HIER STEHEN WIR – KÖNNEN WIR AUCH ANDERS?

VERÖFFENTLICHUNGEN DES
BUNDES FÜR FREIES CHRISTENTUM

Band 2

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Werner Zager (Hrsg.)

HIER STEHEN WIR – KÖNNEN WIR AUCH ANDERS?

REFORMATION UND AUFKLÄRUNG:
IMPULSE FÜR DEN GOTTESDIENST

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Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Raphael Zager, Tübingen

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-374-05636-1

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Von der Reformation ist der evangelischen Kirche aufgegeben, sich als eine ecclesia semper reformanda, d.h. als eine der steten Erneuerung bedürftige und zugleich zu solcher befähigte Kirche zu verstehen. So wichtig es daher auch ist, zu seiner eigenen Glaubensüberzeugung zu stehen, genauso gehört es zum evangelischen Christsein, das eigene Glauben und Denken, Reden und Handeln kritisch zu befragen, ob es dem Evangelium entspricht und den Herausforderungen der jeweiligen Zeit gerecht wird.

Im Fokus des vorliegenden Bandes steht der Gottesdienst, da nur von ihm her – als der recht verstandenen Mitte kirchlichen Lebens – eine Reformation der evangelischen Kirche im 21. Jahrhundert gelingen kann. Hier gilt es, sowohl Impulse der Reformation als auch der Aufklärung fruchtbar zu machen. Ist es doch ein wesentliches Anliegen des liberalen Protestantismus, die Inhalte des christlichen Glaubens gerade auch aufgeklärten Menschen nahezubringen. Dabei geht es um die Spannung zwischen Bewahren und Aufbruch, zwischen dem Fundament, auf dem wir stehen, und der in die Zukunft weisenden Frage: »Können wir auch anders?«

Anders als die EKD, die es versäumte, im Rahmen der Reformationsdekade das Thema »Aufklärung und Reformation« zu behandeln, wollte sich der Bund für Freies Christentum dieser Herausforderung auf seiner Jahrestagung vom 22. bis 24. September 2017 in der St. Remberti-Gemeinde in Bremen stellen. Diesem Buch liegen die Vorträge zugrunde, die hier gehalten wurden. Die Tagung fand in Kooperation mit der Bremer St. Remberti-Gemeinde und der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau statt.

Der Bund für Freies Christentum versteht sich als ein Forum für offenen religiösen Dialog und ist ein Zusammenschluss überwiegend protestantischer Christen, die sich für eine persönlich verantwortete undogmatische, weltoffene Form des christlichen Glaubens einsetzen und dabei ein breites Spektrum von Auffassungen zu integrieren suchen (Geschäftsstelle des Bundes: Felix-Dahn-Straße 39, 70597 Stuttgart; Homepage: www.bund-freies-christentum.de).

Die auf der Tagung gehaltenen Vorträge werden noch thematisch ergänzt durch Aufsätze von Prof. Dr. Helmut Fischer und Dr. Andreas Rössler.

Mein Dank gilt Frau Dr. Annette Weidhas für die Aufnahme des Bandes in das Programm der Evangelischen Verlagsanstalt und die gute Zusammenarbeit bei der Veröffentlichung. Schließlich möchte ich auch meinem Sohn Raphael Zager herzlich danken für die bewährte Erstellung der Druckvorlage.

Frankfurt am Main, im März 2018 Werner Zager

INHALT

Alf Christophersen

LIBERALER PROTESTANTISMUS ZWISCHEN REFORMATION UND AUFKLÄRUNG

Ortsbestimmung und Perspektiven

Andreas Rössler

DIE RELIGION DER WAHRHEITSLIEBE

Reformation und Aufklärung im Protestantismus

Wolfgang Pfüller

PREDIGT ALS RELIGIÖSE REDE ODER ALS VERKÜNDIGUNG DES WORTES GOTTES?

Ingo Zöllich

IN GOTTES GEGENWART

Beten und Bekennen mit Herz und Vernunft

Jan Hermelink

ABENDMAHL – INSZENIERUNG VON KIRCHE ZWISCHEN REFORMATORISCHER DOGMATIK UND AUFGEKLÄRTER MÜNDIGKEIT

Dorothea Zager / Werner Zager

UNDOGMATISCHE TEXTE ZU VERTRAUTEN MELODIEN

Impulse zu einer Gesangbuchreform

Helmut Fischer

DER WEG ZUM THEMATISCHEN DIALOG-GOTTESDIENST

Ein Erfahrungsbericht als Ermutigung zum Dialog in und mit der Gemeinde

Isabel Klaus

LUTHER BEI DIE FISCHE

Tagungspredigt in der St. Remberti-Kirche zu Bremen

PERSONENREGISTER

AUTORENVERZEICHNIS

Alf Christophersen

LIBERALER PROTESTANTISMUS ZWISCHEN REFORMATION UND AUFKLÄRUNG

Ortsbestimmung und Perspektiven

1. »Freie Intelligenz« und »denkender Glaube«

Im Jahr 1821 veröffentlichte der Pfarrer von Jähnsdorf (Neumark, Crossen), GOTTLOB BENJAMIN GERLACH (1770–1844), eine Abhandlung mit dem ambitionierten Titel Ammon und Schleiermacher, oder Präliminarien zur Union zwischen Glauben und Wissen, Religion und Philosophie, Supernaturalismus und Rationalismus. »Das Reformationsfest«, beginnt er, »hat Veranlassung zur Erörterung der wichtigsten Religionswahrheiten gegeben, und sehr verschiedene, ja ganze entgegengesetzte Ansichten derselben, an das Tageslicht gebracht.« Die Gegenwart sei geprägt von einem Kampf zwischen Supernaturalismus und Rationalismus. Während Gerlach jenen als »kindlichen Glauben« bezeichnet, »der, nach [Christoph Friedrich] Ammon, der Glaube an eine Offenbarung Gottes durch eine übernatürliche (außerweltliche) Causalität ist«,1 stuft er diesen als »denkende[n] Glaube[n]« ein und nennt als Vertreter Friedrich Schleiermacher, mit dem er seit seiner Zeit als Feldprediger in Landsberg an der Warthe recht gut bekannt war. »Es hat sich durch die Reformation ein Geist des Protestantismus gebildet, der alles prüfen und nur das Beste, oder das als Wahr erkannte behalten will; selbst in der Religion. Ihm gegenüber steht der Geist des hierarchischen Catholicismus, der streng auf Glaubensgehorsam hält, und sich alles Prüfen verbittet.« Der denkende Glaube lasse sich allerdings auch missbrauchen, so dass es durchaus auch zu »moralischen Verkehrtheiten« kommen könne. Gerlach unterstreicht, dass die »freie Intelligenz« keinesfalls »wegen mancher Fehlgriffe und der damit verbundenen moralischen Verkehrtheit, das protestantische Princip dem catholischen aufopfern« dürfe. Rhetorisch fragt er: »Soll denn die Vernunft, die zur Erkenntniß der Wahrheit so gewiß erschaffen ist, als das Auge zum Sehen, immer so irren, wie jetzt der Zeitgeist […]?« Der Protestantismus sei gerade dafür ein Beweis, dass sich Fortschritt auch innerhalb der Religion und nicht nur »in andern Fächern des Wissens«2 realisieren lasse.

Wenn Gerlach Reformation und Aufklärung aufeinander bezieht und dabei nicht zuletzt auf das »protestantische Princip« verweist, kennzeichnet er damit auch das in diesem Vortrag zu erörternde Spannungsverhältnis zwischen den beiden Sphären – von dem dann ein sich bis heute ausbildender liberaler Protestantismus geprägt ist, der in SCHLEIERMACHER eine seiner maßgeblichen Gründergestalten hat. Ein zentrales Kennzeichen liberaler Theologie ist das Bemühen, »vernünftige Religion« im Sinne Kants mit biblischer Überlieferung, kirchlicher Lehr- und Traditionsbildung, Kultur und Staatsverständnis so in Einklang zu bringen, dass die Bereiche nicht gegeneinander ausgespielt werden und Autonomieanspruch des Einzelnen sowie Bedürfnisse der Gemeinschaft gleichermaßen zur Geltung kommen.3

Freiheit, Vernunft und Subjektivität waren Leitbegriffe, die Schleiermachers Antipode GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL in seiner Protestantismusdeutung zur Geltung brachte. Auch er spricht vom Prinzip und stellt in der Vorrede zu seiner Rechtsphilosophie heraus, dass sich der Mensch durch den »Eigensinn« auszeichne, nur das »in der Gesinnung anerkennen zu wollen«, das auch tatsächlich eine Rechtfertigung »durch den Gedanken« erfahre. Hegel unterstreicht: »dieser Eigensinn ist das Charakteristische der neuern Zeit, ohnehin das eigentümliche Prinzip des Protestantismus«.4 Der sich in der Geschichte entwickelnde Geist versucht, die schon von MARTIN LUTHER akzentuierten Glaubensinhalte auf den Begriff zu bringen, um sie so auch reflexiv auf die Gegenwart beziehen zu können – dies ist ein Akt der Freiheit, in dem der Mensch zu sich selbst kommt. Die Geschichte, wird 1807 in der Phänomenologie des Geistes konstatiert, bewahrt die »Erinnerung der Geister« auf, als Zufälligkeit ihrer vielfältigen Erscheinungen, aber auch als »Wissenschaft des erscheinenden Wissens«: »beide zusammen«, so HEGEL, »die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre«.5 Es ist die Aufgabe der Vernunft, den so begründeten inneren Zusammenhang der Geschichte historisch-kritisch zu durchdringen. Träger dieser Vernunft ist das autonom handelnde menschliche Subjekt, das die Selbstvermittlung des Geistes in ihren einzelnen Manifestationsstufen nachzuvollziehen und konkret zu fassen vermag. Ort menschlicher Freiheit ist für Hegel das Subjekt. Es hat alle Lehren und mögliche Wahrheiten selbst zu prüfen und mit seinem Gewissen zu konfrontieren. In seiner Geschichte der Philosophie betont Hegel, es sei »[d]as protestantische Prinzip«, »daß im Christenthum die Innerlichkeit allgemein als Denken zum Bewußtseyn komme, als worauf jeder Anspruch habe; ja das Denken ist eines Jeden Pflicht; Alles darauf basirt. Die Philosophie ist so allgemeine Angelegenheit, über die jeder zu urtheilen wisse; denkend ist jeder von Hause aus.«6

2. Glaube, Denken und Vernunft

Das prekäre Verhältnis von Glaube, Denken und Vernunft durchzieht bis heute die theologischen und religionsphilosophischen Diskurslandschaften. So kam prominent auch BENEDIKT XVI. in seiner Regensburger Ansprache Glaube, Vernunft und Universität vom 12. September 2006 auf den schon eingangs von Gottlob Benjamin Gerlach in ganz eigener Form artikulierten fragilen Status von Moral und Religion zu sprechen.7 Der seinerzeitige Papst vertrat die Grundthese, dass es – massiv befördert durch die Reformation und die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts, als deren zentrale Gestalt ADOLF VON HARNACK präsentiert wird – zu einer »Enthellenisierung« des Christentums gekommen sei, die Logos, das heißt Vernunft, und Glaube aus ihrer produktiven inneren Einheit herausgelöst habe, so dass die positivistische Vernunft, die jeden Glauben zurückweise und »dem Göttlichen gegenüber taub«8 sei, Triumphe feiere. Besonders wirkmächtig sei gerade auch KANTS Aussage gewesen, »er habe das Denken beiseiteschaffen müssen, um dem Glauben Platz zu machen«. Auf diese Weise hat er, so BENEDIKT, »den Glauben ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen«.9 Wer jedoch, so Benedikt, die »Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen«.10 Werde die Theologie von einem positivistischen Vernunftbegriff aus wissenschaftlich beurteilt, bleibe nur noch »ein armseliges Fragmentstück« übrig. Dann komme es aber zwangsläufig auch zu einer Verkürzung des Menschen, die für ihn entscheidenden Fragen nach Religion und Ethos verlören ihren Rang und erhielten den Charakter des bloß Subjektiven. Auf diese Weise werde das Gewissen »zur letztlich einzig ethischen Instanz«,11 die gemeinschaftsbildende Kraft von Ethos und Religion gehe verloren, verfalle der Beliebigkeit – ein für die Menschheit gefährlicher Zustand, wie »an den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft so verengt wird, dass ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören«,12 wahrgenommen werden könne. Hart fiel die Kritik des Papstes an den vermeintlich Bindungslosigkeit und Moralverlust befördernden Individualisierungstendenzen des Protestantismus aus. Mit seinem Angriff auf die gottlose Welt und ihre gesellschaftlichen Repräsentanten nahm der Papst eine alte, aber mehr oder weniger unterschwellig stets präsent gebliebene Debatte wieder auf, die am Ende des »langen« 19. Jahrhunderts unter den Stichworten »Krise des Historismus« und – in genuin katholischem Kontext – »Modernismuskrise« geführt wurde. Den zeitdiagnostischen Befund teilten gegenwartskritische Vertreter beider Konfessionen: Als immer lebensbestimmender erwies sich die Tendenz, den übernatürlichen Charakter von Kirche, Glaube und Vernunft aufzuheben, die Trennung von Glaube und Wissen, aber auch von Kirche und Staat einzufordern. Benedikts Vorgänger PIUS X. reagierte auf diesen als Bedrohung empfundenen Umbruch mit einem formalen Disziplinierungsversuch und schrieb 1910 seinem Klerus den Antimodernisteneid vor. Protestantischem Selbstverständnis blieb dagegen angesichts fundamentaler Sinnkrisen nur die noch intensivere »Anstrengung des Begriffs«, der Weg in die intellektuell verschärfte Dauerreflexion. Nach Friedrich Nietzsche, nach Wilhelm Dilthey und in enger, auch konkurrierender Denk- und Arbeitsgemeinschaft mit Max Weber setzte sich der Theologe und Philosoph ERNST TROELTSCH besonders nachdrücklich mit den Herausforderungen auseinander, die sich aus dem Historismus für kulturethische Fragestellungen ergaben. Die vollständige Historisierung allen Wissens laufe, so Troeltsch, auf eine »Anarchie der Werte« hinaus, die sich als nihilistische Indifferenz, schrankenloser Individualismus ausdrücke. Alles erscheine somit als kontingent, als zufällig. Nichts könne mit Sicherheit als verbindlich angesehen werden, alle substanzielle Ordnung löse sich in vollständige Relativität auf. Werte und ihre Systeme ließen sich nicht mehr begründen, ihre einstige Hierarchie sei nicht mehr vorhanden. MAX WEBER fand für dieses Phänomen in seinem berühmten Vortrag Wissenschaft als Beruf die suggestive Formel »Polytheismus der Werte«. Ein Kampf aller gegen alle sei die Folge.

Um Ausgleich bemüht, setze sich der von Benedikt XVI. attackierte protestantische Startheologe des Kaiserreichs, ADOLF VON HARNACK, dafür ein, moderne Kultur und Christentum als »Kulturprotestantismus« in Einklang zu bringen. Legendär sind seine sechzehn Vorlesungen über Das Wesen des Christentums aus den Übergangsjahren 1899/1900. Durch Jesus Christus, betont Harnack, »ist der Wert jeder einzelnen Menschenseele in die Erscheinung getreten, und das kann niemand mehr ungeschehen machen. Man mag zu ihm selbst stehen, wie man will, die Anerkennung, dass er in der Geschichte die Menschheit auf diese Höhe gestellt hat, kann ihm niemand versagen. Eine Umwertung der Werte liegt dieser höchsten Wertschätzung zu Grunde«.13 Ein neuer Maßstab existiert, an dem alle weltlichen Kriterien zerbrechen. In den Mittelpunkt der gegenwärtigen ethischen Deutungskraft des Christentums rückte Harnack die soziale Botschaft des Christentums, die sich in ihrer besonderen, an Nächstenliebe und Solidarität gebundenen tatkräftigen Form in keiner anderen Religion finde. Nicht nur der sozialen, sondern auch der kirchlichen Situation begegnete Harnack durchaus reserviert: »Wer auf die äußere Lage des Protestantismus, namentlich in Deutschland sieht, der mag beim ersten Anblick wohl ausrufen: Ach wie kümmerlich!« Doch bleibt es nicht bei diesem ersten Eindruck, denn wer »die Geschichte Europas überschaut vom 2. Jahrhundert bis zur Gegenwart, der wird urteilen müssen, daß in dieser ganzen Geschichte die Reformation des 16. Jahrhunderts die größte und segensreichste Bewegung gewesen ist; selbst der Umschwung beim Übergang zum 19. Jahrhundert tritt hinter sie zurück.«14 Der Protestantismus setzt sich vom Katholizismus in doppelter Hinsicht ab, und zwar in reformatorisch-erneuernder und in revolutionärer Gestalt. »Reformation ist er gewesen in Bezug auf die Heilslehre, Revolution in Bezug auf die Kirche, ihre Autorität und ihren Apparat.«15 Im Protestantismus wird das Evangelium wieder ins Zentrum gestellt und mit ihm zusammen das entsprechende »religiöse Erlebnis«. Die Religion konnte »auf ihre wesentlichen Faktoren« reduziert werden: »auf das Wort Gottes und den Glauben«.16 Entscheidend ist die Gnade Gottes, die im Glauben zuversichtlich erfasst wird. Bei aller Kritik an gegenwärtigen Erscheinungsformen des Religiösen schaut Harnack dennoch zuversichtlich in die Zukunft; denn: »Der Protestantismus ist, Gott sei Dank, noch nicht so schlimm dran, daß die Unvollkommenheiten und Verwirrungen, in denen er begonnen hat, die Oberhand gewonnen und sein eigentliches Wesen gänzlich verkümmert und erstickt hätten.«17 Zur »Lebensfrage für den Protestantismus« erklärt er »die Fortsetzung der Reformation im Sinne des reinen Verstandes des Wortes Gottes«.18 Ein Anfang wurde durch die Lehre der Reformation gesetzt, aber er ist auch entsprechend weiterzuführen. Als Dogmenhistoriker von Rang betont Harnack ausdrücklich, die Verwobenheit von Reformation und Mittelalter. Dabei zitiert er indirekt ALBRECHT RITSCHL, der 1884 im zweiten Band seiner einflussreichen Geschichte des Pietismus ausdrucksstark formuliert hatte: »Der Protestantismus ist nicht in voller Kraft und Rüstung, wie die Athene aus dem Haupte des Zeus entsprang, aus dem mittelalterlichen Schooße der abendländischen Kirche entbunden worden.«19 Die bisherige Geschichte des Christentums ist noch nicht über die Reformation hinausgegangen. »Ungeheure Wandlungen hat unsere Welterkenntnis erfahren – jedes Jahrhundert seit der Reformation bedeutet einen Fortschritt, den wichtigsten die beiden letzten –, aber die Kräfte und Prinzipien der Reformation sind, religiös und ethisch betrachtet, nicht überholt und abgelöst worden.«20 Moderne Erkenntnisse liefern keine »neuen Schwierigkeiten«.21 Allerdings ist es eben gerade die soziale Frage, die neue Problemstellungen aufwirft und das Bisherige überbietet. »Hier liegt«, spitzt HARNACK zu, »eine gewaltige Aufgabe, und in dem Maße, als wir sie erfüllen, werden wir die tiefste Frage, die Frage nach dem Sinn des Lebens, freudiger beantworten können.«22

Harnack war bemüht, Perspektiven für die Modernetauglichkeit des Protestantismus zu entwerfen, der als Reformation der Heilslehre und als Revolution der Kirche, ihrer Autorität und ihres Apparates, im »Gegensatz zum Katholizismus«23 stehe. In Fragen der Ökumene wirkte er dann allerdings doch ausgleichend und vermied in der Regel kontroverstheologische Zuspitzungen. Der Geist Luthers wurde präsent, wenn Harnack seinen Hörern vermittelte: »Der Protestantismus […] rechnet darauf, daß das Evangelium etwas so Einfaches, Göttliches und darum wahrhaft Menschliches ist, daß es am sichersten erkannt wird, wenn man ihm Freiheit läßt, und daß es auch in den einzelnen Seelen wesentlich dieselben Erfahrungen und Überzeugungen schaffen wird.«24

Der »Philosoph des Protestantismus«, IMMANUEL KANT, wäre wohl vor dem von Harnack präsentierten Optimismus zurückgeschreckt. In seiner klassischen Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft betonte er 1793: »In allen Glaubensarten, die sich auf Religion beziehn, stößt das Nachforschen hinter ihrer innern Beschaffenheit unvermeidlich auf ein Geheimnis, d. i. auf etwas Heiliges, was zwar von jedem einzelnen gekannt, aber doch nicht öffentlich bekannt, d. i. allgemein mitgeteilt werden kann.«25 Kant wird allerdings immer dann missverstanden, wenn dieser Satz die Wirkung einer Denk- und Diskursverweigerung entfaltet. Die Vernunft muss zunächst zu ihren Grenzen vorstoßen, um die letztliche Beschränkung verantwortbar akzeptieren zu dürfen. Entsprechend betont Kant, dass das Heilige »ein moralischer, mithin ein Gegenstand der Vernunft sein« müsse. Als solches sei es »innerlich für den praktischen Gebrauch hinreichend«. Da es sich jedoch um etwas handele, das geheim sei, gelte dies nicht zugleich für den theoretischen; denn wenn dies der Fall wäre, dann müsse auch eine öffentliche Bekanntgabe möglich sein, also eine Mitteilung, die jedem zugänglich sei. »Der Glaube an etwas«, fährt Kant fort, »was wir doch zugleich als heiliges Geheimnis betrachten sollen, kann nun entweder für einen göttlich eingegebenen, oder einen reinen Vernunftglauben gehalten werden.« Er selbst entscheidet sich für die zweite Variante. Da es sich bei Gefühlen nicht um Erkenntnisse handelt, könnten diese auch kein Geheimnis erfassen. Die Vernunft bleibt der Zugang zum Geheimnis. Weil sie aber hier nun nicht allgemein zu kommunizieren sei, »wird (wenn je ein solches ist) jeder es nur in seiner eignen Vernunft aufzusuchen haben«.26 Schließlich grenzt Kant aber auch diese Einsicht wieder ein, wenn er betont: »Es ist unmöglich, a priori und objektiv auszumachen, ob es dergleichen Geheimnisse gebe, oder nicht.«27 So gelangte Kant auch in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten zu der Einsicht, dass »wir zwar nicht die praktische unbedingte Notwendigkeit des moralischen Imperativs« begreifen, »aber doch seine Unbegreiflichkeit, welches alles ist, was billigermaßen von einer Philosophie, die bis zur Grenze der menschlichen Vernunft in Prinzipien strebt, gefordert werden kann«.28

Aus den Feststellungen Kants lässt sich folgern, dass ein vorschneller Verzicht auf rationale Reflexion gerade im Umgang mit religiösen Fragestellungen in Vernunftlosigkeit und Absurditäten führt. Das göttliche Geheimnis ist in seiner, nie zu einem endgültigen Ergebnis führenden Erschließung immer auf ein Denken angewiesen, das in begründeter Weise die Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft so akzeptiert, dass beide Bereiche nicht gegeneinander ins Feld geführt werden. Auch religiöse Erfahrung, Mystik und Spiritualität sind nur dann im Recht, wenn sie sich prinzipiell vernunftoffen zeigen. Mit dem der Aufklärung eigenen Perfektionierungsgedanken dringt der Gedanke vor, dass allein die autonome menschliche Vernunft, die Intersubjektivität garantiert, über Erkenntnis, Staatsordnung, Moral, Bildung etc. zu entscheiden hat. Mit kritischer Methode werden die überkommenen (Denk-)Strukturen einer Revision unterzogen und auf ihre Vernunftkompatibilität hin geprüft. Vor allem die »Königin aller Wissenschaften«, die Metaphysik, gerät in den Fokus der Kritik. Ihr Dilemma benennt Kant 1781 in der Kritik der reinen Vernunft mit kühler Präzision: »Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alle Vermögen der menschlichen Vernunft.«29 Kant stellte das Ich des Menschen in das Zentrum philosophischer Weltbemächtigung, wenn er in seiner Kritik der reinen Vernunft folgerte: »Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.«30 Dieses Ich ist auch ständig auf der Suche nach dem, was als das »höchste Gut« bezeichnet werden kann und als solches das Handeln des Menschen leitet. Wenn Gott mit diesem identifiziert wird, geschieht dies »aus der Idee« heraus, »die die Vernunft a priori von sittlicher Vollkommenheit entwirft«. Verbunden ist damit untrennbar der »Begriff eines freien Willens«, der sich nicht an sittlich-moralischen Beispielen aufrichten kann, denn solche können nur als »Aufmunterung« verstanden werden. Sie erzeugen Plausibilität, »machen das, was die praktische Regel allgemeiner ausdrückt, anschaulich, können aber niemals berechtigen, ihr wahres Original, das in der Vernunft liegt, bei Seite zu setzen und sich nach Beispielen zu richten«.31 Beispiele sind somit, Kant zufolge, produktive Anregungen und Orientierungshilfen, sie ersetzen aber nicht das allgemeine Prinzip selbst.

Insbesondere FRIEDRICH SCHLEIERMACHER gelang es dann, den kritischen Impuls Kants in die Theologie zu überführen und dabei auch in eigener Weise zu interpretieren. Sein durchaus reformatorisch zu nennendes Anliegen war die Erneuerung des Christentums, und zwar mit Hilfe eines von ihm in den Mittelpunkt theologischer Selbstverständigung gestellten Gefühlsbegriffes, der auch als eine Korrektur zur Fixierung Kants auf das vernünftig denkende Ich konzipiert ist. Mit erkennbar romantischem Impetus, aber auch aufklärungskritischer Manier, die sich gegen die Reduktion des Menschen und seiner Religion auf die reine Vernunft wendet, entwickelt Schleiermacher ein Kirchenmodell, das ausgehend vom einzelnen frommen Individuum den gemeinschaftsbetonten Weg zur gesellschaftsprägenden Umsetzung des Reiches Gottes beschreiten will. So erfasst er den Menschen einerseits als Kollektivwesen, andererseits aber gerade auch als autonomes Subjekt. Schleiermacher wird auf diese Weise zu einem innovativen Protagonisten religiöser Individualisierung. Das Individuum avanciert in der Moderne zum Träger funktionaler Differenzierung der Gesellschaft, die sich in tendenziell autonome Teilsysteme zerlegt. Dabei ist es der Einzelne, der gegen die ihn beherrschende gesellschaftliche Umwelt immer stärker sein Recht auf Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen einfordert. Individualisierungsprozesse in der Neuzeit verdanken sich wesentlich religiösen, aber auch philosophischen Impulsen, die in positionellen (Kultur-)Kämpfen Freiheitsansprüche zu artikulieren halfen.

3. Wie sprachfähig ist der Glaube?

Individualisierung ist notwendig von Abgrenzungstendenzen geprägt, die ihrerseits wiederum zu neuen Vergemeinschaftungen und Gruppenbildungen führen. Somit kann religiöse Individualisierung zur Auflösung überkommener Institutionen beitragen, ohne die zugrunde liegende religiöse Substanz zu zerstören. Auch die christlichen Konfessionskirchen sehen sich elementaren internen Differenzierungsprozessen und Individualisierungsschüben ausgesetzt.32 Freilich muss Individualisierung nicht notwendig religiöser Natur sein, sondern verleiht sich auch in dezidiert antikirchlicher, weltanschaulich neutraler oder betont atheistischer Gestalt Ausdruck. Ist Individualisierung das Grundcharakteristikum der Moderne, ergeben sich auch für die Kirchen vielfältige neue Problemlagen. Immer deutlicher wird, dass auf den florierenden religiösen Märkten die von ihnen propagierte Heilsbotschaft nur noch Angebotscharakter hat und nicht mehr vom überkommenen Status als selbstverständliche Gegebenheit leben kann, sondern in ihrer Alltagspräsenz auf die Nachfragebereitschaft der »Konsumenten« verwiesen ist. Von der Sprachfähigkeit des Menschen hängt ab, ob er denn das Wort Gottes tatsächlich zu verstehen vermag. LUTHER erschließt mit seiner Übersetzung die Texte der Bibel breiten Kreisen der Bevölkerung. Jeder kann nun selbst nachlesen und prüfen, was geschrieben steht. In der Sprache des Menschen erkennt Luther seine besondere, ihn vor allen anderen Lebewesen auszeichnende Begabung. Der den Glauben wirkende Geist Gottes sei an die Evangeliumsverkündigung in der Predigt gebunden. Die Wahl der Sprache und die Nachvollziehbarkeit des Ausgesagten sind also ein entscheidendes Kriterium für die Erkenntnis der biblischen Botschaft als Wort Gottes. Für die Sprachwelten des Christentums ist dies eine ambitionierte Aufgabe, muss es doch gelingen, Texte aus längst vergangenen Jahrhunderten stets neu zu aktualisieren. Anders können sie ihre Orientierungs- und Innovationskraft kaum entfalten. Dies gilt nicht nur für die biblische Überlieferung, sondern auch für die Bekenntnisschriften des Protestantismus.

Wie massiv die Probleme sind, tragende theologische Kernaussagen so zu erläutern und zur Geltung zu bringen, dass sie sich nicht nur einem immer kleiner werdenden Kreis kirchlich Sozialisierter erschließen, zeigt sich etwa bei Begriffen wie »Erbsünde«, »Sühne« oder »Versöhnung«. Wie lassen sie sich auf eine Weise interpretieren und sprachlich umsetzen, die dem modernen Menschen auch wirklich ein neues Seinsverständnis eröffnet, dem er nicht einfach mit Ablehnung und Verständnislosigkeit begegnet? Es war eine der großen Leistungen FRIEDRICH SCHLEIERMACHERS, dass es ihm in seiner Glaubenslehre gelang, die sprachliche Verfasstheit des Menschen eindrücklich mit der Verkündigungsbotschaft zu verbinden. »Christliche Glaubenssätze sind Auffassungen der christlich frommen Gemüthszustände in der Rede dargestellt« – formulierte Schleiermacher im 15. Paragraphen.33 Der Glaube lebt von Kommunikation, von Mitteilung. Die Verkündigung erfolgt in dreifacher Gestalt: dichterisch, rednerisch und darstellend-belehrend. Sprache funktioniert aber nur dann, wenn es auch jemanden gibt, der kommunizieren kann und will. Prägnant betont LUTHER deshalb, dass es die »Natur des Wortes« sei, »gehört zu werden«: »Natura enim verbi est audiri« (WA 4, 9,18 f.). In seiner ersten Psalmenvorlesung kommentiert Luther so Ps 85,9, in dem der Beter ruft: »Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten.«

Der Protestantismus lebt von seiner Vielfalt, von seiner über Jahrhunderte erprobten Konflikt- und Debattenkultur – eine Stärke und Schwäche zugleich. Einerseits steht die Tradition immer wieder aufs Neue auf dem Prüfstand. Es werden als sicher geglaubte und als bleibend gültig angesehene Standpunkte modifiziert. Andererseits werden mit Recht auch belastbare Strukturen und Institutionen eingeklagt sowie überzeugende Konzepte im Streit der Meinungen. Gefordert ist soziale Interaktion. Diese spiegelt aber ihrerseits das allem vorangehende kreative Wort Gottes wider. Von aller menschlichen Rede ist es von Beginn der Welt an dadurch unterschieden, dass es unmittelbar aus sich heraus etwas schafft: Gott spricht und es wird. Der Schöpfer lässt die Welt aus seinem Wort, das seinem Willen entspricht, entstehen. Er trägt und erhält sie dann kontinuierlich in seinem Wort. Die Kraft des göttlichen Wortes setzt sich schließlich durch. Entsprechend zuversichtlich und offensiv gibt sich Luther der Obrigkeit gegenüber: »Man lasse die Geister aufeinander platzen und treffen; […] wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönet werden« (WA 15, 219,1-4).

Eine besondere Zuspitzung findet das agonale Aufeinandertreffen der Geister, wenn es in die Prozesse von Entzauberung und Säkularisierung integriert wird, deren Analyse zunächst mit den einschlägigen Studien MAX WEBERS verbunden sind. In seiner Epochendiagnose Ein säkulares Zeitalter ist der kanadische Sozialphilosoph CHARLES TAYLOR repräsentativ für den zeitgenössischen Reflexionsstand dem Ausnahmestatus des Religiösen nachgegangen. Er attestiert der Gegenwart eine »prekäre Lage im Verhältnis zu Gott«.34 Gedeutet werden könne dieses Phänomen mit Hilfe der Säkularisierungstheorie, doch zeigt sich Taylor hier skeptisch: »Wir haben es nicht mit einem linearen Rückgang des Glaubens und der religiösen Praxis zu tun […] – einem Rückgang, dessen Ursache in der Unvereinbarkeit einiger Merkmale der ›Moderne‹ mit dem religiösen Glauben läge.« Taylor glaubt vielmehr, dass eine spezifische »religiöse Sehnsucht» in Gestalt »einer über das Immanente hinausgehenden Transformationsperspektive […] auch in der Moderne eine starke, unabhängige Quelle der Motivation bleibt«.35 Unverkennbar ist allerdings »ein Rückgang des Glaubens und der religiösen Praxis«. Der Glaube habe auch seinen einstigen »Status der Unangreifbarkeit« verloren. An dieser Stelle meint Taylor »das Hauptphänomen der Säkularisierung«36 verorten zu können. In einer pluralistischen Welt treffen ganz unterschiedliche Formen von Glaube und Unglaube aufeinander. Es kommt, formuliert Taylor, zu einer »Fragilisation«: »Die Existenz einer Alternative fragilisiert jeden Kontext, das heißt, sie sorgt dafür, daß das Gefühl für das Denkbare und das Undenkbare unsicher und schwankend wird.«37 Für jeden Einzelnen bedeutet dies, dass er durch die Wahrnehmung anderer (Un-)Glaubensmöglichkeiten und Lebenseinstellungen leichter neue Optionen übernehmen kann, als dies seinen Vorfahren möglich gewesen ist. Deutlich grenzt sich Taylor mit dieser Einsicht von PETER L. BERGERS These ab, der zufolge nur starke normativ-homogene Konzepte anschluss- und überlebensfähig sind, sich andernfalls ein Relativismus einstellt. »Die Zahl der Positionswechsel im Laufe eines Lebens und von einer Generation zur nächsten nimmt zu.« Dafür sei aber nicht, wie es Berger vermute, ein fragiler werdender Glaube verantwortlich. Das Gegenteil gelte vielmehr, da »der Glaube, der aus dieser prekären Situation der Gegenwart hervorgeht«, stärker sein könne, »weil er sich der unverzerrten Alternative gestellt hat«.38

Aber auch ein anderes Säkularisierungsmoment beansprucht die Aufmerksamkeit des kommunitaristisch gestimmten Gesellschaftsdeuters: Häufig sei ein Rückzug der Religion aus dem Bereich des Öffentlichen zu beobachten. Dies hält TAYLOR für einen durchaus begrüßenswerten Prozess; denn: »Die Gerechtigkeit verlangt, daß eine moderne Demokratie zu verschiedenen Glaubenspositionen den gleichen Abstand hält.« Die Sprache bestimmter öffentlicher Einrichtungen darf nicht durch die einer Glaubensrichtung geprägt sein, sondern muss sich unabhängig davon halten. »Unsere Kohäsion«, analysiert Taylor, »beruht auf einer politischen Ethik, auf der Demokratie und den Menschenrechten, die sich im wesentlichen auf die moderne moralische Ordnung stützten, die aus jeweils unterschiedlichen Gründen von verschiedenen religiösen und areligiösen Gemeinschaften anerkannt wird.«39 Die Grundvoraussetzung ist für Taylor, dass es hinsichtlich der öffentlichen Rolle des religiösen Diskurses besonders auf den Einsatz einer bedeutungsvollen Sprache ankommt, die, dem pluralistischen Kontext entsprechend, auch religiös sein darf. Schließlich sind es dann aber die freiheitlich-rechtsstaatlichen Setzungen, die Spielregeln produzieren, an die alle Akteure gleichermaßen gebunden sind. Je stärker sich die religiösen und weltanschaulichen Positionen ausdifferenzieren, je deutlicher die Leistungskraft überkommener Traditionen nicht nur zu behaupten, sondern argumentativ neu unter Beweis zu stellen ist, desto notwendiger wird es, die staatlichen Strukturen nicht durch fortgesetzte Übergriffe aus dem unerschöpflichen Fundus moralischer Einsichten unterschiedlichster Provenienz zu belasten. Die transzendenten Bezugssysteme der Religionen treten dabei in ein Konkurrenzverhältnis und werden daran gemessen, ob sie die immanenten Strukturen weltlicher Zusammenhänge bereichern oder nur tyrannisch normieren.

Die Sprachfähigkeit nimmt innerhalb des von Taylor in immer neuen Anläufen ausdifferenzierten Theoriesystems eine Schlüsselfunktion ein. In seiner im Jahr 2017 erschienenen Abhandlung Das sprachbegabte Tier. Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens (»The Language Animal: The Full Shape of the Human Linguistic Capacity«, Cambridge MA 2016) hebt Taylor hervor, dass es nicht nur um das Codieren und die Informationsvermittlung geht. Vielmehr »bauen wir uns ganze Landschaften aus Bedeutungen, und zwar sowohl aus menschlichen Bedeutungen als auch aus zwischenmenschlichen Verhältnissen […]. Wir sorgen dafür, daß diese Bedeutungen für uns existieren, indem wir sie enaktiv umsetzen, sie sodann ausdrücken, benennen, kritisch untersuchen, sie im Meinungsstreit thematisieren und (manchmal) um sie kämpfen […].«40 Dem Begriff »enaktiv« (to enact: eine Handlung ausführen, etwas hervorbringen) kommt bei Taylor eine besondere Relevanz zu. Er gehört in den Bereich der Kognitionswissenschaften und erfasst die körperlich präsente Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt. So wird im Enaktivismus die Auffassung vertreten, dass »mentale Prozesse durch die verkörperlichte Interaktion eines kognitiven Systems mit seiner Umwelt dynamisch hervorgebracht werden«.41 Verschränkt werden die drei Ebenen des Enaktiven (Handlung), des Ikonischen (bildhafte Wahrnehmung) und des Symbolischen (Sprache). Im Prozess des Übergangs von Sprache in Handlung ergibt sich ein Aneignungsprozess, der zu einer körperlichen Präsenz der Sprache führt. Entsprechend artikuliert auch Taylor die Einsicht, dass Sprache hier »eine konstruktive, eine konstitutive Funktion« erhält; zum Tragen kommt »nicht bloß das allgemeine, durch Einführung in die Sprache ermöglichte konstitutive Vermögen, neue Wörter und neue Ausdrucksformen zu erfinden, sondern außerdem spezielle Vermögen, die uns für Bedeutungen aufgeschlossen machen und uns in zwischenmenschliche Verhältnisse einbinden«.42imageRISTOTELES43444546AMANN47AYLOR ARTMUTOSA48