REUTLINGER BEITRÄGE ZUR THEOLOGIE (RBT)

Für die Theologische Hochschule Reutlingen herausgegeben von Achim Härtner, Michael Nausner, Christoph Raedel, Stephan von Twardowski und Stefan Zürcher-Allenbach

Band 1

Patrick Philipp Streiff

John Wesley:
Theologie in Predigten

Patrick Ph. Streiff, Dr. theol,, Jg. 1955, studierte an der Theologischen Hochschule Reutlingen (D) und der Universität Bern (CH). Seit 2005 ist er Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Mittel- und Südeuropa.

Hauptwerke:

Jean Guillaume de la Fléchère / John William Fletcher 1729–1785: Ein Beitrag zur Geschichte des Methodismus, Frankfurt am Main/Bern/New York: Peter Lang, 1984

Der Methodismus bis 1784/1791, in: Geschichte des Pietismus, Bd. 2, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1995

Der Methodismus in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. EmK Geschichte Bd. 50, Studiengemeinschaft für Geschichte der EmK, 2003

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Originalausgabe:

John Wesley: Le prédicateur et sa pensée théologique d’après ses sermons.

© Excelsis, SARL, Charols, France 2016 (droits hors Afrique)

© Éditions Kanien, Abidjan, Côte d’Ivoire 2016 (droits Afrique)

Tous droits réservés.

Veröffentlicht mit Genehmigung des Verlags Éditions Excelsis, Charols, France.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverabbildung: © Oxford Centre for Methodism and Church History, Oxford Brookes

University, Oxford, U.K.

Satz: 3W+P, Rimpar

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06015-3

www.eva-leipzig.de

Vorwort

John Wesley (1703–1791) und die methodistische Bewegung haben seit dem 18. Jahrhundert die Entwicklung des Protestantismus stark geprägt. Viele englischsprachige Publikationen befassen sich mit Wesley und seiner Theologie. In anderen Sprachen, auch im deutschsprachigen Raum, gibt es aber nur wenige.

Dieses Buch baut auf meinen eigenen Forschungen im Rahmen des Centre Méthodiste de Formation Théologique (CMFT) und meinen Vorlesungen an der Theologischen Fakultät der Universität von Lausanne auf. Deshalb ist es zunächst in französischer Sprache erschienen.

Unabhängig von der Sprachausgabe ist das Buch einzigartig in seinem Aufbau und Inhalt. Zum einen kommt darin Wesley selber zur Sprache in einer reichen Auswahl von Quellentexten aus seinen geschriebenen und publizierten Predigten. Manche dieser Zitate erscheinen überhaupt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Das Buch lässt damit Wesley selber zu Wort kommen und beschränkt sich nicht auf eine Abhandlung über Wesley und seine Predigten.

Zum anderen wählt dieses Buch einen historisch-theologischen Zugang. Die 151 publizierten Predigten Wesleys erstrecken sich über einen Zeitraum von 1725 bis zu seinem Tod 1791. Hier werden sie in ihrem historischen Kontext dargestellt. Damit wird zugleich Konstanz und Veränderung im theologischen Denken von Wesley deutlich. Dieser Zugang eröffnet neue Perspektiven auf seine Theologie.

Zum dritten lädt das Buch zur weiteren Erforschung und Interpretation der Theologie Wesleys ein. Denn jede neue Perspektive, die sich eröffnet, vertieft und weitet das Nachdenken. Dieses Buch möchte dazu einen Anstoß geben.

Ich bin dankbar für die Möglichkeit, die der Bischofsrat der Evangelischmethodistischen Kirche seinen Mitgliedern gewährt, sich regelmäßig Studien- und Weiterbildungszeiten zu nehmen. Nur so war es möglich, dieses Buch zu schreiben und jetzt auch in einer deutschen Übersetzung zugänglich zu machen.

Dezember 2018

Patrick Streiff, Bischof

Inhalt

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

Vorwort

1Die Predigten John Wesleys und deren Bezug zur anglikanischen Tradition – Eine Einführung

1.1Der »mittlere Weg« in der anglikanischen Tradition

1.2Die Theologie John Wesleys und die Bedeutung seiner Predigten

1.3Geschriebene Predigten und mündliche Verkündigung

1.4Zugänge zur Interpretation der Predigten Wesleys

1.5Die Sammlung der geschriebenen Predigten

2Die Predigten Wesleys vor seinerevangelischen Bekehrungvon 1738

2.1Der junge Wesley – ein kurzer biographischer Überblick

2.2DieBekehrung zu einem geheiligten Leben(1725)

2.3Die ersten Predigten (1725–1729)

2.4Die Zeit des Heiligen Klubs in Oxford (1729–1735)

2.5Die Mission in Amerika (1735–1737)

3Die Entdeckung des Heils aus Gnade durch den Glauben

3.1Die Weiterführung der theologischen Gespräche mit den Herrnhutern in England

3.2Die Predigt über das Heil durch Glauben

3.3Die Suche nach Bestätigung für seine neuen Überzeugungen

4Die theologischen Herausforderungen zu Beginn der methodistischen Erweckung

4.1Der Anfang der methodistischen Erweckung

4.2Die ersten Konflikte innerhalb der Erweckungsbewegung und die Predigt über die freie Gnade

4.3Die Predigt über die christliche Vollkommenheit

4.4Die letzten Predigten vor der Universitätsgemeinde in Oxford

5Das Heil für die Menschen – Der erste Predigtband von 1746

5.1Ein erster Predigtband

5.2Die Rechtfertigung durch den Glauben

5.3Das Wirken des Heiligen Geistes im Menschen

5.4Von der Bedeutung der Gnadenmittel

6Das Leben des wiedergeborenen Christen – Der zweite Predigtband von 1748

6.1Die Themen des zweiten Predigtbandes

6.2Die neue Geburt

6.3»Über die Bergpredigt unseres Herrn« – Überblick über die Reihe von dreizehn Predigten

6.4Die fünf Predigten zu Matthäus 5

6.5Die vier Predigten über Matthäus 6

7Das Gesetz, das durch den Glauben begründet ist – Der dritte Predigtband von 1750

7.1Die Themen des dritten Predigtbandes

7.2Die vier Predigten über Matthäus 7

7.3Das durch den Glauben aufgerichtete Gesetz

7.4Auf dem Weg der Heiligung

8Den Weg des Heils genauer erläutern – Der vierte Predigtband von 1760

8.1Die Themen des vierten Predigtbandes und die Festlegung der Lehrpredigten

8.2Die Ursünde und die neue Geburt

8.3Niedergeschlagenheit im Leben von Christen

8.4Praktische Ratschläge für das Leben der Glaubenden

9Gereifte Theologie – Die Predigten der sechziger Jahre

9.1Die Themen der sechziger Jahre

9.2Eine gereifte Darstellung des Wegs des Heils

9.3Die Sünde im Leben des Glaubenden: Gewissheit, Kampf und Wachstum

9.4Predigten, die an einen besonderen Zuhörerkreis gerichtet sind

10Mitten in Kontroversen – Die Predigten der siebziger Jahre

10.1Einführung zu den Predigten aus der Zeit nach 1770

10.2Die Lehrstreitigkeiten über Antinomismus und Prädestination im Methodismus

10.3Wahrheiten des Glaubens und ihre praktische Bedeutung

10.4Das Werk Gottes in England und Amerika

10.5Predigten für wohltätige Zwecke

11Eine reiche Spätblüte – Die späten Predigten ab 1780

11.1Eine reiche Ernte eines langen Lebens

11.2Gott und die Schöpfung

11.3Der Weg des Heils

11.4Der Mensch

11.5Die Kirche

11.6Das christliche Leben

11.7Das Geld und die Anhäufung von Reichtum

Nachwort

Anhang 1: Liste der Predigten in chronologischer Reihenfolge

Anhang 2: Bibliographie der deutschsprachigen Ausgaben von Predigten

Weitere Bücher

Endnoten

1
Die Predigten John Wesleys und deren Bezug zur anglikanischen Tradition – Eine Einführung

1.1Der »mittlere Weg« in der anglikanischen Tradition

England wurde im 6. Jahrhundert eine christliche Nation als zunächst die Königin und bald darauf auch der König den christlichen Glauben annahmen und sich taufen ließen. Seit jener Zeit gab es in England eine enge Verbindung zwischen der Monarchie und der Kirche. Die Kirche lebte damals in Einheit mit Rom, aber die Nähe zum Königshaus war bedeutsamer. Während des gesamten Mittelalters versuchte England, nicht unter fremde Herrschaft zu kommen. Wyclif (1320–1384) protestierte gegen den Reichtum der Kirche und die Regelungen zu ihrer Finanzierung. Dabei wollte er der Bibel wieder eine zentralere Stellung geben, indem er ihre Autorität im Gegenüber zur Tradition und zur Macht des Papstes betonte. Es war ein erstes Zeichen sowohl von Rückbesinnung auf Grundlagen des Glaubens als auch von englischer Unabhängigkeit. Später, ab 1520, wurden die Gedanken Luthers in England diskutiert.

König Heinrich VIII. (1509–1547 König von England) nahm zu Beginn seiner Herrschaft Stellung zugunsten der römisch-katholischen Kirche gegen die Schriften Luthers. Er erhielt dafür die Auszeichnung Verteidiger des Glaubens. Doch als Folge verschiedener persönlicher und politischer Ereignisse wechselte er seine Stellung gegenüber Rom zugunsten einer eigenständigeren Kirche in England. In den dreißiger und vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts legten eine Reihe von Reformen die Grundlage für eine Kirche von England. Das Parlament ernannte den König sowohl zum politischen Herrscher als auch zum religiösen Oberhaupt in England (1531/34). Der Papst verlor seine Jurisdiktion über England. Die Kirche von England wurde eine Staatskirche. Alle Fragen der Lehre, Struktur, Liturgie oder Ernennungen mussten vom königlichen Herrscher genehmigt werden. Doch die Kirche von England veränderte nicht plötzlich ihre Lehre. Die Einführung der Reformation war nicht einfach ein politischer Akt. Reformatorische Überzeugungen gewannen aber in den dreißiger Jahren zunehmend Einfluss, sowohl aufgrund der Beziehungen zur lutherischen Reformation auf dem Kontinent als auch über die neue Übersetzung der Bibel ins Englische (William Tyndale und Miles Coverdale).

Gegen Ende seiner Regierungszeit stand Heinrich VIII. in der Versuchung, zu den katholischen Überzeugungen zurückzukehren. Dennoch veröffentlichte Erzbischof Thomas Cranmer eine Sammlung von Predigten (Homilies), die als Modelle für die Predigt in der Kirche gedacht waren (1546). In diesen Predigten war der Einfluss der lutherischen Reformation deutlich spürbar. Unter dem Nachfolger von Heinrich VIII., König Edward (ab 1547), verstärkte sich der reformatorische Einfluss. Erzbischof Cranmer veröffentlichte ein Allgemeines Gebetsbuch (Book of Common Prayer, 1549, revidiert 1552), das durch Parlamentsbeschluss zur offiziell gültigen Liturgie der Kirche wurde. Das Book of Common Prayer vereinheitlichte die Liturgie für das ganze Land und führte den Gebrauch der englischen Sprache ein. Es stand unter dem Einfluss lutherischer Vorbilder. Ab 1530 engagierte sich Cranmer auch für die Abfassung von Glaubensartikeln (Thirteen Articles, 1538; 42 Articles, 1553). Die 39 Glaubensartikel, die schließlich 1563/1571 angenommen wurden, spiegelten stärker als die früheren Dokumente einen bewusst protestantischen Einfluss wider, ohne allerdings in Extreme zu gehen. Sie wurden zu einem Zeitpunkt verabschiedet, als der Einfluss der calvinistischen Reformation langsam spürbar wurde.

Während der kurzen Regierungszeit von Königin Marie Tudor (1553–58) wurden alle reformatorischen Entscheide widerrufen. Unter ihrer Nachfolgerin, Königin Elisabeth I. (1558–1603), wurde die Kirche von England wieder auf die Grundlagen von vor 1553 gestellt (Act of Supremacy und Act of Uniformity, 1559). Drei Elemente wurden nun für die Kirche von England konstitutiv: (1) das Allgemeine Gebetsbuch als Liturgie (Book of Common Prayer), (2) die 39 Glaubensartikel und (3) die Sammlung von Predigten (Book of Homilies). Die beiden ersten Elemente, die Liturgie und die Glaubensartikel, behielten im Wesentlichen die gleiche Gestalt wie in der Ausgabe von Cranmer. Die Anzahl Predigten in der Sammlung der Homilien verdoppelte sich jedoch. Diese Predigten sollten regelmäßig gelesen werden, um die Gemeindeglieder zu unterrichten.

Die Kirche von England wählte damit einen mittleren Weg (lat.: via media) zwischen dem römischen Katholizismus und dem kontinentalen Protestantismus, insbesondere in seiner calvinistischen Ausprägung. Die Liturgie veränderte sich nur wenig gegenüber der katholischen Tradition, währenddem die Glaubensartikel und die Sammlung der Homilien stärker von der Reformation beeinflusst waren. Im Jahre 1570 wurde Königin Elisabeth I. von Papst Pius V. exkommuniziert.

Der Theologe Richard Hooker (1554–1600) schuf weitere Klärung bezüglich der Grundlagen dieses mittleren Weges der Kirche von England. Er wollte die grundlegende Frage nach den Kriterien aufnehmen, auf denen die Autorität der Kirche gründet. Hooker antwortete mit einem dreifachen Kriterium:

1) Schrift: Die Heilige Schrift ist die wesentliche Quelle der Wahrheit. Sie ist ein sicherer Führer in den großen Fragen des Heils. Jedoch, so betonte Hooker im Gegensatz zu den Puritanern, gibt die Heilige Schrift nicht auf alle Fragen eine Antwort, zum Beispiel auf die Frage nach der Struktur und Verwaltung der kirchlichen Dinge.

2) Tradition: Die Tradition hat einen hohen Stellenwert, vor allem die ersten Jahrhunderte des Christentums. Sie steht noch nahe am biblischen Zeugnis und sollte in besonderer Weise wertgeschätzt werden. Jedoch, so betonte Hooker im Gegensatz zu den Katholiken, stehe die Tradition nicht auf der gleichen Stufe wie die Heilige Schrift. Vor allem im Mittelalter habe es auch Verirrungen gegeben.

3) Vernunft: Die Vernunft erlaubt es, sowohl die Heilige Schrift als auch die Tradition zu verstehen. Sie hilft festzuhalten, was wahr und gut ist. Allerdings kann die offenbarte Wahrheit über die Vernunft hinausgehen. Sie kann aber nicht im Gegensatz zur Vernunft stehen.

Dieses dreifache Kriterium von Schrift, Tradition und Vernunft kennzeichnet die Kirche von England. Es gibt ihr eine eigenständige Art des theologischen Nachdenkens und positioniert die Kirche auf einem mittleren Weg zwischen Katholizismus und kontinentaleuropäischer Reformation, ob lutherisch oder calvinistisch.

1.2Die Theologie John Wesleys und die Bedeutung seiner Predigten

Wer die Theologie John Wesleys kennen lernen möchte, kann nicht eine Einzelschrift zur Hand nehmen. Wesley hat weder eine Dogmatik geschrieben noch ein Buch, das mit der Institutio von Calvin vergleichbar wäre. Man sucht bei ihm auch vergeblich theologische Grundschriften, die mit den großen Schriften Luthers vergleichbar wären. Man findet auch kein spezifisch methodistisches Bekenntnis. Als es darum ging, grundlegende Dokumente für die methodistische Bewegung festzulegen, nahm John Wesley auf drei Dinge Bezug (vgl. Model Deed, 1763):

1) Konferenzverhandlungen: Die methodistischen Konferenzen, eine Art jährlicher Synoden (seit 1744), befassten sich nicht nur mit Fragen von Ordnung und Verwaltung, sondern sie diskutierten auch Lehrfragen, vor allem zu Beginn der Konferenzen. Die wichtigsten Entscheidungen wurden zusammengefasst in einem Band, den so genannten Large Minutes (Minutes of Several Conversations; mit Entscheidungen von 1744 bis 1789).

2) Anmerkungen zum Neuen Testament: Wesley publizierte seine Anmerkungen zum Neuen Testament im Jahr 1754 (Explanatory Notes upon the New Testament). Als Vorlage dafür benutzte er Werke von anderen Theologen: Theological Lectures von John Heylyn, Practical Expositor von John Guyse, Family Expositor von Philipp Doddridge und Gnomon Novi Testamenti von Johannes Bengel, einem deutschen Pietisten, bei dem sich zugleich die ersten Anfänge eines historisch-kritischen Zugangs zum Neuen Testament zeigen. Die Anmerkungen von Wesley geben eine Grundlage für das Verständnis der neutestamentlichen Texte.

3) Lehrpredigten: Wesley wählte aus den Predigten eine größere Anzahl aus, die er in Sammelbänden veröffentlichte (Sermons on Several Occasions). Bis zu Beginn der sechziger Jahre waren vier Bände erschienen. Sie wurden bekannt unter der Bezeichnung »Lehrpredigten« (Standard Sermons) und beschrieben die Lehren, die in methodistischen Versammlungshäusern gepredigt werden sollten.

Diese drei Elemente waren und sind wichtig in Lehrfragen. Jeder Laien-Reiseprediger zur Zeit Wesleys musste sich regelmäßig Zeit zum Studium dieser drei Elemente nehmen, um sich theologisch zu bilden. In unserem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass die Predigtsammlungen von Wesley offiziell zu den wichtigen Kerndokumenten zählen. Darin zeigt sich seine Verwurzelung im anglikanischen Gedankengut.

Diese besondere anglikanische Prägung kommt noch stärker zum Ausdruck, als die amerikanischen Kolonien im Frieden von Paris 1783 unabhängig von England werden und die Jurisdiktion des Bischofs von London endet. Dies führt John Wesley in hohem Alter dazu, der methodistischen Bewegung in Amerika eine eigene kirchliche Basis zu geben. Er trifft eine interessante Auswahl: eine Kurzfassung des Allgemeinen Gebetsbuchs der Kirche von England (Book of Common Prayer), eine verkürzte Fassung der 39 Glaubensartikel der Kirche von England sowie als drittes Element anstelle der Sammlung der Homilien der Kirche von England oder einer Kurzfassung davon seine eigene Sammlung von Lehrpredigten. Bei diesem dritten Element anglikanischer Tradition ersetzt er somit die Homilien seiner Kirche durch eine eigene Predigtsammlung.

Seit Beginn der methodistischen Bewegung spielte die Wortverkündigung eine große Rolle, auch wenn der Methodismus nicht nur auf eine Predigtbewegung reduziert werden kann. Wesley ritt durch das ganze Land, predigte, lud die Menschen ein, dem Zorn Gottes zu entfliehen (vgl. die biblische Anspielung in den Allgemeinen Regeln) und die Vergebung der Sünden im Glauben an Jesus Christus zu erfahren. Gemäß seinen privaten Tagebuchaufzeichnungen schätzt man, dass er in seinem Leben um die 50.000 Mal gepredigt hat!

Bei den Methodisten war die Wortverkündigung nicht mehr auf den Stand eines ordinierten Priesters der Kirche von England beschränkt. Laien begannen zu predigen. Es geschah ohne Wissen von John Wesley und zunächst wollte er es unterbinden. Doch er ließ sich überzeugen, dass die Predigt eines Laien genau so viel Frucht bringen kann wie seine eigene. Der Einsatz von Laien in der Verkündigung wurde dann zu einem Schlüssel des Erfolgs der methodistischen Erneuerungsbewegung.

1.3Geschriebene Predigten und mündliche Verkündigung

John Wesley begann bereits früh, ohne ausgeschriebenes Manuskript zu predigen. Ein erstes Beispiel ist mit einer Predigt vor Gefangenen aus dem Jahr 1733 bekannt, also einige Jahre vor seiner »evangelischen Bekehrung« (s. Kap. 3) von 1738. Während seiner gesamten Zeit als anglikanischer Priester nutzte er die Veröffentlichung von Predigten als Mittel der Unterweisung. Deshalb beschränkt sich dieses Buch auf die publizierten Predigten. Sie sind nicht zwingend identisch mit den mündlichen Predigten. Die schriftlich gefassten publizierten Predigten geben oft den Eindruck, recht anspruchsvoll zu sein für die Leserin oder den Leser – umso mehr für Zuhörende! In der Regel hat Wesley denn auch Predigten geschrieben und veröffentlicht, um Methodisten zu unterweisen, insbesondere die Laien-Reiseprediger, und um seine theologischen Überzeugungen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Seine Predigten sind damit Lehrpredigten (nicht nur die vier ursprünglich veröffentlichten Bände, die diesen Titel erhalten haben) im Sinne einer Theologie, die das christliche Leben prägen will. Gemäß Zeugnissen von Hörern hat Wesley oft die gleiche Grundstruktur einer geschriebenen Predigt in der mündlichen Verkündigung verwendet und sie dann mit konkreten Beispielen angereichert. Es gibt aber auch biblische Texte, über die Wesley mündlich gepredigt hat, ohne dass schriftliche Spuren über deren Inhalt erhalten geblieben sind, ebenso wie umgekehrt, dass er eine Predigt geschrieben und publiziert hat, aber dass man diesen biblischen Text nirgends sonst in seiner Auflistung der gehaltenen Predigten findet.1

Solche Unterscheidungen zwischen geschriebenen und mündlich vorgetragenen Predigten lassen sich nicht für alle Predigten machen. In einzelnen Situationen ist die geschriebene Version identisch mit der vorgetragenen, zum Beispiel bei seinen allerersten Predigten, bei Predigten vor der Universitätsgemeinde oder bei Predigten zu besonderen Anlässen wie zum Tod von George Whitefield oder John Fletcher. Eine späte Predigt (Predigt 91 Über die Liebe, 1784) ist die einzige, über die eine ausführliche Mitschrift einer drei Jahre später mündlich vorgetragenen Predigt vorhanden ist. Die mündliche Version, die 45 Minuten dauerte, ist erstaunlich nahe an der ursprünglich geschriebenen Predigt. Man darf daraus nicht ableiten, dass alle mündlichen Predigten immer so nahe an der schriftlichen Version gewesen seien, aber die Grundinhalte der publizierten Predigten ließen sich in den mündlich vorgetragenen wiederfinden. Notizen von Drittpersonen über mündliche Predigten lassen ebenfalls darauf schließen. Wie bereits erwähnt, gehen die ersten mündlichen Predigten ohne vollständiges Manuskript auf die Zeit in Oxford zurück. Nach 1739 wurde die Verkündigung noch stärker zu einem lebendigen Eingehen auf die Situation der Zuhörenden, was bei einer nur vorgelesenen Predigt nicht möglich gewesen wäre.2

Die Predigten Wesleys haben keine einheitliche Strukturierung. Doch sehr häufig dient der Einstieg dazu, nicht nur die Bedeutung des Themas aufzuzeigen sondern auch seine Anziehungskraft. So lädt eine positive Einstimmung zum Weiterlesen ein. Der Hauptteil der Predigt ist meist in drei bis vier Teile unterteilt, die in der Einführung kurz beschrieben werden. Der letzte Teil einer Predigt ist oft eine Aufforderung an die Leserinnen und Leser, nun konkrete Schritte im Glauben und Leben zu tun. Diese Aufforderung kann zum Teil sehr eindringlich werden. Und dann schließen die Predigten in der Regel mit einem letzten Abschnitt, in dem eine biblische Verheißung, ein Lobpreis oder eine Zukunftshoffnung beschrieben werden.

1.4Zugänge zur Interpretation der Predigten Wesleys

Durch das Studium der Predigten möchte das vorliegende Buch die Theologie Wesleys erforschen. Ein solcher Zugang ist der Sache nicht fern, die Wesley mit seiner Publikation von Predigtbänden selber beabsichtigte. Für ihn zählten die Predigten zu den wichtigsten Mitteln, theologische Überzeugungen zu verbreiten, gemeinsam mit den Liedersammlungen seines Bruders Charles (1707–1788). Der im vorliegenden Buch gewählte Zugang beinhaltet darüber hinaus eine historische Perspektive. So wird jede Predigt in ihrem Kontext gewürdigt: In welcher Situation hat Wesley diese oder jene Predigt verfasst? Welche Botschaft wollte er damit seinen Zeitgenossen vermitteln?

Aus diesem Grund werden die Predigten nicht in der Reihenfolge behandelt, die Wesley ihnen in seinen offiziellen Predigtsammlungen gab. Wesleys Ordnungskriterium gründete auf einem thematischen Zugang und bildet sich in der offiziellen Nummerierung seiner Predigten ab. So werden 44 Predigten mit den Nummern 1–44 (bzw. 53 Predigten mit den Nummern 1–53, abhängig davon, welche Ausgabe der vierbändigen Predigtsammlungen berücksichtigt wird) als offizielle Lehrpredigten betrachtet. Doch diese Zählung entspricht nicht der chronologischen Folge der Entstehung.

Der historisch−chronologische Zugang gibt dem vorliegenden Buch seinen besonderen Aufbau. Damit lässt sich die Entwicklung des Denkens John Wesleys während seines gesamten Lebens besser verfolgen. Diese Perspektive eröffnet einerseits eine interessante Fragestellung für den Vergleich seiner Predigten vor und nach seiner evangelischen Bekehrung von 1738. Andererseits lässt sich selbst nach jenem Einschnitt eine Entwicklung seines Denkens entdecken, obwohl der ältere Wesley gerne betont hat, er predige noch immer die gleichen Lehren wie zu Beginn der Erweckung. Unsere Untersuchung wird aufzeigen, inwiefern er seine eigene theologische Entwicklung damit heruntergespielt hat.

1.5Die Sammlung der geschriebenen Predigten

Das vorliegende Buch behandelt die Gesamtheit der veröffentlichten Predigten und beschränkt sich nicht auf die sogenannten Lehrpredigten. Die neue Gesamtausgabe der Werke John Wesleys in englischer Sprache (Bicentennial Edition, abgekürzt: WJW), die alle zurzeit bekannten und publizierten Predigten umfasst, ist eine ausgezeichnete kritische und kommentierte Ausgabe. Sie gibt die offizielle Zählung der Predigten vor, wie sie auch im vorliegenden Buch übernommen wird. Mit Ausnahme einer einzigen Predigt, die von seinem Bruder Charles Wesley stammt und Aufnahme in die Lehrpredigten John Wesleys gefunden hat (Predigt 3), gehen wir nicht auf weitere Predigten von Charles Wesley oder anderer führender Methodisten des 18. Jahrhunderts ein.

Die Gesamtsammlung der Predigten zählt 151 Predigten, einschließlich der Predigt 3 von Charles Wesley. Einige handschriftliche Predigten John Wesleys sind in dieser neuen Gesamtausgabe zum ersten Mal veröffentlicht worden, aber die meisten wurden bereits zu Lebzeiten publiziert. Manche Predigten wurden von Wesley als Einzelbroschüren gedruckt, viele in Sammelbänden veröffentlicht und manche in späteren Jahren in einer methodistischen Zeitschrift abgedruckt.

Als Wesley, wie bereits kurz ausgeführt, eine Lehrgrundlage für die Verkündigung in seinen methodistischen Versammlungshäusern festlegen wollte (Model Deed, 1763), verwies er unter anderem auf seine vierbändige Predigtsammlung. Diese vier Bände wurden damit zu den Lehrpredigten. Die genaue Anzahl von Predigten schwankt allerdings je nach Ausgabe und Erscheinungsjahr dieser vier Bände. Somit umfassen die Lehrpredigten entweder Predigten, die bis zum Jahr 1762 gepredigt wurden (so in der Ausgabe von 44 Predigten in vier Bänden, erschienen 1762 und wieder aufgelegt als Bände 1–4 in den Jahren 1787–88), oder aber Predigten, die bis zum Jahr 1770 reichen (so in der Ausgabe von 53 Predigten in vier Bänden, erschienen 1771, mit der Zählung 1–53).

Die umfassendste Predigtsammlung, die Wesley zu seinen Lebzeiten publizierte, umfasst acht Bände mit den Predigten 1–108 (Ausgabe von 1787–88). Die Predigten 109–114 wurden als Einzelbroschüren veröffentlicht, doch von Wesley nicht in die Sammelbände aufgenommen. Die Predigten 115–132 wurden nach 1788 in der methodistischen Zeitschrift Arminian Magazine veröffentlicht. Sie konnten nicht mehr in einer Predigtsammlung erscheinen, die Wesley selber veröffentlicht hätte.

Als ein Herausgeber im 19. Jahrhundert versuchte, alle Predigten Wesleys in einer Gesamtausgabe zu veröffentlichen (Ausgabe der Werke Wesleys durch Jackson, 1872), nahm er fünf weitere Predigten auf. In der neuen kritischen Gesamtausgabe (Bicentennial Edition) sind 15 weitere Predigtmanuskripte (darunter zwei Fragmente zur gleichen Predigt) dazugekommen, womit die Gesamtzahl der bekannten, publizierten Predigten auf 151 angewachsen ist, jeweils unter Einschluss der einen Predigt von Charles Wesley (Predigt 3). Die vollständige Liste in chronologischer Reihenfolge findet sich am Ende dieses Buches. Sie enthält den Zeitpunkt der Abfassung bzw. Publikation, die offizielle Zählung, den Bibeltext, den Titel der Predigt sowie wo immer möglich einen Verweis auf eine Veröffentlichung in deutscher Sprache.

In deutscher Sprache wurden nur wenige Ausgaben der Predigten Wesleys veröffentlicht. Der Gründervater der deutschsprachigen Arbeit unter den Bischöflichen Methodisten in den USA, Wilhelm Nast, hat selber eine Sammlung auserlesener Predigten herausgegeben, die vom Traktathaus in Bremen im 19. Jahrhundert für das deutschsprachige Europa gedruckt wurde.3 Die beiden Bände enthalten über sechzig Predigten. Es ist aber eine von Nast selber getroffene Auswahl, die nicht alle 44 bzw. 53 Lehrpredigten umfasst. Dafür enthält die Sammlung eine Reihe der späteren Predigten Wesleys. Erst 1950 kam es zu einer neuen Publikation von Predigten Wesleys, die sich aber auf 14 Predigten aus der Reihe der 53 Lehrpredigten beschränkte und von J. W. Ernst Sommer und Theophil Mann herausgegeben wurde.4 Zwischen 1987 und 1992 erschien dann zum ersten Mal in deutscher Sprache eine Gesamtausgabe der 53 Lehrpredigten. Sie erfolgte nach modernen Grundsätzen einer kritischen Textedition, verbunden mit Einführungen zu jeder Predigt. Diese Ausgabe konnte zum Teil noch Ergebnisse aus der englischsprachigen kritischen Gesamtausgabe (Bicentennial Edition) aufnehmen.5 2016 erschien dann eine völlig überarbeitete kritische Gesamtausgabe der 53 Lehrpredigten, übersetzt und herausgegeben von Manfred Marquardt.6 Ihm sei an dieser Stelle herzlich gedankt für die Möglichkeit, die neue Übersetzung für die deutsche Fassung der 53 Lehrpredigten in diesem Buch verwenden zu können.

In der Zitierung von Predigten verweisen die Fußnoten auf die offizielle Nummerierung der Predigt sowie den jeweiligen Absatz, aus dem das Zitat stammt (immer gemäß der neuen englischen Gesamtausgabe, WJW). Innerhalb eines Zitats beziehen sich einfache Anführungszeichen in der Regel auf Bibelstellen, die Wesley in seine Predigten einfließen lässt, ohne sie explizit zu kennzeichnen. Eckige Klammern […] bezeichnen eine Auslassung oder einen eigenen Kommentar innerhalb eines Zitats. Zitate aus den Predigten 54 bis 151, also über die 53 Lehrpredigten hinaus, beruhen auf der neuen englischen Gesamtausgabe und werden direkt in einer eigenen deutschen Übersetzung wiedergegeben. Die Bibelstellen in den Überschriften der Predigten werden in der Regel nach der Zürcher Bibel7 zitiert, außer wenn die originale englische Version des Bibeltextes zu sehr davon abweicht.

Die neue kritische Gesamtausgabe der Werke Wesleys in englischer Sprache enthält eine ausgezeichnete Einführung in das Gesamte der Predigtsammlung sowie knappe, historische und theologische Einführungen in jede einzelne Predigt.8 Diese Einführungen sind eine reiche Fundgrube für die Analyse der Predigten Wesleys. Das Erscheinen der englischsprachigen Gesamtausgabe hat auch den Anstoß zu meinen eigenen Nachforschungen gegeben, die nun zu dieser Veröffentlichung geführt haben.

2
Die Predigten Wesleys vor seiner
evangelischen Bekehrungvon 1738

2.1Der junge Wesley – ein kurzer biographischer Überblick

John Wesley wurde am 17. Juni 1703 in Epworth (Lincolnshire) geboren. Er ist das dreizehnte oder vierzehnte von insgesamt siebzehn oder neunzehn Kindern der Familie. Sein Vater Samuel Wesley ist Priester der Kirche von England. Seine Mutter Susanna, geborene Annesley, übt den entscheidenden Einfluss auf John aus, sowohl durch ähnliche Charakterzüge als auch durch die Erziehung, die in erster Linie durch sie erfolgte. Im Alter von elf Jahren verlässt John das Elternhaus und geht für 6 ½ Jahre in die Charterhouse-Schule in London. Sein älterer Bruder Samuel, geboren 1690, ist zu dieser Zeit bereits Priester der Kirche von England. Sein jüngerer Bruder Charles kommt 1707 zur Welt.

1720, im Alter von 17 Jahren, tritt John Wesley in das universitäre Kolleg Christ Church in Oxford ein. Damals waren die Universitäten nicht Stätten der Forschung und Innovation, sondern der Vermittlung bewährter Bildung. Sie waren zugleich eine Stütze der bestehenden Ordnung in Gesellschaft und Kirche. Nach den Bürgerkriegswirren des 17. Jahrhundert, wollte man im 18. Jahrhundert wieder eine stabile Ordnung aufbauen. Kirche und Universität beteiligten sich daran. Natürlich waren auch neue Ideen im Umlauf, vor allem in privaten Diskussionszirkeln. Im universitären Studium setzte man sich mit neueren Philosophen wie Locke, Clarke oder Newton auseinander. Das 18. Jahrhundert wurde sowohl zu einer verhältnismäßig stabilen Zeitphase in Staat und Kirche als auch zum Zeitalter der Aufklärung und des Beginns der Industrialisierung.

An der Universität gab es weder theologische Seminare noch ein eigentliches Studium der Theologie vor dem Abschluss eines allgemeinbildenden Bachelorstudiums (B. A., Bachelor of Arts). Dieses Studium dauerte drei bis vier Jahre und umfasste eine Auswahl klassischer Autoren, griechischer und lateinischer, und die traditionellen aristotelischen Wissenschaftsgebiete (Logik, Rhetorik, Ethik und Politik). Nur eine kleine Minderheit von Studenten verfolgte weitergehende Studien, um spezifisch theologische Grade (B. D., D. D.) zu erwerben. John Wesley zählt zu ihnen. 1724 schließt er sein Bachelorstudium (B.A.) ab und macht sich Gedanken über seine Zukunft.

2.2DieBekehrung zu einem geheiligten Leben(1725)

1725 bereitet sich John Wesley auf die erste Ordination, jene zum Diakon, vor. Seine Mutter rät ihm: »[…] Und jetzt entschließe dich mit allem Ernst, die Religion zur Sache deines Lebens zu machen. Denn nach allem ist sie die eine Sache, die im strengen Sinn notwendig ist; alle anderen Dinge sind daneben verhältnismäßig unbedeutend für das Ziel des Lebens.«1 Während der Vorbereitung auf die Ordination beginnt ein langsamer Prozess des Strebens nach Heiligung. John Wesley liest zwei Bücher eines anglikanischen Bischofs aus dem vorhergehenden Jahrhundert, Jeremy Taylor (1613–1667): Die Regel und Übungen geheiligten Lebens und Die Regel und Übungen geheiligten Sterbens. Die Regeln und Übungen von Taylor zielen nicht auf eine Flucht aus der Welt. Die angelsächsische Frömmigkeit betont vielmehr den Einsatz in der Welt. Die Dinge dieser Welt können gut und nötig sein, sagt Taylor, aber man muss sie in guter Weise einsetzen, das heißt im Blick auf das ewige Leben. John Wesley lässt sich durch diese Regeln in seinem persönlichen Leben prägen und wird sie später in viele Empfehlungen an die Methodisten einfließen lassen.

Selbst nach seiner evangelischen Bekehrung von 1738 behält das Jahr 1725 seine Bedeutung aufgrund der bewussten Hinwendung zu einem geheiligten Leben, gleichsam John Wesleys erster Bekehrung. Die Ausrichtung auf die Heiligung bleibt von zentraler Bedeutung für sein ganzes Leben. Auch mitten in der methodistischen Erweckung setzt Wesley für die Beschreibung seines geistlichen Lebenswegs bei der Wende von 1725 und seiner Lektüre von Taylor ein. Jene Hinwendung zu einem geheiligten Leben bleibt für ihn die entscheidende Ausrichtung seines Lebens: »Ich entschloss mich, mein ganzes Leben Gott zu widmen: alle meine Gedanken und Worte und Handlungen. Ich war völlig überzeugt, dass es keinen Mittelweg gab, sondern jeder Teil meines Lebens (nicht nur einzelne) entweder ein Opfer für Gott oder für mich selber, das heißt eigentlich für den Teufel, sein muss.«2 Die Lektüre von Taylor wird sich auch im Inhalt der ersten Predigten Wesleys widerspiegeln.

Wesley liest viele Bücher und empfängt dadurch weitere Anregungen. Unter ihnen soll hier eines erwähnt werden, das er ebenfalls vor seiner Ordination zum Diakon von 1725 gelesen hat: Die Nachfolge Jesu Christi, die Thomas a Kempis zugeschrieben wird. Dieses Buch aus dem 15. Jahrhundert ist nicht nur in katholischen Kreisen weit verbreitet, sondern auch unter Protestanten. Übersetzungen und Adaptionen wurden auf Englisch publiziert. Das Buch betont, dass das Reich Gottes in uns sei. Es erinnert an Leben und Opfertod Jesu, dem es nachzufolgen gelte. Es entwickelt dabei eine nach innen gewandte Frömmigkeit. Die soziale Dimension fehlt. Wesley urteilt entsprechend gespalten: Er ist beeindruckt von der Konzentration auf Jesus Christus, auf das geistliche, innere Leben, auf Christus in uns. Doch er verurteilt die Tendenz, dieser Welt entfliehen zu wollen. Dahinter steht eine anglikanische Frömmigkeit, die der sozialen Dimension des christlichen Lebens positiv gegenübersteht. Dies wird auch den Methodismus prägen.

Wenn später von der evangelischen Bekehrung von 1738 die Rede sein wird, so darf dabei die erste Bekehrung zu einem geheiligten Leben von 1725 nicht vergessen oder nur als Zwischenschritt betrachtet werden. Denn sie wird dem ganzen weiteren Leben von John Wesley eine Grundausrichtung und ein unverzichtbares Ziel geben. Die Predigten werden dies bezeugen.

2.3Die ersten Predigten (1725–1729)

Die ersten Predigten Wesleys stammen aus den Anfängen seines Dienstes in der Kirche von England. Sie sind eine Folge seiner Ordination zum Diakon. Mehrere Predigten aus der Zeit zwischen seiner ersten Ordination zum Diakon und der zweiten zum Priester sind erhalten. Sie nehmen entweder Themen auf, die Wesley besonders beschäftigten, oder die durch die konkrete Situation des Gottesdienstes vorgegeben waren.

Im September 1725 wird John Wesley durch den Bischof von Oxford, John Potter, zum Diakon ordiniert. Daraufhin bereitet er seine erste Predigt für den 3. Oktober vor. Er wählt als biblischen Text Hiob 3,17: »Dort lassen Frevler vom Wüten ab, und Erschöpfte finden dort Ruhe.«3 Der Inhalt dieser ersten Predigt ist ein Beispiel für das Thema des Todes, das Wesley beschäftigt. Er wird die gleiche Predigt mehrfach halten. Zehn Jahre später, 1735, wird der ersten von ihm selber veröffentlichten Predigt der gleiche Text zugrunde liegen, aber mit einem unterschiedlichen Titel und Inhalt.4 Das Buch Hiob war das besondere Steckenpferd seines Vaters, Samuel Wesley, der all seine Energie und sein Geld in eine Auslegung dieses Buches steckte.

John Wesleys erste Predigt von 1725 erwähnt den Überhang des Elends über das Glück im irdischen Leben. Der Tod ist der Übergang in ein glücklicheres Leben, getrennt von den Folgen der Sünde. Das irdische Leben soll als Vorbereitung auf den Tod und die Ewigkeit gelebt werden. In der Argumentation gilt zu beachten, dass Wesley viele biblische Stellen in seiner Predigt erwähnt. Das wird auch später der Fall sein und ist nicht erst eine Folge seiner evangelischen Bekehrung von 1738. Wesley beginnt seine Predigt mit Argumenten, die in der Vernunft und in der Erfahrung begründet sind. Damit will er die Allgemeingültigkeit seiner Aussagen aufzeigen. Während der ganzen Predigt spielen diese drei Kategorien eine wichtige Rolle (Schrift, Vernunft, Erfahrung). Hingegen fehlen Verweise auf die Tradition. Inhaltlich und theologisch fehlen jegliche Hinweise auf ein Heil aus Glauben. Vielmehr ermahnt die Predigt, das wahre Glück im Gehorsam gegenüber Gottes Willen zu erstreben.

Der zweiten Predigt von Wesley, die lange Zeit als seine erste galt, liegt ein neutestamentlicher Text zugrunde, Matthäus 6,33: »Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.«5 Die Predigt führt das Thema der ersten weiter, setzt den Akzent aber stärker auf das christliche Leben in dieser Welt. Sie tut es wiederum in der Perspektive der Erlösung, die der Tod bringen wird. Wesley spricht von der Güte und Vorsehung Gottes; vom Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist; von der Gerechtigkeit Gottes, die hier auf dieser Erde gelebt werden muss, und von der gewissen Hoffnung des Christen, eine angemessene Belohnung im Himmel zu erhalten. Auch diese zweite Predigt baut auf einer anforderungsreichen Frömmigkeit auf. Sie steht ganz auf der Linie des Denkens ernsthafter Christen seiner Zeit: Sie zeigt die Forderungen der göttlichen Gerechtigkeit, Gehorsam und zukünftige Verdienste auf.

Im März 1726 wird John Wesley zum Lehrbeauftragten an einem anderen Kolleg der Universität ernannt (Fellow of Lincoln College, Oxford). Es war eine lebenslange Stellung, sofern man ledig blieb, mit einer für die damalige Zeit guten Entlohnung von rund £ 60 pro Jahr. Als Lehrbeauftragter an einem universitären Kolleg musste man die jungen Studenten beraten und Vorlesungen in Sprachen und Philosophie halten. Doch die Beauftragungen zum Unterrichten wurden nicht streng eingefordert. Man hatte Zeit, um sich eigenen Studien zu widmen oder auch von Oxford abwesend zu sein. Ein Jahr nach seiner Ernennung, im Februar 1727, schließt Wesley sein Masterstudium (M. A., Master of Arts) ab. Zwischen 1726 und 1729 ist er oft von Oxford abwesend. Er hilft seinem Vater in dessen Dienst in den zwei in Nachbarschaft liegenden Pfarreien und in dessen Studien am Buch Hiob.

In seinen später veröffentlichten Tagebüchern notiert John Wesley seine Predigten und erwähnt in der Regel Datum, Ort und Predigttext. Doch es sind bei weitem nicht alle Predigten in schriftlicher Form erhalten. So hat er drei weitere Male gepredigt, bevor wieder eine seiner Predigten erhalten geblieben ist. Es handelt sich um eine Predigt im September 1726 zum Fest des heiligen Michael und aller Engel. Wesley wählt Bibeltext und Thema aufgrund des Anlasses: Über beschützende Engel.6 Die Engel sind Boten der umfassenden Vorsehung Gottes. In seiner Predigt behandelt Wesley auch das Problem der Freiheit des Menschen in der Beziehung zu den Engeln.

Die nächste Predigt7 wird von Wesley bei der Beerdigung seines Freundes Robin Griffith gehalten. Wesley versucht darin, seine Gedanken zur Kunst des Sterbens weiterzuführen. Er äußert sich gegen Trauer und Tränen. Die Predigt ähnelt einer Art von christlichem Stoizismus. Man findet kein Mitgefühl, außer in drei kurzen Abschnitten am Schluss. Die Abweisung oder Verdrängung von Gefühlen, hier als Gefühle des Schmerzes über den Verlust eines Freundes, zeugen von einer Seite der Persönlichkeit Wesleys, die ihm öfters in seiner Beziehung zum anderen Geschlecht Probleme machen wird.

Die beiden nächsten Predigten stehen wiederum in einer Beziehung zum Dienst bei seinem schon alten Vater. Die erste8 scheint eine Art Verteidigung der harten Arbeit seines Vaters über viele lange Jahre zu sein. Diese Predigt ist aufgrund der angewandten Prinzipien der Schriftinterpretation interessant. Wesley betont, wie wichtig Aufrichtigkeit in jedem Dienst am Wort ist. Man darf das Wort nicht verfälschen, indem man Teile hinzufügt oder weglässt. Als Grundprinzip der Auslegung soll gelten, dass die Schrift sich selber auslegt. Dieses reformatorische Prinzip findet sich auch in den exegetischen Arbeiten seines Vaters. Die Anerkennung dieses Prinzips wird es John Wesley einige Jahre später erleichtern, das Heil aus Gnade zu entdecken. Die andere Predigt aus dieser Zeit betont erneut eine Botschaft eines moralisch rechten Lebens9:Man soll nie lügen oder sich hinter Dingen, die nicht wahr sind, verstecken. Man soll solche Handlungen vermeiden. Wesley streicht heraus, dass es langfristig besser und vernünftiger ist, ehrlich zu leben.

Im September 1728, während einer Zeit seines Dienstes bei seinem Vater, wird John Wesley durch den Bischof von Oxford, Dr. Potter, zum Priester der Kirche von England ordiniert. Im November 1729 kehrt er dann auf Wunsch des Rektors an das Lincoln College in Oxford zurück. Der Rektor möchte eine allgemeine Erneuerung von Aufrichtigkeit und Einsatz im universitären Leben bewirken und hat zu diesem Ziel die Unterstützung durch die Lehrbeauftragten nötig.

2.4Die Zeit des Heiligen Klubs in Oxford (1729–1735)

Im Lauf des Jahres 1729 bildet sich in Oxford eine Gruppe mit drei Studenten: Charles Wesley, dem jüngeren Bruder von John, Robert Kirkham und vermutlich William Morgan. Die Gruppe trifft sich regelmäßig. Andere Einzelheiten zu diesem Anfang liegen im Dunkel der Geschichte.

Ende 1729 kehrt John Wesley nach Oxford zurück. Aufgrund seines Alters und seiner erreichten Ausbildung wird er zum Leiter der Gruppe. Zu Beginn sind die Aktivitäten der Gruppe nicht so sehr auf religiöse Fragen ausgerichtet. Die Gruppe kommt zusammen, um bessere Fortschritte im Studium zu machen. Sie lesen gemeinsam klassische Autoren und, jeweils am Sonntag, ein Erbauungsbuch. Sie möchten die Studienmethoden ernst nehmen, die in den universitären Regelungen festgehalten sind und vom Rektor im Rahmen seiner Studienreform bekräftigt wurden. Andere Studenten beginnen, sich über die Gruppe lustig zu machen und sie mit allen möglichen Bezeichnungen einzudecken: Fanatiker, Sakramentalisten, Reformklub, frommer Klub, heiliger Klub, Methodisten, usw. Schließlich bleibt der letztgenannte Spottname an den Mitgliedern der Gruppe hängen, als viel später eine Bewegung einer anderen Art, eine Erweckung, ausbricht.

Die Zahl der Anhänger und der Aktivitäten der Gruppe entwickelt sich aufgrund der Ideen und Ratschläge der verschiedenen Mitglieder. In Wirklichkeit müsste man eher von mehreren kleinen Gruppen an unterschiedlichen universitären Kollegs reden, die eine Art Vereinigung bilden. Einige Gruppen treffen sich regelmäßig zu Studium und Gebet, andere kommen für Wohltätigkeitszwecke zusammen. Letztere Zielsetzung beginnt auf Initiative eines Mitglieds (John Clayton). Die Begegnung mit den Übeln der Gesellschaft (Armut, Gefängnis, Mangel an Schulbildung) fördert ihr soziales Engagement. Zusätzlich führt sie die Lektüre von Erbauungsbüchern, vor allem der romanischen Mystik und des Zeitgenossen William Law, zu einer Vertiefung der Suche nach einem geheiligten Leben. Die Auseinandersetzung mit William Law beeinflusst das Verständnis und Streben nach christlicher Vollkommenheit. Man findet die Kerngedanken dieser anspruchsvollen, ethisch und sozial ausgerichteten Frömmigkeit in einer Predigt von John Wesley aus dem Jahr 1733 über Die Beschneidung des Herzens.

Bevor wir auf diese Predigt eingehen, muss ergänzt werden, dass fünf weitere Predigten von Wesley aus den Jahren 1730–1733 erhalten sind.10 Insgesamt muss Wesley in der Zeitspanne zwischen 1725 und 1735 gemäß seinem Tagebuch rund siebzig Predigten geschrieben und noch mehr gehalten haben, meist in Kirchen, zum Teil aber auch in Gefängnissen. Unter den fünf schriftlich erhaltenen Predigten verdient eine unsere besondere Aufmerksamkeit, bevor wir auf die Predigt von 1733 eingehen.

Es handelt sich um eine Predigt zum Thema Das Ebenbild Gottes.11 Es ist eine der Predigten, die Wesley vor der Universitätsgemeinde gepredigt hat. Weitere werden später folgen und wir werden an anderem Ort auf die besondere Rolle dieser Universitätspredigten eingehen. Diese erste ist auch von Bedeutung, weil sie ein zentrales Thema in der Theologie Wesleys aufnimmt: das biblische Verständnis des Menschen als Ebenbild Gottes. Dieses Verständnis wurde von einer theologischen Strömung im 17. Jahrhundert in England wiederentdeckt, den sogenannten Cambridge Platonists12, aber auch von rationalistischen Strömungen bestritten (Hobbes, 1684).

In einem ersten Hauptteil der Predigt über Das Ebenbild Gottes beschreibt Wesley den Ursprung des Menschen: Gott schafft den Menschen zu seinem vollkommenen Ebenbild. Wesley zählt dabei drei Kennzeichen dieser ursprünglichen Ebenbildlichkeit auf: zunächst eine Kenntnis und ein Verstehen, das ohne Fehler ist, sowie als zweites einen vollkommenen Willen. Wesley sagt dazu im Blick auf den Menschen vor dem Fall: »Seine Neigungen waren vernünftig, ausgeglichen, und regelmäßig – falls es uns erlaubt ist von ›Neigungen‹ zu sprechen, denn im eigentlichen Sinn hatte er nur eine einzige: Der Mensch war, wie Gott ist: Liebe. Liebe erfüllte die ganze Ausdehnung seiner Seele; sie besaß ihn ohne Rivalin. Jede Bewegung seines Herzens war Liebe, es kannte keine andere Leidenschaft.«13 Diese Konzentration auf die Liebe, die das Verständnis der Gottebenbildlichkeit und der christlichen Vollkommenheit bei Wesley prägt, ist bereits im Jahr 1730 klar ausgebildet. In einem dritten Kennzeichen spricht Wesley von der vollkommenen Freiheit, deren sich der Mensch vor dem Fall erfreute.

Im zweiten Hauptteil zeigt Wesley auf, in welcher Weise der Mensch in seinem Ungehorsam gegenüber dem einen Verbot, das Gott gab, die ursprüngliche, vollkommene Ebenbildlichkeit verlor. Im dritten Hauptteil führt Wesley aus, wie der Mensch die Gottebenbildlichkeit wiedererlangen kann. Dieser Teil beschreibt das Verständnis des Heils bei Wesley vor seiner evangelischen Bekehrung. Wesley benutzt viele biblische Wendungen, aber die wichtigsten Punkte sind im folgenden Zitat enthalten:

»1. Der erste Schritt zu dieser herrlichen Veränderung ist Demut, eine Kenntnis von uns selber, ein richtiges Verständnis unserer Befindlichkeit […] 2. Das Verständnis, das durch Demut erleuchtet ist, leitet uns unmittelbar, unseren Willen durch tätige Liebe zu erneuern. […] So geschieht es, dass ›das Gesetz des Geistes uns befreit vom Gesetz der Sünde und des Todes‹; so stellt es uns wieder her, zunächst zu Erkenntnis, und dann zu Tugend, und Freiheit, und Glück. So sind wir ›befreit von der Knechtschaft der Verdorbenheit zur herrlichen Freiheit der Söhne Gottes‹; zu jener Freiheit, die nicht nur die Abwesenheit von Leiden beinhaltet mit Ausnahme dessen, was zu zukünftiger Freude nötig ist, sondern auch solch ein Maß an gegenwärtigem Glück, als es eine angemessene Einführung ist in das, was aus Gottes rechter Hand für alle Ewigkeit fließen wird.«14