Christiane Dalichow

Ich, Katharina Luther,

erzähle Euch aus meinem Leben

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© 2017 by edition chrismon in der

Evangelischen Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Konzept: BirnsteinsBüro, Lutherstadt Wittenberg

Redaktion: Uwe Birnstein, Sonja Poppe

Cover: Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH · Frankfurt am Main, Anja Haß

Innengestaltung: Formenorm · Friederike Arndt, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-96038-107-5

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einleitung

Zuhause

Im Kloster

Meine unstillbare Neugier

Die Flucht

In Wittenberg

Der Mann fürs Leben

Unsere Hochzeit

Das Leben im Schwarzen Kloster

Alleinsein

Kinder Gottes, nicht des Teufels

Mutter und Vater sein

Martinus stirbt

Meine letzte Zuflucht

Dankbarkeit

Wir Kirchenfrauen

Lebensdaten

Buchempfehlungen

Herbst in Wittenberg, in meinem geliebten Schwarzen Kloster: Was für ein wundervoller Platz, an dem ich hier sitze. Danke, dass Ihr das steinerne Portal, das ich einst Martinus schenkte, nicht zerstört habt. Hier saßen wir oft in jener Zeit, an die Ihr nach 500 Jahren so gerne und so ehrfürchtig zurückdenkt. Hier war unser Zuhause, hier waren wir angekommen: der Mönch und die Nonne, beide aus der Enge des Klosterlebens und aus den Zwängen der Papstkirche befreit. Hier bekam ich unsere Kinder, hier bewirteten wir unsere Gäste, hier erlebten wir die Freuden und Nöte des Alltags.

In letzter Zeit sitze ich wieder öfter hier, unerkannt von Euch. So viele Menschen gehen an mir vorbei, Männer und Frauen, die viele Sprachen sprechen und zum Teil so aussehen, als kämen sie von weit her. Sie stehen wie gebannt in diesem wunderschönen Hof, zahlen Eintritt dafür, dass sie unsere damaligen Wohnräume und viele Schriften Martins anschauen dürfen. Sogar an unserer Latrine haben sie Interesse und an den Scherben unserer Trinkbecher – es ist erstaunlich! Manchmal erinnert mich das an die Verehrung von Heiligen, die zu meinen Lebzeiten so viele Menschen praktizierten. Dabei waren wir doch ganz normale Menschen – wie Ihr!

Vor mir sehe ich eine Bronzestatue: Ein Denkmal von mir, von Katharina von Bora, der Lutherin! Ja, der Bildhauer hat mich gut getroffen, so energisch war ich tatsächlich. Verwunderlich, dass einige meinen Ring berühren, er wirkt durch die vielen Berührungen wie frisch poliert. Ach, hätten mich die Menschen damals nur so geachtet und respektiert wie Ihr es heute tut!

Andererseits freue ich mich darüber, dass mein Leben doch nicht ganz in der Versenkung der Geschichte verschwunden ist. Viele versuchten, Bücher über mich zuschreiben. Leider habt Ihr viele Briefe von mir, die ich Martinus und anderen schrieb, nicht aufbewahrt. So haben einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller munter drauflosfantasiert, wie ich so gelebt haben könnte.

Also habe ich mich hingesetzt und aufgeschrieben, wie es wirklich war.

Katharina Luther,

geborene von Bora

Zuhause

Meine Familie gehörte zum sächsischen Landadel, aber reich waren wir nicht. Meine Eltern Hans und Margarete lebten in bescheidenen Verhältnissen auf einem Gutshof in Lippendorf südlich von Leipzig. Dort wurde ich im kalten Januar anno 1499 geboren – es war am 29., einem Montag.

Kurz darauf musste mein Vater den Hof verkaufen und wir zogen auf das kleine Gut Zülsdorf. Ich habe wenige, aber schöne Erinnerungen an meine Kindertage dort. Es war ein Bauernhof mit allerlei Vieh: Gänse, Kühe, Schweine, Schafe und Pferde. Für mich als kleines Mädchen wirkte der Hof riesengroß. Dort wuchs ich gemeinsam mit meinen Geschwistern auf und wusste ihnen stets genau zu zeigen, wo die Hühner ihre Eier versteckten. Manchmal sehe ich das alles noch heute vor meinem inneren Auge. Oh wie ich es liebte, wenn die Sonne des Morgens aufging und die frische Luft erwärmte, wenn der Duft von saftigem Gras über die Felder wehte und das Korn sich vom Wind sanft wiegen ließ!

Doch dann wieder ziehen dunkle Wolken durch meine Erinnerung. Meine Mutter starb und bald darauf gab mich Vater zur Versorgung und Erziehung ins Benediktinerinnenkloster in Brehna. Ich war erst etwa fünf Jahre alt. Nach meinen eigenen Wünschen fragte niemand.

Dem Vater war es wichtig, dass es mir gut ging, und zu dieser Zeit war es nicht das Schlechteste, in einem Kloster untergebracht zu werden. Vater wusste, dort würde ich regelmäßig mit Mahlzeiten versorgt und die Gemeinschaft würde sich auch sonst um mich kümmern. Ich hätte ein Bett, ein Auskommen und sogar die Möglichkeit, Lesen und Schreiben zu lernen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Familien oft diesen Weg für ihre Kinder wählten, wenn sie nicht mehr wussten, wie sie sonst für sie aufkommen sollten.

Als der Tag des Abschieds kam, war ich schrecklich ängstlich. Wie sollte ich mich auch sonst fühlen? Der Pferdewagen stand schon am frühen Morgen auf dem Hof. Vater saß vorn und hielt die Zügel in der Hand. Ich hatte kaum Gelegenheit, mich zu verabschieden. Ein letztes Mal schaute ich nach den Gänsen und den Schweinen. Dann musste ich meiner Schwester und den Brüdern Lebewohl sagen. Alles, was ich kannte und liebgewonnen hatte, sollte ich nun hinter mir lassen. Allzu gern wäre ich bei Vater und auf dem Hof geblieben. Dass ich nie wieder zurückkehren würde, konnte ich damals noch nicht ahnen. Der Wagen fuhr los. Tränen rannen mir übers Gesicht. Ich blickte mich um: Mein Zuhause wurde immer kleiner und kleiner, bis es schließlich am Horizont verschwand. Ich hatte keine Vorstellung davon, was auf mich zukommen würde. Ich wusste nur, dass sich nun etwas änderte.

Im Kloster