Sonja Poppe, Jahrgang 1980, studierte Evangelische Theologie, Religionspädagogik und Deutsch für das Lehramt an Gymnasien. Seit abgeschlossenem Referendariat arbeitet sie als freiberufliche Lektorin, Autorin und Kolumnistin für verschiedene Buchverlage und Zeitungen. Außerdem schreibt sie für das Internetportal »evangelisch.de« und betreut Social-Media-Projekte. Ihre thematischen Schwerpunkte liegen im kulturellen, kirchlichen und religiösen Bereich. Sonja Poppe lebt und arbeitet nahe Osnabrück.

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Gesamtgestaltung: Ulrike Vetter, Leipzig

Umschlagbild: Konrad von Soest: Christi Geburt (Teil des Flügelaltars in der Stadtkirche Bad Wildungen, 1403) ©akg-images

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04388-0

www.eva-leipzig.de

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren 

und nicht in dir: Du bleibst doch eigentlich verloren. 

Erweitere dein Herz, so gehet Gott darein.

Du sollst sein Himmelreich, er will dein König sein. 

Angelus Silesius 

Vorwort

Wie schnell doch ein Jahr vergeht. Von Kindern gespannt erwartet, stellt das Weihnachtsfest die Erwachsenen vor so manche Herausforderung. Schon wieder wollen Geschenke gekauft, Plätzchen gebacken, und Weihnachtsfeiern organisiert werden. Und zu guter Letzt stehen dann auch noch die Familienbesuche auf dem Plan.

Weihnachten ist eines der emotionsgeladensten Feste überhaupt. Jedes Jahr aufs Neue machen sich Hoffnungen und Sehnsüchte, das Bedürfnis nach Familienidylle, einem romantisch geschmückten Heim und köstlichen Naschereien breit. In vielen Familien ist die Advents- und Weihnachtszeit die einzige Zeit im Jahr, die noch von festen Ritualen geprägt und mit Symbolen fast überladen ist. Da gibt es den Adventskranz, an dem Woche für Woche eine Kerze mehr entzündet wird, und an Weihnachten dann den leuchtenden Weihnachtsbaum, Stollen, Spekulatius und das Weihnachtsfestessen. Die Familie kommt zusammen, vielleicht musiziert man sogar oder erzählt Geschichten von Weihnachtssternen und verschneiten Landschaften, vom Weihnachtsmann und der Vorfreude auf die Geschenke.

Auch wenn Einkaufsstress und Erwartungsdruck manch einen wünschen lassen, der Trubel möge bloß schnell vorbeigehen – kalt lässt dieses Fest wohl kaum jemanden.

Was aber suchen die Menschen an Heiligabend plötzlich in den zum Bersten gefüllten Kirchen, in denen an normalen Sonntagen ja oft gähnende Leere herrscht? Klar, an Weihnachten feiern Christen den Geburtstag Jesu. Die unzähligen Krippen in Kirchen und unter heimischen Weihnachtsbäumen zeigen ja, was damals geschehen sein soll: Ein Kind, geboren in einem Stall. Doch was ist daran so besonders, dass es die Menschen bis heute bis ins Innerste zu bewegen vermag? Was feiern wir da eigentlich und welche Bedeutung haben all die Bräuche und Symbole der Weihnachtszeit?

Seit Jahrhunderten sind Künstler diesen Fragen nachgegangen, die viele Menschen heute gar nicht mehr so recht beantworten können. Maler und Schriftsteller haben ihr Verständnis von Weihnachten in stimmungsvolle Bilder und Texte gebannt. Mit einer kleinen Auswahl solcher Werke lädt dieses Buch zur Suche nach dem wirklichen Wesen der Weihnacht ein.

Sonja Poppe

Holzhausen, im Mai 2015

Inhalt

Cover

Titel

Über die Autorin

Impressum

Zitat

Vorwort

Einleitung

Dunkel und Licht

Geburt

Familie

Heimat

Tannenbaum und Weihnachtsgurke

Weihnachtsduft und Leckereien

Nikolaus wird Weihnachtsmann

Musik

Geschenke

Engel

Gottes Nähe

Ausklang – Das Wesen der Weihnacht

Bildnachweis/Textnachweis

Fußnote

Konrad von Soest, Geburt Christi (1403), Wildunger Altar, Stadtkirche zu Niederwildungen

Einleitung

Ein Ochs kennt seinen Herrn

und ein Esel die Krippe seines Herrn;

aber Israel kennt’s nicht,

mein Volk versteht’s nicht.

Jesaja 1,3

FAMILIENIDYLL IM STALL

Der Stall, die Heilige Familie, Ochs und Esel und rechts im Hintergrund ein Hirte mit seinen Schafen und ein Engel, der vom Himmel herabschwebt – auf diesem Bild ist alles zu sehen, was auch heute noch unbedingt zu einer »ordentlichen« Weihnachtskrippe dazugehört. So stellt man sich das gerne vor: Maria mit dem Jesuskind auf einem reich gepolsterten Lager. Der etwas verfallene Stall eher romantische Kulisse als Notunterkunft.

Über 600 Jahre ist es alt, dieses farbenfroh in Rot-, Gelb-, und Blautönen erstrahlende Weihnachtsbild des westfälischen Malers Konrad von Soest. Und doch wirkt es beinahe modern mit dem im Vordergrund knienden Josef, der – ganz Hausmann – einen Brei für Maria und seinen Stiefsohn zubereitet.

Kein Wunder, dass ausgerechnet dieses Gemälde als Coverbild ausgewählt wurde, obwohl das spätgotische Altarbild eher Maria in den Mittelpunkt stellt als das Jesuskind, dessen Geburtstag ja an Weihnachten gefeiert wird. Der neugeborene Sohn wendet sich ihr zu und küsst sie – Konrad von Soest war der erste Maler hierzulande, der diese Szene so innig darstellte. »Heilige Maria« steht in lateinischer Sprache auf ihrem Heiligenschein. Mutter und Kind anbetend, umgibt im Rot des Hintergrunds eine Engelsschar ihren Kopf. Ochs und Esel schauen selig ihr Futter verzehrend zu. An Weihnachten tut ein solch friedlliches Bild den Menschen gut, schließlich sind Geburtstage ja Freudenfeste.

Das Gemälde ist heute in der Stadtkirche in Bad Wildungen zu bewundern. Es weist neben aller Idylle auch darauf hin, wie sehr die Vorstellungen vom idealen Weihnachtsgeschehen durch zeittypische Vorlieben bestimmt werden. Andere Motive und Symbole wiederum überdauern Jahrhunderte und gehören bis heute dazu. Im späten Mittelalter erlebte die Marien- und Heiligenverehrung ihren Höhepunkt, die Menschen glaubten, zu Gott und Jesus selbst keinen direkten Zugang zu haben. Deswegen wandte man sich mit seinen Anliegen an Heilige als Vermittler – eine Praxis, die Martin Luther später heftig kritisierte. Konrad von Soest jedoch hebt die besondere Rolle Marias in seinem Weihnachtsbild deutlich hervor.

Joseph dagegen wird durch seine Tätigkeit und den zurückgeschlagenen Mantel damals für alle als Ziehvater kenntlich gemacht – er ist der sogenannte Nährvater Jesu, der ihn nach mittelalterlicher Vorstellung adoptieren wird, indem er ihn »unter den Mantel nimmt«. Noch heute erkennt man ihn auf dieser Darstellung gleich als treusorgenden Patchworkvater.

Dass Konrad von Soest hier nicht irgendein Familienidyll festhält, sondern das Weihnachtsgeschehen, wird spätestens klar, wenn man den Stall und die Krippe, den Schafhirten, Ochs und Esel und die Engel betrachtet. Es sind diese jahrhundertealten Motive, die bis heute sofort Weihnachtsgefühle zu wecken vermögen.

WIE DAS WEIHNACHTSFEST ERFUNDEN WURDE

Das Weihnachtsfest ist inzwischen das bekannteste und beliebteste christliche Fest. Doch dass wir Weihnachten feiern, ist gar nicht so selbstverständlich, wie es heute erscheinen mag. Denn der christliche Glaube könnte auf Weihnachten eigentlich auch verzichten. Und tatsächlich ist Weihnachten eines der letzten Feste, das in den christlichen Festkalender aufgenommen wurde. Das älteste und auch das theologisch wichtigste Fest der Christen ist Ostern. Weihnachten ist nur vor diesem Hintergrund richtig zu verstehen: Erst mit dem Wissen um Jesu Botschaft, sein Leben, sein Sterben und seine Auferstehung, lässt sich erahnen, was das für ein Kind ist, dessen Geburtstag wir an Weihnachten feiern.

Zur Zeit Jesu interessierte man sich zudem grundsätzlich wenig für die Geburt eines Menschen. Wurde jemand berühmt, spielten nach seinem Ableben eher die Todesumstände eine Rolle in der Erinnerung der Mitmenschen. So war es auch bei den Christen der ersten Generation. Die Evangelisten Markus und Johannes, aber auch Paulus interessierten sich überhaupt nicht für die Geburt Jesu – für sie standen allein Jesu Botschaft und vor allem seine Auferstehung im Mittelpunkt.

Matthäus und vor allem Lukas dagegen müssen sich wohl gedacht haben, dass ein so wichtiger Mensch, der Sohn Gottes, doch nicht einfach irgendwie zur Welt gekommen sein kann. In Anlehnung an die Geburts- und Kindheitsgeschichten bekannter Männer rankten sich dagegen auch um die Geburt Jesu schon die unterschiedlichsten Legenden. Und außerdem gab es da ja auch noch Hinweise aus dem Alten Testament, das die Geburt eines Retters vorhergesagt hatte. Diese Hinweise griffen Matthäus und Lukas auf und schufen daraus die bis heute bekannten Weihnachtsgeschichten von der Geburt Jesu in einem Stall in Betlehem oder von den drei Weisen aus dem Morgenland, die das Jesuskind besuchen kamen.

Diese Erzählungen sind Legenden, die symbolisch vor Augen führen, dass das Kind, das da geboren wurde, von Beginn an etwas ganz Besonderes war – Gott selbst ist den Menschen durch Jesu Geburt ganz nahegekommen, Jesus musste der von den alten Propheten angekündigte Retter sein.

Besonders gefeiert wurde Jesu Geburtstag trotzdem lange nicht. Erst Ende des vierten Jahrhunderts, als sich das Christentum schon weit ausgebreitet hatte, kam man auf die Idee, einen Festtag daraus zu machen. Da niemand Jesu Geburtsdatum kannte, konnte der 25. Dezember als Geburtstag Christi von der Kirche festgelegt werden. Das war sehr praktisch, denn in vielen heidnischen Kulten, gegen deren Konkurrenz sich das Christentum damals behaupten musste, wurde zu dieser Zeit das Wintersonnenwendfest gefeiert. Die Römer feierten am 25. Dezember zudem den Geburtstag ihres Sonnengottes – ein beliebter und im Jahr 274 von Kaiser Aurelian zur Staatsreligion erklärter Kult. Die Kirche brauchte also auch ein Fest im Dezember und legte Jesu Geburtstag kurzerhand ebenfalls auf den 25. Dezember.

Die Lichtsymbolik der Sonnenkulte wurde schnell auf das Weihnachtsgeschehen übertragen und zeigt sich noch heute – nicht nur in den hell erleuchteten Weihnachtsbäumen.

Doch Christen feiern eben nicht nur die wieder länger werdenden Tage, die eine neue Ernte und damit das Überleben im nächsten Jahr möglich machen. Die Hoffnung, die im christlichen Weihnachtsfest aufleuchtet, geht weit darüber hinaus: Gott liebt die Menschen so sehr, dass er ihnen ganz nah sein will. So nah, dass er in Jesus sogar selbst Mensch wird, um ihnen zu zeigen, dass seine Liebe über alle Grenzen des irdischen Lebens hinausreicht.

Übrigens – Wie Ochs und Esel in die Krippe kamen

Ochs und Esel, die wohl bekanntesten Nebendarsteller weihnachtlicher Szenerien, dürfen seit frühchristlicher Zeit auf fast keinem Weihnachtsbild und in keiner Krippe fehlen. Eher fehlen da schon mal Maria und Josef. So vertraut scheinen einem diese Tiere neben der Krippe mit dem Jesuskind, dass man fast überzeugt ist, sie würden auch in der wohl bekanntesten biblischen Geschichte, der Weihnachtserzählung des Evangelisten Lukas, erwähnt.

Doch schlägt man einmal nach, stellt man erstaunt fest: Lukas schreibt zwar von der Futterkrippe, Ochs und Esel jedoch erwähnt er genauso wenig wie sein Kollege Matthäus.

Die Tiere haben es auf einem Umweg bis in unsere Weihnachtskrippen hinein geschafft: Einige Erzählungen über Jesu Geburt, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, zitieren den alttestamentlichen Propheten Jesaja (1,3), bei dem zu lesen ist: »Ein Ochs kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, mein Volk versteht’s nicht.« Dieser Spruch passt perfekt zum Weihnachtsgeschehen, dachte man sich wohl. Denn auch in dem kleinen Jesuskind da im Stall wird nicht jeder sofort Gottes Sohn erkannt haben. Stellte man aber Ochs und Esel neben die Krippe, wurden auch der letzten Schlafmütze die Augen geöffnet – zumindest, wenn sie den alten Spruch kannte.

Wenn Gott die Marie zum Werkzeug erwählt,

wenn Gott selbst in der Krippe von Bethlehem

auf die Welt kommen will, so ist das nicht

eine idyllische Familienangelegenheit,

sondern es ist der Beginn einer völligen Umkehrung,

Neuordnung aller Dinge dieser Erde.

Dietrich Bonhoeffer

Dunkel und Licht

Da redete Jesus abermals

zu ihnen und sprach:

Ich bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt,

der wird nicht wandeln

in der Finsternis.

Johannes 8,12

DAS GEHEIMNIS DES LICHTS

Friedlich schlummernd, fest in weiße Tücher und in sanften Lichtschimmer gehüllt, liegt es da in einem strohgepolsterten Korb – das Jesuskind. Maria und Josef, zwei Schäfer, eine Schäferin und ein Schaf haben sich um das Neugeborene versammelt. Der Schäfer lächelt verlegen und greift an seinen Hut, während die anderen die Szene in großer Ruhe in sich aufzunehmen scheinen. Ganz im Hier und Jetzt versunken hat Maria die Hände zum Gebet zusammengelegt. Ihr rotes Gewand strahlt lebendige Wärme aus. Liebevoll blickt Josef auf das Kind, während das Schaf vorwitzig ein paar Halme aus dem Strohbettchen zupft.

Georges de La Tour (1573  1652) Anbetung der Hirten, Louvre Paris

Was ist das für ein Licht, das von dem selig schlafenden Kind auszugehen scheint? Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, es ist eine Kerze, die den ansonsten stockfinsteren Raum erhellt. Josef hält sie in seiner Rechten und schirmt die hohe Flamme mit seiner Linken zum Betrachter hin ab.

Georges de La Tour (1573  1652) war lange Zeit im Dunkel der Kunstgeschichte untergegangen. Von ihm ist kaum mehr bekannt, als dass er ein recht eigenwilliger Zeitgenosse gewesen sein muss, der seine Mitmenschen durch rücksichtsloses Verhalten und seine zahlreichen Hunde verunsicherte, die die Felder seiner Nachbarn verwüsteten. Erst Anfang des letzten Jahrhunderts begann man seine Gemälde wiederzuentdecken, die zuvor anderen Barockmalern zugeordnet worden waren. Im Kontrast zum offenbar recht aufbrausenden Wesen des Künstlers strahlen seine Werke, in denen er sich immer wieder mit der Wirkung von Licht und Schatten auseinandersetzt, eine fast meditative Ruhe aus.

Das Spiel mit dem Licht war ein verbreitetes Thema in der Malerei der Barockzeit. Auch in religiösen Bildern trat die Lichtsymbolik oft in den Mittelpunkt. Viele Künstler, darunter auch Rubens und Rembrandt, ließen in weihnachtlichen Krippenszenen das Jesuskind wie von innen heraus strahlen.

Diese auf heutige Betrachter recht kitschig wirkende Darstellungsweise brach Georges de La Tour auf, indem er die Frage nach dem Geheimnis des Lichts an den Betrachter zurückgab. Anders als in den Gemälden seiner Kollegen liefert de La Tour mit der Kerze eine natürliche Erklärung für das Licht. Da der Betrachter die von Josefs Hand verdeckte Flamme jedoch nicht gleich erkennt, bleibt es ihm überlassen, zu entscheiden, was das mystisch anmutende Leuchten in die Szene bringt. Ist es wirklich nur das Kerzenlicht oder strahlt in dem friedlich schlummernden Jesuskind etwas Göttliches auf?

MARIA RÖSSLER

Licht kann man verschenken

Noch vor nicht allzu langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf, inmitten der hohen Berge, ein freundliches Volk. Die Menschen, die dort lebten, hatten ständig ein Lächeln auf den Lippen, und um ihre Augen hatten sie kleine Lachfalten, die wie Sonnenstrahlen aussahen. Auf diese Weise wirkten sie sehr nett und offen. Wenn sich einmal ein Fremder in dieses Dorf verirrte, wurde er mit Freuden aufgenommen und fürstlich bewirtet. Niemals war ein lautes Wort oder Streit zu hören. Auch Tränen flossen nie. Es schien, als habe dieses Dorf die Freude und das Glück für sich gepachtet.

Doch diese Fröhlichkeit hatte ihren Grund. Niemals sah man einen der Menschen ohne eine Kerze durch das Dorf ziehen. Überall nahmen sie ihre leuchtenden Flammen mit. Es waren sehr schöne Kerzen, die die Kinder phantasievoll verzierten. Wenn sich auf dem Marktplatz mehrere Menschen trafen, erstrahlte der Platz in hellem Schein. Dieses warme Licht lockte noch mehr Menschen an und im Nu war eine große Schar versammelt. Weil dieses Volk die Gemeinschaft liebte, begannen sie oft zu singen und zu tanzen. So feierten sie mitunter mitten am Tag ein fröhliches Fest, das erst spät am Abend zu Ende ging.

Wenn die Menschen glücklich und müde in ihre Häuser zurückkehrten, trugen sie eine neue Kerze bei sich. Denn die Freunde und Nachbarn beschenkten sich jeden Tag mit einem kleinen Licht. Trafen sie beim Einkaufen oder Spazierengehen einen Bekannten oder Verwandten, erfreuten sie sich gegenseitig mit den schön verzierten Kerzen der Kinder. Auf diese Weise erstrahlten selbst die Häuser in dem kleinen Dorf in hellem Glanz. Niemals ging eine Flamme aus, weil täglich ein neues Lichtlein hinzukam. Kranke und alte Menschen, die ihre Stuben nicht mehr verlassen konnten, erhielten viel Besuch. Die Gäste brachten immer besonders schöne Kerzen mit, um damit die Schmerzen und Traurigkeit dieser Menschen zu vertreiben.

Doch hoch oben auf dem Gipfel des weißen Berges wohnte ein kleiner alter Mann. Seit vielen Jahren lebte er dort ganz alleine. Er wollte keinen Menschen bei sich haben, damit er seine Hütte, sein Bett und sein Brot mit niemandem teilen musste. Er wollte ganz alleine sein. Jeden Abend saß er auf dem Bänkchen vor seiner Hütte und schaute hinunter ins Tal. In der Dämmerung sah er die vielen hübschen Lichtlein leuchten. Dabei dachte er: Was für eine Verschwendung! Dann und wann machte sich der alte Mann auf den Weg ins Dorf, um Vorräte einzukaufen. Dann schlich er schnell und grimmig um die Ecken der Häuser, damit ihn keiner sehen und mit einer Kerze beschenken konnte. Eines Tages aber entdeckte ihn ein kleines Mädchen, das im Garten hinter dem Haus spielte. Es freute sich über den alten kleinen Mann so sehr, dass es ihm eine ihrer schönsten Kerzen schenkte. »Diese Kerze habe ich extra für dich gemacht. Weil ich dich so selten sehe, trage ich sie schon sehr lange in meiner Tasche. Endlich kann ich sie dir geben«, sagte das kleine Mädchen zu dem Mann. »Pah!«, erwiderte der Alte. »Behalte deinen Stummel. Ich mag ihn nicht. Du musst sowieso beim Schenken vorsichtig sein. Wenn du all deine Leuchten hergibst, hast du bald keine mehr. Dann wird es ganz dunkel und kalt in deinem Haus. Ich rate dir, keine Kerzen mehr zu verschenken.«