VERÖFFENTLICHUNGEN DER
WISSENSCHAFTLICHEN GESELLSCHAFT FÜR THEOLOGIE
(VWGTh)

Band 57

Christentum und Europa

XVI. Europäischer Kongress für Theologie
(10.–13. September 2017 in Wien)

Herausgegeben von Michael Meyer-Blanck

Redaktion: Iris Hanita

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: 3W+P, Rimpar

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-05854-9

www.eva-leipzig.de

Zu diesem Band

»Christentum und Europa« lautete das Thema des XVI. Europäischen Kongresses für Theologie, der von der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie (WGTh) und der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien vom 10.–13. September 2017 an der Universität Wien veranstaltet wurde. Mit diesem Band werden die Plenums- und Sektionsvorträge des Kongresses dokumentiert. Im Namen der WGTh bedanke ich mich für die Gastfreundschaft sowie für die Vorbereitung und Organisation des Kongresses an der Wiener Universität. Wien erwies sich wiederum als ein ganz besonderer europäischer Ort. In Wien ist neben allem Geistigen und Kulturellen immer wieder der spezifische europäische Charakter zwischen West- und Osteuropa sowie zwischen Mittel- und Südeuropa zu spüren. Wien zeigt sich als ein Schmelztiegel der Lebensformen und Denkstile und damit als ein geeigneter Ort für grenzüberschreitendes Denken.

Der letzte Wiener Kongress der WGTh im Jahre 2008 trug den Titel »Kommunikation über Grenzen«.1 Damit sollte zweierlei zum Ausdruck gebracht werden: Kommunikation über das, was uns zutiefst angeht, muss Grenzen überschreiten und muss dabei die realen Grenzen thematisieren. Der ehemalige Vizekanzler der Republik Österreich, Erhard Busek, hat in seiner damaligen Eröffnungsrede unter anderem auf die Verantwortung von Universität, Religion und Theologie für das europäische Projekt aufmerksam gemacht und dabei an die ältere und jüngere Geschichte erinnert: »Dass Europa in Jahrhunderten vom Christentum geprägt wurde, weiß man. Dass das aufeinander zugehende Europa von Christen gestaltet wurde, ist heute in Vergessenheit geraten.«2 Busek nannte in diesem Zusammenhang Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi, die nach 1945 Europa aus den Trümmern neu auf den Weg halfen.3

Vor drei Jahren, im Gedenkjahr 2014, ist der XV. Europäische Kongress für Theologie in Berlin den schrecklichen Verirrungen von 1914 nachgegangen, also besonders jenem Jahr, in dem der Konnex von Christsein und Europäersein in dem nationalen Taumel von wenigen Monaten wie ein nur oberflächlicher Beschlag verdunstete – sei es in Deutschland, in Frankreich oder in England.4 Das Christliche konnte damals das Gefahrenpotenzial des Nationalen in keiner Weise dämpfen. Nicht erst in Zeiten der Krise entstehen neuer Partikularismus, Nationalismus und Egoismus, sondern mindestens im Hinblick auf 1914 wird man es auch andersherum formulieren müssen: Partikularismus, Nationalismus und Abgrenzungsbedürfnis können Krisen herbeiführen, die sich dann plötzlich als nicht mehr zu bewältigen und in der Katastrophe endend erweisen.

Das Europäische ist offensichtlich – trotz der langen Geschichte – in jeder Generation gefährdet und muss immer wieder neu entdeckt und errungen werden. Der weitgehende Friede in Europa nach 1945 und die zunehmende europäische Einigung seit den »Römischen Verträgen« im Jahre 1957 sind Entwicklungen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum denkbar erschienen und die zu Beginn des 21. Jahrhunderts bewahrt und weiterentwickelt werden müssen, um Bestand zu haben. Das Projekt der europäischen Einigung ist kein Selbstläufer, sondern vielmehr der Gegenstand von Begeisterung und Engagement, die von jeder Generation aufgebracht werden müssen, um ihren Gehalt zu erneuern und zu bewahren. Gerade in Zeiten, da die Wahrnehmungsbedingungen durch Pluralismus und Individualismus gekennzeichnet sind und ideologische wie nationale Abgrenzungstendenzen auf dem Vormarsch zu sein scheinen, drohen das grenzüberschreitende Denken und der Geist Europas an Faszination zu verlieren. Darum gilt es das Projekt des geistig, kulturell und religiös pluralen, jedoch vereinten Europa beizubehalten und dieses unter den Bedingungen von Flucht und Migration weiterzuentwickeln.

Was kann die Religion dazu tun? Erhard Busek gab darauf 2008 eine sehr einfache und tiefgründige Antwort: »Zunächst einmal: Religion zu sein«5. Man wird das heute wiederholen können: Zunächst einmal ist es Aufgabe der Religionen, Religion zu sein. Das gilt deswegen, weil der moderne Staat, gerade aufgrund seiner Pluralität und Säkularität, den geistigen Zusammenhalt der Menschen nicht produzieren und vorgeben kann und darf. Eine Staatsgesinnung ist um der Freiheit des Bürgers willen nicht vorgesehen. Gesinnungsbildung ist eine höchst persönliche, wenn auch keine private Angelegenheit. Damit sind Religionen nicht zuletzt Bildungsagenturen im weitesten Sinne.

Die Beiträge dieses Bandes beschäftigen sich mit verschiedenen historischen, systematischen und praktischen religionstheoretischen wie theologischen Fragestellungen des Christentums in Europa. Der XVI. Europäische Kongress für Theologie begann mit der Geschichte. Dabei stand das Christentum in Antike und Reformation im Mittelpunkt des Interesses. Ohne diese Aspekte verliert die europäische Geschichtsschreibung – gerade auch in ihrer Ambivalenz – ihre Tiefenschärfe. Auf diesem Hintergrund wurde dann die Gegenwart in den Blick genommen: Leben wir im heutigen Pluralismus in einem »Europa ohne Gott«? Woher kommt das religiöse Schwächeln des alten Europa und woher rührt der Hang zur relativierenden Selbstverundeutlichung? Andererseits ist das damit Beschriebene nicht nur eine Schwäche, sondern auch eine mühsam erworbene, bleibende Stärke Europas. »Denkender Glaube als europäisches Projekt«, lautete das Thema einer der Sektionsveranstaltungen. Die Religionskritik als grundlegendes religiöses Selbstverhältnis bietet eine gewisse Sicherheit gegenüber allen religiösen und wissenschaftlichen Hypertrophien. Damit ist der dritte Aspekt des Kongresses angesprochen, die Gestalt der europäischen Wissenskultur. Glauben ist nicht Wissen. Aber Glauben ist ein spezifisches Verhältnis zu allem Wissen, welches sich in der Unterscheidung vom Wissen und gerade so an der besonderen Wertschätzung des Wissens beteiligt und bewährt. Darum war nicht nur die Reformation, sondern darum ist das europäische Christentum insgesamt eine »Bildungsbewegung«. Das »Verstehst du auch, was Du liest?« des Apostels Philippus auf dem Weg von Jerusalem nach Gaza (Apg 8,30) ist ein Ursprung des nicht nur lesenden, sondern auch verstehenden europäischen Denkens. Verstehen ist mehr als Lesekompetenz. Das Schriftprinzip ist eine vorzügliche Quelle verstehenden Nachdenkens und die Schriftkritik bildet den Ausgangspunkt aller kritischen europäischen Schrifthermeneutik. Die Geschichte, der Pluralismus, die Wissenschaft – drei Aspekte der Verbundenheit, wenn auch nicht nur der Erfolgsgeschichte von Christentum und Europa, wurden in Wien detailliert bearbeitet.

Am Schluss dieses Vorwortes gilt es allen denen zu danken, die zum Gelingen des Kongresses und dieses Bandes beigetragen haben. Im Namen des Vorstandes der WGTh danke ich dem Team der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, namentlich Prof. Dr. Markus Öhler und dem Dekan Prof. Dr. Dr. Martin Rothgangel sowie besonders Frau Elisabeth Cella und dem Team der Wiener studentischen Hilfskräfte. Herr Rainer Leon Beck von der Geschäftsstelle der WGTh hat mit seiner Sorgfalt und akribischen Organisation im Vorfeld erneut maßgeblich zum Gelingen des Kongresses beigetragen.

Allen Kolleginnen und Kollegen danke ich, die ihre Vorträge zügig zur Verfügung gestellt und bearbeitet haben. Meine Sekretärin Iris Hanita hat die Redaktionsarbeiten und das Lehrstuhlteam so organisiert und begleitet, dass alles reibungslos und in entspannter Atmosphäre vonstattengehen konnte. Sehr verdient gemacht haben sich bei der Textbearbeitung Daniel Bauer, Phil Tillmann, Anne Wächtershäuser und Rabea Weber.

Und schließlich freue ich mich, dass die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Verlagsanstalt erneut so freundlich, unaufgeregt und präzise war. Neben Dr. Annette Weidhas möchte ich der Setzerin Steffi Glauche und dem Korrektor Dr. Michael Lippold meinen Dank aussprechen. Nun hoffe ich, dass die Ergebnisse des XVI. Europäischen Kongresses für Theologie eine geneigte Leserschaft finden mögen.

Bonn, im Juni 2018

Michael Meyer-Blanck

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zu diesem Band

ERÖFFNUNGSVORTRAG

Heinz Faßmann

Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland

ÖFFENTLICHER ABENDVORTRAG

Carl Stephan Ehrlich

Ist die Bibel ein europäisches Buch?

Eine Außenseiterperspektive

I HAUPTVORTRÄGE

Hartmut Leppin

Christentum und das antike Erbe des Euromediterraneums

Thomas Kaufmann

Europa und die Reformation – die Reformation und Europa

Dorothea Wendebourg

Europa – des christlichen Glaubens symbiotische Durchgangsstation

Christoph Schwöbel

Europa ohne Gott? Ansichten eines säkularen Zeitalters

Günther Wassilowsky

Die christlichen Konfessionen als binnenplurale Konfliktgemeinschaften

Peter Walter

Gegeneinander, nebeneinander, miteinander?

Das zukünftige Verhältnis der christlichen Konfessionen in Europa

Walter Sparn

»Verstehst du, was du liest?«

Die Bildungsverantwortung des Christentums in der europäischen Wissenskultur

Cornelia Richter

Christlicher Glaube, Theologie und Naturwissenschaften

Von der Konkurrenz zur Kooperation

Eilert Herms

Das Christentum in der Wissensgesellschaft der Neuzeit

II FACHGRUPPEN-VORTRÄGE

ALTES TESTAMENT

Jonathan Stökl

Fremde Völker in der Prophetie des Alten Orients

Hannes Bezzel

Gerichtsprophetie und Fremdvölkerorakel

Ihr Verhältnis zueinander mit Blick auf die Worte über Damaskus in Jes 17, Jer 49 und Am 1

Christl M. Maier

Jeremia als Völkerprophet?

Datierung und Funktion der Worte über Ägypten (Jer 46)

Nathan MacDonald

Fremdvölker in Numeri

Nuria Calduch-Benages

Ben Sira’s View of Foreign Nations

NEUES TESTAMENT

Judith M. Lieu

The Christian Bible as a Jewish Book:

Newness in Early Christian Thought

Tobias Nicklas

Ein Baum mit zwei Ästen, getrennte Wege oder bleibende Vernetzung?

Eberhard Bons

Die Septuaginta als biblischer Referenztext für jüdische und christliche Literatur

Neuere Fragestellungen und Ergebnisse

Jörg Ulrich

Die Herausbildung des christlichen Bibelkanons im Spannungsfeld zwischen »Judentum« und »Christentum« der (Spät-)Antike

Predrag Dragutinović

What Can Be Expected From An Orthodox Biblical Exegesis?

Some Hermeneutical Reflections

Ksenija Magda

Croatian New Testament Scholarship since the Second Vatican Council

Korinna Zamfir

Exegesis in a Multi-Ethnic and Multi-Confessional Region

Challenges and Responsibilities

Valérie Nicolet

Biblical Hermeneutics of Imagination

Reading the Bible with Theory/ies in Western Europe (Feminist, Gender-Critical, Queer, Postcolonial Approaches)

KIRCHENGESCHICHTE

Peter Gemeinhardt

Europa in patristischer Perspektive

Geographie, Mythologie und Heilsgeschichte

Mihai-D. Grigore

Europa – Christianitas – Europa Christiana

Zur Geschichte eines umstrittenen Narratives anhand mittelalterlicher Quellen

Judith Becker

Zwischen kultureller Überlegenheit und universaler Menschlichkeit

Selbstverständnisse europäischer Christinnen und Christen im Kontakt mit den »Anderen« im 19. Jahrhundert

Martin Illert

Europa im Dialog der westlichen Kirchen mit der östlichen Orthodoxie

SYSTEMATISCHE THEOLOGIE

Friederike Nüssel

Ökumene der Werte

Der ökumenische und kirchenrechtliche Beitrag der Kirchen zum Zusammenwachsen Europas

Anne Käfer

Schöpfung und Recht

Gerechtes Zusammenleben des Geschaffenen als christliche Herausforderung

Torsten Meireis

Nachhaltigkeit

Ethische Perspektiven auf das Recht

Volker Gerhardt

Die Rationalität des Glaubens

Thomas Meyer

Was ist »Religionsphilosophie«?

Rationalitätsstandards in der »Wissenschaft des Judentums«

Dirk Evers

Rationalitätsstandards in den Naturwissenschaften und das Projekt einer realistischeren Theologie

PRAKTISCHE THEOLOGIE

Christian Grethlein

Europa als Herausforderung für praktisch-theologische Theoriebildung

Andrea Bieler

Europa im Kontext transnationaler Migrationsbewegungen

Praktisch-theologische Erwägungen

David Käbisch

Religionspädagogische Forschung in europäischer Perspektive

Transnationale Praktiken religiöser Bildung und die Pfadabhängigkeit des gesellschaftlichen Wandels

Martin Rothgangel

Religionsunterricht in der Visegrád-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn)

Einblicke in ein vielschichtiges Terrain

Simon Peng-Keller

»Spiritual Care« im Horizont Praktischer Theologie

Interdisziplinäre Forschung zu interprofessioneller Praxis

Eberhard Hauschildt

Macht für die Kirchentheorie eine europäische Perspektive Sinn?

Sonja Keller

»Du trägst eine fremde Würde«

Migrationsbewegungen als homiletische Herausforderung

Wolfram Weiße

Ansätze einer Dialogischen Theologie vor dem Hintergrund zunehmender religiöser Pluralisierung und Säkularisierung

RELIGIONSWISSENSCHAFT UND INTERKULTURELLE THEOLOGIE

Helmut Zander

History of Religion in »Europe«

Religious Affiliation by Decision – Reflections in the Interspace between Religious Studies and Theology of Religions

Daniel Cyranka

Eingrenzungen und Ausgrenzungen

Elemente europäischer Religionsgeschichte

Andreas Nehring

Europäische Religionsgeschichte

Achtsamkeit im globalen Diskurs

Jutta Sperber

Sizilien

Ein Schmelztiegel der Religionen und Kulturen am Südrand Europas

Volker Küster

Das Ende der »Europäischen Theologie«

Heike Walz

Europa, Christentum und Moderne im Lichte postkolonialer Theorien

Am Beispiel indigener Qom/Toba Kirchen in Argentinien und dem Islam in Bosnien

Vítor Westhelle

Global Challenges to Western Academic Theology

On Subverting the Master’s Tools

ANHANG

Autorinnen und Autoren

Sachregister

Weitere Bücher

Endnoten

ERÖFFNUNGSVORTRAG

Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland

Heinz Faßmann1

1. Einleitung

Der Beitrag greift die politisch heikle Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat und den Geltungsbereich religiös legitimierter Regelungen und Vorschriften auf, die im Gegensatz zu einem staatlichen Regelungssystem stehen können. Religion ist nicht nur eine persönliche Hinwendung, sondern auch ein strukturbildendes Element in der Gesellschaft, von der weitreichende Geltungsansprüche ausgehen können. Und in einer multireligiösen Gesellschaft existieren nicht nur ein Geltungsanspruch, sondern viele, die miteinander auch in Konflikt geraten können. Darüber soll im Folgenden berichtet werden.

Der Titel dieses Beitrags ist wortidentisch mit dem Titel des Jahresgutachtens des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration aus dem Jahr 2016, an dem der Autor dieses Beitrags als Sachverständiger und federführender Schriftleiter beteiligt war.2 Der Sachverständigenrat wurde damals von Prof. Dr. Christine Langenfeld geleitet, die seit 2016 das Amt einer Richterin im deutschen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bekleidet, und die fachlich das Jahresgutachten entscheidend geprägt hat.

2. Demographische Veränderungen

Der erste hier zu erörternde Gesichtspunkt betrifft die demographischen Veränderungen als verursachender Faktor für die neue religiöse Vielfalt. Die Ausführungen beziehen sich auf Österreich, sind aber inhaltlich auf die neuen Einwanderungsländer in Europa anwendbar.

2.1 Zuwanderung verändert die Demographie der Religionsgemeinschaften

Österreich, Deutschland und viele andere, wenn auch nicht alle Staaten Europas sind zu Einwanderungsländern geworden – und das ohne politische Absicht und ohne Plan, vielmehr aufgrund der faktischen Ereignisse.3 Seit Beginn der 1960er Jahre war in Österreich der internationale Wanderungssaldo fast immer positiv, in Deutschland bereits seit Mitte der 1950er Jahre. Allein im vergangenen Jahrzehnt summierte sich in Österreich der kumulierte positive Wanderungssaldo auf mehr als 500.000 Personen. Ein mittelgroßes Bundesland kam einwohnermäßig in einer Dekade gleichsam hinzu.

Mit der Zuwanderung kam es zu einer religiösen Pluralisierung in der Gesellschaft, die bis dahin in dieser Form nicht vorhanden war. Zum einen verbreiterte sich das Spektrum der christlichen Religionen (zum Beispiel durch die Orthodoxie), zum anderen wurden in Deutschland oder Österreich kaum vertretene Religionen (wie etwa der Islam) importiert und zwischenzeitlich verschwundene (und im Fall des Judentums: nahezu ausgelöschte) Religionen neu etabliert. Dadurch wurden Deutschland und Österreich zu multireligiösen Ländern, was im populären und journalistisch geprägten Diskurs als Bereicherung und Chance bezeichnet wird, ohne jedoch die neuen latenten und manifesten Konflikte zu sehen.

Eine exakte und verlässliche statistische Abbildung der Veränderungen der Religionszugehörigkeit ist in Österreich interessanterweise nicht mehr möglich, von Veränderungen der Religiosität will ich gar nicht sprechen. Vor dem Hintergrund der Säkularisierung hat man nämlich die Frage nach dem Religionsbekenntnis in der Volkszählung 2001 aufgegeben. Das Bundesministerium für Inneres wollte diese Frage damals nicht mehr, weil sie nicht der unmittelbaren öffentlichen Verwaltung und Planung dient – so in etwa die Zusammenfassung der damaligen Meinung. Die Angabe über das Religionsbekenntnis blieb in Österreich jedoch ein Merkmal auf der Meldebestätigung, welches aber nicht verpflichtend auszufüllen ist und von der Meldebehörde auch nicht überprüft wird. Und außerdem stellt die Angabe des religiösen Bekenntnisses auf der Meldebestätigung immer nur eine Momentaufnahme dar, denn Kirchenaustritte oder auch Eintritte müssen nicht nachgeführt werden. Die Angaben aufgrund der Wohnsitzmeldung sind daher bestenfalls Grundlagen für weitere Erhebungen, aber keine exakten Werte. Die Diskussion über die religiöse Strukturierung der Bevölkerung bewegt sich auf einem statistisch dünnen Eis. Will eine Religionsgemeinschaft wichtiger sein als sie ist, kann sie bei der Zahl ihrer Gläubigen ruhig etwas nachlegen, genau belegen kann man es ohnehin nicht.

Was sich anhand der Volkszählungsergebnisse für Österreich dennoch zeigen lässt, ist der Rückgang der Bevölkerung, die sich zur römisch-katholischen Kirche bekennt, die in Summe aber noch immer die stärkste religiöse Kraft in Österreich darstellt. In den ersten beiden Volkszählungen nach dem Zweiten Weltkrieg gaben noch fast 90% der Bevölkerung an, der römisch-katholischen Kirche anzugehören, 2001 waren es nur mehr rund 74 %. Die quantitativ zweitwichtigste Gruppe ist jene ohne Bekenntnis oder ohne Angaben. 1951 lag der entsprechende Wert noch bei rund 4%, 2001 bereits bei rund 15%. Einen quantitativen Rückgang verzeichnen auch die evangelischen Kirchen A.B. und H.B.: von rund 6% im Jahr 1951 auf knapp 5% im Jahr 2001, während die sich zum Islam bekennende Bevölkerung von statistisch nicht existent in der Nachkriegszeit auf 4% im Jahr 2001 zunahm. Schließlich ist die Steigerung der Gruppe der »sonstigen Bekenntnisse« zu erwähnen, die den Buddhismus ebenso mit einschließt wie die Zeugen Jehovas und 2001 bei 3% lag.

Seit 2001 hat sich diese Entwicklung fortgesetzt und auch beschleunigt, wie eine Fortschreibung zeigt. Der Anteil der römisch-katholischen Gruppe ist von 74% im Jahr 2001 auf 64% im Jahr 2016 gesunken. Den größten Zuwachs verzeichnete die Bevölkerungsgruppe ohne religiöses Bekenntnis, deren Anteil von 12% im Jahr 2001 auf 17% im Jahr 2016 gestiegen ist. Sowohl die orthodoxen als auch muslimischen Bevölkerungsgruppen sind ebenfalls stark gewachsen. Der Anteil der Orthodoxen hat sich von 2% auf 5 %mehr als verdoppelt, und der Anteil der Muslime stieg von 4% auf 8%. Die relativen Anteile der Angehörigen sonstiger Religionsgemeinschaften und der 5%-Anteil der protestantischen Bevölkerung haben sich dagegen nicht verändert. Letzteres ist möglicherweise ein Effekt der Zuwanderung aus Deutschland, die das Sinken des österreichischen Anteils an den Protestanten kompensiert.

2.2 Prognosen der wachsenden und schrumpfenden Religionsgemeinschaften

Migration stellt eine wichtige Triebfeder der quantitativen Veränderungen der Religionsgemeinschaften dar. Anne Goujon, Sandra Jurasszovich und Michaela Potančoková haben das im Rahmen einer vom ÖIF in Auftrag gegebenen Studie akkurat und überzeugend simuliert.4 Sie haben die religionsgemeinschaftliche Zusammensetzung der Bevölkerung in Abhängigkeit von der Zuwanderung systematisch untersucht und unterschiedliche Simulationsrechnungen vorgelegt.

Diese Berechnungen basieren auf einer Ausgangsbevölkerung nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit, die anhand der Volkszählung 2001 erstellt wurde. Für die weitere Fortschreibung der Bevölkerung nach Religionszugehörigkeit benötigten sie drei grundsätzliche Angaben: die Anzahl der Geburten nach Alter und Religionszugehörigkeit der Mutter, die Anzahl der Sterbefälle nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit sowie die Zuwanderung ebenfalls nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit.

Aufgrund der empirischen Analyse zeigte sich, dass die Unterschiede der Lebenserwartung nach Religionszugehörigkeit zu vernachlässigen waren. Alle leben im Durchschnitt gleich lang, ob Protestanten, Katholiken oder Muslime, wenn nach Männern und Frauen differenziert wird. Das überrascht vielleicht, ist aber ein Faktum. Die Autorinnen haben daher auf diese Differenzierung verzichtet.

Wichtiger sind die Angaben über die Geburten nach dem Alter der Mutter und deren Religionszugehörigkeit. Die Protestanten zählen dabei zur Gruppe mit der niedrigsten Fertilität. Eine evangelische Frau bekommt durchschnittlich nicht mehr als 1,3 Kinder im Laufe ihres Lebens, eine muslimische Frau aber rund 2,3. Die katholischen Frauen bekommen mehr Kinder als die evangelischen, aber ebenso deutlich weniger als die Muslima.

Schließlich nahmen die Autorinnen bestimmte Zuwanderungen nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit an, wobei sich die Religionszugehörigkeit aus den Angaben über die Herkunftsgebiete ergibt. Kommt jemand aus Saudi-Arabien, dann werden 100% Muslime angenommen, kommt jemand aus Deutschland, dann nimmt man 30% Katholiken, 30% Protestanten, 30% Konfessionslose und 10% sonstige Konfessionen an, wie es der Randverteilung entspricht (random migrant assumption).

Schließlich muss man noch die Säkularisierungstendenz nach Alter, Geschlecht und Religionsgemeinschaft anhand der offiziellen Zahlen über Kircheneintritte und Kirchenaustritte schätzen. Weil es so etwas wie Kircheneintritte oder Kirchenaustritte bei Muslimen nicht gibt und daher auch nicht gezählt werden kann, haben die Autorinnen die Ergebnisse einer in diese Richtung zielenden Frage des »Gender and Generation Surveys« verwendet.

Goujon, Jurasszovich und Potančoková haben mehrere Szenarien gerechnet, wobei eines davon ausgeht, dass die internationale Migration bis 2021 zum Stillstand kommt – das ist unrealistisch, aber man benötigt immer ein Referenzszenario. Veränderungen der religiösen Struktur werden in so einem Fall nur mehr aufgrund der Mortalität, Fertilität und der religiösen Mobilität – sprich Ein- und Austritte – hervorgerufen. Was ist das Ergebnis? Die Gruppe der Konfessionslosen wächst am schnellsten und stellt 2046 fast ein Drittel der Bevölkerung dar, die Katholiken erleben den stärksten Rückgang auf knapp die Hälfte der Bevölkerung. Der Anteil der Muslime steigt aufgrund ihrer hohen Fertilität auf rund 12%, der Anteil der Protestanten sinkt auf rund 4%.

Die Studienautoren haben dazu unter anderem ein Kontrastszenario berechnet. Sie gehen von der hohen Zuwanderung des Jahres 2015 aus – +100.000 Zuwanderungssaldo pro Jahr –, lassen diesen Saldo aber auf +50.000 langfristig sinken. Neben den traditionellen Herkunftsgebieten kommt die zusätzliche Zuwanderung – so die Annahme – aus dem Nahen Osten, Nordafrika (MENA) sowie den afrikanischen Subsahara-Ländern. Die Zusammensetzung der Zuwanderung verschiebt sich damit in Richtung Muslime. Es überrascht daher auch nicht, dass der Anteil der Katholiken sinkt und zwar bis 2046 auf 42% und der Anteil der Muslime auf 21% steigt. Konfessionslose werden ebenso 21% ausmachen und Protestanten stagnieren bei rund 5%. In Wien steigt der Anteil der Muslime sogar auf 30% und wäre damit die Religionsgemeinschaft Nummer 1 vor den Konfessionslosen (24%) und den Katholiken (22 %).

So ein Szenario ist nicht sehr realistisch, denn die Politik hat erfolgreich das offene Tor aus Richtung Nordafrika und Naher Osten geschlossen. Das empfinden manche Kirchenvertreter und manche NGOs als nicht fair und nicht menschenrechtskonform, aus einer demographischen Perspektive ist das aber verständlich: Ein durch Zuwanderung induziertes Bevölkerungswachstum wie jenes von 2015, welches gleichzeitig eine nur mäßig qualifizierte Zuwanderung war, würde die Republik über einen längeren Zeitraum in einen erheblichen Wachstumsstress bringen, der im Bereich Schule, Wohnen, Arbeitsmarkt und Sozialleistungen besondere Anstrengungen und finanzielle Ausgaben notwendig machen würde. Auch muss man darauf aufmerksam machen, dass die Ergebnisse eine begriffliche Einheitlichkeit über die Religionsgemeinschaften suggerieren, die es so gar nicht gibt. Gerade bei den Muslimen ist die Spannweite zwischen traditionellen Wahhabiten auf der einen Seite und den liberal und säkular eingestellten Muslimen auf der anderen Seite sehr groß. Die Szenarien können dies aber nicht abbilden, weil darüber auch keine verlässlichen Daten vorliegen.

Unabhängig davon sind die Tendenzen klar und eindeutig: Es kommt mit Sicherheit zu einem Rückgang der christlichen Glaubensgemeinschaften, zu einer Zunahme der Muslime und insgesamt auch zu einer Zunahme der religiösen Pluralität. Das gilt nicht nur für Österreich, sondern gleichermaßen auch für Deutschland, die Schweiz, Frankreich und viele andere Staaten Europas.

3. Wachsende religiöse Pluralität – konkrete Konflikte

Die wachsende religiöse Pluralität ist ein Faktum. Unabhängig davon kann aber auch nach einer gesellschaftspolitischen Bewertung gefragt werden: Ist Pluralität ausschließlich Bereicherung oder ist Pluralität auch konfliktbeladen? Und wie sollen die öffentliche Hand und die Politik mit der wachsenden Pluralität umgehen?

Die erste und allgemeine Antwort lautet: Pluralität ist Bereicherung und kein Problem, wenn der Staat sich weiterhin religionsneutral verhält, wenn die Trennung von Staat und Kirche konsequent betrieben wird, und wenn sich die Religionsgemeinschaften bei den normativen Vorgaben zur Gestaltung des täglichen Lebens ihrer Gläubigen zurückhalten, insbesondere dann, wenn es zum Konflikt mit rechtlichen Grundsätzen kommen könnte. Oder umgekehrt formuliert: Wenn der Staat einzelne Religionen bevorzugt, die Trennung von Staat und Kirche unscharf werden lässt, und die Religionsgemeinschaften den einzelnen Gläubigen durch religiöse Vorgaben in Konfliktsituationen treiben, dann haben alle Beteiligte ein Problem. Religionsgemeinschaften würden nämlich dann zum Konfliktverursacher werden, weil sie kulturelle, moralische und vielleicht sogar rechtliche Normaussagen tätigen, die im Widerspruch zu Normaussagen des Staates oder der Mehrheitsgesellschaft stehen können. Dann entstehen Brüche und Konflikte, und religiös motivierte Konflikte zeichnen sich immer durch ein Übermaß an Irrationalität aus, wie die Geschichte und die Gegenwart zeigen.

Um diese allgemeine Antwort zu präzisieren, werden konkrete Beispiele nachgereicht, die der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in seinem Jahresgutachten von 2016 aufgearbeitet hat.

3.1 Glaubensloyalität versus Recht auf Wiederverheiratung

Ein Beispiel betrifft den berühmten Fall eines Chefarztes eines katholischen Krankenhauses, der im Jahr 2000 dort seine Stelle angetreten hat. Die Grundordnung des Dienstvertrages schrieb ihm die Anerkennung und Beachtung der Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre vor. Eine Kündigung aus kirchenspezifischen Gründen kann – so der Arbeitsvertrag – nur bei schwerwiegenden Loyalitätsverstößen gerechtfertigt sein. Ein solcher lag aus Sicht der Krankenhausleitung vor, als der Chefarzt nach erfolgter Scheidung seine neue Lebensgefährtin heiratete. Die Krankenhausleitung kündigte den Arbeitsvertrag. Dagegen klagte der Chefarzt und bekam vom Arbeitsgericht als auch vom Landgericht Düsseldorf Recht, das Bundesverfassungsgericht hob diese Entscheidungen 2014 jedoch wieder auf, mit der Begründung, die Vorinstanzen hätten sich nicht so detailliert mit dem kirchlichen Arbeitsverhältnis auseinandersetzen dürfen. Die Sache wurde vom Bundesverfassungsgericht an das Bundesarbeitsgericht zurückverwiesen, welches nun eine Überprüfung des Falles durch den EuGH fordert.

Die Kündigung und die schwierige Urteilsfindung sind für einen Nichtjuristen schwer nachvollziehbar. Es ist einzusehen, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eines katholischen Krankenhauses keine offene oder verdeckte Agitation gegen die katholische Kirche unternehmen dürfen – weder in der Dienstzeit noch in der Freizeit. Man würde es auch als eine Verletzung der Loyalität gegenüber dem kirchlichen Arbeitgeber empfinden, wenn der Chefarzt am Wochenende von Haus zu Haus geht und für die Zeugen Jehovas Werbung betreibt. Aber die eheliche Legitimierung einer Partnerschaft als Grund für die Kündigung zu sehen, nur weil es die zweite Ehe ist und er damit gegen die dogmatische Norm der Unauflöslichkeit der Ehe verstoßen hat, geht als Begründung wohl zu weit, weil es mit der eigentlichen Aufgabe eines Chefarztes in keinerlei Beziehung steht. Das weltliche Recht auf Wiederverheiratung gerät mit dem kirchlichen Arbeitsrecht in Konflikt, in so einem Fall könnte man für Mäßigung plädieren.

3.2 Kindeswohl versus elterliches Recht auf religiöse Prägung

Eine andere Sache, die in den vergangenen Jahren viel Staub aufgewirbelt hat, ist die Frage, wie weit das Recht auf religiöse Prägung von Kindern gehen darf. 2011 sind bei einem beschnittenen Jungen zwei Tage nach dem Eingriff Nachblutungen aufgetreten, die in der Kindernotaufnahme eines Krankenhauses behandelt werden mussten; dadurch wurde die Staatsanwaltschaft auf den Fall aufmerksam. Das damit befasste Amtsgericht sprach den Arzt, der die Beschneidung durchgeführt hat, zunächst frei. Die Staatsanwaltschaft legte gegen dieses Urteil Berufung ein und bekam vom Landgericht in Köln Recht. Das Gericht beurteilte das Verhalten des Arztes als rechtswidrig, ohne ihn aber zu bestrafen. Es lag ein sogenannter Verbotsirrtum vor. Der Fall reflektiert eine klassische Normkollision: das Recht auf körperliche Unversehrtheit und ebenso die negative Religionsfreiheit des Kindes auf der einen Seite und das Recht auf religiöse Erziehung des Kindes durch die Eltern auf der anderen Seite.

Das Kölner Urteil hat großes Aufsehen erregt. Jüdische und muslimische Gemeinden in Deutschland sahen dadurch die Grundlagen religiöser Lebensführung verletzt und wurden dabei von den christlichen Kirchen sowie von zahlreichen Verfassungs- und Kirchenrechtlern unterstützt. Begrüßt haben das Urteil neben humanistischen Gruppen vor allem Strafrechtler sowie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie. Die Bundesregierung hat wohl zu Recht die Büchse der Pandora rasch geschlossen und im Eilverfahren die Beschneidungserlaubnisnorm erlassen, wonach die Einwilligung zu »einer medizinisch nicht erforderlichen Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes« (nicht weiblichen Kindes, sic!) als Teil der Personensorge anzusehen ist, wenn sie »nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt« wird und das »Kindswohl« dadurch nicht gefährdet ist. Das ist für die Gegenwart ein vernünftiger Zugang, denn es hat Rechtssicherheit geschaffen und ein Zeichen der religiösen Pluralität gesetzt. Dennoch sind die Religionsgemeinschaften aufgerufen, auch jahrhundertealte rituelle Praktiken zu überprüfen, zu hinterfragen und vielleicht zu modifizieren. Sie werden es wahrscheinlich nicht tun, aber es wäre notwendig, denn das Rechtsempfinden in so einem konfliktären Fall kann sich auch wieder ändern.

3.3 Koedukativer Unterricht versus Geschlechtersegregation

Eine andere Konfliktsituation wird erwähnt, die aus dem schulischen Bereich stammt. Sie betrifft die bekannte Abmeldung der Töchter muslimischer Eltern aus religiösen Gründen vom gemischtgeschlechtlichen Sport- bzw. Schwimmunterricht. Die Eltern berufen sich dabei auf die Bekleidungsvorschriften des Korans, die Religionsfreiheit und das Erziehungsrecht der Eltern. Ein konkreter Fall ging bis zum Bundesverwaltungsgericht, das 2013 entschied, dass es einer 11-jährigen muslimischen Schülerin zuzumuten sei, wenigstens im Burkini am koedukativen Schwimmunterricht teilzunehmen. Es begründete diese Entscheidung damit, dass das Grundrecht der Glaubensfreiheit grundsätzlich keinen Anspruch darauf vermittelt, im Rahmen der Schule nicht mit Verhaltensgewohnheiten Dritter konfrontiert zu werden, die außerhalb der Schule und außerhalb der religiösen Gemeinschaft verbreitet sind. Das Gericht entschied sich dagegen, die Schule als eine Art »Biotop« zu definieren, in dem Kinder von den »Zumutungen des Alltags« (hier konkret: vom Anblick gleichaltriger Schüler in Badebekleidung) verschont bleiben sollten.

Toleranz und Respekt sollen – so der Tenor des Urteils – keine Einbahnstraßen sein und Pluralität heißt eben auch, Vielfalt in vielfältiger Richtung, auch in Richtung Mehrheitsgesellschaft, zu akzeptieren. Wer bei diesen und ähnlichen Konfliktsituationen auf der Strecke bleibt, sind die heranwachsenden Kinder, die zwischen den vermeintlich religiös motivierten Erziehungsansprüchen der Eltern und der sozialen Welt der Gleichaltrigen hin- und hergerissen werden. Ankommen in Deutschland oder Österreich heißt eben Grundsätzliches anzunehmen, und dazu zählt auch der koedukative Unterricht in den öffentlichen Schulen. Eltern sollten – so die Meinung des Autors –, unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung, dem Kind eine Chance auf eine von der Mehrheitsgesellschaft als normal erachtete Entwicklung geben.5

3.4 Neutralitätsgebot der öffentlichen Hand versus subjektives Religionsverständnis

Im letzten hier vorgestellten Beispiel für Normkonflikte geht es um die Kopftuch tragende Lehrerin. Hinter dem damit verbundenen Konflikt steht abermals die Abwägung unterschiedlicher Rechtsgüter, und zwar um das Ausleben des subjektiv empfundenen Religionsverständnisses und das Neutralitätsgebot der öffentlichen Hand im Mittelpunkt. Theologisch ist das Tragen eines Kopftuches nicht zwingend und daher auch kein Bestandteil einer objektiven Religionsfreiheit, sondern eines subjektiv empfundenen Religionsverständnisses.

Der Fall: Einer muslimischen Lehrerin und einer muslimischen Sozialpädagogin aus Nordrhein-Westfalen war es laut nordrhein-westfälischen Schulgesetzen untersagt, im Dienst ein Kopftuch (bzw. eine Mütze als Kopftuchersatz) zu tragen. Die Lehrerin bestand jedoch darauf und klagte. Der Konflikt wurde bis zum Bundesverfassungsgericht getragen, das in seinem Urteil keine generelle Gestattung religiös motivierter Bekleidungsformen im öffentlichen Dienst vorsieht. Damit besagt das Urteil nicht, dass das Tragen eines Kopftuches generell erlaubt wäre, es verbietet das Tragen aber auch nicht. Im Urteil wird ausgeführt, dass jene Bekleidung zu wählen ist, die auf substantielle oder auch nur potentielle Konfliktlagen in der Schule Rücksicht nimmt. Wenn Unfrieden droht oder eine Kopftuch tragende Lehrerin das Neutralitätsgebot verletzt, dann ist das Tragen eines Kopftuches nicht erlaubt, sonst schon. Zu entscheiden hat das die lokale Schulverwaltung.

Das ist ein unbefriedigendes Urteil, denn die Definition eines drohenden Unfriedens ist ausgesprochen unscharf. Unfrieden kann Unterschiedliches bedeuten und auch unterschiedliche Ursachen haben. Unfrieden kann aktiv durch schulinterne Umstände herbeigeführt werden, Unfrieden kann aber auch von außen in die Schule hineingetragen werden. Unfrieden kann vom Verhalten Dritter abhängig sein, die ihre Vorstellung vom »korrekten Erscheinungsbild« einer Lehrerin durchsetzen wollen, und jedes Mal verlangt das Gesetz eine Entscheidung von den für einen Schulstandort Verantwortlichen, was eine unglaublich schwierige Situation darstellt.

Es sollte wohl selbstverständlich sein, dass Lehrerinnen im nicht bekenntnisorientierten Unterricht auch aus Respekt dem säkularen Staat gegenüber in öffentlichen Schulen auf das demonstrative Tragen religiöser Symboliken verzichten, und dazu zählt auch das Kopftuch. Das religiös-weltanschaulich neutrale Auftreten und Verhalten der Repräsentanten des öffentlichen Dienstes ist ein hohes Gut des säkularen Staates und er kann zu Recht auf dessen Einhaltung pochen.

4. Die politischen Kernbotschaften

Was kann man aus der dargestellten demographischen Entwicklung und den Beispielen von Normkonflikten folgern? Vier Punkte erscheinen als Kernbotschaft zentral.

4.1 Österreich – multireligiös

Österreich wurde und wird säkularer und gleichzeitig auch multireligiöser. Die Bindungskraft der christlichen Kirchen, insbesondere der römisch-katholischen, ist zurückgegangen, der Anteil an Gläubigen und sich dazu auch Bekennenden geht zurück. Zugleich steigt der Anteil derjenigen, die religiös im Sinne eines »believing without belonging« sind. Menschen legen sich ihre Religiosität individuell zurecht, verzichten aber gleichzeitig auf eine institutionelle Bindung an eine Religionsgemeinschaft. Schließlich verbreitert sich durch Zuwanderung das Spektrum der christlichen Religionen (Orthodoxie) und der früher in Österreich kaum vertretenen Religionen (wie etwa der Islam) und verstärken damit die religiöse Pluralität.

4.2 Österreich – religionsfreundlich und religionsneutral

Österreich ist ein religionsfreundliches und religionsneutrales Land, und beides hat sich bewährt. Es ist religionsfreundlich, weil es grundsätzlich allen Religionsgemeinschaften die gleichen Möglichkeiten einräumt, sich im öffentlichen und auch im staatlichen Raum zu entfalten. Die öffentliche Hand finanziert den bekenntnisorientierten Religionsunterricht, die Theologieausbildung an staatlichen Universitäten und gewährt Mitspracherechte in zahlreichen öffentlichen Entscheidungsprozessen.

Weil Österreich auch ein religionsneutrales Land ist, kann diese Entfaltungsmöglichkeit in Zukunft nicht auf die christlichen Religionen oder sogar nur auf die römisch-katholische Kirche beschränkt bleiben. »Alle Rechte für alle Religionen« oder »keine Rechte für irgendeine« ist alternativlos, und weil Österreich den Religionen Rechte einräumt, müssen diese auf alle erweitert werden (»parity claims«). Ein islamischer Religionsunterricht in den Schulen und eine islamische Theologieausbildung an der Universität sind daher konsequente und folgerichtige Entwicklungen.

4.3 Grenzen der Anerkennung von religiös verankerter Verschiedenheit

Die Anerkennung von religiös verankerter Verschiedenheit hat aber auch ihre Grenzen. Und diese Grenzen sind durch die Normen der Verfassung und unseres Rechtssystems vorgegeben. Die Gewährung religiös motivierter Ausnahmeregelungen (»exceptions claims«) von diesen Normen ist kritisch zu prüfen, insbesondere dann, wenn die theologische Relevanz fraglich ist. Nicht alles, was religiös-theologisch aus der Sicht der Repräsentanten der Glaubensgemeinschaften wünschenswert erscheint, ist gleichzeitig auch gesamtgesellschaftlich akzeptabel.

Die Befreiung vom Schulunterricht aus mäßig überzeugenden, religiösen Gründen, die Kontrolle des religiös-konformen Verhaltens bei Arbeitnehmern kirchlicher Einrichtungen auch in der Freizeit oder die Abweichung vom Neutralitätsgebot im öffentlichen Dienst – sprich Kopftuch tragende Lehrerin – zählen dazu. Eine verstärkte gesellschaftliche Diskussion über Normkonflikte und deren mögliche rechtliche Lösungen ist noch zu führen, der österreichspezifische Bauplan einer multireligiösen Einwanderungsgesellschaft ist noch nicht abgeschlossen.

4.4 Religionsgemeinschaften: besondere Verantwortung

Für viele Menschen gibt ihre Religion Antworten auf letzte Fragen und hilft bei der Bewältigung der Ungewissheit von Gegenwart und Zukunft. Sie gibt darüber hinaus gerade Zugewanderten Halt und Orientierung und ist damit für Integration wichtig. Aber Religionen sollten die Menschen nicht immer wieder in Gewissenskonflikte bei der Bewältigung des Alltags stürzen. Es sollte möglich sein, dass ein muslimischer Lagerarbeiter eine Bierkiste einräumt, ohne in Gewissensnöte zu geraten, weil er mit Alkohol hantiert. Es sollte möglich sein, dass ein muslimisches Mädchen am Schwimmunterricht im Badeanzug teilnehmen kann. Es sollte klar sein, dass eine Lehrerin religiös-weltanschaulich neutral den Schülerinnen und Schülern gegenübertritt und es müsste gestattet sein, dass ein Mitarbeiter eines katholischen Krankenhauses eine zweite Ehe eingeht.

Religionsgemeinschaften tragen eine besondere Verantwortung, denn sie deuten und interpretieren jene Glaubensinhalte, die es den Gläubigen ermöglichen sollten, sich in einer religiös pluralen und säkularen Gesellschaft zurechtzufinden, ohne immer wieder in Glaubenskonflikte zu geraten. Das gilt insbesondere für die muslimischen Glaubensgemeinschaften. Die mitgebrachten religiösen Vorstellungen aus ihren Herkunftsstaaten können nicht eins zu eins übertragen werden, ein Zugehen auf die Aufnahmegesellschaft und gewisse Pragmatik ist einzufordern und sollte immer auch möglich sein, denn der Mensch und sein Wohlergehen sollen im Mittelpunkt stehen. Dass es in dem Bereich einen Nachholbedarf gibt, steht für den Autor dieser Zeilen außer Frage. Und man muss pragmatisch sein, denn eines ist klar: Gläubige und Nichtgläubige, Christen, Muslime, Juden und alle anderen Anhänger von Glaubensgemeinschaften müssen in einer pluralistischen und säkularen Gesellschaft zueinander finden und ihren Glauben in toleranter Weise praktizieren. Wenn sie das nicht tun, werden sie in fragwürdige Konflikte hineingezogen, bei denen keiner gewinnt, aber alle verlieren.

ÖFFENTLICHER
ABENDVORTRAG

Ist die Bibel ein europäisches Buch?

Eine Außenseiterperspektive1

Carl Stephan Ehrlich

Ich muss zugeben, dass ich etwas verblüfft war, als ich die Einladung zu dieser Tagung erhielt; denn ich bin weder Europäer noch evangelisch, nicht einmal Christ. Doch als man mir zusicherte, dass man mich genau deswegen einladen wolle, nämlich damit ich eine Außenseiterperspektive zur Geltung bringe, habe ich sofort zugesagt. Aber bin ich, obwohl ich Jude und Amerikaner bzw. Kanadier bin, wirklich ein Außenseiter im heutigen Rahmen?

Meine leider inzwischen verstorbenen Eltern2 waren gebürtige Wiener, die aus rassistischen bzw. antisemitischen Gründen aus ihrer Heimatstadt vertrieben wurden. Dennoch gelang es ihnen, in der Neuen Welt ein neues Leben aufzubauen. Allerdings, auch wenn man Menschen aus Europa vertreiben kann, bleiben sie in der europäischen Kultur im weitesten Sinne verwurzelt. So kam es, dass meine erste Sprache genau genommen das zu Hause gelernte Deutsch war und dass ich – wie mein Schwager es spöttisch nennt – in Wien am Connecticut River3 aufgewachsen bin, einem Fluss, den, wenn ich mich richtig daran erinnere, Heinrich Heine beschrieben hat, auch wenn er ihn nie zu Gesicht bekam. So spiegelt meine Herkunft die einseitige jüdische Liebesbeziehung zur europäischen Kultur – zur Kunst, Literatur und Musik –, aber leider nicht das Leben innerhalb der europäischen Kultur wider.

Im Laufe meines Lebens habe ich die deutsche Sprache mehrmals verlernt, nur um sie mir immer wieder neu anzueignen dank meiner vielen Aufenthalte im deutschsprachigen Raum. Und wäre ich nicht leidenschaftlicher Baseballfan und seit einem halben Jahrhundert verrückter Anhänger der Boston Red Sox, würde mich als gebürtigen Amerikaner kulturell kaum etwas von einem gebürtigen Europäer unterscheiden. Es könnte freilich sein, dass ich mich gerade deshalb als Außenseiter in der heutigen europäischen Gesellschaft erweise, weil ich versuche, in der Kultur europäischer als die Europäer zu sein.

Abb. 1a. Der Schülerausweis des Leonhard (später Leonard H.) Ehrlich. Er besuchte das jüdische Chajes-Realgymnasium in Wien.

Aber lassen wir die Frage der kulturellen Zugehörigkeit als unbeantwortbar beiseite! Nicht zu übersehen ist, dass ich als Jude »In diesen heil’gen Hallen« – wenn ich eine der großen Arien Sarastros aus dem zweiten Akt von Mozarts Zauberflöte zitieren darf – ganz folgerichtig eine Außenseiterperspektive einnehme. Allerdings stehe ich damit wohl nicht allein. Jedenfalls kann ich als Jude sehr gut das Lebensgefühl von vielen von Ihnen nachvollziehen, die als kleine evangelische Minderheit im überwiegend katholischen Österreich leben. Aber wir leben zugleich auch in einem Zeitalter der Ökumene, das die früheren innerchristlichen Religionskriege durch friedliche theologische Debatten abgelöst hat, eine begrüßenswerte Entwicklung, die sich in der modernen Welt auch auf die Beziehungen zu den Schwesterreligionen des Judentums und des Islams positiv auswirkt, und dies nicht nur in der europäischen Gesellschaft. Zwar sind sowohl der Dreißigjährige Krieg als auch die Schoah Vergangenheit, aber ihre Auswirkungen dauern weiterhin an.

Abb. 1b. Der Reisepass der Edith Schwarz (verh. Ehrlich). Während der NS-Zeit mussten alle jüdischen Mädchen den Mittelnamen Sara annehmen, so wie alle Jungen den Mittelnamen Israel als Kennzeichen haben mussten.

Nun komme ich endlich zu meinem vorgegebenen Thema: Ist die Bibel ein europäisches Buch? Die Frage scheint auf den ersten Blick einfach zu sein; aber sie ist vielschichtig und nicht leicht zu beantworten.

Erstens, was ist mit »Bibel« gemeint? Als Jude würde ich die Frage anders beantworten, als es evangelische Christinnen und Christen tun würden. Katholiken und Katholikinnen würden wiederum eine andere Antwort geben, nicht zu reden von den verschiedenen christlich-orthodoxen Konfessionen. Von welcher Bibel soll hier die Rede sein? Von meiner oder ihrer? Soll es um die Hebräische Bibel bzw. den Tanach gehen oder um eine Zusammenstellung von Altem Testament und Neuem Testament, oder gar um eine Bibel, die aus dem Alten Testament, dem Neuen Testament und den Apokryphen besteht?

Und zweitens, was ist Europa? Ist Europa ein Kontinent? Eine Kultur? Oder ein kulturgeschichtlicher und religiöser Bereich? Wie sollen wir Europa verstehen? Als einen geographischen Raum, als eine Idee oder als eine geschichtliche Größe?

Beginnen wir mit der Bibel bzw. dem Tanach. Für mich als Jude besteht sie aus vierundzwanzig Büchern, die in drei Teile unterteilt sind, nämlich in Tora, Newi’im und Ketuwim oder Pentateuch, Propheten und Schriften. Darunter ist der erste Teil der theologisch weitaus wichtigste, da die Tora mit ihren sechshundertdreizehn Geboten als Quelle für das jüdische Leben und seine Praxis dient. Es ist auch die Tora, die auf Schriftrollen in der Synagoge zu finden ist und deren Lesung im Wochentakt im Mittelpunkt des synagogalen Gottesdienstes steht.4

Die Stellung des sogenannten Alten Testaments im Christentum ist eine andere.5 Erstens wird die Sammlung der Bücher, die die jüdische Gemeinde als vierundzwanzig zählt, in der evangelischen Kirche als neununddreißig gerechnet.

Zweitens befinden sich die Bücher des Alten Testaments zum Teil in einer anderen Reihenfolge als im Tanach.6 7