Herbergen der Christenheit

Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte

Herausgeber und Redaktionsbeirat:

Markus Hein
mit Michael Beyer, Volker Gummelt, Wolfgang Krogel, Martina Scholz,
Susanne Böhm und Christoph Werner

Sonderband

25

Die Leipziger Disputation von 1519

Ein theologisches Streitgespräch und seine Bedeutung
für die frühe Reformation

Herausgegeben von
Markus Hein und Armin Kohnle

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© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Coverbild: aus Gustav König, Dr. Martin Luther, der deutsche Reformator. In bildlichen Darstellungen, Stuttgart

Layout und Satz: Institut für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06246-1

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Irene Dingel

Die Leipziger Disputation 1519 in ihrem historischen Kontext Verfahren – Realisierung – Wirkung

Armin Kohnle

Die Leipziger Disputation und ihre Bedeutung für die frühe Reformation

Markus Hein

Die Leipziger Disputation in der Forschung

Christian Winter

Die Protokolle der Leipziger Disputation

Axel Noack

Der Ort der Disputation – die Pleißenburg

Enno Bünz

Territorium – Stadt – Universität

Das Umfeld der Leipziger Disputation 1519

Heiko Jadatz

Herzog Georg von Sachsen und die Leipziger Disputation

Helmar Junghans†

Martin Luther und die Leipziger Disputation

Stefania Salvadori

Andreas Bodenstein von Karlstadt und die Leipziger Disputation

Johann Peter Wurm

Johannes Eck und die Disputation von Leipzig 1519

Vorgeschichte und unmittelbare Folgen

Markus Cottin

Das Bistum Merseburg zur Zeit der Leipziger Disputation

Volker Leppin

Papst, Konzil und Kirchenväter

Die Autoritätenfrage in der Leipziger Disputation

Michael Beyer

Luthers Erinnerungen an die Leipziger Disputation

Christoph Volkmar

Von der Wahrnehmun des Neuen

Die Leipziger Disputation in den Augen der Zeitgenossen

Doreen Zerbe

Bilder der Leipziger Disputation

Christoph Münchow

Die Leipziger Disputation und die Ökumene heute

Autorenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

Endnoten

Vorwort

Am 27. Juni 2019 jährt sich der Beginn der Leipziger Disputation zum 500. Mal. Das Streitgespräch zwischen Martin Luther, Andreas Bodenstein von Karlstadt und Johannes Eck, das im Sommer 1519 in der Hofstube der herzoglichen Burg zu Leipzig durchgeführt wurde, war eine Etappe in der frühen Reformationsgeschichte. Luther wurde sich seiner Distanz zur spätmittelalterlichen, im Papsttum gipfelnden römischen Kirche in Leipzig erst richtig bewusst. Sein Gegner Johannes Eck war nach Leipzig erst recht überzeugt, in Luther einen hussitischen Ketzer entlarvt zu haben, den man aus der Kirche ausschließen musste. Dafür setzte er sich in den Monaten nach Beendigung der Disputation mit aller Kraft ein.

Abb. 1: Erinnerungsort zur Leipziger Disputation am Neuen Rathaus (siehe auch unten S. 60)

Ob ein solches Ereignis, das eher für Entfremdung als für Annäherung steht, ein Anlass zum Feiern ist, steht dahin. Wer kein Jubiläum begehen will, wird aber zumindest zugeben müssen, dass die knapp drei Wochen, die man in Leipzig mit dem Austausch von Argumenten verbrachte, für die Entwicklung von Luthers Denken über die Kirche und für den Verlauf der frühen Reformationsgeschichte einen solch hohen Stellenwert haben, dass sie nicht vergessen werden dürfen. Seit Mai 2017 erinnert die Stadt Leipzig an der Ostseite des Neuen Rathauses mit Portraitplaketten Martin Luthers und Johannes Ecks sowie mit einem erläuternden Schriftband an den Ort und die Bedeutung der Disputation.1 Im selben Jahr wurde im Nordflügel des Alten Rathauses eine Ausstellung zur Leipziger Disputation eröffnet.2 Hat die Disputation in der Erinnerungskultur der Stadt Leipzig damit ihren Platz gefunden, sind wissenschaftliche Untersuchungen nach wie vor selten. 2009, zehn Jahre vor dem runden Jubiläum, fand deshalb im Ratsplenarsaal des Neuen Rathauses ein Arbeitsgespräch von Historikern unterschiedlicher Disziplinen statt, um eine solide Basis für eine neue Beschäftigung mit der Disputation zu legen. Die Ergebnisse dieses Arbeitsgesprächs wurden in einem Band dokumentiert, der seither zum Referenzwerk für die Thematik geworden ist.3 Dieser Band ist jedoch seit längerem vergriffen.

Deshalb entschlossen sich die Herausgeber zu einer Neuausgabe des Bandes von 2011 unter leicht verändertem Titel. Obwohl sich die Forschungslage inzwischen kaum geändert hat, kam ein bloßer Wiederabdruck nicht in Frage. Lücken, die damals bleiben mussten, sollten unbedingt geschlossen werden. Als besonders schmerzlich wurde das Fehlen eines Beitrags zur Rolle Karlstadts während der Disputation empfunden. Inzwischen wird an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen jedoch die kritische Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Karlstadts erarbeitet, die in Band 2 der gedruckten Version auch die Texte zur Leipziger Disputation enthalten wird.4 Die Bearbeiterin, Stefania Salvadori, hat sich dankenswerter Weise bereit erklärt, für den vorliegenden Band einen Beitrag zu Karlstadt beizusteuern. Eine Fehlstelle war im Jahr 2011 auch ein Beitrag zum Disputationswesen um 1500. Für die Neuausgabe ist es gelungen, mit dem Beitrag von Irene Dingel auch diese wichtige Thematik abzudecken. Beiden Verfasserinnen sei an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt. Unser Dank gilt aber auch den Beiträgerinnen und Beiträgern, die schon am Arbeitsgespräch von 2009 teilgenommen und ihre Referate für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hatten. Sie alle waren bereit, ihre damaligen Aufsätze noch einmal durchzusehen und zum Teil erheblich zu überarbeiten.

Für Druckkostenzuschüsse danken wir der Arbeitsgemeinschaft für Sächsische Kirchengeschichte und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Der Beirat der Herbergen der Christenheit hat der Aufnahme des Bandes in die Reihe der Sonderbände zugestimmt. Auch dafür sagen wir herzlichen Dank.

Leipzig, im Juni 2019

die Herausgeber

Die Leipziger Disputation 1519 in ihrem historischen Kontext

Verfahren – Realisierung – Wirkung

Von Irene Dingel

Vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit hinein war die Disputation1 die wichtigste Art des akademischen Diskurses an den Universitäten.2 Formen und Verfahrensweisen des Disputationswesens jedoch waren vielfältig. Neben disziplinären und regional-institutionellen Varianten existierten funktionale Unterschiede. Dies zeigt sich z.B. in dem Nebeneinander von Disputationen, die ihren Ort im universitären Lehrbetrieb hatten, und solchen, die die Möglichkeit freier Themenwahl boten. Erst im Zuge des 17. Jahrhunderts entstanden Disputationshandbücher, die eine umfassende Normierung von Verfahren und Methodik in Gang setzten. Die in der disputatio ursprünglich angelegte Variationsbreite aber begünstigte eine Weiterentwicklung, die auch die nicht-akademische Öffentlichkeit einbezog, bis hin zur kommunikativen Form des Religionsgesprächs, die sich im 16. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Zwar hatte es auch im Mittelalter eine vergleichbare Art des Argumentenaustauschs gegeben, aber im Zeitalter der Reformation gewann die »Disputation«, das »Kolloquium« bzw. das Religionsgespräch als innerchristliches Phänomen eine neue Dimension.3 Denn den Beteiligten ging es im Allgemeinen um zweierlei: Wahrheitsfindung und Definition eines religiösen Grundkonsenses. Nie zuvor hatte man so große Erwartungen und Hoffnungen in Formen von disputativer Auseinandersetzung und Gespräch gesetzt wie in der Frühen Neuzeit. Man kann zu Recht die Frage stellen, ob diese Hoffnungen nicht letzten Endes stets enttäuscht wurden. Tatsache aber ist, dass im 16. Jahrhundert der Disputatio und allen von ihr abgeleiteten Gesprächsformen als Motor für interne und öffentliche Meinungsbildung ein nicht zu unterschätzender Stellenwert zukam. Dahinter steht eine Entwicklung, die vom Lehrformat spätmittelalterlicher Universitäten bis hin zu einem entscheidenden Paradigmenwechsel in der Leipziger Disputation von 1519 reichte und schließlich dem späteren reichspolitischen Instrument des Religionsgesprächs den Weg ebnete. Dieser Beitrag versucht, diese Entwicklung zu skizzieren und dabei die ars disputandi in den Mittelpunkt zu stellen. Er beginnt mit einer kurzen Orientierung über die Disputation als Form des akademischen Diskurses, fährt fort mit einigen Überlegungen zu Verfahren und Ziel der Disputation und wendet sich dann dem in der Leipziger Disputation sich vollziehenden Wechsel zu, der auf reformatorischer Seite dazu führte, dass man die für akademische Disputationen typische syllogistische Argumentationsweise – vorübergehend4 – außer Kraft setzte.

Die Disputation als Form des akademischen Diskurses

Die Disputation gilt unbestritten als »Leitmedium universitärer Wissenskultur«5 schlechthin. Neben der Vorlesung war sie die »zweite, entscheidende Form der Vermittlung akademischer Lehre«.6 Bereits seit dem Mittelalter waren die Unterrichtsformen disputatio und lectio an Hohen Schulen und Universitäten verbreitet. Bis heute werden sie im universitären Betrieb gepflegt, allerdings in abgewandelter Form.7 Was die Vorlesung angeht, so sind Kontinuität und Wandel offensichtlich; anders verhält es sich bei der Disputation. Hier erschließen sich die Kontinuitäten erst bei genauerer Betrachtung. Im engen Sinne begegnet sie heute nur noch in der Promotionsdisputation, in einem weiteren Sinne aber durchaus auch im Seminargespräch, das sich an Referat und evtl. Korreferat anschließt, die verhandelten Themen vertieft und Problemstellungen einer Lösung zuführt. Unter dieser Perspektive sind die Kontinuitäten der Lehrformate größer als man es vermutet haben mag, denn auch in Mittelalter und Früher Neuzeit bewegte sich die Disputation in ähnlich weiten Realisierungsspielräumen. Rhetorische und wissenschaftsgeschichtliche Forschungen haben aufgezeigt, dass die Disputation als pädagogisches Medium, als Lehrmethode, als Forschungszugang und Übung zugleich dienen konnte. Sie war daher für den akademischen Unterricht nicht nur zentral, sondern auch universal einsetzbar. In der Vielfalt ihrer Typen war die Disputation in der Universität regelrecht ubiquitär.8 Aus dem 13. Jahrhundert ist eine Definition belegt, die die distinktiven Kriterien der Disputation umreißt. Sie stammt von dem Logiker Petrus Hispanus. Im 6. Traktat seiner Summulae Logicales, einem Kompendium der Logik, dessen Bestandteile er um 1240 verfasst hatte, führte er aus:

»Die Disputation ist eine syllogistische Handlung des einen gegenüber dem anderen zum Zweck des Beweises einer Behauptung. Nun ist aber zu einer Disputation fünferlei erforderlich: jener, von dem die Handlung des Disputierens ausgeht, nämlich der Opponent, sodann derjenige, auf den die Handlung des Disputierens gerichtet ist, nämlich der Respondent, ferner die Behauptung selbst, über die disputiert wird, ebenso die Handlung des Disputierens selbst, schließlich das Werkzeug der Disputation.«9

Die so abgesteckten Koordinaten, zu denen die Akteure, Opponent und Respondent, die zu verhandelnde These, d.h. die propositio, schließlich das Verfahren und die Methodik, nämlich das syllogistische Argumentieren, gehörten, gewähren einen Blick auf die Disputation in »Reinkultur« bzw. auf die ideale Form. Der aktivere Part kam offenbar dem Opponenten zu, der die vom Respondenten zu verteidigende Behauptung mit Hilfe rhetorischer Technik auf den Prüfstand stellte, in Zweifel zu ziehen und zu widerlegen suchte. Ursprünglich entfaltete sich die ars disputandi im Überschneidungsbereich von Logik und Rhetorik. Aber durch die allmähliche Herausbildung von Regeln und Normen emanzipierte sich diese »Kunst« im Laufe der Zeit von diesen beiden Disziplinen und errang einen selbstständigen Stellenwert. Dieser Entwicklungsprozess erreichte im 17. Jahrhundert im Zuge der Wiederaufnahme der Aristotelischen Logik in Schulen und Universitäten seinen Höhepunkt, und zwar mit dem Erscheinen von Lehr- und Handbüchern zur Disputierkunst und -theorie. Unter den Autoren befinden sich u. a. die Theologen Johann Conrad Dannhauer und Abraham Calov mit ihren Werken »Idea boni disputatoris«, Straßburg 1629, und »De methodo docendi et disputandi«, Rostock 1637.10 Das Handbuch Dannhauers scheint besonders einflussreich geworden zu sein. Hier wurde nicht nur eine lange akademische Praxis kodifiziert, sondern auch eine Parallele zwischen dem Verfahren der Disputation und rechtlich-gerichtlichen Verhandlungen aufgezeigt. Auch Calov griff dies auf. Jetzt wurde festgeschrieben, was lange Praxis war, nämlich dass der Opponent die Beweislast zu tragen habe; der Respondent lediglich die Argumente des Opponenten auflösen müsse, indem er aufzuzeigen habe, dass die Dinge auch anders sein könnten. Man legte auch fest, dass zuvor ein Beweisstandard zu definieren sei, dem der Opponent gerecht zu werden habe und legte in einem status controversiae Inhalte und anzuwendende Prinzipien dar.11 Damit begann die Normierung des Disputationsverfahrens. Bis dahin aber war die Disputatio eine freie Form, die allen Beteiligten große Gestaltungsspielräume ließ.

Angesichts dieser komplexen und schwer zu greifenden Sachlage sind die Forschungen zum Disputationswesen nach wie vor relativ begrenzt. Im Jahre 2005 stellte der Germanist und Mediävist Hanspeter Marti fest:

»Die Erforschung des nachmittelalterlichen Disputationswesens steht für alle europäischen Länder erst am Anfang. Daher ist auch die Geschichte der frühneuzeitlichen disputatio für die deutschsprachigen Länder noch immer nicht geschrieben«.12

Selbst wenn die Beschäftigung mit diesem Thema durchaus nicht abgerissen ist und zahlreiche neuere Publikationen erschienen sind, so kann dieser Befund auch heute, über ein Jahrzehnt später, durchaus noch eine gewisse Aktualität beanspruchen. An der Forschungslage hat sich nämlich seitdem nicht sehr viel geändert. Auch aus theologischer Perspektive besteht durchaus noch Systematisierungs- und Klärungsbedarf.

II Verfahren und Ziel der Disputation

Die Vorstellung, »dass es einmal, tief im Mittelalter, eine einzige Disputationsform gegeben habe«, ist Illusion, so stellen Marion Gindhart und Ursula Kundert in ihrer Einleitung zu dem Sammelband »Disputatio 1200-1800« fest.13 Es habe sowohl fachliche als auch regionale Unterschiede gegeben, Varianten, die von der »obligatorischen Lehrform bis zur Forschungsmethode« reichten, sowie eine Ausrichtung an den unterschiedlichsten Zwecken, angefangen bei privater Forschung bis hin zu schriftlicher Polemik.14 Hinzu komme eine mediale Vielgestaltigkeit der Disputation, die sich zwischen der ritualisierten Veranstaltung einerseits und der reinen Textgattung andererseits bewegt. Zwischen diesen beiden Polen entfaltete sich die Disputation in einem großen Variantenspektrum, was ihr wiederum eine bemerkenswert breite Wirkung ermöglichte. Allein von diesen Ausgangsbedingungen her war die Disputation dafür geeignet, den akademischen Raum zu überschreiten, über den Kreis der lateinisch-sprachigen Gebildeten hinaus zu wirken und sowohl in ritualisierten, öffentlichen Veranstaltungen wie Religionsgesprächen, aber auch in Scherzdisputationen, die sich beide der Volkssprache bedienten, das einfache Volk, Männer und Frauen gleichermaßen, zu erreichen.15

Als zweifellos »wichtigste Form des akademischen Diskurses«16 blieb die Disputation jedoch zugleich in die Wissenschaftskulturen jener Institutionen und Disziplinen eingebunden, in denen sie gehalten wurde. Disputationsverfahren verliefen im Allgemeinen in Übereinstimmung mit den Regeln und Gebräuchen, die an den jeweiligen Institutionen etabliert waren.17 Standard war18 – in Übereinstimmung mit der bereits angesprochenen Definition des Petrus Hispanus –, dass der Respondent, auch Proponent oder Defendant genannt, Thesen / propositiones zu formulieren und der Opponent Argumente zu finden hatte, um den Thesen zu widersprechen bzw. sie zu widerlegen. Dazu bediente er sich im Allgemeinen der Methode des Syllogismus. Der Respondent seinerseits hatte auf jede Prämisse, mit der der Opponent entgegnete, zu reagieren, indem er entweder der Prämisse zustimmte, sie ablehnte oder differenzierte. Die Rolle des Praeses dagegen scheint auf eine kurze Eröffnung, die Supervision des Verfahrens und eine knappe Conclusio am Ende beschränkt gewesen zu sein.19 In besonders wichtigen Disputationen traten auch mehrere Respondenten und Opponenten auf. Die Disputationsgegenstände konnten ganz unterschiedlicher Natur sein. Im akademischen Lehrbetrieb war dies u. U. eine Frage, die sich aus einer Textlektüre, aus auftretenden Widersprüchen oder gegensätzlichen Interpretationen ergab. Die Disputation zielte deshalb darauf, eine zutreffende Antwort, wenn nicht sogar die Wahrheit schlechthin zu finden,20 zumindest aber Deutungshoheit über ein Problem zu beanspruchen und auszuüben.21 Vom Mittelalter an bis in die Frühe Neuzeit hinein war man überzeugt davon,

»dass argumentative Auseinandersetzung ein agonal organisiertes Verfahren ist, das auf die eindeutige Klärung eines Sachverhalts durch Bestätigung oder Verwerfen einer These abzielt. Ziel ist die eindeutige Entscheidung darüber, ob eine These allen erdenklichen Angriffen standhalten kann und damit gilt. Auf die Kontrahenten gewendet bedeutet dies, dass Sieg oder Niederlage die zwei Perspektiven des Ausgangs sind – und nicht etwa Konsens oder Kompromiss.«22

Die Übernahme der Funktion des Respondenten oder derjenigen des Opponenten geschah dabei unabhängig von der jeweiligen persönlichen Überzeugung. Dies scheint auch im 16. Jahrhunderts durchaus noch die Regel gewesen zu sein. Jedenfalls belegt dies der Fall einer Disputation an der Universität Wien, in den der Ingolstädter Professor Johannes Eck im Jahre 1516 gleich mehrfach involviert war. Die Geschichte, die hier kurz erzählt werden soll, wirft zudem ein Schlaglicht auf die damalige Disputationspraxis und ist auch insofern aufschlussreich: Eck wollte in Wien über die Zinsbelastung von Grundstücken disputieren, nachdem man es ihm nicht gestattet hatte, dieses Thema in Ingolstadt zu verhandeln, und nachdem eine von ihm geführte Disputation dazu in Bologna keinen klaren Ausgang erbracht hatte. Da ein Ingolstädter Kollege Ecks, der Jurist Franz Burckhart, aus anderen Gründen nach Wien reisen musste, entschloss sich Eck, ihn zu begleiten, um dort sein Thema, an dem ihm offenbar sehr gelegen war, zu präsentieren. Am 26. Juli 1516 kam er in Wien an. Über den Hergang der Dinge berichtete er später selbst in einem Brief an den Bischof von Eichstätt, Gabriel von Eyb, der ihm die Disputation über die Zins-Thematik seinerzeit in Ingolstadt untersagt hatte.23 Daher wissen wir, dass es Eck nach einigem Hin und Her tatsächlich gelang, in Wien die Erlaubnis zur Disputation zu erhalten, allerdings gebunden an die Auflage durch die dortige Theologische Fakultät, nicht nur den einen, sondern mehrere Vorschläge für eine Disputation einzureichen. Die Fakultät behielt sich nämlich vor, Thesen abzulehnen oder auch abzuändern. Von den drei Themen, die Eck benannte – eines die Trinitätslehre, ein weiteres die Engellehre betreffend und schließlich das Problem von Zinsgeschäften24 – wurde nun gerade nicht jenes gewählt, das ihm am Herzen lag, die Zinsthematik. Vielmehr entschied man, dass Eck – in Anlehnung an seinen ersten Vorschlag – über die Menschwerdung Christi und die Sakramente zu disputieren habe. Daraufhin erstellte Eck zügig Thesen, die ebenso zügig gedruckt und am darauffolgenden Sonntag vom Pedell verteilt wurden. Am 18. August 1516 fand die Disputation unter dem Vorsitz des Juristen Georg Besserer statt und verlief, nach dem Bericht Ecks, zu seiner vollen Zufriedenheit: »Die Doktoren, meine sehr verehrenswerten Lehrer, opponierten bescheiden, gelehrt und wohl unterrichtet gegen unsere Thesen, die sie, als ich die Einwände zurückwies, wiederum angriffen; und so dauerte die Disputation, die auf höchstem Niveau und mit großer Gelehrsamkeit geführt wurde, den ganzen Vor- und Nachmittag, so daß dieser gelehrte Wettstreit für jeden Gebildeten ein wahres Vergnügen sein mußte«.25

Das Verfahren hatte aber noch ein Nachspiel, das in eine weitere Disputation mündete. Denn am Vortag des 18. August waren anonym verfasste Thesen gegen Eck angeschlagen worden. Die Fakultät bestimmte daraufhin einen Kollegen (Ruprecht Hodel), am darauffolgenden Tag in die Rolle des Respondenten zu schlüpfen und diese anonymen Thesen zu vertreten. Der Kollege aber erwies sich als argumentativ so schwerfällig, dass Eck selbst den Part des Respondenten übernahm, also die gegen ihn gerichteten Thesen verteidigte, um sich dabei zugleich über seinen anonymen Gegner lustig zu machen und ihn als Dilettanten im Disputationsgeschäft zu diskreditieren. Denn – so Ecks Vorwurf an den anonymen Verfasser der Thesen – er gebe sich offenbar der irrigen Meinung hin, dass sich der Respondent mit seinen Thesen stets auch persönlich identifiziere. »Ich stieg in die Disputation ein, indem ich einiges über die Schlußfolgerungen dieser Thesen anmerkte, besonders gegen den lächerlichen Verfasser dieser Thesen, weil er in kindischer Art meinte, ich hielte alles für wahr, was ich in der Disputation ausgesprochen, und als wären das meine eigenen Ansichten, denn er wußte ja eigentlich schon am Anfang meiner Thesen, daß ich diese Paradoxa bloß zur Übung in der Disputation [exercitii gratia] vorgebracht hatte. Es war also diesem unwissenden Thesenschreiber die akademische Sitte unbekannt, daß zur Schärfung des Verstandes in Disputationen manchmal Schlüsse vorkommen, die dem Hergebrachten widersprechen, ja oft sich selbst entgegenstehen.«26

Nun ist zwar bekannt, dass Eck gerade im Blick auf die Zinsthematik auch eine eigene Position vertrat und mit den von ihm angeregten Disputationen erhärten wollte, aber seine Stellungnahme ist dennoch ein glaubwürdiger Beleg für die gängige Disputationspraxis, auch wenn die Veranstaltung vom Format her von der üblichen disputatio ordinaria abwich. Aussagekräftig ist diese Geschichte also zum einen, weil sie Einblick gibt in die unterschiedlichen fakultären Regularien, die mit der Veranstaltung einer Disputation verbunden sein konnten, zum anderen, weil sie die spontanen Realisierungsmöglichkeiten belegt, und zum dritten, weil sie die Frage nach der Identifikation des Respondenten mit den zu verhandelnden Positionen beantwortet – sie ist keineswegs vorauszusetzen; im Gegenteil. Der Respondent genoss die volle Freiheit des Experimentierens. Weiterhin ist wichtig zu sehen, dass es bei einer Disputation nicht um die Konfrontation von Thesen und Gegenthesen und ein schlichtes Gegeneinander von pro und contra, sondern um ein argumentatives Abarbeiten von – in diesem Falle – zwei verschiedenen Thesenreihen ging, die zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten, nämlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, verhandelt wurden. Man stritt dabei über die Angriffe und Argumente des Opponenten; sie zu entkräften war die Aufgabe des Respondenten, z.B. indem er seinem Gegner formale Fehler nachwies oder seine Argumentation mithilfe syllogistischen Geschicks ad absurdum führte. Die Rolle des Opponenten war also sehr anspruchsvoll. Er hatte ad hoc gute Argumente gegen die vorliegenden Thesen beizubringen, die der Respondent ebenfalls mit Hilfe syllogistischer Fertigkeit zurückzuweisen hatte. Beweise für die eigenen Thesen vorzulegen war nicht die Aufgabe des Respondenten und gehörte nicht in den regulären Ablauf der Disputation.27

III Der Weg in die Öffentlichkeit – die Leipziger Disputation im Kontext des III Disputationswesens des frühen 16. Jahrhunderts

Einen ausschnitthaften Einblick in das frühneuzeitliche Disputationswesen geben die Statuten der Theologischen Fakultät der Universität Wittenberg aus dem Jahr 1508. Sie sehen drei Arten von Disputationen vor: zunächst Ordentliche Disputationen (= publice, solenniter et ordinarie), die jeder Professor einmal im Jahr halten sollte. Hinzu kamen die Zirkulardisputationen, die einmal wöchentlich in geschlossenem Kreis stattfanden. Die Zahl der Teilnehmer war festgesetzt; vermutlich fanden sie halböffentlich statt. Hier handelte es sich also um in gewissen Zyklen regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen. Und schließlich gab es die Prüfungsdisputationen (disputationes examinatoriae),28 zu denen insbesondere die Promotionsdisputationen (pro gradu) zu rechnen sind.29 Der Verfasser der Thesen, die einer solchen Disputation zugrunde zu legen waren, war meist der Praeses, aber der zu promovierende Kandidat konnte durchaus daran beteiligt sein.30 Aus Disputationseinladungen geht hervor, dass im allgemeinen eine Woche vor dem angesetzten Zeitpunkt eine Einladung erging, die sowohl den Termin als auch den Vorsitzenden und den Kandidaten benannte, der als Proponent bzw. Respondent die Thesen gegen den oder die Opponenten zu verteidigen hatte.31 Daneben bestand selbstverständlich die Möglichkeit, auch außerhalb der so definierten Grundformen eine außerordentliche Disputation anzuberaumen. Die 95 Thesen Luthers von 1517 sollten einer solchen freien, aus den üblichen fakultären Regularien heraustretenden Form einer Disputation zugrunde liegen. Bekanntlich kam die beabsichtigte Veranstaltung nicht zustande. Aber auch ohne das Disputationsverfahren erlangen die 95 Thesen einen bis dahin für vergleichbare »propositiones« ungewöhnlichen Verbreitungsgrad und überschritten damit die Grenzen des universitären Bereichs. Ihre zahlreichen Nachdrucke und Übersetzungen in die Volkssprache sorgten dafür, dass sie auch in nicht-akademischen Kreisen rezipiert wurden.32 Damit hatte eine akademische Kommunikationstechnik den Weg in den Raum der nicht-akademischen Öffentlichkeit gefunden.

Abb. 2: Titelblatt von Des Newen Bischofs zu der Lochaw disputation …, 1522

Noch deutlicher wird dies bei der Leipziger Disputation von 1519. Auch sie überschritt die Grenzen des akademischen Raums und entwickelte sich tatsächlich zu einer prominent besuchten, öffentlichen Veranstaltung. Hier etablierten sich zudem Verfahrensweisen, die man in den späteren Religionsgesprächen33 aufgriff und praktizierte. Interessant ist, wie sich in der Vorgeschichte der Leipziger Disputation von 1519 das Verfahren der Universitätsdisputation, hier der disputatio examinatoria, und dasjenige der außerordentlichen Disputation, der disputatio extraordinaria, miteinander zu verschränken begannen bzw. wie die eine aus der anderen hervorging. Dazu ist ein kurzer Blick auf Vorgeschichte und Abläufe34 aufschlussreich: Im Juni 1518 ließ Andreas Bodenstein von Karlstadt als Professor der Wittenberger Theologischen Fakultät 370 Thesen drucken, die sukzessive den unter seinem Vorsitz veranstalteten disputationes pro gradu zugundeliegen sollten.35 Sie waren u.a. gegen Ecks Obelisci gerichtet und sollten dem Erwerb eines theologischen Grads dienen. So trat am 14. Mai 1518 z. B. Nicasius Claji aus Herzberg als Respondent, d. h. Verteidiger eines Teils dieser Thesen auf, um den Grad eines Baccalaureus Biblicus zu erwerben. Am 7. Juli 1518 war es Bartholomäus Bernhardi aus Feldkirch, der mittels neu von Karlstadt auf die Obelisci zugeschnittener und zuvor angeschlagener Thesen »pro formatura« disputierte, um damit den dritten theologischen Grad nach dem Baccalaureus Biblicus und dem Sententiarius zu erwerben.36 Aber nun meldete sich auch Eck selbst zu Wort und ließ am 14. August in Augsburg Gegenthesen drucken.37 Schon zu jenem Zeitpunkt brachte er eine Disputation als Lösungs- und Schiedsinstanz für die Auseinandersetzung zur Sprache, und auch Luther, der sich damals vor Cajetan in Augsburg zu verantworten hatte, wurde nun von Eck angesprochen. Dass Luther der eigentliche Gegner Ecks war, legte dieser später mehr als deutlich offen, indem er an ihn schrieb: »Vides ex scheda disputatoria me non tam contra Bodenstein quam contra tuas doctrinas propositiones posuisse«.38 Während Eck, Luther und Karlstadt noch über einen möglichen Veranstaltungsort der avisierten Disputation verhandelten – zur Debatte standen Rom, Paris, Köln, sodann Erfurt und Leipzig – entspann sich zwischen ihnen eine schriftliche Kontroverse, die aus dem Wechsel von Thesen und Gegenthesen bestand. Potenzielle Disputationsthesen erhielten auf diese Weise den Rang von Streitschriften, die durch ihre lateinische Sprache jedoch immer noch dem akademischen Raum verhaftet blieben.39

Die Leipziger Disputation begann schließlich am 27. Juni 1519. Dass es sich um eine aus dem Rahmen der typisch innerakademischen Disputationen heraustretende Veranstaltung handelte, wird allein schon an verschiedenen äußeren Merkmalen deutlich. Zum einen ist zu beachten, dass der Veranstaltungsort nicht die Universität, sondern das herzogliche Schloss war. Die Theologische Fakultät der Universität Leipzig hatte nämlich das Disputationsgesuch Ecks und Karlstadts, zum Ärger Herzog Georgs, abgelehnt. Zwar nötigte der Herzog ihr noch nachträglich eine Zustimmung ab, konnte die Veranstaltung aber letzten Endes nur aufgrund obrigkeitlicher Machtvollkommenheit durchsetzen. Denn auch der zuständige Bischof, Adolf von Merseburg, stärkte der Fakultät durch ein kirchliches Verbot der Disputation den Rücken. Grund war, dass die für die Kontrahenten zuständige Jurisdiktions- und Lehrgewalt, die letzten Endes beim Papst und seinen Beauftragten gelegen hätte, nicht gegeben und nicht erreichbar war, um zu einem Schiedsspruch zu gelangen.40 Auf diese Weise rückte eine weltliche Obrigkeit in die Rolle des verantwortlichen Veranstalters; einen Schiedsspruch erhoffte man – auf Vorschlag Luthers – von den Universitäten Erfurt und Paris.41 Zum anderen gewann die Disputation einen bis dahin ungewöhnlichen Öffentlichkeitscharakter, indem sie nicht nur akademische Repräsentanten der Universitätsdisziplinen, akademische Würdenträger und Studenten versammelte, sondern auch Vertreter des Hofes und hohe Beamte in militärischer Begleitung. Petrus Mosellanus qualifizierte sie in seiner Eröffnungsrede als »Leute, die wegen ihres Ansehens und ihrer Gelehrsamkeit hochberühmt sind«, und sie kamen »ein jeder mit seinen Kriegsleuten«.42 Wenn man ihm Glauben schenken darf, muss es sich bei der Leipziger Disputation um eine elitäre Massenveranstaltung gehandelt haben.

»Es befindet sich hier der durchlauchtigste Prinz von Pommern, Barnim, der Zeit Rector der Wittenbergischen Schule; wohl recht Magnificus. Es sind hier unseres herzoglichen Hofes hohe Beamte, Leute, die sowohl groß sind durch adeliges Herkommen, als hervorragend durch ausnehmende Klugheit, die unsern abwesenden durchlauchtigsten Fürsten Georg durch ihre Gegenwart vertreten. Es sind auch hier der hochansehnliche Rector dieser unserer berühmten Universität. Ihr seht auch den hochgeborenen Prinzen Georg von Anhalt, einen Zögling dieser unserer Schule, der sich besonders hervorthut. Es sind auch gegenwärtig die Väter der Universität von Erfurt; Leute, die nicht nur mit heiligem Leben und Ansehen geziert sind, sondern auch den Ruhm einer besondern Gelehrsamkeit erlangt haben. Ja, es haben sich auch anderswoher noch andere sehr gelehrte Leute, deren ein jeder einen berühmten Namen hat, eingefunden, die alle ein so seltener Kampf herbeigelockt hat aus der Ferne. Es ist auch unsere ganze Schule selbst gegenwärtig: Theologen, die nebst der großen Gelehrsamkeit auch ein hohes ansehnliches Alter haben. Juristen von besonderer Klugheit; Mediciner von tiefer Einsicht und Erfahrung; Philosophen, die die Natur mit allem Fleiß erforschen. Es ist eine große Menge der studirenden Jugend zugegen; desgleichen auch der ehrbare Rath dieser Stadt«.43

Aus Wittenberg waren Luthers Freunde und Kollegen Philipp Melanchthon und Johann Agricola anwesend. Wenigstens zeitweise aber folgte auch Herzog Georg persönlich der Veranstaltung. Der Charakter der ernsten und feierlichen Suche nach der Wahrheit über eine außerordentliche akademische und zugleich öffentliche Disputation wurde durch einen regelrecht rituell gestalteten Auftakt verstärkt. Eck z. B. nahm am 23. Juni in priesterlichem Ornat sichtbar an der Fronleichnamsprozession in Leipzig teil, während die reformatorisch gesinnten Wittenberger erst tags darauf in Leipzig Einzug hielten, offenbar begleitet »von einer Schaar bewaffneter Studenten«.44 Auch der Besuch der Messe in der Thomaskirche und der feierliche Zug von dort in den großen Saal des Schlosses, in dem sodann die Disputation beginnen sollte, gehörte zur rituellen Inszenierung.45

Auch der Ablauf der Disputation folgte nicht den sonst üblichen universitären Gepflogenheiten, sondern war eigens auf die Kontroversekonstellation zugeschnitten. Am Vortag, dem 26. Juni, wurden Disputationsregeln aufgestellt, die einen kontinuierlichen Rollenwechsel zwischen Respondent und Opponent festschrieben und daher zugleich voraussetzten, dass man nicht über eine zuvor durch Anschlag veröffentlichte maßgebliche Thesenreihe, sondern über verschiedene ad hoc verfasste Thesen und Gegenthesen disputierte. Wörtlich wurde festgelegt:

»Nemlich das doctor Eckius erstlich wider dye Conclusiones Doctoris Karlstadts, so vil er ym der den abend zuvorn zuschreyben wirdet, opponiren, Darauff Doctor Karlstadt respondiren sal, und volgenden tag sal doctor Karlstadt wider Doctoris Eckii conclusiones, so er ym den abend zuvorn auch zuschreyben wirdet, opponirn, Darauff Doctor Eckius respondiren, und also furder eynen tag umb den andern biß zu ende der disputation procediren«.46

Insgesamt lief die Disputation in drei Phasen ab, in denen sich zunächst – vom 27. Juni bis 3. Juli – Eck und Karlstadt gegenüberstanden und über den freien Willen disputierten. Es folgte – vom 4. bis 14. Juli – die Konfrontation von Eck und Luther über die Themen päpstlicher Primat, Fegefeuer, Ablass, Buße und Absolution. In der dritten Phase – am 14. und 15. Juli – disputierten aufs Neue Eck und Karlstadt miteinander über die Fähigkeit des Menschen zum Guten und zu guten Werken.47

Diese Disputation und ihre inhaltliche Entwicklung gaben den Anstoß dazu, dass sich auf reformatorischer Seite der Umgang mit der akademischen Disputation entscheidend zu wandeln begann. Denn im Zuge des Austauschs zwischen Luther und Eck über den päpstlichen Primat, der noch ganz in den Bahnen der herkömmlichen syllogistischen Rhetorik und ihren Argumentationstechniken verlief, gelang es Eck, Luthers Positionen vor dem Hintergrund der durch die Kirchenväter verbürgten Theologie und auf der Basis des römischen Kirchenrechts sowie durch das Aufzeigen von Parallelen zu den verurteilten Ketzern John Wyclif und Jan Hus als häretisch zu brandmarken.48 Dem kurz nach der Disputation unautorisiert veröffentlichen Protokoll49 zufolge verteidigte Eck mit großem argumentativen Geschick die damals traditionelle, kirchliche Auffassung, dass der Papst »iure divino«, d. h. nach göttlichem Recht, Haupt der Kirche sei. Dem stellte Luther mit Verweis auf Christus als Haupt der als geistliches Reich zu verstehenden Kirche seine Position entgegen. Seiner Ansicht nach ließen sich weder das Papsttum noch der von ihm beanspruchte bzw. ihm zugewiesene Primat auf ein »ius divinum« zurückführen, das ja dann aus der Heiligen Schrift zu erheben sein müsste. Luther aber sah im Papsttum und seinem Primatsanspruch lediglich Produkte menschlichen Rechts. Diese Auffassung hatte weitreichende Konsequenzen. Denn damit stand zugleich der verpflichtende Charakter kirchlicher Gebote und des Gehorsams dem Papst gegenüber in Frage ebenso wie der heilsrelevante Charakter, den man deren Beachtung bzw. Erfüllung beimaß. Außerdem war damit zugleich die hierarchische Ämterstruktur der Kirche in Frage geraten, zumal Luther auch die aus göttlichem Recht hergeleitete Höherstellung des Episkopats bestritt. Mit einem historischen Argument stellt er unter Verweis auf das Leben der ersten Christen die Gleichwertigkeit des Priester- und des Bischofsamts heraus. All dies brachte ihn tatsächlich in argumentative Nähe zu John Wyclif und Jan Hus, so dass Eck die Gelegenheit nutzte, Luther unter Verweis auf verschiedene, auf dem Konzil von Konstanz 1415 verurteilte Sätze der beiden Kirchenkritiker ebenfalls Häresie anzulasten. Luthers öffentliches Beharren darauf, dass diese schon vor ihm geäußerte Missbilligung des päpstlichen Primats und der kirchlichen Ämterhierarchie als einwandfrei christlich und evangelisch zu bewerten sei, so dass diese Systemkritik eigentlich von keinem Generalkonzil hätte verurteilt werden dürfen, brachte zusätzlich die Frage der Autorität der Konzilien in die Debatte. Ecks Eintreten für die Irrtumslosigkeit eines legitim versammelten Konzils und auch deren Grundlegung im göttlichen Recht widersprach Luther aufs Neue, indem er nicht nur dem Papst, sondern auch den Konzilien eine solche Autorität absprach. Seiner Ansicht nach hatte das Konzil von Konstanz geirrt und Aussagen verurteilt, die eigentlich mit der Heiligen Schrift konform waren. Für Luther stand fest, dass keine kirchliche Instanz etwas für heilsnotwendig erklären konnte, wofür eine biblische Begründung fehlte.50 In einem Widmungsbrief an Spalatin, den Luther dem wenig später erfolgten Druck seiner für die Leipziger Disputation formulierten Thesen voranstellte, versuchte er, den gegen ihn gewandten Häresieverdacht zu entschärfen. Luther legte dar, dass er keineswegs im Unrecht gewesen sei, sondern dass vielmehr, seiner Einschätzung nach, sein Gegner Eck sich in Selbstwidersprüche verstrickt habe, als er den Häresievorwurf des Konstanzer Konzils gegen Hus verteidigt habe.51 Generell hielt Luther im Rückblick die gesamte Disputation für nichts anderes als eine nutzlose Farce. »Doch um dir genugzuthun«, so wandte er sich an Spalatin, »will ich die Sache selbst kurz der Wahrheit gemäß beschreiben, und so beschreiben, daß du erkennen kannst, daß diese Disputation ein Zeitverderben gewesen ist, nicht ein Erforschen der Wahrheit; sodann daß Eck und Ecks Anhänger heucheln in ihrem Rühmen und etwas ganz Anderes im Gewissen empfinden. Denn soviel an Eck lag, ist fast kein entscheidender Punkt (scopus) berührt worden. Wenn er aber berührt worden ist, so ist nur mit den bekanntesten und abgedroschensten Beweisgründen gestritten worden.«52

Diese von Luther vorgetragene Einschätzung der Leipziger Disputation wurde symptomatisch für die reformatorische Haltung gegenüber der akademischen, auf syllogistischen Argumentationsstrukturen fußenden akademischen Disputation als Mittel der Wahrheitsfindung. Tatsache war, dass Luther auf der Leipziger Disputation die Autorität von Papst, Episkopat und Konzilien in Zweifel gezogen hatte. Grundlage dafür war seine scharfe Unterscheidung von göttlichem Recht und menschlichem Recht gewesen. Die mit dieser Unterscheidung argumentierende Beweisführung war möglich geworden, weil er im Grunde unterschwellig bereits einen Paradigmenwechsel vollzogen hatte. Für Luther war, jenseits der logisch-rhetorischen Ableitungen und Lösungsversuche und über das syllogistische Argumentationsverfahren mit den herkömmlichen Autoritäten hinausgehend, ein inhaltliches Kriterium in den Vordergrund getreten, nämlich die Unterscheidung von Gotteswort und Menschenwort, die jeder Argumentation mit göttlichem Recht und menschlichem Recht vorausging. Auf dieser Basis hatte er die alten Autoritäten der kirchlichen Tradition entmachtet und sich so zugleich der Häresie verdächtig gemacht. Fortan traute man in reformatorischen Kreisen dem akademischen Disputationsverfahren nicht mehr zu, mit Hilfe rhetorischer Techniken zur Erkenntnis von Wahrheit und Unwahrheit in zu verhandelnden theologischen Streitfragen zu gelangen. An die Stelle des formal-wissenschaftlichen Beweisverfahrens rückte nun ein normengeleitetes Debattieren, das den Austausch von Argumenten in das Licht der Heiligen Schrift als Gotteswort und Quelle der Wahrheit stellte und die Argumente an ihr als oberster Autorität auf Stichhaltigkeit prüfte.

IV Conclusio

Die Leipziger Disputation von 1519 stellt darin, dass sie eine im akademischen Raum angesiedelte Disputationspraxis in den Raum der Öffentlichkeit transferierte und als ein vor großem Publikum vollzogenes Verfahren des Meinungsaustauschs und der Wahrheitssuche inszenierte, einen historischen Meilenstein dar. Während die als Disputationsgrundlage gedachten 95 Thesen Martin Luthers durch Nachdrucke und Übersetzungen den Weg aus der akademischen in die nicht-akademische Welt einschlugen, wurde durch die Leipziger Disputation auch das Verfahren selbst zu einem Vorbild für weitere, die Öffentlichkeit einbindende Gespräche und Auseinandersetzungen um die durch die Reformation aufgebrochenen theologischen Fragen. Das Format der akademischen Disputation erwies sich aufgrund seiner Variationsbreite und Realisierungsoffenheit als geeignet für eine solche problembezogene Weiterentwicklung. Aber der durch die Reformation eingeleitete Paradigmenwechsel, der sich im konsequenten Rückbezug auf das Wort Gottes bzw. die Heilige Schrift und gegebenenfalls in aus ihr abgeleiteten Bekenntnissätzen zeigt, veränderte die argumentative und kommunikative Realisierung. Dies und das Wandern der Disputation aus dem akademischen in den nicht-akademischen Kontext sind Entwicklungen, ohne die die vielen Kolloquien bzw. Reformationsdisputationen, die man vor der offiziellen Einführung der Reformation in Reichsstädten unter Einbeziehung einer breiten Öffentlichkeit veranstaltete, und die großen Reichsreligionsgespräche nicht denkbar gewesen wären. Denn sie griffen strukturelle Elemente der akademischen Disputation auf, um sie zugleich grundlegend zu verändern und den neuen Erfordernissen anzupassen. Nicht mehr die rhetorisch-logische Technik des Argumentierens mit Syllogismen stand im Vordergrund, sondern die Autorisierung des Arguments durch die Heilige Schrift als oberster Norm. Dieser Paradigmenwechsel brachte es aber auch mit sich, dass Wahrheitsfindung und Konsenssuche über das Gespräch nur dann erfolgreich praktiziert werden konnten, wenn beide Seiten diese Norm übereinstimmend auslegten. Dies aber war nicht mehr der Fall.

Die Leipziger Disputation und ihre Bedeutung für die frühe Reformation1

Von Armin Kohnle

»Zur Zeit der Disputation kam auch Herzog Georg nach Leipzig. Er lieh auch sein Schloß in Leipzig dazu und ließ die Hofstube ausräumen und zu einem Hörsaal herrichten und auf das schönste mit Kathedern schmücken, von denen [sich] zwei gegenüberstanden, und mit Bänken und Tischen, an denen die Notare saßen und die Argumente aufnahmen und alles aufschrieben. Er ließ alle Bänke und Katheder mit schönen Teppichen behängen, das der Wittenberger mit St. Martin und das des Doktors Eck mit dem Ritter St. Georg, denn Doktor Eck gedachte an den Wittenbergern Ritter zu werden und also wegen der Wittenberger zum Ritter geschlagen zu werden, wie er denn auch redlich von ihnen geschlagen worden ist, in und nach der Disputation.«2

So schildert Sebastian Fröschel, in jenen Sommertagen 1519 frisch zum Leipziger Magister Artium promoviert und Augenzeuge der Geschehnisse, die Vorbereitungen für das Ereignis, das Leipzig und die Reformation erstmals zusammenführte: die Leipziger Disputation.

Fröschels Bericht verdanken wir viele weitere Einzelheiten, die verlorengegangen wären, wenn er sie nicht, freilich erst lange nach Luthers Tod, festgehalten hätte.3 Ein objektiver Zeuge ist er nicht – seine Meinung, dass der berühmte Ingolstädter Theologe Johannes Eck in der Disputation von den Wittenbergern Prügel bezogen habe, ist Beleg seiner Sympathien für die reformatorische Seite. Fröschel gehörte zu denjenigen, die durch die Disputation von der Wahrheit der durch Luther vertretenen Lehre überzeugt wurden. Eck, so berichtet Fröschel weiter, sei schon frühzeitig nach Leipzig gekommen und habe an der prunkvollen Fronleichnamsprozession am 23. Juni teilgenommen. Ein aus dem Umfeld Ecks stammender Bericht bestätigt die Ankunft des Ingolstädter Professors schon am 22. Juni und die Teilnahme an der Prozession, der auch Herzog Georg von Sachsen und sein Sohn Johann beiwohnten.4 Hier erfährt man auch, dass Eck bei Bürgermeister Benedikt Beringershain an der Ecke Petersstraße/Thomasgässchen sein Quartier nahm.5 Die Wittenberger Theologen kamen erst am folgenden Tag, dem 24. Juni, auf Wagen durch das Grimmaische Tor in die Stadt eingefahren, Andreas Bodenstein von Karlstadt voraus, Martin Luther und Philipp Melanchthon auf einem zweiten Wagen hinterher.6 Bewaffnete Wittenberger Studenten begleiteten sie. Am Tor zum Hof der Paulinerkirche angekommen, brach am Wagen Karlstadts ein Rad, der Doktor fiel in den Schmutz, während der Wagen Luthers vorbeifuhr. Nach Fröschels Darstellung nahmen die Leute dies als Omen, dass Luther in der Disputation siegen, Karlstadt aber unterliegen werde, wie es dann auch gekommen sei.7 In einem Gedenkblatt anlässlich der 300jährigen Jubelfeier zur Einführung der Reformation in Sachsen 1839 wurde die Szene im Bild festgehalten.8 Quartier bezogen die Wittenberger im Haus des Buchdruckers Melchior Lotter in der Hainstraße, wo sich heute eine Gedenkplatte an einem Nachfolgebau befindet.9

Abb. 3: Sebastian Fröschel (1497-1579)

Die Kontrahenten

Drei Tage nach diesem Vorfall, am 27. Juni 1519, begann das große Ereignis, um das es hier gehen soll. Doch wie konnte ein theologisches Streitgespräch, das noch dazu auf Latein geführt wurde, »welthistorische Bedeutung«10 erlangen? Viel mehr als wir heute waren die akademisch Gebildeten des 16. Jahrhunderts an diese gelehrte Form der Wahrheitsfindung durch Austausch von Argumenten gewöhnt. Die Disputation11 war der in Spätmittelalter und Frühneuzeit übliche Weg, die Redegewandtheit, die Fähigkeit zu logischem Denken und nicht zuletzt das Geschick, ein Publikum von der eigenen Auffassung zu überzeugen, bei Schülern und Studenten auszubilden. Akademische Grade wurden in der Regel durch das Bestehen einer Disputation erworben. Solche Veranstaltungen waren öffentlich, zu ihnen wurde eingeladen, wobei im Vorfeld Thesen verbreitet werden konnten, die den Interessierten anzeigten, um welche Probleme es ging. Die Disputation selbst verlief nach vorher vereinbarten Regeln, sie war streng formalisiert, wobei der Schlagabtausch der syllogistischen Methode des Argumentierens folgte, die in der spätmittelalterlichen Scholastik entwickelt und erprobt worden war. Der Respondent, von dem die zur Diskussion stehenden Thesen ausgingen, hatte die Aufgabe, die Einwände und Gegenargumente, die der Opponent gegen seine Thesen vorbrachte, zu entkräften. Ziel der Disputation war es nicht, einen Ausgleich zwischen konträren Positionen herzustellen, sondern den Gegner bzw. das Publikum von der eigenen Wahrheit zu überzeugen.

Bevor über die Disputation selbst zu sprechen ist, sind die Beteiligten vorzustellen und die Vorgeschichte zu behandeln. An Martin Luther denkt man zuerst, doch war bis wenige Tage vor der Disputation noch offen, ob er in Leipzig in den Ring steigen würde.

Abb. 4: Petrus Mosellanus (1493-1524)

Sein großer Kontrahent Johannes Eck aus Ingolstadt war etwas jünger als Luther und 1519 bereits ein gefürchteter Disputator, der sich rühmte, aus vielen Redeschlachten als Sieger hervorgegangen zu sein.12 Als Beteiligter weniger im allgemeinen Bewusstsein präsent ist Andreas Bodenstein aus Karlstadt, damals Luthers Kollege in Wittenberg und Mitstreiter für die Sache der Reformation, später immer mehr sein Kontrahent im evangelischen Lager. Petrus Mosellanus, dem bedeutenden Humanisten, der in Leipzig den Lehrstuhl für griechische Sprache innehatte und Augenzeuge der Disputation war, verdanken wir eine farbige Schilderung der Disputanten:13 Luther von Sorgen und Studien erschöpft, von mittlerer Größe und so hager, dass man alle Knochen in seinem Leibe zählen könne; gelehrt und kenntnisreich, redegewandt, umgänglich und fröhlich, aber auch bissig und unvorsichtig in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern, so schildert er ihn. Karlstadt imponierte ihm nicht ganz so sehr: klein, dunkles Gesicht, unklare Stimme, schwaches Gedächtnis, jähzornig. An Eck gefielen ihm die hochgewachsene Gestalt und die volle, »ganz deutsche«, aber schroffe Stimme. Dann wörtlich:

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