Dietrich Korsch / Johannes Schilling (Hrsg.)

Heilige Sprachen?

Zur Debatte um die Sprachen der Bibel im Studium der Theologie

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Satz: Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

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ISBN 978-3-374-05964-5

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VORWORT

THEOLOGIE STUDIEREN UND SPRACHE LIEBEN LERNEN

Das Studium der evangelischen Theologie hat sich in den letzten fünfzig Jahren gründlich verändert. Die seitdem andauernde Studienreform war in den 1970er Jahren vom Leitwort „Öffnung für die Praxis“ und in den 1980er und 1990er Jahren durch das Stichwort „theologische Kompetenz“ geprägt. Schließlich hat die vom allgemeinen Trend erzwungene Modularisierung das Studium einschneidender deformiert als alle früheren Umstellungen.

Eigentümlicherweise ist in allen diesen Veränderungen die Anforderung gleichgeblieben, vor Beginn des Fachstudiums im engeren Sinne die antiken Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch zu erlernen. Zugespitzt könnte man sagen: Die Sprachen sind das einzig „Heilige“ im Studium der Theologie und darum von Studienreformen verschont geblieben.

Das Heilige fasziniert und erschüttert, wie Rudolf Otto wusste, es erweckt Liebe und versetzt in Schrecken. Wer heute mit dem Studium der evangelischen Theologie beginnt, wird zumeist darüber erschrecken, mindestens zwei Jahre mit dem Erlernen der alten Sprachen zubringen und dafür den überwiegenden Anteil studentischer Arbeitszeit opfern zu müssen. Denn fast niemand bringt Hebräisch-, die wenigsten bringen Griechisch-, sehr viele nicht einmal mehr Lateinkenntnisse aus der Schule mit. Dem Gebot des Heiligen muss man sich fügen, wenn man in der Kirche Dienst tun will.

Dabei gälte es, das Heilige auch zu lieben, und manchen mag es auch immer wieder gelingen, diese Seite an den Sprachen zu entdecken. Das geschieht besonders bei denen, die ohnehin sprachbegabt sind und darum auch weniger Enttäuschungen im Unterricht der Sprachen erleben müssen. Doch darf die Zuneigung zu den Sprachen nicht nur von philologischem Talent abhängen. Um das Studium von dieser habituellen Voraussetzung zu befreien, ist darum Einsicht in den inneren Zusammenhang von Sprache und Theologie vonnöten. Dieser Schritt wird nur selten getan, soweit wir sehen können, und auch die aktuellen Debatten über das Erlernen der klassischen Sprachen im Studium der Theologie beziehen sich kaum auf diese Dimension.

Das hat mit der immer noch überwiegend historischphilologischen Ausrichtung der Theologie an der Universität nach dem Muster der Geisteswissenschaften zu tun. Das Bewusstsein der historischen Fächer – vom Alten Testament über das Neue Testament zur Kirchengeschichte – prägt die Zugänge zur Theologie überhaupt. Die Dogmatik sieht sich dann vor die Alternative gestellt, sich auch theologiegeschichtlich darzustellen – oder in abstrakter Weise unhistorisch-konstruktivistisch zu verfahren. Dass die Praktische Theologie schließlich unmittelbarer Empirie anhängt oder vom Theorieimport anderer Disziplinen abhängt, ist die kaum vermeidbare Folge.

Man muss den Zusammenhang der Fächer einmal so scharf formulieren, um die Reichweite der „Sprachenfrage“ zu erfassen. Es steht nichts weniger zur Debatte als der historische Charakter der Theologie als Wissenschaft. Anders gesagt: Nur wenn es gelingt, den Zugang zur Theologie von den Einschränkungen eines historisch verengten Studiums der alten Sprachen zu befreien, kann die Theologie überhaupt zu einem geschichtlich nötigen Bewusstsein ihrer selbst kommen. Genau das aber ist erforderlich, wenn die Theologie ihrer eigenen Aufgabe nachkommen will, die religiöse Kommunikation in der Gegenwart zu begreifen und eine konstruktiv-kritische Funktion für die Kirchen wahrzunehmen. Es bedarf dafür auch einer Revision des Umgangs mit den alten Sprachen im Studium der evangelischen Theologie. Die Norm dieser Revision ist weder der allgemeine Zustand der gymnasialen Schulbildung noch das Ideal des neuhumanistischen Zeitalters. Sie ist vielmehr der Sache und der Aufgabe der Theologie selbst zu entnehmen.

Der Zusammenhang von Theologie und Sprache verdankt sich eben nicht nur historischen Grundlagen und Voraussetzungen; er wurzelt vielmehr in der Zentralmetapher vom Wort Gottes als einem geschichtlichen Ereignis in Vergangenheit und Gegenwart. Sprache und Geschichte gehören unter dem Aspekt der Genese wie der gegenwärtigen Verantwortung des Christentums zusammen. Darum ist einerseits das Sprachenlernen im Theologiestudium unerlässlich; andererseits lässt es sich nur zielgerecht durchführen, wenn die Sachorientierung auf das religiöse Zentrum stets und von Anfang an vorgenommen wird. Wir sehen mit Freude, dass dieser Impuls auch dem neuen Buch von Ingolf U. Dalferth „Wirkendes Wort. Bibel, Schrift und Evangelium im Leben der Kirche und im Denken der Theologie“, Leipzig 2018, zugrundeliegt.

Das Augenmerk auf diesen Zusammenhang von Theologie und Sprache zu richten, ist die Absicht dieses Bändchens. Es möchte damit in die gegenwärtig neu aufflammende Debatte über die alten Sprachen im Studium der evangelischen Theologie eingreifen und dabei den Gesichtspunkt der theologischen Verantwortung für das Spracherlernen als ceterum censeo einschärfen.

Die Texte dieser Veröffentlichung sind einem informellen Kreis entsprungen, in dem sich Kolleginnen und Kollegen aus allen klassischen Disziplinen der evangelischen Theologie an den Universitäten mit Vertretern von Kirchenleitungen zusammengefunden haben und der sich im Frühjahr 2017 und 2018 in Leipzig getroffen hat. In unseren Gesprächen über das Verhältnis zwischen modularisiertem Studium, seiner theologischen Konzentration und seinen kirchlichen Praxisanforderungen sind wir alsbald auf die Schlüsselfunktion der „Sprachenfrage“ gestoßen. Darum haben wir uns zunächst hierauf besonnen und legen unsere Erwägungen und Vorschläge an dieser Stelle vor. Wir hoffen, dass sie aufgrund ihrer interdisziplinären Anlage ebenso wie durch ihre fachspezifischen Argumentationen die Debatte in theologischen Fakultäten und Landeskirchen sowie in den zwischen beiden vermittelnden Gremien, auch im Verbund mit Universitätsplanern, bereichern können.

Mit einer vernünftigen und sachgerechten Einrichtung des Spracherwerbs wird ein entscheidender Schritt zum Gesamtverständnis der evangelischen Theologie in der Gegenwart getan. Wenn er gelingt, wird daraus auch eine Liebe zur Sprache, nicht nur in Gestalt der klassischen antiken Sprachen, erwachsen, die ein Spiegel der Liebe zu Gott ist.

Herzlich danken wir den Autorinnen und Autoren der Beiträge und den Mitwirkenden an unseren Leipziger Gesprächsrunden, insbesondere Frau Dr. Annette Weidhas, ohne deren Unterstützung unser Kreis nicht zusammengefunden hätte und die nun auch für die Publikation gesorgt hat.

Kassel und Kiel, im September 2018

Dietrich Korsch und Johannes Schilling

INHALT

Titel

Impressum

Vorwort

Johannes Schilling

Sprachen – Schrein für das Kleinod des Evangeliums

Ein historischer Spaziergang

Dietrich Korsch

Das Wort Gottes und die Sprachen der Bibel

Eine systematische Besinnung

Martin Arneth

Hebräisch

Ein Semester im Studium der evangelischen Theologie

Ulrike Rosin

Klassisches Griechisch

Schlüssel zum tieferen Verständnis neutestamentlicher Texte

Christfried Böttrich

Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Sprachen lernen im gestaffelten System

Bernhard Dressler

Die „alten Sprachen“

Welche Kenntnisse sind für evangelische Religionslehrkräfte erforderlich?

Endnoten

Mitarbeiterverzeichnis

Weitere Bücher

JOHANNES SCHILLING

SPRACHEN – SCHREIN FÜR DAS KLEINOD DES EVANGELIUMS

EIN HISTORISCHER SPAZIERGANG

Die Sprachen sind die Scheiden,
in denen das Messer des Geistes steckt.

I

Der Kirchenhistoriker sieht sich in der Debatte über Wert und Bedeutung der Sprachen für das Studium der Theologie in der Pflicht und vor der Aufgabe zu prüfen, wie es „die Alten“ mit den Sprachen gehalten und welche Begründungen sie für das Erlernen des Hebräischen, Griechischen und Lateinischen für das Studium der Theologie gegeben haben. Martin Luthers emphatisches Eintreten für das Studium der Sprachen ist bekannt. Aber wie steht es mit anderen Theologen? Und welche Bedeutung haben Studienordnungen und Studienpläne früherer Zeiten den Sprachen gegeben?

Die folgenden Ausführungen sind eine Blütenlese, nicht das Ergebnis einer systematischen Durchsicht von Einführungen und Anleitungen zum Theologiestudium oder den Diskussionen zur Reform des Theologiestudiums seit den 1970er Jahren. Trotz ihrer Unvollständigkeit vermögen sie zu zeigen, dass die „Sprachenfrage“ seit Jahrhunderten ein Thema der Theologie und der Theologenausbildung ist und wie frühere Theologen ihre Realitäten wahrgenommen und mit ihren Erwägungen und Argumenten beantwortet haben.

II

In den Auseinandersetzungen über die jüdischen Schriften, dem „Judenbücherstreit“, der durch den jüdischen Konvertiten Johannes Pfefferkorn ausgelöst wurde und in den Jahren vor der Reformation eine breite Öffentlichkeit der damaligen Intellektuellen erreichte und beschäftigte, trat Johannes Reuchlin (1455–1522), der Humanist aus Pforzheim, nicht nur für die Erhaltung der jüdischen Schriften ein, sondern auch für das Studium der Sprachen. In seinem Gutachten an Kaiser Maximilian I. plädierte er in der aktuellen Kontroverse für das Studium der Kommentarliteratur zum Verständnis der Heiligen Schrift und erklärte, dass entsprechend dem kanonischen Recht der „Glaubensinhalt der Bücher des Alten Testaments aus dem hebräischen Text erfasst werden müsse.“ Zu diesem Zweck sei auch die Kenntnis und Auswertung jüdischer Kommentarliteratur erforderlich. Denn:

„Derartige Kommentare darf und kann die christliche Kirche nicht aus der Hand geben, denn sie halten die ursprüngliche hebräische Sprache in Übung, auf die die Heilige Schrift, besonders für das Alte Testament, nicht verzichten kann; genausowenig, wie wir die griechische Sprache und ihre Grammatiken und Kommentare für das Neue Testament entbehren können und dürfen, wie der eben zitierte kanonische Rechtssatz Ut veterum erweist.“

Und dann bemerkt Reuchlin, gleichsam en passant:

„Bei dieser Gelegenheit möchte ich mir erlauben, mit aller gebotenen Zurückhaltung darauf hinzuweisen, daß man in unserem christlichen Glauben sehr viele Gelehrte findet, die aus Unkenntnis dieser beiden Sprachen die Heilige Schrift nicht richtig erklären und deswegen sehr oft zum Gespött werden.“

Deshalb solle man das Gespräch mit den Muttersprachlern suchen und ihre Auslegungen in Ehren halten,

„als Quellen, aus denen uns der wahre Sinn der Sprache und das Verständnis der Heiligen Schrift zufließt. Deshalb sagt das kanonische Recht: ‚Viele von den Unseren haben vieles gesagt, das sich gegenseitig widerspricht. Darum sind wir genötigt und gezwungen, zu den Juden zu gehen und das wahre Wissen weit richtiger an der Quelle als an den Abflüssen zu suchen‘.“1

III

Keine Debatte über die Bedeutung der Sprachen kommt an Erasmus von Rotterdam (gest. 1536) vorbei. In seiner Ratio seu methodus compendio perveniendi ad veram theologiam von 1518, die, in knapperer Form, zuerst als eine der Vorreden zu seiner Ausgabe des griechischen Neuen Testaments 1516 2 erschienen war, erklärte Erasmus mit Rekurs auf Augustins Schrift De doctrina christiana:

Nam ut omnes ceteras humanas disciplinas negligamus, nulla ratione fieri potest, ut intelligas quod scriptum est, si sermonis, quo scriptum est, fueris ignarus. 3 – Um von allen übrigen gelehrten Wissenschaften erst gar nicht zu reden – du kannst auf gar keinen Fall verstehen, was geschrieben ist, wenn du die Sprache, in der es geschrieben ist, nicht beherrschst.

Das ist die Grundvoraussetzung und der Grundsatz, der nicht nur für das Studium der Theologie gilt: Ohne Kenntnis der Sprache gibt es kein Verstehen. Daraus folgt, dass man die Sprache der Texte, die man verstehen will, erlernen muss.

IV

Zu den Quellen, ad fontes, wollten dann auch die Wittenberger Reformatoren gehen. In der Universitätsreform 1517/18 wurden sieben neue Lehrstühle eingerichtet, von denen auf Dauer zwei erhalten blieben: die Professuren für Hebräisch und Griechisch. Sie sollten neben der Erschließung der Heiligen Schrift auch der eloquentia als Erziehungs- und Bildungsziel dienen. Die theologischen Vorlesungen richteten sich nach der Wittenberger Universitätsreform auf das Studium der biblischen Bücher: Über den Römerbrief lasen Luther 1515/16, Melanchthon 1520/21, 1529 und 1532, Justus Jonas 1523 und Johannes Bugenhagen 1525. Den Psalter legte Luther – nach einer ersten Vorlesung 1513/14–1520/21 und zwischen 1532 und 1535 aus, Bugenhagen 1521–1523 und 1524 und Justus Jonas 1529. Spracherwerb und Bibelstudium sollten Hand in Hand gehen.4

Programmatisch hat den Rekurs auf die Quellen der junge Philipp Melanchthon in seiner Wittenberger Antrittsrede am 28. August 1518 deutlich gemacht.5 Die Theologie verlangt seiner Ansicht nach „tatsächlich ein Höchstmaß an Denkfähigkeit, intensiver Beschäftigung und Sorgfalt“6. Um dieses Ziel zu erreichen, forderte Melanchthon im Hinblick auf die Sprachen:

„Da die theologischen Schriften teils in Hebräisch, teils in Griechisch verfasst sind – denn wir Lateiner haben nicht mehr getan, als die Bäche jener Völker begierig einzusaugen –, müssen wir fremde Sprachen lernen, damit wir nicht gleichsam wie taubstumme Masken den Theologen gegenübertreten. Erst anhand der Originaltexte werden sich uns die Worte in ihrem Glanz und in ihrer eigentlichen Bedeutung erschließen, und gleichsam wie im strahlenden Licht der Mittagssonne wird sich uns der wahre und eigentliche Sinn des Buchstabens, nach dem wir auf der Suche waren, offenbaren. Sobald wir zum Verständnis des Buchstabens vorgedrungen sind, werden wir ein sicheres Beweismittel für die Dinge, um die es sich tatsächlich handelt, an die Hand bekommen. Jetzt werden sich davonmachen zahlreiche fade, nichtssagende Erklärungen zu Textstellen, Konkordanzen, Diskordanzen und was es sonst noch an Hindernissen gibt, die den Geist hemmen. Und wenn wir unseren forschenden Geist ganz auf die Quellen gerichtet haben, werden wir anfangen, Christus zu begreifen, sein Auftrag wird uns klar werden, und wir werden von jener beglückenden Süße göttlicher Weisheit ganz erfüllt werden.“7

Die Einrichtung der Professur für Griechisch – der zweiten nach der Leipziger – war ein Ausweis für die humanistische Ausrichtung und damit für die Modernität der jungen Wittenberger Universität.8 An Homer und am Brief des Paulus an Titus, so wendet sich Melanchthon an seine Hörer,

„werdet ihr erleben können, wie viel der originale Wortlaut zum Verstehen der Geheimnisse des Heiligen beiträgt. Ebenso könnt ihr erleben, welcher Unterschied besteht zwischen Auslegern, die des Griechischen kundig sind, und solchen, die von Griechisch nichts verstehen.“9

Die Kenntnis der Sprachen ist dabei eingebettet in einen umfassenden Bildungsprozess, der in der Aufforderung sapere aude gipfelt:

„Wagt, eure Verstandeskräfte einzusetzen, haltet die alten lateinischen Autoren in Ehren, schließt das Griechische in euer Herz, ohne das man das Lateinische nicht sachgemäß betreiben kann. Diese Sprachen werden im Vergleich zum Nutzen aller Wissenschaften die geistigen Anlagen sanfter fordern und euch allseitig zu einer feineren Bildung verhelfen.“10

Melanchthons Antrittsrede war in diesem Jahr 1518 kein Einzelfall – im gleichen Monat August wurde in Leipzig die Antrittsvorlesung des Humanisten Petrus Mosellanus über die Bedeutung der Sprachen, insbesondere des Griechischen, bei Valentin Schumann im Druck veröffentlicht.11

V

Luthers bekannteste und vielleicht wirkmächtigste Ausführungen über die Bedeutung der Sprachen finden sich in seiner Schrift An die Ratsherren aller Städte deutsches Landes, dass sie christliche Schulen einrichten und erhalten sollen.12 Seine Argumente lassen sich ungefähr wie folgt zusammenfassen:

1. Sprachen sind kein Luxus, sondern nötig zum Verständnis der Heiligen Schrift.13

2. Sie sind ein Mittel gegen den Teufel und den Antichrist.14

3. Auch wenn das Evangelium durch den Geist zu den Menschen kommt, hat Gott sein Wort doch an die Sprache gebunden und zuerst in hebräischer und griechischer Sprache ergehen lassen.15

4. Die Sprachen sind darum die Scheiden, in denen das Messer des Geistes steckt:

„Wir wollen uns das gesagt sein lassen: Ohne die Sprachen werden wir das Evangelium kaum bewahren können. Die Sprachen sind die Scheiden, in denen dieses Messer des Geistes steckt. Sie sind der Schrein, in den man dieses Kleinod legt. Sie sind das Gefäß, in dem man diesen Trank aufbewahrt. […] Würden wir das übersehen und – was Gott verhüten möge – die Sprachen aufgeben, würden wir nicht nur das Evangelium verlieren, sondern es würde so weit kommen, dass wir weder lateinisch noch deutsch richtig reden oder schreiben könnten. […] Darum ist es klar: Wenn die Sprachen nicht erhalten werden, muss zuletzt auch das Evangelium untergehen.“16

5. Die Sprachen sind auch ein Kriterium für rechte bzw. falsche Verkündigung und Lehre.

6. Ohne Kenntnis der Sprachen kann es keine Gewissheit geben.

7. Zwischen einfachen Predigern („schlichter prediger des Glaubens“) und „Auslegern der Schrift“ bzw. „Propheten“ ist zu unterscheiden.

„Ein schlichter Prediger – das ist wohl wahr – hat aus den Übersetzungen so viele klare Aussagen und Textstellen, dass er Christus verstehen und lehren, heilig leben und anderen predigen kann. Aber die Schrift auslegen, sie eigenständig behandeln und gegen die zu streiten, die sie irrig anführen, das vermag er nicht; das lässt sich ohne Sprachkenntnisse nicht bewältigen. Nun braucht man in der Christenheit solche Propheten, die sich mit der Schrift beschäftigen, die sie auslegen und auch in der Lage sind zu streiten. Es genügt nicht, heilig zu leben und richtig zu lehren. Darum sind die Sprachkenntnisse in der Christenheit unbedingt und unter allen Umständen notwendig, ebenso wie die Propheten oder Schriftausleger. Freilich muss nicht jeder Christ oder Prediger ein solcher Prophet sein, wie Paulus in 1Kor 12 und Eph 4 sagt.“17

8. Im Studium soll man sich nicht mit Kommentaren beschäftigen, sondern Sprachunterricht betreiben. Missverständnisse der alten Theologen liegen an deren mangelnden Sprachkenntnissen: „Nichts Klareres als Gottes Wort wäre je gesagt worden – wenn wir denn die Sprachen beherrschten.“18 Denn die Sprache selbst verhält sich zu den Kommentaren der Väter wie die Sonne zum Schatten.19

9. Sprachkenntnisse ermöglichen ein Urteil über die Lehre.

„Denn der prediger oder lerer mag wol die Biblia durch vnd durch lesen / wie er will / er treffe oder feyle [irre] / wenn niemand da ist / der da vrteyle / ob ers recht mache odder nicht. Soll man denn vrteylen / so mus kunst der sprachen da seyn / sonst ists verloren.“20

10. Die Sprachen sind, nicht nur für das Studium der Theologie, wie frisches Wasser.

11. Die Berufung auf den Geist soll einen im Erlernen und im Gebrauch der Sprachen nicht irre machen: Der Geist allein führe nicht zur Erkenntnis der Schrift, und auch er, Luther, selbst wäre nicht ans Ziel gelangt, „wenn mir nicht die Sprachen geholfen und mich über den Sinn der Schrift sicher und gewiss gemacht hätten“.21

Denn darauf kommt es, auch und gerade für den Theologiestudenten und den Theologen, an: Gewissheit zu erlangen, in der Sache und im Glauben. Luthers grundlegende Überlegungen zum Studium der Theologie finden dann 1539 in der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften22 Ausdruck: Dort handelt er davon, dass man durch Gebet, „Meditieren“ und durch Anfechtung zum Theologen werde.23

VI

In der nachreformatorischen Zeit differenzieren sich die Aufgaben der Sprachlehrer und der Professoren der Theologie.24 In einer Rede über das Theologiestudium in Wittenberg macht Jakob Andreä (1528–1590) den Sprachlehrern zur Aufgabe, sie sollten darauf achten, dass die Theologiestudenten das (eigentliche) Studium der Theologie nicht ohne eine gewisse Kenntnis der Grammatik der griechischen und hebräischen Sprache aufnehmen.25 Und die Ratio studiorum der Jesuiten von 1599 sieht wenigstens ein Jahr für das Erlernen des Griechischen vor. Zwar bleibt die Vulgata die Norm, die in dubio gilt; die hebräischen und griechischen Texte dienen nur als zusätzliche Erklärungen. Theologiestudenten sollen sich ebenfalls ein Jahr lang mit dem Hebräischen beschäftigen; minder begabte Studenten können davon befreit werden. Insgesamt bleiben die exegetischen Fächer der Scholastik und damit der Lehre des Thomas von Aquin nachgeordnet.26

Ein paar Jahre später unterscheidet der Wittenberger Professor Johann Hülsemann (1602–1661) in seiner Methodus studii theologici (1635) zwei Bildungsstufen innerhalb der Theologenschaft27: das genus ecclesiasticum und den concionator und das genus scholasticum und den professor. Für den concionator28