Herausgegeben vom Kirchenamt der EKD
Band 26

Stadt, Land, Frust?

Eine Greifswalder Studie
zur arbeitsbezogenen Gesundheit
im Stadt- und Landpfarramt

Im Auftrag des Instituts zur Erforschung von Evangelisation
und Gemeindeentwicklung der Unversität Greifswald

herausgegeben von
Benjamin Stahl, Anja Hanser und Michael Herbst

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Gesamtgestaltung: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverbild: © peshkova/Fotolia.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06095-5

www.eva-leipzig.de

Geleitwort

Das Thema einer »Kirche in der Fläche« ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen für unsere Kirche und deshalb seit etlichen Jahren im Blick der EKD. 2011 fand die erste Landkirchenkonferenz in Gotha statt. Zuvor erschien 2006 das Impulspapier »Kirche der Freiheit«. Es war mit dem Verdacht behaftet, das Land vergessen zu haben und allein die leuchtenden urbanen Zentren zu propagieren. Was für das Impulspapier auch tatsächlich galt, gilt nicht für die EKD-weite Aufmerksamkeit. Denn eine Arbeitsgruppe war bereits eingesetzt, 2007 wurde mit dem EKD-Text »Wandeln und Gestalten« ein erstes Grundsatzpapier zu missionarischen Chancen und Aufgaben in ländlichen Räumen veröffentlicht1, woraufhin 2009 der Rat der EKD »Kirche in der Fläche« zu einem Schwerpunkt erklärte: Die Zukunft der Kirche explizit in ländlich-peripheren Räumen wird seitdem von der EKD als Herausforderung reflektiert, verbunden mit der Hoffnung, dass Lösungen, die hier gefunden werden, exemplarische Bedeutung besitzen für Kirche auch an anderen Orten unter anderen Vorzeichen.

Unterdessen haben wir vier Land-Kirchen-Konferenzen und eine Reihe von Fachtagungen organisiert. Von Beginn an begleitet uns eine gleichbleibend hohe Aufmerksamkeit und Akzeptanz (»Gut, dass es das gibt!«). In den Landeskirchen genoss und genießt das Thema unterschiedliche Priorität. Mittlerweile finden regionale Land-Kirchen-Konferenzen statt (so z.B. in der Kooperation der Landeskirchen von Baden und Württemberg; in der Evangelischen Kirche von Westfalen gibt es Werkstatttage »Kirche in ländlichen Räumen«; in der Nordkirche, Sprengel Schleswig und Holstein, kam zum zweiten Mal eine »Kirchen-Konferenz zur Wirklichkeit und Zukunft von Kirche in den ländlichen Räumen« zusammen; auch Landessynoden haben unterdessen das Thema als Schwerpunkt ihrer Arbeit aufgegriffen: die Evangelische Landeskirche Anhalts, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern).

Die EKD sieht sich in diesem Themenfeld auch zukünftig als Dienstleisterin und wird für die Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen weitere vernetzende und impulsgebende Formate anbieten. Mit der Studie »Freiraum und Innovationsdruck« haben wir zudem 2016 eine breite Feldforschung ausgewählter Gemeindeprojekte im ländlichen Raum vorlegen können.2 Als die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland an die EKD mit der Idee einer »Befragung zur physischen und psychischen Gesundheit im Landpfarramt« herantrat, haben wir das gern aufgegriffen und die Studie gemeinsam mit dem Greifswalder Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeerneuerung, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands als Partner betrieben.

Denn eines der wichtigsten kircheninternen Themen in den kommenden Jahren ist die zukünftige Gestalt des Berufsbildes Pfarrer, nicht nur im Blick auf das Land, aber da im Besonderen. Denn Beispiele von Kirche in ländlichen Räumen erweisen sich als Vorreiter von wichtigen Innovationen/Veränderungen für die Kirche überhaupt. Wir stehen hier vor weiteren tiefgreifenden Veränderungen. Die Veränderungen in den ländlichen Räumen haben etwas Kontingentes. Radikale Alternativen brechen auf, wo Lücken Freiräume geschaffen haben. Was zunächst mehr wie eine vorsichtige Anpassung an Veränderungen aussieht, kann eine überraschende Veränderungsdynamik in Gang setzen.

In den vergangenen Jahren stand vielfach die Frage nach angemessenen Gemeindeformen in peripheren Räumen im Zentrum. Die V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt, dass – in allen Veränderungen – der Pfarrberuf auf lange Sicht weiterhin ein »Schlüsselberuf« der evangelischen Kirche bleiben wird. Wie ist die Arbeit zu gestalten bei einer Verantwortung für fünf oder sogar zehn Gemeinden? Welche Bedingungen sind förderlich, welche hindern im Blick auf die Arbeitszufriedenheit? Welche Chancen liegen in dem veränderten Miteinander von Haupt- und Ehrenamt?

Die hier vorgelegte Studie lebte von den ersten konzeptionellen Überlegungen bis zur Drucklegung von der Beteiligung und dem Engagement vieler. Großer Dank gebührt deshalb dem Projektteam des IEEG (Prof. Michael Herbst, Anja Hanser und Benjamin Stahl) sowie Jürgen Schilling vom Kirchenamt der EKD. Dankbar sind wir zudem für die Förderung und Begleitung seitens der Landeskirchen Hannovers und Mitteldeutschlands. Für die Kommentierung aus sehr unterschiedlichen Perspektiven geht der Dank an Gabriele Ahnert-Sundermann, an Dr. Peter Böhlemann, Dr. Martin Grabe, Philipp Elhaus, Dr. Gunter Schendel, Michael Lehmann, Dr. Thomas Schlegel und Jürgen Schilling. Und schließlich hat die Evangelische Verlagsanstalt die Publikation in Person von Frau Dr. Weidhas und Frau Sina Dietl sehr freundlich und kompetent betreut.

Hannover im Februar 2019

OKR Dr. Konrad Merzyn

Vorwort

Das Thema »Kirche in ländlichen Räumen« ist ein Forschungsschwerpunkt am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) der Universität Greifswald. Seit über 10 Jahren wird am IEEG in diesem Themenbereich geforscht und gelehrt. Nach nun gut vier Jahren Forschung zum Thema Gesundheit und Pfarramt in ländlichen Räumen freuen wir uns, die Ergebnisse der Studie »Stadt-Land-Frust?« in dieser Publikation präsentieren zu können.

Initial zu diesem Forschungsprojekt war ein Austausch mit unserem Forschungspartner Leslie Francis. Leslie Francis forscht und lehrt an der Warwick University in England und konnte als Theologe und Psychologe langjährige Erfahrung in der Erforschung von Erschöpfungserscheinungen im ländlichen Pfarrdienst in das Projekt einbringen.1 Hinzu kam der Bedarf seitens der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) die Belastungssituation des ländlichen Pfarramts zu erforschen und zu überprüfen, inwiefern diese Situation Auswirkungen auf die Gesundheit der Stelleninhaber hat. 2014 nahm die EKD dieses Projekt gerne im Rahmen des Themenfeldes »Kirche in der Fläche« auf und auch die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers (EVLKA) konnte als Projektpartner gewonnen werden.

2015 wurden erste Fragebögen versandt und getestet. Es wurden zwei kleinere Tests durchgeführt, die dazu dienten, unsere Modelle, Messkonzepte und Inventare zu prüfen und zu verbessern. Im Sommer 2016 erfolgte der Haupttest als Vollerhebung im Gemeindepfarramt der EKM und als Teilerhebung unter Pfarrerinnen und Pfarrern der EVLKA. Von insgesamt 1132 versandten Bögen im Haupttest gingen 690 wieder bei uns ein – ein Rücklauf von 61 %! Angesichts eines Fragebogens, der mindestens 40 Minuten benötigt, um ausgefüllt zu werden, ist das ein starkes Ergebnis. Wir danken allen Pfarrerinnen und Pfarrern, die uns ihre Zeit und ihr Vertrauen geschenkt haben, ausdrücklich.

Seit 2016 läuft die Auswertungsphase, die nicht nur angesichts der Menge an Daten Sorgfalt und Zeit benötigte. Wir freuen uns außerordentlich, dass sowohl eine Dissertation in der Praktischen Theologie als auch eine Diplomarbeit in der Psychologie im Rahmen dieses Projektes entstanden sind. Das interdisziplinäre Arbeiten war ein durchgängiger Gewinn in unserer Forschung zu »GIPP« (Greifswalder Inventar Peripheres Pfarramt), wie wir unser Projekt nannten.

Das interdisziplinäre Arbeiten wäre kaum möglich gewesen ohne die Arbeit des Forschungskonsortiums Think Rural! der Universität Greifswald. Das Forschungskonsortium hat sich auf Initiative des IEEG gegründet und arbeitet seit 2011 gemeinsam an Fragestellungen und Herausforderungen in ländlichen Räumen. Wir haben sehr oft von den Kontakten und kollegialen Expertisen profitieren können. Deswegen soll den Teilnehmern des Forschungskonsortiums für Beratung und Fachexpertise hier ausdrücklich ein Dank ausgesprochen werden. Darüber hinaus möchten wir einigen weiteren Partnern und Unterstützern besonders danken: Dr. Bernd Bobertz vom Lehrstuhl für Kartographie und Geoinformationssysteme GIS für die Erstellung der Landkarten, die wir in der Befragung zur Abgrenzung von Ländlichkeit und zur Selbstverortung der Probanden genutzt haben, sowie den Psychologen Dr. Jan Vitera und Sandra Lemanski vom Lehrstuhl für Gesundheit und Prävention, die unser Forschungsvorhaben mit ihrer Fachexpertise in Statistik und Psychologie bereichert haben.

Dienen möchte unsere Publikation vor allem Kirchenleitungen sowie den Pfarrerinnen und Pfarrern in Stadt und Land. Unser Forschungsinteresse ist dabei gewesen, möglichst präzise zu erfassen, was mit Stadt und Land gemeint ist. Der alltägliche Sprachgebrauch suggeriert hier einen Unterschied, der bei näherem Hinsehen gar nicht so leicht zu fassen ist. Wir können aber nur präzise und damit hilfreiche Aussagen treffen, wenn wir genau wissen, worüber wir reden, wenn wir über das Land- und Stadtpfarramt sprechen. Die Studie bringt deswegen Klarheit in die meist diffus wahrgenommenen Problemlagen und hilft kontextbezogene Aussagen für Land- und Stadtpfarramt zu treffen.

Vor diesem Hintergrund werden die Merkmale der pfarramtlichen Tätigkeit und die damit einhergehenden Belastungserscheinungen erforscht. Erstmals wurde der Pfarrberuf mit Modellen und angepassten Inventaren aus der Arbeits- und Organisationspsychologie vermessen und mit Belastungserkrankungen in Beziehung gesetzt, die aufgrund validierter Inventare aus der psychologischen Forschung erfasst wurden. So gibt die Studie Aufschluss darüber, welche Belastungserscheinungen für den Pfarrberuf spezifisch sind und wie viele Pfarrerinnen und Pfarrer zur Risikogruppe gehören. Durch vertiefende Analysen können Charakteristika des pfarramtlichen Berufsprofils isoliert werden, die besonders zur Be- und Entlastung beitragen. Dies gibt Kirchenleitungen und den Pfarrerinnen und Pfarrern selbst Ansatzpunkte zur gezielten Bearbeitung von Herausforderungen – mehr noch: Diese Ansatzpunkte wurden für die Kontexte Stadt und Land spezifiziert. So fördert die Studie eine Auseinandersetzung mit dem Thema Gesundheit im Pfarrberuf – einen Diskurs, der angesichts rückläufiger Zahlen im Pfarramt und beim potentiellen Nachwuchs für das Pfarramt sowie verlängerten Jahren bis zur Pension dringend umfassender geführt werden muss.

Diesbezüglich zählt die Erkenntnis, dass personalentwicklerische und pastoraltheologische Maßnahmen allein nicht ausreichen, um ein gesundes Arbeiten im Pfarrberuf auch in Zukunft zu ermöglichen, sicherlich zu den wichtigsten Ergebnissen unserer Studie. Pfarrerinnen und Pfarrern muss die Fürsorge für die eigene Gesundheit zwar angeraten werden, jedoch dürfen sie dabei nicht allein gelassen werden. Es sind Programme nötig, die nicht nur auf die Gesundheit der Pfarrerinnen und Pfarrer abheben, sondern auch kirchenentwicklerisch das Arbeitsfeld der Pfarrerinnen und Pfarrer umgestalten. Mit anderen Worten: Pastoraltheologie und Kirchentheorie müssen Hand in Hand arbeiten, um sinnvolle und nachhaltige Lösungen für ein gesundes Arbeiten im Pfarramt zu schaffen.

Diese Publikation möchte weiterhin nicht nur Forschungsergebnisse und Analysen präsentieren, sondern will auch eine Brücke in die Praxis schlagen. Deswegen haben wir verschiedene Personen aus den Bereichen Gesundheit, Kirchenleitung, Aus- und Fortbildung, kirchliche Dienste sowie Forschung gebeten, einen kurzen Kommentar zu den Ergebnissen unserer Studie zu geben. Wir freuen uns, auf diese Weise wertvolle Pfade und Hinweise zur Weiterentwicklung im Pfarramt präsentieren zu können.

Der erste Beitrag von Benjamin Stahl stellt die Herausforderungen in ländlichen Räumen heute dar und führt in die pastoraltheologische Forschung zum Thema ein. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse von Ergebnissen der englischsprachigen Forschung. Außerdem werden in diesem Beitrag die Begriffe »Stadt« und »Land« definiert und dargestellt, wie diese Sachverhalte in der Studie erfasst wurden.

Es folgt im zweiten Beitrag eine Einführung in die psychologischen Aspekte der Studie von Anja Hanser. Sie stellt das Konzept der Studie dar und erläutert, wie methodisch und inhaltlich vorgegangen wurde. Hier wird das Thema »Burnout« behandelt und erläutert, mit welchen psychologischen Instrumenten der Pfarrberuf analysiert wurde. Außerdem werden hier Ergebnisse präsentiert, die vor allem das Profil einer high-risk-Gruppe beschreiben. Außerdem kann Anja Hanser zeigen, welche Spezifika Belastungserkrankungen im Pfarramt aufweisen. Sie betrachtet in ihren Ausführungen die gesamte Stichprobe ohne Unterscheidung zwischen Stadt- und Landpfarramt.

Im dritten Beitrag widmen sich Benjamin Stahl und Silvia Neumann dem Unterschied zwischen Land- und Stadtpfarramt. Hier werden die jeweiligen Gruppen näher beschrieben. Durch hierarchische Regressionsanalysen wird der Zusammenhang von pfarramtlichen Arbeitsanforderungen und Ressourcen mit Belastungserkrankungen erforscht. Pfarrerinnen und Pfarrer in Stadt und Land zeichnet nur ein geringer Belastungsunterschied aus – wichtiger ist jedoch, dass es für beide Gruppen ein spezifisches Belastungsprofil gibt. Daraus werden Vorschläge abgeleitet, wo Maßnahmen zur Entlastung bzw. zur Verringerung von Belastung und zur Förderung von Ressourcen ansetzen könnten.

Der vierte Beitrag von Henrike Völz und Benjamin Stahl vertieft die Analysen zu den unterschiedlichen Belastungsprofilen zwischen Stadt- und Landpfarramt. Hier werden anhand von Strukturgleichungsmodellen große Zusammenhänge recht detailliert getestet. Es wird untersucht, welche Aspekte des Pfarrberufs die Belastung und die Ressourcen erhöhen und auch, welche Rolle in diesem Zusammenhang Alter, Geschlecht und Persönlichkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer spielen. Die kausalen Zusammenhänge im Modell geben Aufschluss über sinnvolle und kontextspezifische Ansatzpunkte zur Gesundheitsförderung im Pfarramt.

Der fünfte Beitrag von Michael Herbst beleuchtet die Ergebnisse unserer Studie aus kirchentheoretischer Sicht. Er diskutiert, welche bisherigen Strategien zur Anwendung kamen und kommen, um Pfarrerinnen und Pfarrer zu entlasten. Hier werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Strategien diskutiert und mit einer systemischen Sichtweise aufgearbeitet. Dies führt zu Erkenntnissen auf kirchentheoretischer Ebene, die die momentanen Symptome in der Pfarrerschaft als Anzeichen verstehen, die auf einen nötigen Umbau des kirchlichen Organisationssystems hinweisen. Michael Herbst arbeitet heraus, wie essentiell wichtig es in Zukunft ist, dass Pastoraltheologie und Gemeinde- und Kirchenentwicklung Hand in Hand arbeiten, um nicht nur einen verantwortungsvollen Umgang mit den Trägern des kirchlichen »Schlüsselberufs« an den Tag zu legen, sondern auch die Kirche für die bestehenden und die kommenden Herausforderungen besser zuzurüsten.

Nach diesen miteinander vernetzten Greifswalder Beiträgen folgen kurze Kommentare aus unterschiedlichen Perspektiven.

Im ersten Kommentar kommt Martin Grabe, Chefarzt der Psychotherapeutischen Abteilung der Klinik Hohe Mark, zu Wort. Er gibt Einblick in die Erkrankung »Burnout« und deren Therapie.

Im zweiten Kommentar begutachtet Gunther Schendel vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD (SI) die Ergebnisse unserer Studie und hilft sie in der praktisch-theologischen Forschungslandschaft zu verorten. Er stellt heraus, was das Neue an der Studie »Stadt-Land-Frust?« ist und stellt weiterführende Überlegungen zu den Konsequenzen der Studie an.

Als dritter Kommentator kommt Philipp Elhaus, Leitender Referent für Missionarische Dienste in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, zu Wort. Er nimmt die Metapher des »Schlüsselberufs« auf und überlegt, wie die »Schlösser« – d.h. die Kirche in unterschiedlichen Aspekten – gerade im Wandel sind. Er reflektiert vor diesem Hintergrund, inwiefern sich das Pfarramt in Zukunft pluralisieren wird und muss.

Der vierte Kommentar wurde von Peter Böhlemann, dem Leiter des Instituts für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Evangelischen Kirche von Westfalen, aus der Perspektive der kirchlichen Weiterbildung verfasst. Mit seiner Wahrnehmung der Ergebnisse verknüpft er Einblicke in die derzeitige Weiterbildungslandschaft sowie deren Chancen zur Entlastung im Pfarrdienst.

Im fünften Kommentar skizziert Michael Lehmann, Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, die Situation des Wandels in dieser Landeskirche. Er gibt Einblick in die derzeitige kirchliche Personalführung und berichtet von Maßnahmen, die zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Pfarrdienst beitragen sollen. Er beschreibt dabei, wie die Ergebnisse der Studie aufgenommen wurden und welche Maßnahmen zusätzlich entwickelt werden können, um die Arbeitsgesundheit zu erhöhen.

Im sechsten Kommentar wird von Gabriele Ahnert-Sundermann, Personalreferentin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, das Thema Verwaltung aufgegriffen. Verwaltung ist ein Containerbegriff, hinter dem sich auch in unserer Studie vieles verbirgt. Die Pfarrerinnen und Pfarrer melden zurück, dass Verwaltung mehr und mehr belastet. Gabriele Ahnert-Sundermann begibt sich aus kirchenleitender Perspektive auf Spurensuche und fragt, was sich alles hinter dem Begriff »Verwaltung« verbergen könnte. Dabei macht sie auf Angebote zur Entlastung seitens der Landeskirche Hannovers aufmerksam und beschreibt Veränderungen, die angebahnt werden, um Verwaltung im Pfarramt zu reduzieren.

Im siebten Kommentar kommt Jürgen Schilling, Persönlicher Referent der Landesbischöfin Ilse Junkermann (EKM), zu Wort. Jürgen Schilling hat als Mitglied des Projektteams einen besonderen Blick auf die Studie. So berichtet er von den Eindrücken, die er auf den vielen Pfarrkonferenzen und Pfarrkonventen sammeln konnte, auf denen er unser Forschungsprojekt vorgestellt hat. So liegt es auch nahe, dass er dann über diese Konvente als potentielle Ressource für den Pfarrdienst nachdenkt.

Der achte Kommentar wurde von Thomas Schlegel verfasst, Referatsleiter des Bereichs Gemeinde und Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM in Erfurt. Dieser Kommentar fokussiert das Thema »ländliche Räume« und kommentiert den überraschenden Befund, dass eine ländliche Umgebung keine Mehrbelastung im Pfarramt bedeutet. Er arbeitet dabei ein Profil des Landpfarramtes nach und überlegt, inwiefern die Forschungsergebnisse helfen Stadt- und Landpfarramt besser zu verstehen. Er zeigt, welche Herausforderungen die Studie tatsächlich aufdeckt – im Gegensatz zu vermuteten Herausforderungen, die darauf basieren, dass wir alle denken, dass es auf dem fernen Land doch eigentlich besonders schlimm sei.

Wir erhoffen uns, dass durch die unterschiedlichen Beiträge und Beitragsarten unser Thema facettenreich und gut zugänglich aufbereitet ist, so dass diese Publikation den Diskurs zu einem Dienst in der Kirche, der »gut, gerne und wohlbehalten«2 versehen werden soll, in der Breite und Tiefe fördert. Die Texte folgen den Publikationsrichtlinien der Evangelischen Verlagsanstalt und verwenden mehrheitlich das generische Maskulinum.

Abschließend möchten wir uns als Herausgeber noch einmal bei denen bedanken, die mit ihren Ressourcen, ihrer Kreativität und Ausdauer zu dieser Publikation beigetragen haben. Hier sind an erster Stelle die studentischen Hilfskräfte aus den Fachgebieten der Theologie und Psychologie zu nennen: Felix Degwitz, Martin Grauer, Catharina Jacob, Julia Kraag, Liane Lücking, Sara Odau, Jonathan Pothmann, Hannah Rothe und Sarah Louise Unterschemmann. Benjamin Limbeck sei für die Korrekturarbeiten an den Manuskripten und Graphiken besonders gedankt.

Ein Dank gilt auch Dr. Konrad Merzyn, der seitens der EKD unsere Forschungsarbeit mitverfolgt und begleitet hat. Wir sind dankbar, dass das Buch in die Reihe »Kirche im Aufbruch« aufgenommen wurde und Unterstützung bei den Druckkosten durch EKD und Evangelische Kirche in Mitteldeutschland erfahren hat.

Unsere Forschungsarbeiten wurden von einer Projektgruppe begleitet, deren Mitgliedern ebenfalls Dank für wertvolle Rückmeldungen und Einsichten gebührt. Wir danken Dr. Thomas Schlegel, der den Vorsitz der Gruppe führte und den Mitgliedern OKR Gabriele Ahnert-Sundermann, Dr. Konrad Merzyn und KRin Dr. Kerstin Voigt für die Zeit, die sie auf diese Weise in das Projekt investiert haben. Jürgen Schilling, ebenfalls Mitglied dieser Projektgruppe, ist außerdem für seinen unermüdlichen Einsatz zu danken, den er bei den Besuchen der Kirchenkreise zur Vorstellung der Studie geleistet hat.

Wir bedanken uns auch bei der Evangelischen Verlagsanstalt, die unser Projekt kompetent und zugewandt betreut hat. Namentlich sei hier Dr. Annette Weidhas und Sina Dietl ein Dank für ihre Begleitung ausgesprochen.

Greifswald im März 2019

Für die Herausgeber

Benjamin Stahl

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Geleitwort

Vorwort

Benjamin Stahl

Ländliche Räume als Herausforderung für kirchenleitendes Handeln

Thematische Einführung in die Studie und Beschreibung der Vorarbeiten zur Unterscheidung von Stadt und Land

Anja Hanser

Beanspruchungserkrankungen im Pfarramt

Darstellung der beanspruchungsbezogenen, empirischen Befunde der GIPP-Studie

Benjamin Stahl, Silvia Neumann

Stadt, Land, Frust?

Wie unterscheiden sich Stadt- und Landpfarramt?

Henrike Völz, Benjamin Stahl

Vertiefende Analysen

Belastende und präventive Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit im Pfarrberuf – Ein Vergleich von Stadt- und Landpfarramt anhand von Strukturgleichungsmodellen

Michael Herbst

»Trachtet zuerst« nach mündigen Gemeinden …

Kirchentheoretische Reflexionen und Folgerungen aus der Greifswalder Studie

Martin Grabe

Kommentar aus psychiatrisch-psychosomatischer Sicht

Entstehung von Belastungserkrankungen und Möglichkeiten der Prävention

Gunther Schendel

Kommentar: Werkzeuge für den Umbau des Pfarrberufs

Der Ertrag der Greifswalder Studie zum ländlich-peripheren Pfarramt

Philipp Elhaus

Kommentar: Schlüsselrolle für welches Schloss? – Kirchentheoretische Beobachtungen

Das Dilemma der Schlüsselrolle

Peter Böhlemann

Kommentar: Fortbildung als hocheffiziente Stellschraube zur Belastungsreduktion im Pfarramt

Ein Plädoyer für konkrete Fortbildungsverpflichtungen

Michael Lehmann

Kommentar: »Trotz Umbau geöffnet.«

Kirche, Pfarrerschaft und Personalverantwortung in einer sich verändernden Kirche

Gabriele Ahnert-Sundermann

Kommentar: Verwaltung als rotes Tuch

Was macht den Pfarrern zu schaffen?

Jürgen Schilling

Kommentar: Einblick und Rückblick auf die Forschungspraxis

Die Frage nach dem Potential von Dienstberatungen

Thomas Schlegel

Kommentar: Die Chiffre »Land«

Vom reinen Negativszenario zur präzis erforschten Herausforderung für die gesamte Kirche

Liste der Autorinnen und Autoren

Weitere Bücher

Endnoten

Benjamin Stahl

Ländliche Räume als Herausforderung für kirchenleitendes Handeln

Thematische Einführung in die Studie und Beschreibung der Vorarbeiten zur Unterscheidung von Stadt und Land

1Einleitung

Kirchenleitungen nehmen ländliche Räume als Herausforderung wahr – für sich selbst und für die Gesellschaft. 2013 wurden hochrangige Experten aus Kirche, Kultur, Politik und Universität zum Gespräch eingeladen, um die Situation der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zu diskutieren. Es zeigte sich, dass der Beitrag der Kirche zum gesellschaftlichen Leben als bedeutend eingeschätzt wurde; von der Kirche wird in dieser Hinsicht viel erwartet – zur Überraschung mancher Kirchenleute! Welchen Beitrag Kirche tatsächlich leisten kann, ist eine offene und gute Frage. Insgesamt war das Expertengespräch stark von dem Thema »entvölkerter Regionen« geprägt.1 Demographische Wandlungen durch Wanderungsbewegungen und Altersverschiebungen stellen die Organisation der Volkskirchen in Frage. Von der Lieth, Geschäftsführer der Hilfswerk Siedlung GmbH, dem Immobilienunternehmen der EKBO, bringt die organisatorischen Herausforderungen auf den Punkt:

»Ich glaube, dass im ländlichen Bereich die dreigliedrige Struktur aus landeskirchlicher Verwaltung, Superintendenturen und Kirchengemeinden nicht funktionieren kann. Diese Konstruktion funktioniert nur im städtischen Bereich. […] Ich kenne eine Kirchengemeinde, zu der ein Dorf mit 80 Einwohnern gehört. Zehn davon waren Kirchenmitglieder, von denen waren wiederum weit über die Hälfte über 80 Jahre alt. Dort ist ehrenamtlich organisierte Arbeit eigentlich nicht mehr möglich.«2

Einerseits erscheint die kirchliche Organisationsstruktur als unangemessen für die gegebene Situation in ländlichen Räumen und andererseits sind die personellen Ressourcen auch im Bereich des Ehrenamtes dünn. Für Berlin-Brandenburg ergeben sich solche Situationen, weil Regionen derzeit eine höchst unterschiedliche Entwicklung durchlaufen. Von den 2,5 Millionen Brandenburgern leben 50 % in der Nähe Berlins. Bis 2030 wird die Bevölkerungszahl in Brandenburg um 300 000 Personen abnehmen. Dieser Rückgang findet jedoch mehrheitlich in den Regionen statt, die weit ab von Berlin liegen.3 Genau dies setzt kirchliche und gesellschaftliche Institutionen und Infrastrukturen unter Druck.

Derartige Problemanzeigen bzw. Problemwahrnehmungen sind nicht auf die EKBO beschränkt. Schon 2007 gab die EKD ein Strategiepapier für ländliche Räume heraus, welches ein breit gefächertes Instrumentarium zur Wahrnehmung ländlicher Räume bereithält.4 Hier werden strukturschwache Räume mit Reduktion kirchlicher Präsenz und dem Erhalt einer Grundversorgung in Verbindung gebracht.5 Damit geraten auch hier einerseits die abgelegenen, ländlichen Räume als potentiell gefährdete Teilgebiete der kirchlichen Organisation in den Blick. Andererseits werden auch die »Ländliche[n] Räume im engeren Umfeld von Verdichtungsgebieten – Kirche mit Wachstumsperspektive« wahrgenommen.6

Bischof Dröge beschließt das »Schwanenwerder Gespräch« 2013 mit der Einsicht, »dass wir die regionalen Unterschiede noch schärfer sehen müssen, als ich [sic] sie bisher gesehen habe.«7 So kann an dieser Stelle festgehalten werden: Die Wahrnehmung der ländlichen Räume changiert demnach zwischen Wachstumsaussichten und bedrohlichen Schrumpfungsszenarien. Weiterhin wird eine differenzierte Sichtweise hinsichtlich der Unterschiedlichkeit von Regionen eingefordert.

Für eine Untersuchung des Landpfarramts ist aus den genannten Gründen eine differenzierte Beschreibung ländlicher Räume wichtig. Hierzu zählt auch die Abgrenzung der ländlichen Räume von städtischen Gebieten. Diese Deskriptionen sind notwendig für eine präzise Wahrnehmung des Untersuchungsgegenstands. Von gesteigertem Interesse sind natürlich die ländlichen Räume, in denen die Herausforderungen für das kirchliche Personal größer erscheinen.

Deswegen werden nun Beschreibungen des ländlichen Raums aus Geographie und Soziologie nachvollzogen. Anschließend werden die Arbeiten aus der Praktischen Theologie aufgerufen, die sich mit diesem Feld beschäftigen und Einschätzungen bezüglich der Belastungen des Pfarrpersonals geben. Dann wird das Vorgehen in unserer Studie beschrieben, um Stadt und Land voneinander zu unterscheiden. Es folgt die Darstellung unserer Kategorisierungen und somit die Festlegung, welche Pfarrer wir als eher ländlich oder städtisch eingeordnet haben.

2Ländliche Räume aus Sicht der Geographie und Soziologie

Nach Henkel ist der ländliche Raum ein »komplexer Kulturbegriff«, der sich einem definitorischen Zugriff nahezu sperrt.8 Nach einem Durchgang durch historische Definitionen formuliert Henkel:

»Zusammengefaßt ist der ländliche Raum damit ein naturnaher, von der Land- und Forstwirtschaft geprägter Siedlungs- und Landschaftsraum mit geringer Bevölkerungs- und Bebauungsdichte sowie niedriger Wirtschaftskraft und Zentralität der Orte, aber höherer Dichte der zwischenmenschlichen Bindungen.«9

Henkel betont, dass diese induktive Definition sehr traditionell orientiert ist und derzeitige Wandlungsprozesse in ländlichen Räumen dieser Definition widersprechen. Gerade die Zuschreibung der höheren Dichte zwischenmenschlicher Beziehungen oder die Prägung durch Agrar- und Forstwirtschaft können heute nicht mehr ohne weiteres als gegeben angesehen werden. Die Soziologin Neu kommt zu dem Ergebnis: »Die agrargesellschaftliche Trias von ländlichem Raum, Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft hat sich (fast) gänzlich aufgelöst.«10

Diese Sachlage führt zu einer Definition der ländlichen Räume ex negativo. Henkel dokumentiert den Minimalkonsens in der Geographie bezüglich des Landes:

»Die Definition des ländlichen Raumes als der nicht-städtische Kulturraum, der die verschiedensten Siedlungstypen umfassen kann, erspart es uns, den schwer definierbaren Begriff der ländlichen Siedlung genau zu fixieren.«11

Damit wird deutlich: Der ländliche Raum ist in der allgemeinen Wahrnehmung eine Konstruktion aus traditionellen Zuschreibungen, deren Grundlagen (Landwirtschaft, sozialer Zusammenhalt, etc.) jedoch heute kaum noch von prägender Bedeutung sind. Faktisch haben die Grundlagen solcher Zuschreibungen aufgrund unterschiedlichster Wandlungsprozesse kaum noch definitorische Kraft, denn die Gemeinsamkeiten dieser Raumkategorie sind geschwunden. Ländliche Räume sind deswegen vor allem durch Heterogenität gekennzeichnet. Einfach gefragt: wie viele Gemeinsamkeiten hat ein Dorf in der Nähe Münchens mit einem Dorf in der Uckermark? Beides würde man als ländliche Wohnlage bezeichnen, jedoch wird die Lebensführung, Sozialstruktur und wirtschaftliche Lage mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu Tage fördern.

Insofern eine Definition von innen heraus nicht mehr sinnvoll möglich ist, wird vom ländlichen Raum nur noch im Plural gesprochen. Um nun doch zu einer Art Klassifizierung zu kommen, werden in Geographie und Raumplanung statistische Marker festgelegt, um ländliche Räume von städtischen zu unterscheiden. So galt einst eine Siedlungsgröße bis 2 000 Einwohner im engeren Sinn als Landgemeinde und bei einer Größe bis zu 5 000 Einwohner im erweiterten Sinn. Das Kriterium »Gemeindegröße« verlor allerdings mit Gebietsreformen seinen Sinn.12 So verblieben drei weitere Kriterien zur statistischen Abgrenzung ländlicher Räume: Bevölkerungsdichte, Zentralität und Strukturschwäche.13 Allerdings beklagt sich Henkel über die eher willkürlich anmutende Setzung dieser Marker und deren Grobmaschigkeit.14

Die drei statistischen Marker führen dazu, dass ländliche Gebiete in der Tendenz als Problemgebiete wahrgenommen werden. Als ländlich gelten dann alle Gebiete, die eine geringe Dichte und eine tendenziell hohe Entfernung zu Oberzentren haben sowie in wirtschaftlicher und soziostruktureller Hinsicht schwach sind. Mit Hilfe dieser Marker lassen sich somit besonders herausfordernde Gebiete beschreiben. Allerdings zieht die Nutzung dieser statistischen Marker einen differenzierten Gebrauch der Begriffe nach sich. In nuce ausgedrückt: ländlich ist nicht peripher und peripher ist nicht gleich strukturschwach, auch wenn es zwischen diesen Kategorien hohe Korrelationen gibt – wohlgemerkt: Korrelationen, nicht kausale Zusammenhänge!15 Von diesen Gebieten allein als »ländlich« zu reden wäre ein unsauberer Gebrauch des Begriffs, da es auch viele florierende ländliche Räume gibt.

Abbildung 1: »Ländlichkeit«.

Anschaulich wird dieser Gebrauch der Begriffe, wenn er an den Karten des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) nachvollzogen wird.16 Als Erstes geht es hier um den Marker für »Ländlichkeit«, gemessen an der Einwohner- und Siedlungsdichte (Abb. 1). Hier ergeben sich drei Raumordnungskategorien: Es gibt »ländliche« Gebiete, »teilweise städtische« Gebiete und »städtische« Gebiete.

Für die Kategorie »ländlich« gilt, dass sie 60,6 % der Fläche der Bundesrepublik ausmacht. Es leben 18,1 % der Bevölkerung in den als ländlich klassifizierten Gebieten. Hier befinden sich 10,6 % der Beschäftigten. Insofern die Kategorie »ländlich« besonders von dem Indikator »Dichte« bestimmt ist, ist es eher unwahrscheinlich, dass hier Städte inkludiert sind.17

Abbildung 2: »Lage«.

Als Zweites gibt es den Indikator für die Lagegunst in Relation zu den Oberzentren (Abb. 2). Hier geht es um die erreichbare »Tagesbevölkerung«.18 Nach Erläuterung des komplexen Rechenvorgangs werden vier Klassifizierungen vorgenommen, die zulassen »sehr periphere«, »periphere«, »zentrale« und »sehr zentrale« Lagen voneinander zu unterscheiden. Insofern »periphere Gebiete« die Relation zu Oberzentren abbilden, umfassen diese Gebiete durchaus kleinere Städte und Mittelzentren. Eine periphere Lage bildet deswegen kein ländliches Siedlungsgebiet im klassischen Sinne ab.

Sehr periphere Gebiete machen 18,9 % der Bundesrepublik aus. Hier leben lediglich 4,4 % der Bevölkerung und 3,1 % der Beschäftigten. Periphere Gebiete machen 43,2 % der Fläche aus. Hier leben 21,2 % der Bevölkerung und 18,3 % der Beschäftigten.

Im Vergleich der Karten wird deutlich, dass ländliche Gebiete nicht identisch sind mit peripheren oder sehr peripheren Gebieten. Das heißt, es gibt sogar sehr zentrale ländliche Gebiete und sehr periphere städtische Gebiete – allerdings sind diese Extreme der zwölf möglichen Merkmalskombinationen vernachlässigbar klein.

Im Vergleich fällt auf, dass städtische und sehr zentrale Gebiete vergleichsweise wenig Flächenanteile besitzen, dafür aber den Großteil der Beschäftigten. Für städtische Gebiete (Abb. 1) beläuft sich der Anteil der Beschäftigten auf 75,8 %, bei sehr zentralen Gebieten liegt der Wert bei 51,8 %. Dies ist ein Indiz für die relative Strukturschwäche ländlich-peripherer Gebiete.19 Spangenberg/Kawka verweisen darauf, dass »[e]rste empirische Befunde […] allerdings darauf schließen [lassen], dass die ›ländliche Prägung‹ weniger einen negativen Einfluss auf regionale Entwicklung ausübt, als die periphere Lage.«20

Ländliche Räume sind demnach Gebiete mit geringer Dichte an Einwohnern und Siedlungsstruktur. Für die Forschung interessant sind derzeit periphere, ländliche Gebiete, insofern sich hier Prozesse abspielen, die Anfragen an vorhandene Infrastruktur und Organisation von staatlichen, kirchlichen und privaten Institutionen stellen.

3Ländliche Räume in der praktisch-theologischen Forschung

Trotz der noch einigermaßen übersichtlichen praktisch-theologischen Forschung zum Thema »Land« ist kein einheitlicher Begriff für ländliche Räume auszumachen. Einerseits sind Arbeiten zu nennen, die der bundesdeutschen Raumordnung folgen und die Heterogenität der ländlichen Räume betonen sowie besonders periphere, ländliche Räume betrachten.21 Andererseits sind Publikationen zu nennen, die in Kenntnis der Raumordnung eher einen traditionellen Landbegriff verwenden bzw. mit dem Landbegriff lediglich als Metapher arbeiten.22

Insgesamt überwiegen die Problemanzeigen für (periphere) ländliche Räume. Hier folgt die praktisch-theologische Forschung im Großen und Ganzen der Raumordnung, die in ländlich-peripheren Gebieten eher Problemgebiete sieht. Diese Problematisierung hängt natürlich mit der verwendeten Kategorisierung ab: dünne Besiedelung, Abgelegenheit und Strukturschwäche als Indikatoren ergeben keinen Fokus auf blühende Landschaften, die es auch gibt.23 Am umfassendsten und treffendsten wurden die Problemlagen von Alex/Schlegel beschrieben:24

– Soziologisch gesehen laufen in peripheren, ländlichen Räumen Prozesse verschärft ab: Demographischer Wandel führt zu Überalterung, Binnenmigration und Unterjüngung. Peripherisierung bezeichnet einen Prozess der umfassenden Schwächung und Abkopplung dieser Räume. Dies wird über großflächige Schrumpfung wahrgenommen. Auch die Kirche ist hier mit der Aufgabe des Rückbaus ihrer Strukturen konfrontiert, wobei »Kirchen in diesen Räumen in etwa 2–3 × so schnell schrumpfen wie die Bevölkerung an sich.«25

– In diesen Regionen ist die Kirche jedoch auch von außen gefordert: »Die Peripherisierung entlegener Gebiete appelliert an das gesellschaftliche, pädagogische und kulturelle Handeln der Kirche, vor allem aber an die gute Nachricht von der Auferstehung Jesu Christi.«26 In der Studie »Landaufwärts« konnte gezeigt werden, wie stark kirchliche Initiativen sind, die ihr missionarisches und diakonisches Potential entfalten.27 Hier konnte nachgewiesen werden, dass gegen alle Erwartungen gerade an der Peripherie Neues entsteht, das Bedeutung für die Zukunft der ganzen Kirche haben kann. Die in dem EKD-Papier aufgestellte These des simplen Rückgangs aller kirchlichen Angebote in besonders abgelegenen Räumen gilt damit als widerlegt.

– Insofern die kirchlichen Strukturen maßgeblich von der Anzahl der Kirchenmitglieder in einem Gebiet bestimmt werden, führen die Dynamiken in peripheren Lagen zur Überdehnung und Ausdünnung der kirchlichen Strukturen.28 Einfach gefragt: Wenn der Rückgang der Kirchenmitglieder weiterhin anhält, für wie viele Predigtstätten, Kirchen und Friedhöfe kann ein Pfarrer manchmal mit und manchmal ohne weitere Verwaltungskraft zuständig sein? Nur weil die Kirchenmitgliederzahlen rückläufig sind, verschwinden ja weder Kirchengebäude, noch wird die Fläche kleiner, auf der die Kirchenmitglieder leben.

– Insofern Dorfkirchen selten aufgegeben werden, verschlechtert sich das Verhältnis der Gemeindegliederzahl zu den Kirchengebäuden rapide. Damit wird die Finanzierung und Erhaltung der teilweise immer seltener genutzten Gebäude erschwert.29

– Im Bereich des Ehrenamts kommt es zu Engpässen, Konkurrenz und möglicher Überlastung bei den Ehrenamtlichen.30

– Im Bereich der hauptamtlichen Mitarbeiterschaft – insbesondere unter Pfarrern, die im Zweifelsfalle ohne weitere Mitarbeiter auskommen müssen – wird aufgrund der zusätzlichen Belastung durch den strukturellen Umbau und der notwendigen Neuausrichtung der Arbeit ein erhöhtes, arbeitsbedingtes Stresslevel befürchtet.31 Diese Befürchtung wird durch Forschungsergebnisse aus den ländlichen Regionen der Anglikanischen Kirche in England genährt.32

– Insgesamt ist Kirche herausgefordert, sich neu auf diese Situationen einzustellen und neue Normen für Wertschätzungen dessen, was möglich und geboten ist, zu entwickeln.33

Der Ablauf und die Auswirkung derartiger komplexer und gleichzeitig laufender Prozesse wurden jüngst von Meyer/Miggelbrink vom Leibniz-Institut für Länderkunde im Kirchenkreis Altenburg untersucht.34 Es wurden die im Jahr 2000 angestoßenen Strukturreformen nachvollzogen, die auch eine Änderung bzw. Anpassung des Finanzgesetzes mit sich brachten. Ein wesentlicher Faktor für die Strukturplanungen ist die Abnahme der Gemeindegliederzahlen, die zwischen 2008 und 2011 um 26 % zurückgingen. Die Pfarrstellen wurden von 58 (1993) auf 17 (2013) reduziert.35 Für das Pfarramt bedeutet dies Folgendes:

»Es erscheint logisch, dass bei einer wachsenden Anzahl zu betreuender Kirchengemeinden je Pfarrstelle die für diese Handlungen zur Verfügung stehende Zeit nicht automatisch steigt. Vielmehr sinkt faktisch die Zeit für Handlungen jenseits der zentral gesehenen sonntäglichen Gottesdienste durch vermehrte Fahrzeiten und -wege sowie stärker werdende Absprachen.«36

Besonders für das Gemeindepfarramt zeigt sich hier eine Abhängigkeit von der Umgebung, da Strukturreformen sofort eine Änderung des »Arbeitsplatzes« bedeuten. Die immer größere Ausdehnung der Gebiete, für die man verantwortlich ist, kann nicht spurlos an den Haupt- und Ehrenamtlichen vorübergehen. Meyer/Miggelbrink stellen zu diesen Entwicklungen die Frage, was sich als Erstes ereignen werde: »Pfarrer_innen- oder Gemeinde-Burnout?«37 Insofern diese Prozesse nicht ohne Konflikte verlaufen und manche institutionellen Vorgaben in der Kommunikation schwer transparent zu machen sind, beobachten Meyer/Miggelbrink:

»Wir haben diesbezüglich eine starke Ohnmacht festgestellt, sowohl bei Hauptwie Ehrenamtlichen. Insbesondere der Umstand, dass gesamtgesellschaftliche Prozesse – Schrumpfung und Säkularisierung – mit einer durch die EKD und die EKM getragenen kalkulatorischen Logik zusammentreffen, erzeugt bei ›Planenden‹ und ›Beplanten‹ im Kirchenkreis das allseitige Gefühl, selbst nicht in einer gestaltenden Position zu sein: Hauptamtliche müssen Träger_innen von Einsparungen sein, sind jedoch auch deren Auswirkungen sowie den Vorwürfen Ehrenamtlicher ausgesetzt. Ehrenamtliche wiederum würden gerne intervenieren, sehen sich aber einerseits einer wachsenden Intransparenz ausgesetzt, die sie andererseits aufgrund der Komplexität und des schnellen Verlaufs der Anpassungsprozesse auch durch vermehrtes Engagement nicht aufklären können.«38

Mit dieser Beobachtung werden von Meyer/Miggelbrink (Frustrations-)Prozesse beschrieben, die in der Forschung als »Peripherisierung« bezeichnet werden. Kühn/Weck haben eine Analyse dessen, was Peripherisierung ausmacht, kürzlich umfassend erarbeitet und dargestellt.39 Insgesamt machen Kühn/Weck vier wesentliche Dimensionen in Peripherisierungsprozessen aus: Abwanderung, Abkopplung, Abhängigkeit und Stigmatisierung.40 Abwanderung ist ein allgemeiner, sozioökonomischer Indikator für die Strukturschwäche einer Region.41 Es wird damit angezeigt, dass es einen brain drain gibt (junge, qualifizierte Menschen gehen) und eine schrumpfende und überalterte Bevölkerung zurückbleibt.42 »Eine ›Abkopplung‹ von Städten und Regionen bedeutet, dass sich ihre Integration in die übergeordneten Regulierungssysteme von Markt und Staat lockert und Zugänge dazu erschwert werden.«43

Durch Abkopplung wird vor allem die Innovationsfähigkeit geschwächt.44 Abhängigkeit bezeichnet die Sachlage, dass peripherisierte Räume von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft außerhalb abhängig sind und so eine fehlende Autonomie die eigenen Handlungsmöglichkeiten stark einschränkt.45 Mit Stigmatisierung kann sozialpsychologisches Hemmnis beschrieben werden, welches Prozesse aller Art vor Ort erschwert.

Beispielsweise wäre die von Meyer/Miggelbrink festgestellte »Ohnmacht« der Dimension »Stigmatisierung« zuzurechnen. Stigmatisierung ist keinesfalls nur eine negative Zuschreibung an bestimmte Räume von außen, sondern auch ein Phänomen, welches in Problemregionen als eine Art »Selbst-Stigmatisierung« anzutreffen ist. So konnten Steinführer/Kabisch ein Auseinanderfallen von Binnen- und Außenimage der stark von Peripherisierung betroffenen Stadt Johanngeorgenstadt in Sachsen feststellen.46 Während Urlaubsgäste ein positives Bild der Stadt haben, schätzen sich die Bewohner samt ihren Möglichkeiten sehr negativ ein. Die hohe Bewertung der eigenen Probleme sowie geringe Aussichten auf Besserung wirken sich negativ auf die Möglichkeit von konstruktiven Veränderungsprozessen aus (»Ohnmachtsgefühl«).47 Wirth/Bose sprechen hier von einer »Peripherisierung im Kopf«.48 Dieses mentale Phänomen beobachtete Matthiesen in einem anderen Forschungsprojekt im deutsch-polnischen Grenzgebiet Brandenburgs.49 Matthiesen fasst zusammen:

»An diesem Syndrom aus Angst, Verzweiflung und Überforderung, von Trotz und Fluchttendenzen, gemischt mit weiterhin durchaus anschlussfähigen Formen von Renitenz und lokalem Stolz, von Einsatzwillen und Innovationsbereitschaft scheinen nun externe Lernangebote auf örtlicher und teilregionaler Ebene folgenlos abzufließen.«50

Neben dem objektiven Rückgang bzw. Schrumpfungsprozessen spielt offenbar die subjektive Einschätzung der Akteure vor Ort, die als »Ohnmachtsgefühl« oder »Peripherisierung im Kopf« beschrieben werden kann, eine wesentliche Rolle in der Wahrnehmung der Lage und bezüglich der Verbesserungsmöglichkeiten.

Dies wirft auch die Frage auf, inwiefern Pfarrer in diesen Gebieten unter erhöhten Arbeitslasten zu leiden haben – entweder als Personen, die diesbezüglich selbst belastet sind oder als Verantwortliche, die es in Sachen ehrenamtlicher Unterstützung besonders schwer haben.

Anhand der hier dargestellten, derzeit ablaufenden Vorgänge wird die Komplexität der Problematik von kirchlichem Rückbau unter gesellschaftlichen Veränderungen sowie deren Auswirkung auf haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende bestenfalls angedeutet. Die praktisch-theologische Forschung steht hier erst am Beginn der Erfassung und Unterscheidung von komplexen gesellschaftlichen Prozessen und deren Bedeutung für die Kirche als Ganze. Offensichtlich ist jedoch, dass die Frage nach der Gesundheit und Erschöpfung im kirchlichen Dienst nicht allein Thema der Pastoraltheologie oder des Personalmanagements sein kann, sondern Kirchentheorie und Organisationsentwicklung mit bedacht werden müssen, wenn es darum geht, die Situation für die Mitarbeitenden zu verbessern.

4Forschung zu Gesundheit und Arbeitsbelastung in den ländlichen Räumen Englands

Im Vergleich zur deutschsprachigen Forschung zu ländlichen Räumen machte der anglikanische Theologe, Pädagoge und Psychologe Leslie J. Francis früh auf die Problemlagen ländlicher Räume aufmerksam. Schon 1985 beschreibt er die Problemlagen im ländlichen England: »The problems faced by rural Anglicanism during the past twenty years have been greatly compounded by the sharp decrease in the resources available to it.«51 Francis beschreibt den Rückgang der Finanzen, der zu Zusammenlegungen von Parochien führte und die eingeschränkten Möglichkeiten, Pfarrer in Vollzeit anzustellen. Hinzu kamen Personalmangel sowie die Verteilung des vorhandenen Personals zu Ungunsten ländlicher Gebiete.52

1996 widmet Francis der Kirche in ländlichen Räumen ein ganzes Buch, um »Ländlichkeit« genauer zu beschreiben und zu erfassen.53 Er folgt darin der Beschreibung verschiedener Siedlungsstrukturen und statistischen Markern.54 2016 wird dann auf der Grundlage von Francis und anderen ein Modell zur Unterscheidung von ländlichen und urbanen anglikanischen Diözesen vorgelegt.55 Edwards empfiehlt sein 10-Faktor-Modell für künftige Forschung, damit ländliche und urbane Diözesen miteinander verglichen werden können. Daran wird zweierlei deutlich: Erstens: die praktisch-theologische Forschung in England untersuchte zunächst die Problemlagen ländlicher Räume eigenständig. Zweitens: erst später kam die Abgrenzung und Unterscheidung städtischer Diözesen hinzu, um für die generierten Forschungsergebnisse als Kontrollgruppe zu fungieren. Das bedeutet nun insgesamt, dass Vergleiche hinsichtlich der Unterschiede bei Pfarrern auf dem Land und in der Stadt noch am Beginn der Erforschung stehen!

Die Forschungsergebnisse von Francis und Arbeiten aus seinem Umfeld haben demnach zuerst ihren Mehrwert in der Beschreibung dessen, was ländlich ist und der Anwendung unterschiedlicher psychologischer Inventare, die helfen, die Herausforderungen und Ressourcen der Probanden vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die Kenntnis der ländlichen Situation gibt so Aufschluss über mögliche Ressourcen oder auch unumgängliche Problemlagen, die der kirchlichen Organisation auf diesem Feld begegnen. So kommen die Forscher in England in ihren Umfragen wiederholt zu dem Ergebnis, dass 32 % der Probanden stark bis sehr stark belastet sind.56 Gleichfalls haben 83 % dieser Probandengruppe eine hohe oder sehr hohe Arbeitszufriedenheit.57 Zusätzlich konnten Gründe für Belastungen und Potentiale zur Verbesserung erhoben werden.58 Sieht man nun die Ressourcen und Problemlagen im Zusammenhang mit den Möglichkeiten, die in einer ländlich-peripheren Umgebung gegeben sind, wäre es kirchenleitend möglich, mit vorhandenen Potentialen und zielgerichteten, neuen Strukturen oder Maßnahmen zur Stressreduktion und damit Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Pfarrer beizutragen.

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