Hanna Kasparick | Hildrun Keßler

AUFBRECHEN
UND WEITERDENKEN

Gemeindepädagogische Impulse zu einer Theorie
von Beruflichkeit und Ehrenamt in der Kirche

Unter Mitarbeit von Annett Chemnitz,
Uta Loheit und Claudia Mieth

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© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06061-0

www.eva-leipzig.de

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

Einleitung

Hanna Kasparick

KIRCHENREFORM DURCH AUSBILDUNGSREFORM?

Die Bemühungen zu einer umfassenden Ausbildungsreform im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (1969–1985)

1.1 Auf dem Weg zur „Gemeinde von morgen“

1.1.1 Die Gründungstagung der 1. Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR

1.1.2 Kirchenreform in der DDR

1.1.3 Ökumenische Einflüsse

1.1.3.1 Das Vorbild des Ökumenischen Rates

1.1.3.2 Die Strukturstudie des Ökumenischen Rates und die „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Strukturfragen der Gemeinde“ in der DDR

1.1.4 Theologische Verortung: Dietrich Bonhoeffer, Ernst Lange, Paolo Freire, Karl Rahner

1.1.5 Die „Kirche als Lerngemeinschaft“ und die Entstehung der Gemeindepädagogik als Fachwissenschaft

1.1.6 Die Debatte um Amt und Ordination in den frühen 1970er Jahren

1.1.7 Das Ordinationsformular des Bundes

1.2 Die Arbeit der Kommission für Ausbildung 1970–1975

1.2.1 Vielfältige Aufgaben und Konzentration

1.2.2 Das Gemeindebild der Kommission

1.2.3 Das Vorbild der erneuerten Diakonenausbildung

1.2.4 Die „Mitarbeiter von morgen“ – Grundbausteine der späteren Konzeption

1.2.5 Erste Konflikte – Was wird aus dem Pfarrberuf?

1.3 Die „Ausbildungssynode“ – Eisenach 1975

1.3.1 Die Diskussion im Vorfeld und das „Arbeitspapier über die Konzeption für die Ausbildung kirchlicher Mitarbeiter im Gemeindedienst“

1.3.2 Die Ausbildung von ehren- und nebenamtlich Mitarbeitenden

1.3.3 Offene Fragen

1.3.4 Der Verlauf der Synodaltagung

1.3.4.1 Die „Gesichtspunkte zur Ausbildung hauptamtlicher Mitarbeiter im Verkündigungsdienst“.

1.3.4.2 Der Beschluss der Synode

1.4 Entscheidungen zu einem neuen Berufsbild – die Görlitzer Synode 1977

1.4.1 Das Stellungnahmeverfahren – Zustimmung und Kritik

1.4.2 Der Verlauf der Synodaltagung

1.4.3 Der Beschluss der Synode

1.4.4 Und die „Laien“?

1.5 Die Gründung der „Evangelischen Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik“

1.5.1 Vorarbeiten und bleibende Kontroversen

1.5.2 Die Sondersitzung am 8. September 1978 und die „Gesichtspunkte für eine Gemeindepädagogische Ausbildung“

1.5.3 Die Berliner Synode 1978 und die Gründung der „Evangelischen Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik“

1.6 Die Entscheidung in der Ordinationsfrage

1.6.1 Das Votum der Kommission für Theologische Grundsatzfragen

1.6.2 Das „Kirchengesetz über die dienstrechtlichen Verhältnisse der Gemeindepädagogen vom 22. September 1981“

1.6.3 Ausblick

1.7 Der Weg zur integrierten kirchenmusikalischen Ausbildung

1.7.1 Die Vorarbeiten zu einer „Rahmenordnung für die Ausbildung hauptberuflicher Kirchenmusiker“.

1.7.2 Die Dessauer Synode 1979

1.7.3 Die Endfassung der „Rahmenordnung“ und ihre Einführung 1982/83

1.7.4 Die „Ausbildungs- und Prüfungsordnung der hauptberuflichen Kirchenmusiker“ von 1987

1.8 Das „Diakonengesetz des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR vom 22. September 1986“ und die „Zentrale Ausbildungsstätte für Gemeindediakonie und Sozialarbeit“ in Potsdam

1.8.1 Das „Diakonengesetz“

1.8.2 Die „Zentrale Ausbildungsstätte“

1.9 Die Reform des Theologiestudiums

1.9.1 Ökumenische Impulse

1.9.2 Die Foren zur Reform des Theologiestudiums

1.9.3 Der „Bericht aus der Arbeit der 3. Kommission für Ausbildung“ und die Greifswalder Synode 1984

1.9.3.1 Das Pfarrbild des Berichtes

1.9.3.2 Die „Anregungen für die künftige Ausbildung von Gemeindetheologen“

1.9.3.3 Leise Hoffnung – der Beschluss der Synode

1.9.4 Die Dresdener Synode 1985 und das Scheitern der Reform des Theologiestudiums

1.9.5 Die Weiterarbeit.

1.10 „Aufbrüche in Traditionen“ – Zusammenfassung

1.10.1 Was Gestalt gewonnen hat

1.10.2 Was offengeblieben ist – Hintergründe

1.10.2.1 Das idealisierte Gemeindebild

1.10.2.2 Strukturelle und kommunikative Probleme

1.10.2.3 Der Widerstand gegen die Doppelfunktion und finanzielle Zwänge

1.10.2.4 Bleibende Unterschiede im Amts- und Ordinationsverständnis

1.10.3 Erinnerung als Aufgabe von Kirchenreform

Hildrun Keßler

GEMEINDEPÄDAGOGISCHES HANDELN IM SPIEGEL DER BERUFSGRUPPE

Interviews aus drei ostdeutschen Landeskirchen

2.1 Gemeindepädagogik als empirisches Forschungsprojekt – Einleitung.

2.1.1 Die Konzeption der empirischen Untersuchung

2.1.2 Zur Situation der Gemeindepädagogik in der EKBO, der EKM und der Nordkirche

2.1.2.1 Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)

2.1.2.2 Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)

2.1.2.3 Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche)

2.2 Die Gesprächsteilnehmenden und Moderierenden

Annett Chemnitz/Claudia Mieth

2.3 Berufsbild und Berufsrollen

2.3.1 Das Studium – Ursprung der Vielseitigkeit

2.3.2 Was den Beruf ausmacht – gemeindepädagogische Grundhaltungen

2.3.3 Eine Vielzahl von Berufsrollen – ‚Segen oder/und Fluch‘?.

2.3.4 Abgrenzungen gegenüber anderen kirchlichen Berufen und Handlungsfeldern

2.3.5 Die Fähigkeit zur Vernetzung und zur Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen

Hanna Kasparick

2.4 Die Ordination im Spiegel der Befragung

2.4.1 Zustimmung und Ablehnung

2.4.2 Die Folgen der Ordination für das berufliche Selbstverständnis

Hanna Kasparick

2.5 Zum Bildungsverständnis

2.5.1 Gemeindepädagogik als Teil des kirchlichen Bildungsauftrags

2.5.2 Ziele – von der Mündigkeit Einzelner bis zur Gemeindebildung

2.5.3 Konzeptionelle Grundentscheidungen und besondere Arbeitsfelder

2.5.4 Hinausgehen, diskutieren, erzählen, spielen und noch mehr

2.5.5 Fortbildung und lebenslanges Lernen

Uta Loheit/Hildrun Keßler

2.6 Gemeindepädagogik und Gemeindeentwicklung

2.6.1 Geprägte und erlebte Gemeindebilder

2.6.2 Veränderungen und Entwicklungsszenarien

2.6.2.1 Gemeinde außerhalb der Ortsgemeinde entwickeln

2.6.2.2 Plurale Gemeindeformen und Präsenz vor Ort

2.6.2.3 Die Rolle der Ehrenamtlichen

2.7 Gemeindepädagogik – „Man muss etwas wagen!“.

3 DAZWISCHEN: IMPRESSIONEN AUS DEM GEMEINDEPÄDAGOGISCHEN ALLTAG

Hanna Kasparick/Hildrun Keßler

4 AUFBRECHEN UND WEITERDENKEN

Impulse zu einer Theorie von Beruflichkeit und Ehrenamt

4.1 Verwandlungen gestalten

4.1.1 Veränderungsbereit und kontextsensibel – das Ende der volkskirchlichen Selbstverständlichkeiten

4.1.2 Subjektorientiert und gemeinschaftsbezogen – in fluiden Formen von Gemeinde

4.1.3 Sektoral und dimensional verantwortlich – vom ‚Spiel-Trainer‘ zur professionellen Assistentin der Ehrenamtlichen

4.2 Multiprofessionalität – Überlegungen zu einer Theorie kirchlicher Mitarbeit

4.2.1 Ein Begriff mit Konjunktur

4.2.2 Die landeskirchliche Perspektive

4.2.3 Die Zusammenarbeit vor Ort

4.2.4 Und die Ehrenamtlichen?

4.3 Dienstgemeinschaft – Überlegungen zu einer Theologie kirchlicher Mitarbeit

4.4 Eine evangelische Berufungspraxis und eine erneuerte Pastoraltheologie

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Biogramme

Endnoten

EINLEITUNG

40 JAHRE GEMEINDEPÄDAGOGISCHE AUSBILDUNG POTSDAM/BERLIN

Vor 40 Jahren begann im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) die gemeindepädagogische Ausbildung und es kann auf eine wechselvolle und lebendige Geschichte zurückgeblickt werden. Sie nahm in Potsdam ihren Anfang und wurde ab 1996 in der Evangelischen (Fach-)Hochschule Berlin fortgesetzt. Mit dem Berufsbild der Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen gewannen umfassende Kirchenreformbemühungen eine konkrete Gestalt. Ein sich atheistisch verstehender sozialistischer Staat, Mitgliederschwund und Modernisierungsschübe waren der Hintergrund für die Reformbemühungen der DDR-Kirchen in den 1960er und 1970er Jahren. Ähnlich gravierende Veränderungen der Gesellschaft, die sich unter dem Stichwort „Metamorphose“1 fassen lassen, bewegen die Praktische Theologie, kirchenleitende Gremien und Gemeinden heutzutage in vergleichbarer Weise. Diese Fragen sind bei weitem nicht allein für die östlichen Gliedkirchen der EKD von Interesse, auch wenn hier Peripherisierungsprozesse in manchen ländlichen und städtischen Regionen in besonderer Weise fortgeschritten sind.

Laut der Prognose des Forschungszentrums Generationenverträge (FZG) der Universität Freiburg2 wird der Anteil der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung von derzeit 54 Prozent auf 29 Prozent sinken. 2017 waren noch 44,8 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied einer der beiden großen Kirchen. Bis 2035 soll ihre Zahl um 22 Prozent auf 34,8 Millionen sinken, bis 2060 sogar um 49 Prozent auf 22,7 Millionen. Dabei werden knapp 90 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder im Norden, Süden und Westen Deutschlands leben und lediglich gut zehn Prozent in den ostdeutschen Landeskirchen beheimatet sein. Nun bilden diese Zahlen nicht das tatsächliche Beteiligungsverhalten der Menschen an kirchlichem Leben ab. In evangelischen Kindertagesstätten und Schulen, im Rahmen von kirchenmusikalischen und anderen Gruppen, in der Seelsorge und Diakonie finden sich Menschen ein und beteiligen sich am kirchlichen Leben, ohne dass deshalb (sofort) die Taufe gewünscht bzw. ein Kircheneintritt vollzogen wird. Dennoch oder gerade deshalb ist deutlich, dass sich Gemeinden und Kirchen weiter verändern werden und müssen. Bei sinkender Mitgliederzahl werden weniger Hauptberufliche zur Bewältigung der vielfältigen Aufgaben zur Verfügung stehen und kirchgemeindliche Strukturen werden verstärkt Netzwerkcharakter tragen. Die Bedeutung der ehrenamtlich Engagierten wird weiter zunehmen und neue Formen der Selbstorganisation und Partizipation, wie sie bereits im Entstehen sind, werden sich weiterentwickeln. Für die Begleitung solcher Prozesse in sozialräumlichen Netzwerken und multiprofessionellen Teams bringen Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen eine besondere Kompetenz mit. Dabei sind die Einsichten anregend, die bereits vor 40 Jahren im BEK gewonnen wurden.

KIRCHENREFORM UND AUSBILDUNGSREFORM – EIN GESCHICHTLICHER RÜCKBLICK

Seit den Tagen der Wittenberger Universität3 sind in der Evangelischen Kirche Kirchenreformen mit Ausbildungsreformen verbunden. In dieser Tradition steht auch die groß angelegte Ausbildungsreform des BEK. Sie begann mit dessen Gründung und endete erst mit der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung Deutschlands. Verschiedene kleinere und größere Veröffentlichungen haben sich bereits mit der Geschichte der gemeindepädagogischen Ausbildung und den Reformen in der kirchenmusikalischen und diakonisch-fürsorgerischen Ausbildung befasst. In diesem Buch werden die damaligen Reformansätze jedoch erstmals im Gesamtzusammenhang dargestellt, einschließlich der in den 1980er Jahren in Angriff genommenen Reform des Theologiestudiums (Kapitel 1). Die Darstellung umfasst die gesellschaftlichen und kirchlichen Hintergründe des Reformprogramms, seine theologischen Begründungen, die ökumenische Einbettung, die Prozessgestaltung und die Ergebnisse. Die Erfahrungen von damals stellen ein Lehrstück dar, auf welche Weise Kirchenreformprozesse durch kirchenleitende Gremien gesteuert werden können und wo sie an Grenzen stoßen – dies ist im Blick auf heutige Kirchenreformbemühungen von besonderem Interesse.

Der Schwerpunkt der historischen Untersuchung liegt auf den Vorgängen im BEK, in seinen Kommissionen und Synoden. Einer späteren Untersuchung muss es vorbehalten bleiben, den Verlauf der Reformvorhaben auf der Ebene der einzelnen Landeskirchen genauer nachzuzeichnen. Mit dieser historischen Forschungsarbeit ist auch die Hoffnung verbunden, die damaligen „ostdeutschen“ Ereignisse als Teil einer gesamtdeutschen Geschichte im Gedächtnis der Praktischen Theologie und der Kirchentheorie zu verankern.

POTENTIALE EINER BERUFSGRUPPE

Für die Gestaltung der anstehenden Wandlungsprozesse ist es von großem Interesse, was aus der gemeindepädagogischen Berufsgruppe geworden ist. Wie versteht sie sich selbst vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Strukturen in den drei ostdeutschen Landeskirchen, die die Gemeindepädagogische Ausbildungsstätte in der DDR getragen haben? Welche Herausforderungen und Chancen der Kirchen- und Gemeindeentwicklung benennt sie aufgrund ihrer Expertise? Und welche Kompetenzen werden aus ihrer Sicht für die kommenden Veränderungsprozesse gebraucht? Analysen und Interpretationen einer Befragung bilden die Mitte der Veröffentlichung (Kapitel 2). Hier sind Sichtweisen von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen aus 33 Jahren Ausbildung und Tätigkeit in Kirche und Gesellschaft versammelt, vom Abschluss des ersten Studienkurses im Jahr 1983 bis ins Jahr 2013. Damit liegt eine Feldstudie für eine „lokale und kontextuell angewandte Kybernese“ (Ralph Kunz) vor. Sie versteht sich als ein Beitrag zu den sich auch in Deutschland etablierenden Congregational Studies und wurde noch von Peter Schicketanz (1931–2018) inspiriert, dem Gründungsrektor der Gemeindepädagogischen Ausbildungsstätte in Potsdam. Er hat nicht nur zur Entstehung der gemeindepädagogischen Ausbildung wesentlich beigetragen, er hat sie auch bis zu seinem Tod wissenschaftlich begleitet und die Entwicklungschancen einer gemeindepädagogischen Theorie im Abgleich mit den Erfahrungen und Erkenntnissen der darin arbeitenden Menschen angeregt. Auch darum erzählen Begebenheiten von dem, was im gemeindepädagogischen Alltag bewegt, wozu er ermutigt, worin er anstößig ist und was ihn reich macht. Die an den Interviews Beteiligten haben dazu persönliche Eindrücke aufgeschrieben (Kapitel 3).

AUF DEM WEG ZU EINER ERNEUERTEN PASTORALTHEOLOGIE

Das Besondere an der Ausbildungskonzeption des BEK war, dass es in ihr nicht nur um den Pfarrberuf ging, sondern um ein Ensemble von hauptberuflichen „Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst“. Sie sollten in der Lage sein, in einer grundlegend veränderten Zukunft gleichberechtigt und mit vergleichbarem Status die Herausforderungen kirchlicher Arbeit in der DDR zu bewältigen. Dies schloss auch Überlegungen zur Ausbildung der Ehrenamtlichen ein. Die Weiterentwicklung der klassischen Pastoraltheologie zu einer kritischen Theorie kirchlicher Mitarbeit bzw. einer „Mitarbeitendentheologie“ unter Einschluss des Ehrenamtes (Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong) nahm hier einen Anfang und gehört heute zu den Forderungen, die in der Praktischen Theologie der Gegenwart erneut und dringlich erhoben werden. Darin bündeln sich auch Erkenntnisse aus den Reformprozessen der vergangenen Jahrzehnte in verschiedenen Gliedkirchen der EKD. Eine stimmige Theorie kirchlicher Mitarbeit bzw. eine Mitarbeitendentheologie kann künftig nur im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamtlichen entwickelt werden.

In Kapitel 4 werden zunächst die Erträge aus der Auswertung der Interviews im Blick auf die „Metamorphosen“ der Kirchlichkeit gesichert und unter drei Dialogpaaren gebündelt. In ihnen zeigen sich wesentliche gemeindepädagogische Grundhaltungen. Unter „Multidisziplinarität“ und „Dienstgemeinschaft“ finden sich Aspekte aus der Geschichte der Reformen im BEK und den Interviews, die sich mit einer „kritischen Theorie der Praxis der in der kirchlichen bzw. gemeindlichen Arbeit Tätigen“ (Peter Bubmann) verbinden lassen. Wie schon im BEK kommt in diesem Zusammenhang den Fragen der Vergewisserung aller Mitarbeitenden unter Einschluss der Ordination eine besondere Bedeutung zu.

Hinzuweisen bleibt noch auf die Verwendung einer gendergerechten Sprache. Das Bewusstsein für deren Notwendigkeit war in der DDR im untersuchten Zeitraum erst im Entstehen begriffen. Deshalb wird im historischen Kapitel 1 in Zitaten und Erläuterungen das damals übliche generische Maskulinum verwandt.

DANKSAGUNGEN

Dieses Buch mit seinem kommunikativen Grundverständnis von Gemeindepädagogik ist nicht (nur) in ruhigen Stunden am Schreibtisch entstanden, sondern im lebendigen Austausch mit den Gemeindepädagoginnen Annett Chemnitz, Uta Loheit und Claudia Mieth sowie dem Gemeindepädagogen Frieder Aechtner. Es ist das Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses sowohl innerhalb dieser Steuerungsgruppe, als auch mit denjenigen Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen, die sich in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und im Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) zu den Interviews bereitgefunden haben. Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank.

Das Forschungsprojekt zur Geschichte der Ausbildungsreform im BEK wurde durch die EKM angeregt und finanziell großzügig gefördert, wofür wir besonders dankbar sind. Ebenfalls danken wir der EKBO, der EKM und der dem Zentrum kirchlicher Dienste im Kirchenkreis Mecklenburg für die finanzielle Unterstützung der Drucklegung. Der Familie Schicketanz gebührt ausdrücklich Dank dafür, dass sie das Privatarchiv von Peter Schicketanz zur Verfügung gestellt hat.

In einem Expertengespräch mit Peter Bubmann, Eberhard Hauschildt und Thomas Zippert haben wir wesentliche Denkanstöße zur Weiterentwicklung einer Theorie und Theologie kirchlicher Mitarbeit erhalten. Für diesen anregenden Diskurs sei herzlich gedankt. Ebenso verdanken wir den Kolleginnen und (ehemaligen) Kollegen im Studiengang Evangelische Religionspädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin einen intensiven fachlichen Austausch, inhaltliche Impulse und kollegiale Unterstützung. Für die Einführung und Beratung zu Methoden der empirischen Sozialforschung danken wir Sebastian Schröer-Werner. Unser Dank gilt auch den Mitarbeitenden des Evangelischen Zentralarchivs für die Unterstützung bei den Recherchearbeiten, Matthias Hahn, Barbara Krückemeyer, Dörthe Tönniges und Lisa Strahlendorf für das gründliche Lektorat, das Layout und die technische Mitarbeit bei der Fertigstellung des Buches.

Das konstruktiv fröhliche Gespräch zu Geschichte und Selbstverständnis der Gemeindepädagogischen Ausbildung Potsdamer und Berliner Provenienz und zu den aktuellen Herausforderungen in der Berufswirklichkeit von Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen möge sich im vielfachen Gebrauch dieses Buches fortsetzen.

Pfingsten 2019

Hanna Kasparick und Hildrun Keßler

Hanna Kasparick

KIRCHENREFORM DURCH AUSBILDUNGSREFORM?

Die Bemühungen zu einer umfassenden Ausbildungsreform im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (1969–1985)

1.1 AUF DEM WEG ZUR „GEMEINDE VON MORGEN

1.1.1 DIE GRÜNDUNGSTAGUNG DER 1. SYNODE DES BUNDES DER EVANGELISCHEN KIRCHEN IN DER DDR

Mit der konstituierenden Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) vom 10. bis 15. September 1969 in Potsdam-Hermannswerder übernahm der Bund Verantwortung für die Gemeinschaft der acht Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die auf dem Territorium der DDR lagen.1 Die Gründung des Bundes war nicht unumstritten, denn sie war auch politischen Zwängen geschuldet und bedeutete die organisatorische Trennung der östlichen Kirchen von der EKD. Verschiedene schmerzhafte Erfahrungen ließen ein gemeinsames Auftreten der ostdeutschen Kirchen gegenüber dem SED-Staat als geboten erscheinen. Hinter ihnen lagen die Auseinandersetzungen um die Jungen Gemeinden und die Jugendweihe2 in den 1950er Jahren. Zudem wurde das kirchliche Leben von fortschreitendem Mitgliederschwund begleitet. Nach dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 hatten sich viele Menschen, die in der DDR verblieben waren, mit den gegebenen Verhältnissen, dem Machtanspruch der SED und dem Leben in einer „Diktatur des Proletariats“ abgefunden. Sie verließen die Kirchen, nicht zuletzt, um nicht persönliche Nachteile zu erleiden. Schließlich hatten die Kirchen in der DDR im Jahr 1968 die Erfahrung machen müssen, dass es ihnen im Blick auf den Einmarsch der Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei nicht möglich gewesen war, gemeinsam Stellung zu nehmen.3 Die neue Gemeinschaft sollte für die Zukunft ein abgestimmtes Handeln gegenüber dem atheistischen Weltanschauungsstaat ermöglichen.

Zeitgleich nötigte die Verabschiedung der neuen Verfassung der DDR im Jahr 1968 die Kirchen, ihren Standort neu zu bestimmen. Die neue Verfassung brachte für die Kirchen eine deutliche Einschränkung ihres Status und ihrer Rechte mit sich.4 Die Religionsausübung wurde nunmehr im Individualrecht verankert. Damit verloren die Kirchen ihren Körperschaftsstatus. Die Selbständigkeit der kirchlichen Ordnung und Rechtsschutz für das kirchliche Leben waren nicht mehr gewährleistet.5

Gleichzeitig spielten theologische Einsichten und kirchenreformerische Überlegungen bei der Gründung des Bundes eine wesentliche Rolle. Sie war mit der Hoffnung verbunden, gemeinsam eine den Herausforderungen der Zeit entsprechende Gestalt der Kirche zu finden. Die Protagonistinnen und Protagonisten der Bundesgründung wollten nicht einfach nur auf die neue Verfassung der DDR reagieren, sondern suchten nach Möglichkeiten, „Zeugnis und Dienst“ an den Menschen in der sozialistischen Gesellschaft der DDR besser als bisher ausrichten zu können.6 Politische Zwänge, theologische Einsichten und kirchliche Reformbestrebungen kamen bei der Gründung des Bundes zusammen.7 In der Formel „Zusammenwachsen durch Zusammenarbeiten“ bündelten sich die Hoffnungen aller derer, die nun die Chance zu einem neuen kirchlichen Aufbruch gegeben sahen.8

Mit Spannung war die Gründungstagung der 1. Synode des Bundes erwartet worden. Neben den notwendigen Wahlen zur Besetzung der Organe des Bundes und zu einer Geschäftsordnung der Synode sollten auch Impulse in die Gemeinden gesendet werden, die den neuen Zusammenschluss inhaltlich profilierten9 und Mut zur Zukunft vermittelten. Dies stellte sich jedoch als unvermutet schwierig heraus. Denn es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Auf der einen Seite befanden sich diejenigen, die dem Bund lediglich koordinierende Funktionen zuschrieben und an der bisherigen Selbständigkeit der Gliedkirchen festhalten wollten. Sie fühlten sich auch an ihr bestehendes Kirchenverständnis gebunden und meinten, daran nichts ändern zu dürfen. Auf der anderen Seite standen die Reformkräfte, die den Bund auch im Sinn einer ‚Zukunftswerkstatt‘ für die als notwendig erachtete Kirchenreform nutzen wollten. Der hier zu Tage tretende Grundkonflikt sollte die Geschichte des Bundes in der Folgezeit begleiten.

Auf der Gründungssynode entzündete sich die Kontroverse an der ersten zu verhandelnden Sachfrage, der Frage nach dem Zuschnitt der geplanten Kommissionen und deren Auftrag.10 Zwei synodale Ausschüsse wurden mit den notwendigen Klärungen beauftragt: der Ausschuss für die Kommissionen und der Richtlinienausschuss. Beide Ausschüsse11 stimmten in der Vorstellung überein, dass mit den zu bildenden Kommissionen etwas Neues geschaffen werden sollte.

„Wir wollen verhindern, daß etwa alle alten Aktivitäten nahtlos in die Kommissionen hineinfließen, die beispielsweise unter solchen Stichworten wie Gemeindeaufbau oder wie Werke der Kirche oder wie Diakonie oder wie Haushalterschaft bisher gelaufen sind. Hier sind also Einschränkungen gemacht bzw. Profilierungen ausgesprochen, die den Kommissionen eine echte Chance gebe sollen“,12

hieß es in der Vorlage des Richtlinienausschusses.

Darüber hinaus, so der Ausschuss für die Kommissionen, sollten diese „Erkundungs- und Experimentalzentren für die Kirche von morgen“13 werden und „eine Plattform“ bilden, „auf der eine Annäherung der Fachkräfte der Gliedkirchen auf verschiedensten Gebieten und eine enge Zusammenarbeit auf Zukunft hin“14 möglich werden würde. Der Ausschuss für die Kommissionen schlug folgende Sachgebiete zur Grundlage der Arbeit vor: Ökumene, Publizistik, Unterweisung, Finanzfragen, Rechtsfragen, Ausbildung, Leben der Gemeinde, Jugend und Theologie.

Den beiden Berichten folgten eine grundsätzliche Kontroverse und eine streckenweise zermürbende Aussprache im Plenum. Erstrebten die ‚Bewahrer‘ eine Überführung bisheriger Arbeitsgebiete in die Kommissionsarbeit, so plädierten die ‚Reformer‘ für eine grundlegende Neuorientierung, auch um klassische Versäulungen der Arbeitsgebiete zu überwinden. Zwischenzeitlich entstand der Eindruck, als könne sich die Synode gar nicht entschließen, überhaupt Kommissionen zu bilden. Um vor der kirchlichen Öffentlichkeit jedoch nicht gleich bei der ersten Zusammenkunft mit leeren Händen dazustehen, mühte sich das Präsidium um einen tragfähigen Kompromiss. Der Vorschlag dazu kam von Jürgen Henkys, Dozent am Sprachenkonvikt15 Berlin und einer der Vordenker der Gemeindepädagogik in der DDR. Dieser Vorschlag ging zunächst von fünf Kommissionen aus. Im Verlauf der hitzigen Debatte modifizierte Henkys ihn jedoch noch einmal, so dass am Ende nur noch von zwei Kommissionen die Rede war: der Ökumenischen Kommission und der Kommission für Ausbildung (KfA). Diese beiden Themen, Ökumene und Ausbildung, stellten offensichtlich den kleinsten gemeinsamen Nenner dar. Gemeinsames Handeln schien hier besonders dringlich zu sein. Eine Koordination der ökumenischen Aktivitäten war schon gegenüber den staatlichen Stellen und der restriktiven Praxis der Genehmigung von Reisen ins nichtsozialistische Ausland von Vorteil und die Krise der kirchlichen Ausbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betraf alle Gliedkirchen.

„… wir müssen mit einigen Kommissionen anfangen, und zwar auf Gebieten, wo es ganz offen zutage liegt, daß es zu einer Zusammenarbeit kommen muß und wo schon Ansätze vorhanden sind … aber auch auf dem Gebiet der Ausbildung erwartet man einiges von uns.“16

Die Bildung dieser beiden Kommissionen ermöglichte es der Synode, am Ende doch noch ein Sachergebnis zu präsentieren.17 Zum Vorsitzenden der ersten Ausbildungskommission wurde Werner Krusche, Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, berufen. Als Sekretär stand ihr Paul Wätzel, Berlin, zur Verfügung, der diese Aufgabe bis zu seinem Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand im Februar 1973 wahrnahm. In der Kommission sollte möglichst die ganze Breite der Ausbildungslandschaft vertreten sein. So gehörten neben dem Vorsitzenden der ersten Ausbildungskommission folgende Mitglieder an18:

Direktorin Gisela Fengler, Burckhardthaus, Berlin; LKMD Wolfgang Fischer, Organist und Kantor am Dom zu Brandenburg; Oberin Anna Heucke, Ausbildung von Diakonieschwestern im Stift Bethlehem, Ludwigslust; Präsident Dr. Kurt Johannes, LKA Dresden; Seminardirektor Dr. Paul-Gerhard Keyser, Predigerseminar Wittenberg; OLKR Gerhard Knauf, Dresden; Pfarrer Dr. Ernst Koch, Predigerseminar Eisenach; Rektor Dr. Ulrich Kühn, Theologisches Seminar Leipzig; Pfarrer Ulrich Mönch, Eisenach/Berlin; Provinzialkatechet Dr. Alfred Nollau, Halle; Pfarrer Dr. Siegfried Schmutzler, Lehrbeauftragter für Pädagogik am Theologischen Seminar Leipzig; Prof. Dr. Eberhard Winkler, Halle; Studienleiter Pfarrer Dr. Hansjürgen Schulz, Greifswald (stellvertretender Vorsitzender); Pfarrer Dr. Hanns-Joachim Wollstadt, Brüderhaus Martinshof Rothenburg/Oberlausitz.19

1.1.2 KIRCHENREFORM IN DER DDR

Die Bemühungen um eine umfassende Neugestaltung der kirchlichen Ausbildungen im Bund sind nicht isoliert zu verstehen, sie sind Teil einer neuen Sicht von Kirche, die den Ort, an den sie gestellt ist, bewusst wahrnehmen und an ihm wirken will. Die ersten Synoden des Bundes legten dafür die Grundlagen. Kirche als „Zeugnis- und Dienstgemeinschaft“ 1970, „Kirche für andere – Kirche in der sozialistischen Gesellschaft“ 1971/1972 und „Kirche als Lerngemeinschaft“ 1974 waren die Formeln, die zur Standortbestimmung und zur Selbstverständigung gefunden wurden. Damit waren die Akteurinnen und Akteure im Bund Teil einer übergreifenden Bewegung zur Kirchenreform, die in Ost und West gleichermaßen Raum griff, allerdings in jeweils unterschiedlicher Gestalt.20 Es gab ein Unbehagen an der Wiederherstellung volkskirchlicher Verhältnisse, wie sie noch vor dem 2.Weltkrieg bestanden hatten, auch im Westen Deutschlands. Eine solche Wiederherstellung schien gegenüber den Herausforderungen der sich modernisierenden und demokratisierenden Gesellschaft im Westen ebenso unangemessen zu sein wie gegenüber einer Minderheitenkirche unter den Bedingungen eines sich bewusst als atheistisch verstehenden Staates, der sich den Aufbau des Sozialismus zum Ziel gesetzt hatte. Ein direkter Einfluss der Studentenbewegung auf die Kirchenreformbestrebungen im Westen Deutschlands ist nicht nachzuweisen, eher ein indirekter, der das gesellschaftliche Klima im Hinblick auf Demokratisierung und Kritik an Hierarchien betraf. Die Proteste und Provokationen machten sich zwar bemerkbar, die Kirchenreformdebatten setzten jedoch bereits in den 1950er Jahren ein.21 Im Osten Deutschlands waren unter den Studierenden „zum Beispiel die Bewegung des Prager Frühlings und die Studentenbewegung in Berlin … stark zu spüren.“ An den kirchlichen Hochschulen wurden „auch radikal-marxistische (Thesen) … vorgebracht, und es ist zu Auseinandersetzungen darüber gekommen. Es wurde gefordert, die Fragen der Soziologie in alle theologischen Fächer, auch in die exegetischen und historischen, einzuführen.“22

Wie stark die Kirchen im Osten Deutschlands unter Veränderungsdruck standen, belegen einige Zahlen, die die Kommission für kirchliche Arbeit mit Kindern und Konfirmanden 1974 vorlegte. Für den Zeitraum von 1965 bis 1973 notierte sie Schätzwerte, die „einen Rückgang der Taufen um 46%, in der Christenlehrebeteiligung um 34% und in der Zahl der Konfirmierten um 35%“23 feststellten. Vermutlich lagen die realen Zahlen noch höher.24 Die große Aufmerksamkeit der Bundessynode gerade für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die später zu der relativen Einmütigkeit führen wird, mit einer gemeindepädagogischen Ausbildung zu beginnen, hat auch in diesem dramatischen Rückgang ihre Ursache.

„Der Schrumpfungsprozeß unserer Gemeinden ist gewiß sehr unterschiedlich in der Provinz [gemeint ist die KPS, A. d.V.] – oft von einem Dorf zum anderen –, aber kaum einer verkennt ihn. In der Christenlehrebeteiligung zeigt er sich am deutlichsten.“25

Auch die Ausbildungskonzeption des Bundes wird die „Dringlichkeit des Auftrags“ mit der allgemeinen kirchlichen Situation in der DDR, mit der Situation der kirchlichen Mitarbeitenden und der Situation der Ausbildungsstätten begründen: Die Zahl der Christinnen und Christen wurde kleiner, ihr Einfluss geringer und die zur Verfügung stehenden Finanzmittel sanken. Diesen schmerzlichen und verunsichernden Erfahrungen begegnete eine Theologie, die sich ihrerseits von diesen Erfahrungen nicht lähmen lassen wollte, sondern nach den Aufgaben und den Chancen der „kleinen Schar“ fragte. Es ging um „Die große Aufgabe der kleiner werdenden Gemeinde“ – so Werner Krusche in seinem Einführungsreferat auf der sogenannten „Ausbildungssynode“ 1975 in Eisenach. Man wollte zu einer realistischen Einschätzung der Gemeindewirklichkeit gelangen. Dieser Herausforderung stellte sich das sogenannte „Diaspora-Denken“. Der Begriff „Diaspora“ sollte die Existenz von Christinnen und Christen in einer nichtchristlichen Umwelt beschreiben. Werner Krusche sprach auch von „ideologischer Diaspora“, weil die Gemeinde als Minderheit in einer ansonsten einheitlich ideologisch geprägten Gesellschaft lebte. Die volkskirchliche Vergangenheit stand noch lebendig vor Augen, dennoch musste der Übergang in die neue Situation gewagt werden. Diese Situation konnte entweder als Gericht Gottes verstanden26, oder auch als Chance begriffen werden, wie z. B. bei Johannes Hamel und Werner Krusche. Solche Chancen wurden „in der Konzentration auf das Eigentliche, in der Gewinnung eines klaren Profils, in der Machtlosigkeit der Kirchen und der zunehmenden Bedeutung der Gemeinschaft“27 gesehen. In Verbindung mit einer Sendungs-Theologie, die sich dem Ansatz bei der Missio Dei (s. u. 1.1.3.2) verdankte, wurde einerseits eine Orientierung auf die Probleme der Gemeinde möglich, andererseits der Gefahr eines Rückzugs in die abgeschlossenen Zirkel einer Kerngemeinde gewehrt.

Detlef Pollack hat diesem theologischen Ansatz eine bewusste „Beschönigung der DDR-Wirklichkeit“ und eine „unreflektierte Übernahme der theologischen Entwürfe aus der Ökumene“ vorgeworfen.28 Beides lässt sich m. E. an den Texten so nicht nachweisen, wohl aber der Wille, die beschwerlichen Erfahrungen nicht nur zu erleiden, sondern in ihnen nach einem tragenden Grund und nach Gestaltungsmöglichkeiten zu suchen. Dass dabei die tatsächlichen Möglichkeiten der Gemeinden und ihre Bedürfnisse zu wenig gesehen wurden, lässt sich allerdings auch nicht bestreiten. Mit der schwindenden Volkskirche waren ein volkskirchliches Beteiligungsverhalten und ein Bedürfnis nach Befriedigung „religiöser“ Grundbedürfnisse nicht einfach verschwunden. Doch die Frage nach der Bedeutsamkeit „gelebter Religion“ war weder vor dem Hintergrund der Theologie Dietrich Bonhoeffers noch der Karl Barths im Blick, die beide das theologische Denken in der DDR nachhaltig prägten.29

Die Kirchenreformen in der DDR der 1960er und 1970er Jahre waren mithin umfassend angelegt und nicht nur auf Ausbildungsfragen beschränkt. So hatte z. B. die Kirchenleitung der KPS bereits 1968 der Synode ein Dokument zur „Neuordnung des geistlichen Dienstes“ vorgestellt.30 Eine gegliederte Mitarbeiterschaft und die regionale Arbeitsweise waren zwei der wichtigen Grundgedanken des Papiers, die später auch Eingang in die Ausbildungskonzeption fanden.31 Die EKiBB zog 1970 mit dem Papier „Das Berufsbild des Pfarrers“ nach, in dem dieser nicht mehr als „Hauptinterpret“ gesehen wurde, sondern als einer, dessen Aufgabe es sein sollte, so viel wie möglich „Mitinterpreten“ zu gewinnen. Im selben Jahr hatte die EKiBB durch eine Änderung der Grundordnung die Möglichkeit eingeräumt, dass auch Laien den Vorsitz im Gemeindekirchenrat einnehmen konnten. In anderen Landeskirchen wurde dies zeitgleich diskutiert.32 In Sachsen wurde mit dem „Kirchengesetz über die ‚Mittlere Ebene‘“ vom 30. Oktober 1970 eine Kirchenkreisreform in Gang gesetzt und in Karl-Marx-Stadt gab es mit Dietrich Mendt die Kirchentagskongressarbeit und die vom Staat misstrauisch beäugten „Gottesdienste einmal anders“.33 Die Befürworter einer Gemeindereform, die auf missionarische Kleingruppen von Theologen und anderen Gemeindegliedern setzten und die die „Gemeinde als Ausbildungsort für qualifizierte Mitarbeiter Gottes in der Welt“34 betrachtete, trafen sich im Lückendorfer Arbeitskreis. Zu dessen Mitgliedern gehörten auch der spätere Präses der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und Vizepräses der Bundessynode Johannes Cieslak, daneben Johannes Hempel, Siegfried Schmutzler sowie Werner und Günter Krusche.35 Des Weiteren hatte die Kirchenleitung der EKiBB 1968 einen dreijährigen Arbeitsplan zu Gemeindeseminaren verabschiedet – einer neuartigen Form der Erwachsenenbildung. Gerhard Linn und Günter Jacob waren die Protagonisten. Das Ziel war, das Gespräch der Gemeindeglieder untereinander und mit den Kirchenfernen über Fragen des Glaubens und des Alltags zu suchen, um so die oft beklagte Sprachlosigkeit in einer atheistischen Umwelt zu überwinden. Die Vorbereitung und Durchführung von Gemeindeseminaren wurden in den Jahren 1973/74 und 1974/75 vom Bund übernommen.36 Die Gemeindeseminare hatten eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Entwicklung der Erwachsenenbildung in den Gliedkirchen des Bundes.

1.1.3 ÖKUMENISCHE EINFLÜSSE

Maßgeblich beeinflusst wurde das Reformdenken im BEK von den Entwicklungen, die der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in den 1950er und 1960er Jahren genommen hatte. Der Weg in die Minderheitensituation legte für die Kirchen der DDR eine Orientierung an den Kirchen in der Ökumene nahe, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert waren. Der Blick auf die erneut etablierten volkskirchlichen Strukturen der Kirchen in der BRD taugte dazu eher weniger. Allerdings darf man nicht vergessen, dass auch nach der Gründung des Bundes die Kontakte zwischen den Ost- und Westkirchen, zwischen Ausbildungsstätten und Gemeinden eng blieben und die wechselseitig rezipierende Arbeit nicht abriss.37 Insbesondere die fast gleichzeitige Entstehung der Gemeindepädagogik als Berufstheorie und praktisch-theologischer Disziplin in Ost und West wurde wechselseitig intensiv zur Kenntnis genommen. Und auch umgekehrt galt: Die Entwicklung der Kirchen in der DDR war für die ökumenischen Partner von außerordentlichem Interesse.38 Denn das „erste Mal in der Geschichte begegnet(e) eine protestantische Kirche, der einst die Mehrheit der Bürger dieses Landes angehörte, unausweichlich dem Marxismus-Leninismus …“39 Im Zusammenhang ihres ökumenischen Engagements entwickelten sich die DDR-Kirchen und der Kirchenbund mit Selbstbewusstsein zu anerkannten ökumenischen Gesprächspartnern.40 Werner Krusche stellte dazu im Rückblick fest:

„Die ökumenischen Beziehungen entwickelten sich dabei in einem Maße und die Mitarbeit im ÖRK, in der KEK und in den konfessionellen Weltbünden nahm dabei einen Umfang an, daß sie unsere Kräfte im Grunde überforderten. Wir waren respektierte Leute in der Ökumene (und das tat natürlich wohl), aber entsprach nicht der geringen geistlichen Kraft unserer Kirchen … Aber es ist natürlich überhaupt nicht hoch genug einzuschätzen, was wir durch die breite und engagierte Mitarbeit in der Ökumene an Kenntnissen, Einsichten, Entdeckungen, Vertiefungen, Impulsen, an geistlichen Erfahrungen empfangen haben – einen unglaublichen Reichtum …“41

Neben Werner Krusche waren es Johannes Hempel und Albrecht Schönherr, die als Vertreter der neuen Bischofsgeneration der 1970er Jahre durch ihre intensive Mitarbeit in den Gremien des Ökumenischen Rates das Profil des BEK maßgeblich bestimmten.42

1.1.3.1 Das Vorbild des Ökumenischen Rates

Auch bei der Bildung der Organe des Bundes wurde der Blick nach Genf strukturbildend. So entsprach die Bundessynode der Vollversammlung des ÖRK, die Konferenz der Kirchenleitungen (KKL) dem Exekutivausschuss43 und die Kommissionen wurden auch im Bund zu den entscheidenden Arbeitsinstrumenten.44 Der Vergleich zeigt aber auch die Problematik, die der Arbeit des Bundes von Anfang an innewohnte. Wie der ÖRK verfügte der Bund über keine eigene Exekutive, sondern konnte nur Aufgaben übernehmen, die ihm von den Landeskirchen übertragen wurden. Die Gesetzgebung des Bundes war darauf angewiesen, dass sie in den Gliedkirchen ratifiziert und in Kraft gesetzt wurde. Dies geschah nicht selten mit eigenen Ausführungsbestimmungen. Die Arbeitsform des Bundes glich der eines „runden Tisches“. Und viele Vorhaben, wie z. B. die Ausbildungsreform, erstreckten sich durch komplizierte Rückverweisungs- und Entscheidungsprozesse über lange Zeiträume. Das führte immer wieder zur Klage über die schwerfälligen Strukturen und die mangelnde Wirkungskraft vieler Entscheidungen. Exemplarisch steht dafür die wiederholte Kritik des Ausschusses, der für die Arbeit der Kommissionen insgesamt zuständig war. Im Jahr 1985 stellte er fest:

„Die Ergebnisse langjähriger Arbeit werden von den Gliedkirchen nicht in gewünschter Weise aufgenommen (z. B. Ausbildungskommission)“ … „Die Mitglieder der Kommissionen sind nicht autorisiert, verbindlich im Namen ihrer Gliedkirchen zu sprechen. Die langwierigen und komplizierten Entscheidungsverfahren werden als beschwerlich empfunden.“ … „Die Erwartung, daß durch Zusammenarbeit in den Kommissionen ein Zusammenwachsen im Bund erreicht werden könnte, hat sich nicht erfüllt.“45

Gut zwanzig Jahre später wird sich der langjährige Vorsitzende der KKL, Bischof Albrecht Schönherr, ähnlich äußern:

„Es lässt sich nicht leugnen, dass wir im Bund die Gemeinden tatsächlich oft überfordert haben … Wir wollten inhaltlich vorwärtskommen, und haben deshalb sehr gute Leute aus der ganzen DDR in Kommissionen und Ausschüssen zusammengerufen, deren Sekretäre eben keine Vorgesetzten im alten Stil sein sollten … Das hatte aber eben den Nachteil, daß in diesen ganzen Gremien eine Reihe von Köpfen drin saßen, die dem, was in den Landeskirchen geschah, dann doch weit voraus waren.“46

Die Gliedkirchen verstanden sich zwar dazu, bestimmte Aufgaben an den Bund zu übertragen. Dass damit auch die durchgängige Bereitschaft verbunden war, zugunsten des Bundes und der gemeinsamen Entscheidungen auf eigene Traditionen und Schwerpunktsetzungen zu verzichten, kann nicht behauptet werden. Hier war die Interessenlage dann doch sehr differenziert und das Entwicklungstempo zwischen den Kirchen sehr unterschiedlich. Auch die konfessionelle Verschiedenheit wirkte sich immer wieder trennend aus, obwohl mit den Lehrgesprächen zwischen der EKU (Bereich DDR) und der VELK/DDR47 sowie der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie im Jahr 1973 ein entscheidender Schritt zur Annäherung vollzogen worden war.

1.1.3.2 Die Strukturstudie des Ökumenischen Rates und die „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Strukturfragen der Gemeinde“ in der DDR48

Im Jahr 1963 konstituierte sich auf Empfehlung des ÖRK auch in der DDR eine „Arbeitsgemeinschaft für Strukturfragen der Gemeinde“49 (ÖkAG), die bis 1967 bestand. Hier traf sich die kirchenreformerische Avantgarde. Nicht wenige, die sich in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft engagierten, wie Werner Krusche (KfA), Gerhard Linn und Heinrich Rathke (Gemeindekommission), Johannes Althausen (KfA) oder Dietrich Mendt (Gemeindekommission) und Ingeborg Becker (Burckhardthaus), übernahmen später kirchenleitende Verantwortung bzw. prägten maßgeblich die Arbeit im Bund und seinen Kommissionen. Die spätere „Kommission für Zeugnis und Gestalt der Gemeinde“ (Gemeindekommission) verstand sich ausdrücklich als Nachfolgerin dieser „Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft“.50 Ausgangspunkt der Entwicklungen war die Vollversammlung des ÖRK von Neu-Delhi im Jahr 1961. Sie gab eine Studie zu „Strukturen missionarischer Gemeinden“ in Auftrag. Die Federführung lag bei der Studienabteilung des ÖRK und ihrem Referat für Verkündigung. Das Dokument, das aus dieser Arbeit (1961-1967) hervorging51, brachte nicht nur Vorschläge zu neuen Gemeindeformen, sondern auch im Anschluss an den Missio-Dei-Begriff der Weltmissionskonferenz von Willingen (1952) ein neues Verständnis von Mission: Mission wurde nun ganz von der Sendung Gottes her verstanden. Inhalt dieser Sendung ist die Ausbreitung des Schalom Gottes. Demzufolge besteht die Sendung der Kirche dann auch nicht in erster Linie darin, Menschen zum Eintritt in die Kirche zu bewegen oder die vorhandenen Mitglieder zu betreuen, sondern sich dorthin zu begeben, wo Gott in sozialen und politischen Prozessen handelt. Damit reagierte der ÖRK auf die gesellschaftlichen Dynamiken, die sich in den 1960er Jahren weltweit vollzogen:

„Der moderne Rationalismus der Wissenschaften, die immanente Weltbetrachtung, weltanschaulicher Pluralismus, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt, ungebremstes wirtschaftliches Wachstum, … – all das konnte in den Gesamthorizont einer ‚umfassenden, revolutionären Neuordnung der menschlichen Gesamtgesellschaft‘ einrücken, in der man unsichtbar Gott am Werke sah.“52

Maßgeblich geprägt wurde dieser Ansatz durch die Apostolatstheologie des Niederländers Johannes Christiaan Hoekendijk, die auch in der DDR intensiv rezipiert wurde.53 Mit seiner Schrift „Call to Evangelism“ von 1950 wurde die Nennung der drei Dimensionen des kirchlichen Handelns üblich: „Martyria“ – „Diakonia“ – „Koinonia“ (Zeugnis – Dienst – Gemeinschaft).54 Ergänzt um „Leiturgia“ (Gottesdienstliche Feier) bildeten diese vier Bestimmungen des Auftrags der Kirche auch die theologische Grundlage der späteren Ausbildungskonzeption. Im sogenannten „Rotbuch“, dem von Hans Jochen Margull herausgegebenen Arbeitsbuch zu den Ergebnissen des Strukturprozesses55, wurden die zentralen Einsichten und Ergebnisse gebündelt. Margull war damals Exekutivsekretär im Referat für Fragen der Verkündigung im ÖRK. Konstatiert wurde ein „Wirklichkeitsverlust“ in der Mitte der Gemeinden, der es nötigte, „sehr weit draußen“ anzusetzen. „Es ging uns von Anfang an um die Menschen, zu denen hin das Gespräch nie versucht wurde oder mit denen es abgebrochen worden ist.“56 Gefordert wurde ein Wandel im Verständnis kirchlicher Arbeit: von der Komm- zur Geh-Struktur. Dies bedeutete, Alternativen zu bisherigen Gemeindestrukturen zu entwickeln. Zukunftsfähig erschien die „Präsenz kleiner Dienstgruppen von Christen an den Naht- und Bruchstellen der Gesellschaft.“57 Auch sollten insbesondere Erkenntnisse der Soziologie ungleich stärker als bisher mit theologischen Überlegungen ins Gespräch gebracht werden. „Theologie und Soziologie können und wollen nicht ohne einander auskommen.“58 Die Gedanken zur Notwendigkeit kleiner Dienstgruppen und zur Bedeutung des Gesprächs zwischen Soziologie und Theologie flossen unmittelbar in die Arbeit an der Ausbildungskonzeption ein und bestimmten deren Ansatz. Als größte Hindernisse auf diesem Weg wurden das Parochialsystem und das Amtsmonopol des Pfarrers identifiziert. Die Parochie schien gegenüber einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft und wachsender Mobilität nicht mehr die angemessene Form der Vergemeinschaftung zu sein. Aus der Beschränkung der ortsgemeindlichen Formen sollte es hinausgehen in übergemeindliche Formen des Lebens und der Zusammenarbeit. „Region“ bzw. „Raumschaft“ fungierten dabei als Schlüsselbegriffe. Unter „Raumschaft“ wurden geographischen Einheiten verstanden, die etwa dem Einzugsgebiet eines Industriezentrums gleichkamen und in denen sich die Lebensprozesse von Menschen verdichteten. Bei der Verwendung dieser beiden Begriffe im Kontext der vielfältigen Kirchenreformbemühungen in den Kirchen des Bundes standen zwar auch die Minorisierungserfahrungen im Hintergrund. Stärker aber noch waren sie soziologisch bestimmt, „von der auf die Region bezogenen vielfältigen Lebensstruktur der Menschen“. Und theologisch waren sie von der Missio Dei inspiriert. Das „‚ganze‘ Leben“ sollte „in Kommunikation mit dem ‚ganzen‘ Evangelium“59 gebracht werden.

Im Zusammenhang dieser Studie wurde auch die Amtsfrage thematisiert. Wie kritisch das Pfarramt in dieser Debatte gesehen wurde, zeigt sich im Text des sogenannten „Zwischenberichtes“ der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Strukturfragen in der DDR, der dann zum Abschlussbericht dieser Arbeitsgruppe wurde:

„Als das vielleicht größte Hindernis auf dem Wege zu einer missionierenden Kirche erscheint uns das durch die jahrhundertelange Verabsolutierung und Verzeichnung des Bildes von „Hirt und Herde“ geschaffene Selbstverständnis des Pfarrers und der Gemeinde und ihres Verhältnisses zueinander. Dieses Bild hat sich dem Bewußtsein des Pfarrers und der Gemeinde eingeschliffen und suggeriert fortwährend die Vorstellung eines ständigen Gegenübers des Pfarrers als des immer nur Gebenden zur Gemeinde als der immer nur Empfangenden … Die Vorstellung, daß die Glieder der ‚Herde‘ selber zum Hirtendienst aneinander verpflichtet sind … und daß sie in eine feindliche Umwelt gesandt werden … liegt außerhalb des Bildgehaltes.“60

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