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Irena Zeltner Pavlović, Martin Illert (Hrsg.)

OSTKIRCHEN UND REFORMATION 2017

BEGEGNUNGEN UND TAGUNGEN IM JUBILÄUMSJAHR

Band 3: Das Zeugnis der Christen im Nahen Osten

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: 3W+P, Rimpar

Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-374-05952-2

www.eva-leipzig.de

Martina Severin-Kaiser (1959–2016)

zum Gedächtnis

GELEITWORT

Der vorliegende dritte Band der Dokumentation »Ostkirchen und Reformation« enthält die Grußworte und Vorträge des Berliner altorientalisch-evangelischen Dialogs zur »Zukunft des Christentums im Nahen Osten« (20.–21. Oktober 2017), die Worte der geistlichen Vorsteher und der ökumenischen Gäste im Fürbittgottesdienst für die Christen im Nahen Osten im Berliner Dom (21. Oktober 2017), einen Text der Kammer für Weltweite Ökumene der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu den altorientalischen Kirchen sowie die Beiträge des Moskauer bilateralen theologischen Dialoggespräches zwischen dem Moskauer Patriarchat und der EKD zu »Martyrium und christlichem Zeugnis« (01.–03. November 2017). Diese Dokumente werden durch das Grußwort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz anlässlich des Empfanges der Bischofskonferenz für die Altorientalischen Patriarchen (19. Oktober 2017), durch Texte zum sozialethischen Diskurs zwischen russischer Orthodoxie und deutschem Protestantismus im Jahr 2017 und durch eine gemeinsame Handreichung der EKD und der Orthodoxen Bischofskonferenz zum christlichen Umgang mit Tod und Sterben ergänzt.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland war es eine große Freude und Ehre, dass der Koptische Papst S.H. Tawadros II, der Katholikos Aller Armenier S.H. Karekin II, der syrisch-orthodoxe Patriarch S.H. Ignatius Aphrem II und der indisch-orthodox-syrische Katholikos Baselios Marthoma Paulose II unsere Einladung zum ökumenischen Gebet im Berliner Dom und zur Konferenz über die Zukunft des Christentums im Nahen Osten im Oktober 2017 annahmen. Unser gemeinsames Gebet und unsere Gespräche galten in besonderer Weise den bedrängten Christinnen und Christen im Nahen Osten. Zugleich erinnerten wir daran, dass gegenwärtig eine wachsende Zahl orientalisch-orthodoxer Christen bei uns in Deutschland lebt. Viele von ihnen mussten ihre nahöstliche Heimat als Flüchtlinge vor Krieg oder Bürgerkrieg, vor politischer oder religiöser Verfolgung oder auf der Flucht vor staatlicher Repression verlassen. Der Umstand, dass vier der höchsten Vertreter der altorientalischen Kirchen zu uns nach Berlin kamen, unterstreicht, wie wichtig den altorientalisch-orthodoxen Kirchen das gemeinsame Zeugnis mit der Ökumene in Deutschland ist. Dies gilt ebenso für die byzantinischen Kirchen, wie das Grußwort der Orthodoxen Bischofskonferenz zum Berliner Symposium, die Entsendung eines Beobachters des Moskauer Patriarchats zum Besuch der altorientalischen Patriarchen und die Moskauer Konferenz zum christlichen Zeugnis vom November 2017 zeigten. Die evangelischen Beiträge zur Konferenz in diesem Heft zeigen umgekehrt eindrücklich, wie sehr die Begegnung mit den Kirchen der christlichen Ursprungsländer evangelische Christinnen und Christen bereichern kann.

Hannover, im Oktober 2017

Bischöfin Petra Bosse-Huber

Leiterin der Hauptabteilung Ökumene und Auslandsarbeit

im Kirchenamt der EKD

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Geleitwort

Bischöfin Petra Bosse-Huber

Begrüßung der altorientalischen Kirchenoberhäupter und ihrer Delegationen im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland am 18. Oktober 2017 in Berlin

Kardinal Reinhard Marx

Grußwort anlässlich der Begegnung mit Oberhäuptern der orientalisch-orthodoxen Kirchen am 19. Oktober 2017 in Berlin

BILATERALER DIALOG DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND MIT DEN ALTORIENTALISCHEN KIRCHEN, BERLIN, 20.–21. OKTOBER 2017

Einführung

ERÖFFNUNG DER KONFERENZ, WORTE DER VORSTEHER DER ALTORIENTALISCHEN KIRCHEN UND GRUßWORTE DER ÖKUMENISCHEN GÄSTE

Bischof Markus Dröge

Eröffnung der Konferenz im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland

S.H. Papst Tawadros II

Opening

S.H. Katholikos Aller Armenier Karekin II

Wort zur Eröffnung

S.H. Patriarch Ignatius Aphrem II

Opening

S.H. Katholikos Baselios Marthoma Paulose II

Opening

Weihbischof Udo Bentz

Grußwort für die Deutsche Bischofskonferenz

Erzpriester Constantin Miron

Grußwort der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland

DAS GEGENWÄRTIGE ZEUGNIS DER CHRISTEN IM NAHEN OSTEN

Bischof Armash Nalbandian

Christliches Zeugnis im Nahen Osten

Tarek Bashour

Die Zerstörung der christlichen Sakraltopographie in Syrien

Fouad Ibrahim

Geschichte und gegenwärtige Lage der Urchristen Ägyptens

Kondothra M. George

Migration and the future shape of the World: An indian orthodox Perspective

ERFAHRUNGEN IN BEGEGNUNG UND DIALOG

Martin Tamcke

Sich entdecken, füreinander einstehen

Armenuhi Drost-Abgarjan

Das Bild der Armenier bei den Reformatoren des 16. und 17. Jahrhunderts

Karl Pinggéra

Von der Bedeutung orientalischer Kirchenväter für die evangelische Theologie

Hacik Rafi Gazer

Dokumente aus der Geschichte »Für einander einstehen« – Auf den Spuren des Leidens und der Solidarität

Claudia Rammelt

Im Streit um die Wahrheit. Johann Ludwig Schneller und die Christen im Orient

Maibritt Gustrau

Historische Perspektiven auf das orientalische Christentum am Beispiel von Karl Beth

Wolfgang Schwaigert

Ex oriente Lux – What we Protestants can learn from Oriental Christians

LERNRAUM DIASPORA

S. E. Metropolit Zachariah Mar Nicholovos

Reflections on Pastoral Ministry in Migrant Communities

Josef Önder

Syrisch-orthodoxer Religionsunterricht in Baden-Württemberg

Michaela Köger

Being on the Way for God’s Kingdom Together – How do Christians from the Orient and the Occident Meet in Local Parish Communities in Germany. A Report on Experiences Made in Parish Communities Within the Evangelical Lutheran Church of Wuerttemberg

FÜRBITTGOTTESDIENST FÜR DIE CHRISTEN IM NAHEN OSTEN, BERLIN, 21. OKTOBER 2017

BEGRÜßUNG IM NAMEN DER DOMGEMEINDE UND GEISTLICHE WORTE DES RATSVORSITZENDEN, DER VORSTEHER DER ALTORIENTALISCHEN KIRCHEN UND DER DEUTSCHEN BISCHOFSKONFERENZ

Domprediger Thomas C. Müller

Begrüßung im Namen der Domgemeinde

Ratsvorsitzender Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Geistliches Wort

S.H. Patriarch Ignatius Aphrem II

Sermon

S.H. Katholikos Aller Armenier Karekin II

Predigt

S.H. Katholikos Baselios Marthoma Paulose II

Homily

Bischof Gerhard Feige

Wort der Deutschen Bischofskonferenz

Kammer der EKD für Weltweite Ökumene

Gedanken zur Vielfalt am Leib Christi

Ordnung für den Gottesdienst im Berliner Dom am 21. Oktober 2017

BILATERALER THEOLOGISCHER DIALOG ZWISCHEN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND UND DEM MOSKAUER PATRIARCHAT, MOSKAU, 01. BIS 03. NOVEMBER 2017

S.E. Metropolit Hilarion

»Märtyrer, Martyrium, christliches Zeugnis«

Ratsvorsitzender Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Begrüßung zur Eröffnung der bilateralen Dialogbegegnung

Christfried Böttrich

Der Begriff »Martyrium« nach dem Neuen Testament

Martin Tamcke

Lernen an der Seite der Bedrängten, Eindrücke aus Begegnungen auf dem Weg zur Gemeinsamkeit

Dagmar Heller

Christliches Zeugnis heute

Mikhail Asmus

Das Phänomen des Martyriums aus orthodoxer Sicht. Eine historisch-theologische Analyse

ANHANG 1: EVANGELISCHE UND ORTHODOXE BEITRÄGE AUS DEM RUSSISCH-DEUTSCHEN GESPRÄCH ZUR SOZIALETHIK

Martin Illert

Chancen und Herausforderungen von Inklusion am Beispiel des Papiers Inklusion leben der Evangelischen Kirche in Deutschland

Vladimir Khulap

Die russische orthodoxe Kirche und die Diakonie

ANHANG 2: »[…] DAMIT IHR NICHT TRAURIG SEID«: CHRISTLICHER UMGANG MIT STERBEN UND TOD. EINE HANDREICHUNG DER ORTHODOXEN BISCHOFSKONFERENZ IN DEUTSCHLAND UND DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND

Vorwort

Das Handeln der Kirche im Umfeld von Sterben und Tod

Über das Sterben

Beten im Angesicht des Todes

Formen der Bestattung

Außergewöhnliche Todesfälle

Das Gedächtnis der Verstorbenen

Empfehlungen

Beitragende

Weitere Bücher

BEGRÜßUNG DER ALTORIENTALISCHEN KIRCHENOBERHÄUPTER UND IHRER DELEGATIONEN IM NAMEN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND AM 18. OKTOBER 2017 IN BERLIN

Bischöfin Petra Bosse-Huber

Heiligkeiten, Eminenzen, Exzellenzen,

liebe Schwestern und Brüder,

im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland heiße ich Sie sehr herzlich willkommen in Deutschland. Wir freuen uns und es ehrt uns, dass Sie unsere Einladung angenommen haben und im Jahr des Reformationsjubiläums nach Deutschland gekommen sind. Wir haben ein Programm für Sie vorbereitet, aus dem ich hier nur die wichtigsten Punkte nennen will: Gemeinsam werden wir am kommenden Sonnabend im Berliner Dom für die Christinnen und Christen und für alle Bedrängten im Nahen Osten beten. Zuvor, bei der Tagung am Freitag und Sonnabend im Dietrich-Bonhoeffer-Haus hier in Berlin, wollen wir theologisch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Ebenfalls am Freitag, bei der Begegnung mit Brot für die Welt, wollen wir über unser Miteinander in diakonischer Kooperation sprechen und Bedarfe von der Seite Ihrer Kirchen kennenlernen, bei denen Sie sich in Zukunft eine Zusammenarbeit vorstellen können.

In allen Begegnungen nehmen wir, wie dies bereits eben beim Treffen mit unserem Bundespräsidenten geschehen ist, natürlich auch die komplizierte politische Lage der Kirchen im Nahen Osten in den Blick. Aber für uns sind Sie schon lange nicht mehr nur Kirchen aus dem Nahen Osten, sondern ebenso auch Kirchen, die auch hier zuhause sind. Deshalb ist uns hier in Deutschland ein gutes Miteinander mit den altorientalischen Kirchen wichtig. Wir schätzen die wachsende Zahl der altorientalischen Christinnen und Christen sehr hoch. Sie sind nicht wegzudenkender Bestandteil unserer ökumenischen Zusammenarbeit.

Zu diesem ökumenischen Miteinander gehört ganz wesentlich auch, dass unsere evangelischen Gemeinden vor Ort in den Landeskirchen die Geschwister aus den altorientalischen Gemeinden hier in Deutschland noch besser kennenlernen, dass sie sich anrühren lassen vom Reichtum der altorientalischen Gottesdienste und ihre unvergleichliche Gastfreundschaft erfahren. Um unsere Kirche bereit zu machen für solch ein vertieftes Miteinander, haben wir uns auf Ihr Kommen vorbereitet: Wir haben ein Heft veröffentlicht, das den evangelischen Gemeinden in Deutschland Freude und Mut machen soll, den altorientalischen Christen hier vor Ort in Deutschland zu begegnen. Dieses Heft werden wir nicht nur allen Gottesdienstbesuchern im Dom austeilen, sondern auch an unsere Landeskirchen verschicken, damit es möglichst viele Menschen in unserer Kirche lesen. Wir haben eine Kommission aus Experten berufen, die in Zukunft für die theologischen Gespräche mit den altorientalischen Kirchen zur Verfügung steht, denn wir wünschen uns auch das vertiefte Gespräch über die Theologie mit Ihnen. Die Konferenz am Freitag und Sonnabend soll dazu ein Anfang sein. Wir haben unsere Förderung von Stipendiatinnen und Stipendiaten aus dem Nahen Osten verstärkt. Wir unterstützen theologische Ausbildung ebenso wie die Dokumentationen, die die Menschen hier über die Situation der Christen im Nahen Osten informieren. Ein Produkt dieser Arbeit ist die Dokumentation über das Schicksal der Kirchengebäude in Syrien, die einer unserer Stipendiaten auf der Tagung am Freitag vorstellen wird und die allen Besuchern unserer Konferenz am Freitag ausgeteilt wird. Wir haben mit unseren Werken gesprochen, um zu prüfen, welche Möglichkeiten der diakonischen Zusammenarbeit es für die Zukunft gibt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Aktivitäten unser Miteinander in Deutschland und in den Ländern des Nahen Ostens verstärken können. Zugleich weiß ich, dass die Voraussetzung dafür nicht in unserer Hand allein liegt. Deshalb sind wir immer wieder zum Gebet gerufen, auch und gerade zum Gebet für die Geschwister im Glauben und für alle Menschen, die in Bedrängnis sind. Es ist deshalb richtig, dass das Gebet bei unserer Begegnung durch den großen Gottesdienst im Berliner Dom im Mittelpunkt steht. Ihnen und uns wünsche ich einen glücklichen und segensreichen Besuch in Deutschland.

GRUßWORT ANLÄSSLICH DER BEGEGNUNG MIT OBERHÄUPTERN DER ORIENTALISCHORTHODOXEN KIRCHEN AM 19. OKTOBER 2017 IN BERLIN

Kardinal Reinhard Marx

Heiligkeiten!

Eminenzen, Exzellenzen!

Hochwürdigste Herren!

Sehr geehrte Herren!

Liebe Brüder in Christus!

Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz heiße ich Sie herzlich zu unserer heutigen Begegnung willkommen. Heiligkeiten, verehrte Gäste aus den orientalischen Kirchen! Ihnen gilt mein besonderer Willkommensgruß. Sie sind in diesen Tagen auf Einladung der evangelischen Kirche zu Besuch in Deutschland. Umso mehr ist es mir und meinen katholischen Mitbrüdern im Bischofsamt, Erzbischof Dr. Heiner Koch, Bischof Dr. Gerhard Feige und Weihbischof Dr. Udo Bentz, eine Freude, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Es ist etwas Besonderes, die Oberhäupter Ihrer vier Kirchen an einem Tisch mit uns versammelt zu wissen. Wir sind uns dieser großen Ehre bewusst! Unsere heutige Begegnung ist ein schönes Zeichen der über viele Jahrzehnte gewachsenen Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und Ihren Kirchen auf Weltebene wie auch hier in Deutschland.

Sehr herzlich möchte ich auch Sie, lieber Bischof Dr. Markus Dröge, willkommen heißen. Mit Ihrer Teilnahme bringen Sie zum Ausdruck, dass die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland in bestem Kontakt sind und unser heutiges Treffen auch in diesem ökumenischen Kontext steht.

Heiligkeiten! Sie kommen aus verschiedenen Regionen dieser Welt und Ihre Kirchen sind in unterschiedlicher Weise von der schwierigen Lage in den Krisengebieten des Nahen Ostens betroffen. Gewaltsame Übergriffe und kriegerische Auseinandersetzungen zwingen viele Menschen zur Flucht.

Unwägbar ist das dadurch verursachte Leid. Seien Sie gewiss, dass die Deutsche Bischofskonferenz Ihnen und Ihren Kirchen in dieser schwierigen Situation solidarisch verbunden ist. Es darf nicht sein, dass Christen in Ländern, in denen sie von alters her zuhause sind, ihr Heimatrecht verlieren und christliches Kulturgut von unschätzbarem Wert unwiederbringlich zerstört wird. Besonders möchte ich an das Schicksal der beiden vor mehr als vier Jahren entführten syrischen Erzbischöfe Mor Gregorius Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi erinnern und mit allem Nachdruck an die Entführer appellieren, der sinnlosen Freiheitsberaubung ein Ende zu setzen und die beiden Bischöfe unverzüglich freizulassen. Mit den Flüchtlingsbewegungen aus den Krisengebieten des Nahen Ostens sind zahlreiche Christen und Muslime nach Deutschland gekommen. Ihnen allen gegenüber sehen wir uns als Kirchen in Deutschland in der Verantwortung. Dies gilt in besonderer Weise für unsere christlichen Schwestern und Brüder. Mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit schaue ich auf die enormen Anstrengungen Ihrer Kirchen, in Deutschland den Flüchtlingen beizustehen und sie bei der Integration in eine für sie bislang fremde Welt zu unterstützen.

Seit 2004 führen die katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxen Kirchen einen theologischen Dialog, in dem Ihre Kirchen mit großem Engagement mitwirken. Mit zwei bemerkenswerten Dokumenten, zunächst über die Ekklesiologie und dann über die Ausübung der Communio in der frühen Kirche und deren Implikationen für die Suche nach Communio heute, hat dieser Dialog unser Verständnis füreinander vertieft und uns einander nähergebracht. Aktuell befasst sich der internationale Dialog zwischen unseren Kirchen mit den Initiationssakramenten, insbesondere mit der Taufe und der Eucharistie. Die Taufe ist der Schlüssel zu allen Sakramenten. Heiligkeit, verehrter Papst Tawadros! In Ihrer gemeinsamen Erklärung mit Papst Franziskus vom 28. April 2017 haben Sie das Anliegen der wechselseitigen Taufanerkennung ausdrücklich unterstützt. Dafür möchte ich Ihnen Dank sagen. Nach katholischem Verständnis ist die Taufe, so hat es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert, das sakramentale Band der Einheit, das die Gemeinschaft mit Christus und so die Gemeinschaft mit allen, die ihm durch die Taufe angehören, begründet. Möge der theologische Dialog zwischen unseren Kirchen weitere Perspektiven für die Wiederaufnahme der vollen Communio eröffnen, damit die geistliche Verbundenheit in Christus, die die Taufe stiftet, immer mehr auch in der Gemeinschaft zwischen unseren Kirchen sichtbar wird.

Die Deutsche Bischofskonferenz ermöglicht seit mehr als vierzig Jahren durch ein eigenes Stipendienprogramm Theologen und Theologinnen aus den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen einen Studienaufenthalt in Deutschland. Hier können sie nicht nur ihre Deutschkenntnisse erweitern, sondern sich auch mit Inhalten und Methoden der westlichen Theologie vertraut machen und die katholische Kirche in Deutschland besser kennenlernen. Heiligkeiten! Ich freue mich sehr, dass in der Vergangenheit und bis auf den heutigen Tag immer wieder junge Männer und Frauen aus Ihren Kirchen diese Möglichkeit wahrgenommen haben. Und ich möchte Sie ermutigen, auch weiterhin geeignete Kandidatinnen und Kandidaten auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen. Die Ökumene lebt von persönlichen Begegnungen.

Im Gedenkjahr an den 500. Jahrestag der Reformation haben die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz ein gemeinsames Christusfest gefeiert. Ein wichtiges Ereignis war in diesem Rahmen unser gemeinsamer Buß- und Versöhnungsgottesdient am 11. März 2017 in Hildesheim. Wir haben in diesem Gottesdienst vor Gott bekannt, dass beide Seiten schuldhaft Anteil haben an der Trennung, die durch die Reformation und die katholische Antwort darauf verursacht wurde. Und wir haben Gott um Vergebung gebeten und einander Vergebung geschenkt. So miteinander versöhnt wollen wir gemeinsam Schritte in die Zukunft gehen auf dem Weg zur vollkommenen Einheit der Kirche. Im Gottesdienst fand der Weg von der wechselseitigen Ab- und Ausgrenzung hin zur Versöhnung seinen Ausdruck in der Aufrichtung eines großen dreidimensionalen Kreuzes. Das war für mich ein bewegender Moment. Ich wünsche mir, dass der Geist der Versöhnung über diesen Gottesdienst hinauswirkt und alle Brüder und Schwestern in Christus einschließt. Als Zeichen dafür möchte ich Ihnen, verehrte Heiligkeiten, das Kreuz des Hildesheimer Gottesdienstes in kleinerem Format schenken. Es liegt für Sie bereit und wir werden es Ihnen gern nachher mit auf den Weg geben. Möge das Kreuz Sie an Ihren Deutschlandbesuch und besonders an den heutigen Abend erinnern und möge es uns alle mahnen, dass ohne die Bereitschaft zur Versöhnung die volle Communio unserer Kirchen nicht zu erreichen ist. Lassen Sie uns auf diesem Weg der Versöhnung weitergehen mit dem Ziel der vollkommenen Einheit der Kirche und im Dienst an der Einheit der ganzen Menschheitsfamilie.

BILATERALER DIALOG DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND MIT DEN ALTORIENTALISCHEN KIRCHEN, BERLIN, 20.–21. OKTOBER 2017

EINFÜHRUNG

Der altorientalisch-evangelische Dialog »Die Zukunft der Christen im Nahen Osten« wurde durch das vom Berliner Bischof und EKD-Ratsmitglied Markus Dröge gesprochene Willkommen im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland, durch die daran anschließenden Grußworte der vier Vorsteher der altorientalischen Kirchen S.H. Papst Tawadros II, S.H. Katholikos Karekin II, S.H. Patriarch Ignatius Aphrem II und S.H. Katholikos Marthoma Paulose II sowie durch die Grußworte der ökumenischen Gäste aus der Deutschen Bischofskonferenz und aus der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland eröffnet. Im Anschluss an diese Eröffnungs- und Grußworte widmen sich die Beiträge des ersten Abschnittes der Dokumentation dieses Dialoges den Erfahrungen der altorientalischen Christen im Nahen Osten aus deren eigener Sicht.

Der armenisch-apostolische Bischof von Aleppo, Armash Nalbandian, verbindet in seinem Beitrag die Augenzeugenschaft der syrischen Bürgerkriegssituation mit dem an die Kirchen in Deutschland gerichteten Appell zur Unterstützung der Kirchen in Syrien. Eindrücklich wird die wichtige Schlüsselrolle der Christen in Syrien als Garanten der religiösen Diversität in Geschichte und Gegenwart mit der Bitte an die Kirchen in Deutschland verbunden, die auch weltpolitisch wichtige Funktion der nahöstlichen Christen stärker wahrzunehmen. »Wir leben in einer lebendigen und gesunden ökumenischen und interreligiösen Beziehung«, stellt Bischof Armash fest und verbindet diese Feststellung mit einer wichtigen Identitätsbestimmung: »Wir Christen sind ein untrennbarer Teil von Syrien.«

Die Feststellungen von Bischof Armash werden illustriert und konkretisiert durch die Dokumentation des rum-orthodoxen Rechtsanwalts Tarek Bashour. Bashour listet zahlreiche Zeugnisse auf, die er über die Zerstörung von Kirchengebäuden und Gemeinderäumen der rum-orthodoxen, römisch-katholischen, armenisch-apostolischen, syrisch-orthodoxen und evangelischen Kirchen gesammelt hat. Seine Dokumentation beschreibt zugleich viele Einzelschicksale von Christinnen und Christen im Verlauf des syrischen Bürgerkrieges in den Städten, Dörfern und Gemeinden.

Der koptische Professor Fouad Ibrahim beschreibt in seinem Kurzbeitrag die Geschichte und die Gegenwart der Koptischen Kirche. Wie zuvor Bischof Armash, so betont auch er die Chance, die für die Kirchen des Nahen Ostens in der ökumenischen Zusammenarbeit mit den Christen und Kirchen weltweit liegt, und erinnert diese Kirchen damit zugleich an ihre Verantwortung für ihre nahöstlichen Geschwister.

Zum Abschluss des ersten Abschnittes der Dokumentation betrachtet der indisch-orthodoxe Theologe Prof. Dr. Kondothra M. George die gegenwärtigen Prozesse von Emigration und Immigration als globale Herausforderungen. George arbeitet die theologischen Deutungen von Flucht und Exil insbesondere durch den Bezug auf das biblische Leitmotiv des Fremden heraus und unterstreicht ganz im Einklang mit den vorausgegangenen Beiträgen die Rolle der Ökumene für die Gestaltung eines zukunftsfähigen Miteinanders der Konfessionen und Religionen.

Ein zweiter inhaltlicher Block beschäftigt sich mit den Erfahrungen, die beide Seiten miteinander in Begegnung und Dialog in Vergangenheit und Gegenwart machen konnten.

Einleitend schildert Martin Tamcke die Begegnungen zwischen den orientalisch-orthodoxen Kirchen und dem deutschen Protestantismus und hebt dabei die »Momente des Miteinanders« sowie die Gemeinsamkeiten der Kirchen durch die »Zugehörigkeit zum Leib Christi« hervor. Im Anschluss daran beschreibt Armenuhi Drost-Abgarjan das Bild der Armenier bei den Reformatoren des 16. und 17. Jahrhunderts sowie die Berufung der Reformatoren auf die Armenische Apostolische Kirche in der Absicht der Legitimierung eigener theologischen Positionen. Einen Gesamtüberblick zur Rezeption altorientalischer Kirchenväter durch die evangelische Theologie bietet Karl Pinggéra. Dabei unterscheidet Pinggéra auf evangelischer Seite historische, konfessionskundliche und systematisch-theologische Zugänge. Unter den Kirchenvätern bietet sich insbesondere Kyrill von Alexandria als gemeinsame Referenzgröße für das theologische Gespräch an.

Mit der Begegnung von Protestantismus und altorientalischen Kirchen im 19. bzw. 20. Jahrhundert beschäftigen sich die folgenden drei Beiträge: So geht der Erlanger Ostkirchenkundler Hacik Rafi Gazer den »Spuren des Leidens« der syrischen Christen sowie der »Spuren der Solidarität« der Evangelischen Kirche anhand der Berichterstattung in der Neuen Evangelischen Kirchenzeitung der Jahre 1860 bis 1863 nach. Das Engagement der Christen für die Linderung des Leidens des Anderen, unabhängig von der konfessionellen und ethnischen Identität, spornt nach Gazer bis heute dazu an, sich »immer wieder für die Linderung der Not einzusetzen«. Die Perspektiven Johann Ludwig Schnellers (1821– 1902), des Leiters des Brüderhauses in Jerusalem, auf die unterschiedlichen christlichen Konfessionen im »Orient« stellt Claudia Rammelt in ihrem Beitrag in den Kontext seiner heilsgeschichtlichen Theologie. Maibritt Gustrau beschreibt die Bilder, die der evangelische Theologe Karl Beth (1872–1959) vom orientalischen Christentum zeichnete. Beths Zeichnungen der altorientalischen Kirchen sind aufgrund ihrer konfessionskundlichen Perspektive bemerkenswert, die sich darum bemüht, die Kirchen »von innen und unter Berücksichtigung ihres Selbstverständnisses« darzustellen.

Auf der Grundlage der in diesem Abschnitt dargelegten vielfältigen Erfahrungen, Berührungspunkte und Betrachtungsweisen leuchtet der abschließende Beitrag zum Thema Begegnung und Dialog unmittelbar ein: Wolfgang Schwaigert führt darin aus, wie die Beschäftigung mit den altorientalischen Kirchen zur Vertiefung der eigenen evangelisch-theologischen Existenz führen kann. Schwaigert leitet damit bereits zum dritten und abschließenden Teil der Konferenzbeiträge über. Der Schlussteil des Dialoges beschäftigt sich mit altorientalischen und evangelischen Perspektiven auf den »Lernraum Diaspora«.

Hier berichtet Metropolit Zacharias Mar Nicholovos von den Herausforderungen der orientalischen Kirchen in Amerika. Josef Önder schildert organisatorische und inhaltliche Aspekte des syrisch-orthodoxen Religionsunterrichts in Baden-Württemberg und Michaela Köger schildert die Erfahrungen der Gemeinden innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mit den geflüchteten Christen aus Syrien und dem Irak. Frau Köger betont, dass neben materieller Hilfe auch geistliche Aspekte, vor allem das Angebot arabisch-sprachiger Gottesdienste, für eine gelingende Integration in der neuen Heimat von Bedeutung sind.

ERÖFFNUNG DER KONFERENZ, WORTE DER VORSTEHER DER ALTORIENTALISCHEN KIRCHEN UND GRUßWORTE DER ÖKUMENISCHEN GÄSTE

ERÖFFNUNG DER KONFERENZ IM NAMEN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND

Bischof Markus Dröge

Heiligkeiten, Eminenzen und Exzellenzen, liebe Schwestern und Brüder,

im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland heiße ich Sie hier in Berlin sehr herzlich willkommen zu unserer evangelisch-altorientalischen Dialog-Begegnung Für einander einstehen.

Es ist uns eine Freude und Ehre, dass der Koptische Papst, S.H. Tawadros II, der syrisch-orthodoxe Patriarch S.H. Ignatius Aphrem II, der Katholikos Aller Armenier S.H. Karekin II und der indisch-orthodoxe Katholikos S.H. Baselios Marthoma Paulose II zusammen mit ihren Delegationen nach Deutschland gekommen sind, um morgen gemeinsam mit den Vertretern der Ökumene im Berliner Dom für die Christen im Nahen Osten zu beten. Vor diesem Gebet wollen wir heute und morgen in den theologischen Dialog miteinander treten. Es ist eine gute Tradition der Dialoggespräche der EKD mit orthodoxen Kirchen, dass dieser Austausch und das anschließende Gebet eng miteinander verbunden sind, denn das zeigt: Wir begegnen einander als Christen und als Kirchen.

Ein Dialog von Partnern mit so unterschiedlicher Geschichte und so unterschiedlichen Identitäten kann und soll drei Dinge leisten. Er sollte erstens aufmerksam die Selbst- und die Fremdbeschreibungen wahrnehmen, die unsere Kirchen von sich selbst und voneinander haben. So kann der Dialog helfen, festgelegte Bilder zu überprüfen und, wenn nötig, Vorurteile zu überwinden. Er muss zweitens die besondere Situation der Diaspora der altorientalischen Kirchen in den Blick nehmen, in der wir hier vor Ort miteinander sprechen. Und er muss drittens auf die authentische Beschreibung der bedrängten Situation der Christen im Nahen Osten aufmerksam hören. Wie beschreiben Sie die Situation in Ihrer Heimat? Ihr Zeugnis, Ihre Darstellung aus eigener Anschauung ist für uns sehr wertvoll, und wir wollen es aufnehmen und beachten noch vor den Beurteilungen und Analysen Dritter.

Der Blick auf die gegenseitigen Wahrnehmungen unserer Kirchen in der Begegnung, führt nicht an den tagesaktuellen Fragen vorbei und ist auch kein akademischer Selbstzweck. Vielmehr ist dieser Blick die Voraussetzung für ein geschwisterliches Miteinander von Christ zu Christ, von Kirche zu Kirche. Einander entdecken und für einander einstehen – so lautet der Titel der Konferenz. Und genau darum geht es.

Dass die europäische Diaspora als ein besonderer Erfahrungsraum im Dialog mit den altorientalischen Kirchen immer stärker ins Bewusstsein tritt, gibt dem Gespräch einen besonderen Akzent. Die Diaspora in Europa ist der Ort, an dem die altorientalischen Kirchen ihre Traditionen und Identitäten erhalten wollen und erhalten sollen. Zugleich spielt die Diaspora eine Schlüsselrolle bei der Integration der altorientalischen Communities in die deutsche Gesellschaft.

Meine Besuche bei den Klöstern in Warburg und Höxter-Brenkhausen im Sommer dieses Jahres haben mich tief beeindruckt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die altorientalischen Kirchen in Deutschland mit ihrem Wirken sowohl für Identitätsbewahrung des Glaubens als auch zugleich für die Integration in unsere Gesellschaft eine wichtige und bis heute viel zu wenig gewürdigte Leistung für unsere ganze Gesellschaft vollbracht haben und bis heute vollbringen.

Zur Situation der Christen im Nahen Osten werden wir in unserem Dialog nicht zuerst die Analysen unserer eigenen Experten hören, sondern die Erfahrungen der Christen vor Ort selbst wahrnehmen und ernst nehmen. Dies geschieht sogleich in den Worten der höchsten Kirchenvertreter der altorientalischen Kirchen und dann in der Folge noch in weiteren Referaten von altorientalischer Seite.

Wie wichtig das Sprechen der Betroffenen selbst ist, wird, um nur ein Beispiel zu nennen, der Beitrag unseres Stipendiaten Tarek Bashour zeigen. Herr Bashour wird heute Abend zur Zerstörung der Sakraltopographie in Syrien sprechen. In diesem Buch wird die Beschreibung des Geschehenen nicht von den durchlittenen Gefühlen getrennt: »Jedes Mal«, schreibt Herr Bashour in seinem Buch,

»wenn ich Menschen gefragt habe, ob sie etwas an Unterstützung und Hilfe brauchten, habe ich mit Sachen gerechnet wie Geld, Hilfe beim Visumverfahren usw. Jedoch habe ich immer die gleiche Antwort bekommen, und zwar: ›Wir brauchen Zukunft. Könnt ihr uns eine Zukunft verschaffen?‹ Schweigen war und ist meine einzige Antwort darauf«,

schreibt Herr Bashour und fährt fort: »Dann haben sie ergänzt: ›Betet für uns, bitte‹. Diese Bitte leite ich an Sie weiter.«

Solch eine Darstellung, die nicht mit dem Verstand geschrieben ist, sondern mit dem Herzen, vermag eine Brücke zu dem zu schlagen, was alle Christen verbindet, zum gemeinsamen Gebet. Und deshalb wird das Gebet notwendig auf unsere Tagung folgen. Uns allen wünsche ich einen ertragreichen Dialog.

Und so bitte ich Sie nun zunächst, mit mir ein Vaterunser zu sprechen, jeder in seiner Sprache. Danach bitte ich S.H. Papst Tawadros um sein Grußwort.

Opening

S.H. Papst Tawadros II

Good afternoon everyone! Your Holinesses, your Eminences, honorable representatives of parties and associations, ladies and gentlemen, »Behold, how good and how pleasant it is for brethren to dwell together in unity« (Psalm 133:1). These verses of the psalmist cross our mind, expressing the joy we feel every time we receive an invitation to make part of a wonderful ecumenical assembly where we feel the holy presence of our Lord Jesus Christ through meeting our beloved brothers.

We are grateful to the church of Germany, that went through a lot of efforts to make this happen, and we are also grateful for your warm welcome, and your generous hospitality, that has deeply touched our heart. Coming to Germany is a source of happiness; it is not our first visit to the land of innovation. We always keep good memories of it, for us personally it is a role model of overcoming division and crisis through struggle and dialogue.

As for our Coptic church, Germany is the home for many Copts, who came earlier and found home and bread in this welcoming country. It is an unmistakable historical fact that major events arise out of major challenges. Today, brethren, there are clouds amassing on the sky under which we all dwell. Today, every Christian in the world is facing challenges, but more particularly the Christians of the Near East are experiencing several decisive challenges.

Today we will address the main ones; the first main challenge is the rise of violent fanatic movements. The Near East has long been the home of people from all ways of life; people that together have prospered and together have endured. Maybe that is why this region became the cradle of the three monotheistic religions. Today we cannot ignore the threats. They are real, and if we turn a blind eye to them, they risk eclipsing one of the three; We cannot also deny the decreasing number of Christians in the region, and the increasing number of migrants.

The reasons are no secrets; mainly the rise of radical fanatic militant movements across the Near East, who consider all others as despicable infidels. There is no doubt that poverty, ignorance and diseases were some of the main elements that opened the door to extremism in the minds and souls of polarized youth.

Add to this the rampant corruption before the so called »Arab spring«, and the weakness of state institutions during it. Furthermore, Christians experienced an increase in being labeled as supporters of western foreign policies, simply because their religion happens to be the dominant one in the west.

However, it is meaningful to highlight that the main aim of these dark forces is division, which is the greatest ally of our enemy. But if division is its ally, then unity is its enemy. Through unity and wisdom, we shall prevail, brethren. Even though we see the dark forces gaining wind in their sails, we will not be swept aside but meet their ships with our own, the ones named: Friend-Ships!

The second main challenge: the interaction with the extremely rapid changes of our era. Many of the new orientations, practices and methods of our modern time can never be undone; once they penetrate a society they keep gaining ground. But let it be clear, we are not accusing every modern innovation of being guilty or of being a tool of destruction, because many of them could be an opportunity that helps in developing the ministry, and making our voice heard by many. For instance, we have the example of Social Media; on the one hand it has destroyed the lives of many people in unfair ways such as privacy violation and spreading of rumors, it has become a tool for terrorists to enlarge their network and create new one. But, on the other hand it has contributed to many great success stories for people all around the globe.

Social media helped creating hubs that allowed people who share the same good interests to come together, forming charity communities, art appreciations, gatherings and many more, have started on social media and there planned to work together for their noble causes.

The world is in a continuous process of exchange, the difficulty lies in the ability of the church to cope with these new changes, and to understand that these methods are mere containers, and that the content itself can be the living tradition of the church and the core shall be the doctrine.

It is obvious that the moment where one cannot develop his thoughts, is the same moment as when he is getting old. This does not mean that everything new and modern necessarily is useful and valuable. But we so want to highlight that many valuable and useful achievements of modernity are blocked just because they are unusual.

And here enters the role of the Holy Spirit living in everyone of us, that we received through the sacrament of baptism unifying us with Jesus Christ, and offering us the right conscience so we can open our hearts, understand and distinguish, and hence choose the convenient modernity at the right time and for the right aim, serving the Glory of God.

The third main challenge is the sin of division. We are sure you all remember the atrocious incident in Libya back in February 2015, where we gained the intercession of twenty-one martyrs. Later His Holiness Pope Francis – while receiving a delegation – expressed his solidarity and compassion with our mourning church, making a wonderful point when he said »They were killed simply for the fact that they were Christians. The blood of our Christian brothers and sisters is a testimony which cries out to be heard … It makes no difference whether they be Catholics, Orthodox, or Protestants. They are Christians! Their blood is one and the same. Their blood confesses Christ«. We cannot disagree with such words; what unites us is far greater than what divides us. In the world of today Christian unity is no luxury anymore, but rather it is a must. If we are to face the earlier mentioned challenges of hostility, and of technology, then we need to remember how Jesus Christ described the house that was divided against itself: »It will not stand« (Mark 3:25), he said, and indeed, through division we cannot achieve Christ’s greatest desire »that (we) all may be one« (John 17:21). Brethren, through unity we strengthen each other. However, unity is not acquired; unity is gift that God will bestow upon us when we offer him an open mind, a big heart, and a humble spirit. Only then, we will be able to walk toward unity starting with the spirit, then the letter »for the letter kills, but the Spirit gives life« (2nd Corinthians 3:6). Now, after going through challenges, the question should be what if we do not overcome all of this? What would we lose? What would the region and the world lose? What is the importance of having Christian communities in the Near East? For sure, our presence is very important.

Every Christian has the vocation and the mission of being the Light of the World and the Salt of the earth in his community. Every church in our region has different roles on several levels; on a Christian level, on a national level, and on an international level, we are going to talk about these three levels in the example of our Coptic Orthodox Church.

Firstly, the Christian level of responsibility. The Coptic Church has produced phenomenal contributions throughout its history and is still giving to the whole Christian world. Christian history shall never forget the great effort of our church in the field of Theology, the establishment of these divine studies started in the School of Alexandria.

This school grew in fame under the leadership of a long list of great scholars like Panthanaeus, Clement of Alexandria, Didymus the Blind and Origen. The church of Alexandria also provided the Christian world with great Fathers, who had a major role in the Orthodox Didactics and protected the faith in the purest apostolic form, like Athanasius, and Kyrillos, which is why its head held the title Ecumenical master. From the Coptic Church the Christian world learned the Monasticism. From our land came those holy men that we today call Desert Fathers; men such as St. Anthony the great; Father of all monks, St. Makarius the Great, and many other great men who established monasteries with thousands of monks. Our desert has always provided holy men – up to this day monasteries and monks are everywhere in Egypt.

One other exceptional character of the Coptic Orthodox Church is that it is a church of Martyrs; Tertullian, the early Christian author, wrote »If the martyrs of the whole world were put on one arm of the balance and the martyrs of Egypt on the other, the balance will tilt in favor of the Egyptians«.

Martyrdom never stopped in our history, we call our Coptic calendar »Martyrs’ calendar«. Many martyrs from all ways of life bless our church up to this day – giving their lives as a testimony of their faith. The long list has many great names that are well known everywhere. You would remember Saint Menas, Saint Catherine of Egypt, martyrs of Libya and Psalm Sunday Martyrs.

However, the main thing about Martyrdom is that it strengthens our faith, our love for Christ the Lord and our relationship with our church.

Secondly, the national level of responsibility. Every church has a massive cultural mission in its society. In his outstanding work »The Future of Culture in Egypt«, Taha Hussein, the renowned author and the dean of Arabic litterature, stated that »The Coptic Church was a mark of Egypt’s ancient glory and its survival was a testimony to the moral integrity of its followers.« When Pentecost happened, the Holy apostles understood that the gift from the Holy Spirit is not just the polyglossia, but it is a wide vocation to reveal the presence of Christ to all and to establish the church of the world through cultural interaction, and through the consolidation with various civilizations, to contribute in its continuing formation, without isolation or arrogance, while keeping the core of the faith and the gospel. This, brethren, is how Christianity nurtured civilization.

Look at our Coptic church; it is a long history of the interculturation that started with the dialogue between St. Mark the evangelist and Anianos the shoemaker, when he cried »O monotheos«, and here St. Mark found the common ground and the access point to establish our Coptic church. Later the church started what we call the baptism of culture; by taking features from the face of our Egyptian civilization. For instance, the church today is considered to be the guardian of old Egyptian music of which you have many examples; Eporo (which means: Oh King of Peace) the hymn of entry for the Patriarch that has the same melodies of an ancient hymn that was used in the initiation of many old Egyptian religious ceremonies. We also have Golgotha, the burial hymn we use during Holy Fridays, that has exactly the same melodies as the royal funeral hymn of ancient Egypt.

Also in the visual arts, like the Ankh sign, that became a cross, and the shell of Aphrodite that became the symbol of the Virgin Mary, and many other examples that applies in many fields of life. So many, that we can’t mention them all here today.

However, this method was not just to simplify the practices for the new Christians, it was indeed a way for the first fathers of the church to honor their civilization that they were proud of and loyal to.

The church took into consideration the language, the history and the traditions of the Copts, and so it became from the people and for the people. By entering their life, the church took and gave, interacted with the society in harmony and hence became an icon of interculturation.

Thirdly, the worldwide level of responsibility. The Near East has always been a crossing point of civilizations, a hub of cultural diversity, and an oasis of dialogue. We could even say that it was a station where every culture passed by, which produced a unique model in the globe, and thus the region became a heir to many civilizations initiated by Egyptians, Phoenicians, Greeks, Romans, Persians, Arabs and many others, inspiring the world in many fields and playing a vital role.

Christians in their countries in the region have always been the guardians and keepers of diversity. Personally, we cannot –and we do not even want to – imagine a monolithic Near East. It would be a fatal and immense disruption of balance in the region and in the world. Our existence in the region is important for us because our people are so attached to their land.

But also, let us never forget that the region and the world need us in our homelands. Finally, after going through all these challenges, crises and clouds on our sky we want to conclude our note with the promises of the Father of lights, who gives us every good gift and every perfect gift, for as it is said in the Holy Scripture »Weeping may endure for a night, but joy cometh in the morning«.

WORT ZUR ERÖFFNUNG

S.H. Katholikos Aller Armenier Karekin II

»Und es antwortete der Ältesten einer und sprach zu mir: Wer sind diese, mit den weißen Kleidern angetan, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: HERR, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die gekommen sind aus großer Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.« (Offenbarung 7, 13–17)

Eure Heiligkeiten,

Hochwürdige Väter,

Hochverehrte Vertreter der Evangelischen Kirche,

Sehr geehrte Vertreter des Diplomatischen Corps,

Liebe Schwestern und Brüder,

diese wichtige Tagung über die Geschichte und Gegenwart der christlichen Kirchen des Nahen Ostens, die anlässlich des Jubiläums »500 Jahre Reformation« in Europa stattfindet, bietet uns allen eine gute Gelegenheit, erneut auf jene, schon seit einigen Jahren dauerende Problematik einzugehen, die direkt die Situation der Christenheit des Nahen Ostens betrifft, und die – als solche – allmählich von der internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Deshalb wollen wir in unserer Rede zwei wichtige Tatsachen hervorheben, die im Leben der Christen des Nahen Ostens existentieller Art sind: Martyrium und Vertreibung. Das sind Vorgänge, die die Existenz dieser christlichen Kirchen und Gemeinden und die Erhaltung ihrer Zivilisation akut gefährden – einer Christenheit, die am Ort der historischen Entstehung des Christentums seit jeher lebt. Im Grunde beziehen sich die am Anfang zitierten Worte aus der Offenbarung auf die frühchristlichen Verfolgungen und auf das Martyrium der ersten Christen. Heute machen täglich diese Erfahrung hunderttausende Christen, unsere Schwestern und unsere Brüder, die lebenslang ihre ganze Kraft für das Wohlergehen ihrer Länder eingesetzt haben und einsetzen.

Der Nahe Osten stellt im Grunde jenen Kulturraum dar, in dem aus den Samen des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus die besten Früchte hervorgegangen sind. Zeugnis hierfür sind die Bildung und die Entwicklung der theologischen Lehren, die Etablierung der monastischen Tradition, überhaupt die Blüte der christlichen Kultur und Zivilisation, die, unabhängig von den Unterschieden jeweiliger christlicher Tradition und ihrer Konfrontation, jahrhundertlang stattgefunden haben.

In der Zeit der Fremdherrschaft, insbesondere unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches, wurde der Glaubensweg der Christen des Nahen Ostens zum heldenhaften Kreuzweg von Golgatha, zum leidvollen Zeugnis von ihrem Glauben. Dieser leidvolle Weg des Kreuzes führte die Christen des Nahen Ostens keineswegs zur Isolation und Hoffnungslosigkeit, im Gegenteil: Sie ließen sich von dem Hl. Geist inspirieren und so, gestärkt von seiner lebendigen Kraft, machten sie die Gedanken der Erneuerung und Auferstehung zum unzertrennlichen Bestandteil ihres Wirkens, ihres Lebens und ihrer Kultur.

Ich nun als Oberster Hirte der Armenischen Apostolischen Kirche – wir alle, wir wollen mit unseren christlichen Schwestern und Brüdern im Gebet und im Leid vereint sein, teilhaftig an ihrem täglichen bitteren Mahl, das auch die Töchter und Söhne der armenischen Kirche tagtäglich zu sich nehmen. Als Nachfahren der Generation, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dem Genozid zum Opfer gefallen ist, machen sie diese Erfahrungen. Der Rest, die Überlebenden des Genozids hatten in den zahlreichen gastfreundlichen Ländern des Nahen Ostens Zuflucht gefunden. Genau diese Menschen stehen wieder am Rande der Vernichtung und Deportation.

Wir möchten hier den Anlass wahrnehmen und im Namen der Armenischen Kirche und unseres Volkes dem deutschen Volk und den staatlichen Obrigkeiten der Bundesrepublik für die Anerkennung und Verurteilung des Genozids an den Armeniern durch den Deutschen Bundestag danken. Unser herzlicher Dank gilt auch unseren Schwesterkirchen in Deutschland, die tatkräftig dazu beigetragen haben, damit dieses Menschheitsverbrechen auch in Deutschland offiziell verurteilt wird.