Renate Klein

Jakob

Wie Gott auf krummen Linien gerade schreibt

Renate Andrea Klein, Jahrgang 1969, Promotion 2002 in Hamburg, lebt in Făgăraş/Rumänien und ist zur Zeit als Lektorin für Altes Testament am Departement für Geschichte, Kulturerbe und Protestantische Theologie der Lucian-Blaga-Universität Sibiu tätig.

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2., korr. Auflage 2019

© 2007 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Umschlaggestaltung: behnelux gestaltung, Halle/Saale

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-374-06041-2

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

AEINFÜHRUNG

1. Jakob – Wie wird ein Betrüger zu »Israel«?

2. Jakob – (Wer) war er wirklich?

BDARSTELLUNG

1. Von Jakobs Vorfahren

2. Die Jakobserzählungen

2.1. Jakob und Esau I

2.1.1. Die Zwillinge (1. Mose 25,19–28)

2.1.2. Die Erstgeburt (1. Mose 25,29–34)

2.1.3. Der Segen (1. Mose 26,34–28,9)

2.1.4. Die »Himmelsleiter« in Bet-El (1. Mose 28,10–22)

2.2. Jakob und Laban I

2.2.1. Ankunft und Aufnahme in Mesopotamien (1. Mose 29,1–14)

2.2.2. Dienst und Lohn: Die Hochzeiten (1. Mose 29,15–30)

2.3. Jakobs Frauen: Der Geburtenwettstreit (1. Mose 29,31–30,24)

2.4. Jakob und Laban II

2.4.1. Jakobs Hirtendienst bei Laban (1. Mose 30,25-43)

2.4.2. Jakobs Flucht und Auseinandersetzung mit Laban (1. Mose 31,1-32,1)

2.5. Jakob und Esau II

2.5.1. Vorbereitung auf die Begegnung mit Esau (1. Mose 32,2-22)

2.5.2. Der Kampf am Jabbok (1. Mose 32,23-33)

2.5.3. Die Begegnung der Brüder (1. Mose 33,1-19)

2.5.4. Letzte Gotteserscheinung in Bet-El (1. Mose 35,1-15)

2.5.5. Auf dem Weg nach Hause (1. Mose 35,16-27)

3. Von Jakobs Nachkommen, dem Segen und dem Ende des Patriarchen

4. Erwägungen zum Entstehungshintergrund der Jakobserzählungen

5. Warum Jakob zu Israel wurde

CWIRKUNG

1. Jakob in der Bibel außerhalb des ersten Mosebuches

2. Jakob in Midrasch und Talmud

3. Jakob bei den Kirchenvätern

4. Jakob im Koran

5. »Die Geschichten Jaakobs«

6. Jakob und die Seinen – Menschen wie du und ich

DVERZEICHNISSE

1. Literaturverzeichnis

Quellen

Hilfsmittel

Sekundärliteratur

Literatur zur Wirkung

2. Abbildungsverzeichnis

Endnoten

Weitere Bücher

A EINFÜHRUNG

1. JAKOB – WIE WIRD EIN BETRÜGER ZU »ISRAEL«?

Noah, Abraham, Mose, Daniel, Jona, Zachäus, der verlorene Sohn und der barmherzige Samariter gehören zu den meistbesungenen Gestalten der christlichen Kinderliedliteratur. Über Jakob kann man das nicht in gleichem Maße behaupten. Liegt es daran, dass seine Taten so wenig lehrreich sind für Kinder? Natürlich ist Jakobs Betrug an dem Bruder und an dem blinden Vater nach unserer gängigen Moralvorstellung nicht gerade vorbildhaft, aber ist denn der verachtete Zöllner Zachäus besser, von dem Fritz Baltruweit singt: »klein und gemein, wie könnt’ es anders sein?«1, oder aber der widerspenstige Prophet Jona, der Gottes Auftrag mit Verspätung ausführt und ihm am Ende trotzig vorwirft, er sei so gnädig? Warum werden diese Figuren besungen, Jakob hingegen kaum? Denn langweilig sind die Geschichten über ihn keineswegs. Sie faszinieren Kleine und Große gleichermaßen. Die Erzählung vom Segensbetrug (1. Mose 27) z. B. schlägt den Leser oder Hörer in ihren Bann. Jede und jeder weiß, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, aber alle fiebern mit Jakob mit. Wird er erkannt oder nicht? Dann das erleichterte Aufatmen, als er gesegnet wird, noch bevor sein Bruder von der Jagd kommt. Und wieder der Anstieg der Spannung, als von Esaus Mordgedanken die Rede ist (1. Mose 27,41). Krampfhaftes Daumendrücken, bis sich die Situation wieder entspannt. Man geht mit Jakob Schritt für Schritt mit, nach Mesopotamien und wieder zurück, zu den Stätten der Begegnung mit Gott, zum Wiedersehen mit dem Bruder.

Was sich während des Lesevorgangs abspielt, ist nicht die ehrfürchtige und vielleicht etwas wehmütige Betrachtung eines nie erreichbaren, weil perfekten Vorbildes. Es ist weitaus mehr. Hier identifiziert sich jeder Einzelne mit dem Haupthelden. Er geht mit. Mit dem Betrüger! Aber er ist in guter Gesellschaft. Es gibt noch einen, der mitgeht: Gott. Dieser prophezeite schon vor der Geburt der Zwillingsbrüder, wie die Geschichte ausgehen würde (1. Mose 25,23). Gott ist dabei, von Anfang an. Manchmal nur als stiller Beobachter der Taten seines Schutzbefohlenen. In Zeiten der Not zeigt er sich Jakob persönlich und verheißt ihm sein Geleit, so z. B. in der nächtlichen Vision von der »Himmelsleiter« (1. Mose 28,10 ff.). Er bestätigt Jakobs trickreiche, aber wirksame Methoden der Viehvermehrung durch die Erscheinung eines Engels (1. Mose 31,11 f.). Er hält Laban davon ab, Jakob etwas Böses anzutun (1. Mose 31,24) und verhindert Jakobs Verfolgung durch die von seinen Söhnen betrogenen Bewohner von Sichem (1. Mose 35,5).

Er, Gott, greift Jakob aber auch an. Die Geschichte von der Begegnung an der Furt des Jabbok (1. Mose 32,23ff.) in der Nacht ist eine geheimnisvolle und verworrene Geschichte. Eines aber wird deutlich: Jakob erringt sich in diesem Kampf den göttlichen Segen. Und er erhält noch dazu den Namen Israel (1. Mose 32,29).

Weder dem gerechten (vgl. 1. Mose 15,6) und gottesfürchtigen (vgl. 1. Mose 22,12) Abraham noch dem vollkommenen und tadellosen Noah (vgl. 1. Mose 6,9) und auch sonst keiner der vorbildhaften Gestalten der Bibel wird die Ehre zuteil, Identifikationsfigur für Israel zu sein, sondern ausgerechnet ihm, Jakob, dem Muttersöhnchen, dem Betrüger des Vaters und Bruders, dem von seinem Onkel Betrogenen, dem Flüchtling, dem »Gottesstreiter«, der die ganze Bandbreite von Lebensabenteuern durchgemacht hat.

Abb. 1: Jacob Epstein: Jacob and the Angel (1940)

In der heutigen Gesellschaft »sind es die meisten Menschen nicht gewohnt, Kulturhelden zu verherrlichen, die tricksen und sogar lügen, um weiterzukommen. Diese Geschichten können jedoch Menschen zu solchem Verhalten ermächtigen, die spüren, dass sie rettungslos verloren sind, wenn sie sich an die Spielregeln ihres sozialen Kontextes halten. Ob es sich um die Ureinwohner Amerikas handelt oder um die alten Israeliten – unterdrückte Völker schöpfen ihre Kraft aus der Verherrlichung von Ahnen, die sich in der Welt behauptet haben, weil sie clever genug waren, in aussichtslosen Situationen eine Lösung zu finden.«2

Jakob ist eine komplexe Gestalt. Gerade seine vielfältigen, manchmal sogar gegensätzlichen Eigenschaften machen ihn aber zur perfekten Identifikationsfigur. Jede und jeder kann einen Punkt an der Gestalt oder in den Geschichten Jakobs finden, an dem sie/er mit dem Erzvater übereinstimmt. Ein sympathischer Schelm ist dieser Jakob, pfiffig und bemitleidenswert, vorschnell und mutig, ein Mensch mit großen Stärken und genauso großen Schwächen, einer, mit dem wir uns identifizieren können, gerade weil er nicht das makellose Vorbild ist. Gott steht trotzdem – oder gerade darum? – auf seiner Seite.

Das ist der Grund, warum die Geschichten Jakobs so fesseln. Sie sind witzig und ernst zugleich. Sie zeigen den Menschen Jakob und seinen göttlichen Begleiter gemeinsam einen Weg gehen. Es gibt nicht Vieles, was tröstlicher sein könnte als das, was uns die biblischen Jakobserzählungen vermitteln, dass nämlich nicht die Vollkommenheit vor Gott zählt. Der mit allen Wassern gewaschene Jakob wird »Israel«, der eigentliche »Vater« des Volkes. Seine Geschichte ist weit mehr als nur ein Bindeglied zwischen dem so hoch gepriesenen Abraham und dem bekannten und allseits beliebten Josef. Sie ist gleichzeitig die Geschichte des Segens, eines heiß umkämpften, kostbaren Gutes, das errungen, erschlichen, gestohlen werden kann, aber erst wirksam wird, wenn Gott selbst das Spiel der Segnenden und Gesegneten in die Hand nimmt.

2. JAKOB – (WER) WAR ER WIRKLICH?

Ist Jakob eine historisch greifbare Gestalt oder »nur« ein Produkt imaginativen literarischen Schreibens? Die Bibel, vornehmlich das 1. Buch Mose, führt uns eine Familiengeschichte vor Augen, die die Handlungsfäden in vielfältiger Weise verknüpft, miteinander verstrickt und wieder entwirrt. Es ist eine spannende Geschichte, die Merkmale literarischer Erzählkunst in sich birgt. Es ist eine Geschichte, die sich jederzeit und überall abspielen könnte. Immer gibt es Kinder, die die Schwächen ihrer Eltern ausnutzen. Immer gibt es Mütter und Väter, denen eines ihrer Kinder besonders ans Herz gewachsen ist. Nie wird es an Streitigkeiten und Machtkämpfen zwischen Brüdern und Schwestern mangeln. Jakob und Esau, Isaak und Rebekka, Laban und seine Töchter bilden keine Ausnahme, und ihre Geschichten sind insofern auch nicht einzigartig und besonders. Aus dieser »wahren«, weil allgemein gültigen Familiengeschichte3 lässt sich allerdings noch nicht auf die historisch überprüfbare Existenz Jakobs und der Seinen schließen. Bislang wurden weder Sandalen des Erzvaters noch Teile seines Nomadenzeltes ausgegraben. Auch ist keine Inschrift gefunden worden, die etwa über Jakobs Aufenthalte in Bet-El und seine göttlichen Visionen an dem Ort berichten würde. Und seine Fußspuren auf dem Weg von dem väterlichen Zeltlager nach Mesopotamien und zurück, nach Sichem und später nach Ägypten sind alle längst vom Wind verweht worden.

Weder Jakob noch Laban, weder Esau noch Lea, weder Rahel noch Isaak oder Rebekka sind historisch als Einzelpersonen dingfest zu machen. Dennoch befasst sich die historische Forschung auch mit diesen Gestalten und zwar vornehmlich in zwei Dimensionen. Auf der einen Seite geht es darum, Argumente für die Historizität der Väter und Mütter Israels zu finden. Auf der anderen Seite wird der historische Kontext beschrieben und die Übereinstimmung der Väter- und Müttererzählungen mit diesem Kontext überprüft. Dabei wird auf der Suche nach neuen Quellen über den biblischen Tellerrand hinausgeblickt.4

Für die Historizität der Väter und Mütter Israels werden verschiedene Argumente ins Feld geführt. Zunächst spielen die Namen der Väter eine Rolle. Sie gehören zu den im 2. Jt. v. Chr. gemein altorientalischen Personennamentypen (Jakob etwa in der Form Jakub-El oder Jahkub-El mit der Bedeutung »Gott möge schützen«/»Gott schützt«). I. Knohl hat auf das Toponym Yaʿkub’ilu aufmerksam gemacht, das in ägyptischen Listen aus dem 13. Jh. v. Chr. auftaucht und in einer von ihnen zwischen Namen steht, die das Element q-ś enthalten, das mit der edomitischen Gottheit Qaus in Verbindung gebracht wird. Es könnte sich daraus die Herkunft einer Jakobssippe, aus der später »Israel« entstanden ist, aus dem edomitischen Gebiet herleiten.5

Für die Historizität mindestens verschiedener Gruppen, wenn nicht einzelner Individuen, werden auch die ungewöhnlichen Gottesbezeichnungen in den Familiengeschichten des 1. Buches Mose ins Feld geführt. Aus dem »Starken Jakobs« in 1. Mose 49,24 oder dem »Schrecken Isaaks« in 1. Mose 31,54 haben sich im Laufe der Zeit unterschiedlich ausgeprägte Theorien über die Religion der Väter und deren Einfluss auf die Entstehung Israels selbst und sogar der Überlieferungsgeschichte seiner Geschichten entwickelt.6 So wird z. B. angenommen, dass verschiedene Nomadenstämme mit jeweils unterschiedlichen Gottheiten sich im Zuge ihrer Sesshaftwerdung im Kulturland nicht nur personenmäßig vereinigten, sondern auch ihre mitgebrachten Götter, Geschichten und Traditionen miteinander verwoben. Zu den Jakob-Israel-Geschichten, deren Haftpunkte die auf nordisraelitischem Territorium liegenden Orte Bet-El, Sichem, Machanaim und Penuel sind, gesellten sich im Laufe der Zeit judäische Überlieferungen aus Hebron und Mamre. Mit der Vereinigung der Geschichten geschah auch die Vereinigung der unterschiedlichen Stammesgötter zum »Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs«.

Für das bessere Verständnis der Väter- und Müttererzählungen der Bibel wird der altorientalische Kontext des 2. Jt.s v. Chr., also der angenommenen erzählten Zeit, beschrieben, um mögliche Parallelen oder Übereinstimmungen aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang wird z. B. das Nomadisieren der Erzväter versuchsweise historisch gedeutet und mit dem Rückgang der städtischen Besiedlung im Kulturland im 2. Jt. v. Chr. in Verbindung gebracht.

Dokumente aus den altorientalischen Archiven Mari in Syrien und Nuzi im Nordosten des heutigen Irak enthalten wertvolle Hinweise auf verschiedene Gesellschafts- und Rechtsbräuche, wie sie in der einen oder anderen Form auch für die biblischen Erzählungen von Bedeutung sein können. So ist z. B. aus Nuzi das Phänomen der Leihmutterschaft bekannt. Eine unfruchtbare Frau konnte ihrem Mann eine Sklavin zuführen, damit sie ihm Kinder gebären solle. Das tut in der biblischen Erzählung die unfruchtbare Rahel mit ihrer Magd Bilha (1. Mose 30,3). Ebenso verfährt Lea mit Silpa, als sie sieht, dass sich nach einigen Kindern nun eine Gebärpause eingestellt hat (30,9). Auch Hirtenverträge, ähnlich jenen, die Jakob mit Laban abschließt, finden sich in den altorientalischen Archiven. Die Funktion der Erstgeburt in Bezug auf das Erbschaftsrecht ist ebenfalls nicht nur ein biblisches Problem.7 Selbst Terafim, eben solche, wie sie Rahel von ihrem Vater stiehlt (1. Mose 31,19), gehören als Schutz bringende Figuren zum altorientalischen Haushaltsgerät.8

Neben Rechtsdokumenten werden zur Erhellung der Vätergeschichten auch altorientalische Mythen und Legenden herangezogen. Die Konfliktgeschichte zwischen Jakob und Esau wird etwa mit Geschichten über den Gegensatz und Kampf zwischen dem Natur- und dem Kulturmenschen verglichen. So z. B. sieht man in dem phönizischen Hypsoûranios, dem gesitteten Mann, Erfinder der Schilfrohrhütte und des Papyrus, und seinem Bruder Oûsoos, dem Jäger, eine Parallele zu Jakob, dem Zeltbewohner, und Esau, dem Jäger. Ebenso vergleicht man die Geschichten um Jakob und Esau mit dem babylonischen Gilgamesch-Epos, in dem der Kulturmensch Gilgamesch und der in der Steppe lebende haarige Enkidu einander gegenübergestellt werden.9

All diese Rechtstexte, Mythen, Etymologien der Namen der Väter vermögen bestimmte Sachverhalte mit einleuchtenden Argumenten zu erklären. Sie aber als Beweise für die Historizität der biblischen Väter und Mütter anzusehen, ist schwierig, nicht nur, weil die Handlungsträger der biblischen Vätergeschichten als Individuen archäologisch (noch?) nicht erfasst wurden, sondern weil es vielleicht gar nicht in der Absicht der Pentateucherzählungen liegt, historisch verifizierbare Geschichte zu schreiben. »Was die Bibel lehrt, ist Sicht des Glaubens. Sie entzieht sich dem Urteil des Historikers«, schreibt R. de Vaux.10 I. Finkelstein und N. A. Silberman sehen in den Erzvätertraditionen »eine Art frommer ›Vorgeschichte‹ Israels«.11 N. P. Lemche, der eine minimalistische Auffassung in Bezug auf die Geschichte Israels allgemein vertritt, also tendenziell sehr wenig als historisch gesichert ansieht, formuliert in Bezug auf die Vätergeschichten in aller Schärfe,

»daß es von Grund auf falsch ist, die Erzählungen des Pentateuch für geschichtliche Berichte [zu] halten. Sie sind vielmehr deutlich das Ergebnis literarischer Konstruktion, die nicht Geschichte nachzeichnen, sondern Literatur schaffen wollte«.12

Alle genannten Parallelen verleihen den Geschichten um Jakob plausibles altorientalisches Flair, jedoch lässt sich konkret weder aus den Mythen noch aus kultischen Bräuchen oder Rechtstexten des Alten Orients im 2. Jt. v. Chr. zu Jakob oder einem seiner Verwandten als Individuen etwas sagen. Es lässt sich lediglich festhalten, dass die Jakobsgeschichten nicht aus ihrem altorientalischen Rahmen fallen.

Heißt das nun, dass Jakob und seine Eltern, sein Bruder, sein Onkel, seine Frauen und Kinder keine Geschichtsträger, sondern »nur« Schöpfungen der freien Kreativität und Phantasie erzählerisch begabter Menschen sind? Gibt es nichts historisch Greifbares in den Jakobserzählungen des 1. Buches Mose?

Doch, hin und wieder bietet der Bibeltext selbst Hinweise auf historisch in gewissem Maße verwertbare Fakten, so etwa die Gleichsetzung Esaus mit Edom (1. Mose 25,30), dem Israel im Laufe der Geschichte immer wieder feindlich gesinnten Nachbarvolk. Auf weitere mögliche historische Haftpunkte wird bei der Darstellung (B) der Erzählungen am entsprechenden Ort Bezug genommen. Man wird allerdings bei einer fortlaufenden und aufmerksamen Lektüre der Jakobserzählungen merken, dass die historischen Bruchstücke nicht im Vordergrund der Erzählung stehen. »Das, was da erzählt wird, ist nicht die Geschichte, wie sie faktisch geschah […] Es ist das Bild, das sich dieses Volk selbst von seiner Geschichte gemacht hat […].«13

Was ist historisch an den Jakobserzählungen? Wer war Jakob also wirklich?

Wer das konkrete Individuum Jakob war, ist nicht auszumachen. In der Familiengeschichte der Bibel ist er wohl am ehesten als literarische Gestalt greifbar. Trotzdem haftet ihm eine gewisse Historizität dadurch an, dass er als Ursprung Israels, ja als Israel selbst dargestellt wird. »[…] die Wahrheit des Erzählten liegt offensichtlich jenseits der Frage dessen, was an Gewesenem in der Gegenwart präsent gehalten werden soll.«14 Erzählte Geschichte will »nicht in erster Linie die Vergangenheit abbilden, sondern die Zukunft verändern.«15 In diesem Sinne »historisch« ist also die Tatsache, dass Israel diese Gestalt zum »Vater« gemacht hat. Anders gesagt: Der literarische Jakob ist für Israel zur Identifikationsfigur und somit zu einer historischen Gestalt geworden.16 Dieser Figur und ihren Geschichte schreibenden Geschichten gilt es, auf der literarischen Ebene des Bibeltextes nachzugehen.

B DARSTELLUNG

1. VON JAKOBS VORFAHREN

Um die Protagonisten der Jakobserzählung innerhalb ihrer Familienstruktur besser kennen zu lernen und auch um ihre Handlungen und Erlebnisse besser zu verstehen, ist eine summarische Betrachtung der Geschichten der Vorfahren Jakobs nützlich.

Mit Abram, dem Sohn Terachs (1. Mose 11,27) und »Großvater« Jakobs beginnt die Familiengeschichte im 1. Mosebuch, und zwar gleich mit Komplikationen, denn Abrams Frau Sarai »war unfruchtbar und hatte kein Kind« (1. Mose 11,30). Diese kurze Bemerkung deutet schon auf die sich in jeder Generation wiederholende Gefährdung des Familienbestandes hin. Beinahe ironisch mutet kurz darauf die Verheißung Gottes an:

»Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und will dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein! Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verwünschen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden« (1. Mose 12,2f.).

Wie soll sich das aber erfüllen, wenn nicht einmal ein einziges Kind da ist? Auch in dieser, gemessen an der Situation, übertrieben scheinenden Verheißung stecken für die gesamte Familiengeschichte programmatische Gedanken. Da ist zunächst festzuhalten, dass es ein Gotteswort ist, dass also hier jemand mitspielt, dessen Gedanken, Worte und Werke über das vom Menschenverstand Fassbare hinausgehen. Es wird sich in der Gesamterzählung immer wieder zeigen, dass Gott in kritischen Situationen eingreift und Geschicke zu wenden vermag. Zum anderen enthält die Verheißung gleich viermal das Wort, das diese Geschichten durchwegs prägt und in der Jakobserzählung dann die eigentliche Hauptrolle spielt: Segen. Gefährdungen, Gottes Auftritte und der alles bestimmende Segen verleihen der Familiengeschichte von Anfang an Spannung.

Kaum spricht Gott die Verheißung von dem großen Volk aus, gefährdet eine Hungersnot das Leben der Familienmitglieder (1. Mose 12,10). Durch die Reise in das davon nicht betroffene Ägypten wird diese Gefahr zwar gebannt, aber der Zusammenhalt der Familie ist bedroht, denn Abram gibt Sarai als seine Schwester aus, der Pharao persönlich findet Gefallen an ihr und nimmt sie in sein Haus (1. Mose 12,15). Durch Gottes Eingreifen wird die Familie wieder zusammengeführt.

Es ergeht eine neue Verheißung an Abram. Nachkommen verspricht Gott dem Zweifel vorbringenden Mann, so zahlreich wie die Sterne am Himmel (1. Mose 15,5). Die Realität sieht aber anders aus, denn »Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind« (1. Mose 16,1). Wenn Gott nicht dafür sorgt, seine eigene Verheißung zu erfüllen, dann müssen die Menschen nachhelfen. Sarai probiert es, wie es später auch Rahel und Lea tun werden, mit einer Leihmutter (1. Mose 16,3). Das Ergebnis des Experiments lässt sich sehen: Die ägyptische Magd Hagar wird schwanger (1. Mose 16,4). Doch Hagars Überheblichkeit und Sarais Neid gefährden den Hausfrieden. Hagar flieht (1. Mose 16,6). Sie gebärt Ismael (1. Mose 16,15). Sicher, es ist Abrams Sohn, und Gott bedenkt auch ihn mit Segen (1. Mose 17,20), aber der rechte Sohn soll erst noch geboren werden, von der rechten Frau (1. Mose 17,16). Den Ernst dieser Verheißung und das zu entstehende Neue in dieser Familie unterstreichen auch die Namensänderungen der Eltern. Aus Abram wird Abraham, ein »Vater vieler Völker« (1. Mose 17,5), und aus Sarai wird Sara, was so viel wie »Fürstin« bedeutet (1. Mose 17,15). Ganz ernst wird es dann, als auf Abrahams ungläubiges Lachen hin (1. Mose 17,17) Gott den Geburtstermin »um diese Zeit im nächsten Jahr« ansetzt (1. Mose 17,21). Noch einmal wird dieser Termin von Abrahams drei göttlichen Besuchern genannt, mit Nachdruck, weil Sara die Geburt eines Kindes in ihrem Alter eher für einen schlechten Scherz hält und ebenfalls darüber lacht (1. Mose 18,9ff.).

Wie viel göttlicher Anstrengung und immer neuer Anläufe es doch bedarf, das betagte Ehepaar davon zu überzeugen, dass es um die Geburt des verheißenen Sohnes wirklich ernst ist. Doch die beiden wandern erst einmal nach Süden und lassen sich als Fremdlinge in Gerar nieder (1. Mose 20,1). Abraham gibt Sara wieder als seine Schwester aus, genauso wie er es in Ägypten getan hatte, weil er meint, dass er sich dadurch eventuell Unannehmlichkeiten ersparen könne. Sara muss, wenn man der Chronologie der Gesamterzählung folgt und die einzelnen Episoden in ihrem heutigen Kontext ernst nimmt, auch als 90-Jährige noch eine gewisse Faszination ausgeübt haben, denn Abimelech, der König von Gerar, nimmt sie zu sich (1. Mose 20,2). In dieser Situation springt Gott ein. Er öffnet Abimelech die Augen und beschuldigt ihn, eines Mannes Ehefrau genommen zu haben (1. Mose 20,3). Daraufhin stellt Abimelech Abraham zur Rede und entlässt dann die Eheleute reich beschenkt (1. Mose 20,9ff.). Wieder hat Gott die Familie vor dem Auseinandergehen bewahrt.

Und dann, erst dann, nach so vielen Irrwegen und Verwirrungen, Verheißungen und ungläubigem Lachen, wird der Sohn geboren. Isaak – »Er wird lachen« – ist sein Name. Auch Sara hat eine Deutung für diesen Namen: »Gott hat mir ein Lachen bereitet; denn wer es hören wird, der wird über mich lachen« (1. Mose 21,6). Das Lachen hält aber nicht lange an, denn als Sara Ismael, den Sohn der Ägypterin, sieht und daran denkt, dass er mit Isaak zusammen erben wird, gewinnen Neid und Eifersucht die Oberhand (1. Mose 21,9f.). Damit der Haussegen nicht schief hängt, müssen Hagar und ihr Sohn fort. Abraham selbst vertreibt sie schweren Herzens und gegen seinen Willen (1. Mose 21,11ff.).

Nun ist der rechte Sohn von der rechten Mutter da, die Leihmutter ist weg, der Miterbe auch – das Familienglück scheint gesichert zu sein. Und doch wird die Familie jetzt härter denn je auf die Probe gestellt. Gott selbst fordert von Abraham, seinen geliebten Sohn Isaak zu opfern (1. Mose 22). Unerhört ist diese Geschichte, grausam, und für den Leser von höchst nervenaufreibender Intensität. Interessant ist sie im Hinblick auf die Geschichten von Jakob insofern, als dort auch von einem unmenschlichen Überfall auf Jakob an der Furt des Jabbokflusses berichtet wird. Gefahren drohen der Familie also nicht nur von Erdenbürgern.

Abraham hat die Probe mit Bravour bestanden, »denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen« (1. Mose 22,12). Als Lohn für seinen Gehorsam erhält Abraham wieder eine Verheißung, die von Segen spricht und von Nachkommen, so zahlreich wie Sand am Meer (1. Mose 22,15–18).

Von Nachkommen ist dann auch tatsächlich die Rede, aber von denen Nahors, des Bruders Abrahams. In diesem Zusammenhang wird zum ersten Mal Rebekka genannt, die Tochter Betuëls und Enkeltochter Nahors (1. Mose 22,20ff.). Abraham selbst hingegen bleiben vorerst weitere Nachkommen versagt, da Sara stirbt. Er erwirbt für ihr Begräbnis von dem Hetiter Efron die Grabhöhle Machpela (1. Mose 23), wichtig nicht nur für die folgenden Todesfälle in der Familiengeschichte, sondern vielleicht noch mehr als erster eigener kanaanäischer Landbesitz der von Gott erwählten Familie.

Nach Saras Beisetzung kümmert sich Abraham um den Fortbestand der Familie. Isaak muss verheiratet werden, aber nicht mit einer der Frauen des Landes, sondern mit einer aus der Verwandtschaft. Auch dieses Motiv wird sich in der Jakobserzählung wiederfinden. Abraham sendet seinen Knecht nach Haran, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu freien. Hier kommt Rebekka ins Spiel, deren Name schon in der Genealogie Nahors gefallen war. Sie, die Tochter Betuëls und Enkeltochter Nahors, aus der Verwandtschaft Abrahams, »von sehr gutem Aussehen« – das Gleiche gilt auch für Rahel, Jakobs zweite Frau, aus der gleichen Familie –, »eine Jungfrau, die von keinem Mann wusste« (1. Mose 24,16), erfüllt in den Augen des Abrahamsknechtes alle Voraussetzungen einer geeigneten Ehefrau für Isaak. Sie erweist sich als zuvorkommend und mit Eigeninitiative begabt, als sie nicht nur dem Knecht bei seiner Ankunft den Wasserkrug reicht, sondern auch alle seine Tiere tränkt (1. Mose 24,17–20). Sie ist entschlossen, sich sofort dem ihr bestimmten Los zu fügen. Als die Familienangehörigen merken, dass an ihrem Entschluss nicht zu rütteln ist, entlassen sie Rebekka mit dem Segen und dem Wunsch vieler Nachkommen.

Verschleiert tritt Rebekka am Ende ihrer Reise Isaak entgegen.

»Da führte sie Isaak in das Zelt seiner Mutter Sara und nahm Rebekka, und sie wurde seine Frau, und er gewann sie lieb. Also wurde Isaak getröstet über seine Mutter« (1. Mose 24,67).

Dieser letzte Kommentar verleiht Rebekka so etwas wie eine Mutterersatzfunktion. Dass diese mütterliche Sicht von Rebekka einiges für sich hat, wird sich in den folgenden Erzählungen noch zeigen.

Auch Abraham tröstet sich über den Verlust seiner Frau Sara mit einer zweiten Frau, Ketura, die ihm Nachkommen schenkt (1. Mose 25,1–4). Abraham stirbt »alt und lebenssatt« und wird von Isaak und Ismael – die beiden scheinen die Rivalität ihrer Mütter nicht fortzuführen – in der Höhle Machpela beigesetzt (1. Mose 25,8–10).

Die Familie hat den Schritt in die zweite Generation durch eine Reihe von Gefahren hindurch, aber mit der Verheißung, dem Geleit und hin und wieder mit dem Eingreifen Gottes bestanden. Und der Segen? Auch der geht weiter: »Nach dem Tode Abrahams segnete Gott Isaak, seinen Sohn« (1. Mose 25,11).

Gott gibt zum Schluss den Segen. Er gibt ihn dem rechten Sohn, dem Isaak. Ismael erhält auch seinen Teil, aber er stellt die Nebenlinie der Familie dar. Der von Gott bestimmte Segensträger in der von ihm selbst erwählten Familie ist Isaak. An wen wird dieses kostbare Gut weitergeleitet? Aufschluss darüber geben die Erzählungen, die nun genauer in den Blick genommen werden sollen.

Abb. 2: Marc Chagall: Rebecca fait bénir Jacob par Isaac (1958–59)

2. DIE JAKOBSERZÄHLUNGEN

Schon der Aufbau der Gesamterzählung und die Abfolge der einzelnen Episoden verleihen der Geschichte eine Dynamik und eine Spannung, die sie zu einer fesselnden Lektüre werden lassen. Die Gesamterzählung lässt sich wie folgt gliedern:

Jakob und Esau I

Die Zwillinge (1. Mose 25,19–28)

Die Erstgeburt (1. Mose 25,29–34)

Der Segen (1. Mose 26,34–28,9)

Die Himmelsleiter in Bet–El (1. Mose 28,10–22)

Jakob und Laban I

Ankunft und Aufnahme in Mesopotamien (1. Mose 29,1–14)

Dienst und Lohn: Die Hochzeiten (1. Mose 29,15–30)

Jakobs Frauen: Der Geburtenwettstreit (1. Mose 29,31–30,24)

Jakob und Laban II

Jakobs Hirtendienst bei Laban (1. Mose 30,25–43)

Flucht und Auseinandersetzung mit Laban (1. Mose 31,1–32,1)

Jakob und Esau II

Vorbereitung auf die Begegnung mit Esau (1. Mose 32,2–22)

Der Kampf am Jabbok (1. Mose 32,23–33)

Die Begegnung der Brüder (1. Mose 33,1–19)

Letzte Gotteserscheinung in Bet–El (1. Mose 35,1–15)

Rahels Tod und weitere Notizen (1. Mose 35,16–29)

Die jeweils neu aufbrechenden und sich dann in umgekehrter Reihenfolge lösenden Konflikte zwischen Jakob und Esau, Jakob und Laban und Jakobs Frauen sind in konzentrischen Kreisen angelegt, die der Erzählung einen abgerundeten Charakter geben. Was die Geschichte der Beziehung Jakobs zu seinem Gott angeht, so fügt sich diese sehr gut in den Erzählzusammenhang ein. Gottesbegegnungen ereignen sich immer an Knoten- und Wendepunkten in der Familiengeschichte. Das Zusammenspiel menschlicher und göttlicher Geschichte soll im Folgenden zur Sprache kommen.

2.1. Jakob und Esau I

2.1.1. Die Zwillinge (1. Mose 25,19–28)

»Dies ist die Geschlechterfolge des X. X zeugte Y. Y zeugte Z …«. Das ist die Grundform, in der in der Bibel stammbaumähnliche Angaben über einige Gestalten gemacht werden. Aus manchen dieser formelhaft eingeleiteten Geschlechterfolgen entspinnen sich Geschichten, so aus der Noahs (1. Mose 6,9 ff.) die Geschichte von der großen Flut, aus der Terachs (1. Mose 11,27 ff.) Abrams Auszug aus Ur oder aus den Geschlechterfolgen Jakobs (1. Mose 37,2) die Josefsgeschichte. Es ist in jedem Fall eine Geschichte, die nicht auf die Vorfahren zurückblickt, sondern auf die Nachkommen der in der Geschlechterfolge genannten Gestalt vorausschaut.

Ganz in diesem Sinne beginnt in 1. Mose 25,19 der große Komplex der Jakobsgeschichten mit den Worten: »Dies sind die Geschlechterfolgen Isaaks, des Sohnes Abrahams«. Der zweite Halbsatz hat wiederholenden Charakter und wirkt daher eigenartig auf den Leser: »Abraham hatte Isaak gezeugt«. Selbst wenn man die Vorgeschichte dessen, was nun folgt, nicht kennt, kann man schon aus V.19a entnehmen, dass Abraham der Vater Isaaks ist. Warum also diese Doppelung in V. 19b, die umso mehr Aufsehen erregt, als sie nicht im gewöhnlichen Erzähltempus steht?

Der Stolperstein 1. Mose 25,19b hat aber seinen Sinn. Er betont nämlich die Geburt Isaaks. Dadurch wird ausgesagt: Jetzt geht es um das Eigentliche, um den wahren Sohn Abrahams, den dieser selbst mit der rechten Frau gezeugt hat, um den, der die Segenslinie in der von Gott auserwählten Familie fortführen soll.

So beginnt die Geschlechterfolge dieses zweiten Ahnvaters: »Isaak war 40 Jahre alt, als er sich Rebekka, die Tochter des Aramäers Betuël aus Paddan-Aram, die Schwester des Aramäers Laban, zur Frau nahm« (1. Mose 25,20). Diese Angaben, von denen die meisten aus 1. Mose 24 schon bekannt sind, müssten nun nach der Grundform der Geschlechterfolgen weitergeführt werden: »… und Isaak zeugte den …«. Doch es kommt anders, denn Rebekka ist unfruchtbar. Das Problem, das schon Sara und Abraham hatten, wiederholt sich, und dem Bestand der Familie droht auch in dieser zweiten Generation der Abbruch. Anders als Abraham aber, der Gottes Sohnesverheißungen ungläubig belächelt und seine Frau in Ägypten und Gerar in Gefahr gebracht hatte, bittet Isaak den Herrn für seine Frau, und dieser lässt sich erbitten (V. 21).

Durch Rebekkas Schwangerschaft ist eine Hürde genommen, aber es gibt noch einiges durchzustehen, denn die Söhne stoßen sich gegenseitig in ihrem Leib (V. 22a). Das ist ein erster Hinweis darauf, dass mehr als ein Kind unterwegs ist. Der Hinweis kommt von einer Figur des Textes, nämlich vom Erzähler.

Die namenlose Gestalt des fiktiven Erzählers ist nach der modernen Literaturwissenschaft nicht mit dem Autor zu identifizieren.17 Er gehört ebenso wie Isaak, Rebekka, Laban und alle anderen zum Figureninventar des Textes. Seine Funktion besteht darin, die Reden der anderen Figuren einzuleiten (»und er sagte …«, »und es antwortete … und sprach …«) und deren Handlungen zu berichten. Der Erzähler ist insofern eine besondere Figur im Text, als er vom Autor z. B. mit Allwissenheit ausgestattet werden kann, was dem Leser wiederum den Eindruck verleiht, der Erzähler stehe über den Dingen, er könne Gedanken lesen, in das Herz der Figuren hineinsehen und sogar Unausgesprochenes wissen und sagen. Manchmal finden sich in der Erzählerrede auch kommentierende Äußerungen. Trotz alledem ist die Figur des Erzählers nicht grenzenlos allwissend oder allgegenwärtig. Ihre übernatürlichen Fähigkeiten sind auf ein Maß beschränkt, das ihr der Autor als Schöpfer zugesteht.

Der Erzähler sagt, dass »Söhne« unterwegs sind und dass sie im Mutterleib einander stoßen. Rebekka selbst scheint von Zwillingen nichts zu wissen. In ihrem Schmerz oder auch in ihrer Verzweiflung fragt sie sich: »Wenn das so geht, warum (geschieht) mir das?« (1. Mose 25,22). Durch die Hinzufügung des Wortes »leben« in einigen Bibelhandschriften wird die Frage noch deutlicher: »Wenn das so geht, warum lebe ich dann?« In ihrem unerträglichen Leiden geht sie den Herrn befragen (V. 22b). Die Antwort in der Form eines göttlichen Orakelspruchs (V. 23) hebt sich vom Kontext ab und wirkt daher besonders feierlich:

»Zwei Völker sind in deinem Mutterleib, und zwei Völker werden sich scheiden aus deinem Leib. Ein Volk wird stärker sein als das andere, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.«

Dieser Spruch ist mehr als die Antwort auf Rebekkas Frage nach dem Grund ihrer leidvollen Schwangerschaft. Er erfüllt die Funktion einer Exposition für die Gesamterzählung. Hier konzentriert sich schon das Konfliktpotenzial, das den gesamten Erzählkomplex durchziehen wird. Gleichzeitig ist dieser Orakelspruch ein Element der Erzählung, das über die Familiengeschichte hinausweist. Sieht man genau hin, so stellt man fest, dass das Wort »Söhne« darin gar nicht vorkommt. Es geht in dem Spruch um »Völker«, deren Geburt angekündigt wird. Diese werden sich voneinander »scheiden«, und ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen wird festgeschrieben, das selbst heutige Leser aufmerken lässt: »der Ältere wird dem Jüngeren dienen«.

Zwar weiß man ohne Vorkenntnis des gesamten Erzählkomplexes an diesem Punkt der Erzählung noch nicht, um welche Völker es sich handelt, aber mit fortschreitender Lektüre werden die Bezüge deutlicher, und der Orakelspruch gewinnt nach und nach Gestalt. Dieses schrittweise Entschlüsseln der Erzählung wollen wir uns nicht durch historische Erwägungen schon an dieser Stelle nehmen lassen. Deswegen soll auf die historischen Konnotationen, die der Orakelspruch in sich birgt, erst dann eingegangen werden, wenn die Erzählung selbst durch weitere Informationen dazu Anlass gibt.

Zwei Söhne, ja zwei Völker sollen geboren werden. Wie mag Rebekka diese Ankündigung aufgenommen haben? Darüber lässt die Erzählung nichts verlauten. Sie spricht von der Geburt der Söhne. Der Ausruf des Erzählers: »Und siehe: Zwillinge in ihrem Mutterleib!« (V. 24) soll nicht das Wunder einer Zwillingsgeburt hervorheben, denn es ist zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass Zwillinge erwartet werden, sondern ist eine Einladung an den Leser, das Geschehen zu sehen. Die Aufforderung des Erzählers ist der erste Hinweis darauf bzw. die Voraussetzung dafür, dass sich das Orakel erfüllen kann. »Siehe, was Gott gesagt hat, geht tatsächlich in Erfüllung!« So könnte V. 24b aus der Perspektive des Lesers verstanden werden.

Auch eine zweite Aussage des Orakels beginnt durch die Geburt Gestalt anzunehmen: »sie werden sich voneinander scheiden«. Das deutet sich durch die so unterschiedliche Beschreibung der Neugeborenen an. Der erste ist »ganz rötlich«, »wie ein haariger Mantel«. Er wird Esau genannt (V. 25). Danach kommt sein Bruder, die Hand an Esaus Ferse geklammert. Sein Name ist Jakob (V. 26a). Will man diesen Namen ins Deutsche übertragen, muss man ihn von ekeb (»Ferse«) herleiten und ihn sinngemäß etwa als »Ferserich« oder »Fersenhalter« wiedergeben. Abgerundet wird die Geburtsgeschichte im Sinne der Struktur der Geschlechterfolge mit Isaaks Altersangabe. 60 Jahre war er alt, als seine Söhne geboren wurden (V. 26b).

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