RALF FRISCH

WAS FEHLT DER
EVANGELISCHEN KIRCHE?

Reformatorische Denkanstöße

Ralf Frisch, Dr. theol., Jahrgang 1968, ist Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, Theologischer Referent der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Dozent am Zentralinstitut studium plus der Universität der Bundeswehr München. Besonders am Herzen liegen ihm die Grundfragen des Glaubens und ihre Vergegenwärtigung, der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft sowie die bildende Kunst der Moderne.

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© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Gesamtgestaltung: Makena Plangrafik, Leipzig

Coverbild: Margarethe Kollmer, imitating the inside of your eyes with the outside of my hand, © Margarethe Kollmer

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-374-05032-1

www.eva-leipzig.de

Für
Annekathrin Preidel
und die Weggefährten

Wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten, unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachkommen werden es auch nicht sein. Sondern der ist es gewesen, ist noch, wird es sein, der da spricht: »Ich bin bei euch bis an der Welt Ende.«

Martin Luther

Wenn schon die Illusion im Leben der Menschen eine so große Macht hat, dass sie das Leben in Gang hält, wie groß ist dann erst die Macht, die eine absolut begründete Hoffnung für das Leben hat, und wie unbesiegbar ist so ein Leben.

Dietrich Bonhoeffer

VORBEMERKUNG

Ich lehne mich mit diesem Buch weit aus dem Fenster. Das ist riskant, weil jemand, der sich weit aus dem Fenster lehnt, leicht das Gleichgewicht verlieren kann. Es ist aber auch erfrischend, weil nicht drin, sondern nur draußen die frische Luft weht, die Körper und Geist neuen Sauerstoff zuführt.

Der Theologe Karl Barth (1886–1968) sah die Gefahr, dass es in den Räumen der Kirche, wenn diese nicht gelegentlich durch reformatorisches Denken gelüftet werden, »zu muffeln« beginnt. »Wer«, so Barth, »eine feine Nase hat, der wird das riechen und schrecklich finden!« Im Christentum »weht die frische Luft des Geistes. Sonst ist es nicht Christentum. Es ist eine ganz und gar ›weltliche‹ Sache: offen zur Menschheit hin … Man kann wohl oft einen Ekel bekommen vor dem ganzen kirchlichen Wesen. Wer diese Beklemmung nicht kennt, wer sich einfach wohl fühlt in den Kirchenmauern, der hat die eigentliche Dynamik dieser Sache bestimmt noch nicht gesehen. Man kann in der Kirche nur wie ein Vogel im Käfig sein, der immer wieder gegen die Gitter stößt.«1 – Oder man kann ein Fenster öffnen, tief Luft holen und mit klarem Kopf und leidenschaftlichem Herzen über Gott und die Welt und die Kirche nachdenken. Das habe ich in diesem Buch, das ein sehr persönliches Buch ist, getan. Ich habe dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Weil ich es zwischendurch mit der Angst bekam, ob ich das, was ich geschrieben hatte, wirklich so schreiben sollte, war ich mehr als einmal versucht, das Ganze aufgrund der zu erwartenden Kritik an meiner Kirchenkritik sein zu lassen.

Zwei starke Frauen haben mich ermutigt, das Buch trotz meiner Skrupel zu veröffentlichen: Dr. Annette Weidhas, die Programm- und Verlagsleiterin der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, und Dr. Annekathrin Preidel, die Präsidentin der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Annette Weidhas danke ich für ihr unbestechliches Lektorat, für ihr weitherziges Vertrauen und für ihr weises Einschreiten, wenn ich es zu bunt trieb. Annekathrin Preidel danke ich dafür, dass sie nie an diesem Buch gezweifelt hat. Ihr und den Weggefährten in der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, die eine höchst vitale, intellektuell und spirituell quicklebendige Widerlegung aller kirchenkritischen Thesen der folgenden Seiten darstellen, widme ich, was ich geschrieben habe.

Mein Buch hätte nicht die von mir gewünschte Gestalt gewonnen, wenn mir nicht Anne Grabmann, die Leiterin Buchherstellung der Evangelischen Verlagsanstalt, nahezu jeden Design- und Layoutwunsch erfüllt und wenn mir die Künstlerin Margarethe Kollmer nicht in letzter Minute einen Filmstill für das Cover zur Verfügung gestellt hätte. Danke!

Prof. Dr. Ralf Frisch
Erlangen, im Mai 2017

INHALT

Cover

Titel

Impressum

1. Das erste Wort: Liebe

2. Selbstkritik: Eine reformatorische Tugend

3. Religion: Berauschende Bewusstseinserweiterung

4. Des Kaisers neue Kleider: Die Nacktheit der evangelischen Kirche

5. Keine Angst vor der Zukunft: Jedem Ende wohnt ein Zauber inne

6. Die Unverschämtheit der Kinder Gottes: Geistesgegenwärtige Seismographie

7. Das christliche Abendland: Denk- und Glaubensraum der Freiheit

8. Das Kreuz Jesu: Platz für Glaubenszweifel und Atheismus

9. Das Christentum: Religion angstfreien Anderssehens

10. Der Weg, die Wahrheit und das Leben: Die Liebe Jesu Christi

11. Die Größe wahrer Religion: Verteidigung des Anderen und Liebe zum Eigenen

12. Ein theologisches Tabu: Gut vom Gericht über das Böse reden

13. Plädoyer für eine islamische Renaissance: Navid Kermanis Friedenspreisrede

14. Selbstbanalisierung: Keine geringe Gefahr des Protestantismus

15. Perspektivenwechsel: Feste des Nichtwiedererkennens feiern

16. Die Erotik des Glaubens: Sinn und Geschmack für das Universum

17. Die Frage aller Fragen: Wer und wo sind wir?

18. Das transparente All: Wie geschaffen für das Auge des Menschen

19. Mit dem Kopf durch das Firmament: Die christliche Weltbildrevolution

20. Eine evangelische Sehschwäche: Blindheit für das Geheimnis der Welt

21. Tiefenschärfe statt Verblendung: Der christliche Glaube

22. Der neue Atheismus: Engstirnigkeit und geistiger Raumverlust

23. Erschöpfung im Unwesentlichen: Die Falle kirchlichen Handelns

24. Vergottung von Kommunikation: Die Misere der Aufmerksamkeitskultur

25. Das Metaphysische: Jenseits von Faktizität und Postfaktizität

26. Verrücktwerden in die Nähe Gottes: Staunender Glaube

27. Christliche Aufklärung: Buße und Reformation des Denkens

28. Initiation durch das Evangelium: »Welcome to the real world!«

29. Kirchen: Krafträume am Puls des Seins

30. Fundamentalität statt Fundamentalismus: Kennzeichen einer wesentlichen Kirche

31. Die Barmer Theologische Erklärung: Kritik der Letztgültigkeit des Vorletzten

32. Soziale Medien: Narzisstische Selbstbespiegelungsräume und Erosionsbeschleuniger der Demokratie

33. Spiritualität: Im Kontakt mit den letzten Dingen

34. Naturwissenschaftlicher Dogmatismus: Selbstverstümmelung des Homo sapiens

35. Postfaktizität und Fundamentalismus: Ausdrucksformen metaphysischer Leere

36. Hegels Diagnose: »Ein Volk ohne Metaphysik ist zum Untergang verurteilt.«

37. Der metaphysisch entwurzelte Mensch: Leichte Beute herrenloser Gewalten

38. Wunschloser Unglaube: Der Atheismus der Gleichgültigkeit

39. Kirche für das Volk: Heiliger Zufluchtsort der Weltwunden

40. Kirche am Scheideweg: Verweltlichung oder Weltfremdheit?

41. »Zeige deine Wunde«: Heilsames Innehalten statt sinnlose Selbstüberlastung

42. Die Crux des Protestantismus: Menschwerdung als Unkenntlichkeit

43. Vorauseilende Selbstabschaffung: Evangelische Theologie an der Universität

44. Selbsterhaltung durch Unbestimmtheit: Die Dialektik volkskirchlichen Überlebenwollens

45. Inhaltsleere Reformation: Konturlose christliche Freiheit

46. Die ethisierte Kirche: Stillosigkeit statt Sinn für das Heilige

47. Moralischer Atheismus: Das Wesen der Verkündigung Jesu?

48. Am Horizont: Die Auflösung der Volkskirche und der Advent einer neuen Religion

49. Abendländische Konfrontationen: Aggressive islamische Religiosität im christlich-religiösen Vakuum

50. Der gekreuzigte Christus: Gottes letztes Wort zum Thema Religion und Gewalt

51. Kirche ohne Kirchenmitgliedschaft: Spirituelle Fitnessstudios und heilige Übergangsrituale

52. Schizophrene Selbstverständnisse: Pfarrer oder Priester?

53. Evangelische Professionalität: Sorgfalt, Liebe, Stil, Profil und Konzentration

54. Lernen durch Schmerz: Die Apokalypse als Chance?

55. Soteriologie statt Selbsterrettung: Christ, der Retter, ist da!

56. Evangelisch katholisch: Eine Verklärung des Mittelalters

57. Zukunftsmusik: Das Jahr 2068

58. Eine neue Hoffnung: Kirche mit Sinn für Himmel und Erde

59. Das letzte Wort: Liebe

1. DAS ERSTE WORT: Liebe

Ich habe dieses Buch aus Liebe zur evangelischen Kirche und aus Liebe zum christlichen Glauben geschrieben. Diese Liebe ist eine glückliche Liebe. Denn die evangelische Kirche in Deutschland ist liebenswert. Sie ist in guten Händen. Hinter ihr stehen kluge Köpfe. In ihr schlagen weite Herzen. Viele Menschen auf diesem Globus beneiden den deutschen Protestantismus um seine Möglichkeiten, um seine Infrastruktur, um sein haupt-, neben- und ehrenamtliches Personal, um seine Mittel, um seine pastorale und theologische Professionalität, um seine Privilegien, um seinen Einfluss und um seine große Vergangenheit. Deutschland ist das Mutterland der Reformation. Die evangelische Kirche in Deutschland hat Substanz.

Dennoch kehren ihr immer mehr Menschen den Rücken. Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland ist hoch. Viele Gottesdienste sind gespenstisch schlecht besucht. Woran liegt das? Liegt es am immer selbstverständlicher werdenden Atheismus und am viel beklagten Traditionsabbruch unserer ehedem christlichen Gesellschaft? Aber warum wenden sich dann auch Menschen, die sich als Christen verstehen, von der Kirche ab? Lieben sie, die ihren Glauben und Gott lieben, ihre Kirche nicht mehr? Sagt und gibt ihnen die Institution Volkskirche nichts? Ist sie nichtssagend, weil sie in ihr keine spirituelle Erfüllung finden, die sie dann anderswo suchen – etwa in Freikirchen oder jenseits der organisierten Kirche? Und falls dem so sein sollte: muss man es einfach hinnehmen, dass Christentum und Volkskirchlichkeit in der Moderne auseinanderdriften und dass es eben der Geist unserer Zeit ist, dass sich religiös ansprechbare Menschen als selbstbestimmte »Drifter« verstehen und die Bereitschaft, sich lebenslang an eine Institution oder eine Organisation zu binden, schlicht nachlässt? Oder liegt es an der Kirche selbst, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr mit ihr identifizieren können? Ist die Kirche vielleicht kein Ort mehr, an dem Menschen die Erfahrung der Gegenwart des Heiligen machen können? Steht die Kirche nicht mehr zu ihren religiösen Inhalten? Ist sie religionsvergessen? Ist sie gar gottesvergessen? Und kreiden ihr die Menschen genau dies an, weil sie sich wünschen, dass die Kirche das ist, was sie eigentlich sein sollte: ein Ort der Begegnung mit dem Göttlichen?

Es gibt unzählige Studien, die das Phänomen der Entkirchlichung aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten und unterschiedliche Gründe dafür suchen und finden, warum sich Menschen von der sichtbaren Institution Kirche distanzieren oder nie auf die Idee kämen, sich für die Kirche zu interessieren. Ich könnte auf den folgenden Seiten all diese Analysen präsentieren und in der dritten Person Singular oder Plural, also aus der Außenperspektive, eine Antwort oder viele Antworten auf all die soeben gestellten Fragen finden. Aber ich wähle einen anderen Weg – den heikleren und riskanteren, weil unweigerlich subjektiveren Weg der ersten Person Singular. Ich frage mich, warum ich – theologischer Hochschullehrer und theologischer Begleiter und Referent der Leitung dieser Kirche – selbst nicht nur glücklich, sondern auch unglücklich in meine Kirche verliebt und von der real existierenden Kirche enttäuscht bin. Woran liegt es, dass ich mich in der Kirche keineswegs wie ein Vogel im Käfig, sondern zu Hause fühle und in keiner anderen Institution arbeiten möchte, aber mich zugleich aus tiefstem Herzen nach einer anderen evangelischen Kirche sehne? Was trübt meine Liebe? Und was müsste geschehen, dass ich wieder ungetrübt glücklich in diese Kirche verliebt wäre und mir nichts mehr von ihr und in ihr zu wünschen übrig bliebe?

Dieses Buch in der ersten Person Singular ist eine Liebeserklärung an den christlichen Glauben und eine Liebeserklärung an die evangelische Kirche. Zugleich ist es Ausdruck einer enttäuschten Liebe. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich eines Tages doch noch mein Glück just in jener Kirche finde, in die ich manchmal so unglücklich verliebt und von der ich manchmal so enttäuscht bin. Ich halte es mit dem Osterlied2 von Paul Gerhardt (1607–1676): »Die Trübsal trübt mir nicht / mein Herz und Angesicht.« Und ich halte es mit dem Philosophen Theodor W. Adorno (1903–1969), der schrieb: »(D)er Schritt aus Trauer in Trost ist nicht der größte, sondern der kleinste.«3 Gewiss hat auch Jochen Klepper (1903–1942) Recht, dessen berühmtes Adventslied mit dem Vers beginnt: »Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern.«4 – Es gibt also Hoffnung. Zweifellos. Und sie ist begründet. Denn die evangelische Kirche hat ungeheure Ressourcen.

Weil ich glaube, dass Enttäuschung, Schmerz und Selbsterkenntnis die ersten Schritte auf dem Weg der Besserung sein können, habe ich dieses Buch geschrieben. Und ich würde mich freuen, wenn es für Sie, die Sie es lesen, weil Sie noch eine Rechnung mit der Kirche offen und mit ihr noch nicht abgeschlossen haben, zu einem Denkanstoß der Inspiration wird. Geben Sie die Hoffnung nicht auf und lassen Sie sich, wenn Sie wie ich von der evangelischen Kirche gelegentlich gelinde oder gehörig enttäuscht sein sollten, von dieser Enttäuschung nicht davon abhalten, der Kirche der Reformation treu zu bleiben und sie im Geist Jesu Christi gemeinsam mit Anderen so zu gestalten, dass sie als reformatorische Kirche kenntlich ist und bleibt!

2. SELBSTKRITIK: Eine reformatorische Tugend

Dass evangelische Christen und Christinnen von der Kirche enttäuscht sind und sie kritisieren, weil sie ihnen am Herzen liegt – und nicht etwa, weil sie den christlichen Glauben und die christliche Kirche an sich verachten –, ist weder verwunderlich noch skandalös, noch sollte es ein Tabu sein. Es sind Menschen, die die Kirche verkörpern und ihre Inhalte transportieren. Menschen können Großartiges bewirken. Sie können aber auch Fehler machen und sich irren: etwa so, wie bei dem bekannten Kindergeburtstagsspiel »Stille Post«, das uns lehrt, dass nach vielen Stationen leiser Mund-zu-Ohr-Kommunikation am Ende ein anderes Wort ankommen kann als das Wort, das am Anfang eingeflüstert wurde. Was in einer bestimmten Phase der kirchlichen Überlieferungsgeschichte kommuniziert wird, kann aus unterschiedlichsten Gründen nicht das sein, was ursprünglich kommuniziert wurde oder kommuniziert werden sollte.

Die Erkenntnis, dass die römisch-katholische Kirche einer bestimmten historischen Gegenwart nicht der ursprünglichen Idee von Kirche entsprach, aber sich dieser Sinn zurückgewinnen ließ, stand am Anfang der Reformation der Kirche des 16. Jahrhunderts. Sie war gewissermaßen die Urerkenntnis des Protestantismus. Die Reformatoren hatten jedoch eine hohe Hürde zu nehmen. Denn war die Kirche nicht heilig? Waren ihre Päpste, Bischöfe, Synoden und Priester nicht unantastbar, weil sie ja doch Heilsmittler und nicht einfach nur Menschen, sondern gleichsam gottmenschliche Zwischenwesen waren? Der Blick ins Neue Testament zeigte den Reformatoren – allen voran Martin Luther (1483–1546) – allerdings, dass kein Mensch mehr als ein Mensch und dass der einzige Heilsmittler Christus ist. Die Tatsache, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis die Kirche als heilige Kirche bekennt, bedeutet aus Luthers Sicht weder, dass die Kirche zwischen Mensch und Gott steht und am Nadelöhr des heilsspendenden Priesters niemand vorbei kommt, noch, dass sie aus theologisch, spirituell und moralisch vollkommenen Menschen besteht. Die Kirche – so die Reformatoren – ist allein deshalb eine Gemeinschaft der Heiligen, weil sie eine Gemeinschaft der Geheiligten ist. Alle Getauften sind Priester, weil der Geist Christi, des Herrn der Kirche, in ihnen lebendig ist und in ihnen Gestalt gewinnt. In der Kirche, dem Leib Christi, wird dies bezeugt und erfahrbar. Und weil vor Gott alle Menschen gleich, weil alle Menschen Menschen sind und weil alle Menschen allein aufgrund der Gnade und der Barmherzigkeit Gottes leben, können – so Martin Luther – Päpste, Synoden und Bischöfe irren. Sie sind nicht unfehlbar, weil sie nicht Gott, sondern fehlbare Menschen sind. Und so gibt es denn keinen theologischen Grund dafür, dass sich gerade die evangelische Kirche, die sich auf Martin Luther beruft und deren Lebenselement die Inspiration und Vergebung ihres Herrn Jesu Christi ist, für fehlerlos halten wollen und mit theologischer Selbstkritik Schwierigkeiten haben sollte. Gerade den Reformatoren, die die Kirche ihres Herrn Jesu Christi liebten, war es darum zu tun, dass sich die Kirche reformwillig und reformfähig zeigen muss, wenn dies um Christi willen geboten und an der Zeit ist. Dieses aus Liebe geborene und theologisch motivierte Reformationswollen war der Motor der Reformationen des 16. Jahrhunderts, und mit dem Slogan »Ecclesia semper reformanda!« erklärte die reformatorische Kirche ihre ständige Reformationsbereitschaft geradezu zu ihrem Prinzip. Die evangelische Kirche kann und darf also kein Interesse daran haben, die Augen vor den Dingen zu verschließen, die es zu verändern und zu reformieren gilt, wenn sie wirklich Kirche Jesu Christi bleiben will. Wer aber die Augen wirklich offen hält, muss unter Umständen auch bereit sein, radikale Konsequenzen in den Blick zu nehmen.

Weil die Institution Kirche aus evangelischer Sicht keine Heilsmittlerin ist, es also nicht Priester sind, die dafür sorgen, dass Gott uns Menschen gewogen bleibt, hat der Protestantismus die Herausbildung von Frömmigkeiten begünstigt, die – überspitzt formuliert – ihr Heil in der Flucht aus der Kirche oder schlicht unabhängig von der Kirche suchten und möglicherweise sogar fanden und bis heute finden. Wenn man Luthers Einsicht der Gottesunmittelbarkeit jedes und jeder Einzelnen und seine Kritik der Heilsmittlerschaft der Institution Kirche ernstnimmt, kann und darf man diese Kirchenflucht eigentlich nicht beklagen oder muss zumindest damit leben, dass das, was die Kirche evangelisch macht, die sichtbare Kirche zum Verschwinden bringt. »Die prekäre Balance aus Zugehörigkeit und Desinteresse schädigt die Institution, aber sie zählt zu den Phänomenen, die der deutsche Protestantismus nicht los wird, weil er sie selbst produziert. Denn der protestantische Glaube bestimmt sein Verhältnis zu Gott nun einmal nicht aufgrund seines Verhältnisses zur Kirche, sondern geht den Weg sekundärer Institutionalisierung.«5 Bereits in dieser Beobachtung zeigt sich, dass das seit Jahrhunderten evangelischerseits befürchtete und durch eine zunehmende Zahl von Kirchenaustritten derzeit womöglich beschleunigte Ende der Institution Volkskirche dem Protestantismus gewissermaßen im Blut liegt. Dass es auch evangelisch sein könnte, dass es die Institution Kirche irgendwann nicht mehr gibt und die Volkskirche aus protestantischen Gründen zugrundegeht, ist die Crux des reformatorischen Protestantismus. Jedes Nachdenken über die Zukunft der evangelischen Kirche, das mit dem Gedanken einer erneuerten Kirche spielt, steht daher auch vor der Herausforderung, sich immer wieder mutig bewusst zu machen, dass das Ende der Volkskirche, wie wir sie heute in Deutschland erleben, keine Katastrophe wäre, ja sogar ein Zeichen dafür sein könnte, dass es in unserer Gesellschaft auch andere Akteure gibt, die das, wofür die evangelische Kirche steht, auf ihre Weise und vielleicht sogar besser erfüllen. Was man Säkularisierung nennt, muss mitnichten das Vergessen des Christlichen sein. Es könnte auch seine Verwirklichung im nichtchristlichen oder sogar nichtreligiösen Gewand sein. Wer die Kirche, wie sie ist, kritisiert, sollte dies also nicht allein deshalb tun, weil er oder sie will, dass diese Kirche um jeden Preis – und sei es um den Preis ihrer geistlichen und theologischen Substanz – in irgendeiner vertrauten institutionellen Form weiterexistiert.

So schwer es fällt, sich von liebgewonnenen Formen von Kirche zu verabschieden, so sehr könnte es also gerade reformatorisch geboten sein, den Gedanken eines solchen Abschiedes nicht zu tabuisieren, um geistig und geistlich wirklich frei und wirklich evangelisch zu bleiben. Das Gedenken der Reformation darf jedenfalls kein Festhalten an der Vergangenheit, es muss eine Erinnerung an die Zukunft sein. Oder – pathetischer und in Abwandlung eines dem Komponisten Gustav Mahler (1860–1911) zugeschriebenen Zitats formuliert: Reformation ist Bewahrung des Feuers, nicht Anbetung der Asche. Dass das Wort »Asche« umgangssprachlich auch als Bezeichnung für Geld verwendet wird, steht auf einem anderen Blatt. Diese Bedeutung muss an dieser Stelle nicht unbedingt mitgehört werden. Es schadet aber andererseits auch nicht, sie mitzuhören.

Um nach dem Ende der Reformationsjubiläumseuphorie des Jahres 2017 nicht verkatert aufzuwachen und in den Jahren danach kein blaues oder graues Wunder zu erleben, darf und muss man also einen kritischen Blick auf die Kirche der Gegenwart werfen und fragen, wie es um die Zukunft des deutschen Protestantismus nach 2017 bestellt sein könnte und sollte. Wenn dieser kritische Blick der Blick eines Menschen ist, der seine evangelische Kirche liebt und sie keineswegs in Grund und Boden kritisieren will, sondern von Herzen evangelischer Christ und Diener seiner Kirche ist, dann ist diese Kritik womöglich umso sachdienlicher, umso glaubensdienlicher und umso kirchendienlicher.

Aber warum bin ich von der deutschen evangelischen Kirche enttäuscht? Welche Gefahren könnten ihr drohen? Welche Weichenstellungen könnten sie gefährden? Was sollte in der evangelischen Kirche anders werden? Und warum? Was fehlt der evangelischen Kirche?

Das Nachdenken über diese Fragen ist mein Beitrag, Verantwortung für eine reformatorische Kirche der Zukunft zu übernehmen.

3. RELIGION: Berauschende Bewusstseinserweiterung

In unserer Gegenwart pflegen viele Menschen ihre christliche Religiosität in unterschiedlichsten Facetten und Schattierungen auch außerhalb der Kirche. Dennoch ist und bleibt die Kirche der sichtbarste Ort, an dem die christliche Religion kommuniziert wird. Ebenso wie der Mensch und ebenso wie die Kirche ist auch die Religion eine durchwachsene Angelegenheit. Religiöse Gefühle können durchaus gemischte Gefühle sein. Die Brille des Glaubens taucht – auch, wenn manche sich dies wünschen und genau deshalb religiös sind – nicht alles in ein rosarotes Licht. Religion kann uns Trost, Geborgenheit und tiefe Gelassenheit spenden. Aber sie ist kein Opium des Volkes. Und auch die Volkskirche ist nicht das Opium des Volkes. Sie erfüllt – jedenfalls aus evangelischer Sicht – nicht die Funktion, Menschen mit Morphinschwaden in ein Jenseits ihres Alltagsbewusstseins zu versetzen und wegdämmern zu lassen. – Oder doch?

Ich will im Folgenden zumindest mit dem Gedanken spielen, dass sich die christliche Theologie die Religionskritik des Philosophen Karl Marx (1818–1883) vielleicht zu unhinterfragt zu eigen gemacht und die bewusstseinserweiternden und berauschenden Wirkungen der Religion vergessen haben könnte. Es war bekanntlich Marx, der Religion als Opium interpretierte, dessen Konsum soziale und politische Veränderung verhindere, weil es den Menschen ruhig stelle, ihn sich bis zu seiner Befreiung am Sankt-Nimmerleinstag ins gesellschaftliche Jammertal fügen lasse und ihn am revolutionären, gesellschaftsverändernden Handeln hindere. Die absolutistischen Preußenkönige konnten nach dem Motto »Brot, Spiele und Religion« nicht genug von Pfarrern bekommen, die die Untertanen bei Laune hielten und auf das Jenseits vertrösteten, damit sie ja nicht auf die Idee kämen, dieses Jenseits schon im Diesseits zu verwirklichen und etwas an ihrer sozialen Lage ändern zu wollen. Ein solches Verständnis von Religion hielt Marx für fatal. Ihm zufolge gilt es vielmehr, das sozialrevolutionäre Potenzial des jüdisch-christlichen Glaubens politisch, ökonomisch und gesellschaftlich so zu verwirklichen, dass das Seufzen der Kreatur verstummt und dass es keiner religiösen Vertröstung auf ein jenseitiges Reich Gottes und infolgedessen überhaupt keiner Religion mehr bedarf. Nach der Revolution aller gesellschaftlichen Verhältnisse muss, so Marx, der Mensch kein religiöses Opium mehr konsumieren, weil das, worüber er seufzt und was der christliche Glaube ersehnt, verwirklichte gesellschaftliche Realität ist.

Marx notierte zwischen den Jahren 1843 und 1844 folgende berühmt gewordenen Sätze: »Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.«6

Hat Karl Marx etwas Wesentliches und Wahres erkannt und sich zugleich am Ende grundlegend getäuscht? Hatte er Recht, als er die Religion Opium des Volkes nannte? Und hatte er Unrecht, als er forderte, man müsse dem Volk dieses Opium rauben, das Proletariat auf die Barrikaden treiben und dazu nötigen, für einen Zustand zu kämpfen, in dem es sich nicht mehr nach Opium sehnt? Hatte er Unrecht, weil das Volk eben – auch, wenn es ihm den Verstand trübt und es dumpfsinnig macht – lieber Opium konsumiert, statt Revolution zu machen? Wenn dem so sein sollte, dann täuscht sich aber die evangelische Kirche genauso wie Karl Marx, wenn sie meint, ihr Auftrag bestehe ausschließlich darin, Anwältin gesellschaftlicher und politischer Zustände zu sein, in welchen Religion, weil ihre Ideen verwirklicht sind, nicht mehr notwendig ist. Die evangelische Kirche täuscht sich, wenn sie meint, ihr Auftrag bestehe weniger in religiöser, sondern vielmehr in politischer Bewusstseinsbildung. Könnte es sein, dass das Problem des gegenwärtigen Protestantismus darin liegt, dass er die marxistische Religionskritik so verinnerlicht und so als Wesenszug der Kirche äußerlich sichtbar gemacht hat, dass Religion in der evangelischen Kirche zum Bedauern vieler religionssehnsüchtiger Christen und Nichtchristen kein Thema mehr ist und keinen selbstständigen Ort neben Politik, Sozialromantik, Ökonomiekritik, politischer Bildung und Ethik mehr hat? Wenn dies stimmt, dann wäre das fatal. Denn einer Kirche, die sich nicht mehr an der Religion berauscht und die ihr Trost- und Spiritualitätspotenzial geringschätzt, weil sie meint, das Heil allein durch Pädagogisierung und sozioökonomische Systemveränderung erzwingen zu können, ist ihr Lebenselixier abhanden gekommen7. Politik, Pädagogik, soziale Arbeit und Ökonomiekritik können Religion nie und nimmer ersetzen. So sehr Religion zweifellos eine soziale, eine politische und eine ökonomiekritische Dimension hat, so sehr sollte sich das institutionalisierte Christentum davor hüten, in sozialer Arbeit, Politik und Ökonomiekritik aufgehen und sich darin erschöpfen zu wollen. Kirche ohne Religion, ohne metaphysischen Anspruch und ohne den Glauben an die Wahrheit Gottes ist blutleer und kann keine Antworten mehr auf die letzten Fragen des Lebens geben.

Ich plädiere also nachdrücklich dafür, dass die evangelische Kirche wieder zu einem Ort wird, an dem ernstgenommen und sichtbar wird, dass – wie es in Johannes 18,36 heißt – Jesu Reich nicht von dieser Welt ist. Christen haben den Auftrag, zum Guten zu ändern, was zum Guten zu ändern ist. Sie müssen sich aber darüber im Klaren bleiben, dass dies immer nur punktuell und vorläufig geschehen kann. Niemals werden sie die Ursachen von Leid und Trauer abschaffen und alle Tränen von allen Augen abwischen können. Sie sind nicht Christus selbst. Und das, was Christen »Sünde« nennen, wird aus den Erfahrungsräumen dieser Welt ebensowenig verschwinden wie Glaube, Liebe und Hoffnung. Denn in ihnen kommt zum Vor-Schein, dass die Welt nicht das Reich Gottes ist und dass sie sich auch nicht aus eigener Kraft in das Reich Gottes verwandeln kann. Auch die Kirche ist nicht das Reich Gottes – selbst jene Kirche nicht, in die ich ungetrübt glücklich verliebt wäre.

Wenn die evangelischen Kirchen in Deutschland dennoch mit dem Status quo nicht zufrieden wären, sondern zu Orten des Vor-Scheins einer ganz anderen Wirklichkeit werden wollten, müssten sie ihre spirituellen Wurzeln freilegen und ein neues Gefühl dafür gewinnen, dass der christliche Glaube ein Medium des Kontakts zu den letzten Dingen und zu den Tiefenschichten des menschlichen Daseins ist und nicht nur eine religiöse Gestalt der sozialen, politischen und moralischen Verbesserung der Lebensumstände von Menschen.8 Keine Revolution wird das Seufzen der Kreatur je verstummen lassen. Denn viele Menschen sehnen sich nach mehr als nach einer Gesellschaft, in der ihre materiellen Bedürfnisse erfüllt sind. Es ist eben nicht wahr, dass nur jene Menschen die Sinnfrage stellen, die kein leiblich oder seelisch erfülltes Leben führen – so sehr es auch wahr ist, dass keineswegs alle Menschen die Sinnfrage stellen und sich nach Spiritualität sehnen.

Religion ist mehr als der Schrei nach diesseitiger Erfüllung. Sie ist mehr als Ethik. Sie stellt uns vor letzte Fragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wozu sind wir da? Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Ganzen? Gibt es Gott? – Es kann einem schwindlig werden, wenn man diese Fragen meditiert – auch in einer vermeintlich aufgeklärten Welt. Die Suche nach Antworten auf diese sogenannten metaphysischen Fragen, auf die uns die Naturwissenschaften keine Antworten geben können, kann aber auch berauschend sein. Das muss allerdings nicht heißen, dass Religion und Metaphysik uns den Blick und den Sinn für die Tiefenschärfe der Wirklichkeit trüben oder gar vernebeln. Im Gegenteil: sie erweitern unser Bewusstsein.

Den Geistlichen unserer Kirche wächst, wenn Religion im kirchlichen Raum tatsächlich eines Tages wieder als eine im besten Sinne bewusstseinserweiternde Droge wirken sollte, eine hohe Verantwortung zu. Sie müssten nämlich zu spirituellen Mentoren, Mediatoren und Tutoren werden – mit anderen Worten: zu guten Hirten und Hirtinnen.

So sehr das Evangelium Jesu Christi nüchtern macht für eine illusionslose Wahrnehmung realer Unterdrückungs-, Ungerechtigkeits- und Benachteiligungsverhältnisse und eine ungeheuere ethische Energie zur Veränderung dieser Verhältnisse freisetzt, so sehr kann es uns allein dadurch begeistern und berauschen, weil es uns den letzten Sinn und das letzte Geheimnis des Seins offenbart. Das Evangelium entrückt, wenn wir es wirklich als Offenbarung des Geheimnisses Gottes und der Welt ernstnehmen, unser Bewusstsein den Normativitäten, Gravitationskräften und Wirklichkeitswahrnehmungsweisen der Alltagserfahrung und führt uns in die Tiefe der Dinge. Das Evangelium schläfert uns also nicht ein. Es schärft unsere Wahrnehmung. Unser durch das Evangelium tiefengeschärfter Blick bohrt Löcher in den Boden der Tatsachen und sprengt Öffnungen in die Wände des Tunnels, der so oft unseren Blick verengt. Das Evangelium hat, wo es Menschen unbedingt angeht, eine ekstatische Wirkung, die unseren Horizont auf ungeahnte Weise erweitert und uns Gott und die Welt neu sehen lässt.

Der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1886–1965) beschrieb »den Zustand des Offenbarungsempfangs als Ekstase, also als Außersichsein der Vernunft, die nur in dieser Ausnahmesituation Einblick in die letzten Tiefen des Seins und in seinen göttlichen Grund und Abgrund erhält. Man kann die ekstatische Vernunft als geheiligte, emporgehobene, erleuchtete und auratische Vernunft bezeichnen«9. Wenn dies stimmt, dann gibt es tatsächlich eine symbolische Analogie zwischen Religion und bewusstseinserweiternden Drogen. Es wird dann aber auch deutlich, dass der Vergleich der religiösen Erfahrung mit der Erfahrung des Opiumrausches nicht ins Schwarze trifft. Denn Opium wirkt einschläfernd. Es lässt uns die Realität gerade nicht deutlicher und klarer wahrnehmen, sondern lähmt Körper und Geist. Ich müsste mich also nach einer anderen Art von Droge umsehen, wenn es mir um die Beschreibung von religiöser und metaphysischer Erfahrung als Ekstase geht. Wie soll ich sie nennen? Theophilium vielleicht?

Und doch: ich halte daran fest, dass Religion auch eine anästhesierende und beruhigende Wirkung haben muss. Da gerade die entscheidenden Probleme im Leben des Menschen sich nicht durch politische, soziale, ethische, medizinische und technologische Aktivitäten und Errungenschaften und auch durch materielles Glück und Geld nicht aus der Welt schaffen lassen, weil Geld nur glücklich macht, wenn man schon glücklich ist, braucht es metaphysische Tranquillizer, um angesichts der Unbilden der Welt nicht wahnsinnig zu werden. Der Glaube an einen Gott, der uns trägt und aus dessen Barmherzigkeit und Liebe wir nicht ins Nichts fallen können, ist ein solcher Tranquillizer. Er macht uns, wenn das Leben, wie es ist, nicht zu ändern ist, gelassen und befreit uns von der Sorge, die uns das Leben nimmt. Er ist also in der Tat Opium des Volkes. Der Weihrauch könnte ein sinnlich wahrnehmbares Symbol dafür sein, wäre er nicht – vorgeblich aus opfertheologischen Gründen – aus den Kirchenräumen des Protestantismus verbannt.

Der britische Arzt Thomas Sydenham (1624–1689), Vater der englischen Medizin und leidenschaftlicher Puritaner, beschrieb im 17. Jahrhundert die Wirkung des Opiums, das er ungeachtet seiner Nebenwirkungen als Geschenk Gottes bezeichnete, wie folgt: »Von allen Arzneien, die Gott der Allmächtige dem Menschen zu geben beliebt hat, um seine Leiden zu lindern, ist keine so universal und so wirksam wie das Opium.«10 Wahre christliche Spiritualität wird in einer beunruhigten, auf die abschüssige Bahn geratenen, aufwühlenden und aufgewühlten Welt also auch als Narkotikum wirken, uns eine gelassenere Sicht der Dinge ermöglichen und uns zu einer heilsamen Ruhe kommen lassen, die tiefer ist als die umtriebige, weltverändernde und weltzerstörende Vernunft des Menschen. Wahrhaft christliche Spiritualität wird also auch ein Psychopharmakon sein müssen, das uns gelöst und gelassen und zugleich wach, geistesgegenwärtig und aufmerksam auf die Not unserer selbst, unserer Nächsten und unserer Welt macht. Außerdem muss es unseren Horizont für die Wirklichkeit Gottes erweitern. Wenn die Spiritualität des christlichen Glaubens den Anspruch nicht aufgibt, Letztgültiges über die Realität zu Tage zu fördern, dann muss sie auch »pharmakon athanasias«, Medizin der Unsterblichkeit sein. So nannte der Kirchenvater Ignatius von Antiochien im zweiten Jahrhundert nach Christus das Heilige Abendmahl. Im Heiligen Abendmahl nehmen wir diese Medizin, die uns das Leben rettet, symbolisch zu uns.

Mir ist nicht bekannt, ob es eine Droge gibt, welche die beschriebene Dreifachwirkung entfaltet. Aber eines weiß ich sicher: wenn die Theologie der Volkskirche der Gegenwart keine religiöse Pharmakologie mehr ist und wenn die opiatischen, berauschenden und bewusstseinserweiternden Wirkungen des christlichen Glaubens in Deutschland fünfhundert Jahre nach der Reformation nicht mehr so zu erleben sind, dass Menschen wirklich und nachhaltig mit dem Geheimnis und den Fundamenten ihres Daseins in Kontakt kommen und ihrer rationalistischen, entzauberten und trostlosen Sicht der Dinge entrückt werden, dann hat sich die Kirche einer wesentlichen Dimension beraubt, die sie erst zur Kirche macht. Dann ist sie trotz aller Kleider, die sie trägt, nackt. Und dann ist sie trotz aller Aktivitäten, die sie pflegt, leer und in spiritueller, erkenntnistheoretischer, metaphysischer und ästhetischer Hinsicht eine Enttäuschung.

Man könnte nun einwenden, dies sei ein elitärer Tunnelblick, der vermisst, was niemand vermisst, und nicht sieht, was er nicht sehen will: nämlich die großartigen Errungenschaften des deutschen Protestantismus. Man könnte einwenden, bei meiner Forderung nach Freigabe der Droge Religion handle es sich schon allein aufgrund des heiklen Vergleichs um eine Provokation um der Provokation willen, die vorsätzlich ignoriert, dass die deutsche evangelische Kirche eine nicht nur sozialethisch, sondern auch religiös blühende Landschaft ist. Allerdings habe ich in den vergangenen Jahren viele Gespräche mit vielen evangelischen Christen geführt, in denen mir deutlich wurde, dass ich nicht der Einzige bin, der die Leere und die Nacktheit des Protestantismus empfindet und einen ganz anderen evangelischen Traum träumt. Und weil ich diesen Traum träume, würde ich nicht im Traum daran denken, dem Protestantismus den Rücken zu kehren. Denn auch das andere Empfinden in mir ist wie in vielen anderen Protestanten stark: das Empfinden, dass die evangelische Kirche auch fünfhundert Jahre nach Martin Luther ein Raum nahezu unbegrenzter religiöser Möglichkeiten ist.

4. DES KAISERS NEUE KLEIDER: Die Nacktheit der evangelischen Kirche

Aber verhält es sich mit der evangelischen Kirche in Deutschland tatsächlich so wie mit des Kaisers neuen Kleidern im berühmten Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen (1805–1875)? Dort ruft das Kind, was jeder rufen könnte, würden es ihm Anstand und Konvention nicht verbieten: »Der Kaiser ist ja nackt!« Wenn dergleichen außerhalb des Märchens in der sogenannten Realität geschieht, dann lächeln die Erwachsenen peinlich berührt, sehen dem Kind, weil es ein Kind ist, seine Ungezogenheit als Narrenfreiheit des Kindermunds aber nach. Sie züchtigen es nicht. Sie weisen es sanft zurecht. Wenn dasselbe ein Erwachsener sagen würde, wäre dies anders. Man würde ihn einen unmöglichen Menschen und ein enfant terrible heißen, das sich nicht um die Etikette und Gepflogenheiten einer Gesellschaft schert, in der man manches einfach nicht sagt oder tut.

Darf man als Erwachsener – noch dazu als einer, der im Herzen dieser Kirche daheim ist und sie theologisch begleitet und mitgestaltet – sagen: »Die Kirche ist ja nackt!«? – Vielleicht muss man es sogar sagen. Denn wer seine Kirche und seinen Glauben liebt, kann diese Erkenntnisse dem Geliebten nicht vorenthalten. – Aber vielleicht ist dies blanker Unsinn. Gerade wahre Liebe kann es ja manchmal gebieten, die Wahrheit aus Barmherzigkeit für sich zu behalten. Und so sollte ich denn vielleicht besser davon schweigen, dass mich in der evangelischen