WALTER CHRISTIAN STEINBACH

»EINE MARK FÜR ESPENHAIN«

Vom Christlichen Umweltseminar Rötha
zum Leipziger Neuseenland

Walter Christian Steinbach, Jahrgang 1944, studierte zunächst Mathematik und Physik für das Höhere Lehramt. Nach der Sprengung der Universitätskirche Leipzig wechselte er zur Theologie und wurde 1975 Pfarrer in Rötha im Südraum Leipzig. Dort entwickelte er mit Gleichgesinnten das Christliche Umweltseminar Rötha (CUR) als eine wichtige Oppositionsgruppe in der DDR. 1985 arbeitete er als Studiendirektor in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen. Das CUR rief 1988 die Aktion »Eine Mark für Espenhain« ins Leben, mit 100.000 Unterschriften und ebenso vielen Markstücken die größte nicht genehmigte Unterschriftensammlung in der DDR. Nach der Friedlichen Revolution berief Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ihn zum Regierungspräsidenten für Leipzig-Westsachsen. In dieser Funktion trieb er wesentlich die Entstehung des Leipziger Neuseenlands voran.

Gefördert durch den Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

2., korr. u. erw. Auflage 2019

© 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: FRUEHBEETGRAFIK · Thomas Puschmann, Leipzig

Coverbild: Tagebau Witznitz (Foto: Marion Wenzel 1994)

Satz: makena plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06249-2

www.eva-leipzig.de

Dieses Buch ist gewidmet

allen mutigen Menschen,

die 1988 und 1989 mit ihrer Unterschrift

die Aktion »Eine Mark für Espenhain« unterstützt haben,

es erinnert an die tapferen Mitglieder des CUR,

und es ist ein Dank an meine Frau Brigitte,

die alle Akten sorgsam bewahrt hat

und nach der Friedlichen Revolution

den Bornaer Musiksommer und die

SÜDRAUMjournale entwickelt hat.

INHALT

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

Widmung

Einleitung – Ein ökumenisches Kaffeetrinken

Ein Anfang vom Ende der DDR – Die Sprengung der Universitätskirche zu Leipzig

Ein unmerklicher Beginn – Die Gründung des CUR

Mölbis wird zum Thema – Der erste Umweltgottesdienst 1983

»Unsere Zukunft hat schon begonnen« – Die Umweltgottesdienste bis 1989 zwischen Kirche und Gesellschaft

Endstation Eingaben – »Mehr ist nicht drin …«

»Eine Mark für Espenhain – Ein Protest bekommt Flügel«

Der Tag der Entscheidung – Leipzig am 9. Oktober 1989

Runder Tisch »Energiewirtschaft, Stoffwirtschaft und Ökologie« im Raum Leipzig – »Pfarrer Steinbach, bleiben Sie in der Politik«

Erste Umweltschutzkonferenz des Kreises Borna – »Ökologie ist kein Zusatz!«

Von der Demo zur D-Mark – Was viele kleine Schritte bewirken können

Mit dem Boot von Leipzig nach Rötha – Eine Prophezeiung, deren Erfüllung noch aussteht

Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig –Der Kreis schließt sich

Bornaer Musiksommer und SÜDRAUMjournale – Rückblick von Brigitte Steinbach

Nachwort von Hansjörg Großert

Anmerkungen

Dank

Abkürzungen

Abbildungsverzeichnis

EINLEITUNG – EIN ÖKUMENISCHES KAFFEETRINKEN

Das Christliche Umweltseminar Rötha entstand 1981 in einer kleinen Gruppe nachdenklicher junger Leute in Rötha.

Christiane Hanisch, eine junge Chemikerin aus Leipzig, hatte im Sommer 1981 auf einer Tagung im Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg an der Studie »Die Erde ist zu retten«1 mitgearbeitet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse ließen sie fortan nicht mehr los. Mit ihrem Ehemann Jürgen Hanisch2 machte sie sich auf die Suche nach Gleichgesinnten. Über gemeinsame Sportfreunde landeten sie schließlich bei Dieter Reich in Rötha. Dort kam es einige Wochen später zu einem ersten Treffen mit mir, damals Pfarrer in der Kirchgemeinde Rötha.

Diesen Beginn nannte ich später »ökumenisches Kaffeetrinken«. Christiane und Jürgen Hanisch gehörten keiner Konfession an, Dieter Reich war Katholik, Ursel Reich und ich Protestanten. Ich meine, dass zur Ökumene Gottes alle Menschen gehören, unabhängig von ihrem Glauben oder auch ihrem Nicht-Glauben.

Das Christliche Umweltseminar Rötha (CUR) entwickelte sich rasch zu einer unüberhörbaren Keimzelle ökologischen Nachdenkens im Südraum Leipzig:

Gemeinsam mit dem Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Borna veranstalteten wir 1983 bis 1989 die legendären Umweltgottesdienste »Unsere Zukunft hat schon begonnen«.

1988 begann die symbolische Aktion »Eine Mark für Espenhain«, deren 100.000 Unterschriften und Mark der DDR mitsamt den Erfahrungen der Opposition gegen eine überflüssige Diktatur sich schließlich in der Einheit unseres Vaterlandes wiederfanden.

Abb. 1:Annette Groß, Jürgen Hanisch,
Christina und Ulrich Voigt (v. l.) bei einem Treffen im Januar 1993

Nach der Friedlichen Revolution übernahmen viele unserer Mitglieder verantwortliche Funktionen in Wirtschaft und Politik, als Bürgermeister und Minister oder in meinem Fall als Regierungspräsident. Sie alle trugen den Keim des CUR ohne viel Aufhebens in ihre künftige Arbeit. Aus CUR wurde CUR e. V. und meine Frau Brigitte führte mit dem Bornaer Musiksommer und den SÜDRAUMjournalen basisdemokratische Erfahrungen des CUR, nämlich: die eigentlichen Experten sind die Betroffenen, fort.

So geriet die Aktion »Eine Mark für Espenhain« fast in Vergessenheit und wurde zu Geschichte. Bis, ja, bis Stephan Bickhardt mir seine Predigt an Himmelfahrt 2016 auf der Halde Trages schickte:

»[…] Im Jahr 1988 schrieb ich an Walter Christian Steinbach einen Brief, ob er aufschreiben kann, was los ist in der Umweltbewegung. Er schrieb ausführlich: ›Der erste Umweltgottesdienst im Kirchenbezirk Borna fand 1983 in dem kleinen Dorf Mölbis im Windschatten von Espenhain statt. Das Motto lautete: ›In Mölbis hat unsere Zukunft schon begonnen!‹ Wir dachten damals, in Mölbis kann man sehen, wo das alles hinführt: Dreck, Gestank, Alkoholismus, tiefe und lähmende Resignation. Wir meinten, Mölbis sei ein eindeutiges Zeichen für einen Holzweg in unserer Gesellschaft. Ein Holzweg, den man umschreiben kann mit dem Satz: ›Wir leben von der Substanz der Vergangenheit und auf Kosten der Zukunft‹. Inzwischen haben sich unsere damaligen Hoffnungen auf eine ökologische Wende zerschlagen. Die lufthygienische Situation hat sich weiter verschlechtert. Es wird bis zur Mitte der 90er Jahre nach offizieller Auskunft keine Verbesserungen geben‹. Liebe Gemeinde, mit der Aktion ›Eine Mark für Espenhain‹ ist dann im Juni 1988 ein kräftiges Hoffnungssignal vom Christlichen Umweltseminar Rötha ausgesandt worden. Eine Fügung, auf der Gottes Segen lag. 100.000 Menschen unterschrieben eine Erklärung und sie spendeten. Die ökologische Umgestaltung für die Orte, aus denen wir hier alle kommen, wurde eingeleitet. Ich frage: Ist bewusst, welche erstaunliche Bedeutung dieses Zeugnis entfaltete. Sind wir dankbar? Ich will an dieser Stelle einmal ausdrücklich erwähnen, dass viele Mutige noch Jahrzehnte vorher im Gefängnis für ihr Zeugnis gegen die SED-Diktatur leiden mussten. Und auch unter uns sind solche Schwestern und Brüder, denen ich heute unter diesem freien Himmel gedenken möchte.

Einhunderttausend mutige Menschen also mit ihren Unterschriften – da war die größte Bürgerbewegung vor der Friedlichen Revolution unterwegs. Kaum zu glauben, aber wahr. Das Neue Forum sammelte im Jahr darauf, 1989, 200.000 Unterschriften. Und Demokratie Jetzt sammelte 100.000 Unterschriften gegen den Führungsanspruch der SED. Das Christliche Umweltseminar Rötha rief im Namen der 100.000 Unterzeichner der Aktion: ›Wir können mit dem ganzen Dreck nicht mehr leben‹. Hoffnung gegen die Resignation beginnt damit, dass Menschen sagen, was lähmt und was kaputt macht. Überall ist das so. Es ist wahr, liebe Christen auf dem Berg, es ist wahr, wir glauben an Jesus Christus und die Kraft der Veränderung in seinem Geist. In seinem Geist und in seiner Kraft stehen Menschen, die bereit sind, bei sich selbst zu beginnen, und da aber nicht stehen bleiben, sondern aussprechen, was ist. Wir sind angesprochen, in seiner Kraft zu stehen und uns in seine Zukunft des Reiches Gottes hineinziehen zu lassen. Das braucht den Anfang bei mir selbst und eine Gemeinschaft. Beides, den Anfang und die Gemeinschaft, brauchen wir wie die saubere Luft zum Atmen, um glaubwürdig zu leben. Es ist wirklich wahr, in dieser Weise glauben wir. […]«3

Sehr eindrücklich sagte Bickhardt zu mir: »Das müssen Sie aufschreiben!«

Ein gutes Vierteljahrhundert nach der Friedlichen Revolution und inzwischen über siebzig Jahre alt, frage ich mich manchmal: Was hat uns damals bewegt in der verschmutzten und verlogenen DDR; vor allem aber: Warum haben wir uns das alles so lange gefallen lassen?

Abb. 2:Blick von der Halde Trages auf das ehemalige Werksgelände »VEB Braukohleveredlung Espenhain«, dem heutigen Industrie- und Gewerbepark Espenhain

Aber zunächst etwas über die Anfänge. Vieles von dem, was eine Diktatur zur eigenen Machterhaltung plant und anrichtet, ist oft der Anfang von ihrem Ende.

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

ich habe grundsätzlich auf die Klarnamen der inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Staatssicherheitsdienstes der DDR verzichtet, die auf die Mitglieder des Christlichen Umweltseminars angesetzt waren. Die Staatssicherheit hat als Decknamen für ihre IM in der Regel ganz alltägliche Namen verwendet. Diese Decknamen haben nichts mit natürlichen Trägern dieser Namen zu tun.

EIN ANFANG VOM ENDE DER DDR – DIE SPRENGUNG DER UNIVERSITÄTSKIRCHE ZU LEIPZIG

Die großen politischen Ereignisse der ehemaligen DDR spiegeln sich auf unterschiedliche Weise in unseren Biografien, in unseren Erinnerungen, aber auch in der Art und Weise wie wir heute unser Leben im Osten unseres neugewonnenen Vaterlandes empfinden: der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, die Berliner Mauer am 13. August 1961, die Sprengung der Leipziger Universitätskirche am 30. Mai 1968 und schließlich die Friedliche Revolution 1989, die unser aller Leben noch einmal gründlich veränderte.

1953 – Bleiben oder Gehen

1953 war ich neun Jahre alt, also eher Zuschauer, manchmal aber auch Zuhörer dramatischer Gespräche meiner Eltern und ihrer Freunde. »Bleiben oder Gehen« war für mich noch nicht zu überschauen, aber für manchen Leipziger Unternehmer während dieser Enteignungswelle des unternehmerischen Mittelstandes eine höchst existenzielle Frage.

Nach dem 17. Juni 1953 bekam mein Vater seinen enteigneten Betrieb wieder zurück und die gen Westen gepackten Koffer kamen wieder auf den Boden. Wir blieben fortan in der DDR. Der Betrieb war in den sechs Wochen unter der Leitung eines vom DDR-Staat eingesetzten Treuhänders selbst für damalige Verhältnisse heruntergewirtschaftet, die Mitarbeiter vollkommen durcheinander und die Kunden ziemlich verwirrt. Nachdem man bei der Enteignung meinen Vater einfach an die frische Luft gesetzt hatte, gab es jetzt bei der Rückgabe so etwas Ähnliches wie eine Übergabe. So sprach der »Treuhänder« zu meinem Vater, er möge nicht ärgerlich sein, er verstünde leider nichts von Bilanzen und solchen Sachen …

1961 – Ulbrichts Mauer

1961 begannen die Überlegungen, welchen beruflichen Weg ich einschlagen könnte. Eigentlich hätte ich gern Kunstgeschichte in Leipzig studiert. Der Leipziger Kunsthistoriker Johannes Jahn hielt gelegentlich im Hörsaal 40 des im Krieg beschädigten Augusteums Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten, die eine starke Anziehungskraft auf mich ausübten. Unser Kunstgeschichtslehrer Hollmann war eine der Lichtgestalten humanistischer Bildung an der Rudolf-Hildebrand-Oberschule, die ansonsten von einem Direktor geleitet wurde, der der Überlieferung nach Irland auch nach mehreren Lachsalven tapfer Klasse für Klasse weiter mit Doppel-R schrieb. Herr Hollmann hatte meine Wunschkombination, Kunstgeschichte und Malerei angeregt. Diese Kombination hätte ich aber nur in der Bundesrepublik verwirklichen können. Im August 1968 war ich »drüben«, um diese Dinge mit meinen Brüdern zu besprechen. Auf dringende Bitten meines Vaters kam ich am 11. August 1961 nach Leipzig zurück. Zwei Tage später, es war Sonntag, der 13. August, errichtete Walter Ulbricht die Mauer. Mir blieb nur noch Kunstgeschichte in Leipzig. Eine Mitarbeiterin des Leipziger Bildermuseums riet mir ab. Sie meinte, wer niemals in seinem Leben die französischen Dome sehen dürfe, würde als Kunsthistoriker sehr unzufrieden.

Meine beruflichen Wünsche und die tatsächlichen Möglichkeiten in der DDR – wie bei so vielen klafften sie weit auseinander. Ich studierte schließlich Mathematik und Physik für das Höhere Lehramt – und schloss das Studium 1966 mit dem Staatsexamen und einer Zusatzqualifizierung für einen Einsatz in Ghana ab. Wir hatten in Leipzig eine Reihe ghanaischer Gaststudenten, die aber nach dem dortigen Militärputsch und der anschließenden Westorientierung ihr Studium in westeuropäischen Städten fortsetzten. Die DDR verlor natürlich ebenfalls die Lust an ghanaischer Entwicklungshilfe.

1968 – Die Sprengung

Die Sprengung der Universitätskirche in Leipzig im Jahre 1968 und die Ereignisse einer sich zunächst unmerklich verändernden Welt trafen uns junge Intellektuelle natürlich in einer ganz anderen Situation. Wir befanden uns im beruflichen und familiären Aufbau. Wir spürten das veränderte Klima. Viele Jugendliche standen kritisch zur SED. Die »Butlers« und viele der neu gegründeten Bands wurden verboten, ihre Anhänger nach dem Beataufstand am 31. Oktober 1965 als »Gammler« abgestempelt und Rowdytum galt fortan als Straftatbestand. Die immer größer werdende Entfremdung zwischen Staat und Gesellschaft wurde zum ständigen Schatten des Politbüros und diktierte die Tagesordnung der Stasi bis zu ihrem Ende.

Walter Ulbricht, nicht nur durchdrungen von einem vielleicht schon in seiner Kindheit begründeten Kirchenhass, war darüber hinaus besessen von der Idee der »sozialistischen Stadt«. Große Plätze und breite Straßen für die gewaltigen Aufmärsche sollten die Überlegenheit des Sozialismus sichtbar dokumentieren. Ohne störende Kirchen. Unter den Leipzigern hält sich hartnäckig ein ihm zugeschriebener Satz: »das Ding muss weg«, nämlich die über 700 Jahre alte Universitätskirche St. Pauli. Was der Diktator nicht ahnte: Die barbarische Sprengung dieser völlig intakten Kirche ist ein Anfang vom Ende der DDR am 9. Oktober 1989 in Leipzig.

Am 7. Mai 1968 beschloss das Politbüro der SED unter Walter Ulbricht4 die Sprengung der Universitätskirche. Schon zehn Tage später schloss sich der Senat der Karl-Marx-Universität mit einer Dankadresse an den großen Städtebauer Walter Ulbricht an. Die einzige Gegenstimme gehört dem Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Ernst-Heinz Amberg. Und schließlich am 23. Mai 1968, an Christi Himmelfahrt, beschließt auch die Leipziger Stadtverordnetenversammlung den Abriss der Kirche. Einzig Pfarrer Hans-Georg Rausch, später als IM enttarnt, stimmt dagegen.

Am Tag vor der geplanten Sprengung versuchten die staatlichen Vertreter noch einmal die Leipziger Superintendenten und Pfarrer unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass keine »Gegenmaßnahmen« geduldet würden.5 Der amtierende Vorsitzende Fehse des Rates des Kreises Leipzig schreibt an den Vorsitzenden des Bezirks Leipzig:

»Werter Genosse Vorsitzender!

Ausgehend von Ihrer Weisung […] wurden von mir sofort Maßnahmen eingeleitet. […]

Mit den Superintendenten Dr. Arnold und Hahn, Schkeuditz, wurde das Gespräch […] geführt.

Ihnen wurde ebenfalls unmissverständlich dargelegt, dass alle Maßnahmen, die gegen die Schaffung der Baufreiheit am Karl-Marx-Platz und die dazu notwendigen Sicherheitsmaßnahmen gerichtet sind, nicht geduldet werden. […]

Sup. Dr. Arnold wurde davon in Kenntnis gesetzt, dass die Nikolaikirche im Bereich des Sperrgebietes liegt und die Durchführung aller Veranstaltungen – einschl. Glockengeläut – am 30.05.68 nicht möglich ist.«6

Weiter heißt es in dem Schreiben:

»Sup. Dr. Arnold ist über diese Maßnahmen sehr ungehalten und sagte, dass wir uns kaum vorstellen könnten, was diese Maßnahme unter den christlichen Bürgern hervorrufen würde und dass dieser Tag in die Geschichte eingehen würde.«7

Ein wahrhaft prophetisches Wort des Superintendenten Dr. Wolfgang Arnold!

Der Raum um die Universitätskirche war nun seit Tagen abgeriegelt. Die »Organe« hatten sich offenbar auf einen brutalen Kampf gegen das eigene Volk vorbereitet. Mutige Leipziger warfen Kränze über die Absperrungen. Gruppenbildung auf dem gesamten Platz wurde rigoros unterbunden. Meine Frau und ich standen am 30. Mai 1968 um 10.00 Uhr auf dem Platz vor dem Grassimuseum in einer unübersehbaren, schweigenden Trauergemeinde und fotografierten nicht ohne Angst das Geschehen. Die im Zweiten Weltkrieg fast unversehrt gebliebene Universitätskirche, seit 700 Jahren stadtbildprägend, fiel, und als der Staub sich legte, sah man den Turm von St. Nikolai, wie der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange später erinnerte. Der Turm von St. Nikolai – fast wie ein Fingerzeig auf das Ende der DDR einundzwanzig Jahre später.

Anschließend suchten wir Superintendent Dr. Wolfgang Arnold am Nikolaikirchhof auf, um vom Turm wie schon an den Vortagen zu fotografieren. Als er am Nordeingang der Nikolaikirche versuchte, die Tür zu öffnen, kamen uns drei selber einigermaßen überraschte Männer aus der Kirche entgegen. Dr. Arnold herrschte sie an: »Was machen Sie in meiner Kirche?« Einer der drei Gestalten antwortete dreist und nach meiner Erinnerung in breitem Sächsisch: »Das geht Sie, Herr Arnold, noch lange nichts an.« Diese banale Frechheit hat sich tief in meiner Erinnerung eingeprägt und meinen Entschluss, mich irgendwie zu wehren, maßgeblich beeinflusst.

Ein Gebäude, das den Geist dieser Stadt in einem nicht zu unterschätzenden Umfang mit geprägt hat, kann man wohl beseitigen, sprengen, schnell und fast heimlich in den Etzoldschen Sandgruben nahe der Stadt verscharren, aber man kann nicht den Geist dieser Kirche beseitigen – ein Gedanke, der dem Diktator und seinen willigen Helfern offenbar nicht gekommen ist, vielleicht auch nicht kommen konnte.

Abb. 3:Sprengung der Universitätskirche 1968 und ihr eiliger Abtransport in die Etzoldschen Sandgruben8

In dieser Kirche hatte der spätere Bischof Meißen, Otto Spülbeck (1904 –1970), mit seinen Vorlesungen über Glaube und Naturwissenschaft die zerstörten Seelen der aus dem Krieg heimkehrenden Studenten getröstet, aufgerichtet und für ein neues Leben ermutigt. Die Spülbeckschen Vorlesungsmitschriften meines Schwagers hütete ich über viele Jahre. Sie waren ein wertvoller Schatz für die eigene Entscheidungsfindung.

Universitätsorganist Robert Köbler (1912 –1970) improvisierte über »Es-E-De« und zusammen mit Johannes Köhler ganze Abende vor einem begeisterten Publikum.

Der Erste Universitätsprediger Alfred Dedo Müller (1890 –1972) stieg regelmäßig mit einem Stapel Bücher unter dem Arm auf die Kanzel, suchte darin erfolglos seine Zitate, die er dann schließlich präzise aus dem Gedächtnis vortrug, während die Besucher manchmal über vierzig Minuten an seinen Lippen hingen.

Schließlich Pater Gordian Landwehr OP (1912 –1998) mit seinen legendären Donnerstagspredigten in einer regelmäßig mit Jugendlichen überfüllten Kirche – all das war für uns die Universitätskirche.

Der Universitätschor unter Friedrich Rabenschlag – Heimat und Gemeinschaft für viele Studierende – und grandiose Aufführungen bleiben in unserem Gedächtnis.

Ich möchte gern beschreiben, wie bereits damals der kirchliche Raum für uns Zuflucht wurde, sich als Raum für Andersdenkende, ja, als Denk- und Gesprächsort öffnete, auch in unseren Heimatgemeinden. Die DDR war noch jung, die Staatsdoktrin grob und massiv und unausweichlich: »Diktatur des Proletariats«.

Wenn man schon in einer Diktatur leben musste, sollte man wenigstens versuchen, sein eigenes Denken zu bewahren.

In den nun anstehenden Überlegungen über meine eigene Zukunft in diesem Land formten sich Erzähltes und Erlebtes schließlich zu dem Entschluss, noch einmal ein Studium aufzunehmen. Ich gab meinen gut dotierten Beruf als Fachschuldozent für Wirtschaftsmathematik auf und begann noch einmal ein Studium – Theologie. Mir schien das die einzige Möglichkeit, über gesellschaftliche Veränderungen in der damaligen DDR nachzudenken. Aber dazu später mehr.

In der Nachschau

Man kann den Geist des freien Denkens, den Geist der Aufklärung, nicht einsperren oder wegsprengen, aber man kann ihn verwüsten und austrocknen. Und das ist der DDR im Allgemeinen und Frau Honecker im Besonderen in den vierzig Jahren gelungen, so dass wir uns immer wieder fragen müssen, wie es so weit kommen konnte …

Im Stuttgarter Schuldbekenntnis9 von 1945 heißt es:

»Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.«

Hätte ich als Theologe und hätten wir als Kirche der Reformation nicht einen klareren Blick haben müssen für die schleichende Verleugnung der Wahrheit in der DDR?

Hätten wir die Botschaft Jesu: Die Wahrheit wird euch frei machen (Joh. 8,32), nicht viel direkter, diesseitiger, als ein Angebot der Befreiung verstehen müssen?

Wie konnte es geschehen, dass fast eine ganze Gesellschaft sich mit dem voraufklärerischen Projekt der »allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit« im Sinne Margot Honeckers abspeisen ließ?

Es geht in diesen Erinnerungen deshalb auch um die Frage nach unseren inneren und äußeren Gefährdungen auf der Suche nach der Wahrheit in schwierigen Zeiten.

Dokument 1:

Schreiben Rat des Kreises an Rat des Bezirkes Leipzig vom 29.05.1968 STA-L, 20237, Bezirkstag und Rat des Bezirkes Leipzig, Nr. 2183, S. 47–48

EIN UNMERKLICHER BEGINN – DIE GRÜNDUNG DES CUR

Im Januar 1975 kamen wir als Pfarrersfamilie nach Rötha. Die siebziger Jahre sind in meiner Erinnerung eine Zäsur in der Geschichte der DDR. Die Bindungskräfte zwischen Staat und Gesellschaft der DDR, der Glaube an die Überlegenheit des Sozialismus hatten seit den 50er Jahren kontinuierlich abgenommen.

Die von Erich Honecker als Antwort dagegen verordnete »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« – tatsächlich gemeint war eigentlich nur ein stärkeres Wachstum der Konsumtion gegenüber den Investitionen, schlicht eine bessere Versorgung der Bevölkerung – führte die DDR ökonomisch an ihre Grenze, später direkt in den Abgrund. Die DDR lebte fortan bis zu ihrem Untergang von der Substanz und auf Kosten der Zukunft unserer Kinder und Enkel. Dieser marode Schatten hat uns auch nach der Friedlichen Revolution noch lange begleitet.

Die neue Ostpolitik »Wandel durch Annäherung« der sozialliberalen Koalition unter der Führung von Willy Brandt stellte die DDR nach dem Arbeiteraufstand 1953 und der Massenflucht bis zum Mauerbau 1961 vor eine völlig neue Herausforderung.

Willy Brandts Kniefall von Warschau im Dezember 1970 berührte uns stark, die wir in der DDR viel stärker in der Tradition deutscher Schuld an zwei verheerenden Weltkriegen und dem antifaschistischen Gründungsmythos der DDR erzogen worden waren. Dem Charisma von Willy Brandt hatten die eher langweiligen DDR-Politiker nichts entgegenzusetzen. Die DDR geriet aus unserer Sicht medial vollkommen in die Defensive. Ein neuer Ton ging durch das Land, dem die verknöcherte Nomenklatura zunehmend nicht mehr gewachsen war.

Willy Brandt war für uns Vertreter einer modernen Welt. Die ihn umgebenden Schriftsteller und Philosophen weckten unter uns jungen Intellektuellen eine diffuse Aufbruchsstimmung. Die real existierende DDR schien uns zunehmend gesellschaftstheoretisch verstaubt.

Unsere Gespräche in den Literaturkolloquien, Seminaren und Hauskreisen bewegten sich immer wieder um einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Diese Hoffnung des Prager Frühlings hat uns durch die ganze DDR bis zur Friedlichen Revolution begleitet. Nur so lässt sich eine gewisse Nachdenklichkeit gegenüber dem Gedanken der Einheit nach Art. 23 GG erklären. Wir hätten damals eher eine Verfassungsdiskussion und die Wiedervereinigung nach Art. 146 GG gesehen. Im Verlauf der kurzen demokratischen Geschichte der DDR von der ersten und letzten freien Wahl bis zur Einheit wurde deutlich, dass der lange Weg zur Einheit über Art. 146 GG das Zeitfenster überdehnt hätte. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die Leistung Lothar de Maizières, die DDR als einen demokratischen Rechtsstaat in die Einheit zu führen, aus meiner Sicht nie genügend gewürdigt wurde.

Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR stand nach meinem Empfinden der SPD Willy Brandts deutlich näher als etwa der CDU, die in unseren Augen ausgesprochen konservativ daherkam. Das änderte sich erst mit der großen Weizsäcker-Rede zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus am 8. Mai 1985.

Der Club of Rome veröffentlichte 1972 das legendäre Buch »Die Grenzen des Wachstums«.10 Es spielte in vielen Kirchgemeinden in der DDR eine große Rolle. Dieses Buch war insofern auch ein indirekter Angriff auf ein zentrales Versprechen der DDR, nämlich die politische Zusage von Partei und Regierung eines sich ständig steigernden Lebensstandards. Der Zustand unserer Umwelt, gerade im Südraum von Leipzig, war der schlagende Beweis gegen dieses staatliche Versprechen.

Daneben waren »Nairobi 1975« und »Boston 1979«11 für uns junge Theologen ein starker Impuls, über ökologische Fragen im Zusammenhang mit der biblischen Schöpfungstheologie nachzudenken.

In den evangelischen Kirchen der ehemaligen DDR begannen 1980 die »Friedensdekaden« mit dem heiß umstrittenen Symbol »Schwerter zu Pflugscharen«. Wer das Symbol nicht freiwillig von seinem Parka abtrennte, dem wurde es kurzerhand gewaltsam entfernt.

In der Lutherstadt Wittenberg gab es seit 1927 ein Kirchliches Forschungsheim, das seit 1975 unter der Leitung von Pfarrer Dr. Hans-Peter Gensichen ein theologischer und umweltpolitischer Leuchtturm in der öden und verrußten DDR war.12

Die Gründung des CUR

Im Sommer 1981 also trafen wir uns mit Christiane Hanisch und ihrem Ehemann Jürgen bei Ursula und Dieter Reich in Rötha. Christiane Hanisch berichtete von den Tagungen in Wittenberg, dem Papier »Die Erde ist zu retten«,13