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Hans-Georg Tannhäuser (Hrsg.)

100 JAHRE TAMILISCHE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE (1919–2019)

Betrachtungen zu ausgewählten Evangeliums-Texten aus indischer und deutscher Perspektive

Im Auftrag des Evangelisch-Lutherischen Missionswerkes Leipzig

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Coverbild: Vorderseite: Taufe in Kinathukadavu, TELC Arul Nathar Church, Coimbatore District 2016, Rückseite: links: TELC Kathedrale in Tiruchirapalli, rechts: Ziegenbalg- Denkmal in Tranquebar

Satz: Makena Plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-05966-9

www.eva-leipzig.de

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GELEITWORT DES HERAUSGEBERS

Liebe Leserinnen und Leser,

am 14. Januar 1919 wurde die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche (TELC) in Tranquebar/Indien gegründet und blickt nun auf 100 Jahre Geschichte zurück. Das Leipziger Missionswerk sandte bereits 1840 ihren ersten Missionar, Heinrich Cordes, nach Indien aus und ist somit bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts eng mit den kirchlichen Entwicklungen im Tamilenland verbunden. Die ersten Begegnungen zwischen Südindien und protestantisch europäischer Kirchengeschichte reichen allerdings noch weiter – bis ins Jahr 1706 – zurück, als Bartholomäus Ziegenbalg als Vertreter der Dänisch-Halleschen Mission das Land betrat.

Das Buch, das Sie in den Händen halten, möchte ein Zweifaches: Zum einen wird das hundertjährige Jubiläum der TELC für interessierte Leserinnen und Leser in den Mittelpunkt gerückt und damit gewürdigt. Ein historischer Teil (verfasst von Dr. Christian Samraj) führt in die Geschichte protestantischer Mission und heutiger kirchlicher Zusammenarbeit in Südindien ein und gibt Aufschluss über historische Entwicklungen und die derzeitige Situation der Christen in Indien.

Zum anderen geben die Auslegungen zu Evangeliumstexten, die jeweils aus indischer und deutscher Perspektive verfasst sind, einen interessanten Einblick, wie Theologinnen und Theologen aus indischem und deutschem Kontext heraus biblische Texte deuten und für die Gemeindearbeit fruchtbar machen. So ist mit diesem Buch gleichzeitig allen Verkündigern eine wertvolle Materialsammlung an die Hand gegeben, die im gemeindlichen Alltag segensreich genutzt werden kann, teils als Bausteine für eigene Andachtsvorbereitungen, teils als Lesepredigten.

In Indien werden etwa zeitgleich eine englische und eine tamilische Ausgabe dieses Buches veröffentlicht, sodass auch dort alle lutherischen Gemeinden die Grüße zu ihrem Jubiläum und die praktische Predigtsammlung erhalten. Die Texte wurden so ausgewählt, dass sie sowohl in indischen als auch in deutschen lutherischen Gemeinden an den gleichen Sonn- bzw. kirchlichen Feiertagen verwendet werden können. Jedem Text ist ein Gebet nachgestellt. Die Bibelübersetzungen sind dem Luthertext 2017 entnommen.

An dieser Stelle sei allen Autorinnen und Autoren herzlich gedankt, die auf indischer und deutscher Seite mitgewirkt haben. Sie werden jeweils kurz vor ihrem Beitrag vorgestellt. Die Vorgaben zum Verfassen der Texte beschränkten sich auf das Wesentliche, und so ist ein bunter »Blumenstrauß« von sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Verarbeitungen der Texte entstanden und bewusst auch im Buch erhalten geblieben.

Unser Dank gilt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (EVLKS), die das Buch finanziell unterstützt und ermöglicht hat, sowie der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), die ebenfalls finanzielle Hilfe leistete. Auch dem Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB), das mit Mitteln der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zum Entstehen des Buches beigetragen hat, sei ganz herzlich gedankt.

Weiterhin möchte ich namentlich den leitenden Bischof der TELC Edwin Jayakumar, Oberkirchenrat Dr. Martin Teubner (EVLKS) und Pfarrer Dr. Matthias Rost (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland [EKM]) benennen, die bei der Findung der Autoren und Autorinnen und der Koordinierung der Beiträge mitgewirkt haben.

Neben den Beiträgern waren es vor allem auch die Übersetzerinnen und Übersetzer, die es möglich gemacht haben, dass die Textauslegungen in Deutsch und Englisch erscheinen können. Ein herzliches Dankeschön geht hier an Gerhard Rüdiger (Adelaide /Australien), Silke Zwilling (Lae/Papua- Neuguinea), Birgit Pötzsch (Detmold), Pia Rennert (Leipzig), Jerry Henshaw (Leipzig), Kristina Richards (Leipzig) und Annette Kalettka (Kreischa). Und natürlich auch ein herzliches Dankeschön an all die Übersetzerinnen und Übersetzer in Indien, die die Texte schließlich ins Tamil übertragen, damit die Gemeinden in Südindien ebenfalls die Texte in ihrer Muttersprache hören können.

Das Buchprojekt wurde von Dr. Christian Samraj begleitet. Seine Kontakte zu Gemeinden in Tamil Nadu, zu sächsischen Partnergemeinden und zu den Franckeschen Stiftungen in Halle waren eine große Hilfe für den Herausgeber.

Der Sammelband wird von den Grußworten der Landesbischöfin Ilse Junkermann (EKM), des Landesbischofs Dr. Carsten Rentzing (EVLKS) und des Geistlichen Leiters der Tamilischen Kirche Bischof Rt. Reverend Edwin Jayakumar eingeleitet.

Die Evangelische Verlagsanstalt hat in bewährter Weise die Drucklegung vorbereitet und durchgeführt. Vielen Dank für die unkomplizierte Zusammenarbeit.

Dem Leipziger Missionswerk, seinem Direktor Ravinder Salooja, dem Geschäftsführer Martin Habelt, der Öffentlichkeitsreferentin Antje Lanzendorf und allen meinen Kolleginnen und Kollegen am Haus sei herzlich gedankt, dass die Idee dieses Buchprojektes trotz aller gleichzeitig laufenden Projekte und Programme umgesetzt werden konnte.

Möge die Textsammlung dazu dienen, dass die Partnerschaft zwischen deutschen und indischen Christen immer mehr wachse, gute Früchte trage und weltweites ökumenisches Miteinander verstärkt ins Bewusstsein der Gemeinden rückt.

Hans-Georg Tannhäuser

Leipzig im Advent 2018

Leiter Asien/Pazifik-Referat

 

Stellvertretender Direktor des LMW

 

INHALT

Geleitwort des Herausgebers

Grußworte der Bischöfe

Landesbischöfin Ilse Junkermann / Landesbischof Dr. Carsten Rentzing / Spiritual Head Edwin Jayakumar

Landkarten zu Indien und Tamil Nadu

100 Jahre TELC – eine historische Einführung

Christian Samraj

BETRACHTUNG ZU AUSGEWÄHLTEN EVANGELIUMSTEXTEN

Christfest – Johannes 1,1–14

John Raja

Konstantin Rost

Epiphanias – Matthäus 2,1–12

Samson Moses Prathapkumar

Eckart Warner

Die Verklärung Jesu – Matthäus 17,1–9

Daniel Jeyaraj

Matthias Rost

Gründonnerstag – Johannes 13,1–15; 34–35

S. Dhanaraj

Martin Teubner

Jesu Auferstehung – Markus 16,1–8

Selvi Rajbai

Annette Kalettka

Pfingsten – Johannes 14,15–19; 23‒27

Daniel Sangethadoss

Sven Hanson

Trinitatis – Johannes 3,1–8

Ashok Kumar

Thomas Markert

Erntedank – Markus 8,1–9

Christopher Masimalani

Charlotte Weber

Reformationstag – Matthäus 5,1–10

Jacob Sundarsingh

Stefan Brenner

Ewigkeitssonntag – Johannes 5,24–29

Thomas Kennedy

Hans-Georg Tannhäuser

Weiterführende Literatur

Bildnachweis

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Für die Tamilische
Evangelisch- Lutherische Kirche (TELC)

Mit Freude und Dankbarkeit schreibe ich gerne ein Grußwort anlässlich des Erscheinens dieses nützlichen Andachts- und Predigtbuches zu Evangeliumstexten, das von indischen und deutschen Pfarrerinnen und Pfarrern für das 2019 stattfindende Jubiläum der Gründung der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche vorbereitet wurde.

Das Buch enthält Textauslegungen, vorbereitet von theologisch ausgebildeten und praktisch erfahrenen lutherischen Pastorinnen und Pastoren, die in Evangelisch-Lutherischen Gemeinden in Deutschland und Tamil Nadu ihren Dienst versehen.

Die Herausgabe dieses Buches speziell zu den Jubiläumsfeierlichkeiten ist ein bemerkenswertes Ereignis, das von unseren Partnern vom Leipziger Missionswerk initiiert und auf den Weg gebracht wurde. Das Buch enthält zehn ursprünglich englischsprachige Predigten von tamilischen und zehn deutschsprachige Predigten von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland und Sachsen.

Gott hat durch seinen Heiligen Geist so viele verschiedene Gaben ausgestreut, damit sein Wirken in die Welt hinausgetragen und bezeugt wird. Predigen ist eine solche Gabe, Schreiben ist eine andere. Eine Predigt vorzubereiten und sie dann von der Kanzel aus der Gemeinde zu präsentieren wird oft mit der Geburt eines Kindes verglichen.

Möglicherweise ist das Predigen von der Kanzel einfacher als das Ganze für ein Buch zu Papier zu bringen und vielleicht braucht man zum Schreiben eine ganz spezielle Gabe und entsprechend Zeit, Talent und Geduld.

Die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche ist eine wohlbekannte und alte protestantische Missionskirche, gegründet von dem ersten Lutherischen Missionar Bartholomäus Ziegenbalg, der von der königlich-dänischen Mission unter König Friedrich IV. ausgesandt und vom Vater des Pietismus, Pfarrer August Hermann Francke aus Halle, unterstützt wurde.

Nachdem wir 2017 das 500-jährige Reformationsjubiläum begangen haben, gedachten wir 2018 der Einweihung der Neuen Jerusalem Kirche in Tranquebar, die vor drei Jahrhunderten (1718) stattfand. Nun feiern wir 100 Jahre TELC. Das Buch enthält Beiträge von überaus fähigen Pfarrerinnen und Pfarrern aus Deutschland und Indien und wird mit Hilfe der finanziellen Unterstützung der Leipziger Mission und ihrer Trägerkirchen anlässlich der Feierlichkeiten am 14. Januar 2019 herausgegeben.

Ich wünsche diesen Predigtmeditationen viele Leserinnen und Leser und danke Gott für alle Autorinnen, Autoren und Unterstützer, die sich darum bemüht haben, dass dieses Buch über lange Zeit segensreich genutzt werden kann. Einmal mehr danke ich dem Direktor des LMW Pfarrer Ravinder Salooja und dem Stellvertretenden Direktor Pfarrer Hans-Georg Tannhäuser sowie allen Beiträgern und Beiträgerinnen dieses Bandes für ihre Unterstützung.

Lasst uns Gott danken und für seine Güte und Freundlichkeit preisen. Und lasst uns aller treuen Wegbereiter gedenken, die auf der Synode am 14. Januar 1919 mit großem Einsatz und unter Leitung des Heiligen Geistes zur Konstituierung der TELC beitrugen.

Mit besten Wünschen

Rt. Reverend Edwin Jayakumar

Geistlicher Leiter und Bischof

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Rev. Dr. Christian Samraj

ist Pfarrer der Tamilischen Evangelisch- Lutherischen Kirche (TELC). Er wurde am 24. Dezember 1962 in Bangalore, Indien, geboren. Er hat Studienabschlüsse von der Madras University (Madras Christian College) im Bereich Philosophie (Bachelor und Master) und erlangte seine theologische Qualifikation als Bachelor of Divinity (BD) und Master of Theology (M. Th.) an der Serampore Universität (United Theological College Bangalore). Später promovierte er an der Universität Leipzig.

Fast zehn Jahre war Dr. Samraj Pfarrer in Tranquebar, wo er an der New Jerusalem Church und als Direktor des Ziegenbalg Spiritual Centers seinen Dienst versah.

Pastorale Dienste tat er auch in Villupuram, Akkur und war Assistenzpfarrer in Bangalore.

Eine Einladung des Evangelisch- Lutherischen Missionswerkes Hermannsburg ermöglichte ihm als ökumenischer Mitarbeiter in der Hannoverschen Landeskirche mitzuarbeiten, wo er ebenfalls als Pfarrer im Gemeindedienst arbeitete.

Nach seinen Forschungsstudien an der Universität Leipzig übernahm er die Stelle des Indien-Referenten beim Leipziger Missionswerk. Danach war er im Archiv der Franckeschen Stiftungen tätig.

Zur Zeit ist er Botschafter seiner Kirche in Fragen von Übersee- Angelegenheiten und begleitet Partnerschaften zwischen der TELC und westlichen Kirchen.

Besonders interessieren ihn die Themen Gemeindegründung und Evangelisation. Gern folgt er Einladungen für Vorträge zum Thema Mission und wirkt als Prediger in Gottesdiensten mit. Außerdem ist er Sekretär für Evangelisation und Gemeindegründung in einer evangelischen Kirche in Leipzig.

EINE HISTORISCHE EINFÜHRUNG – 100 JAHRE TELC

von Dr. Christian Samraj

»Und ER sprach zu ihnen:

Geht hin in alle Welt und predigt aller Kreatur das Evangelium.«

Markus 16,15

Es ist mir eine große Freude zu erleben, dass Pastorinnen und Pastoren unserer Partnerkirchen in Sachsen (EVLKS) und Mitteldeutschland (EKM), mit Pastorinnen und Pastoren meiner Kirche in Indien, der Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC) dieses gemeinsame Vorhaben umgesetzt und einen Textband mit Predigtmeditationen verfasst haben, die durch das Kirchenjahr führen werden. Auf diese Weise werden theologische Gedanken mit Tiefgang ausgetauscht. Dieses Projekt markiert einen Meilenstein in der Geschichte unserer beiden Kirchen. An dieser Stelle möchte ich dem Leipziger Missionswerk und besonders dessen Asien/Pazifik-Referenten Pfr. Hans-Georg Tannhäuser für seine Initiative danken, durch dessen Einsatz dieses Predigtbuch zustande kam.

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Ich wurde gebeten, eine Einleitung zu diesem Buch zu schreiben, und sehe diese Aufgabe als großes Privileg. Ich bin überzeugt, dass die Predigtsammlung eine große Hilfe für Pastoren, Prediger und Laien in unseren Gemeinden in Deutschland und Indien darstellen wird und sie zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Mission, aber auch mit den aktuellen Herausforderungen unserer Kirchen ermutigen wird.

Kurz möchte ich hier den historischen Hintergrund für die Beziehungen zwischen der EVLKS, der EKM (Thüringer Tradition) und der TELC darstellen und die Relevanz dieses Buches aufzeigen:

1. Die Dänisch-Hallesche Mission in Tamilnadu/Indien

2. Das Leipziger Missionswerk (LMW) in Südindien

3. Die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche (TELC)

4. Die aktuellen Herausforderungen der Kirchen in Indien

1. DIE DÄNISCH-HALLESCHE MISSION IN TAMILNADU/INDIEN

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Denkmal vor den Franckeschen Stiftungen in Halle

Das Geburtsjahr der ersten protestantischen Kirche in Indien war das Jahr 1706, als zwei deutsche Missionare (Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau) am 9. Juli 1706 ihre missionarische Arbeit in Tranquebar aufnahmen. Sie waren vom damaligen dänischen König Frederik IV. entsandt worden. Nachdem die Idee der Errichtung einer Missionsstation in Afrika sich nicht realisieren ließ, wollte Frederik IV. (1671–1730) einen neuen Versuch in seiner Handelskolonie Tranquebar wagen.

1705 bat König Frederik seinen Hofarzt um die Suche nach geeigneten Männern zur Entsendung als Missionare in die Dänischen Kolonie Tranquebar an der Südostküste Indiens. Als sich auf die Ausschreibung niemand im Dänischen Königreich finden ließ, wandte sich König Frederik an die Pietisten in Halle, welche schließlich Bartholmäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau empfahlen.

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Der Pietismus war eine Bewegung in der Lutherischen Kirche, der es um die geistliche Erneuerung im Leben der Christen durch Gebet und Bibellese ging. Der Hallesche Pietismus war außerdem geprägt von einer großen Begeisterung für die Weltmission.

Der Missionar Bartholomäus Ziegenbalg wurde am 10. Juli 1682 in Pulsnitz/Sachsen in der Nähe von Dresden geboren. Heinrich Plütschau wurde 1677 in Wesenberg bei Neustrelitz geboren. Über viele Jahre hinweg hatte ich das Privileg, in ihren beiden Heimatgemeinden zu predigen, besonders in Pulsnitz. 1711 kehrte Plütschau zurück nach Deutschland, unterstützte von dort aus jedoch die Mission auf vielerlei Weise weiter. Ziegenbalg blieb bis zu seinem Tod (1719) in Indien. Die Arbeit der Dänisch- Halleschen Mission ist auch unter der Bezeichnung »Tranquebar- Mission« bekannt.

Der Name »Tranquebar« wird seit jeher mit Religion, Sprachforschung, Bildung, Kultur, Druckereiwesen und zahlreichen sozialen Aktivitäten verbunden. Tranquebar ist der bekanntere Namen für diese kleine Stadt mit dem großen historischen Erbe, die an der Koromandelküste liegt und auf Tamil »Tharangambadi« heißt – übersetzt: »das Dorf der tanzenden und singenden Wellen«.

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Dänisches Fort in Tranquebar (Foto Gäbler)

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Heutiger Straßenzug in Tranquebar

Die dänische Ostindien-Handelskompanie errichtete 1620 ihre Handelskolonie in Tranquebar. Dazu erhielt sie von den Königen von Tanjore einen Streifen Land zur jährlichen Pacht. Auf dem Pachtgebiet befinden sich fünfzehn Ortschaften, eine davon ist Porayar. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese kleine Stadt zum Handelszentrum und später zu einem Ort des regen religiösen Austausches. So wurde das Gebiet um Tharangambadi die Heimat der Indienmission. Die ersten Missionare verwendeten die europäische Form des Ortsnamens »Tranquebar« in ihren Briefen.

Die dänische Kolonie in Tranquebar (1619–1845) war in vielerlei Hinsicht ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Völker, Religionen, Kulturen und Traditionen. Die Dänen kontrollierten ein Territorium von etwa 40 km², das sie von den Tanjore-Königen gepachtet hatten. Diese gewährten den Dänen volle Religionsfreiheit in Tranquebar. Der Pachtvertrag beinhaltete keinerlei Einschränkungen zu Fragen der Religion oder des Konfessionswechsels.

Aufgrund des nationalen, regionalen und internationalen Handels trafen in Tranquebar Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Religionen zusammen. Unter den 18 indischen Sprachen, die in Tranquebar gesprochen wurden, waren Tamil, Telugu und Sanskrit die wichtigsten. Aber man konnte dort auch Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Niederländisch hören. Viele reiche Kaufleute ließen sich in Tranquebar nieder, sodass der Ort als Handelsstadt bald wichtiger wurde als Madras (das heutige Chennai). Die reichen Leute arbeiteten nicht selbst in Tranquebar, sondern ließen andere als Bauern, Viehtreiber, Weber, Bleicher, Fischer und in anderen Handwerken arbeiten.

Tranquebar war bereits ein wohlbekanntes dänisches Handelsimperium an der südlichen Koromandel-Küste, als die ersten Missionare 1706 dort ankamen. Die beiden jungen Männer (Ziegenbalg und Plütschau) fanden eine prosperierende europäische Handelskolonie vor.

Hier gründeten sie Kirchen, Schulen, Waisenheime, eine Druckerei, eine Papierfabrik, eine Missionsbibliothek und ein international agierendes Netzwerk. Sie studierten und dokumentierten nicht nur das religiöse Leben Südindiens, sondern auch dessen Flora und Fauna. Zwischen der Ankunft Ziegenbalgs 1709 und dem Tod des letzten Missionars August Friedrich Caemmerer im Jahr 1837 dienten 55 Missionare in Indien. Unter ihnen waren der Linguist Benjamin Schultze (1689–1760), der Alt-Orientalist Christopher T. Walther (1699–1741), der große Missionar, Diplomat und anerkannte Priester am indischen Königshaus Christian Friedrich Schwarz (1726–1798), der Bibelübersetzer Johann Philipp Fabricius (1711–1791), der Pädagoge Christopher Samuel John (1747–1813) und der Lexikograph John Peter Rottler (1749– 1836), um nur einige der herausragenden Persönlichkeiten zu nennen.

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Das Neue Testament übersetzt ins Tamil von B. Ziegenbalg und J. E. Gründler

Ziegenbalg und seine Nachfolger der Dänisch-Halleschen Mission leisteten ihren Dienst inmitten zahlreicher Widrigkeiten und Anfechtungen.

Diese ersten Missionare in Tranquebar waren Pioniere und gute Beispielgeber für ihre Nachfolger, besonders was das Erlernen der tamilischen Sprache anging. Sie erlernten die Sprache systematisch und waren sogar in der Lage, den Slang der Einheimischen zu sprechen. Tamil ist eine sehr alte Sprache, mit deren Buchstaben 247 verschiedene Laute dargestellt werden können. Trotz der Komplexität beherrschten und liebten die Missionare diese Sprache und leisteten einen wichtigen Beitrag zur Systematisierung ihrer Grammatik und zur Verbreitung tamilischer Literatur durch die Errichtung der ersten Druckerei in Indien. Die tamilischen Christen in Tamilnadu werden nie die Verdienste Ziegenbalgs bei der Übersetzung der Bibel und den Beitrag der lutherischen Christen zum tamilischen Liedgut vergessen. Bis heute singen die Gläubigen in der TELC mit großer Freude die übersetzten Hymnen der deutschen Lutheraner.

Wegen Veränderungen der politischen und finanziellen Lage konnte die Arbeit der Dänisch-Halleschen Mission allerdings zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht wie gewohnt weiter fortgeführt werden.

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New Jerusalem Church

Im Laufe der Jahre war die dänische Kolonie in Tranquebar mehrmals von englischen Truppen eingenommen worden (1801–1802 und 1808–1815). Dies waren schwierige Jahre für die Dänisch-Hallesche Mission (»Tranquebarmission«) und machte ihr Überleben sehr schwierig. Der letzte Missionar der Dänisch-Halleschen Mission, Caemmerer, verstarb am 22. Oktober 1837. Auf seinem Sterbebett sagte er voller Trauer die folgenden Worte: »So geht die ehemals große, berühmte, blühende und gesegneten Tranquebarmission dahin, wenn ich, der letzte deutsche Missionar, die Augen schließen werde.« Sein Tod war jedoch mitnichten das Ende der Tranquebarmission. Gott hatte Seine eigenen Pläne, die Missionsgeschichte in Indien fortzuschreiben, die – wie uns die Tradition erzählt – einst von einem der Jünger Jesu, dem Heiligen Thomas (um 52 AD), begonnen worden war.

2. DIE LEIPZIGER MISSION (HEUTE LMW) IN SÜDINDIEN

Im Jahre 1836 wurde in Dresden ein kleines Missionswerk gegründet, das später in die Paul-List-Straße in Leipzig umsiedeln würde. Da die erste Missionsunternehmung in Australien keine Zukunft zu haben schien, startete das LMW eine Arbeit in Tranquebar und entsandte Heinrich Cordes als ersten Missionar. Er wirkte von 1840 bis 1870 und verhalf der Leipziger Mission zu einem großartigen Start. Nach wie vor stehe ich in engem Kontakt mit der Familie Cordes in Deutschland. Viele Nachkommen Cordes’ sind Theologen geworden. Das LMW kümmert sich bis heute um die Pflege seiner Grabstätte (in der Nähe von Dresden). Vor einigen Jahren begleiteten mich seine Urenkel zu seinem Grab, ein Erlebnis, an das ich mit großer Dankbarkeit und Ehrfurcht zurückdenke. Heinrich Cordes war sehr sprachbegabt und begann bereits vor seinem ersten Aufenthalt in Indien mit dem Sprachstudium, für das er täglich sechs Stunden investierte.

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Missionsdirektor Dr. Karl Graul

An dieser Stelle möchte ich einen Vergleich zwischen der Arbeit der Dänisch-Halleschen Mission und der Leipziger Mission wagen. August Hermann Francke, der geistliche Mentor der ersten Missionare der Dänisch-Halleschen Mission und Karl Graul, einer der einflussreichsten Leipziger Direktoren – er lebte von 1814 bis 1864 – fühlten sich beide der Weltmission verpflichtet. Außerdem verstanden sie sehr gut den Auftrag des auferstandenen Herrn Jesus Christus. Die ersten Missionare der Dänisch-Halleschen Mission, Ziegenbalg und Plütschau und auch Cordes, der erste Missionar der Dresdner, später Leipziger Mission, waren jeweils Pioniere ihrer entsendenden Werke. Sie waren intelligent und fleißig. Nur wenige Monate nach ihrer Ankunft in Indien waren sie schon in der Lage, die Gute Nachricht in Tamil zu predigen. Auf diese Weise gewannen sie die Achtung und das Vertrauen der Einheimischen und der Gemeinde.

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Missionar Heinrich Cordes

Ziegenbalg und Plütschau reisten auf dem Schiff »Princess Sophia« und verbrachten 222 Tage auf See. Cordes war 145 Tage auf der »Mary Anne« unterwegs bis Madras (dem heutigen Chennai). Ziegenbalg und Plütschau mussten ihre Arbeit von Null anfangen, Cordes konnte eine Arbeit fortsetzen, die bereits begonnen hatte, wenngleich die Situation nicht einfach war. Vor allem war die Arbeit erschwert durch den Mitarbeitermangel und durch finanzielle und politische Probleme sowie Streitigkeiten zwischen den englischen und dänischen Kolonialmächten.

Ohne den Einsatz Heinrich Cordes’ wären die Arbeit und das Eigentum der Lutherischen Mission an die Anglikanische Kirche übergegangen. Da die Provinz bereits unter englischer Herrschaft stand, war eigentlich zu erwarten, dass die Lutheraner ihre Mission nicht würden fortsetzen können. Doch Missionar Cordes war in der Lage, die Situation mit Takt und im Gebet zu meistern: Als der Anglikanische Bischof Cordes mitteilte, dass die Englische Mission bereit sei, die Dänisch-Hallesche Mission in Tranquebar zu übernehmen, machte Cordes unmissverständlich klar, dass er Tranquebar nicht verlassen werde. Die Gemeinde in Tranquebar stand hinter Missionar Cordes und sandte eine mit dreihundert Unterschriften versehene Petition an den dänischen König, die Kirche mitsamt ihren Liegenschaften nicht an die Anglikanische Kirche in Indien zu überschreiben. Heinrich Cordes hatte großen Anteil daran, dass die Tamilische Kirche ihrer konfessionellen Tradition treu bleiben konnte. Heinrich Cordes verdanken wir viel.

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Missionspredigt vor einem Hindutempel

Ein bedeutsames Ereignis in der Geschichte der Tranquebarmission zeigt die enge Verbundenheit der beiden Missionswerke. Am 1. Juni 1843 heirateten Heinrich Cordes und Friederike Caemmerer (vermutlich in Tranquebar). So verband sich der erste Leipziger Missionar mit der Tochter des letzten Dänisch-Halleschen Missionars. Nicht nur kamen hier zwei Familien zusammen, sondern auch zwei Missionen. Daher ist diese Heirat ein wichtiges »missionarisches Signal« oder auch ein Beweis in der Geschichte der TELC dafür, dass Gott Seine Kirche und Seine Mission baut. Die Dänisch- Hallesche Mission hat sozusagen in der Leipziger Mission einen Schwiegersohn. Wir können dieses Ereignis als göttliche Fügung sehen, und ich bin Gott ausgesprochen dankbar für Sein wunderbares Lenken der Missionsgeschichte. Die Leipziger Mission hatte sich entschlossen, die Arbeit der Dänisch-Halleschen Mission in Tranquebar fortzuführen, nämlich »dieses teure Erbe unserer Vorväter mit Gottes Hilfe weiterzuführen und zu pflegen«, wie es in einem der Dokumente aus dieser Zeit wörtlich heißt. Es kann mit Fug und Recht gesagt werden, dass die Leipziger Mission das Erbe der Dänisch-Halleschen Mission angetreten hat und dass sie für Tranquebar und andere Teile Indiens die Rettung war.

Gerne möchte ich hier die energische Leitung des ersten Leipziger Missionsdirektors Karl Graul beleuchten. Karl Graul wurde 1844 Direktor der Mission, deren Standort er schließlich auch von Dresden nach Leipzig verlegte (1848). Er bereiste Indien von 1849 bis 1853. In dieser Zeit lernte er die Kultur, mehrere Sprachen (Tamil, Sanskrit und Hindustani) und die Geschichte der Mission in Indien kennen. Darüber hinaus sprach er fließend Französisch, Italienisch, Englisch und Persisch und beherrschte Griechisch, Hebräisch und Latein.

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Demonstration der historischen Druckerpresse im Ziegenbalg-Museum in Tranquebar

Als viele dachten, die Dänisch-Hallesche Mission in Indien habe keine Zukunft, brachte der neue Missionsdirektor neuen Mut und Entschlossenheit in die Indienmission. Er begab sich persönlich auf die lange Reise in das Missionsfeld. Dort verweilte er nicht als kurzfristiger Gast, sondern blieb lange genug, um die Situation vor Ort im Detail kennenzulernen. Direktor Graul wurde ein Gelehrter der tamilischen Sprache. Folgerichtig schreibt der Missionstheologe Arno Lehman: »der große Tamil-Gelehrte des 19. Jahrhunderts war nicht ein Missionar, sondern der Missionsdirektor.« Nach seiner Rückkehr nach Leipzig schrieb Graul einen fünfbändigen Bericht über seinen Indienaufenthalt und beschäftigte sich weiterhin mit der tamilischen Sprache. Beispielsweise eröffnete er die Tamilische Bibliothek in Leipzig und richtete eine tamilische Druckerpresse ein. Während seiner Amtszeit wurden dort zahlreiche Artikel und Bücher in tamilischer Sprache gedruckt.

Nach Missionar Cordes kamen hunderte weitere Missionare und Missionarinnen der Leipziger Mission nach Indien und setzten die Arbeit fort. Viele hundert Dokumente über ihr Wirken befinden sich noch heute im Stammhaus des Leipziger Missionswerkes und in den Archiven der Franckeschen Stiftungen in Halle. Während der beiden Weltkriege wurden zahlreiche Missionare monatelang, in einigen Fällen sogar jahrelang, gefangen genommen. Familien wurden auseinandergerissen, einige Missionare mussten nach Deutschland zurückkehren. Dies war eine sehr schwierige Zeit für die Leipziger Mitarbeitenden in Indien. Es waren schließlich schwedische Missionare, die die Missionsarbeit zu dieser Zeit in Indien aufrechterhielten. Die Schwedische Missionskirche (CSM) hatte schon zuvor begonnen, ebenfalls in Indien zu arbeiten.

Zwischen den beiden Weltkriegen besuchte Missionsdirektor Carl Ihmels Indien und die Missionsstationen. Viele Mitglieder in den einzelnen Gemeinden erkundigten sich nach den ehemaligen Missionaren und baten ihn herzliche Grüße auszurichten. Während Direktor Ihmels’ Besuch ereignete sich ein anrührender Zwischenfall, als ein Gemeindemitglied der Tamilkirche dem Direktor finanzielle Hilfe für die ehemaligen Missionare anbot. Es war bekanntgeworden, wie sehr Deutschland unter den Folgen des Krieges litt, und auf diese Weise wollten die tamilischen Christen ihre alten Missionare unterstützen. Direktor Ihmels war tief berührt von diesem Liebesbeweis der tamilischen Lutheraner.

Während der aktiven Zeit der Dänisch-Halleschen Mission und später in der Zeit der Leipziger Mission wurde in Halle und Leipzig die tamilische Sprache gelehrt. Es war von großem Vorteil, dass sich die angehenden Missionare bereits vor ihrem Reiseantritt nach Indien mit der Sprache vertraut machen konnten. Viele hatten nach ihrer Rückkehr aus Indien Probleme, flüssig auf Deutsch zu predigen. So schrieb ein Missionar: »Es ist leichter für mich auf Tamil zu predigen als auf Deutsch.« Viele Missionare hielten nach ihrer Rückkehr weiterhin Kontakt mit der tamilischen Kirche und abonnierten die kirchliche Monatsschrift Arunodavam. So blieben sie weiterhin über die Geschehnisse in Indien gut informiert.

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Ehemaliges Wohnhaus Ziegenbalgs und jetziges Ziegenbalg-Museum (Foto Eppert)

Das Erbe der Dänisch-Halleschen Mission wurde vom LMW gut bewahrt und fortgeführt. Hinter diesem Erbe standen zahlreiche Opfer, Schmerz, Tränen und Gebete der Missionare. Mit großer Dankbarkeit denke ich an all die Missionare zurück, die in der Vergangenheit unserer Kirche gedient haben. Ich hatte das Privileg, Nachfahren von Missionaren beider Werke bei einem Treffen im Oktober 2011 in Leipzig kennenzulernen.

Ich denke gerne an diese Gelegenheiten zurück, da die Nachfahren der Missionare zusammenkommen und Freud und Leid miteinander teilen konnten. Für einige Teilnehmer des Treffens war dies ein besonderer Moment, der ihnen persönlich viel bedeutete. Und mir auch! Denn ich konnte ihnen persönlich danken für den treuen Dienst, den ihre Großeltern und Urgroßeltern auf dem Missionsfeld unserer Tamilischen Kirche geleistet hatten. Das Ergebnis ihres unermüdlichen Wirkens ist die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche (TELC) in Indien.

3. DIE TAMILISCHE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE

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Aaron – 1733 zum ersten einheimischen lutherischen Prediger in Indien ordiniert

Wie bereits erwähnt, mussten die Missionare des LMW Indien während des ersten Weltkriegs verlassen, wodurch die Mission und die Liegenschaften der Kirche in ernsthafte Existenznot gerieten. Die Schwedische Missionskirche spielte eine wichtige Rolle bei der Rettung der Mission. An dieser Stelle möchte ich nochmals zurückblicken auf die Missionsgeschichte der Dänisch-Halleschen Mission. Als die Dänisch-Hallesche Mission zu Beginn der 1840er Jahre aufgelöst wurde, sprang das LMW ein und rettete die Missionsarbeit. Später, als das LMW im ersten Weltkrieg selbst in starke Bedrängnis geriet, war die Schwedische Mission zur Stelle und sicherte das Überleben der Arbeit. Erneut hat Gott eingegriffen in die Missionsgeschichte Indiens. Gott honorierte den treuen Einsatz der Missionare und Missionarinnen und sandte zum richtigen Zeitpunkt Hilfe zur Rettung der Arbeit in Indien.

Wenn wir uns mit der Geschichte der TELC beschäftigen, sehen wir Gottes Weisheit, sein wundersames Planen, das die Schwedische Missionskirche zum Segen für Indien sein lässt. Die Arbeit der Schwedischen Missionskirche war ein wichtiger Beitrag zur formellen Gründung der TELC am 14. Januar 1919. An diesem Tag war eine außerordentliche Synode in Thanjavur einberufen worden und es wurde offiziell bekanntgegeben, dass die TELC eine unabhängige Kirche sein würde, die von da an durch ihren eigenen Kirchenrat geleitet werden würde. Die Schulen, die Evangelisationsarbeit und die Kirchenverwaltung, die bisher von den Überseekräften geleitet worden waren, sollten von da an in einheimische Hände übergehen. Es wurde entschieden, das Pfr. Dr. Ernest Heuman (aus Schweden) der erste Bischof der TELC werden sollte. Die Kirche hatte in der Folge vier Bischöfe aus Übersee (Schweden) bis Bischof R. B. Manika als erster indischer Bischof – genannt »Bischof von Tranquebar« – in die Geschichte der TELC eingehen sollte.

Seitdem die ersten evangelisch-lutherischen Missionare in Tranquebar angelandet waren, spielte der Name »Tranquebar« eine wichtige Rolle in der TELC. Dies ist bis heute der Fall, denn

– die erste Druckerpresse der Kirche heißt nach wie vor »Tranquebar-Presse«,

– das einzige Berufskolleg in Porayar ist nach dem Tranquebar-Bischof Manikam benannt,

– die Hauptverwaltung der TELC befindet sich in Tiruchirappalli, wird jedoch von allen »Tranquebar-Haus« gennant,

– und – wie bereits erwähnt – lautet die Bezeichnung unseres Bischofs nach wie vor »Tranquebar-Bischof«.

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Johnson Gnanabaranam (1933–2008) – 9. Bischof von Tranquebar (Fotoquelle Wikipedia)

Alle lieben diesen Namen und sagen ihn so oft wie möglich. In meinen Vorlesungen erwähne ich die Bedeutung Tranquebars oft und bezeichne Tranquebar als das »Indische Jerusalem« wenn ich erkläre, wie sehr die Stadt Tranquebar ein lebendiger Schatz und Symbol für die Mission und Geschichte unserer Kirche ist. Die Einsegnung eines neuen Bischofs findet traditionell in der New Jerusalem Church in Tranquebar statt, denn dies war die erste protestantische Kirche in Indien. Sie wurde vom ersten protestantischen Missionar der Dänisch-Halleschen, Mission Bartholomäus Ziegenbalg, erbaut. Ziegenbalg baute auch das erste Pastorenhaus in Tranquebar, das er mit seiner Familie bewohnte. Ich hatte die große Ehre, der New Jerusalem Church als Pastor zu dienen und so durfte auch ich in eben diesem Haus wohnen.

Ich möchte an dieser Stelle meine Zusammenarbeit mit Pfr. Gnanabaranam Johnson (der später der neunte Bischof der TELC geworden ist) und seiner Frau Pfarrerin Eva-Maria Siebert-Johnson erwähnen. Ich hatte die Freude mit ihnen zusammenzuarbeiten und mehreren Taufen in der Region Tranquebar beizuwohnen. Wir hatten eine echte Erweckung erlebt und viele Kapellen und Kirchen wurden in der Folge gebaut. Es erstaunt und freut mich zu sehen, wie die Schriften von Pfr. Johnson in Deutschland aufgenommen und nach wie vor gelesen werden, wie z. B. Heute, mein Jesus, mache mich neu. Ich habe gute Erinnerungen an die Jahre in Tranquebar und danke Gott für seine Güte und Treue in dieser Zeit. Übrigens können Interessenten diese Predigtsammlung Pfr. Johnson Gnanabaranams beim LMW beziehen.

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Jubiläumsbriefmarke (2006) anlässlich der Ankunft Ziegenbalgs in Tranquebar 1706

Außerdem war Tranquebar der Ort, an dem viele christliche Institutionen gegründet wurden, wie z. B. die Druckerei, die theologische Ausbildungsstätte, Schulen, das Lehrerseminar und Gästehäuser sowie das Ziegenbalg-Konferenzzentrum und seit kurzem das Ziegenbalgmuseum.

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»Ihmels Block« im TELC Gymnasium Chennai, benannt nach Carl Ihmels, 1923–1960 Direktor der Leipziger Mission

Ich habe fast zehn Jahre lang in Tranquebar gewirkt und habe Besuchergruppen aus aller Welt getroffen – vom gemeinen Mann bis zu Mitgliedern des dänischen Königshauses. Mit großer Freude habe ich im Jahr 2006 Tausende von Kirchenmenschen und Historikern aus allen Teilen der Welt empfangen, die den 300. Jahrestag der Ankunft von Ziegenbalg und Plütschau feierten. Dieses Ereignis fand sehr viel Resonanz in den Medien und bescherte uns große internationale Aufmerksamkeit. Den Feierlichkeiten am 9. Juli 2006 wohnten Vertreter des Lutherischen Weltbundes (LWF), der United Evangelical Church of India (UELCI), des Nationalen Rates der Kirchen, unserer Partnermission in Leipzig (LMW), des Evangelisch-Lutherischen Missionswerkes in Niedersachsen mit Sitz in Hermannsburg (ELM), der Schwedischen Missionskirche (CSM), der Kirche Südindiens (CSI) und zahlreicher weiterer Kirchen, Gemeindeverbünde und christlicher Werke bei. Für mich war es eine große Ehre, dem Organisationskomitee für dieses große Missionsfest anzugehören. Mit großer Dankbarkeit und Freude kamen die Missionswerke an diesem Tag unter Leitung von Bischof Dr. Aruldoss zusammen.

Die TELC wird ihre Missionsgeschichte niemals vergessen und immer voll Dankbarkeit auf die Vergangenheit blicken. Bei meinen zahlreichen Missionsreisen in unterschiedliche Länder traf ich häufig auf Menschen, die eine negative Sicht auf die christliche Mission haben, da sie sie mit der Kolonialgeschichte ihres Landes verbinden. Wenn wir jedoch unsere Partnermissionen in Europa besuchen, sprechen wir von Deutschland immer voller Stolz als unserer »Mutterkirche«. Bevor wir aufbrechen, bekommen wir in unseren Heimatgemeinden Grüße aufgetragen. In allen unseren Gottesdiensten gedenken wir unserer Mutterkirche in unseren Fürbitten. Wenn Delegationen nach Deutschland reisen, bitten sie oft darum, zu den Orten geführt zu werden, die ihnen so viel bedeuten: Wittenberg als Stadt Martin Luthers, Pulsnitz als Geburtsort Ziegenbalgs, Leipzig und Halle wegen des Missionswerkes und der Franckeschen Stiftungen. Ich habe noch in Erinnerung wie einst einer unserer Vertreter voller Rührung von seinem Besuch beim LMW berichtete.

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Indische Gäste im kirchlichen Ziegenbalgmuseum Pulsnitz

Es ist unser innigster Wunsch, dass die Beziehung zwischen unseren Kirchen fortbesteht.

Durch Gottes Gnade sind Partnerschaften zu Kirchengemeinden in Deutschland entstanden, und zu meiner großen Freude entstehen immer noch neue Partnerschaften.

Ich wünsche mir, dass dies auch in Zukunft geschieht und tue mein Bestes, um diese Entwicklungen zu unterstützen, damit noch mehr Interesse an Partnerschaft zwischen deutschen und indischen Kirchengemeinden entsteht. Neben den Vertretern und Vertreterinnen von Partnerschaftsgruppen besuchen auch zahlreiche Einzelpersonen und an Geschichte und Ökumene Interessierte die TELC und bereiten Besuche in Deutschland vor.

Im Folgenden möchte ich einige Daten und Fakten zur TELC aufführen (Stand 2018):

– Mitglieder: 120.000

– Gemeindehäuser: 600

– Pastoren: 125

– Kirchenbezirke: 11

– Kirchgemeinden: 125

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Pumpenprojekt des Leipziger Missionswerkes

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Vater und Sohn im TELC Gottesdienst (Fotoquelle Heine)

Die Kirchenverwaltung gliedert sich in verschiedene Abteilungen:

– Bildung

– Gesundheit

– Diakonissenarbeit

– Frauenarbeit

– Jugendarbeit

– Gewerbebetriebe

– Gästehäuser

– Sozio-ökonomische Entwicklung

– Dienst an Kindern und Verwaltung der Kinderheime

– Evangelisation, geistliche Erneuerung und Kommunikation

– Ziegenbalg-Einkehrzentrum

– Werkstätten

– Berufliche Bildung

– Druckerei und Verlagswesen

– Ziegenbalg-Museum Tranquebar

Gottes Gnade verdanken wir es, dass wir unsere Arbeit trotz aller Herausforderungen und Krisen fortsetzen. Wir sehen Zeichen der Hoffnung und der Treue Gottes im Leben der Kirche: zahlreiche Menschen haben sich in den letzten Jahren bekehrt und wir haben neue Kirchen geweiht. Allein in seiner bisherigen Amtszeit hat unser aktueller Bischof Edwin Jayakumar bereits 12 neue Kirchengebäude eingeweiht und weitere neue Gebäude sind im Bau. Einige Gemeinden warten auf die Fertigstellung ihrer Gemeindezentren, denn sie brauchen dringend einen Ort für ihre Sonntagsgottesdienste.

4. DIE GEGENWÄRTIGEN HERAUSFORDERUNGEN

Indien ist bekannt als Land der Spiritualität und Philosophie und ist die Wiege zahlreicher Religionen wie Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Zoroastrismus und Sikhismus. Die dominierenden Religionen sind Hinduismus und Buddhismus. Darüber hinaus leben in Indien auch Anhänger nicht-indischer Religionen, deren größte Gruppe die Muslime mit etwa 12 % der Bevölkerung repräsentiert. Christen machen 2,6 % der Bevölkerung aus, aber die Zahl steigt. Aufgrund von Benachteiligung und in manchen Gegenden sogar Verfolgung können viele sich nicht offen zum Christentum bekennen. Man geht davon aus, dass etwa 10 % der Bevölkerung heimlich dem Christentum angehören.

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