Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie (LStRLO)

Herausgegeben von
Irene Dingel, Armin Kohnle und Udo Sträter

Band 21

Sabine Kramer

Katharina von Bora
in den schriftlichen
Zeugnissen ihrer Zeit

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Dr. Theol. Sabine Kramer wurde 1962 in Erfurt geboren. Sie studierte Evangelische Theologie an der Humboldt-Universität und dem Sprachenkonvikt zu Berlin 1985–1991. Nach Vikariat und Entsendungszeit in Schmon, Kirchenkreis Querfurt, war sie von 1997 bis 2002 als Studentenpfarrerin in Halle gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Pfarrer Johann Friedrich Kramer, tätig. Das Jubiläumsjahr anlässlich des 500. Geburtstags der Lutherin 1999 gestaltete die Autorin mit. Seit 2002 ist sie Pfarrerin an der Marktkirche Unser Lieben Frauen zu Halle und seit 2009 Geschäftsführende Pfarrerin der Evangelischen Marktkirchengemeinde.

Im Wintersemester 2010/11 wurde sie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig promoviert.

Sie ist Stellvertretende Vorsitzende des Vereins für Kirchengeschichte der KPS e.V. und Beauftragte für das Reformationsjubiläum 2017.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

2. Auflage 2017

© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Christian Buro, Halle/Saale

ISBN 978-3-374-03255-6

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Diese Arbeit wurde im Wintersemester 2010/11 von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig im Rahmen eines Promotionsverfahrens als Dissertation angenommen.

Sie wurde angeregt von Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Günther Wartenberg, dem damaligen Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Reformationsgeschichte und territoriale Kirchengeschichte. Durch seine Unterstützung erwuchs aus meinem Interesse an Katharina von Bora das Forschungsprojekt. Es schließt eine Lücke, indem es eine bislang fehlende, umfassende Sammlung der in Frage kommenden schriftlichen Quellen und damit ein Bild dieser Adligen aus ihrer Zeit erhebt. Prof. Wartenberg beförderte die vorliegende Untersuchung bis kurz vor seinem plötzlichen Tod im Jahr 2007.

Mein Dank gilt dem Institut für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, insbesondere Herrn Prof. Dr. Armin Kohnle, Lehrstuhlinhaber für Spätmittelalter und Reformation, der die Betreuung meiner Dissertation und das Erstgutachten übernahm, sowie dem Direktor des Instituts, Herrn Prof. Dr. Klaus Fitschen als Zweitgutachter.

Gedankt sei den Dozenten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät Leipzig sowie den Teilnehmenden des Oberseminars für Kirchengeschichte für ihr vielfältig anregendes Interesse an meiner Arbeit. Herrn Karsten Eisenmenger, Bibliothekar a. D. der Marienbibliothek zu Halle, danke ich für seine Unterstützung bei der Erschließung von Archivalien. Herrn Pfarrer Christian Buro bin ich zu großem Dank für die Erstellung der Druckvorlage verpflichtet.

Mein Dank gilt sodann der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands und der Evangelischen Kirche in Deutschland wie auch der Stiftung leucorea an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, welche die Drucklegung finanziell unterstützt haben. Letzterer danke ich zudem für die Aufnahme der Arbeit in die Schriftenreihe der »Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie«.

Für die Druckfassung wurde der Text in geringem Umfang überarbeitet. Die nach Abschluss des Manuskripts erschienene Literatur konnte nur noch in einigen Fällen berücksichtigt werden.

Jede wissenschaftliche Arbeit hat ihre spezifischen Entstehungsbedingungen. Dass ich neben meiner beruflichen Tätigkeit als Pfarrerin der Marktkirchengemeinde zu Halle diese Dissertation verfassen konnte, verdanke ich zu allererst der Geduld und dem Verständnis meiner Familie. Meinem Mann, Akademiedirektor Johann Friedrich Kramer, meinen Töchtern Frederike und Brenda gilt mein inniger Dank.

Mit dieser Veröffentlichung im Vorfeld des 500. Reformationsjubiläums 2017 verbindet sich mein Wunsch, zur reformationsgeschichtlichen Frauen- und Lutherforschung eine quellenbezogene Grundlagenstudie beizutragen.

Halle (Saale), 29. Januar 2016

Sabine Kramer

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Einleitung

1.1 Themenstellung

1.2 Quellenlage und Methode

1.3 Zum Forschungsstand

1.3.1 Fragestellungen des 17. – 20. Jahrhunderts

1.3.2 Zum 500. Geburtstag der Lutherin

Die Lutherin im Briefwechsel

2.1 Quantitative Beobachtungen

2.1.1 Die Lutherin als Verfasserin und Adressatin von Briefen

2.1.2 Katharina in Luthers Korrespondenz

2.1.3 Weitere Absender und Adressaten

2.1.4 Die Zeiträume der Korrespondenz

2.2 Inhaltliche Aspekte: von der Lutherin verfasste Briefe

2.2.1 Vorbemerkungen

2.2.2 Zu den Briefen im Einzelnen

2.2.3 Ein neu aufgefundener Brief

2.3 Die Ehekorrespondenz der Lutherin

2.3.1 Katharinas verlorene Briefe an ihren Mann

2.3.2 Luthers Briefe an seine Frau

2.3.3 Funktion, Privatheit bzw. Öffentlichkeit der Ehebriefe

2.3.4 Die Ehebriefe in ersten Lutherbriefeditionen

2.4 Briefwechsel der Wittenberger Reformatoren

2.4.1 Philipp Melanchthon

2.4.2 Justus Jonas

2.4.3 Johannes Bugenhagen

2.4.4 Caspar Cruciger

2.5 Korrespondenz von Freunden Luthers außerhalb Wittenbergs

2.5.1 Georg Spalatin

2.5.2 Nikolaus Hausmann

2.5.3 Anton Lauterbach

2.5.4 Nikolaus von Amsdorf

2.5.5 Veit Dietrich

2.5.6 Johann Agricola

2.6 Briefwechsel des Kurfürsten Johann Friedrich

2.7 Katharina im übrigen Briefwechsel Luthers

2.7.1 Vorbemerkungen

2.7.2 Hochzeitsgäste und Paten ihrer Kinder

2.7.3 Weitere Hausgäste

2.7.4 Weitere Briefpartner, die in Wittenberg gewesen waren

2.7.5 Die übrigen Korrespondenten

2.8 Die Lutherin im Briefwechsel ihrer Verwandtschaft

2.9 Zur Funktion der auf Katharina bezogenen Briefe Luthers

2.10 Privatheit und Öffentlichkeit in Luthers Briefen

2.11 Katharina in ersten Lutherbriefeditionen

2.11.1 Erste Drucke einzelner Briefe

2.11.2 Obsopoeus’ Sendschreibensammlung

2.11.3 Crucigers Trostschriftensammlung

2.11.4 Aurifabers Lutherbriefsammlung

2.11.5 Die Wittenberger Lutherausgabe

2.11.6 Die Jenaer Lutherausgabe – lateinische Reihe

2.11.7 Die Jenaer Ausgabe – Aurifabers Ergänzungsbände

Katharina im Spiegel von Luthers Tischreden

3.1 Beobachtungen zum WA TR-Register

3.1.1 Abweichungen der Paralleltexte

3.1.2 Verallgemeinerung bzw. biographische Konkretion

3.1.3 Indirekte Folgerungen

3.2 Quantitative Beobachtungen

3.3 Die einzelnen Nachschriften bzw. Sammlungen

3.3.1 Vorbemerkungen

3.3.2 Die Sammlung des Conrad Cordatus

3.3.3 Die Nachschriften des Johannes Mathesius von 1540

3.3.4 Die Nachschriften Johann Schlaginhaufens

3.3.5 Veit Dietrichs Nachschriften

3.3.6 Kaspar Heydenreichs Nachschriften

3.3.7 Veit Dietrichs und Nikolaus Medlers Sammlung

3.3.8 Nachschriften Lauterbachs und Wellers

3.3.9 Weitere Nachschriften und Sammlungen

3.4 Funktion, Privatheit und Öffentlichkeit der Tischreden

3.5 Die Tischreden als historische Quelle zur Lutherin

3.6 Die Lutherin in Aurifabers Tischreden nach WA TR

3.6.1 Vorbemerkungen

3.6.2 Separate und Paralleltexte in WA TR

3.6.3 Beispiele für Aurifabers Bearbeitungen

3.6.4 Aurifabers Tischreden als historische Quelle

Die Lutherin in der Kontroversliteratur

4.1 Vorbemerkungen

4.1.1 Kontroverstheologischer Kontext

4.1.2 Quantitative Beobachtungen

4.1.3 Luther als Kontroversschriftsteller

4.2 Reaktionen auf Katharinas Klosterflucht (1523–1525)

4.2.1 Luther: ›Ursache und Antwort‹ (1523)

4.2.2 Johannes Dietenberger

4.3 Kontroverspublizistik auf die Hochzeit mit Luther (1525–1530)

4.3.1 Petrus Sylvius

4.3.2 König Heinrich VIII. von England

4.3.3 Thomas Morus

4.3.4 John Fisher

4.3.5 John Rightwise

4.3.6 Herzog Georg von Sachsen

4.3.7 Hieronymus Emser

4.3.8 Johannes Cochläus

4.3.9 Die Sendbriefe Hasenbergs und von der Heydens

4.3.10 Neue Zeitung von Leipzig

4.3.11 Polemik infolge der Doppelporträts des Lutherpaares

4.4 Kontroversschriften 1530 bis zu Luthers Tod

4.4.1 Der Streit um Katharina Hornung

4.4.2 Johannes Eck

4.4.3 Hasenberg: Ludus ludentem luderum ludens

4.4.4 Franz Arnoldi

4.4.5 Kontroversen des Jahres 1533

4.4.6 Simon Lemnius: ›Monachopornomachia‹

4.5 Kontroversliteratur nach Luthers Tod

4.5.1 Cochläus: Historia Martini Lutheri

4.5.2 Thierry van Maelcote

4.6 Biographische Details und Argumente

4.7 Funktion, Privatheit und Öffentlichkeit

Katharina in weiteren schriftlichen Quellen

5.1 Quantitative Beobachtungen

5.2 Zwei Hauspredigten Luthers von 1532

5.2.1 Predigt am Sonntag Exaudi zu Joh 15, 26

5.2.2 Predigt am Pfingstsonntag zu Joh 14, 23

5.2.3 Funktion und Veröffentlichung der Hauspostille

5.3 Dritte Disputation gegen die Antinomer

5.4 Jonas’ und Bugenhagens Berichte von Luthers Erkrankung 1527

5.5 Bericht Bugenhagens von 1537

5.6 Jonas’ Bericht über Luthers Tod und Begräbnis

5.7 Nikolaus von Amsdorfs Bericht über Luthers Heirat

5.8 Paul Ebers Nachruf auf die Lutherin

5.9 Erste Historiographien und Biographien

5.9.1 Johannes Sleidanus

5.9.2 Johannes Mathesius

Ertrag – zum zeitgenössischen Bild der Lutherin

6.1 Bekannteste ehemalige Konventualin und entlaufene Nonne

6.2 Ehefrau des prominentesten Wittenberger Professors

6.3 Zugehörige zur führenden Schicht Wittenbergs

6.4 Über Luthers Bekanntenkreis hinaus erwähnt

6.5 Eigenständige Wirtschaftsführerin und Unternehmerin

6.6 Teilnehmende der hochrangig besetzten Tischgespräche

6.7 Partnerin im reformatorischen Diskurs

6.8 Gehilfin, Vertraute, Leib- und Seelsorgerin Luthers

6.9 In der Publizistik der Reformatoren kaum genannt

6.10 Katharina Luther –
(k)eine evangelische Heilige

Anhang

I. Chronologische Übersicht der Briefe und Dokumente

II. Ein neu aufgefundener Brief

Literaturverzeichnis

1. Archivalien

2. Druckschriften bis 1600

3. Druckschriften ab 1600

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

1 EINLEITUNG

1.1 THEMENSTELLUNG

1527 schrieb Luther an Justus Jonas, er freue sich, dass Jonas sein Urteil über Erasmus von Rotterdam1 geändert habe und ihn nun auch ablehne. Auf Jonas’ – nicht erhaltene – briefliche Äußerung antwortete Luther ihm: »Cumque ego hanc epistolae tuae partem legerem uxori, continuo illa inquit: Ist nicht der teur Manne2 zur Kröten worden? Sihe da! Gaudet et ipsa idem te nunc mecum sentire de Erasmo«.3

Die Briefpassage Luthers ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich, zugleich implizierten sie sowie die folgenden, mit ihr im Zusammenhang stehenden Tischreden bzw. weiteren Briefpassagen Fragen, denen in dieser Untersuchung nachgegangen werden soll. Zunächst ist die Briefpassage ein Beispiel dafür, dass Katharina von Bora in Briefen, vornehmlich in den Briefen ihres Ehemannes erwähnt ist und dass Luther aus einem aktuellen Anlass in seiner Korrespondenz auf seine Frau zu sprechen kam. Auch zeigt Luthers Brief, dass er seine Frau in den Diskurs über die Freiheit des Willens einbezog, indem er ihr Jonas’ Argumentation auf Erasmus’ ›Hyperaspistes‹ vorlas, wobei er bei Katharina Vorwissen sowie Interesse voraussetzen konnte. Dass Jonas in seiner Erfurter Universitätszeit zu den glühenden Verehrern des Erasmus gehört hatte, sich sogar mit einem Humanistenbrief von ihm schmückte und Erasmus 1519 in Leiden persönlich kennengelernt hatte, dürfte auch Katharina gewusst haben, was ihre Freude über Jonas’ Meinungsänderung erklärt.4 Die Lutherin beherrschte Latein in Grundzügen, denn sonst hätte sie die Passage über Erasmus nicht verstanden und sich nicht selbst dazu äußern können. Handelt es sich hierbei um eine singuläre Äußerung Katharinas zu einer theologischen Frage oder bei welchen Gelegenheiten, in welchem Umfang und mit welchen Inhalten war sie an dem Diskurs Luthers bzw. der Wittenberger Reformation beteiligt? Welche Beziehung pflegte die Lutherin zu Justus Jonas sowie zu den weiteren Wittenberger Mitarbeitern ihres Mannes? Welche Rolle nahm sie unter den führenden Wittenberger Reformatoren und deren Familien ein?

Bekanntlich gingen der Verteidungsschrift des Erasmus im Streit um die Freiheit des Willens dessen Schrift ›De libero arbitrio‹ und Luthers Antwort ›De servo arbitrio‹5 voraus. Über die Genese der Entgegnung Luthers ist in der Tischredennachschrift des Johannes Mathesius von 1540 zu lesen, dass sie im Jahr 1525 geschrieben wurde und als sie zufällig bei Tisch hervorgeholt wurde, Luther in ihr las und sagte: »Erasmus credidit neminem posse respondere ad suam diatriben, et ego volui tacere, sed Ioachimus persuasit meae Cathenae, ut instaret. Ipsa supplicante scripsi.«6 Der Impuls, auf die erste Erasmusschrift zu reagieren, ging folglich nicht von Luther selbst, sondern von Joachim Camerarius aus, der Katharina zu gewinnen wusste, um dieses Anliegen an ihren Mann zu vermitteln, welcher längere Zeit gezögert hatte.7 Warum wandte sich der damalige Wittenberger Griechischprofessor Camerarius an die Lutherin? Welchen Einfluss übte Katharina auf ihren Mann bzw. übten die Eheleute aufeinander aus? Welche Rolle spielte Katharina für Luther? Welcher Anteil ist der Lutherin am Werk ihres Mannes beizumessen? In welchem Umfang und in welcher Absicht notierten bzw. überlieferten Johannes Mathesius und weitere Tischredennachschreiber und -sammler Passagen, in denen die Lutherin erwähnt ist?

In dem eingangs zitierten Brief kam Luther nochmals auf seine Frau zu sprechen, er schrieb, sie grüße Jonas und bitte, dass dieser für sie bete, denn sie werde demnächst entbinden.8 In diesem Fall schrieb Luther an seinen Freund und engen Wittenberger Mitarbeiter Jonas9 als einen Adressaten, der Katharina persönlich kannte und über seine Familie mit Luthers Familie befreundet war.

Teilte Luther nur Adressaten aus seinem Mitarbeiterkreis Neuigkeiten von Katharina mit? War die Lutherin folglich nur unter Luthers Bekannten bekannt? Oder reicht Luthers Korrespondenz in Bezug auf seine Frau über diesen Rahmen hinaus?

Im weiteren Kontext ist zu fragen, was Luther von ihr wann und an wen schrieb. Wer schrieb außer Luther noch an bzw. über Katharina von Bora? Was und an wen schrieb sie selbst? Welche Inhalte weist ihre Ehekorrespondenz auf? Lassen sich neben den persönlichen Beziehungen von Korrespondenten auch formale Beziehungen zur Lutherin aufzeigen? Welcher Wert als historische Quelle für Luthers Ehefrau ist den Tischreden im Vergleich zu den Briefen beizumessen?

Ein erster Überblick über die Quellen zeigt: über Briefe und Tischreden hinaus finden sich Schriften der Kontroversliteratur, zumeist Flugschriften, Predigten, Berichte und einige weitere schriftliche zeitgenössische Zeugnisse zur Lutherin. Wie kommt Katharina in ihnen zur Sprache? Inwieweit kamen diese Quellen zu einer zeitgenössischen öffentlichen Wirkung?

In dieser Untersuchung kann die frühere Forschung zur Lutherin nicht außer Acht gelassen werden, die stärker einem Frauenbild des orthodoxen Protestantismus verpflichtet war, als den zeitgenössischen Quellen zu entsprechen. Den Perspektiven des 18. und 19. Jahrhunderts verhaftet, wurde eher die Pfarrfrau, Mutter und Hausfrau betont, als etwa – wie eingangs angedeutet – die am reformatorischen Diskurs Beteiligte.

In jüngster Zeit wurde die Lutherin mit zahlreichen Einzeluntersuchungen erneut in den Fokus der Forschung genommen. Diese stehen nicht zuletzt im Kontext neuer Perspektiven der historischen Frauenforschung, durch die in den letzten Jahren besonders Frauen des Mittelalters und der Reformationszeit »das Interesse der Forschung auf sich gezogen [haben]; nicht nur Katharina von Bora trat aus dem Schatten Martin Luthers heraus«.10

Insbesondere das infolge ihres 500. Geburtstages 1999 neuerwachte Interesse an der Lutherin steht in keinem Verhältnis zur bisherigen Forschung und eröffnet in einem bislang nicht gekannten Ausmaß Zugänge zu dieser ungewöhnlichen Frau des 16. Jahrhunderts.11 Es erscheint lohnend, einige dieser Zugänge zur Lutherin im Ergebnis der folgenden Darstellung zu diskutierten.

Die bisherige Forschung lässt ein Desiderat erkennen. Eine umfassende, quellenbezogene Sammlung und Bearbeitung der infrage kommenden schriftlichen Zeugnisse zu Katharina von Bora fehlt bislang. Dieser Aufgabe widmet sich die folgende Untersuchung mit der Absicht, ein Bild der Lutherin aus ihrer Zeit zu erheben und damit einen Beitrag zur Wittenberger Reformation, an der Katharina von Bora zwischen 1525 und 1552 beteiligt war, zu liefern.

Da eine quellenbezogene Darstellung gewählt wird, ist folglich nicht beabsichtigt, den Biographien bzw. den historischen Lebens- und Charakterbildern zur Lutherin eine weitere hinzuzufügen. Vor dem Hintergund der letztgenannten Werke erhob Martin H. Jung Tendenzen gegenwärtiger Forschung: die »neuere theologische Forschung schenkt der Rolle von Frauen im Reformationsgeschehen stärkere Beachtung … Die Kirchengeschichtsschreibung ist nicht mehr wie früher an unterhaltsamen und erbaulichen Lebensbeschreibungen angesehener Frauen der Reformationszeit interessiert, sondern an dem Selbstverständnis dieser Frauen, an den Erwartungen, die sie mit der Reformation verknüpften, und an ihrem Beitrag zu den reformatorischen Veränderungen.«12

Die folgende Untersuchung richtet ihr Interesse auf die Äußerungen, die die Zeitgenossen Katharinas, in erster Linie ihr Ehemann in seinen Briefen, jedoch auch dessen Korrespondenten und weitere Verfasser schriftlicher Quellen in Bezug auf Katharina niederschrieben.

Die zeitliche Eingrenzung orientiert sich dabei an den Lebensdaten der Lutherin (1499–1552) einschließlich der Nachrichten über ihren Tod, wobei der fließende Übergang zur frühen Rezeptionsgeschichte, vornehmlich in ersten Lutherbriefeditionen, Johannes Aurifabers Ausgabe von Luthers Tischreden, ersten Reformationshistoriographien und Lutherbiographien sowie Kontroversschriften zu Beginn der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts exemplarisch mit in den Blick genommen wird.

1.2 QUELLENLAGE UND METHODE

Da sich ein Großteil der Quellen in diversen Editionen seit dem 16. Jahrhundert findet, besteht die Aufgabe vorrangig darin, sie in einer umfassenden Sammlung darzustellen. Sofern es sich dabei um Luthers Korrespondenz handelt, gelingt dies unschwer, da sie in der Weimarer Lutherausgabe bzw. im Lutherjahrbuch veröffentlicht ist. Weitere Briefe mit Bezügen zur Lutherin sind in den Korrespondenzen Johannes Bugenhagens, Justus Jonas’ und anderweitig, jedoch nicht vollständig ediert. Archivalische Quellen zur Lutherin werden somit hinzugezogen. Im Spiegel von Luthers Tischreden wird Katharina nach der Weimarer Tischredenausgabe erschlossen. Eine vorausgehende kritische Betrachtung des Registers erörtert die Problematik der Parallelen. Die Kontroverspublizistik zur Lutherin wird anhand der Druckschriften des 16. Jahrhunderts erhoben. Insofern es sich um Flugschriften handelt, steht eine Bibliographie bzw. Edition ausgewählter Schriften zur Verfügung.13 Die zeitgenössischen schriftlichen Zeugnisse werden nach der Häufigkeit, in der sie Bezüge zur Lutherin aufweisen, nach Briefen, Tischreden, Kontroversschriften und weiteren schriftlichen Quellen geordnet14 untersucht. Jeweils leiten quantitative Beobachtungen die Teiluntersuchung ein. Von Katharina selbst verfasste Schreiben sowie Luthers Ehebriefe werden dem Material zur Lutherin im weiteren Briefwechsel aufgrund der Bedeutung dieser Quellen vorangestellt. Ein Exkurs zu dem im Rahmen dieser Untersuchung aufgefundenen Brief Katharinas beleuchtet ihren Gerichtsprozess 1549–1550. Fehlende Briefe werden für Katharinas Ehekorrespondenz exemplarisch benannt.

Die Teiluntersuchungen abschließend wird jeweils nach der Funktion der Quellen gefragt, um zu verorten, was in Bezug auf Katharina geschrieben wurde. Die Frage nach Privatheit bzw. Öffentlichkeit des Geschriebenen soll aufzeigen, inwieweit Katharina ihren Zeitgenossen anhand dieser Quellen bekannt wurde. Ferner wird erhoben, ob und wenn ja, welche der betreffenden Briefe, Tischreden, Kontroversschriften und weiteren Quellen zu Lebzeiten der Lutherin publiziert wurden, womit das öffentliche Bild Katharinas in ihrer Zeit in den Blick genommen wird. Da dieses sich nicht allein aus schriftlichen Zeugnissen, sondern zumindest auch aus Lukas Cranachs Gemälden speist, ist ihnen ein Exkurs gewidmet.

Als Ertrag werden aus den Teiluntersuchungen Elemente eines Bildes der Gattin Luthers in ihrer Zeit erhoben. Sie im Kontext der im einführenden Forschungsüberblicks erhobenen Perspektiven zu diskutieren, soll am Ende der Untersuchung stehen.

Für die Briefe als Hauptquelle zur Lutherin wird mit der Auflistung der entsprechenden Passagen zudem eine Übersicht gegeben, um einen in dieser Weise bislang nicht vorhanden gewesenen Zugang zu Katharina von Bora in den schriftlichen Zeugnissen ihrer Zeit zu eröffnen.

1.3 ZUM FORSCHUNGSSTAND

1.3.1 Fragestellungen des 17. – 20. Jahrhunderts

Vorbemerkungen

Nicht seit 500 Jahren, wie man vielleicht vermuten möchte, sondern erst seit etwa 300 Jahren befasst sich die evangelische Theologie mit Katharina von Bora. Ein Blick auf die Anfänge der historischen Forschung über die Lutherin zeigt, dass diese ihren Impuls nicht aus sich selbst heraus, sondern durch kontroverstheologische Publikationen erhielt. Die ersten Monographien wurden durch Veröffentlichungen von katholischer Seite ausgelöst, die Luthers Ehefrau bis in das 19. Jahrhundert hinein als eine Zielscheibe konfessioneller Polemik verstand. In Reaktion darauf setzten sich evangelische Autoren erstmals mit der Vita der Lutherin auseinander.15 Es galt, die Person Katharina von Bora zu würdigen und zugleich den evangelischen Glauben zu verteidigen. Bis zum 19. Jahrhundert spiegelt die Literatur über Katharina von Bora die seit der Reformationszeit fortgeschriebene kontroverstheologische Debatte wider. Erst in jüngster Zeit verließ die Forschung zur Lutherin diesen Referenzrahmen.

Der folgende Abriss skizziert Grundlinien der sich verändernden Fragestellungen und Bewertungen in Bezug auf Katharina von Bora durch die evangelische Theologie und die Geschichtswissenschaft.

Apologie der lutherischen Orthodoxie

In apologetischer Absicht publizierte 1698 der Hamburger Pfarrer und Vertreter der lutherischen Orthodoxie Johann Friedrich Mayer16 eine Monographie über Luthers Ehefrau.17 Den Vorwurf altgläubiger Polemik zu widerlegen, dass die evangelischen Theologen über Katharina schwiegen, weil sie sich ihrer und der Ehe Luthers schämten, bestimmte Mayers Interesse. Seine erfolgreiche Schrift erlebte 1698 und 1699 mehrere Auflagen und erschien 1724 auch auf Deutsch.18 Mayer stellte Nachrichten über Luther, Katharina und ihre Kinder aus Lutherschriften und -briefen sowie aus Aurifabers Tischredensammlung19 zusammen. Indem Mayer Katharinas Herkunft sowie ihre Lebensstationen umriss, zeichnete er erste biograpische Konturen, auf denen alle folgenden historiographischen Schriften über Katharina basierten. Ein in Mayers Schrift aufgenommenes Bildnis von Katharina nach einem Cranachporträt20 sowie die Abbildung ihrer Torgauer Grabplatte veranschaulichten Katharina als historische Person. Mayer beabsichtigte, mit seinen Ausführungen evangelischen Christen zur Erbauung zu dienen. Er widerlegte die Urteile römisch-katholischer Polemik gegen Luthers Ehestand, indem er diese zitierte und mit antipäpstlicher Polemik reagierte. Seine Apologie auf Katharina verfasste Mayer während seines Wirkens in Hamburg in der Phase seines Kampfes gegen den Pietismus. Im Duktus seiner polemischen streitenden Theologie richtete Mayer auch seine Schrift über Katharina von Bora gegen die römische Polemik. Damit nahm er Katharina von Bora erstmals als ein Thema der lutherischen Theologie auf. Das bis in die Gegenwart reichende lutherisch-orthodoxe Bild von ihr prägte Mayer grundlegend.

Mayers Darstellung diente bald darauf weiteren Werken über die Lutherin als Vorbild. Auf Mayers Dissertation bezog sich der Historiker und Lehrer Christian Juncker21 in seiner Lutherbiographie, in der er besonders seine numismatischen Kenntnisse verarbeitete.22 In einem eigenen Kapitel fügte Juncker einen biographischen Abriss über die Lutherin23 ein, was erstmalig in einer Lutherbiographie geschah. Nach einer Würdigung des Lebensweges Katharinas setzte sich Juncker mit einigen Äußerungen der katholischen Polemik auseinander. Des Weiteren stellte er fünf bildliche »Denkmale« der Lutherin in Abbildungen vor: einen medaillonförmigen Brettspielstein mit ihrem Bildnis, die Kopie des Cranach-Bildnisses von 1526, die auch Mayer seiner Dissertation voran gestellt hatte, Katharinas Torgauer Epitaph sowie zwei Schaumünzen.24

In Gestalt eines fiktives Gespräches zwischen der Lutherin und Leonhard Keyser,25 der wegen seines lutherischen Bekenntnisses 1527 verbrannt worden war, wurde der Stoff aus Mayers Schrift von dem Juristen Johannes Gleichmann26 literarisch verarbeitet. Seine ›Gespräche‹ erschienen 1732 als apologetische Schrift über die evangelischen Grundsätze Luthers. Sie trägt biographische sowie apologetische Züge über Katharinas Leben und Wesen.27 In Gleichmanns Werk nimmt die Lutherin die Rolle der Verteidigerin des evangelischen Glaubens ein. Bemerkenswert ist, dass Gleichmann neben bekannten Autoren des 16. Jahrhunderts wie Emser, Cochläus, Fisher und Agricola eine Reihe vorwiegend französischer Autoren des ausgehenden 16. und des 17. Jahrhunderts nannte, die polemische Schriften gegen Katharina und ihre Ehe verfassten, deren Namen bzw. Werke gegenwärtig nahezu unbekannt sind. Auf Leonhard Keysers Frage, wer diejenigen Papisten seien, die Schmäh- und Lästerschriften gegen die eheliche Verbindung edierten, antwortet Katharina von Bora: »Jetzo fallen mir nur folgende davon ein, nemlich Emserus, Cochlerus, Joh. Fischerus,28 Franciscus Agricola,29 Surius,30 Lindanus,31 Schoppius,32 Raynandus, Carolus de Creutzen, Varillasius,33 Maimburgius,34 Bossvetus,35 Raimundus, Spondanus,36 Bezius, Andreas Forneus37 und Conradus Coellinus.38 « Über die Schriften dieser Autoren gegen Luthers Ehe urteilte die literarische Figur Katharina, dass diese nichts anders gewesen seien, als »schimagendliche pasqville, welche mein seeliger Gemahl nicht so viel wimagerdigte, daß er darauff geantwortet himagette, solche generimagese Verachtung wimagerckete so viel, daß diese Pasquillanten sich selbst schimagemen, und verstummen musten«.39 Luther hätte auch nur auf seine Zeitgenossen Surius, Lindanus und Coellinus, nicht aber auf die übrigen Kontroversisten des späten 16. bzw. des 17. Jahrhunderts reagieren können.

1751 veröffentlichte der evangelische Theologe Christian Wilhelm Franz Walch40 eine Biographie über Katharina von Bora. Ähnlich wie bei der Schrift Mayers hatte altgläubige Polemik den Anstoß gegeben.41 Walch reagierte damit auf ein Pamphlet gegen die Lutherin, das von Michael Kuen, Abt des Augustinerklosters in Ulm,42 veröffentlicht worden war und das bereits zwei Jahre später in zweiter Auflage erschien.43 Wiederum wurde der Vorwurf, dass sich die Protestanten um die Lebensgeschichte Katharina von Boras nicht kümmern würden, von Engelhard aufgegriffen. In seiner Vorrede erklärte er seine Absicht, die evangelischen Gläubigen anzugreifen. Katharina von Bora bot sich dafür als Folie an, ihre historische Person spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die Polemik Engelhards gegen die Lutherin zielte darauf, zu beweisen, dass der evangelische Glaube falsch sei, wozu sich Luthers Ehe besonders eigne. An ihr seien Luthers Laster am ersichtlichsten, was beweise, dass, wenn bereits der Stifter der Religion lasterhaft sei, ihn dann der Geist Gottes nicht getrieben haben könne und folglich die ganze lutherische Religion falsch sei.44 Walch konterte, indem er Engelhards unseriöse Verarbeitung von Lutherzitaten bzw. Luther zugeschriebenen Äußerungen aufdeckte und ein den historischen Quellen verpflichtetes Lebensbild der Lutherin zeichnete. In seiner apologetisch ausgerichteten Monographie bezeichnete er die Lutherin als selige Jungfrau, die ein gottwohlgefälliges Leben geführt und damit den Erweis der Rechtmäßigkeit des evangelischen Glaubens erbracht habe. Walchs Werk hatte publizistischen Erfolg, denn es erschien bereits im folgenden Jahr in zweiter und vermehrter sowie 1752 und 1754 in zweiteiligen Auflagen.

Historische Lebensbilder und bürgerliches Eheideal

Im 19. Jahrhundert erschienen auf evangelischer Seite vier Monographien über Katharina von Bora. Der Theologe und Philologe Wilhelm Beste45 beabsichtigte, die Geschichte Katharina von Boras allgemeinverständlich darzulegen, nachdem sie seit Walchs Biographie, die nur Gelehrten verständlich sei, für einhundert Jahre keine Bearbeitung erfahren habe.46 Mit Monographien wie ›Der Glaube macht selig‹47 und ›Luthers Glaubenslehre‹48 bemühte sich Beste um die populäre Vermittlung lutherischer Glaubensgrundsätze. In seiner Katharina-Biographie betonte er, die kontroverstheologische Haupttendenz Walchs nicht weiter zu verfolgen.49 Er versicherte, den historischen Quellen getreu nachgegangen zu sein.50 Katharina von Bora diente ihm als Thema, um seine lutherische Theologie breiteren Leserschichten zu vermitteln. An ihrer Biographie beabsichtigte Beste zu zeigen, wie sich die Gedanken Luthers in realen Lebensläufen verwirklichten. Die Vita der Lutherin stelle einen Beitrag zur Anschauung der Verwirklichung reformatorischer Ideen außerhalb der Reformatoren51 dar und habe »ihre selbstständige, von Luther’s Leben unabhängige … Bedeutung«.52

Der in reformationshistorischen Quellen belesene Leipziger Lehrer Friedrich Hofmann53 verfasste ein Lebensbild der Katharina von Bora,54 mit dem er beabsichtigte, einen allgemeinwissenschaftlichen Beitrag zur Geschichte der Reformation im 16. Jahrhundert zu liefern.

Der sächsische Pfarrer Moritz Meurer55 verfasste eine quellenreiche Biographie der Lutherin.56 Es entsprach seiner theologischen Prägung, dass er sich diesem Stoff zuwandte. Im Gegenzug zum vorherrschenden Rationalismus ihrer Zeit gehörten Meurer und Beste zur lutherischen Erneuerungsbewegung.57 Mit biographischen Schriften über Gestalten der Reformation wollte Meurer den christlichen Lesern Kenntnis über die Reformation vermitteln und ihre Vertreter als Glaubensvorbilder darstellen.58 Um den Lesern Martin Luther anschaulich und nicht nur anhand seiner weltgeschichtlichen Taten nahezubringen, sollte er im Kern seines Privatlebens, in seiner Ehe und aus der Perspektive der Biographie Katharinas gezeichnet werden.

Auch der Hallenser Pfarrer und Verfasser zahlreicher historischer Lebensbilder Herrmann Otto Nietschmann59 veröffentlichte ein Lebensbild Katharinas, welches von 1879 bis 1924 in nicht weniger als fünf Auflagen erschien.60 Nietschmann wählte die novellistische Form61 und leitete damit die im 20. Jahrhundert vielfältige belletristische und vorrangig für Leserinnen62 verfasste Literatur über Katharina von Bora ein.

Die Werke des 19. Jahrhunderts zeigen, dass im Unterschied zum 18. Jahrhundert nun nicht mehr Invektiven katholischer Autoren gegen Katharina den Anstoß zu apologetischen Gegenschriften gaben. Vielmehr wurde nach 100 Jahren, die seit Walchs Biographie vergangen waren, eine Lücke in der kirchengeschichtlichen Literatur empfunden, die den Anlass zu neuen Untersuchungen gab.63 Sie spiegeln die Entfaltung der Geschichtswissenschaft und die damit verbundene Verbesserung der Quellenlage wider, die ein detaillierteres Wissen um Katharina von Bora ermöglichte. Außerdem hatte sich die Stellung der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert verändert. Die Aufspaltung der Lebensverhältnisse in die Arbeitswelt und Öffentlichkeit außerhalb des Hauses als Lebenswelt des Mannes und die häusliche Welt mit Kindererziehung als Lebensbereich der Frau verlangte nach neuen Identifikationsmustern für Frauen.64 Sie wurden im Frauenbild der lutherischen Orthodoxie gefunden, das auf die Lutherin übertragen wurde. Vergleicht man die Absichten der Autoren, so fällt auf, dass im Unterschied zu den Werken des 18. Jahrhunderts ein apologetisches Interesse zurücktritt zugunsten der Darstellung einer Identifikationsfigur, nämlich der »schlichten, deutschen Hausfrau, einer demütigen Katechismusschülerin, ohne hervorleuchtende Geistesgaben«.65 Durch das Aufgreifen der Bezeichnung Hausfrau, die Luther in mehreren Titularien seiner Ehebriefe für Katharina verwendet hatte66 und die im 16. Jahrhundert einen sehr viel weitergefassten Bedeutungsinhalt hatte als im 19. Jahrhundert, wurde eine scheinbar unmittelbare Identität der Hausfrau des 19. Jahrhunderts mit Katharina Luther konstatiert. Veränderte Bedeutungsinhalte des Begriffs und ihre dahinter stehende gewandelte Situation wurden nicht problematisiert. Es wurde nicht aufgezeigt, dass Katharina von Bora als eheliche Hausfrau des 16. Jahrhunderts die Hauptverantwortung für die Ökonomie ihres Hauses trug, bürgerliche Hausfrauen des 19. Jahrhunderts hingegen durch die veränderten Arbeitswelten von ökonomischer Verantwortung ausgeschlossen waren.

Luthers Ehe wurde als das Muster schlechthin gezeichnet, das allen evangelischen Christen zur Nachahmung dienen sollte. Katharina fungierte darin in den Rollen der »treuen Lebensgefährtin, zärtlichen Mutter, tätigen Hausfrau und glaubensvollen Dulderin«.67 Dabei wurden Eheideale, die von gefühlvoller Innerlichkeit bestimmt sind, auf Katharina übertragen. Entsprechend vollzog sich ein Wandel der Rezeption der Literatur über Katharina von Bora. Waren die Werke des 18. Jahrhunderts noch stärker ein Gegenstand des von Männern geführten kontrovers-theologisch-universitären Diskurses, so wurde Katharinas Leben nun auch in bürgerlichen Familien rezipiert. Der Schluss liegt nahe, dass dies zunehmend durch Frauen geschah.68 Das hatte auch zur Folge, dass in der evangelischen bürgerlichen Bevölkerung eine intime und detailreiche Kenntnis von Katharinas und Luthers Leben verbreitet und memoriert wurde.

Die großen Biographien

Nachdem für mehrere Jahrzehnte keine neuen Titel über Katharina von Bora erschienen waren, bemerkte der Volksschriftsteller Albrecht Thoma69 diese Lücke an der Wende zum 20. Jahrhundert. Nachträglich veröffentlichte er anlässlich des 400. Geburtstags der Lutherin 1899 die bislang umfänglichste Biographie.70 Mit seiner quellenreichen Darstellung, die »mühsame Kleinarbeit«71 erfordert hatte, führte Thoma die Interpretationslinie des 19. Jahrhunderts weiter, indem er Katharina in der »Häuslichkeit als freundlicher Idylle«72 zeichnete, in der Luther sich von den »dramatischen Kämpfen und dem epischen Gange seiner reformatorischen Wirksamkeit«73 ausruhen konnte. Katharina von Boras historische Bedeutung sah Thoma darin, dass sie Luther »das schöne Heim geschaffen hat« sowie »gemütliche Beziehungen des Familienlebens«74 und damit seine Arbeitsfähigkeit lange erhalten habe. Die bereits im 19. Jahrhundert erfolgte Stilisierung der Lutherin prägte Thoma weiter aus und akzentuierte sie im Hinblick auf die Institution des evangelischen Pfarrhauses. Thoma verfasste sein Lebensbild in der Absicht, Katharina von Bora breiten Leserkreisen als christlich-sittliches Vorbild und damit als Identifikationsfigur vor Augen zu führen.

Sein Werk stellt insofern einen Neuansatz in der Forschung dar, als dass es in seiner Detailliertheit eine Quellenbasis schuf, auf der, gemeinsam mit dem Lebensbild von Ernst Kroker, die biographischen Kenntnisse über die Lutherin bis heute beruhen.

1906 veröffentlichte der Reformationshistoriker Ernst Kroker eine Biographie,75 die bis zum Lutherjubiläum 1983 in nicht weniger als 16 Auflagen erschien!76 Obgleich vom Büchermarkt her gesehen kurz nach Thomas Werk kein Bedarf an einer weiteren Biographie bestanden hätte, erschien Krokers Lebensbild mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Es erwuchs aus seiner Kenntnis von Luthers Tischreden, die er nahezu gleichzeitig in der Weimarer Lutherausgabe veröffentlichte. Diese ermöglichten ihm im Hinblick auf Katharina von Bora neue Zugänge. Dass die von Kroker aufgenommenen Tischredennachschriften und -sammlungen zahlreiche Texte enthalten, die es rechtfertigen, ein wesentlich facettenreicheres Bild von Katharina zu zeichnen, als es die bis dahin fast ausschließlich verbreitete Tischredenausgabe Aurifabers ermöglicht,77 veranlasste Kroker zu seiner Biographie. Im abschließenden Kapitel beabsichtigte Kroker »endlich ihr Charakterbild möglichst scharf und lebenswahr herauszuarbeiten«.78 Dabei sah er die Tischreden als die Quelle an, um Katharinas wenige »üble Charaktereigenschaften«79 mit ihren reichen Tugenden aufzuwiegen. Andererseits wollte Krokerauch die »ungünstigen Zeugnisse«80 über die Lutherin nicht verschweigen, wenn sie auf glaubwürdige Überlieferung zurückgehen und nicht nur altgläubige Polemik darstellen. Denn es zeige sich »bei den protestantischen Schriftstellern ein gewisses Bestreben, Käthes Vorzüge ins hellste Licht zu rücken, ihre Fehler aber abzuschwächen«.81 Damit beurteilte Kroker erstmals selbstkritisch die Rezeptionsgeschichte von lutherischer Seite und distanzierte sich davon, die Lutherin weiterhin unter apologetischem Interesse darzustellen. Dennoch haften Krokers Wertungen apologetische Züge an, er konstatierte: wir »wollen sie nicht zu einer Heiligen oder gar zu einem Engel erheben; sie war eine Frau mit starken Leidenschaften und wußte zu lieben und zu hassen. Aber wir wollen uns ihr Bild auch nicht verunstalten lassen und wollen nicht mäkeln und nörgeln, wo ihr eigener Gatte ihre Fehler entschuldigt und ihre Tugenden gepriesen hat«.82 Indem Kroker Katharina als rastlos tätige »makellose Hausfrau, Gattin und Mutter«83 interpretierte, modifizierte er das übliche Interpretationsmuster des 19. Jahrhunderts als »tugendsame Hausfrau« nur geringfügig. Kroker führte in seiner Katharina-Biographie das Frauenideal der lutherischen Orthodoxie weiter. Durch die Aufnahme dieser Biographie in die Reihe ›Biographien bedeutender Frauen‹ wurde zugleich die historische Bedeutung der Lutherin gewürdigt. Trotz der Fülle der verarbeiteten Quellen hatte Kroker keine Darstellung für den vornehmlich wissenschaftlichen Gebrauch zu schreiben beabsichtigt,84 sondern sein Buch auf »weitere Kreise«85 hin konzipiert. Krokers Katharina von Bora-Biographie diente im Raum evangelischer Familien und Gemeinden der Erbauung.

Kroker verarbeitete seine umfangreichen Quellenforschungen, die er über sein biographisches Werk hinaus verfolgte, auch in Einzeluntersuchungen. Die sehr wenigen Quellen, die Auskunft über die ersten Lebensjahre Katharinas, über ihre Geburt und ihre Kindheit bis zum Eintritt in das Kloster Nimbschen geben, verband Kroker zu einer schlüssigen Chronologie.86 Die Frage nach Katharinas Geburtsort, die die Forschung häufig beschäftigt, diskutierte Kroker ausgehend vom Funeralprogramm der Lutherin. Darin wird die Markgrafschaft Meißen im albertinischen Sachsen als der Landstrich genannt, aus dem Katharina stammte.87 Als mögliche Geburtsorte Katharinas kommen damit nur Lippendorf zwischen Pegau und Borna und das südöstlich davon gelegene Hirschfeld östlich von Nossen in Frage, da nur in ihnen an der Wende zum 16. Jahrhundert das ritterliche Geschlecht derer von Bora urkundlich nachweisbar ist. Dass Katharina zweifelsfrei aus diesem Geschlecht stammte, belegen nach Kroker zahlreiche Quellen. Er begründete seine Entscheidung für Lippendorf als Geburtsort Katharinas mit Urkunden über die beiden Leibgedingverschreibungen88 des Hans von Bora von 1482 und (als »Jan« von Bora) 1505 für seine erste und seine zweite Frau, die Mutter und die Stiefmutter der Lutherin.

Kroker argumentierte ferner damit, dass derselbe Hans von Bora 1482 mit dem Rittergut von Sale bei Schkortleben belehnt worden war. Dieses Gut, das bisher kaum beachtet wurde, sei den Kindern aus erster Ehe als Erbgut zugedacht gewesen. Entgegen Krokers Meinung und für den Ort Hirschfeld als Geburtsort Katharinas hatte man im 19. Jahrhundert aus den Verschreibungen für die beiden Ehefrauen gefolgert, dass es aus erster Ehe des Hans von Bora gar keine Kinder gegeben haben könne, da seine zweite Frau mit Lippendorf das gesamte Erbgut verschrieben bekommen habe, was als Benachteiligung von Kindern aus der ersten Ehe nicht zulässig gewesen wäre.89 Für Lippendorf führte Kroker als weiteren gewichtigen Grund an, dass Katharinas Bruder Hans von Bora 1533 das Familiengut Zölsdorf übernehmen musste; es lag in der Nachbarschaft von Lippendorf, und vermutlich hatte der Vater es nach dem Verlust von Lippendorf vom Rest seines Vermögens gekauft. Von Hirschfeld liegt es allerdings 60 km entfernt. Lippendorf lag auch im Einzugsgebiet der Geschlechter, deren Töchter Konventualinnen im Kloster Nimbschen wurden, die Töchter derer von Bora auf Hirschfeld hingegen wurden in die Klöster nahe Hirschfeld wie Döbeln oder Riesa gegeben. Landgraf Philipp von Hessen hatte, nachdem er in Bigamie Margarete von Sale geehelicht hatte, am 5. April 1540 Luther als seinen Schwager begrüßt,90 denn seine Frau sei (über ihren Vater) mit Katharina von Bora verwandt.

In Bezug auf die Frage, wann Katharina ins Kloster Nimbschen kam und wie lange sie davor in der Klosterschule des Augustinerchorfrauenstifts zu Brehna war, kombinierte Kroker die wenigen Anhaltspunkte zu der bis heute gängigen Auffassung, dass sie 1504 oder 1505 als verwaistes Mädchen nach Brehna gegeben worden sei. Ihr Vater habe zunächst nur die Absicht gehabt, seiner Tochter eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen. Dass Katharina im Kloster geblieben war und später für den geistlichen Stand geweiht wurde, könnte auf den Einfluss der neuen Stiefmutter, die der Vater vermutlich kurz vor der Leibgedingverschreibung 1505 geheiratet hatte,91 zurückzuführen sein.

Die von Kroker veröffentlichte Handschrift über Luthers Brautwerbung um Katharina von Bora beinhaltet einen von Nikolaus von Amsdorf 1552 gegebenen Bericht.92 Kroker fand die Schrift, die bis dahin nur in einer abgeleiteten und stark gekürzten Fassung bekannt war, nachdem er seine Katharina-von-Bora-Biographie verfasst hatte.93

Die Lutherrenaissance

Luthers Heirat und Ehe stellten wiederholt ein Forschungsthema des 20. Jahrhunderts dar. Grundlegend hierfür wurde Heinrich Boehmers Aufsatz,94 der zum 400- jährigen Jubiläum der Eheschließung Luthers erschien. Unter der Voraussetzung, dass über keines der großen Ereignisse aus Luthers späteren Jahren so mangelhafte Quellen vorhanden sind wie über seine Heirat,95 arbeitete Boehmer die Umstände, den Vorgang der Eheschließung sowie Luthers und Katharinas Motive heraus. Boehmer beobachtete, dass in der altgläubigen Polemik erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Vorwurf auftauchte, »daß diese Ehe formal nicht rechtmäßig geschlossen worden sei, Luther folglich in der Unehe«96 gelebt habe. Ein Gutachten der Wittenberger Fakultät von 1630 besagt, dass Luther am 13. Juni 1525 zunächst nur als Brautwerber um Katharina aufgetreten sei, am nächsten Tag das Verlöbnis beging und erst am 27. Juni 1525 alle Etappen einer damaligen Hochzeit, d. h. die rechtskräftige Kopulation und das Beilager sowie den öffentlichen Kirchgang und die Wirtschaft vollzog.97 Diesem stünden die zeitgenössischen Überlieferungen entgegen, die besagen, dass Luther sich bereits am Abend des 13. Juni 1525 zunächst rechtskräftig, d. h. vor Zeugen, verlobt hatte und dann sofort trauen ließ und das Beilager hielt.98 Anhand dieser Differenz legte Boehmer dar, dass im 17. Jahrhundert das Eherecht und -brauchtum des frühen 16. Jahrhunderts nicht mehr gekannt und verstanden wurde. Sowohl die Polemik des 17. Jahrhunderts war von dem geltenden Eherecht ausgegangen und hatte diesem die Fakten der Eheschließung Luthers entgegen gestellt als auch die Wittenberger Fakultät, die ihrem Gutachten die Heiratsgewohnheiten eines Wittenberger Professors des 17. Jahrhunderts zugrunde gelegt hatte.

Um Luthers Ehe abschließend zu beurteilen, untersuchte Boehmer die Motive, die beide Eheleute zusammenführten. Luther habe nicht aus Liebe geheiratet oder um seine Vermögensverhältnisse zu verbessern bzw. um im Alter gepflegt zu werden, sondern weil sein Vater es wünschte und weil er mit der eigenen Tat habe bekräftigen wollen, was er über die Ehe gelehrt habe und weil er den Teufel und die Papisten habe ärgern wollen.99 Seine Entscheidung für Katharina von Bora habe er nicht aus Liebe gefällt, sondern aus einem Verantwortungsgefühl für die nach zwei Jahren vergeblicher Verheiratungsversuche noch immer ohne Mann gebliebene Katharina. Dass ihr, die ohne Vermögen war und auf keinen Schutz durch ihre Familie rechnen konnte, allein eine Heirat eine gesicherte Existenz eröffnete, sei Luther dabei bewusst gewesen. Katharina habe andererseits Luther, in dem sie ihren Erlöser »aus leiblicher und seelischer Knechtschaft«100 sah, aus tiefer Ehrfurcht gewählt.

In ähnlicher Perspektive ist in der Quellensammlung zu Luthers Heirat von Theodor Knolle zu lesen, dass Luthers Eheschließung keine persönlich motivierte Tat gewesen sei, hinter der man Luthers im Kloster hart empfundene »Not der Ehelosigkeit«101 zu vermuten habe. Nach seiner Selbstaussage habe Luther »als Mönch nicht viel Brunst verspürt«.102 Allein als Akt seines reformatorischen Wirkens sei Luthers Eheschließung zu verstehen. Der Autor resümierte, dass Luthers Heirat nicht persönlicher Neigung oder Notwendigkeit entsprungen sei, vielmehr sei sie ausschließlich »Gotteswerk, Glaubensentschluß, Reformationstat«103 gewesen. Trotzdem habe die Ehe Luther auch für sein persönliches Leben Segen gebracht, wie seine Äußerungen in den Tischreden zeigen, in denen er seine Frau und seine Ehe hochschätzte.104 Katharina von Bora komme im Hinblick auf Luthers Heirat nur eine Funktion als Ehefrau zu, als eigene Person spiele sie keine Rolle, denn Luther habe sie nur aus »Mitleid mit der unversorgten Nonne«105 geheiratet.

Ein halbes Jahrhundert später untersuchte Walther von Loewenich Luthers Eheschließung,106 wobei er Katharinas Bedeutung darin erkannte, dass sie als »Luthers Frau in die Geschichte einging«.107 Für Luthers Heirat führte von Loewenich ähnliche Gründe wie Knolle auf: Luther sei nicht verliebt gewesen, habe sich aber nach familiärer Geborgenheit gesehnt, er wollte mit seiner Tat bekräftigen, was er über den Ehestand gelehrt hatte und noch kurz vor seinem erwarteten Tod den Heiratswunsch seines Vaters erfüllen: »Daß Luthers Wahl schließlich auf Käthe fiel, dafür dürfte in der Tat das Mitleid mit der Verlassenen das Motiv gewesen sein«.108 Luthers Heirat sei die »Geburtsstunde des deutschen evangelischen Pfarrhauses«,109 was bereits 1940 Jochen Klepper konstatiert hatte.110 Dessen hervorragende Bedeutung sah von Loewenich in kulturprotestantischer Geschichtsperspektive111 als Pflanzstätte der Frömmigkeit und Bildung, Stätte sozialer Fürsorge und sozialen Ausgleichs. Nicht zu entscheiden wagte der Autor, ob dieses deutsche evangelische Pfarrhaus noch existiere oder ob es bereits dem geistigen Umsturz zum Opfer gefallen sei.112 Das Jahr 1975 bot Anlass, sich der Heirat Luthers vor 450 Jahren zu erinnern und diesen Zeitpunkt als den »Beginn des deutschen evangelischen Pfarrhauses zu betrachten«113 . Obgleich Luther nicht als erster ehemalige Mönch und evangelischer Theologe heiratete,114 sei von Luthers Ehe und Haus trotz des turbulenten Hauswesens die größte Ausstrahlung ausgegangen, zum einen wegen Luthers grundsätzlicher Heiratsmotive, zum anderen, weil Luther »als der Typ des gemütvollen Hausvaters gegolten«115 habe und vor allem, weil er die ›Gehilfin‹, eine verlässliche Gefährtin, »einen Trost in seinen privaten und amtlichen Anfechtungen«116 gehabt habe.

Als Luthers Gehilfin in neuer Perspektive

Dass Luthers Motive zu heiraten die eine Sache, seine praktischen Erfahrungen in der Ehe mit Katharina jedoch eine andere Sache waren, die Luther zu liebevollen Urteilen über seine Frau bewog, zeigen seine Äußerungen in den 21 Ehejahren. Welches Bild sie von Katharina ergeben, untersuchte Ludolphy. In deutlicher Abgrenzung zum Hausfrauenideal des 19. Jahrhunderts sah sie in Katharina die »Gehilfin«117 ihres Mannes.118 Katharina habe sich als die Persönlichkeit an Luthers Seite auch in die Tischgespräche eingemischt119 Die Autorin kam, die bislang gültige Stilisierung verlassend, durch kritische Betrachtung der Quellen zu ihrer neuen Interpretation.