ULRIKE LINK-WIECZOREK | UWE SWARAT (HRSG.)

DIE FRAGE NACH GOTT HEUTE

Neue ökumenische Zugänge zu
klassischen Denktraditionen

Eine Studie des Deutschen Ökumenischen
Studienausschusses (DÖSTA)

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Gesamtgestaltung: makena plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06147-1

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

I.Gottesfrage

II.Gotteserfahrung

1.Gott: Mehr als nur Anfang und Ende des Lebens

2.Lebensdeutung und Lebensgestaltung in der Gegenwart Gottes

a)Kontemplation

b)Heiligung

c)Leben in der Bundespartnerschaft Gottes

d)Leben im Glauben als Prägung durch Christus

3.Gott erfahren in den Krisen des Lebens

a)Gott und das Leid

b)Die Vorsehung Gottes

4.Die Betroffenheit Gottes von der Welt als Grund seiner Erfahrbarkeit

III.Gottesbegegnung

1.Die Menschwerdung Gottes

2.Das Wort Gottes

3.Die Sakramente der Kirche

4.Gott als Trinität

5.Authentisches christliches Leben

IV.Gottessuche

1.Der unfassbare Gott

2.Glaube, Erfahrung und Vernunft

3.Glaube und Gottesschau

4.Glaube als Geschenk Gottes und als Akt menschlicher Freiheit

5.Glaubensgewissheit und Zweifel

6.Der umfassende Horizont des Wirkens Gottes

7.Evangelium und Nachfolge Christi

V.Gotteswirken

1.Wirken Gottes in der Geschichte?

2.Deutung der Geschichte als Akt des Betens

3.Gebet als Vergewisserung des Zuvorgekommenseins Gottes

4.Das Bittgebet als Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch

Schluss

Anmerkungen

DÖSTA-Mitglieder 2011 bis 2017

Weitere Bücher

VORWORT

»Religion« macht wieder von sich reden, allerdings nicht nur positiv, sondern oft in höchst problematischer Weise. Ein gewalttätiger Fundamentalismus vor allem islamistischer Prägung füllt die Nachrichten und ist für viele Menschen die einzige Form von Religion, die sie kennenlernen. Manche meinen, der Glaube an einen einzigen Gott, wie er Moslems, Juden und Christen gemeinsam ist, sei schon als solcher friedensgefährdend. Auch nicht gewaltbereite Formen intensiver Frömmigkeit werden als Ausdruck religiös motivierter Sehnsucht nach fester Autorität gedeutet, mit der man vor den komplexen Herausforderungen der heutigen Welt in einen Schutzraum fliehen will. Diese Beobachtungen treffen zusammen mit dem massiven Rückgang von christlichem religiösen und kulturellen Traditionsgut, vor allem in Ostdeutschland, aber zunehmend auch in Westdeutschland. In diese Landschaft hinein rufen Richard Dawkins und die anderen »Neuen Atheisten« aus Großbritannien und den USA ihre provozierenden Thesen gegen »die Religion« an sich, die sie für »Wahnsinn« halten. Gerade in der Situation abnehmender religiöser Bildung stellen sie damit für die christlichen Kirchen aller Konfessionen eine Herausforderung dar.

Der Deutsche Ökumenische Studienausschuss (DÖSTA), die theologische Kommission der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), hat sich daher in seinem jüngsten Studienprojekt von 2009–2015 mit der »Frage nach Gott heute« beschäftigt und eine Studie erarbeitet, die für die Kirchen aller Konfessionen hilfreich sein will für ihre Gemeinde-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Mit der Wahl dieses Themas hat der DÖSTA Anregungen aus der Mitgliederversammlung der ACK aufgenommen, will also auf ein deutlich ausgesprochenes Bedürfnis der Kirchen reagieren. Das Studienprojekt des DÖSTA sollte diesmal nicht vornehmlich kirchentrennende Lehren in den Blick nehmen, sondern sich gemeinsam auf die Suche nach der Grundlage christlicher Wirklichkeitsperspektive begeben. Wie lässt sich beschreiben, wie Christinnen und Christen in ihrer Bezugnahme auf G-O-T-T ihr Leben gestalten? Wird dabei wirklich auf einen autoritären, determinierenden Gott Bezug genommen, wie es in der Kritik der »Neuen Atheisten« scheint? Und wenn nicht – welches sind die christlichen Grundüberzeugungen und Glaubenspraktiken, die dagegen stehen? Welche spezifischen konfessionellen Traditionselemente kommen hier zum Tragen?

In den rund fünf Jahren der Arbeit an diesem Thema haben die Mitglieder des DÖSTA erwartungsgemäß auch konfessionsspezifische Unterschiede, Perspektiven und vor allem Denk- und Argumentationsstrukturen entdeckt und diskutiert. Diese Unterschiede haben sich in den Arbeitssitzungen sogar als hilfreich erwiesen, indem sie ein besonderes Erläuterungs- und Deutungspotential freisetzen konnten. Mit zunehmender Arbeit wuchs die Neugierde auf die anderen Konfessionen – darauf, wie sie ihr Leben in der Gottesperspektive »in guten und in schlechten Tagen« verstehen und gestalten. Im stetigen Fragen nach Gott heute wuchs die Ernsthaftigkeit der gegenseitigen Befragung und Beratung. Die einzelnen Beiträge der DÖSTA-Mitglieder zum Thema ergaben sich nicht nach der Methode, möglichst alle Konfessionen nacheinander zu Wort kommen zu lassen. Vielmehr entstanden Anfragen und Angebote »unterwegs« im Zusammenhang der thematischen Diskussion zunächst einmal ohne konfessionskundliches Interesse. Am Ende wird man dennoch sagen dürfen, dass sich die verschiedenen Konfessionen mit jeweils »ihren« Themen in die Gesamtdiskussion um die Frage nach Gott eingebracht haben und daraus ein Gesamttext zur Gottesfrage heute entstanden ist. Inner christliche Vielfalt wurde so von ihrer bereichernden Seite aus wahrgenommen. Diese Erfahrung möchte die Studie in die Arbeit von Gemeinde, Schule und Studium weitergeben.

Ein Leben im Gottes-Glauben, so wird in dieser Studie herausgearbeitet, gestaltet sich im immer wieder aktuellen Fragen nach Gott, wenn die biblisch bezeugte »große Geschichte Gottes« mit der je eigenen Biographie verbunden wird. Dies hat sich als eine gemeinsame Grundhaltung der christlichen Konfessionen herausgestellt. Gott ist Bewegung, Lebendigkeit, Wechselbeziehung, Mitgehen und Mit-Leiden, aber auch Gegenbewegung gegen das Unheil. Anders als von den »neuen Atheisten« propagiert ist der Gott, an den Christinnen und Christen glauben, nicht ein »General auf dem Hügel«, der den Menschen einseitig determiniert. Wenn also hier von Trinität, von Gottes Menschwerdung in Jesus Christus, von seiner Erfahrbarkeit im Sakrament und seiner Verborgenheit im Leiden, vom Verständnis des Gebets oder gar vom Wirken Gottes in der Geschichte gesprochen wird, so ist das keine höhere Mathematik der Theologie. Vielmehr wird gezeigt, wie gerade diese klassischen christlichen Denktraditionen die Erfahrbarkeit des lebendigen Gottes thematisieren.

In der vorliegenden Studie geschieht das in vier Schritten von der Gotteserfahrung über die Gottesbegegnung und die Gottessuche schließlich zum Gotteswirken in der Geschichte. Dabei wird der Bogen geschlagen von der Beschreibung der lebensdeutenden Gotteserfahrung mit dem Gott des Bundes – in guten wie in schlechten Tagen – hin zur Reflexion zentraler christlicher Glaubensinhalte, die die Weichen stellen für ein Verständnis Gottes als dem, der sich begegnen lässt und damit die Grundlage der Gotteserfahrung darstellt. Freilich bleibt er auch als der, der sich begegnen lässt, unfassbar und durch menschliche Glaubenssprache nicht vereinnahmbar. Die stetige Gottessuche erweist sich im christlichen Reden von Gott als wirksamer Einspruch gegen falsche Exklusivitätsansprüche, und nur insofern ist Glauben nicht Wissen und auch nicht Schauen. Unter dieser Voraussetzung wird im letzten Schritt der Fokus noch erweitert und nach dem Gotteswirken in der Geschichte gefragt. Hier wird auch die Verschränkung von Kirche, Politik und Kultur thematisiert, und es ist schließlich das Bittgebet mit der Fürbitte für andere, in dem der Freiheit und dem Geheimnis Gottes in dieser schwierigen und leicht zu missbrauchenden Deutung der Lebenserfahrung Raum gelassen wird.

Zur Erstellung des gemeinsamen Textes (über mehrere Entwurfsstadien hinweg) wurde aus dem DÖSTA eine Arbeitsgruppe berufen, zu der neben den beiden Herausgebern Werner Klän, Burkhard Neumann und Athanasios Vletsis gehörten. Der von dieser Gruppe erarbeitete Text ist in den Plenumssitzungen des DÖSTA gründlich vor- und nachbesprochen sowie zusätzlich von vielen einzelnen Mitgliedern engagiert korrigiert und kommentiert worden. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde vom DÖSTA in seiner Plenumssitzung am 6. November 2015 in Ludwigshafen einstimmig angenommen.

Zum ersten Mal gedruckt wurde die Studie als Nr. 111 der Reihe »Beihefte zur Ökumenischen Rundschau« (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2017), und zwar zusammen mit allen Referaten, die zur Entstehung des Gesamttextes geführt haben und auf die im Text der Studie immer wieder verwiesen wird. So war ein 547 Seiten starkes Buch entstanden, das trotz seines Umfangs viele Käufer fand und bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen vergriffen war. Darum haben wir uns entschlossen, den Text der Studie – dieses Mal ohne die Referate – erneut in den Druck zu geben. Die handlichere Form eines Taschenbuchs mit günstigerem Preis wird, so hoffen wir, der Studie eine noch weitere Verbreitung geben als sie bisher schon gefunden hat.

Herausgeberin und Herausgeber danken der ACK für die Finanzierung auch dieser Publikation durch einen stattlichen Druckkostenzuschuss.

Oldenburg i. O. und Berlin im März 2019

Ulrike Link-Wieczorek

Uwe Swarat

I. GOTTESFRAGE

Unter großer medialer Aufmerksamkeit fuhren vor einigen Jahren Doppeldeckerbusse, wie man sie aus England kennt, auch durch Deutschlands Städte. An der Außenwand trugen sie eine weithin sichtbare Aufschrift: »Es gibt – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – keinen Gott. Werte sind menschlich. Auf uns kommt es an.« Nicht nur in Großstädten, sondern auch in mittleren und kleinen Universitätsstädten wie Tübingen und Regensburg sowie während des Evangelischen Kirchentages in Bremen fand diese Kampagne der Giordano Bruno Stiftung (Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus) statt. Sie schloss sich an eine Bewegung an, die in den USA und Großbritannien entstand, bald in andere europäische Länder expandierte und – begleitet von Buchveröffentlichungen verschiedener Autoren, die schnell die oberen Ränge von Bestsellerlisten erreichten – als »Neuer Atheismus« bezeichnet wurde.1 Diese Bewegung wirbt für eine Abkehr vom christlichen Glauben, den sie vornehmlich über die Erfahrung des christlichen Fundamentalismus in den USA wahrzunehmen scheint. Vor allem die Rede von einem allmächtigen Gott, der die Welt buchstäblich in sieben Tagen geschaffen habe (Kreationismus), wird zum Anlass für neue atheistische Gegenentwürfe.2 Sie vertreten einen naturalistischen Szientismus, in dem einzig naturwissenschaftlich Erklärbares als wahr gilt und auch das menschliche Leben ausschließlich auf evolutions-biologischen Gesetzmäßigkeiten beruht. Metaphysische »Steuerung« oder universalistische Lebens- und Sinnfragen seien überflüssig. Damit wird die Relevanz von Religion(en) hinfällig.3 Auch der Hinweis, dass es sich in den biblischen Schöpfungstexten um metaphorische Sprache, nicht aber um naturwissenschaftliche Aussagen handelt, wird nicht als Argument für einen eigenständigen religiösen Weltzugang anerkannt.

Die Aktion mit den Bussen ist vorüber. Was bleibt, ist ein wachsender Teil der Bevölkerung, der sich nicht nur der Kirche entfremdet hat und andere spirituelle Angebote bevorzugt, sondern überhaupt Religion für irrelevant hält. Es ist kein Geheimnis, dass sich die religiöse Landschaft auch in Deutschland weitreichend verändert. Die Zahl der Konfessionslosen wächst. Noch sind die Unterschiede innerhalb Deutschlands groß – im Westen ist ein Sechstel (knapp 17 Prozent) der Bevölkerung konfessionslos, in den neuen Bundesländern sind es drei Viertel.4 Dass aber auch in den skandinavischen Ländern inzwischen Nichtchristen die Mehrheit der Bevölkerung bilden, zeigt, dass eine Entchristianisierung auch in Ländern ohne sozialistische Vergangenheit von statten gehen kann.5 In religionssoziologischen Untersuchungen wird neben einer Pluralisierung religiöser Spiritualitäten auch ein »religiöser Indifferentismus« wahrgenommen: Immer mehr Menschen halten eine religiöse »Sinnsuche für überflüssig und können unreligiös sein, ohne das Empfinden zu haben, ihnen fehle etwas«.6 Menschen können anscheinend ohne seelische und gesellschaftliche Probleme gottlos glücklich sein. Die jüngste Kirchenmitgliedschaftsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland »Engagement und Indifferenz« stellt nicht nur heraus, dass die Gruppe der religiös Gleichgültigen stark anwächst, sondern äußert sich auch skeptisch hinsichtlich der Chancen, sie für die Kirche (zurück)gewinnen zu können.7 Auch habe diese Gruppe an einer kontroversen Auseinandersetzung in der Regel kein Interesse. Diese Einschätzung muss umso nachdenklicher machen, je mehr man berücksichtigt, dass sehr viele sozial engagierte Menschen, denen eine verantwortungsbereite Lebenshaltung eigen ist, keine religiösen Bindungen pflegen und diese auch nicht vermissen. Nicht wenige von ihnen wird man auch in den Einrichtungen von Caritas und Diakonie vermuten dürfen. Spätestens dann fragt man sich, ob die Kritik der Neuen Atheisten – die es auch in Deutschland bis weit oben auf die Bestseller-Listen brachte – nicht auch von religiös indifferenten Menschen geteilt wird, ohne dass diese sich ähnlich lautstark an einem entsprechenden Diskurs beteiligen wollten. Auf jeden Fall dürften sie dann nicht einfach mit dem Gegen-Vorwurf eines unterkomplexen Bildes von Religion beiseitegeschoben werden. Vielmehr sollte gefragt werden, ob hinter diesem stillschweigenden Rückzug nicht auch berechtigte Einwände stehen, die von den Kirchen ernst zu nehmen sind und die sie nachdenklich machen sollten.

Der Neue Atheismus wirft den Religionen vor allem nach dem 11. September 2001 eine wesenhafte Nähe zu Gewalt, Intoleranz, institutionellem Zwang und einen Hang zur Bevormundung vor. Zweifellos kann man diese Perspektive täglich bestätigt finden durch Bilder in den Medien, die ein Erstarken fundamentalistischer, nicht selten gewaltbereiter religiöser Gruppen in nahezu allen Religionen in der Welt zeigen. Dass sie jedoch so unvermittelt für Religionen und ihre Träger-Institutionen an sich – und somit auch für Kirchen – zu stehen kommen, stellt die christlichen Kirchen vor Fragen. Werden in einer pluralistischen Gesellschaft womöglich schon in traditionalistischen christlichen Bewegungen fundamentalistische Spurenelemente erkannt? Beispielhaft könnte man hier christlich-charismatische Bewegungen, restaurative römisch-katholische Gruppen sowie die Rolle orthodoxer Kirchen in Russland und im heutigen Südosteuropa nennen.8 Auch eine solche Beispielaufzählung ist nicht frei von Stereotypen. Aber müssen wir sie nicht doch als Herausforderung nehmen, uns zu fragen, ob der Blick von außen nicht allzu leicht an vormodernen Haltungen der Kirchen hängen bleiben kann. Man darf vermuten, dass sie immer noch gut zugänglich im gesellschaftlichen kollektiven Gedächtnis Europas abrufbar sind.

Nachdenklich machen sollte auch, wie direkt Autoren des Neuen Atheismus den Vorwurf erheben, Religion beanspruche, autoritativ-normative Basis für legitime Moral zu sein – und irre sich damit in der Einschätzung ihrer Unverzichtbarkeit. Moral und Ethik brauchen keine religiösen Begründungen, heißt es. Dass in der Perspektive christlichen Glaubens gleichzeitig ein hohes Potenzial zur Kritik an Moralvorstellungen bzw. überhaupt an moralisierenden Rechtfertigungen liegt, scheint weder bei den Autoren, noch bei ihren Rezipienten im Blick zu sein. »Offenkundig wird in der Öffentlichkeit also zu einseitig die Kirche als ›Institution, die Moral predigt‹ präsentiert.«9 Möglicherweise erzeugt die Diskussion um die Werte-Garantie durch die Kirchen in einer Gesellschaft, die sich aus der Enge von Moralismus und aus der Sucht nach öffentlichen Tribunalen bei weitem noch nicht befreit hat, einen Bumerang-Effekt. Die Gottesbeziehung, für die die Kirchen stehen, wird nach wie vor als eine Beziehung verstanden, in der der Mensch aus der Stigmatisierung als Schuldner nicht herauskommt. Offensichtlich wird auch das christliche Gottesbild ausschließlich im Blick auf die (theoretische?) Möglichkeit wahrgenommen, dass Gott die Menschen wegen ihrer Sündhaftigkeit nicht annehmen könnte. Diese Möglichkeit wirkt stärker als die Botschaft der Rechtfertigung, wie evangelische und katholische Kirche sie vertreten, oder die Botschaft von der Transformation des Menschen im Sinne einer theosis (Vergöttlichung), wie sie von der Orthodoxie vorgestellt wird. Wenn man die Botschaft von der von Gott ausgehenden Versöhnung nicht hört, bleibt nur noch eine autoritäre Rede von Gott übrig. In einem solchen Vorstellungszusammenhang scheint die durch neurophysiologische Forschungen unterstützte These von der Unfreiheit des Willens, in der die Schuldfrage obsolet wird, wie eine Heilsbotschaft zu wirken.

Ein weiteres Thema der Kritik des Neuen Atheismus an der christlichen Wirklichkeitsperspektive ist die Schöpfungstheologie. Den Kirchen wird vorgeworfen, nach wie vor eine Welterklärungstheorie zu vertreten, die im Sinne des Kreationismus einem physikalischen Verständnis der Schöpfungserzählung (Gen 1,1–2,4a) folge. Nun ist der Kreationismus innerhalb der christlichen Kirchen in Deutschland längst nicht so verbreitet wie es im Lichte dieser Kritik scheint. Wie aber kommt es, dass in der breiten gesellschaftlichen Öffentlichkeit christliches Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer dennoch so gehört wird, als werde damit ein Bekenntnis zum Kreationismus abgegeben? Haben Kirchen und Theologie selber dazu beigetragen, möglicherweise, weil sie den Eindruck erwecken, der christliche Glaube sei mit einer bestimmten physikalischen Weltentstehungstheorie verbunden? Und (miss)versteht man den Begriff »Glauben« nicht vielleicht doch immer wieder als »Für-wahr-Halten« naturalistisch nicht erklärbarer Vorgänge? Ist uns in der Wahrnehmung der biblischen Tradition inzwischen der Sinn für ihre metaphorische Sprache verloren gegangen, wie sie für alle Religionen charakteristisch ist? Das Anwachsen des religiösen Indifferentismus in unserer Gesellschaft könnte auch eine Reaktion darauf sein, dass Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Woher und Wohin unserer Existenz und dem Wie seiner Gestaltung im christlichen Sprachstrom zu schnell quasi »archäologisch« beantwortet werden, indem auf die Heilsgeschichte Gottes verwiesen wird. Die akute Frage nach Gott könnte sich so in leere Abstraktion auflösen. Warum dann nicht lieber religiös indifferent sein und die großen Fragen nach dem Sinn menschlichen Daseins ganz aufgeben?

Weil doch etwas verloren ginge! Auch Stimmen mit dieser Antwort auf den religiösen Indifferentismus sind heute zu hören. Es ist ein »Atheismus mit Trauerflor«, wie Ulrich Körtner ihn nennt, von Menschen vertreten, die bekennen, den Glauben verloren zu haben und zu wissen, dass ihnen damit etwas an tragendem Grundvertrauen in das Leben fehlt. Wie ein Klage-Ruf ist dies von Philosophen der Gegenwart wie Herbert Schnädelbach, Slavoj Zizek, Giorgio Agamben sowie Jürgen Habermas und Hans Blumenberg zu vernehmen. Auch der Schriftsteller Martin Walser gesellt sich zu ihnen, wenn er in einem Büchlein auf den Spuren Karl Barths, Friedrich Nietzsches und Zarathustras die Weisheit der Rechtfertigungsbotschaft aufzuspüren versucht, in der Grundstimmung: »Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.«10 Hier findet sich eine ernst zu nehmende Klage über den auch jenseits der Kirchen auszumachenden Verlust, den die in Vergessenheit geratende Gottesfrage mit sich bringt. Die christlichen Kirchen müssen das als einen Ruf hören, nicht aufzugeben im Ringen gegen ein Absterben der Frage nach Gott. Vor allem der Atheismus in dieser »melancholischen« Form11 fordert Kirche und Theologie dazu auf, ihr Gottesverständnis zu verdeutlichen und dabei gerade jene Dimensionen herauszustellen, die das Gottesbild nicht abstrakt verkümmern lassen.12

Fragen  13