Meinem Vater

Abram Enns

(1936–2019)

Fernando Enns

Gerechten Frieden
predigen

»… und richte unsere Füße
auf den Weg des Friedens«

Fernando Enns, Dr. theol., geb. 1964, studierte Theologie in Deutschland und in den USA. Er hält die Stiftungsprofessur »Theologie der Friedenskirchen« an der Universität Hamburg und einen Lehrstuhl (Friedens-)Theologie und Ethik an der Vrije Universiteit Amsterdam, ist Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen, Vorsitzender der Internationalen Reference Group »Pilgrimage of Justice and Peace«. Er erhielt den Preis des Verlages für die Deutsche Wirtschaft für die »Beste Predigt des Jahres« (2007).

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Cover: Mario Moths, Marl

Coverbild: Garten Gethsemane vor den Toren Jerusalems

(Foto: Fernando Enns)

Satz: 3w+p, Rimpar

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06180-8

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Im September 2016 fand in Bremen der Ökumenische Stadtkirchentag statt. Unter dem Thema »Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens« trafen sich an einem Wochenende Christinnen und Christen vieler Kirchen, um sich des Friedens Gottes zu vergewissern, sich auszutauschen und mit aktuellen Fragen auseinanderzusetzen und ein Zeichen des Friedens in der Stadt zu setzen. Die Predigt im Abschlussgottesdienst auf dem Bremer Marktplatz hielt Fernando Enns. Sie ist in diesem Predigtband abgedruckt (75–80). Für viele Menschen auf dem Bremer Marktplatz war sie eine Ermutigung und Inspiration auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens.

Fernando Enns gelingt es in seinen Predigten, die Tiefe der biblischen Texte intensiv auszuleuchten und sie gleichzeitig für aktuelle Fragen und Themenkreise fruchtbar zu machen. »Wir wollen uns Weisung aus der Bibel holen« (41). An diesen Grundsatz hält sich Fernando Enns konsequent. Die Bibel ist für ihn nicht nur Text, sondern tatsächlich lebendiges Wort Gottes, Weisung und Richtschnur, Quelle einer Spiritualität des Friedens und Herausforderung, praktische Schritte des Friedens zu gehen.

Dabei schreckt er auch nicht vor schwierigen Texten zurück, die z. B. vom Gericht Gottes sprechen. Es gelingt ihm dabei, auch diese Texte für unsere Gegenwart zu erschließen.

Eine große Bandbreite von Themen ist in diesem Predigtband zu finden: von der Versöhnung, von Konflikten, dem Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit, der Mission, der Rolle der Religionen für den Frieden, Gewalt und Gewaltverzicht bis hin zum Flüchtlingsthema.

Seine mennonitische Herkunft und Verwurzelung leuchtet immer wieder auf – vor allem, wenn er sich auch mit der Auslegungsgeschichte der Texte und den Entwicklungen beschäftigt, die sich im Zuge der Reformation gezeigt haben – oder, wenn er an die Märtyrer der Reformationszeit erinnert, zu denen auch eine große Zahl aus den Friedenskirchen gehört.

Die Predigten sind durchzogen von der Suche nach einem Frieden, der auf gewaltfreie Weise gewonnen wird. Dabei geht es nicht um einen oberflächlichen oder gar naiven Gewaltverzicht. »Gewaltverzicht ist nichts für Schwache«, kann Fernando Enns formulieren und verweist auf die vielen Erfahrungen in der Ökumene. Zu diesen Erfahrungen, die Fernando Enns geprägt haben, gehört der eigene Weg in der ökumenischen Bewegung. Die »Dekade zur Überwindung von Gewalt«, die »Friedenskonvokation« 2011 in Kingston/ Jamaika und die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 2013 in Busan/Südkorea sind wichtige Wegmarken für ihn und finden auch in seinen Predigten Erwähnung. So liest sich dieser Predigtband auch als eine Ermutigung, auf dem »Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens«, den der Ökumenische Rat der Kirchen ausgerufen hat, mutige Schritte zu gehen – verwurzelt in einer biblisch geprägten Spiritualität des Friedens, friedensethisch geprägt und verbunden mit konkreten Erfahrungen auf dem Weg des Friedens.

Ich wünsche dem Buch viele geneigte Leserinnen und Leser, die sich inspirieren und ermutigen lassen auf dem Pilgerweg.

Renke Brahms

Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

EIN WORT DES DANKES

Ich danke meinen Mitarbeiterinnen in der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg für die Ermutigung, dieses Buch zu publizieren, für die Auswahl der Predigten sowie für die Fertigstellung zur Drucklegung. Ohne Julia Freund, Laura Hoolt und Johanna Schade würde es diesen Band nicht geben.

Der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland danke ich für den Druckkostenzuschuss.

Fernando Enns

Bibeltexte sind – wenn nicht anders angegeben – zitiert nach: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel revidiert 2017, herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2016.

INHALT

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

Vorwort

»Du siehst mich!« – Im Angesicht des Feindes
Genesis 33,1–17

Tamar und die Gerechtigkeit Gottes
Genesis 38

Zuerst kommt das Beten!
Psalm 85

»Höret des Herrn Wort, Ihr alle von Hamburg«
Jeremia 7,1–7

Im Haus des Widerspruchs
Ezechiel 12,1–12

Teilhabe am Gerechten Frieden
Matthäus 10

»Sündigt aber dein Bruder an dir …«
Matthäus 18,15–22

Sanftmütig und widerständig
Matthäus 21,1–17

Die Jünger verstehen es nicht!
Matthäus 26,47–56

Wie kriegt man ein Kamel durchs Nadelöhr?
Markus 10,17–27

ER richtet unsere Füße auf den Weg des Friedens
Lukas 1,70–79

Ehre sei Gott – und Friede auf Erden
Lukas 2,1–21

Epiphanias – Ein (Missions‐)Fest der vertauschten Rollen
2. Korinther 4,3–6

Kann man Erinnerungen heilen?
Epheser 4,1–7

Die Zeichen der Zeit lesen
Offenbarung 21,1–6

Gewalt und Frieden in den Religionen
Makkabäerbücher

Weitere Bücher

Endnoten

»DU SIEHST MICH!« – IM ANGESICHT DES FEINDES

EINE REISE DER VERSÖHNUNG
GENESIS 33,1–171

Liebe Kirchentagsbesucher und -besucherinnen!

»Du siehst mich!« – so lautet die trostvolle Kirchentagslosung. Hagar spricht sie in der Hebräischen Bibel zuerst aus. »Du bist ein Gott, der mich sieht!« (Gen 16,13) – sagt die Frau, die Sklavin, die Fliehende. Sie wird angesehen – von Gott – und sieht daher mit neuen Augen. Und viele werden in der Folge in dieses Bekenntnis einstimmen, weil auch sie die Erfahrung machen: »Du bist ein Gott, der mich sieht!« Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – und Hagars!

Heute geht es um die Erfahrung zweier Männer! Jakob und Esau. Und die zerbrochene Beziehung zwischen diesen beiden Brüdern, die Gott sieht.

Lesen wir zunächst den vorgegebenen Bibeltext: Genesis 33,1–172:

1Jakob blickte auf, und siehe: Da kam Esau und mit ihm 400 Mann. Da verteilte er die Kinder auf Lea, Rahel und die beiden Sklavinnen. 2Er stellte die Sklavinnen und deren Kinder nach vorn, Lea und ihre Kinder hinter sie, dahinter Rahel und Josef. 3Er selbst ging ihnen allen voran. Siebenmal warf er sich zu Boden, während er sich seinem Bruder näherte. 4Da lief Esau ihm entgegen, umarmte ihn und fiel ihm um den Hals. Er küsste ihn, und sie weinten. 5Als Esau aufblickte, sah er die Frauen und Kinder und fragte: »Wen hast du da alles bei dir?« Da antwortete Jakob: »Es sind die Kinder, durch die Gott mir, deinem Diener, seine Gunst gezeigt hat.« 6Da kamen die Sklavinnen und Kinder herbei und warfen sich zu Boden. 7Danach kamen auch Lea und ihre Kinder herbei und warfen sich zu Boden. Und schließlich kamen Josef und Rahel herbei und warfen sich zu Boden. 8Da fragte Esau: »Was willst du mit der ganzen Herde, der ich begegnet bin?« Jakob antwortete: »Gunst finden in deinen Augen, mein Herr.« 9Esau aber sagte: »Ich besitze selber viel, mein Bruder. Was dir gehört, behalte.« 10Da sagte Jakob: »Nicht doch! Wenn ich Gunst in deinen Augen gefunden habe, so nimm mein Geschenk aus meiner Hand. Denn ich habe dein Gesicht gesehen, als sähe ich Gott. Und du bist mir wohlwollend begegnet. 11Nimm doch meinen Segen an, der dir gebracht wurde, denn Gott hat mir Gunst erwiesen, und ich habe von allem reichlich.« So drängte er ihn, bis er es annahm. 12Da sagte Esau: »Lass uns aufbrechen und losziehen. Ich werde an deiner Seite gehen.« 13Jakob sagte aber zu ihm: »Mein Herr, du weißt, dass die Kinder noch klein sind. Außerdem habe ich für einige Schafe und Rinder zu sorgen, die noch säugen. Wenn man sie nur einen Tag heftig antreibt, stirbt die ganze Herde. 14Ziehe du doch deinem Diener voran, mein Herr. Dann kann ich langsam hinterherkommen, so schnell das Vieh und die Kinder es zulassen, bis ich zu dir nach Seïr komme, mein Herr.« 15Da sagte Esau: »Dann will ich wenigstens einige von den Leuten bei dir lassen, die bei mir sind.« Jakob aber fragte: »Wozu das? Lass mich nur Gunst in deinen Augen finden, mein Herr.« 16So kehrte Esau an jenem Tag auf seinem Weg nach Seïr zurück. 17Jakob aber zog weiter nach Sukkot und baute sich ein Haus.

I.DIE VORGESCHICHTE: DER KONFLIKT – UND DIE FLUCHT

Eine wunderbare Versöhnungsgeschichte! Doch um sie in ihrer Tiefe zu verstehen, müssen wir an den Ort des Konfliktes zurück. Es gibt keine Heilung ohne die Erinnerung an das Böse.

Die Ursachen für diesen Konflikt liegen mehr als 20 Jahre zurück. Eine lange Zeit! Ein Konflikt, nicht nur zwischen zwei Brüdern, sondern zwischen zwei Familien – ein Familiendrama! Und ein Konflikt zwischen zwei Brudervölkern: Jakob wird »Israel« und Esau wird »Edom« (Gen 36,8).

Alles begann bereits während der Schwangerschaft von Rebekka, der Frau Isaaks. Damals spürte die werdende Mutter – deren Kinderwunsch so lange unerfüllt geblieben war, bis Gott sie gnädig ansah – einen Kampf in ihrem Leib: zwischen den beiden Zwillingen. Rebekka fragte im Gebet Gott, was das zu bedeuten habe.

Und Gott antwortet:

Zwei Völker sind in deinem Leib, zwei Nationen trennen sich bereits in deinem Schoß.

Eine Nation ist der anderen überlegen, und der Ältere wird für den Jüngeren arbeiten. (Gen 25,23)

Das trägt Rebekka nun in sich. Und tatsächlich: beide Söhne sind sehr verschieden! Esau – der Ältere – wird ein Jäger, sehr zum Gefallen seines Vaters Isaak. Jakob, der Jüngere, bleibt bei den Zelten – und ist der ganze Stolz der Mutter.

Wir wissen, dass Esau in einer schwachen Stunde, noch in den Teenager-Jahren, sein Erstgeburtsrecht an den listigen Jakob abtritt, für ein Linsengericht! Der unbekümmerte Esau hat schlicht Hunger, der vorausblickende Jakob nutzt das aus. – Hier deutet sich der Konflikt bereits an: Die Sache mit dem erschlichenen Vater-Segen:

Der gebrechliche Isaak, Vater der beiden Söhne, lässt sich auf seinem Totenbett von Jakob (und dessen Mutter Rebekka) täuschen und erteilt seinen Segen dem jüngeren Jakob. Mit allem, was dazugehört! Für Esau bleibt nichts übrig! – Das Drama nimmt seinen Lauf:

»Und Esau erhob seine Stimme und weinte« (Gen 27,38), wird berichtet, als dieser merkt, dass er betrogen wurde und dass dieses Vergehen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Tränen des Schmerzes, sicherlich auch der Enttäuschung über den Bruder, gewiss auch Tränen voller Wut.

Der Vater Isaak, selbst entsetzt über die Verstrickung in diesen Verrat, hat kaum beruhigende Worte für den Erstgeborenen übrig: »Durch dein Schwert musst du leben und für deinen Bruder sollst du arbeiten.« Zu der Verletzung kommt auch noch die Demütigung! Der Weg scheint vorgezeichnet: Esau wird ein Krieger! – Doch der Vater prophezeit ihm auch: »… bei deinem Umherirren wirst du sein Joch von deinem Hals abwerfen … Da wurde Esau zum Feind Jakobs wegen des Segens« (Gen 27,40 f.), berichtet die Bibel. Von nun an sinnt Esau darauf, sich zu rächen, Jakob zu töten!

Und die Mutter Rebekka? Man mag sich kaum vorstellen, wie es ihr erging. Eine zerrüttete Familie. Jetzt Witwe, verliert sie auch noch beide Söhne, der eine ist besessen von Rachegefühlen, der andere flieht. Und sie wird ihn nie wiedersehen. – Rebekka wird in der fortlaufenden Geschichte nicht mehr erwähnt.

Jakob ist von nun an auf der Flucht! Fluchtursache: Bedrohung des eigenen Lebens. Es gibt viele Fluchtgründe. Bei Jakob ist es ein Familiendrama! Ein Bruderzwist, in den die ganze Familie involviert ist. Die große Täuschung war das Letzte, was er mit seinen Eltern und seinem Bruder erlebt hat. Ein Trauma, das von nun an sein Leben überschattet! Aber: Überleben ist jetzt zunächst das Wichtigste.

Seine Mutter hatte ihm noch geraten: »gehe zu meinem Bruder Laban, biete dich deinem Onkel als Knecht an«. – Und Jakob macht seinen Weg, als Flüchtling. Arbeitet sich hoch, gewinnt schließlich Frauen, Kinder, Tierherden. Dabei muss er selbst Täuschungen erfahren von seinem Onkel Laban. Es ist kein leichter Weg.

Von Esau erfahren wir nur, dass auch er heiratet. Er geht zu Ismael, jenem verschmähten Sohn seines Großvaters Abraham, und der Hagar – die von Gott gesehen worden war – und heiratet eine von dessen Töchtern, Mahalat!

Viel Zeit vergeht, 20, 25 Jahre. Kein Kontakt zwischen den Brüdern! Jakob wächst an Erfahrung, Wissen, womöglich auch Einsicht. Er emanzipiert sich allmählich gegenüber seinem Onkel Laban. Aber er weiß wohl auch, dass er nicht ewig leben kann mit dieser Schuld der Vergangenheit. Wie soll man wachsenden Reichtum und Macht genießen, wenn das Trauma der Vergangenheit nicht geheilt ist, wenn die unverarbeitete Schuld immer wieder Scham hervorruft?

Irgendwann spürt Jakob, dass Gott sich ihm erneut zuwendet: Ich sehe dich! »Kehre zurück in das Land deiner Vorfahren und deiner Verwandtschaft, so werde ich zu dir stehen.« (Gen 31,3) – Diese Zusage ist es wohl, die den Anstoß gibt. Und Jakob macht sich tatsächlich auf den langen Rückweg! Und er weiß: er wird alle seine Habe aufs Spiel setzen müssen für diese Begegnung mit seinem Bruder. Dazu scheint er bereit. – Manchmal braucht es ein halbes Leben, um sich der eigenen Schuld der Vergangenheit zu stellen.

II.DER LANGE RÜCKWEG – ZUR VERSÖHNUNG?

Gott sagt sein Mit-Sein zu, aber er geht den Weg nicht für Jakob. Es gibt hier keine stellvertretende Versöhnung! Den Willen zur Versöhnung kann man nicht erzwingen. Sie muss freiwillig erfolgen!

Womöglich beginnt nun der schwierigste Teil des Rückweges für Jakob. Er zögert zunächst, taktiert, vielleicht kann man Versöhnung ja doch begünstigen: Jakob schickt Boten aus zu Esau, die ihm von seinem Kommen berichten sollen – von seinem Erfolg in der Fremde, vielleicht auch, um die Stimmungs-Lage zu testen? Aber das Wichtigste: »damit ich Wohlwollen (Hebr. chen) in deinen Augen fände« (Gen 32,6). – Diese Aussage wird uns noch häufiger im Text begegnen. Womöglich die Schlüsselaussage des gesamten Textes: Wohlwollen in den Augen des Anderen finden. Luther übersetzte das Hebräische chen mit »Gnade«. »… damit ich Gnade vor deinen Augen fände«.

Boten können zur Vorbereitung von Versöhnungsprozessen eine wichtige Funktion übernehmen. Es ist nicht immer ratsam, gleich die direkte, persönliche Nähe zwischen einem Opfer und einem Täter herbeizuführen. Zu tief sitzen die Ängste, die Verwundungen, die sich dann rasch wieder in Aggressionen entladen.

Aber für das große strategische Vorgehen bleibt hier kaum Zeit. Die Boten berichten Jakob, dass auch Esau sich schon auf den Weg gemacht hat, ihm entgegen. Und: er kommt mit 400 Mann, alle unter Waffen! – Würden wir diese Bande heute als »Terroristen« bezeichnen?

Oh Gott! – Ja, das ist Jakobs erste Reaktion. In seiner Angst ruft er Gott um Beistand und erinnert Gott an dessen Zusagen und Verheißungen! Krieg ist keine Option! Jakob will die Versöhnung. Aber immer noch taktiert er: teilt seine Leute und Tiere jetzt in zwei Lager auf. So stehen die Chancen 50–50, dass wenigstens die Hälfte überlebt. Außerdem schickt er reiche Geschenke mit seinen Knechten vor sich her, um Esau zu treffen … »Denn er dachte: Ich will ihn versöhnen mit dem Geschenk, das vor mir hergeht. Danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mich annehmen.« (Gen 32,21) – So groß ist die Furcht des ehemaligen Täters vor dem Opfer der Vergangenheit. Und so verzweifelt ist die Suche nach möglichen Sicherheiten.

Alles steht jetzt auf dem Spiel: das eigene Leben, die Familie, der Besitz (samt den Sklaven), ja Gottes Verheißung, Gottes Segen, das Land. Versöhnungsreisen sind immer ein Risiko! Der Taktierer, der Stratege, der listige Jakob weiß, dass er nur sehr geringe Kontrolle über das haben kann, was jetzt geschieht.

Es wird kein geradliniger Weg zur Versöhnung, den Jakob einschlägt. Erst jetzt wird ihm seine große Verletzbarkeit bewusst! Er wendet sich um, wendet sich ab, fleht zu Gott! Anfechtungen, innere Unsicherheit machen sich breit. – Auch wir wissen nicht, was Esau im Schilde führt. Die Perspektive der Erzählung bleibt ganz bei Jakob.

Und dann kommt diese seltsame Nacht: Jakobs Kampf am Jabbok (Gen 32,23 ff.). Jakob ringt eine ganze lange Nacht hindurch mit sich, und mit seinem Gott. – Ist das der innere Kampf, der einer Versöhnungsbereitschaft doch vorausgehen muss? Ist das der Schmerz, durch den man hindurch muss – erneut – um all das Böse der Vergangenheit wieder heraufzuholen? Ist das die Begegnung mit den Dämonen der Vergangenheit, die man durch diese Hinwendung erneut heraufbeschwört? Ein Kampf mit den Dämonen der Angst und des Zweifels: »sollte ich nicht doch lieber fliehen – oder gegen Esau kämpfen?« Die Urinstinkte des Menschen in Situationen der unmittelbaren Bedrohung: flee or fight!

Es ist eine geheimnisvolle Episode jener Rückreise zur Versöhnung, in der aber doch ganz Entscheidendes geschieht. Jakob muss durch diesen Fluss hindurch, allein! Es ist der einzige Weg, die Schuld der Vergangenheit zu bewältigen: Das Eingeständnis, dass man der Vergebung bedarf. Anders wird man diesen Dämon nicht los. Und der, der aus dieser Schuld befreien kann, ist das Opfer selbst. Die erneute Begegnung mit dem Opfer – und damit eben auch die Konfrontation mit sich selbst, mit den dunkelsten Seiten meines Ich, sind unausweichlich. Die alten Verwundungen und Verletzungen müssen noch einmal aufgesucht und durchlitten werden. Das ist ein echter Kampf. Mit sich, mit dem anderen, mit Gott auch. Dieser Kelch kann nicht an ihm vorübergehen.

Und: diese Begegnung geht nicht ohne erneute Verletzungen aus – von nun an wird Jakob hinken.

Aber Jakob hat sich durchgerungen! Jetzt erst ist er bereit für eine Begegnung mit Esau, die zur Versöhnung werden kann. So wird aus Jakob »Israel«! Jetzt erst wird er der rechtmäßige Empfänger der Verheißungen Gottes an die Väter und Mütter. Des Segens. Weil er widerständig war. Weil er standhielt, vielleicht zum ersten Mal im Leben – seinen eigenen Ängsten und Listigkeiten und Strategien. – Jakob nennt diesen Ort »Angesicht Gottes«! Denn: »… ich habe Gott gesehen von Angesicht zu Angesicht. Und mein Leben wurde gerettet … (da) ging ihm die Sonne auf …« (Gen 32,31 f.).

In der dunkelsten Nacht der Verzweiflung und der Angst – lässt sich Gott sehen. Das ist das Paradoxe dieses Gottes: dass seine Gegenwart gerade in der vermeintlichen Gottverlassenheit wirklich geschaut wird. Es gibt keine »billige Versöhnung«, wie Jakob bis zu dieser Erfahrung dunkelster Nacht noch meinte. Es gibt nur eine »teure Versöhnung«.

III.DIE BEGEGNUNG: DAS WAGNIS

Hinkend, aber mit der Sonne im Gesicht, ist der Täter Jakob jetzt befreit für die Begegnung mit dem »Opfer« Esau. Rache oder Versöhnung? Retribution oder Restauration? Alles ist offen, alles ist möglich. Aber jetzt blickt Jakob auf!

Jakob blickte auf, und siehe: Da kam Esau und mit ihm 400 Mann. Da verteilte er (Jakob) die Kinder auf Lea, Rahel und die beiden Sklavinnen. Er stellte die Sklavinnen und deren Kinder nach vorn, Lea und ihre Kinder hinter sie, dahinter Rahel und Josef. Er selbst ging ihnen allen voran. (Gen 33,1–3)

Was zunächst wie ein »humanitärer Schutzschild« aussieht, entpuppt sich schnell als eine freiwillige Wehrlosigkeit. Ja, Jakob stellt die Frauen und Kinder zuerst auf, so dass die potenziellen Kämpfer zuerst auf diese treffen würden. Ein eindeutiges Signal: wir werden nicht kämpfen. Und vor ihnen allen her geht er selbst: Jakob. Macht sich selbst verwundbar, zur leichten Zielscheibe aller Angriffe. Er übernimmt die Verantwortung! Jetzt versteckt er sich nicht mehr. Offensichtlich weiß er jetzt: Das ist sein Platz, wenn es denn eine Chance für Vergebung und Versöhnung geben soll.

Siebenmal warf er sich zu Boden, während er sich seinem Bruder näherte. (V. 3)

Dies ist die Ehrerbietung, die einem Herrscher zukommt. Wie einem König, dem man sich vollständig unterwirft. Jakob liefert sich aus. Der hinkende Jakob wirft sich zu Boden – das muss ihm körperlich schwergefallen sein. Aber er will es so.

Vor Kurzem hatte ich so ein Erlebnis. Es war während eines Gottesdienstes, in dem auch das Ritual einer Fußwaschung gefeiert wurde. Alles war gut vorbereitet, wir saßen im Kreis. Und die zwei Schalen mit Wasser machten die Runde, einer nach dem anderen kniete vor seinem Nachbarn/ seiner Nachbarin hin und wusch ihm/ihr die Füße. Eine heilige Atmosphäre des gegenseitigen Dienens breitete sich aus. Und dann sah ich Pascal. Ich hatte nicht daran gedacht, dass ihm das Hinknien so sehr schwer fallen würde mit seiner Behinderung. Sein Nachbar wollte ihm helfen. Aber nein, er bestand darauf. Mühsam, umständlich, ja schmerzlich war sein Hinknien. Aber niemand in der Welt hätte ihn in diesem Moment davon abhalten können. Für ihn gehörte dieser Schmerz offensichtlich zum Erleben. Es war der Moment, in dem wir alle das Symbol der Fußwaschung in seiner ganzen Tiefe erfuhren.

So auch Jakob. Niemand hätte ihn jetzt noch aufhalten können. Er erniedrigt sich ganz.

Die Dramatik dieser Situation lässt sich kaum überbieten!

IV.DIE VERSÖHNUNG – GOTTESGABE

Da lief Esau ihm entgegen, umarmte ihn und fiel ihm um den Hals. Er küsste ihn … (V. 4)

Esau, von dessen Perspektive wir lange nichts erfuhren, löst sich von seinen 400 Kämpfern, läuft seinem Bruder entgegen, umarmt ihn, ja küsst ihn. Er muss sich wohl auch erst ein Stück weit zu Jakob herunterbeugen, um diesen aufrichten zu können, damit er ihn »herzen« kann, küssen kann.

Sind Sie überrascht? Ich schon. Und Jakob vielleicht auch? Sogar Esau? Und seine 400 Männer, und die ganze Sippe Jakobs? Alle überrascht?

Alles hätte passieren können, das Schlimmste musste man erwarten. Aber – es kommt zur zärtlichen Nähe der beiden Brüder. Kein Schuldbekenntnis Jakobs! Jakob bittet nicht um Vergebung, Esau spricht keine Vergebung aus. – Eigentlich sind das alles die Voraussetzungen für die Wiederherstellung der Würde des Opfers Esau. Eigentlich ist das notwendig, um die Demütigung und das Trauma zu heilen, beim Täter wie beim Opfer. Jedenfalls lernen wir das so in unseren Versöhnungsstudien.

Wir können nur erahnen, was der Blick Jakobs bei Esau ausgelöst hat, der Blick auch auf seine Familie, dann die Unterwerfungsgesten. Ist Esau überwältigt? Von seinen eigenen Emotionen, die in der Suche nach körperlicher Nähe ihren deutlichsten Ausdruck finden?

Jetzt spüren sie sich – seit so vielen Jahren. Der Erstgeborene küsst seinen Zwillingsbruder. Und der »kleine« Bruder küsst den »Großen«. – Der zerbrechlichste Moment in der gesamten Geschichte. So schön, dass dieser nicht mit Worten gestört wird.

Für solch heilige Momente gibt es kein Drehbuch. Es ist die schlichte Bewegung von Erniedrigung – und Aufrichtung. Eine Bewegung von Zuwendung und Zuwendung – dadurch wird die Umarmung möglich! Es geht nicht um einen intellektuellen Akt, sondern es geht um die ganze Person. Wenn sich einer ganz dem anderen ausliefert, dann wird Versöhnung tatsächlich möglich.

»… und sie weinten.«

Ja, das verstehen wir. Wenn ich diesen Text ganz langsam, vorsichtig lese, mich hineinfühle, behutsam die Verletzbarkeit des Augenblicks erspüre, dann kommen mir an dieser Stelle auch die Tränen. Warum? Wer weiß das schon?

Es sind Tränen der Erleichterung, sicher, der Freude. Tränen der Beschämung, über den Großmut Esaus. Tränen der Erleichterung, nach all den Jahren der Anspannung. Tränen der Reue, Tränen über all das verhinderte Leben in Beziehung. Trauer über die Angst des Anderen, Trauer über das zugefügte Leid, Trauer über das geschehene Unrecht, über die Jahre des Schweigens, des Verzichts, der Flucht, der schlaflosen Nächte. – All das kommt in diesem heiligen Moment zusammen und wird in den gemeinsamen Tränen der Brüder ertränkt. – Und die ganze Welt dreht sich nur um diese beide. Die Zeit bleibt für einen Moment stehen …

Perspektivwechsel:

Als Esau aufblickte, sah er die Frauen und Kinder und fragte: »Wen hast du da alles bei dir?«

Da antwortete Jakob: »Es sind die Kinder, durch die Gott mir, dienem Diener, seine Gunst gezeigt hat.« Da kamen die Sklavinnen und Kinder herbei und warfen sich zu Boden. Danach kamen auch Lea und ihre Kinder herbei und warfen sich zu Boden. Und schließlich kamen Josef und Rahel herbei und warfen sich zu Boden. (V. 5–7)

Jetzt blickt Esau auf! Kann wieder aufblicken. Die Tränen noch in den Augen.

Der Anführer einer ganzen Armee von Kämpfern. Die Brüder sind ja nicht isolierte Einzelfiguren, sondern Familienoberhäupter, Stammesführer, Patriarchen. Fast hätten sie das vergessen. – Wie werden sie jetzt von ihren eigenen Leuten gesehen?

Die Krieger Esaus fragen sich womöglich: Sollen wir die Waffen jetzt niederlegen? Sie müssen irritiert sein. Und die Familie Jakobs, sie eilen herbei, machen es ihrem Ehemann, Vater, Herren nach. Eben noch empfanden sie größte Angst und Scham, als der hinkende Jakob ihnen voranging. Jetzt folgen sie ihm wohl voller Freude und Erleichterung, und erweisen Esau die Ehre.

In den Studien und Praktiken zur »restaurativen Gerechtigkeit«, die auf Versöhnung abzielt, anstatt auf Bestrafung zu setzen, ist dies ein ganz wichtiger Aspekt. Niemals geht es bei der Konfliktbewältigung oder -aufarbeitung isoliert um Täter und Opfer. Immer gehören diese ja zu eigenen communities. Und diese communities spielen eine wichtige Rolle, denn auch sie sind ja durch das geschehene Unrecht belastet, auch sie leiden an den Folgen der Unversöhntheit und sehnen sich nach Heilung. Und deshalb ist es wichtig, sie bei Versöhnungsprozessen mit im Blick zu haben. Wenn sie Täter oder Opfer in ihren ängstlichen, tastenden Schritten hin zur Versöhnung nicht unterstützen, dann wird das sehr schwer bis unmöglich. – Das ist die Verantwortung, die Familien, Verwandte, Freunde tragen!