf den Schul- und Lebensalltag der Schüler auswirken. Als Heinz-Horst Deichmann sechzehn Jahre alt ist, wird er mit anderen Mitschülern im nahe gelegenen Frintrop zum Luftwaffenhelfer geschult und bei der Flak, den Flugabwehrkanonen, eingesetzt. In den Ausbildungs- und Gefechtspausen erteilen die Schullehrer den halbwüchsigen Jungen provisorischen Unterricht in den wichtigsten Schulfächern. Im März 1944 hält Deichmann ein Jahr vor dem offiziellen Schulende das »Notabitur« in seinen Händen. Denn die Primaner sollen so schnell wie möglich im vormilitärischen Reichsarbeitsdienst und dann, nach einer mehrmonatigen militärischen Ausbildung, an der Kriegsfront eingesetzt werden.

Heinz-Horst Deichmann wird auf eigenen Wunsch zum Fallschirmjäger ausgebildet. Inzwischen ist die Kriegslage für Deutschland aussichtslos geworden, und immer noch gibt Nazideutschland nicht auf. Im März 1945 erhält Deichmann dann den Marschbefehl an die Ostfront. Er wird zu einem Infanterieeinsatz bei Angermünde an der Oder beordert. Doch die sich bereits auf dem Rückzug befindende Truppe wird von den Russen eingeschlossen und von den jaulenden Granaten der gefürchteten »Stalinorgel« immer wieder beschossen. Der junge Deichmann will gerade – zum ersten Mal in seinem Leben – eine Panzerfaust gegen den Feind abschießen, da wird er von einem Granatsplitter getroffen. Das Geschoss reißt seine rechte Schulter auf und dringt nur wenige Millimeter an der Halsschlagader vorbei in den Hals ein, wo es neben dem Kehlkopf stecken bleibt. »Ich konnte die Hand, in der ich die Panzerfaust hatte, noch bewegen. Aber ich schoss sie nicht mehr ab, hätte es vielleicht auch nicht mehr geschafft. Ich hatte das Gefühl, dass eine Hand auf mir liegt, dass mich irgendetwas nach unten drückt. Und dann der Gedanke: Um dich herum sterben sie. Da gegenüber liegt derjenige, der dich totschießen will. Und den du totschießen wolltest. Du kannst es nicht. Du bist in Gottes Hand. Dir ist dein Leben noch einmal geschenkt worden, und wenn du hier rauskommst, dann muss dein Leben der Hilfe für Menschen gewidmet sein. – Dann habe ich angefangen zu beten: ›Gott, du hast die Kraft, bring uns hier raus!‹ Als ich dort lag, habe ich zum ersten Mal den Gedanken gehabt, ich könnte Arzt werden, vielleicht Missionsarzt.« Es ist wie ein Berufungserlebnis.

Deichmann kann mit anderen verletzten Kameraden den Hauptverbandsplatz erreichen. Hier wird er notversorgt und der Granatsplitter operativ entfernt. Dann nehmen Marinesoldaten ihn und andere Verwundete auf ihrer Fahrt nach Schwerin mit. Doch Deichmann, der sich über die politische und militärische Lage keine Illusionen macht, will weiter, will unbedingt über die Oder zurück nach Westdeutschland. Und es gelingt ihm. »Ein Stück bin ich gelaufen, dann hat mich jemand auf dem Kotflügel seines Autos mitfahren lassen – wenn ein Tiefflieger kam, war ich wenigstens schnell im Graben. Bis Travemünde ging das so, aber da hatte ich auch noch kein sicheres Gefühl, und deshalb bin ich lieber gleich bis Glückstadt durchgelaufen. Dort blieb ich ein paar Tage im Marinelazarett, bis mich ein Lastwagen nach Hamburg mitnehmen konnte.«

Im Hamburger Stadtteil Stellingen nötigt der Fahrer den kranken jungen Soldaten zum Aussteigen. »Da stand ich auf der Straße. Und ich hörte, der Engländer marschiert ein. Vor mir sah ich ein Krankenhaus. Das war Zufall. Aber was heißt schon Zufall …?« In dem größtenteils zerstörten Diakonissen-Krankenhaus wird er zunächst vierzehn Tage lang von den Diakonissen gepflegt. Eigentlich müssten sie ihren Patienten der britischen Kommandantur melden. Doch dann wäre der Soldat in britische Kriegsgefangenschaft gekommen. Also unterlassen sie es, und als Deichmann schließlich das Krankenhaus verlässt, um sich Richtung Essen aufzumachen, bescheinigt ihm ein freundlicher Medizinstudent in Abwesenheit eines diensthabenden Arztes, dass er »Schüler« und »auf dem Weg nach Hause« sei.

Nach zweiwöchigem Fußmarsch kommt Heinz-Horst Deichmann schließlich am 25. Mai 1945 zu Hause an. Er besucht noch einmal für ein Schuljahr das Gymnasium, um das »richtige« Abitur nachzuholen, und sorgt sich gleichzeitig um das nunmehr mütterliche Geschäft. Da neue Schuhe zu der Zeit weder bezogen noch verkauft werden können, müssen gebrauchte Schuhe so gut es geht repariert werden. Der Bedarf ist so groß, dass Heinz-Horst und seine Mutter eine ganze Reihe arbeitssuchender Männer anstellen, die sich auf so etwas verstehen. Aber der improvisationsbegabte Sohn lässt auch selbst strapazierfähige »Pappelschuhe« herstellen: Aus dem Holz gefällter Pappeln werden Holzsohlen gefertigt und diese dann mit einem Oberteil aus den Gurten von ausrangierten Fallschirmen versehen. 50.000 Paar solcher Treter werden am Ende verkauft!

Nachdem Heinz-Horst Deichmann im Frühjahr 1946 die Abiturprüfungen bestanden hat, zieht er nach Bad Godesberg, um an der Bonner Universität Medizin und Theologie zu studieren. Besonders die Dogmatik-Vorlesungen des bekannten Schweizer Theologen Karl Barth, der in jenem Jahr in Bonn eine Gastprofessur antritt, tun es dem jungen Studenten an: »Barth hat mir deutlich gemacht, dass auch das Verhältnis zu meinem Gott von Freiheit und Freiwilligkeit geprägt ist. Gott selber ist es, der uns aus freien Stücken zu sich ruft, und wir dürfen in aller Freiheit darauf antworten. Das ist keine Leistung, auf die wir stolz sein können, sondern eine Gnade, die wir dankbar annehmen dürfen.« Aber er verehrt auch den Menschen Karl Barth, der im Dritten Reich maßgeblich an der »Barmer Theologischen Erklärung« mitgewirkt hatte. In dieser war gegenüber dem Machtanspruch des totalitären Staates – sowohl auf die Christen als auch auf die christliche Gemeinde als Ganze – Jesus Christus als das »eine Wort Gottes« bezeugt worden, »das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«. Mit Barth teilt der Student aber auch die Überzeugung, dass die Christen an der Seite der Juden stehen müssen.

Und auch jetzt kümmert sich Heinz-Horst Deichmann nebenher um das Geschäft in Borbeck. Da inzwischen die Schuhfabrikation wieder anläuft, organisiert er ein »Kompensationsgeschäft« mit dem »Salamander«-Werk in Kornwestheim: Steinkohle aus dem Ruhrgebiet gegen die Abnahme neuer Schuhe! In einem Güterwaggon reist Deichmann mit Säcken voller Kohlen zu dem schwäbischen Schuhlieferanten, und mit den für das schwarze Gold getauschten Schuhen fährt er dann wieder zurück nach Essen.

Ab dem Wintersemester 1947/48 setzt Deichmann sein Medizinstudium in Düsseldorf fort. Er hat inzwischen das Physikum bestanden und sein Theologiestudium aufgegeben. Doch auch hier bleibt er Student und Jungunternehmer in Personalunion und sorgt dafür, dass an seinem neuen Studienort zwei »Deichmann«-Filialen entstehen. Bevor er zu den Vorlesungen geht, transportiert er in aller Frühe im Anhänger eines alten Opels die Schuhe von Borbeck in die Läden nach Düsseldorf.

Nachdem er sein Medizinstudium mit Approbation und Promotion erfolgreich abgeschlossen hat, arbeitet Heinz-Horst Deichmann noch einige Jahre als Facharzt für Chirurgie und Orthopädie in einem Krankenhaus. Obwohl er zu sehr lukrativen Bedingungen in eine Gemeinschaftspraxis einsteigen und viel mehr Geld als mit einem Schuhladen verdienen könnte, entscheidet er sich schließlich zu hundert Prozent für die Firma, die er ab 1956 ganz von der Mutter und den Schwestern übernimmt und nunmehr auf eigene Rechnung führt: »Ich wechselte zum Kaufmannsberuf über, und zwar aus einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber dem Elternhaus und den Hoffnungen und Wertsetzungen des Vaters, der sich mir als Vorbild tief eingeprägt hatte.« Dabei hatte ihn seine Mutter nie zu diesem Schritt gedrängt, sie war sich aber stets ganz sicher gewesen, dass es doch einmal so kommen würde.

Konsequent baut nun der Sohn das Geschäft weiter zu einem Filialunternehmen aus. Er löst das anfangs noch relativ kleine Unternehmen aus der Schuheinkaufsvereinigung und kann auf diese Weise unabhängiger agieren. Und er führt in seinen Schuhfilialen eine Neuheit ein, die er sich 1955 bei einem Aufenthalt in London bei den Läden der »British Shoe Corporation« abgeschaut hat: Er offeriert den Kunden die sortierte Schuhware halbpaarig oder auch ganzpaarig in Auswahlständern, so dass diese selbstständig ihre Schuhe auswählen und anprobieren können – ohne dass, wie bisher üblich, die Verkäuferinnen erst umständlich eine Auswahl von infrage kommenden Schuhen aus dem Lager holen und den Käufern anbieten müssen. Gleichzeitig ist Deichmann bestrebt, stets nah bei den Kunden zu sein und bei seinem Angebot die beiden entscheidenden Fragen zu berücksichtigen: An welchen Schuhen sind die Leute vorrangig interessiert und welchen Preis sind sie bereit bzw. in der Lage, dafür zu bezahlen? Der Kundschaft gute Schuhe zu einem günstigen Preis zu verkaufen, wird zu seinem unternehmerischen Mantra.

Das Konzept kommt bei den Kunden gut an. Da Deichmann seine Gewinne immer wieder in die Firma reinvestiert, kommt schnell eine Niederlassung zur nächsten: zunächst im Ruhrgebiet, dann deutschlandweit. 1973 übernimmt Deichmann die Firma »Dosenbach« in der Schweiz, 1984 »Lerner Shoes« (heute »Rack Rooms Shoes«) in den USA und 1985 »van Haren« in Holland. 2014 ist die Firma »Deichmann« mit über 35.000 Beschäftigten in 23 Ländern Europas und den USA vertreten. Die Anzahl der Filialen beträgt rund 3.500. In ihnen werden 172 Millionen Paar Schuhe verkauft.

Deichmann, der zu Hause im kleinen Betrieb seiner Eltern erlebt hat, dass dort »die Mitarbeiter fast mit zur Familie gehörten«, achtet von Anfang an auf ein gutes Betriebsklima, auf ein firmeneigenes Wir-Gefühl aller Mitarbeiter: »Sie sind nicht in erster Linie ein Kostenfaktor, sondern sie gehören zum Unternehmen.« Er ist um einen kooperativen, partnerschaftlichen Führungsstil bemüht, bei dem die Beschäftigten sich wertgeschätzt und ernst genommen fühlen sollen. Solange es der Firmenchef bei der immer größer werdenden Anzahl seiner Filialen ermöglichen kann, besucht er jede einzelne von ihnen mindestens einmal im Jahr. Weniger der Kontrolle wegen als vielmehr, um den persönlichen Kontakt mit den Mitarbeitern zu pflegen und Informationen aus erster Hand zu erhalten. Mit den Firmenjubilaren feiert er gerne im eigenen Haus oder auf großen Jubilarausflügen. Die betrieblichen Weihnachtsfeiern werden so begangen, dass dem eigentlichen Festanlass auch tatsächlich Rechnung getragen und zugleich den vielen »Deichmann«-Angestellten ein wirkliches Gemeinschaftserlebnis vermittelt wird. Auch in die sozialen und missionarischen Aktivitäten des Unternehmens, von denen noch zu berichten sein wird, bindet man die Mitarbeiter ein. Sie werden hierüber nicht nur laufend informiert, sondern sie sind sich auch darüber bewusst, dass ein guter Umsatz, zu dem sie ja selbst beitragen, auch vermehrt Mittel für diakonische Projekte freisetzt. Viele beteiligen sich an diesen zudem durch eigene Spenden.

Deichmann, der stolz darauf ist, nie einen Mitarbeiter aus betriebsbedingten Gründen entlassen zu haben, und der überdies stets bereit ist, vielen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz in seinem Unternehmen zu ermöglichen, verlangt von seinen Angestellten zwar vollen Einsatz, er ist aber auch bereit, sie gut zu bezahlen und verantwortungsvoll für sie zu sorgen. Er führt eine Unterstützungskasse für Notleidende und eine betriebliche Altersversorgung ein, die im Einzelhandel wohl ihresgleichen sucht. Bei besonderen Familienereignissen, wie etwa Hochzeit, Geburt oder Todesfall, gibt es Beihilfen. Jeder Angestellte kann einmal an einer kostenlosen Gesundheitswoche in einem Schweizer Sanatorium bei St. Gallen im Sinne präventiver Medizin teilnehmen. »Wir haben Dinge, von denen andere träumen«, meinte einmal der langjährige Betriebsratsvorsitzende Helmut Deterding.

Doch auch ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu den Lieferanten ist Deichmann wichtig. »Die Lieferanten«, führt er 2006 in seinem Vortrag »Christliche Unternehmensethik und globale Verantwortung« aus, »sehen wir ebenfalls als Gegenüber, die durch ihre Geschäfte mit uns profitieren sollen. Sie sollen die Möglichkeit haben, durch das, was sie mit uns verdienen, in ihren Ländern und ihrem sozialen Umfeld zu einem guten Leben beizutragen. Wir haben kein Interesse daran, Lieferanten auszubeuten bis in den Ruin und dann zur Konkurrenz zu wechseln. Langfristige Partnerschaften allein garantieren kontinuierliche Qualität und Qualitätsverbesserungen.«

Deichmann bezieht seine Schuhe aus sogenannten »Billiglohnländern«, wie etwa Indien oder Vietnam. Vernichtet er damit nicht Arbeitsplätze in Deutschland? In dem schon oben erwähnten Vortrag meint der Schuhmogul dazu: »Darf man das? Arbeitsplätze verlagern […], obwohl wir ja keine Arbeitsplätze verlagern, sondern einfach einen bestimmten Auftrag an einen bestimmten Betrieb irgendwo in der Welt vergeben. Ich frage dann manchmal zurück: ›Ist das falsch?‹ Oder anders: Warum gilt ein Arbeitsplatz in Deutschland als besser im Vergleich zu einem in Indien? Gehört nicht die Armutsbekämpfung in der ganzen Welt zu den vordringlichsten Aufgaben verantwortlichen Wirtschaftens? Und wie kann Armut besser bekämpft werden als durch die Vergabe von Aufträgen, so dass qualifizierte Arbeitsplätze gerade auch in den sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern entstehen?«

Nun ist es allerdings traurige Realität, dass in nicht wenigen Schwellenländern die Fabrikanten ihre Arbeiter unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen und unter Verweigerung bzw. Missachtung selbst minimaler Arbeiterrechte beschäftigen. Das Problem blendet auch Deichmann nicht aus. In dem Leitbild des Unternehmens heißt es dann auch, dass man darauf achtet, »dass die Menschen in den Ländern der Produktionsstandorte unter menschlichen Bedingungen arbeiten können« und man sich »seinem Code of Conduct verpflichtet [fühlt]«. Dieser Verhaltenskodex orientiert sich an den Leitlinien der »International Labour Organization«, einer Sonderorganisation der UN. Zulieferer und Produzenten müssen sich dazu verpflichten, den »Code of Conduct« einzuhalten. Mit der Überprüfung der Umsetzung beauftragt Deichmann unabhängige, zertifizierte Organisationen. Auch bringt er bereits 1999 zusammen mit der »Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit« (GTZ) ein Pilotprojekt zur Verbesserung von Sozial- und Umweltstandards auf den Weg. Als Bestätigung dafür, dass der Firma »Deichmann« humane Arbeitsbedingungen bei den ausländischen Geschäftspartnern tatsächlich ein ernsthaftes Anliegen sind, mag etwa gelten, dass »Terre des hommes« sie zu den Unternehmen zählt, deren Bemühungen es »für vorbildlich hält, weil sie seriös und engagiert gegen Missstände in ihren Produktionsstätten und bei ihren Zulieferern vorgehen«.

Als Deichmann im April 2001 vom Krankenbett aus einen Beitrag des ARD-Magazins »Report Mainz« zu sehen bekommt, in dem skandalöse Zustände in einer indischen Schuhfabrik, die unter anderem auch mit Deichmann in Verbindung gebracht wird, zu sehen sind, ist er schockiert: Fabrikarbeiter ohne Schutzkleidung, Gerber, die knöcheltief im Wasser stehen, Abwässer, die ungefiltert in einen Fluss geleitet werden. Zwar stellt sich später heraus, dass der Film Zustände in einem Betrieb zeigt, mit dem das »Deichmann«-Unternehmen selbst in keinem direkten Kontakt steht. Auch bestätigte die GTZ die Haltlosigkeit der gegenüber Deichmann erhobenen Vorwürfe. Dennoch ist Deichmanns Ruf angekratzt. Für den frommen Unternehmer ist die Sendung aber ein Anlass, sich um weitere Verbesserungen im Vertrags- und Kontrollsystems mit seinen ausländischen Geschäftspartnern zu bemühen. So müssen sich etwa fortan die Zulieferer mit einem »Corrective Action Plan« einverstanden erklären, der unter anderem auch Vereinbarungen zum Umgang mit gefährlichen Stoffen und zur Entsorgung von Abfällen festlegt. Auch werden seitdem die Kontrollen in den Fabriken zum Teil durch eigene Inspektoren vorgenommen. Allerdings kann im globalen Geschäft letztendlich auch Deichmann nicht garantieren, dass in jedem Fall und auf jeder Stufe der Produktion die geforderten Mindeststandards eingehalten werden.

Einem ungezügelten Kapitalismus ohne ethisch-moralische Normierung und Begrenzung steht Deichmann sehr kritisch gegenüber. Zwar betont er einmal in einem Beitrag in der »Welt am Sonntag«, dass »ein langes, ein fast das Jahrhundert füllendes Experiment verstaatlichter Wirtschaft es ans Licht gebracht [hat], mit einem epochalen Fiasko endend, wie unentbehrlich persönliche, eigenverantwortliche, eigentumsmäßig freie Formen des Wirtschaftens sind«. Er stellt im gleichen Atemzug aber auch klar: »Das heißt aber nicht, dass eine Wirtschaft besonders ethisch genannt werden kann, die ihren Wirtschaftserfolg einzig den Aktionären zuwendet [›Shareholder Value‹], die Arbeitenden aber in die Arbeitslosigkeit schickt, die Kunden mit Monopolisierung nötigt und die Politik mit den Folgekosten siegreicher Börsenmanöver belastet. […] Erwähnen will ich die Zehn Gebote, an denen wir Maß nehmen können. Im zehnten ist vom Eigentum die Rede, aber nicht so sehr, was mir gehört, sondern von dem, was dem Nächsten verbleiben soll. Begehre nicht! Solange der arbeitende Mensch seine Mitmenschlichkeit, ohne die er nicht Mensch sein kann, vergisst und seinen echten Lebensanspruch mit seinen leeren Begierden verwechselt, muss seine Arbeit im Zeichen der Konkurrenz (Kapitalismus) oder des Klassenkampfes (Sozialismus), also im Zeichen eines Krieges stehen.« Und vor Studenten und Professoren der israelischen Ben-Gurion-Universität stellt er einmal die herausfordernde Frage: »Könnte wirtschaftliche Ethik der Beweis gelingen, dass ehrlich am längsten währt, dass Loyalität sich auszahlt, dass vielleicht sogar soziale Marktwirtschaft wirtschaftlicher sein könnte als Shareholder Value pur?«

Für den christlichen Unternehmer Deichmann ist zwar klar, dass er dafür verantwortlich ist, sein Unternehmen so auszurichten und zu gestalten, dass es profitabel arbeitet und Gewinne erwirtschaftet. Doch spricht er dem Profit keinen Wert an sich, sondern nur einen dienenden Wert zu. In dem Vortrag »Christliche Unternehmensethik und globale Verantwortung« macht er in diesem Zusammenhang neben grundsätzlichen auch sehr persönliche, die eigene Firmenphilosophie betreffende Ausführungen: »Nicht der Verdienst ist das Ziel, sondern nur ein wichtiges Mittel, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. […] Für die meisten Aktiengesellschaften ist das Ziel: Gewinnoptimierung, damit die Aktionäre zufrieden sind. […] Demgegenüber verweise ich auf die Definition von Wirtschaftsethik, wie sie Professor Herms in Tübingen formuliert hat, die sich am Begriff des ›Guten‹ orientiert, die also einen fundamentalen Grundwert benennt, der über das rein Ökonomische hinausgeht.« Dabei ist sich Deichmann bewusst, dass auch seine Firma profitabel arbeiten muss. Daher führt er wenig später aus: »In unserem Unternehmensleitbild heißt es dazu: ›Dabei ist die Gewinnerzielung für uns kein Selbstzweck. Gewinne sind notwendig, um das Unternehmen gesund zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen, die Expansion aus eigener Kraft zu ermöglichen sowie soziale Aufgaben wahrzunehmen.‹ Ich habe als Unternehmer einen gewissen Freiraum zwischen staatlich vorgegebenen Rahmenbedingungen […] und dem Verhalten der unmittelbaren Konkurrenz auf dem Markt. […] In diesem Rahmen kann ich meine Ziele und die des Unternehmens formulieren und so gut wie möglich umzusetzen versuchen. Diese Ziele aber sind die Folge meines Christseins. Denn in diesen Zielen weiß ich mich nicht nur meiner Familie, der Firma und meiner sozialen Umwelt verantwortlich, sondern in erster Linie meinem Schöpfer und Herrn. Darum hat die Firma ›Deichmann‹ von Anfang an ein klares, ›übergeordnetes Unternehmensziel‹ formuliert, das ganz schlicht in dem einen Satz zusammengefasst ist: ›Das Unternehmen muss den Menschen dienen.‹ […] Es ist der Mensch, der als Gottes Geschöpf und Ebenbild allem wirtschaftlichen Handeln sein Ziel und sein Maß gibt.«

Mitte der Siebzigerjahre besucht Heinz-Horst Deichmann zum ersten Mal Indien, wohin er aufgrund eines gespendeten Hilfsprojekts eingeladen wird. »Und dann saßen auf einmal«, berichtet er später, »500 Leprakranke vor mir. […] Sie saßen da mit ihren entstellten Gesichtern, mit ihren Gliedmaßen ohne Hände, ohne Finger, ohne Füße, zum Teil Blinde, schrecklich anzusehen! Man hätte weglaufen wollen.« Doch da erinnert sich der Christ und promovierte Arzt: »Jesus hat diese Kranken geheilt, indem er sie anrührte, die Ausgestoßenen der Welt, den Auswurf der Welt. Er hat sie geliebt. Und da habe ich gemerkt, dass man keine Verkündigung machen kann ohne innere Anteilnahme, ohne innere Bewegung, ohne dass sich ›die Eingeweide in einem umdrehen‹. So heißt das Wort, das immer im Evangelium steht, wenn es heißt, dass Jesus sich erbarmte. Und dann kann man diese Wracks von Menschen ansehen als Menschen, die Gott liebt, für die Jesus gestorben ist, die Jesus angefasst und geheilt hat.« Später schiebt der Deutsche dann selber einigen dieser von der Lepra gezeichneten Elendsgestalten bei der gemeinsamen Feier des Abendmahls das Brot zwischen die Lippen und gießt ihnen Wein in den Mund, »denn sie hatten keine Hände, keine Finger, um es selbst zu tun«. Deichmann ist überzeugt: Gerade den von der Gesellschaft ausgestoßenen Leprakranken, die ihr Schicksal als »Karma« und Fluch der Götter begreifen, dürfe und müsse die frohe Botschaft verkündet werden, dass Jesus für unsere Sünden bezahlt hat und er uns einlädt, an ihn, den von Gott gesandten Erlöser, zu glauben und ihm nachzufolgen. Aber auch ganz konkret und praktisch, durch Taten der Nächstenliebe, müsse diesen Elenden die Liebe Gottes nahegebracht werden! Fortan unterstützt Deichmann nach Kräften durch das von ihm gegründete Hilfswerk »wortundtat«1 systematisch die indischen Christen, die sich um diese Leprakranken im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh bemühen.

Ganzheitlich und nachhaltig den Menschen zu helfen, ist seine Vision, sein Programm, das er gemeinsam mit dem indischen Partner, dem Hilfswerk »AMG India«, verfolgt. Von Anfang an wird der Dienst an den Leprakranken in ein Lepra-Ausrottungsprogramm der indischen Regierung eingebunden. Dabei werden erste Feldstudien therapeutischer Art durchgeführt. Neben Kliniken werden neue Dörfer mit Unterstützung von »wortundtat« für die Aussätzigen errichtet, in denen sie leben und – soweit es ihnen möglich ist – arbeiten können. Etwa in der Milchwirtschaft oder Schweinezucht, in den Gärten und auf den Gemüsefeldern in einer einst öden Gegend, die jetzt »das Tal der Liebe« genannt wird. Wohnheime für Kinder werden geschaffen, Schulen gegründet und den jungen Menschen Ausbildungsmöglichkeiten in den unterschiedlichsten Berufsfeldern angeboten.

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