WOLFGANG RATZMANN/THOMAS A. SEIDEL (HRSG.)

Eine Insel
im roten Meer

Erinnerungen an das
Theologische Seminar Leipzig

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ISBN 978-3-374-04871-7

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Vorwort

Konnte man in der vormaligen DDR evangelische Theologie studieren? Ja, man konnte. Da gab es zum einen die Theologischen Fakultäten oder später so genannten »Sektionen Theologie« an den Universitäten in Jena, Leipzig, (Ost-)Berlin, Halle, Rostock und Greifswald, die institutionell mehr oder minder in das SED-politische Reglement eingebunden waren.1 Doch auch hier wirkten neben politisch angepassten Professoren ebenso solche, die unter diesen komplizierten Bedingungen ihre persönliche und fachliche Integrität zu wahren wussten. Daneben schufen sich die evangelischen Landeskirchen eigene, weitgehend staatsunabhängige kleine Hochschulen in Erfurt, Naumburg, Berlin – und Leipzig, um auch solchen jungen Leuten ein Theologiestudium zu ermöglichen, denen aus politischen Gründen der Besuch der »Erweiterten Oberschule«, d. h. ein gymnasialer Abschluss, verweigert wurde, und um generell die Freiheit der Theologie in Forschung, Lehre und Ausbildung auch institutionell zu wahren.

Das Theologische Seminar Leipzig (ThSL) war eine von jenen vier DDR-staatsunabhängigen Hochschulen, an denen junge Menschen – anfangs waren es vor allem junge Männer – aus unterschiedlichen Gründen ihr Studium aufnahmen. Die einen suchten bewusst die Kirchennähe einer Studieneinrichtung, weil sie sich schon früh für einen künftigen kirchlichen Dienst entschieden hatten. Die anderen zog vor allem die Unabhängigkeit vom staatlichen Bildungssystem an, weil sie schon oft die rigide Hand staatlicher Funktionäre gespürt hatten. Wieder andere suchten nach einer Bildungsmöglichkeit jenseits der Schule, weil ihnen ein Abitur verweigert worden war. Was die Studenten hier vorfanden, waren äußerlich eher bescheidene Verhältnisse, von denen in diesem Buch mitunter auch erzählt wird. Unter den restriktiven Bedingungen eines kirchenfeindlichen Regimes und einer finanziell eher schwachen Kirche dauerte es lange, bis sich die Lehrräume, die studentischen Unterkünfte oder die Bibliothekssituation spürbar verbesserten. Die Studienstruktur entsprach, wie an den Theologischen Fakultäten, dem klassischen Theologiestudium mit seiner Aufgliederung in die Hauptfächer Kirchengeschichte, Altes und Neues Testament, Systematische und Praktische Theologie, ergänzt von einzelnen Nebenfächern wie Missionswissenschaft, Ökumenik oder Kirchliche Kunst – freilich mit einer wichtigen Ausnahme: es gab hier eine dem Studium vorgeschaltete humanistische Vorausbildung in den für ein Theologiestudium wichtigen gymnasialen Fächern wie Deutsch oder Geschichte, Englisch oder Latein. Inhaltlich noch entscheidender war es allerdings, dass die marxistischen Erziehungs- und Bildungsideale, die die DDR-Regierung an ihren Schulen und Hochschulen massiv durchsetzte, hier keine Rolle spielten. Es waren eher der Geist der früheren humanistischen Gymnasien und die Bildungsintentionen aus evangelischem Glauben, die hier die Atmosphäre prägten. Dazu gehörte das bewusste Bemühen, den einzelnen Studierenden zu fördern und ihn nicht einfach als Ausbildungsobjekt zu betrachten. Allen, die hier unterrichteten, lag es am Herzen, an diesem besonderen Lern- und Lebensort, so bescheiden er sich äußerlich präsentieren mochte, den Studentinnen und Studenten eine umfassende Bildung auf der Höhe der jeweiligen europäischen und weltweiten ökumenischen geistigen Debatten zu vermitteln. Und sie genossen es, an diesem Hause den staatlichen ideologischen und politischen Einengungs- und Abgrenzungsstrategien nicht ausgeliefert zu sein.

Im Unterschied zum damaligen sozialistischen Hochschulwesen wurden Studierende auf unterschiedliche Weise mit in eine echte akademische Selbstverwaltung einbezogen. Sie konnten in vielen Kommissionen mitwirken und wichtige Entscheidungen der Hochschule beeinflussen. Auch wenn die Lernprozesse in Sachen Mitbestimmung und Demokratie nicht spannungsfrei abliefen, auch wenn das Wünschenswerte nicht immer mit dem Machbaren zur Deckung zu bringen war, wird man sagen können: Das Theologische Seminar war strukturell so etwas wie ein Trainingsort in Sachen Demokratie. Das betraf einmal die Haltung vieler Studierender den Kirchen gegenüber, deren Strukturen und Konzepte durchaus kritisch wahrgenommen wurden. Und das betraf ebenso die gesellschaftlichen Entwicklungen. Nicht zufällig suchten zahlreiche Studierende vor und während der Friedlichen Revolution von 1989/90 den Kontakt zu den neu sich bildenden gesellschaftlichen Gremien. Viele arbeiteten engagiert in den neuen demokratischen Parteien und Gruppierungen mit und sie übernahmen teilweise nach 1989 auch beruflich politische Ämter als Stadträte, Bürgermeister o. ä. Es zeigte sich, dass dieser besondere Freiraum nicht nur kirchlich oder theologisch nützlich gewesen war, sondern dass er mit dazu beitragen konnte, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse friedlich veränderten.

In den Jahren von 1964 bis 1991 nutzten 938 Jugendliche die Möglichkeit des Studiums am Theologischen Seminar Leipzig; 575 legten in dieser Zeit das Erste Theologische Examen ab. Umfassend humanistisch und theologisch gelehrt, kritisch begleitet und professionell angeleitet wurden sie von fünf bis sechs hauptamtlichen humanistischen Dozentinnen und Dozenten, die sie in den Alten Sprachen, aber auch in Deutsch, Englisch, Literatur, Philosophie und Geschichte unterrichteten, und von zehn hauptamtlichen theologischen Dozenten, die sie in die verschiedenen theologischen Fächer einführten. Hinzu traten eine ganze Schar von nebenamtlich tätigen Lehrbeauftragten, die als Spezialisten in einem besonderen Fach, z. B. im Fach Kunstgeschichte und Kirchliche Kunst, den Studienplan wesentlich bereicherten. Einigen der hier tätigen Dozenten und Dozentinnen war nicht zuletzt aus »politischen« Gründen eine Hochschulkarriere an einer DDR-Universität verwehrt worden.

Schon vor 1989 wurden die Kirchlichen Hochschulen in Gesprächen unter Studierenden mitunter als Inseln im roten Meer bezeichnet. Hinter dieser Metapher standen die eigene aktuell erfahrene und mehr oder weniger erlittene Gegenwart inmitten einer »roten«, kommunistischen Weltanschauungsdiktatur und die biblische Geschichte des Auszugs der Kinder Israels aus Ägypten. Man gebrauchte dieses Bild ironisch und liebevoll, mit einem Augenzwinkern und einer Portion Sarkasmus, insgeheim jedoch dankbar und wertschätzend. Christoph Michael Haufe, Dozent für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar, griff die Metapher ganz selbstverständlich in einem Aufsatz 1993 auf, in dem er hier vom »insularen Dasein« im »Roten Meer des ›realexistierenden Sozialismus‹« sprach.2 Dabei klingt zugleich kritisch etwas von den Grenzen einer insularen Abgeschlossenheit an, von der auch einige Beiträge dieses Buches erzählen. Eberhard Jüngel hatte die SED-staatsunabhängigen Ausbildungsstätten der evangelischen Landeskirchen in Erfurt, Naumburg, Leipzig und Berlin mit einem anderen Bild als »Oasen des Geistes« bezeichnet.3 Und Wolf Krötke, ehemaliger Dozent für Systematische Theologie im früheren »Sprachenkonvikt« in Ostberlin, einem der Parallelinstitute des Theologischen Seminars Leipzig, späterer Professor an der Humboldt-Universität, griff mit seinem Vortrag zum 50. Gründungsjubiläum des Theologischen Seminars wiederum auf die Insel-Metapher zurück.4

Jeder bildhafte Vergleich hat gewiss seine Grenzen: Auch die Leitung des Theologischen Seminars lebte institutionell nicht auf einer völlig abgeschotteten Insel, sondern kam ohne elementare Absprachen mit staatlichen Vertretern, z. B. in Fragen des Wehrdienstes für Studierende oder der studentischen Fahrpreisermäßigungen bei der Deutschen Reichsbahn, nicht aus. Jeder Rektor benötigte für seine Kontakte mit staatlichen Vertretern ein großes Maß an innerer Festigkeit, um die Eigenständigkeit einer kirchlichen Hochschule und ihrer Prinzipien nach außen zu vertreten, aber auch an Kommunikationsbegabung, um das politisch Mögliche auszuhandeln. Und wiederum konnte man bisweilen auch außerhalb kirchlicher Strukturen mitunter erstaunliche »Inselerfahrungen« im sonst so geschlossenen realsozialistischen Bildungs- oder Kulturbetrieb sammeln, beispielsweise an einzelnen Theologischen Fakultäten, vorwiegend abseits der Metropolen Berlin und Leipzig.

Aber wie begrenzt oder vielfältig die Bilder sein mögen: In diesem – innerkirchlichen und außerstaatlichen – »Windschatten« bestand für aufgeschlossene junge Menschen die Möglichkeit, randständige und zentrale historische, philosophische, politische wie theologische Themen zu analysieren und zu debattieren. Auf diese Weise wurden für manch einen und manch eine die intellektuellen und mentalen Grundlagen einer sehr breit gefächerten Bildung und lebendigen Kritikfähigkeit gelegt, die über eine bloße Weltanschauungsdebatte nach dem Muster »Marx gegen Christus« oder »Theismus kontra Atheismus« weit hinausging. Die meisten Absolventen gingen nach dem Ersten Theologischen Examen in ihre Landeskirchen und übernahmen dort nach Vikariat und Zweitem Examen eine Pfarrstelle. 1989 dürften mehr als die Hälfte aller Pfarrerinnen und Pfarrer in Sachsen Absolventen des Theologischen Seminars Leipzig gewesen sein. Auch in den lutherischen Landeskirchen von Mecklenburg und Thüringen und in den unierten Kirchen der Kirchenprovinz Sachsen und Brandenburgs waren unter den Pfarrerinnen und Pfarrern viele Absolventen der Leipziger kirchlichen Hochschule.

Wie schon erwähnt, zählten manche der Absolventen später in ganz unterschiedlicher Weise und Intensität zu den Akteuren, die die Friedliche Revolution des Jahres 1989 geprägt und getragen haben. Davon gehörten einige der ersten, die meisten jedoch der zweiten und dritten (ost-)deutschen Nachkriegsgeneration an. Sie umfassen die Jahrgänge von 1940 bis 1960. Man könnte sie somit als »Kinder des Kalten Krieges« apostrophieren, was beschreiben soll, dass sie ihre Sekundärsozialisation, ihre wesentlichen Prägungen als Jugendliche, im geteilten Deutschland der 1960er und 1970er Jahre erlebten. Sie sind hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen, und dies mit Bewusstsein zu einer Zeit, als die heißen Phasen des Kalten Krieges vorüber waren. Viele von ihnen entstammen christlichen Elternhäusern. Sie waren aufgewachsen in den protestantischen Biotopen Ostdeutschlands, was Ehrhard Neubert dazu veranlasst hat, von einer »protestantischen Revolution« zu sprechen5. Vom Krieg, von Hitlerjugend und vom Kirchenkampf hörten sie aus den stockenden Erzählungen der Eltern und Großeltern. Auch vom Hunger und Chaos der Nachkriegsjahre, in den Gesprächen am Küchentisch (zu) oft als »[…] Zeit echter Zufriedenheit mit dem Wenigen, Lebensnotwendigen«, »dem Erleben menschlicher Wärme und Bescheidenheit« verklärt, blieben weitergesagte Spuren. Die kirchenkampf-ähnlichen Auseinandersetzungen zwischen SED-Staat und den ostdeutschen Kirchen der vierziger und fünfziger Jahre hatten inzwischen an Schärfe verloren. Dennoch waren die Folgen dieser zwiespältigen und angstvollen Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegsgeneration für die Nachgeborenen deutlich zu spüren. Es schien, als sei bei den »Alten« auf die heftigen, von Resten nationalen Empfindens und evangelisch-volkskirchlichen Selbstbewusstseins getragenen Proteste gegen die willkürlichen Verhaftungen von »Agenten und Boykotthetzern«, gegen undurchsichtige und rabiate Enteignungen (1945/48), gegen vielfältige Repressionen des Staates gegenüber den »konterrevolutionären« Jungen Gemeinden und den Studentengemeinden (1952/53) und gegen die Einführung der Jugendweihe (ab 1954), als sei schließlich dem frustrierenden Erleben der brutalen Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 und den sich anschließenden Massenverhaftungen mehr und mehr die Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, nach Beheimatung gefolgt. Auch die besonderen Leipziger Erfahrungen des Jahres 1968, als der SED-Staat auf Geheiß Walter Ulbrichts eine im Krieg völlig erhalten gebliebene spätgotische Hallenkirche, nämlich die mit der Kultur- und Universitätsgeschichte der Messestadt eng verbundene Universitätskirche St. Pauli, sprengen ließ, führten meist nicht zu einer nach außen hin spürbaren Kursänderung. Besonders für viele lutherisch geprägte Pfarrerinnen und Pfarrer war es ein ernstes theologisches Problem, ob das SED-Regime selbst bei solchen massiven Fehlentscheidungen als »Obrigkeit« nicht ertragen werden müsse. Deshalb hatten sie nicht den öffentlichen Protest gewählt, sondern mit Briefen oder Eingaben den Entscheidungsträgern ins Gewissen zu reden versucht. Ähnlich verhielten sich Dozenten des Theologischen Seminars. Mit Respekt wurde die Haltung des damaligen Dekans der Theologischen Fakultät Leipzig, Prof. Dr. Ernst-Heinz Amberg, zur Kenntnis genommen, der als einziger Hochschullehrer im Senat der Universität seine Zustimmung zur Sprengung verweigerte. Aber unter den Studierenden kam es in dieser Zeit zu deutlichen Unruhen und Protestaktionen, an denen Angehörige der kirchlichen Hochschule, aber auch der damaligen Theologischen Fakultät beteiligt waren. Dieser christliche Widerstand wurde durch gezielte Verhaftungen einzelner Studierender bald erstickt.

Um das Theologische Seminar, eine dieser Inseln im roten Meer, geht es also in diesem Erinnerungsband. Im Jahr 1990 hatte es durch die damalige demokratisch gewählte DDR-Regierung endlich die Hochschulrechte erhalten und den neuen Namen »Kirchliche Hochschule Leipzig« angenommen. Doch bereits 1992 wurde es mit der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig zusammengeführt und beendete damit seine eigenständige Existenz. Ein Jahr später erschien eine erste historische Bestandsaufnahme: »Vier Jahrzehnte kirchlich-theologische Ausbildung in Leipzig«6. Eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Theologischen Seminars, die gleichwohl dringend erforderlich ist, ist eben erst begonnen worden. Diese kann und soll dieses Buch nicht ersetzen. Aber es kann sie in seiner Weise ergänzen, insofern in ihm – Mosaiksteinchen gleich – vielfältige Erfahrungen Betroffener in und mit dieser besonderen Hochschule berichtend oder erzählerisch festgehalten werden.

Die meisten Texte sind speziell für diese Veröffentlichung verfasst worden, und zwar von Ehemaligen, die heute als Publizisten oder Literaten, als Professoren, als Pfarrerinnen und Pfarrer oder als Inhaber kirchlicher Leitungsämter tätig bzw. tätig gewesen sind. Sie sind zu ganz unterschiedlichen Zeiten an der Leipziger Hochschule gewesen und beschreiben deswegen die Situation, wie sie sie damals erlebt haben. Einige wenige Beiträge berichten noch aus der Zeit, in der das Theologische Seminar Leipzig rechtlich noch gar nicht gegründet war, sondern in der es noch unter dem Dach der Leipziger Mission als »Missionsseminar« oder »Mi-Haus« als theologische Ausbildungsstätte arbeitete. Und einige andere Beiträge erzählen sehr anschaulich von den letzten Jahren seiner Existenz, als gerade in Leipzig revolutionäre Zeiten anbrachen und als sich aus der Friedlichen Revolution vielfältige Prozesse gesellschaftlicher Transformationen ergaben, die auch für die Strukturen der theologischen Bildung in Leipzig mit der Eingliederung der Kirchlichen Hochschule in die Theologische Fakultät einschneidende Konsequenzen hatten. So unterschiedlich die Zeiten waren, die im Hintergrund der einzelnen Berichte stehen, und so fragmentarisch der jeweilige Gegenstand sein mag, der betrachtet wird – wir als Herausgeber hoffen, dass alle Texte in je ihrer Weise etwas von den Konturen jener besonderen Insel im roten Meer aufzeigen können, die seit den 1950er Jahren bzw. seit dem juristischen Gründungsdatum 1964 und bis 1992 in der sächsischen Messestadt zu Hause war.

Wir könnten dieses Buch nicht vorlegen ohne die Mithilfe vieler anderer: So sei allen Autorinnen und Autoren für ihre Berichte von Herzen gedankt. Ein herzlicher Dank gebührt Matthias Katze, der das Namensregister erstellt hat. Ebenso danken wir den vielen Spendern, die durch teilweise erhebliche finanzielle Zuschüsse den Druckkostenzuschuss ermöglicht haben, so dass bei einer schönen Ausstattung dennoch der Preis des Buches niedrig gehalten werden konnte. Zu den Spendern gehören viele ehemalige Dozenten und Studierende des Theologischen Seminars, stellvertretend für sie sei der frühere Dozent für Alte Sprachen Robert Rosenkranz mit einer namhaften Spende genannt, aber auch die drei Landeskirchen, die früher zu den Trägerkirchen der Leipziger Hochschule zählten, nämlich die Ev. Kirche Mitteldeutschlands (als Rechtsnachfolger der Thüringer Landeskirche), die Ev.-Luth. Nordkirche (als Rechtsnachfolger der Mecklenburgischen Landeskirche) und die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens. Ebenso gehört auch die Vereinigte Ev.-Luth. Kirche (VELKD) zu den Spendern, die in der Zeit der deutschen Teilung das Theologische Seminar Leipzig immer wieder von ihren Dienststellen in Hannover und Berlin aus auf vielfältige Weise wesentlich unterstützt hat.

Wir sind sicher, dass zu den Lesern und Leserinnen dieses Buches viele Ehemalige gehören werden, die mit der Leipziger Hochschule biografisch eng verbunden sind. Aber wir wünschen diesem Erzählbuch auch junge Leserinnen und Leser, die durch die Beiträge dem begegnen, was ihre Eltern oder Großeltern früher erlebt haben, und die möglicherweise dadurch auch Anregungen für ihre eigenen Studien heute finden können.

Leipzig und Weimar, am Reformationstag 2016

Die Herausgeber

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Vom Missionsseminar zum Theologischen Seminar

WILHELM SCHLEMMER

Alltag und Lichtblicke

Das »Mi-Haus« der 1950er Jahre ohne und mit Gottfried Voigt

HUBERT SCHIERL

Gute Manieren inklusive

Studentischer Alltag in den 1960er Jahren

ANDREAS VOIGT

Nach und nach aus Engführungen befreit

Vom »Mi-Haus« zum Theologischen Seminar

Ereignisse, Personen, Erfahrungen am Theologischen Seminar

JOHANNES BERTHOLD

Wie ein kleiner Frühling

Geistliche Studienergänzung in der Bruderschaft Liemehna

CHRISTOPH DIECKMANN

»Hörnse druff!«

Weltliche Erinnerungen an das Theologische Seminar Leipzig

HANS-JÖRG DOST

Innere Angelegenheiten

Oder: Entscheidung am Lindenauer Markt

WILFRIED ENGEMANN

Dritter Weg – erste Wahl

Studium als Vorbereitung für die »Fahrt aufs offene Meer«

WOLFGANG GEILHUFE

»So könnte es möglich sein.«

Studentenseelsorge in Geh-Struktur

GERHARD GRAF

Auf geraden und krummen Wegen

Die Beschaffung von Westliteratur für die Bibliothek

HEIKO FRANKE

Gastgeber und Wegbegleiter

Erinnerungen an Ulrich Kühn

WOLFGANG HEGEWALD

Studium als Freiheitserfahrung

Aus den Erinnerungen eines dankbaren Kirchenasylanten

CHRISTOPH KÄHLER

Kommunikatives Handeln

Harald, Habermas und die Erziehung eines Dozenten

ERNST KOCH

Mongolisch VII

Erstaunliches und Unwahrscheinliches im Sprachunterricht

ROLAND KUTSCHE

Die schönste Nebensache der Welt

Theologen auf der Nonnenwiese

CHRISTOPH DIECKMANN

Wieder Zweiter!

CHRISTIAN MENDT

Gott hinterherdenken

Einblicke in einen subversiven Bildungsort

OLAV METZ

Schwer enttäuscht

In der Schule der Verantwortung

ANDREAS MÜLLER

Ein Tor zur Welt

Ökumenische Kontakte zum Queen’s College in Birmingham

CHRISTOPH SCHNEIDER

Himmlische Fügung

Ein katholischer Dozent am evangelischen Seminar

CHRISTIAN SCHULZE

»Konzentrationspunkt feindlich-negativer Personen«

Unterrichtserfahrungen und Stasi-Urteil

HANS SEIDEL

Theologie mit allen Sinnen

Musische Bildung als Teil des Theologiestudiums

THOMAS A. SEIDEL

Lindenhayn

Ein studentisches Wohngemeinschaftsidyll

DIETMAR SELUNKA

Räume, Personen, Rituale

Erinnerungen an Atmosphärisches aus den Jahren 1967–1972

MARTIN STEINHÄUSER

Angezettelt

Retrospektiven zu einem rebellischen Luther-Schauspiel

JÖRG UTPATEL

»Die Band« und Phyllis

Tanzmusik am Theologischen Seminar

HARALD WAGNER

Frieden, Macht und Angst

Das interdisziplinäre Seminar zum Thema »Frieden« im Sommersemester 1984

JÜRGEN ZIEMER

Umstrittene Ehe

Ein studentischer Brief und die Ehescheidung eines Dozenten

In Zeiten gesellschaftlicher Revolution und Transformation

ANGELA KUNZE-BEIKÜFNER

Studienbeginn in Zeiten des Umbruchs

Die Vorausbildung an der Kirchlichen Hochschule 1990/91

NADJA PAPAGEORGIU

Wunderbare Notgemeinschaft.

Studieren mit Kind und Kegel

WOLFGANG RATZMANN

Mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz

Wie aus Dozenten Professoren wurden

RAINER STAHL

»Ob es dann die DDR noch gibt?«

Prophetisches in der Dozentenkonferenz

CHRISTIAN STEINBACH

Gesprächskultur über Gräben hinweg

Ein theologisch-pädagogischer Sonderkurs unter dem Dach des Theologischen Seminars

KATRIN WUNDERWALD

»Ich bin richtig«

Anfangen kurz vor dem Ende

Anhang

WOLFGANG RATZMANN

Inselerzählungen

Ein Nachwort

Die Dozentinnen und Dozenten

des Theologischen Seminars bzw. der Kirchlichen Hochschule Leipzig

Die Rektoren

des Theologischen Seminars bzw. der Kirchlichen Hochschule Leipzig

Biogramme

der Autorinnen und Autorinnen

Personenregister

Bildnachweis

Weitere Bücher

Fußnoten

Vom Missionsseminar zum Theologischen Seminar

WILHELM SCHLEMMER

Alltag und Lichtblicke
Das »Mi-Haus« der 1950er Jahre ohne und mit Gottfried Voigt

Das rote Meer

Meine Zeit im Theologischen Seminar Leipzig lag im Schatten zweier für Leipzig prägender Ereignisse: dem 17. Juni 1953, an dem ich als Lehrling für Maschinenbau im Stadtzentrum aktiv beteiligt war, und dem 30. Mai 1968, an dem die Universitätskirche barbarisch und gegen den ausgesprochenen Willen der Bevölkerung und gegen alle Proteste gesprengt wurde. Am 25. März 1954 erklärte zwar die Sowjetunion die DDR zu einem souveränen Staat mit dem Recht, »nach eigenem Ermessen über ihre inneren und äußeren Angelegenheiten zu entscheiden«; tatsächlich aber hatte sich nichts daran geändert, dass alles nach den Vorgaben aus Moskau zu laufen hatte. Die Gründung des Warschauer Paktes am 14. Mai 1955, der die Einbindung der DDR auch militärisch in den Ostblock stabilisierte, war ein Beleg dafür. Beim Rückblick auf die Jahre ist von heutiger Sicht aus verwunderlich, dass wir tatsächlich wie auf einer Insel leben konnten. Die Mehrzahl in meinem »Kurs« war zwar in ihrer persönlichen Vergangenheit von der DDR gezeichnet (bis hin zu mehrjährigen Hafterfahrungen), aber in unserem Alltag war das tatsächlich Vergangenheit und das Seminar ein Neuanfang.

Die berühmte Geheimrede Chruschtschows im Februar 1956, in der er mit den verbrecherischen Herrschaftsmethoden Stalins abrechnete und die anschließend das große Stalindenkmal am damaligen Karl-Marx-Platz und manche Straßennamen verschwinden ließ, schlug bei uns natürlich wie eine Bombe ein und hatte eine – durch die Erfahrungen von 1953 und die weitere Herrschaft Walter Ulbrichts – gebremste Hoffnung auf bessere Zeiten geweckt, vielleicht auch eine gewisse Unbekümmertheit unter uns im Blick auf die Situation und die Zukunft unserer Kirche. Die Staats- und Parteiführung der DDR hatte mit dem Aufbau der Nationalen Volksarmee, mit enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit der Massenflucht in die Bundesrepublik u. a. so viele fundamentale Probleme zu bewältigen, dass uns vom äußeren Bild her ein Schattendasein zugutekam. Wir hatten uns nach meiner Erinnerung auf ein Inselleben eingelassen und ließen Gedanken über aktiven Widerstand oder neue Umsturzversuche ruhen. Deutliche Reformgedanken für den weiteren Weg der Landeskirche angesichts des Rückgangs der Zahl der Gemeindeglieder oder Überlegungen zum Widerstand gegen die Diktatur der DDR-Behörden entwickelten sich erst später in der Gemeindearbeit.

Wie wir nach 1989 erfuhren, hatte die DDR natürlich immer wieder versucht, sich in die inneren Angelegenheiten der kirchlichen Ausbildung einzumischen bzw. diese zu kontrollieren. Ich denke daran, dass wir eines Tages in unserem Kurs einen Neuzugang hatten, der nach eigenen Aussagen an der »Arbeiter- und Bauernfakultät« (ABF) begonnen hatte, Theologie (!) zu studieren, und dies nun am Missionshaus fortsetzen wollte, der sich aber sehr bald als Außenseiter offenbarte und nach kurzer Zeit das Seminar auch wieder verließ. War er von Mielke geschickt worden? Ich weiß es nicht. Andererseits hatte das Seminar eine Bibliothek, um die wir von vielen Kollegen von der Universität beneidet wurden. Nach unserer Sicht war jedes theologische Werk und ein Großteil der belletristischen Literatur vorhanden und konnte ausgeliehen werden. Die Mauer war eben noch nicht gebaut, und der Bücherverkehr vor allem von West-Berlin in die DDR lief überraschend gut.

Unterschiedliche Studienerfahrungen am »Mi-Haus«

Bei mir persönlich kam der Wunsch, Theologie zu studieren, bereits in der Kindheit auf. Im 8. Schuljahr forderte unser Klassenlehrer jeden Schüler und jede Schülerin auf, einzeln nach vorn an die Tafel zu kommen und den Berufswunsch anzuschreiben. Neben den üblichen Berufen stand dann auch »Missionar« an der Tafel, was den Lehrer veranlasste, zu fragen: »Du willst also die Neger bekehren?« Neben anderen Auffälligkeiten war auch dies ein Grund, mir – nach anfänglicher Zulassung – wenige Tage vor dem Schuljahresabschluss und den Sommerferien den Besuch der Oberschule mit Abitur zu verweigern. Der offene aggressive Kampf gegen die Junge Gemeinde, der im April 1953 durch eine Sonderausgabe der FDJ-Zeitung »Junge Welt« zum Höhepunkt kam, hatte begonnen. Der staatliche Terror führte zu zahlreichen Schauprozessen, u. a. gegen den Leipziger Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler.

Wollte ich nicht das Wagnis eingehen, in eine von mir nichtgeliebte Berufsausbildung verpflichtet zu werden, war jetzt Eile geboten, und ich suchte und fand im Bekanntenkreis eine Lehrmöglichkeit und wurde zunächst also Maschinenschlosser. Nach zwei Jahren legte ich als Sechzehnjähriger die »Facharbeiterprüfung« ab und war nun frei für neue Entscheidungen. Das Katechetische Oberseminar in Naumburg in der benachbarten Kirchenprovinz Sachsen, das unter uns einen guten Ruf hatte, kam für mich nicht in Frage, weil die Landeskirche Sachsens eine Mitfinanzierung ablehnte und meine Familie die Gesamtkosten (bei sechs Kindern in der Ausbildung) nicht aufbringen konnte. Eine Bewerbung in Leipzig scheiterte. Lizentiat Helmut Appel (damals Seminardirektor und »der Lic« genannt, der es ablehnte, seinen »Lic« in einen »Dr. theol.« umzuwandeln) sagte kurz und klar: »Sie sind mir noch zu jung«. Ein Jahr später, im Frühjahr 1955 wurde ich dann probeweise aufgenommen. Damals hieß das spätere Theologische Seminar noch Leipziger Missionshaus, kurz »Mi-Haus« genannt, der Missionsdirektor Carl Ihmels wachte streng über Lehre und Wandel der Seminaristen und der Dozenten, die Missionslehre war fest in den Stundenplan des schulmäßig gestalteten Unterrichts integriert, und der »Missionsneger« saß noch auf der Sammelbüchse und nickte bei jedem Geldeinwurf für die Arbeit der Äußeren Mission.

Das anfänglich monatlich zu zahlende Lehrgeld musste ich durch Ferienarbeit verdienen, wobei mir natürlich meine handwerkliche Berufsausbildung behilflich war. Am liebsten versuchte ich, im westlichen »Ausland« (West-Berlin oder Hamburg) eine Aushilfsanstellung zu bekommen, denn dann vermehrte sich der Verdienst durch die Umtauschquote West-Ost im Verhältnis 1 : 5 beträchtlich. Zum Unterrichtsgeld kamen noch diverse offizielle Schulden, die es zu begleichen galt. Im Missionshaus Paul-List-Straße, wo bis zum Einzug in das Haus Mozartstraße alle Unterrichtsveranstaltungen stattfanden und für die Mehrheit der Seminaristen auch die Studentenzimmer waren, gab es den Büchertisch von »Papa Schmidt«. Dieser war – trotz seines in unseren Augen fortgeschrittenen Alters – in der Beschaffung von theologischer Literatur sehr umsichtig, und bei jeder Neuerscheinung kaufte man, auch wenn Autor und Inhalt unbekannt waren. Warum? Nach wenigen Tagen war ein theologisches Buch wegen der sehr geringen Auflagezahlen weg vom Markt, und eine Nachbestellung war erfolglos. Also hieß es kaufen und Schulden machen, was bei »Papa Schmidt« jederzeit möglich war. Nach der Ferienarbeit in den Sommerferien war man wieder frei für neue Käufe.

Der Ausbildungsverlauf glich einem normalen Schulalltag mit einem festen Stundenplan und zu erledigenden Hausaufgaben. Ich erinnere mich, dass Dr. Schreiter, der lateinische Lektüre unterrichtete, einen Kommilitonen fragte, was dieser denn morgens bete, wenn er seine Hausaufgaben (Vokabellernen) nicht erledigt habe. Die ersten Jahre waren von Sprachausbildung (Latein, Griechisch, Hebräisch) und Geschichte bestimmt. Da fast alle in meinem Kurs keine Oberschulbildung und darum auch kein Abitur vorweisen konnten, waren wir dankbar, einen Teil der Allgemeinbildung nachholen zu können. Gerne erinnere ich mich an Dr. Wilhelm Schöne (der »kleine Willi« genannt) und Dr. Walter Schönfelder (der »kleine Max« genannt), die ein gutes Fundament für die alten Sprachen gelegt haben. Die theologischen Fächer in den Folgejahren waren nach meiner Erinnerung schwach besetzt. Dr. Gerhard Nagel (NT), Pfarrer Herbert Peucker (AT) und Dr. Siegfried Krügel (Dogmatik) haben keine Begeisterung erzeugt. Krügel entschuldigte sich zwar mehrfach damit, dass er ein anderes Konzept in der Schublade habe, aber der Direktor (C. Ihmels) das nicht genehmige. Doch dass er uns die Luthardsche Dogmatik teilweise wörtlich vorlas, haben wir ihm schwer verübelt. Einmal kam es zum Eklat, als er wie immer am Ende der Unterrichtsstunde einige zusammenfassende Sätze diktierte, die er wörtlich von Luthard übernahm. Als in den hinteren Bankreihen einer der Kommilitonen dann ebenfalls laut daraus vorlas, – zwei Zeilen weiter – verließ er wütend den Raum.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Gastvorlesungen, in der Regel von Theologen aus der Bundesrepublik gehalten, äußerst beliebt waren. Unvergessen bleibt für mich ein Besuch von Gerhard von Rad mit einer Sondervorlesung über Jesaja.

Ein echter Lichtblick: Gottfried Voigt

Als ein echter Lichtblick wurde das Kommen von Dr. Gottfried Voigt (Praktische Theologie) begrüßt. Ihm ging der Ruf voraus, dass er sich seine Theologie nicht vom Haus vorschreiben ließ und dass er »sogar die Jungfrauengeburt« ablehne. Er war ein Schüler des früheren Leipziger und späteren Göttinger Theologen Martin Doerne, den er oft zitierte, und er imponierte uns schon allein durch seine geradezu universal erscheinende breite Sachkenntnis in der Theologie. Er war nicht nur in seinem Fach, der Praktischen Theologie, zu Hause, sondern kannte sich auch in vielen anderen theologischen Fächern bestens aus. Ab 1958 unterrichtete er im Missionsseminar Praktische Theologie, ging dabei sehr konkret auch auf Fragen der Systematik, des Alten und Neuen Testaments und der Musik ein. Hilfreich war, dass er über die Fähigkeiten verfügte, komplizierte Sachverhalte, nicht zuletzt Diskussionen aus der gegenwärtigen theologischen Debatte, verständlich und engagiert darzustellen. Das kam uns Studenten entgegen, aber davon profitierten später auch viele interessierte Laien, denen er in mancher Frage in Artikeln von Kirchenzeitungen oder Hauskalendern zum theologischen Dolmetscher wurde. Nicht nur über seiner Predigtlehre stand der Satz »Die Predigt muss etwas wollen«, denn »jeder biblische Text ›will‹ etwas«7, sondern über seiner gesamten Lehrtätigkeit im Seminar und in der Landeskirche.

Dozent Dr. D. Gottfried Voigt (1976).

Voigt wollte eine lebendige und überzeugende Verkündigung des befreienden Evangeliums inmitten der immer stärker von der atheistischen DDR-Ideologie geprägten Gesellschaft. Darum bereitete er uns konkret und praktisch auf die Arbeit eines Gemeindepfarrers vor. Das begann mit der Erarbeitung biblischer Texte und der Reflexion christlicher Grundwerte bis hin zu einzelnen praktisch-pastoralen Fragen, z. B. was denn zu tun sei, wenn in der Abendmahlsgruppe eine Frau mit großem Hut und breiter Krempe auftauchte, die den Blick auf den Kelch verdeckte, oder wenn in der Trauung der Ehering nicht auf den Finger des Bräutigams gleiten wolle. Manchem ging das zu weit, und sie empfanden seine konkreten Hinweise und Übungen als Bevormundung. Er selbst sah die Notwendigkeit dieser Konkretionen, und ich empfand sie in der Regel als interessant und hilfreich.

Für viele Pfarrerinnen und Pfarrer ist er vor allem als Verfasser von Predigtmeditationen wichtig geworden. Dabei ging es ihm darum, »die eigene Arbeit des Predigers in Gang zu bringen, nicht aber, sie ihm abzunehmen«. (G. V. in »Der helle Morgenstern« 1956 S. 5). Im Laufe der Jahre umfassten sie alle Predigtreihen, und Voigt hat sie immer wieder – bis in sein hohes Alter hinein – überarbeitet. Im Vorwort seines ersten Bandes mit Predigtmeditationen über Texte des Alten Testaments schreibt er: »Wen dieses Buch in Versuchung führen sollte, sich das Dargebotene einmal durchzulesen und dann auf der Kanzel in einiger Verdünnung einfach weiterzugeben, der werfe es ins Feuer!«8 Weder eine zur Festrede »entartete« Predigt oder »homiletische Lyrik«, noch ein unverbindlicher Meinungsaustausch erfüllte seine Ansprüche evangelischer Verkündigung, sondern wir haben eine »ganz sachliche Botschaft auszurichten«. […] »Es wird in jedem Fall darauf ankommen, dass die Gemeinde, wenn der Prediger Amen sagt, an einem ganz bestimmten, d. h. angebbaren Punkt um ein Stück weitergebracht worden ist. […] Dass wir unsere Aufgabe sachgemäß verstehen und anpacken, macht Gottes Wunder nicht überflüssig, ist uns aber aufgetragen«.9 Die Versuchung war nicht gering, Voigts Vorarbeit einfach zu übernehmen, denn seine Auslegungen waren sehr konkret und praktisch, bis hin zu einer – damals in Sachsen üblichen – leicht einprägsamen Gliederung der Predigt in Überschrift und meistens drei Teile. Dem blieb er bis zu seinem Lebensende in seiner eigenen Predigtpraxis treu – er stand, solange es seine Kräfte zuließen, auch noch im hohen Alter auf der Kanzel – und in seinen homiletischen Veröffentlichungen.

Bei diesem Meister der Predigtkunst lernten wir Praktische Theologie, nicht zuletzt die Predigtlehre. Es hat uns beeindruckt, wie sehr er mit den biblischen Texten lebte. Auch von uns forderte er eine Textauslegung, die durch den Kopf und das Herz gegangen war. Er leitete uns an, ebenso sorgsam Liturgie und Gebete vorzubereiten. Und er versuchte, uns lehrend und vorlebend seine Liebe zum Gottesdienst und zur Verkündigungsaufgabe weiterzugeben.

Dass Voigt zunächst neben seiner Tätigkeit als Dozent am Missionshaus/Theologischen Seminar und dann auch als Studiendirektor des Predigercollegs St. Pauli in Leipzig (»PC« genannt) auch noch eine Pfarrstelle in Dölzig bei Leipzig zu bekleiden hatte, lag freilich nicht an seiner Freude am Predigen und an seinem Bemühen um Praxisbezug, sondern darin, dass ihm die Stadt Leipzig aus politischen Gründen den Zuzug verweigerte und er in dem leer stehenden Pfarrhaus in Dölzig 1958 eine Wohnung beziehen konnte. Die Probleme und Auseinandersetzungen mit dem DDR-System waren vorprogrammiert, als er 1958 vom Predigerseminar Lückendorf nach Leipzig wechselte, weil er aus seiner dem Marxismus gegenüber sehr kritischen Einstellung niemals ein Geheimnis gemacht hatte. Mehrfach war unser Kurs bei ihm in Dölzig zu Gast – nicht nur, um Kandidatenpredigten zu besprechen, sondern auch zum gemeinsamen Abendessen. Konkret erinnere ich mich an Diskussionen über Luthers Zwei-Reiche-Lehre oder über die Theologie der »Bult-, Käse- und anderen -männer«,10 die leidenschaftlich, aber stets fair geführt wurden. Erst 1960 war es für ihn möglich, im Leipziger Westen eine sehr bescheidene Wohnung zu beziehen.

Voigts äußeres Auftreten war stets bescheiden und unauffällig. So hat es viele Jahre gedauert, bis er seinen alten »Adler« in einen »Trabant« eintauschte, um der Landeskirche Kosten zu ersparen. Ich selbst kann sagen, dass ich bei ihm theologisch zu denken, zu argumentieren und zu verkündigen gelernt habe. Er war mein theologischer Lehrer weit über die Zeit meines Studiums hinaus, denn meine Frau und ich konnten bis zu seinem Tod einen engen persönlichen Kontakt zu ihm halten.

Ausblick auf den pfarramtlichen Alltag

Unsere Freizeit während des Studiums sah mit Sicherheit anders aus als das Studentenleben von heute. Studentenverbindungen waren in der DDR verboten, aber die Evangelische Studentengemeinde (ESG) bot neben thematisch orientierten »Kleinkreisen« wöchentlich eine Gemeindebibelstunde an, die regelmäßig von über hundert Studenten besucht wurde.

Der neben Kurs-Festen einmal im Jahr veranstaltete »Sehlis-Tag« des Missionshauses – ein gemeinsam mit allen Dozenten und Studenten (zu meiner Zeit gab es noch keine Theologiestudentinnen) begangener Tag im kircheneigenen Freizeit-Gelände Sehlis bei Leipzig mit Diskussionen, Spielen und Mahlzeiten im Freien – nahm Wochen zuvor viel Vorbereitungszeit in Anspruch, denn Höhepunkt des Tages waren aufgeführte Szenen aus jedem Kurs, die nicht selten das abgelaufene Ausbildungsjahr kritisch beleuchteten. Unser Kurs hatte einmal nach Ansicht des Hauses bei der Dozenten-Kritik überzogen, jedenfalls ernteten wir in einem Jahr nach den Sommerferien einen Tadel seitens der Seminarleitung.

Eine Besonderheit unseres Kurses war die Spielschar unter Leitung der Kommilitonen Wolfram Schwarzenberg. Dieser war ein Neffe des damals bekannten Dresdner Regisseurs Diethard Hellmann, brachte selbst schauspielerische Qualitäten mit, und wir zogen – nach vielen Probenwochen – in den Sommerferien zwei Wochen von einer Gemeinde zur anderen mit dem Spiel »Dein Weg, Mose«. Kontakte zu den Theologiestudenten an der Leipziger Karl-Marx-Universität gab es nur wenige, allerdings regelmäßig einmal im Jahr beim Theologenball.

Gottesdienstvertretungen in den Leipziger Gemeinden waren während der zweiten Ausbildungshälfte keine Besonderheit. Anfangs legte ich (freiwillig) mein Predigtkonzept Gottfried Voigt vor, der es »absegnete« mit der Bemerkung: »Keine größeren Häresien enthalten«.

1961 legte ich das erste theologische Examen ab. In der Prüfung wirkten in allen Fächern Dozenten mit, die eine Habilitation vorweisen konnten. Auch auf dem schriftlichen Zeugnis standen die Namen mit den theologischen Titeln geschrieben. Das Seminar sah die Notwendigkeit dieser scheinbar äußerlichen Praxis darin, dass die Qualifizierung des Lehrkörpers und unserer Ausbildung auch ohne Professoren-Titel zwar in der DDR nicht anerkannt wurde, aber in der Bundesrepublik volle Anerkennung finden sollte. Dennoch gehörten wir bis zum Ende der DDR-Zeit offiziell zur »nichtarbeitenden Bevölkerung« und galten nach der Wiedervereinigung auch gegenüber den Bundesbehörden zunächst als »ohne Ausbildungsabschluss«, aber das ließ sich dann auf dem Verhandlungsweg klären.

Ich bin jedenfalls sehr dankbar für die Möglichkeit des Theologiestudiums, auch für die Phantasie und Courage unserer Kirche in schwieriger Zeit.

HUBERT SCHIERL

Gute Manieren inklusive
Studentischer Alltag in den 1960er Jahren11

Sehr begeistert bin ich nicht, als ich am letzten Tag der Leipziger Herbstmesse 1966 gemeinsam mit meiner Mutter vor der Eingangstür zum Leipziger Missionshaus in der Paul-List-Straße stehe.

Noch vor wenigen Tagen, am Vorabend meines 18. Geburtstags, hatte ich sie gebeten, mir kurz vor dem Erwachsenwerden doch noch einmal eine saftige Ohrfeige zu verpassen. Ab dem nächsten Tag dürfe sie das ja nicht mehr. Sie hat es sich nicht nehmen lassen. Und genauso hat sie es sich nicht nehmen lassen, mich an diesem für mich so bedeutsamen Tag in die Messestadt zu begleiten, die nun für die nächsten 14 Semester, und das sind immerhin 7 Jahre, mein Zuhause sein soll.

»Bitte bringen Sie mit: Bettzeug, persönlichen Bedarf, Schreibutensilien einschließlich Aktentasche, Lebensmittel für die ersten Tage und vor allem die Abmeldung aus der Butter-Versorgung.« So etwa stand es auf dem Merkzettel, den man mir zugeschickt hatte. Und da stehen wir nun also vor der Tür zu diesem ehrwürdigen Haus der Leipziger Mission, in dem bis vor ca. 5 Jahren junge Männer für den Missionsdienst in fernen Ländern vorbereitet wurden.

Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 und der Grenzschließung wurde das »Missionshaus« nach und nach zum »Theologischen Seminar« der Evangelisch-Lutherischen Kirchen Sachsens, Thüringens und Mecklenburgs umgestaltet, um jungen Männern eine Chance zu geben, die Pfarrer werden wollten, aber – wie ich – aus politischen Gründen keine Möglichkeit hatten, ein Abitur abzulegen und damit keinen Zugang zu einer der staatlichen Theologischen Fakultäten bekamen. Schmalspurausbildung? Keineswegs! Immerhin sieben Jahre liegen vor mir. Ob ich damals schon so weit denken konnte, weiß ich heute nicht mehr, doch sehe ich mich mit klopfendem Herzen vor dieser Tür stehen und am liebsten mit der nächsten Bahn wieder zurückfahren wollen. Aber die Mutter steht ja neben mir und da ich nun mit meinen stolzen 18 Jahren auch schon »erwachsen« bin, darf ich mir keine Schwachheit anmerken lassen. Also: Frisch auf die Klinke gedrückt und eingetreten.

Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr an die Begrüßung. Jedenfalls finde ich mich wenig später in der zweiten Etage in einem winzigen Stübchen wieder, in dem nicht viel mehr als ein Schreibtisch, ein Schrank und ein Stuhl stehen, und auf meine Frage, wo ich denn schlafen solle, wird mir beschieden, dass es da, eine weitere Etage höher, einen Schlafsaal gäbe, in dem ich mir eins der noch frei gebliebenen Betten aussuchen dürfe. Schreckliche Vorstellung, und die Wirklichkeit übertrifft alle meine Befürchtungen: In dem ziemlich beengten Schlafsaal unterhalb des Daches mit schrägen Wänden und nur einer Dachluke als Lüftung befinden sich mindestens sechs Doppelstockbetten und, wie ich zur Kenntnis nehmen muss, sind fünf davon auch schon belegt. So bleibt mir nur die obere Etage eines freien Bettes mitten im Raum. Das kann was werden! An frische Luft, wie ich sie aus Oelsnitz kenne, ist ohnedies nicht zu denken, weil es in Leipzig aus allen Himmelsrichtungen nur stinkt. Das habe ich schon nach wenigen Stunden klar erkannt. Nun gut – habe ich A gesagt, muss ich wohl auch B sagen und bleiben.

Weiter erfahre ich, dass ich das erwähnte Stübchen mit einem meiner künftigen Dozenten zu teilen habe, Herrn Pfarrer Steyer, den ich schon von einem Griechisch-Lehrgang im Vorjahr kenne. Aber, so wird mir gesagt, der sei nur an zwei Tagen in der Woche zugegen, so dass ich quasi ein Einzelzimmer hätte. Nun gut, ich weiß nicht, womit ich das verdiene – später erfahre ich, dass besagter Pfarrer Steyer ein ehemaliger Fürstenschüler und Klassenkamerad meines Patenonkels Walter ist. Privilegien? Nein danke! Aber siehe, es funktioniert.

Mutter ist längst wieder nach Hause gefahren, die ersten Nächte in der qualvollen Enge des Schlafsaales sind überstanden, der Gestank stört nicht mehr wirklich, und die Hausordnung wird langsam vertraut: Morgens gegen 6.00 Uhr ist allgemeines Erwachen, dann Morgentoilette im gemeinschaftlichen Waschraum, Schlange stehen vor dem Klo und anschließend Morgenandacht im Angesicht der Brötchen im Speiseraum des Missionshauses unter der gestrengen Aufsicht der Hausdame, deren Name mir leider entfallen ist. Sodann der Weg in die Vorlesungsräume in der Mozartstraße im sogenannten Musikerviertel unweit der Ruine des ehemaligen Gewandhauses, nahe dem Reichsgericht, das nun Dimitroff-Museum heißt. Nach dem Unterricht Rückweg zum Missionshaus und gemeinsames Mittagessen, wieder unter Aufsicht der Hausdame, die offensichtlich wissen möchte, ob die »jungen Brüder« gute Manieren mitgebracht haben.

Ach ja, mit »Bruder« werden wir auch angeredet. Wir müssen allerdings unsere Dozenten mit »Herr Doktor« oder zumindest mit »Herr Pfarrer« ansprechen, denn nicht jeder unserer Lehrer darf sich eines akademischen Grades erfreuen. Nur die Frau Geiler ist einfach nur die »Frau Geiler«, aber dafür will sie uns gescheites Deutsch beibringen. Nach dem nicht zu üppigen Mittagsmahl – bisweilen gibt es »gehackten Missionar«, das sind klein geschnittene Krautrouladen – ist Studienzeit angesagt, und in den ersten Wochen vergeht die natürlich damit, die Stadt und ihre Möglichkeiten zu erkunden. Dabei sind bei weitem nicht nur die wissenschaftlichen Möglichkeiten ins Auge genommen, die Leipzig ja auch zu bieten hat.

Obwohl – zu übermütig kann ein solcher junger Bruder auch nicht werden, denn die Möglichkeiten sind begrenzt. 25.- M/DDR pro Monat gibt es als Stipendium – natürlich bei freier Kost und Logis. Und: Abends um 22.00 Uhr ist Zapfenstreich! Obwohl wir alle – bis auf einen Kommilitonen – volljährig sind, hat sich jeder abzumelden, der länger ausbleiben möchte – und zwar mit Begründung! Wer dennoch zu spät kommt, den bestraft nicht das Leben, sondern der Herr Pfarrer Vogler, der das Amt des Hausvaters inne hat und sich durch den Herrn »Senior« Wolter vertreten lässt. Übrigens gehört es nicht in den Bereich der Legende, dass der Herr Pfarrer Vogler bei lang anhaltendem Lärm im Schlafsaal schon mal, angetan mit Nachthemd und Schlafmütze (es war sogar eine Art Zipfelmütze – Wilhelm Busch lässt grüßen), dort auftaucht und vehement um Ruhe bittet.

Auch haben wir ein Semester lang bei ihm eine »Vorlesung« pflichtgemäß zu belegen, die nennt sich »Guter Ton«. Für mich ist diese eine Wochenstunde bis heute in sehr nachhaltiger Erinnerung. Hat der gute Mann mir und anderen doch sozusagen den »letzten Schliff« verpasst und mir gewisse sogenannte gute Manieren beigebracht, die ich bis heute nicht ablegen kann: Zum Beispiel, dass ein Mann einer Frau die Tür aufhält oder dass gewisse Leute mit Ehrfurcht zu grüßen sind. Auch um Tischsitten ist es gegangen, und deshalb ermahne ich meine Enkelkinder heute noch, sich bei Tisch doch »ordentlich zu benehmen.« Kurz und gut: Zwar hatte ich Manieren schon daheim gelernt, aber geschadet hat es trotzdem nicht.

So geht Monat um Monat des ersten Studienjahres dahin. Wir pauken Vokabeln in Latein und Griechisch – Hebräisch kommt erst später – und schreiben bei Frau Geiler deutsche Aufsätze unter anderem mit dem bewegenden Thema: »Gedanken sind wie Flöhe, sie springen von Mensch zu Mensch, aber sie beißen nicht jeden.« Wichtig ist jeweils der Sonnabend und die bedeutende Frage, ob der Mittagszug in die Heimat zu erreichen ist, der genau um 13.14 Uhr vom Hauptbahnhof startet und nach immerhin vier Stunden mit Zwischenhalt an jedem dicken Baum in Plauen ist, von wo aus dann noch eine Busfahrt nach Oelsnitz wartet. Die Wochenenden vergehen dann mit Kontakten zu Jugendfreunden und üppiger Nahrungsaufnahme, denn die Mutter meint, dass der inzwischen geistesschaffende junge Student auch ordentlich was zwischen die Zähne braucht. Demzufolge fahre ich dann am Sonntag mit dem Abendzug, der aus Karlsbad kommt und nach Leipzig fährt, wieder zurück an den Studienort, reich bepackt mit Vorräten für die ganze Woche.

Und das alles zum Studententarif von 25 D-Zug