DAS GEISTLICHE AMT
IM WANDEL

ENTWICKLUNGEN UND PERSPEKTIVEN

Herausgegeben von Hanns Kerner,
Johannes Rehm und Hans-Martin Weiss

EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT
Leipzig

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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Satz: Hanns Kerner, Fürth

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN: 978-3-374-05080-2

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Der gesellschaftliche Wandel hat auch das Berufsbild und das Selbstverständnis des Pfarramtes erheblich beeinflusst und verändert. Das betrifft sämtliche Bereiche der Existenz und der Amtsausübung von Pfarrerinnen und Pfarrern: Die beruflichen Anforderungen, die persönliche Frömmigkeitsausübung, die individuellen Freiräume, die familiäre Situation etc. Diesen Veränderungen im geistlichen Amt soll im Folgenden nachgespürt werden.

Dabei sind folgende Fragen leitend: Wie hat sich die Wahrnehmung des geistlichen Amtes in unserer Kirche im Verlaufe einer Generation verändert? Worin genau besteht die Veränderung? Und wie ist dieser Wandel auf dem Hintergrund unserer Bekenntnisgrundlagen zu beurteilen? In den vorliegenden Beiträgen werden unterschiedliche Facetten bzw. Dimensionen oder Erscheinungsweisen des stattgefundenen und des sich weiterhin vollziehenden Wandels abgebildet.

Wandel ist für viele in unserer Gesellschaft mit Fortschritt und Befreiung verbunden, für andere dagegen mit Verlust und Unsicherheit. Dieser Gegensatz spiegelt sich auch in den folgenden Beiträgen wider. So wird der Wandel der Profession und Existenz Pfarrer und Pfarrerin auch in den vierzehn Artikeln kontrovers und unterschiedlich beschrieben, eingeordnet und beurteilt.

Mit großer Dankbarkeit und Verbundenheit widmen die Beitragenden zu dieser Festschrift ihre Zeilen Helmut Völkel, der am 7. Dezember 2017 seinen 65. Geburtstag begeht. In der Laudatio, die den Artikeln vorangestellt ist, wird dieser kurz gewürdigt. Den drei Herausgebern, die ihm seit der gemeinsamen Erfahrung des Studentenpfarramts freundschaftlich verbunden sind, war es ein Bedürfnis, dieses Zeichen der Verbundenheit zu setzen.

Die Herausgeber erhoffen sich mit diesem Buch – sicher auch im Sinne unseres Jubilars – nicht zuletzt den innerkirchlichen sowie den praktischtheologischen Diskurs darüber anzuregen und zu vertiefen, wie Pfarrerinnen und Pfarrer heute und morgen unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für sich und andere stimmig dem kirchlichen Auftrag nachkommen können. Dabei kann sicher helfen, die aufgezeigten historischen Entwicklungen wahrzunehmen, sich an hier geäußerten Positionen zu reiben und die eigene geistliche Existenz klar zu orten.

Unseren Autorinnen und Autoren sind wir dankbar für die Mitwirkung an diesem Sammelband. Der Evangelischen Verlagsanstanlt gilt unser Dank für die hervorragende Zusammenarbeit. Zudem danken wir der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und dem Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für die großzügigen Druckkostenzuschüsse.

Wir wünschen uns, dass wir mit allen unseren Schwestern und Brüdern im geistlichen Amt immer wieder aufs Neue zu dem werden, was wir als Ordinierte bereits sind, nämlich »Botschafter an Christi statt« (2. Kor. 5,20).

Nürnberg/Regensburg, im Oktober 2017

Hanns Kerner

Johannes Rehm

Hans-Martin Weiss

WÜRDIGUNG VON HELMUT VÖLKEL

Es ist den Herausgebern – sie sind alle in der gemeinsamen prägenden Erfahrung des Studentenpfarramts zu Freunden geworden - eine Dankespflicht besonderer Art, mit dieser Festschrift ihren Freund und Mitbruder zu würdigen und ihm mit der Zusammenstellung der nachfolgenden Reflexionen einen vielstimmigen Dank zu übermitteln. Die Beitragenden haben alle eine je eigene persönliche Beziehung zu Helmut Völkel und bringen auf diesem Weg ihre Wertschätzung und Verbundenheit zum Ausdruck.

Helmut Völkel wurde immer wieder gewürdigt, in besonderer Weise, wenn er die Stelle gewechselt hat. Er hat manche Ehrungen entgegengenommen, zuletzt den Bayerischen Verdienstorden. All dies soll in dieser Würdigung nicht dupliziert werden. Vielmehr geht es uns darum, den Menschen Helmut Völkel in den Blick zu nehmen, in seiner geistlichen und weltlichen Existenz.

Das vorliegende Buch widmet sich deshalb einem Thema, für das er in den letzten Jahren zu einem prägenden und gestaltenden Verantwortlichen geworden ist.

Der Dank gilt dem bayerischen Oberkirchenrat, dem früheren Mitglied der Generalssynode der VELKD, dem in vielen wichtigen Gremien tätigen leitenden Geistlichen im Bereich der EKD und dem Freund Helmut Völkel.

In der Verfassung der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern wird mit Nachdruck betont, dass die im ordinierten Amt stehenden Mitglieder des Landeskirchenrats Pfarrer oder Pfarrerin sind. Der Pfarrer, dem dieses Buch gewidmet ist, weiß diese scheinbar so schlicht klingende Bemerkung, in nachdrücklicher Weise durch sein praktisches Handeln als Mitglied der Kirchenleitung umzusetzen.

Wie kaum ein anderes Mitglied des Landeskirchenrates hat er sowohl eine intensive Ausbildung in den vielen Praxisfeldern eines Gemeindepfarrers durchlaufen als auch das Handwerkszeug eines in der Kirchenleitung tätigen Pfarrers gebrauchen und einsetzen gelernt: Vikar in Röslau, Gemeindepfarrer in Passau, Studentenpfarrer in München, Referent in der Personalabteilung des Landeskirchenamtes, Dekan in Landshut, Regionalbischof in Ansbach und Würzburg, Leiter der Personalabteilung des Landeskirchenamtes. Er hat die Spezialitäten dieser verschiedenen Arbeitsfelder, das offensichtliche und das versteckte Wissen um die Geheimnisse der Berufskunst in all diesen Arbeitsfeldern mit einer bewundernswerten Stetigkeit erworben und praktisch eingesetzt.

Seinen großen Lehrern Oberkirchenrat Theodor Glaser und Pfarrer Hans-Georg Lubkoll hat er nicht nur stets dankbare Erinnerung an das bei Ihnen Gelernte bewahrt, sondern auch seine hervorragende Gabe, zuzuhören und Wahrgenommenes auf den Punkt gebracht zu resümieren, immer wieder eingesetzt.

Wenn er das Wort ergreift, ist ihm Hektik fremd. Wenn man ihn kennt und viele gemeinsame Arbeitserfahrung mit ihm teilt, traut man sich je länger je mehr zu, Wetten darüber abzuschließen, wann er in Debatten eingreift und wann er ihnen gegenüber Zurückhaltung bewahrt. Trotzdem ist er nicht einfach auszurechnen. Letztlich bestimmen ihn Geduld und Weisheit. Ihm kann man die bischöfliche Aufgabe, für die Einheit der Kirche zu wirken, gerne in die Hand legen.

Die Nähe zu seiner räumlichen und geistlichen Herkunft in Oberfranken hat er sich bewahrt und hat es nie vergessen für welche Menschen er geistliche Verantwortung trägt. Bei einem Besuch in einem Dekane-Kapitel eines unserer bayerischen Kirchenkreise hat er einmal betont, er mache solche Besuche ganz besonders auch, um Freundschaft zu pflegen. Dies kann man ihm, der immer wieder für schwierige personelle Entscheidungen Verantwortung trägt, ganz und gar abnehmen. Der Spagat zwischen menschlicher und geistlicher Freundschaft und bischöflicher und leitender Verantwortung ist ihm eine ernste Aufgabe geblieben, gegenüber der er sich auch immer wieder mit Humor und gelassener Ironie Distanz ermöglicht hat. Die ihm eigene Mischung aus Klarheit in der Analyse, Behut- und Bedachtsamkeit, Achtung und Respekt vor den Beteiligten und einem Gespür für den rechten Augenblick einer Sache oder eines Themas bildete ein solides Fundament für manche, manchmal auch überraschende, oft zukunftsöffnende, immer solide kirchenleitende Entscheidung.

Die Gemeinschaft der Ordinierten ist ihm ein tiefes Anliegen. In den wichtigen und notwendigen Debatten um die Vielgestaltigkeit der verschiedenen kirchlichen Berufsgruppen ist er immer ein verlässlicher, unideologischer und klarer Anwalt gerade auch der Anliegen der Pfarrerinnen und Pfarrer geblieben. Er wird vielfältige prägende Spuren in der Landeskirche hinterlassen. Beispielsweise wäre hier die Neuordnung der sogenannten Hesselberg-Konferenz zu nennen, die nicht zuletzt eine Verknüpfung von gemeindlichem und übergemeindlichem Dienst beinhaltet. Ferner wandte er sich als Leiter der Personalbteilung dem aktuellen Themenbereich Salutogenese zu und ließ entsprechende Angebote für kirchliche Mitarbeitende entwickeln.

Verbissenheit ist ihm fremd, sein Humor erleichtert Herzen und Sinne. Und er weiß die guten Gaben des Schöpfers dankbar zu genießen. Auf die Frage, woran er jetzt nach Abschluss einer wichtigen Klausur des Landeskirchenrates nun denke, antwortete er einmal: »Ich werde zuhause als erstes zur Eisdiele in der Nachbarschaft gehen und mir drei Kugeln Eis kaufen.« Diese freundliche Distanz gegenüber zu viel Ernst praktiziert er gerne und tut damit anderen Menschen Gutes.

Uns, seinen Freunden und Freundinnen, ist er ein verlässlicher Anhaltspunkt in Dienst- und Seelsorgegesprächen oder überhaupt im Reden unter Freundinnen und Freunden. Seiner Landeskirche wird er ein treuer Verkündiger und Seelsorger bleiben. Er wird sich aber auch mehr seiner Familie und seinen Freunden widmen können, worauf er sich sicherlich freut.

Wir wünschen ihm und seiner lieben Frau Maria von Gott gesegnete und von Gnade bestimmte Jahre.

DIE BIBEL ALS GRUNDLAGE DER PFARRAMTSPRAXIS

Karl Eberlein

WORUM GEHT ES?

In dieser Publikation soll es um den Pfarrberuf gerade auch im Wandel der Zeit gehen. Das Stichwort »Bibel« kann nun signalisieren, dass es im Wandel der Zeit auch eine Kontinuität gibt. Wenn die Bibel Grundlage der Pfarramtspraxis ist oder doch sein sollte, dann deshalb, weil die Kirche insgesamt reformatorisch als »creatura verbi«, als »Geschöpf des Wortes« verstanden wird.

Dieses Wesen der Kirche kommt im Grundartikel der Kirchenverfassung der ELKB folgendermaßen zum Ausdruck: »Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern lebt in der Gemeinschaft der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche aus dem Worte Gottes, das in Jesus Christus Mensch geworden ist und in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments bezeugt wird.«

Es lohnt sich, bei dieser Formulierung gleich einmal etwas zu verweilen: Es wird gesagt, dass die Kirche aus dem Wort Gottes lebt. Damit ist das Wort Gottes als die Grundlage allen(!) kirchlichen Redens und Handelns bestimmt. Zugleich wird das Wort Gottes selber unterschieden von dessen biblischer Bezeugung: Das Wort Gottes – so kommt hier zum Ausdruck – ist ohne das Zeugnis der Bibel nicht zu vernehmen, ohne freilich mit diesem Zeugnis schlechthin identisch zu sein. Dieses Zeugnis hinwiederum wird in einer weiteren Passage des Grundartikels gewichtet, wenn – orientiert am Bekenntnis der Kirche – »die Rechtfertigung des sündigen Menschen durch den Glauben um Christi willen« die »Mitte des Evangeliums« genannt wird. Grundlage ist die Schrift also nicht in einer Aneinanderreihung einzelner Aussagen, sondern es kommt durchaus auf eine Schriftlektüre an, die Gewichtungen vornimmt.

In knappen, zugleich bestimmte Akzente setzenden Formulierungen kommt in der Kirchenverfassung eine Hochschätzung des biblischen Zeugnisses zum Ausdruck. Aus dem in der Bibel bezeugten Wort Gottes lebt die ganze Kirche. Und was für die Kirche insgesamt gilt, hat dann gewiss allemal für den Beruf zu gelten, dem die öffentliche Verkündigung des Wortes Gottes aufgetragen ist. »Pfarramtspraxis« meint in diesem Sinn zunächst die Berufspraxis der Pfarrerinnen und Pfarrer.1 Zugleich jedoch ist die Frage nach der Rolle der Bibel in der Pfarramtspraxis doch wieder auch eine Frage nach der Rolle der Bibel in der Gemeindepraxis über die pastorale Berufspraxis hinaus.

Kein harmloses Thema

Das alles lässt sich nun in grundsätzlicher Hinsicht trefflich in den Raum stellen. Es stellt sich aber zugleich die Frage, welchen Platz die Bibel ganz real im kirchlichen Leben allgemein und in der pastoralen Berufspraxis speziell einnimmt. Beides kann es zugleich geben: eine »grundsätzliche Wertschätzung« und eine »faktische Vernachlässigung« der Bibel in unserer kirchlichen Realität.2 Selbst der »grundsätzliche(n) Wertschätzung«, die im gegenwärtigen Reformationsjubiläum 2017 besonders deutlich zum Ausdruck kommt, steht schon seit längerer Zeit die Rede von der »Krise des Schriftprinzips« gegenüber.

»Die Bibel als Grundlage der Pfarramtspraxis«: Je mehr ich mich in dieses mir gestellte Thema hineinvertieft habe, umso deutlicher wurde mir: Dieses Thema ist nicht harmlos. Man kann dabei aus unterschiedlichen Richtungen unter Beschuss geraten: Man kann sich den Vorwurf zuziehen, ein autoritätsfixierter Biblizist zu sein, der an dem vorbeigeht, was Menschen wirklich brauchen. Es kann aber auch der entgegengesetzte Vorwurf laut werden, letztlich doch wieder nur ein destruktiver Bibelkritiker zu sein. Aus meiner eigenen Sicht jedoch geht es darum, was man dem biblischen Zeugnis in seiner Reichweite zutraut – gerade auch in unserer Gegenwart.

Jedenfalls: Nur für Kontinuität im Pfarrberuf steht dieses Thema nun doch nicht. Und so kommt es auf eine (durchaus auch kritische) Besinnung an, in der pastoraltheologische, ekklesiologische und biblisch-hermeneutische Aspekte ineinander greifen müssen.

DIE BIBEL – TATSÄCHLICH GRUNDLAGE DER PFARRAMTSPRAXIS?

Hinführung

Ist für Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Kirche die Bibel tatsächlich Grundlage der Pfarramtspraxis? Das ist eine Frage, die sich einer pauschalen Beantwortung entzieht. Das kann von Person zu Person und von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich sein. Diese Frage entzieht sich zugleich der empirischen Überprüfbarkeit. Überprüfbar ist etwa, wieviel Zeit ein Pfarrer, eine Pfarrerin sich nimmt bzw. nehmen kann, um eine Predigt vorzubereiten. Diesbezüglich lassen sich aus repräsentativen Erhebungen Durchschnittswerte benennen. Feststellbar ist auch, mit wieviel Dingen Pfarrer und Pfarrerinnen über ihre Kernaufgaben in Verkündigung, Seelsorge und religiöser Bildung hinaus sonst noch mit welchem Zeitaufwand beschäftigt sind. Darüber kann eine Dienstordnung Aufschluss geben. Das alles ist für die Fragestellung dieses Aufsatzes nicht völlig ohne Belang (und in anderen Fragekontexten sogar wichtig), hier aber geht es ganz primär um etwas anderes: Es geht um eine Grundausrichtung, in der alles geschieht (was das auch immer sei). Es geht gleichsam um den Sauerteig im Backwerk pastoralen Handelns, der nicht einfach nach Bedarf erst von Fall zu Fall hinzugegeben werden kann. Es geht um eine Grundorientierung, die wirkmächtig und erfahrbar, aber eben nicht mess- und kontrollierbar ist.

Die Bibel als Grundlage theologischer Kompetenz

Sauerteig, Grundorientierung: So etwas ist Angelegenheit jeder einzelnen Pfarrersperson, Angelegenheit ihrer theologischen Existenz. Gleichwohl gibt es auch orientierende Vorgaben seitens der Kirche. Worauf es im Pfarrberuf grundlegend ankommt, wird von der VELKD in dem kirchenoffiziellen Dokument »Ordnungsgemäß berufen« als Voraussetzung der Ordination folgendermaßen beschrieben: Voraussetzung hierfür wäre, »dass den Ordinanden und Ordinandinnen die für ihren umfassenden Auftrag erforderliche theologische Kompetenz eignet. Hierzu gehört die Fähigkeit zur selbständigen, am Urtext orientierten und zur hermeneutischen Reflexion fähigen Schriftauslegung. Hierzu gehört auch die selbständige Aneignung des Ansatzes und der Grundlage evangelischer Lehre. Hierzu gehört ferner die auf diesem Fundament zu erwerbende Fähigkeit der theologischen Urteilsbildung angesichts aktueller Herausforderungen sowie die Fähigkeit, das christliche Verständnis der Beziehung von Gott, Welt und Mensch innerhalb und außerhalb der Kirche darzustellen und zu vermitteln.«3 Ausgehend von diesen gewichtigen Bestimmungen kann man sagen: Die auf dem biblischen Zeugnis gründende theologische Kompetenz könnte eine Art Leitkompetenz sein, die allen weiteren im Pfarrberuf für erforderlich gehaltenen Kompetenzen die Ausrichtung gibt und die alle zusammen dann das ausmachen, was insgesamt »pastorale Kompetenz«4 genannt werden kann.

Die Orientierung an der Bibel und die pastorale Kompetenz

Wenn man tatsächlich die auf dem biblischen Zeugnis gründende theologische Kompetenz als die Leitkompetenz ansieht, dann heißt das: Alles, was sonst noch an erforderlichen Kompetenzen und Fähigkeiten im Pfarrberuf hinzukommt, kann nicht einfach additiv hinzugefügt werden, sondern muss in Beziehung zu dieser Leitkompetenz stehen. Eben dieser Eindruck des Additiven kann nun freilich bei dem seit einigen Jahren gebräuchlichen (über das landeskirchliche Intranet zugänglichen) Formular für die dienstliche Beurteilung der Pfarrer und Pfarrerinnen entstehen (Version 2016). Stichwortartig werden erwünschte Fähigkeiten in den vier Grundkompetenzbereichen »Theologie«, »Spiritualität«; »Kybernetik« und »Kommunikation« benannt.

Schaut man sich die Formulierungen in den Grundkompetenzbereichen etwas genauer an, dann ergibt sich folgendes Bild: Im Kompetenzbereich Theologie ist der biblische Rückbezug klar herausgestellt, wenn es etwa heißt: »argumentiert von einer Gesamtschau der biblischen Botschaft her«. Im Bereich Spiritualität treten an die Stelle des biblischen Rückbezugs freilich allgemeinere Formulierungen, wenn etwa von der Notwendigkeit der Unterscheidung »auf dem Hintergrund christlicher Tradition« die Rede ist.5 Im Bereich Kybernetik weisen die Formulierungen »hat das Ganze der Kirche im Blick« sowie »bringt die missionarische Dimension in seine bzw. ihre Arbeit ein« noch darauf hin, dass es um eine kirchliche Tätigkeit geht. Ansonsten muss für diesen Bereich sowie für den Bereich Kommunikation insgesamt gesagt werden: Die Art der Formulierungen kann Wort für Wort auch für außerkirchliche kybernetische und kommunikative Kompentenzbeschreibungen herangezogen werden (etwa bei sozialen Berufen mit Leitungsfunktion).6

Das heißt: Es ist natürlich keineswegs falsch, wenn unter kybernetischen und kommunikativen Gesichtspunkten etwa ein integratives und partizipatives Leitungsverhalten oder ein wertschätzender Umgangsstil als wichtig erachtet werden. Aber explizit biblisch-theologische Rückbezüge bzw. eine Orientierung an spezifische Einsichten biblischer Anthropologie sind nicht zu finden. M.E. wäre es jedoch unter biblisch-theologischen Gesichtspunkten durchaus angemessen, in den Bereichen Kybernetik und Kommunikation etwa den Umgang mit dem nicht Kontrollierbaren oder Messbaren stärker zu thematisieren; ebenso die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Person und Werk oder auch ein Ertragenkönnen von Spannungen und Konflikten, für die sich keine konstruktive Lösung abzeichnet.7

Im Anschluss an die Kompetenzbeschreibungen folgt im Beurteilungsformular ein Durchgang durch zehn Handlungsfelder, für die in je eigenen Worten ein Tätigkeitsprofil zu erstellen ist. Einleitend allerdings finden sich allgemeine Kriterien, die für alle Handlungsfelder gelten sollen. Genannt werden: »gemeinde-, arbeitsfeldgemäß«, »differenziert«, »profiliert«, »konzeptionell durchdacht«, »vernetzt«, »effektiv (gutes Verhältnis von Aufwand und 'Ertrag')«; »innovativ«. Explizit theologische Kriterien sind nicht zu erkennen, geschweige denn biblisch-theologische. Eher erscheint hier als Leitkompetenz eine Art von Kybernetik, die signalisiert, dass grundsätzlich alles mach-, steuer- und optimierbar ist.

Eine Problemanzeige

Die soeben thematisierten Vorgaben des Beurteilungsformulars will ich nicht überinterpretieren, zumal damit allemal noch unterschiedlich umgegangen werden kann. Allerdings bestätigen die Beobachtungen zum Beurteilungsformular auf ihre Weise das, was auch anderweitig als Eindruck entstehen kann: Eine substantielle biblisch-theologische Ausrichtung (nicht zu verwechseln mit einer unreflektierten Dauerzitation von Bibelstellen) kann im Pfarrberuf zu einer eher segmentären Angelegenheit werden.8 Ein Indiz hierfür ist die eher additive Auflistung von Kompetenzbeschreibungen,9 deren Relation zueinander nicht so recht klar wird und die letztlich in unterschiedliche Denk- und Handlungslogiken hineinführen können.

Isolde Karle bringt die Problematik folgendermaßen zur Sprache: Es käme darauf an, »dass Pfarrerinnen und Pfarrer sich als Geistliche verstehen, dass die verfremdende Perspektive des Evangeliums, die sie auf den Kanzeln zu vermitteln trachten, in den vielfältigen Beziehungen ihres Berufes zum Tragen kommt«.10 Die Spannung, in der pastorales Handeln steht, hat Manfred Josuttis klassisch als »Trias von Organisation, Milieu und Leib Christi« beschrieben.11 Er führt hierzu weiter aus: »Ob sich die drei Bereiche gegenseitig sinnvoll ergänzen oder ob sie sich eher stören, ist eine Frage, die generell schwer zu entscheiden ist. Zu vermuten ist nur, die Annahme, Organisation und Milieu würden dem Leib Christi immer nur dienen, sei eine mehr oder weniger fromme Illusion.«12

»Organisation«, das sind die strukturellen Rahmenbedingungen unseres kirchlichen Handelns. »Milieu«, das ist die Prägung einer Gemeinde vor Ort in ihrer sozialen Struktur, in ihren konkreten Lebensäußerungen, mit ihren Interessen und Erwartungen. »Leib Christi«, das erinnert wieder an die Bestimmung unserer Kirchenverfassung, dass die Kirche »aus dem Worte Gottes« lebe und so letztlich eine dadurch bestimmte Größe sei. Diese benannten drei Größen sieht nun Josuttis nicht in einem per se gegensätzlichen, wohl aber in einem möglicherweise spannungsvollen Verhältnis. Und man wird hier hinzufügen dürfen: Im Zweifelsfall ist der Leib Christi in besagter Trias das schwächste Glied. Denn zum Wesen des Leibes Christi gehört es ja laut der Confessio Augustana, dass hier die Dinge »ohne menschliche Gewalt, sondern allein durch Gottes Wort« sich vollziehen und regeln sollen (»sine vi humana, sed verbo«; CA 28). Stärker kann da allemal die Größe »Organisation« in Gestalt institutioneller Zwänge sein; ebenso die Größe »Milieu«, wenn eine Eigendynamik bestimmter, oft auch konkurrierender Interessen und Erwartungen bestimmend wird.

Theologische Kompetenz und theologische Existenz

Mit Blick auf das soeben Ausgeführte lässt sich durchaus mit einem gewissen Recht sagen: Genau dazu ist nun doch die theologische, in einem langen Studium erworbene Kompetenz der Pfarrerinnen und Pfarrer da: dass es eben nicht zu dieser Gewichtsverlagerung kommt; dass im Gegenteil der aus dem Wort Gottes lebende Leib Christi gestärkt wird. Die theologische, wesentlich am Zeugnis der Bibel orientierte Kompetenz müsste also so betrachtet wirklich als eine Art Leitkompetenz verstärkt ins Bewusstsein treten, die den anderen Grundkompetenzen spiritueller, kommunikativer und kybernetischer Art eine bestimmte Ausrichtung gibt.

Ich denke, wir sind hier schon auf der richtigen Spur, aber noch nicht weit genug vorangeschritten. Mit dem Kompetenzbegriff kommen wir hier kaum mehr weiter: Auf der Kompetenzebene kann man bestimmte erforderliche, grundsätzlich auch nachprüfbare Fähigkeiten und Verhaltensweisen umschreiben. Man kann (wie soeben geschehen) auch noch danach fragen, wieweit vorhandene Kompetenzbeschreibungen in ihrer Relation zueinander ein stimmiges Bild ergeben. Aber das, was all dem zugrunde liegt jenseits aller Fähigkeiten und Fertigkeiten, führt auf eine andere, tiefere Ebene. Jetzt geht es um die Identität eines Menschen, um sein innerstes Sein, um seine Existenz selber. Im Notfall geht es auch um seine Widerstandsfähigkeit, um sein Stehvermögen. Die Frage nach der theologischen Kompetenz führt also notgedrungen weiter zur Frage nach der theologischen Existenz: Theologische Kompetenz lebt aus einer theologischen Existenz, die nicht mehr in nachprüfbaren Kategorien beschrieben werden kann, sondern – weil eben die gesamte Existenz eines Menschen betreffend – allenfalls in ihrer Grundrichtung und Ausrichtung umschreibbar ist.

Karl Barth nennt in seinem Schwanengesang »Einführung in die evangelische Theologie« verschiedene Aspekte theologischer Existenz: Unter anderem hält er fest, dass die Existenz eines Theologen »wie die eines jeden menschlichen Lebewesens Existenz im gegenwärtigen Äon des Kosmos« ist. Er existiert »unter und mit allen anderen Menschen«. Seine Eigenart ist 'nur', »daß er eben … mit dem in Gottes Werk ausgesprochenen und vernehmbaren Worte Gottes konfrontiert ist«.13 Inhaltlich führt es Karl Barth so aus: »Der Gott des Evangeliums ist der seinerseits dem Leben aller Menschen und so auch ihren Theologien barmherzig zugewendete, aber nicht nur den Unternehmungen der Anderen, sondern auch dem der evangelischen Theologie gegenüber überlegene, immer wieder neu sich erschließende und neu zu entdeckende Gott, über den auch sie keine Verfügung hat noch bekommt.«14

In ganz praktischer Konsequenz beschreibt es dann Christian Möller so: »Die heute wohl gängigste Irrlehre besteht darin, dass wir schon wüssten, was das Evangelium sei; es komme nur darauf an, es richtig zu vermarkten, anzuwenden und an den Mann oder die Frau zu bringen. Diese Irrlehre kann sich missionarisch, volkskirchlich oder sonstwie tarnen. Es bleibt allemal eine Irrlehre.«15

Die Bibel als Grundlage theologischer Existenz

Der Gott des Evangeliums ist der »immer wieder neu sich erschließende und neu zu entdeckende Gott« (Karl Barth), und infolgedessen wissen wir nicht immer schon, »was das Evangelium sei« (Christian Möller). Es bedarf also eines beständigen, jeweils neu einsetzenden Erkundungs- und Entdeckungsvorgangs im Umgang mit der Bibel: Kompetenz (auch theologische) kann man vielleicht noch 'haben'. Eine theologische Existenz hingegen hat eher etwas mit einer Dauerbewegung zu tun.

Genau hier, an dieser Stelle unserer Betrachtung, ist es an der Zeit, an zentrale reformatorische Erfahrungen und Einsichten im Umgang mit der Bibel zu erinnern, die für uns bis heute richtungsweisend sein können, um sodann die Linien in unsere Gegenwart weiter auszuziehen.

»Sola scriptura« – ein protestantisches Urprinzip

Die Redeweise von der Bibel als »Grundlage« steht in Zusammenhang mit der reformatorischen Formel »sola scriptura« – »allein die Schrift«. Diese exklusive Formulierung verweist uns auf einen sehr existentiellen Erkenntnisweg, den Martin Luther gegangen ist.

Die reformatorische Neuorientierung

Martin Luther war bereits Professor für Schriftauslegung (»Lectura in Biblia«), als er zu dem kam, was man die reformatorische Entdeckung oder Wende nennt. Er war – um es mit den Begriffen des vorhergehenden Kapitels auszudrücken – biblisch-theologisch durchaus kompetent, zugleich aber auf der Suche nach seiner theologischen Existenz. Umgetrieben hat ihn die Frage, wie Gott ihm gnädig sein bzw. gnädig werden könne – eine Frage, die in unserer (auch kirchlichen) Gegenwart mitunter zu Unrecht als nicht mehr bzw. nur schwer vermittelbar angesehen wird.16 Offensichtlich hat diese Leitfrage auch seine intensive Bibellektüre bestimmt, und eben auf der Grundlage der Schrift kam er sodann zu seiner wesentlichen Neuorientierung: Gott müsse nicht erst gnädig gestimmt werden, er ist bereits gnädig. Diese Gnade ist verlässlich allein durch Christus verbürgt, und die angemessene und allein erforderliche Haltung wäre nicht mehr irgendeine menschliche Vor- oder Gegenleistung, sondern allein das Vertrauen auf die Gnade, also der Glaube (der ja biblischtheologisch nicht irgendein Vermuten, sondern einen Vertrauensakt darstellt). Auch dieser Vertrauensakt ist nicht als ein Minimum an menschlicher Gegenleistung, sondern seinerseits als eine göttliche Erleuchtung (als ein Werk des Heiligen Geistes) zu verstehen.

Wesentlich ist hierbei: Das reformatorische Schriftprinzip steht im Kontext dreier weiterer Exklusivbegriffe, die bereits für Luther entscheidend waren und die dann später alle zusammen »particulae exclusivae« genannt wurden:17 »allein die Schrift« (sola scriptura), »Christus allein« (solus Christus), »allein aus Gnaden« (sola gratia), »allein durch Glauben« (sola fide).18 Rein semantisch müssten sich diese vier Exklusivbegriffe eigentlich gegenseitig ausschließen, was sie inhaltlich aber keineswegs tun. Sie stehen in einem zirkulären Zusammenhang: Mit welchem Leitbegriff man auch beginnt, man kommt dann stets auch zu den anderen. Als in der Sache grundlegend dürfte nun gleichwohl das »solus Christus« gelten: Durch ihn widerfährt dem Menschen die Gnade seines Lebens, der er vertrauen darf. Die existentiellen Leitbegriffe »sola gratia« und »sola fide« haben also ihre allein verlässliche Basis in der Gestalt und dem Wirken Jesu Christi. Von all dem zusammen wissen wir aber wieder nur verlässlich aus dem Zeugnis der Schrift, also auch: »sola scriptura«!

In dieser Weise ist die Autorität der Schrift eine von Christus her abgeleitete. Das ermöglichte Luther, die Autorität der biblischen Zeugnisse daran zu bemessen, wieweit sie »Christum treiben«.19 Aber eben so, in dem biblischen Zeugnis von Jesus Christus, kommt der lebendige, auferstandene und in das Sein Gottes hineingenommene Christus zu uns. Dabei braucht es die ganze Bibel (also auch das Alte Testament) als Sprachraum des Zeugnisses von dem sich offenbarenden und in Christus schließlich in einem Menschen sich ereignenden Gott. In dieser Weise legt die Schrift sich auch selber aus (sie ist »sui ipsius interpres«20), das Unklare und Dunkle erhellt sich vom Gesamtzeugnis her. Und in eben dieser Weise kann auch Sachkritik an einzelnen biblischen Aussagen geübt werden. Bekanntlich hat Luther etwa den Jakobusbrief durchaus kritisch betrachtet21 und ihn zusammen mit dem Hebräerbrief dadurch gleichsam degradiert, dass er ihn im Kanon weiter nach hinten geschoben hat.

Martin Luther übte sicher keine Bibelkritik von der Art, wie sie heutzutage mit der historisch-kritischen Methode in Verbindung gebracht wird. In seinem Bibelverständnis zeigt sich aber eine eigentümliche Dialektik: Er übt theologische Sachkritik an einzelnen biblischen Zeugnissen, aber die Kriterien für diese Kritik kommen eben wieder aus diesem Zeugnis in seiner Gesamtheit. Es ist also eine Bibelkritik mit Hilfe der Bibel. Es ist keine über die Bibel verfügende Kritik, denn allemal hat zu gelten: »Nicht der Interpret legt die Schrift, sondern die Schrift legt den Interpreten aus.«22

Sola Scriptura und die Freiheit eines Christenmenschen

Die neben dem Schriftprinzip formulierten Exklusivpartikel (»Christus allein«, »allein aus Gnaden«, »allein durch Glauben«), die ja alle zusammen etwas mit der Rechtfertigungslehre zu tun haben, sind so etwas wie Leitbebegriffe zum Verständnis der Bibel insgesamt. Die Bibel wird also tatsächlich in einer ganz bestimmten Akzentuierung gelesen: nämlich als Botschaft göttlicher Befreiung.23 Ein sehr eindrückliches Beispiel hierfür bietet Martin Luther mit seiner bekannten Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« aus dem Jahr 1520. Luther stellt an den Anfang seine berühmt gewordenen Thesen: »Damit wir gründlich erkennen können, was ein Christ ist und wie es um die Freiheit steht, die Christus ihm erworben und gegeben hat, von der der heilige Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Thesen aufstellen: Ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht in allen Dingen und jedermann untertan.«24

Zur Explikation dieser These schöpft Luther nun den gesamten biblischen Sprachraum aus. Unterschiedlichste Texte werden angeführt: etwa aus den Evangelien, den Paulusbriefen, den alttestamentlichen Propheten, den Psalmen, den Mosebüchern.25 Die aufgestellte These braucht – um wirklich Fleisch zu gewinnen und konkret zu werden – die intensive Orientierung und Begründung im biblischen Zeugnis. Sie braucht dieses biblische Fundament auch, damit es nicht zu Fehldeutungen oder zu Veroberflächlichungen kommt. Nur so wird deutlich, dass die Freiheit eines Christenmenschen eine befreiende Abhängigkeit vom Werk Jesu Christi ist und somit nicht einfach im Sinn einer autonomen Selbstermächtigung verstanden werden kann (wie es Freiheitsbegriffe anderer Art nahelegen). Und dass eben diese Freiheit eines Christenmenschen am Menschen neben mir nicht vorbeigehen kann, macht der zweite Teil der These klar.

Die Freiheit eines Christenmenschen und die »ecclesia semper reformanda«

Das, was hier Luther in seiner Freiheitsschrift thetisch aufstellt und dann biblisch-theologisch expliziert, ist für die Freiheit eines Christenmenschen in unserer Gegenwart hoch relevant und somit auch für die pastorale Existenz. Wir Pfarrer und Pfarrerinnen können daraus lernen, wie von der Freiheit eines Christenmenschen Gebrauch zu machen ist – und sei es (wenn es denn sein muss) auch gegenüber den Vorgaben kirchlicher Organisation und Milieus. Wir können ebenso daraus lernen, was es mit dem dienstbaren Knechtsein auf sich hat: dass also diese Freiheit nicht mit pastoraler Selbstgefälligkeit zu verwechseln ist.

Aus alledem lässt sich gut erkennen, was »Reformation« im tiefsten Sinn bedeutet: Es ist eine Rückbesinnung auf die in der Bibel bezeugte Wahrheit, die frei macht (vgl. Joh. 8,31). In diesem Wahrheitsraum soll sich christliche (und damit allemal auch pastorale) Existenz bewegen. Die »Freiheit eines Christenmenschen« ist kein Status, sondern eine ständige Bewegung, eine beständig neue Formierung im Rückbezug auf das biblische Zeugnis (also: Re-Formation). Der »alte Adam« muss – so Luther im vierten Haupstück des Kleinen Katechismus – tagtäglich(!) überwunden werden. Ein Christenmensch ist also eine ständig neu zu reformierende Person, eine 'persona semper reformanda'.

Damit knüpfe ich bewusst an die in unserer kirchlichen Gegenwart vielfach begegnende, in ihrer Herkunft allerdings nicht klar bestimmbare Rede von der ständig zu reformierenden Kirche an (»ecclesia semper reformanda«). Es kann auf das falsche Geleis führen, wenn eine so gewichtige Formulierung als Legitimation nahezu aller größeren und kleineren Strukturveränderungen herhalten muss. Auch für die Kirche als ganze geht es zuallererst um eine ständige Bewegung im Sinn einer tagtäglichen Überwindung des (in diesem Fall: kollektiven) »alten Adam«. Strukturdebatten sind nicht per se schon Ausdruck einer »ecclesia semper reformanda«. Und sie münden nur dann nicht in die Interessen- und Verteilungskämpfe des »alten Adam«, wenn sie von der tieferen geistlichen Einsicht getragen sind, die uns Luther nahe legt.

Das absolut Nicht-Selbstverständliche

Es ist absolut nicht selbstverständlich, die eigene Existenz und damit auch das Verständnis von Gott, Welt und Mensch auf das biblische Zeugnis zu gründen. Es ist nicht selbstverständlich, den Ruf in die Freiheit eines Christenmenschen individuell in der eigenen theologischen Existenz und kollektiv als Kirche insgesamt als eine tagtägliche(!) Herausforderung anzunehmen. Und generell ist überhaupt nichts am biblischen Zeugnis selbstverständlich. Es scheint mir nicht überflüssig zu sein, nachfolgend den uns bekannten biblischen Narrativ unter besonderer Betonung des Nicht-Selbstverständlichen in Erinnerung zu rufen.

Ein befreiender Narrativ des Nicht-Selbstverständlichen

Es ist das ganz und gar Nicht-Selbstverständliche, wenn gesagt wird, dass in diesen alten Geschichten von Schöpfung, Väterwanderung, Knechtschaft und Exodus, von Wüste und gelobtem Land, von Exil, Fremde und Heimkehr das Geheimnis des Dabeiseins Gottes in zeitübergreifender Bedeutung sich enthüllt; dies gewiss immer nur von Zeit zu Zeit und immer wieder unbegreiflich, zugleich aber auch immer wieder neu. Es ist ebenso wenig selbstverständlich, wenn gesagt wird, dass dieser unendlich große Gott, vor dem die Völker und Weltmächte wie ein Tropfen am Eimer sind (Jes. 40,15), zugleich alle meine Wege sieht (Ps. 139,3) und mich ermächtigt, dankend und klagend ihn anzureden. Es ist auch nicht selbstverständlich anzunehmen, dass Propheten wirklich im Namen Gottes Pseudosicherheiten erschüttern und ebenso in der Hoffnungslosigkeit Zukunft aufscheinen lassen.

Noch weniger selbstverständlich ist es, wenn von einem Menschen erzählt wird, in dem Gott sein von Anfang der Welt an wirksames Wort des Lebens personhaft habe Gestalt gewinnen lassen (Joh. 1,1ff); wenn diesem Menschen – geboren im hintersten Winkel eines Weltreichs – in einer Art konfrontativer Frechheit Herrschaftsprädikate wie »Sohn Gottes« zugedacht werden, die man sonst für die damalige religiöse Begründung staatlicher Herrschaftsideologien in Anspruch nahm. Und nochmals überhaupt nicht selbstverständlich ist das biblische Zeugnis, dass eben das Lebensopfer dieses Menschen – an einem der vielen, von den Herrschern der damaligen Welt errichteten Kreuze hängend – göttliche Zukunft hat und die Überwindung von Sünde, Hölle, Not und Tod schlechthin bedeuten soll.

»Sola scriptura« oder »sola religio«?

Es war noch nie selbstverständlich (gewiss auch zu Luthers Zeiten nicht), sich in diesen befreienden Sprachraum der biblischen Botschaft hineinzubegeben bzw. diesen Sprachraum als befreiend zu erfahren und darauf seine Existenz zu gründen. Keineswegs selbstverständlicher ist dies alles in unserer religiösweltanschaulich pluralen Gegenwart geworden, in der der christliche Glaube schon längst seine Monopolstellung verloren hat. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Kirche nicht nur de facto in Konflikt mit dem Schriftprinzip kommen kann, sondern dass dieses Prinzip in der theologischen Reflexion auch grundsätzlich in Frage gestellt wird, weil man mit eben diesem Prinzip eine Selbstghettoisierung der Kirche befürchtet.

Laut beachtlicher Stimmen innerhalb der evangelischen Theologie26 sollte eben nicht die Bibel der Ausgangspunkt bzw. die Grundlage religiösen Denkens, Redens und Handelns in der Kirche sein. Im Gefolge einer bestimmten Religionsdiagnostik wird vielmehr eine natürliche religiöse Veranlagung als fester Bestandteil des Menschseins angesehen und in der Konsequenz dessen als Grundlage aller weiteren theologischen Orientierung betrachtet: Säkularisierte Gesellschaften mit ihrer Tendenz zum Bedeutungsverlust institutionalisierter Religiosität wären keineswegs weniger religiös, sondern das Religiöse begegne hier in transformierter Gestalt, die es tiefenhermeneutisch wahrzunehmen gelte. Jede Form von Sinnverlangen des Menschen, jede transzendierende Fähigkeit, über vorhandene Ist-Zustände hinauszudenken oder sich auch hinauszuträumen, bekommt die Signatur »religiös«. Zugespitzt lässt sich dabei von einem »religiösen Energieerhaltungssatz« reden: »Religion bleibt demnach quantitativ stabil, sodass Änderungen lediglich Zustandswechsel ohne Spannungsabfälle darstellen.«27 Feststellbar sei also, dass hier die Vorfahrtsregel »Religion vor Gott« gelte und andere Ansätze, die es doch lieber mit der Regel »Gott vor Religion« halten, sich »auf heftige Polemik der Gegenseite einstellen« können.28

Ein eindrückliches Beispiel für eine solche »heftige Polemik« bietet der Berliner Theologe Wilhelm Gräb.29 Er spart nicht mit scharfer Kritik: Dass die »Mehrheit der Menschen in unserem Land« kirchlicherseits nicht erreicht werde, liege an der »Religionsunfähigkeit von Theologie und Kirche« und nicht an einem »Nachlassen des Interesses an Religion und Glauben« (S. 11). Kritisch kommt bei Gräb dabei auch das Schriftprinzip ins Visier als eine »Vorweganerkennung der biblisch-kirchlichen Wahrheitsautorität« (S. 8), wo man »die Menschen zu Adressaten der biblischen Offenbarungswahrheit meint machen zu können« (S. 12).

Demgegenüber gelte es, von einer »Kommunikation des Lebensglaubens von Menschen« auszugehen und von da aus auf »den Text« zurückzugehen –konkreter formuliert: »auf biblische Texte, auf andere Texte, in denen das religiöse Lebensinteresse von Menschen Nahrung findet« (S. 13). Als eine solche »Nahrung« können somit auch(!) biblische Texte herangezogen werden, somit nicht »im Schema der Vermittlung vorgegebener Traditionsbestände«, sondern »nach Maßgabe einer selektiven, von lebensgeschichtlichen Sinnbedürfnissen gesteuerten Wahrnehmung« (S. 20). Vorausgesetzt ist in alledem, dass die »Dimension des Göttlichen als zugehörig zum Menschen« zu betrachten ist und so die Theologie eine »religionshermeneutische« zu sein habe (S. 13).

Fazit: Es geht jetzt nicht mehr 'nur' um die Frage, wieweit die Bibel mit ihrer bis in die Kirchenverfassung hinein proklamierten Grundlagenfunktion in dieser Funktion auch in der Pfarramtspraxis de facto zur Geltung kommt. Es steht jetzt generell zur Debatte, auf welcher Grundlage theologische Existenz und im Gefolge dessen pastorales Handeln überhaupt stehen sollten. Die gerade gerafft referierten religionshermeneutischen Ansätze machen nun gewiss die Bibel keineswegs funktionslos. Aber: Sie ist mit ihrem Zeugnis nicht selber Grundlage. Grundlage ist – ausgehend von dem Postulat einer ins menschliche Wesen eingeschriebenen religiösen Veranlagung – ein religionshermeneutisches Koordinatensystem, in dem die Bibel in die Funktion einer spirituellen Ressource kommt; möglicherweise einer sehr bedeutsamen Ressource, aber zugleich dann auch wieder so, dass man sich dieser Ressource in Auswahl gemäß des aktuellen Sinnbedürfnisses bedienen solle. Unter solchen Prämissen wären dann also auch Pfarrerinnen und Pfarrer hermeneutisch reflektierte Agenten des Religiösen mit speziellen Kenntnissen der biblischen Sinnpotentiale. Also: 'sola religio' statt »sola scriptura«?

Die Wahrheit des geschichtlich begegnenden Gottes

Nun gibt es freilich nach wie vor auch eine beträchtliche Anzahl von namhaften Theologen, die eben diesen religionshermeneutischen Weg nicht beschreiten. Als sehr eindrückliches Beispiel hierfür möchte ich Wolf Krötke nennen, wie Wilhelm Gräb auch er bis zu seiner Emeritierung Professor in Berlin. Sein Denken ist stark geprägt von Erfahrungen als Dorfpfarrer, Studentenpfarrer und theologischer Lehrer in der damaligen DDR. So hat er auch besonders den »massenhaften Atheismus der Bevölkerung« im Blick, wie er im Osten Deutschlands nach wie vor anzutreffen ist.30 Mit Blick auf eine dort deutlich wahrnehmbare »Gottesvergessenheit« (S. 269) sieht er die Aufgabe der Kirche darin, »die Wahrheit Gottes zu bezeugen« (S. 270). Er bleibt skeptisch, wenn etwa mittels der »Frage nach dem Sinn des Lebens« oder in der »Reflexion auf das für jeden Menschen unerläßliche 'Urvertrauen'» andemonstriert werden soll, »daß Menschen 'von Natur aus religiös'» seien. Wer hingegen – wie er selber – auf »die Begegnung mit der Wahrheit« setze, gelte mit seinem Vorgehen als »'autoritär', ja 'totalitär'» (S. 270; Hervorhebung original).

Nun lässt sich Krötke auf einen ideologisch ausgetragenen, letztlich unergiebigen Streit über die religiöse menschliche Veranlagung31 gar nicht weiter ein. Jedenfalls sei »überhaupt nicht einzusehen, was das Herumbohren in jener menschlichen Fähigkeit als solcher, das … zunächst einmal vom Glauben absieht, für einen Gewinn bringen soll. Praktisch ist das Reden von Gott, das hier angestrebt wird, in einem gottesvergessenen Umfeld genauso neuartig und fremd wie das schriftbezogene Gotteszeugnis auch, so daß in dieser Hinsicht gar nichts gewonnen ist. … Die Gefahr, daß die Kirche, die im Grunde alle ihre Kräfte auf das Entstehen des Glaubens bei den Menschen konzentrieren muß, auf diese Weise ausdauernd in einem unverbindlichen religiösen Vorfeld des Glaubens stecken bleibt, ist dabei mit Händen zu greifen« (S. 272). Ausdrücklich nennt Krötke es ein »Vorurteil«, zu meinen, die Konzentration auf den im Zeugnis der Bibel begegnenden Gott könne zu einer Verengung der Weltsicht führen: »Das biblische Zeugnis setzt in dieser Hinsicht alles auf die Tagesordnung, was ein menschliches Leben, ja die Wirklichkeit überhaupt ausmacht und läßt es in einem neuen Lichte erscheinen« (S. 272).

Das Zutrauen zum biblischen Zeugnis

Ich verhehle nicht, dass ich den Ansatz Wolf Krötkes über den von ihm speziell anvisierten ostdeutschen Kontext hinaus für den verheißungsvolleren halte. Das, was Gräb polemisch eine »Vorweganerkennung der biblischkirchlichen Wahrheitsautorität« nennt, ist für Krötke ein Sich-Einlassen auf das biblische Zeugnis mit einem gewissen Vertrauensvorschuss. Hierfür braucht er dann auch nicht mehr das Postulat einer ohnehin in jedem Menschen vorhandenen religiösen Veranlagung.

Mir ist eigentlich schon seit Studienzeiten unerfindlich, weshalb man meinen kann, mit der Bezeichnung »religiös« auf festem Boden zu stehen. Dieses Zutrauen ist mir im geistigen Klima der sog. Nach-68er abhanden gekommen. Da war man geradezu genötigt, sich etwas intensiver mit religions- und ideologiekritischen Impulsen auseinanderzusetzen. Vor diesem Hintergrund erstaunt mich umso mehr die Unbefangenheit, mit der nun wieder eine postulierte religiöse Veranlagung aller Menschen zur Grundlage kirchlichen Redens und Handelns erklärt wird.32

Weiter denke ich an die vielen Menschen, die gar nicht sonderlich religionskritisch eingestellt sind, sich aber gleichwohl als nicht-religiös verstehen. Ihnen muss also erst einmal dargelegt werden, dass ihre Selbsteinschätzung unzutreffend ist. Und dann wird aus christlichen Symbol- und Traditionsbeständen in passender Selektion adäquate Nahrung angeboten. Ich werde den Eindruck nicht los, dass hier etwas ungut Vereinnahmendes vor sich geht, angesichts dessen es »kein Eintrinnen«33 gibt. Kurzum: In der Begegnung mit dem biblischen Zeugnis ist das Heranschleichen durch die religiöse Hintertür nicht der geeignete Zugangsweg. Zumal unter pluralen religiösweltanschaulichen Bedingungen kann und darf auch nicht erwartet werden, dass das störend Befremdliche des Evangeliums bei einer halbwegs geschickten Kommunikationsstrategie wie ein Deckel auf den Topf menschlicher Sinnsuche und Bedürfnisartikulation passt. Hingegen darf erwartet und erhofft werden, dass das biblische Zeugnis sich seinen eigenen Weg bahnt und seine Saat immer wieder auch dort aufgeht, wo man weder kirchen- noch religionsstrategisch damit gerechnet hat. Um dieses Zutrauen geht es.

Krise des Schriftprinzips – was ist das?

Vom »Zutrauen zum biblischen Zeugnis« war soeben die Rede. Eben dieses Zutrauen hat etwas mit dem Schriftprinzip (sola scriptura) zu tun. Nun kann eben dieses Prinzip auch in die Krise kommen.34 Das wurde in den bisherigen Ausführungen in einer doppelten Weise deutlich:

- Es gibt eine 'De-facto-Krise', wenn – eben de facto – der Schrift in unserer Kirche nicht die Rolle zukommt, die ihr eigentlich vom lutherischen Bekenntnis her und bis hinein in die Kirchenverfassung zusteht.

- Es gibt eine Grundlagenkrise, wenn in bestimmten Ausprägungen der Religionshermeneutik mit der Vorfahrtsregel »Religion vor Gott« auch ein 'sola religio' an die Stelle eines »sola scriptura« tritt.

In diesen beiden Phänomenen würde ich persönlich primär die Krise des Schriftprinzips aktuell verorten. Nun ist es freilich so, dass mit deutlich größerer binnenkirchlicher Aufmerksamkeit eine krisenhafte Erscheinung eher woanders 'dingfest' gemacht wird und in diesem Zusammenhang die sog. historisch-kritische Methode der Schriftauslegung ins Visier gerät.

Ein Unbehagen

Ein bestimmtes Unbehagen bringt eine bedeutende Gruppe innerhalb unserer Landeskirche – der »Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern« (ABC) –in Gestalt einer Forderung folgendermaßen zum Ausdruck: »Die Prinzipien der wissenschaftlichen Bibelauslegung, die heute an den theologischen Fakultäten gelehrt werden, sind einer Revision zu unterziehen: Insbesondere muss die fragwürdige Dominanz der historisch-kritischen Schriftauslegung überwunden werden, indem auch Vertreter einer historisch-biblischen Schriftauslegung an den Fakultäten eine Chance bekommen.«35 Diese insbesondere von dem früheren württembergischen Landesbischof Gerhard Maier propagierte »historisch-biblische Schriftauslegung« möchte zwar sorgfältig den Sinn biblischer Texte herausarbeiten, diese aber keiner »inhaltlichen oder prinzipiellen Kritik« mehr unterwerfen. Sie »verweigert sich ausdrücklich der seit Luther gegenüber der Schrift geübten Unterscheidung dessen, 'was Christum treibet', von Aussagen, die dies nicht tun«.36

Ein Blick zurück

Um den in der Forderung des ABC zutage tretenden innerkirchlichen Dissens angemessen zu betrachten, ist ein Blick zurück erforderlich. Für Martin Luther war – wie bereits dargelegt sola scriptura37  38