Christentum und Zeitgeschichte (CuZ)
Band 5

Im Auftrag der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte
herausgegeben von Siegfried Hermle und Harry Oelke

Siegfried Hermle | Harry Oelke (Hrsg.)

Kirchliche
Zeitgeschichte_
evangelisch

Band 1: Protestantismus und Weimarer Republik (1918–1932)

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverbild: Blick von der Hardenbergstraße zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, ca. 1927; Wikimedia Commons, CC-PD-Mark

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020

ISBN 978-3-374-06264-5

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zur Einführung

I.

Gesamtschau: Protestantismus und Weimarer Republik (Harry Oelke)

II.

Protestantismus und Politik (Claudia Lepp)

III.

Gesellschaftliche Herausforderungen (Claudia Lepp)

IV.

Kirchliche Ordnung und Strukturen (Karl-Heinz Fix)

V.

Protestantische Milieus und Gruppen (Gisa Bauer)

VI.

Theologische Signatur (Reiner Anselm)

VII.

Bildung und Kultur (Antje Roggenkamp; Katharina Kunter)

VIII.

Ökumene (Thomas Martin Schneider)

IX.

Diakonie (Norbert Friedrich)

X.

Christen und Juden (Siegfried Hermle)

Literaturverzeichnis

Personenregister

Weitere Bücher

Zur Einführung

Die Geschichte von Kirche und Christentum seit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist als Kirchliche Zeitgeschichte Bestandteil des akademischen und öffentlichen Geschichtsinteresses. Denn religionsbezogene, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen der Gegenwart haben viel fach kirchliche oder religiöse Wurzeln, die in ihrer Genese weit ins 20. Jahrhundert zurückreichen. Eine differenzierte Gegenwartsdeutung bedarf somit auch des Wissens um die vor ausgehende kirchliche Zeitgeschichte. Die kirchen- und allgemeinhistorische Forschung ist seit geraumer Zeit erfreulich aktiv. Somit ist es nunmehr möglich, sich auf der Grundlage der Detailstudien und partieller kirchenhistorischer Abhandlungen an eine umfassende Darstellung zu wagen.

Der vorliegende erste Band Kirchliche Zeitgeschichte_evangelisch verfolgt das Ziel, die komplexe Beziehungsgeschichte von Protestantismus und Weimarer Republik kompakt zu präsentieren. Die Publikation bildet den Auftakt zu einer insgesamt vierbändigen handbuchartigen Gesamtdarstellung der Kirchlichen Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts aus evangelischer Perspektive: Es folgen in absehbarer Zeit jeweils ein weiterer Band zur Zeit des Nationalsozialismus (II), zur Nachkriegsepoche (III) und zur Zeit der Bundesrepublik seit dem Mauerbau (IV).

Alle Bände sind identisch gegliedert. Somit bietet jeder der vier Bände für sich genommen eine abgeschlossene Darstellung zu einer Teilepoche der Kirchlichen Zeitgeschichte. Zusammen offerieren sie einen systematischen Zugang zu einzelnen Themenfeldern im historischen Längsschnitt. Jedes Kapitel ist in etwa gleichgewichtig und hat einen annähernd gleichen Umfang.

Für die Nutzung bieten die Bände verschiedene Möglichkeiten der Orientierung und eines interessengeleiteten Zugriffs. Innerhalb der Einzelbeiträge erlauben Zwischenüberschriften eine schnelle Orientierung. Wichtige Institutionen werden bei der Erstnennung ausgeschrieben und sind, sofern sie im weiteren Verlauf ab gekürzt genutzt werden, in entsprechender Kurzform in Klammern ausgewiesen. Die Literaturangaben am Ende jedes Kapitels sind auf wenige grundlegende Hinweise beschränkt. Ein Gesamtliteraturverzeichnis am Ende des Bandes führt neben dieser Literatur auch noch andere themenspezifische Literatur auf. Das anschließende Personenregister, das durch Lebensdaten ergänzt wird, ermöglicht einen personenbezogenen Zugang.

Für die einzelnen Kapitel zeichnet jeweils eine Autorin bzw. ein Autor verantwortlich, nur in Kapitel sieben waren zwei Autorinnen tätig, was dem komplexen Themenfeld geschuldet ist. Für die zehn Kapitel haben sich die namentlich ausgewiesenen Expertinnen und Experten aus der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchlichen Zeitgeschichte und darüber hinaus zur Mitarbeit gewinnen lassen. Sie haben sich die konzeptionellen Vorgaben des Bandes in professioneller Weise zu Eigen gemacht und auf die publizistischen Erfordernisse abgestimmte Beiträge beigesteuert. Dafür und für die angenehme Zusammenarbeit gilt ihnen ebenso der nachhaltige Dank der beiden Herausgeber wie der studentischen Hilfskraft am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Universität zu Köln, Frau Johanna Herbst, für die sorgsame Erarbeitung des Personenregisters.

Siegfried Hermle

Harry Oelke

Köln/München, im Oktober 2019

 

I. Gesamtschau: Protestantismus und Weimarer Republik

1.Staatsumbruch: Wirkungen und Folgen

Die Unterzeichnung des Waffenstillstands im Wald von Compiègne durch die deutsche Delegation am 11. November 1918 besiegelte die deutsche Niederlage und das Ende des Ersten Weltkriegs. Zusammen mit der damit einhergehenden Revolution, die das Ende der Monarchie bedeutete, markierte es eine epochale Zäsur in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der politische Zusammenbruch des Kaiserreichs hatte die große Mehrheit der Deutschen, zumal die evangelischen, völlig unvorbereitet getroffen. Weite bürgerliche Kreise betrachteten wie paralysiert, was sich nach den als quälend empfundenen letzten Kriegsmonaten innerhalb kürzester Zeit auf den Straßen und in den politischen Machtzentren an umstürzlerischer Energie entlud und neue politische Realitäten schuf. Die Abschaffung der bis dahin gültigen Werte und Normen wurde insbesondere auf evangelischer Seite als Kulturschock erlebt. Im Protestantismus hatte sich in seiner 400-jährigen Geschichte eine besondere Bindung an die politischen Gewalten entwickelt. Unter dem Vorzeichen des landesherrlichen Kirchenregiments war die Nähe von Thron und Altar als evangelisches Proprium kultiviert worden. Wehmütig betrauerten weite evangelische Kreise jetzt den Verlust des Kaisertums. Die vom Geist des Idealismus getragenen Grund lagen der europäischen Kultur waren im Kanonendonner des Ersten Weltkriegs und im fatalen Einsatz neuartiger Kriegstechnologie zerborsten. Für kühle Analytiker kam das weniger überraschend, für die meisten jedoch vollzog sich der Zusammenbruch einer ganzen Weltordnung. Was nun folgte war das, worüber vor dem Weltkrieg einige Intellektuelle debattiert hatten: die Moderne. Jetzt wurde sie zum Faktor des all täglichen Lebens. Auch oder gerade der Protestantismus war davon herausgefordert.

Die vierzehn Jahre, die die erste deutsche Demokratie Bestand hatte, waren für das protestantische Christentum durchgängig von dieser Herausforderung gekennzeichnet. Zahlreiche Gründe erschwerten nach 1918 den Zugang zur Weimarer Republik: die tiefen Traditionsbindungen an das Kaiserreich, die nun verfassungsmäßig festgeschriebene Religionsneutralität des Staates sowie die da durch bedingte Konfrontation des Einzelnen mit konkurrierenden Weltanschauungen. Insbesondere der schon bald einsetzende politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Modernisierungsschub wurde in weiten Teilen des protestantischen Bürgertums im Modus einer umfassenden ›Kulturkrise‹ wahrgenommen, für die der aufklärerische Rationalismus und Liberalismus des 19. Jahrhunderts verantwortlich gemacht wurde. Die Moderne identifizierte man eher als diabolische Bedrohung denn als begrüßenswerten Fort schritt. In einer den Aufbruch scheinbar domestizierenden christlichen Traditionsbindung (göttliche Ordnungen, Wort Gottes) fanden weite Teile des Protestantismus einen neuen vermeintlich sinnstiftenden Zusammenhalt abseits einer demokratischen Verständigung. Unbestritten gilt in der kirchen- ebenso wie in der allgemeingeschichtlichen Historiographie längst, dass die Weimarer Jahre zwischen Kriegsende 1918 und Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in einer genetischen Verschränkung mit den folgenden zwölf NS-Jahren gedeutet werden. Die Weimarer Jahre bilden den historischen ebenso wie den kirchenhistorischen Ermöglichungsgrund für den folgenden Abschnitt der NS-Jahre.

Das Verhältnis von Evangelischer Kirche und Weimarer Republik verlief nicht konstant, sondern entwickelte sich insgesamt sehr unterschiedlich [Wollstein, 7–22]. Nach den ersten Jahren der Erschütterung folgte in der Mitte der zwanziger Jahre die Phase einer respektablen Besinnung. Der Königsberger Kirchentag 1927 kann als Ausdruck eines Kurses kooperativer Loyalität zwischen Staat und evangelischer Kirche gelesen werden. Die Phase der relativen Stabilisierung der Weimarer Republik fand 1929/30 ein plötzliches Ende, als sich die politische Situation im Gefolge der Weltwirtschaftskrise dramatisch zuspitzte und die Schlussphase der Deformation seinen Lauf nahm. Die zerbrechende Demokratie fand einen Reflex in einem Protestantismus, der mehrheitlich die destruierende Entwicklung ebenso eng und fördernd begleitete, wie der »nationale Aufbruch« in der Folge von ihm lautstark mitbegrüßt wurde.

Die katholische Kirche in Deutschland erlebte das Ende des Ersten Weltkriegs ebenfalls als Zäsur, allerdings zeigte sie sich bei Kriegsende von den Krisensymptomen weniger getroffen als der Protestantismus. Der Katholizismus hatte sich mit der Zentrumspartei in den Kulturkampfwirren des 19. Jahrhunderts politisch auf gestellt und sich mit seinem antimodernistischen Rigorismus kulturell gegen den vermeintlichen Zeitgeist in Stellung gebracht. Gegenüber dem Liberalismus und der politischen und gesellschaftlichen Moderne hatte man sich nachhaltig als Gegenkraft formiert. Die zentrale päpstliche Leitung der Weltkirche blieb im Kern stabil. Dazu kam, dass die Konkordatspolitik Pius XI. 1929 in Gestalt der Lateranverträge mit dem italienischen Staat ein erfolgreiches Ende nahm; die Wirkungen strahlten von Rom stabilisierend bis in den deutschen Katholizismus hinein. Überhaupt erhielt der Katholizismus im Laufe der Weimarer Jahre ein neues Gewand. Die »Katholische Aktion« von Laien sowie die dynamische katholische Jugendbewegung, die liturgische Bewegung und die Bibelbewegung und das wieder Fahrt aufnehmende Ordensleben vitalisierten die katholische Kirche zumindest in Ansätzen trotz ihrer starren antimodernistischen Haltung.

Das Ende des Ersten Weltkriegs markierte eine Epochenschwelle, die angesichts der grundlegenden Verschiebung der politischen Koordinaten hin zum parlamentarisch verfassten demokratischen Staat die Kirchen, insbesondere die evangelische, nach innen und außen zu einer umfassenden Neujustierung herausforderte.

2.Politische und gesellschaftliche Herausforderungen

Die große religionsbezogene Herausforderung angesichts der neuen politischen Situation von 1918 war die notwendig gewordene Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Staat. Seit der Reichsgründung 1871 hatten sich ungeachtet des fortdauernden Summepiskopats des Landesherrn Züge einer kirchlichen Eigenständigkeit abgezeichnet. Allerdings war nach dem Ende des landesherrlichen Kirchenregiments die Vorstellung einer konsequenten Trennung nach dem Modell Frankreichs (1905) oder Russlands (1917) dazu geeignet gewesen, den Protestantismus zu verängstigen. In der Weimarer Nationalversammlung wurde über die Trennung von Staat und Kirche leidenschaftlich gerungen. Die Unabhängigen Sozialdemokraten, namentlich der von ihnen gestellte Kultusminister Adolf Hoffmann, forderten eine radikale Trennung nach staats- und vermögensrechtlichen Aspekten und die Degradierung der Kirche in den Status einer privaten Vereinigung. Die am 11. August 1919 verabschiedete Weimarer Reichsverfassung (WRV) fiel zur Erleichterung auf evangelischer Seite deutlich moderater aus. Einerseits hieß es zwar, dass fortan »keine Staatskirche« bestünde, die Kirchen behielten aber den Rang einer Religionsgemeinschaft (WRV §137) [Greschat/Krumwiede, 22–24]. Zudem wurde ihnen der Status öffentlich-rechtlicher Körperschaften zugesprochen, wodurch sie befugt waren, ihre Angelegenheiten selbstständig zu verwalten. Die Verfassung beließ den Kirchen die zentralen Privilegien: das Recht der Steuererhebung, den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an den allgemeinbildenden Schulen sowie das Existenz recht der Theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten. Der liberale Kirchenrechtler Hans von Soden urteilte, die Staatskirche sei nicht verschwunden, sondern nur unsichtbar geworden [Besier, Kirche, 4]. Gleichwohl änderte das nichts an der grundsätzlich distanzierten Einstellung des Mehrheitsprotestantismus gegenüber der Republik. Nur die kleine Gruppe an Einfluss verlierender Liberaler um Ernst Troeltsch, Otto Baumgarten und Adolf von Harnack haben – ähnlich wie unter anderen ideologischen Voraussetzungen ansatzweise die Religiösen Sozialisten – die demokratische Staatsform mit ihren neuzeitlichen Politikkategorien Parlamentarismus und Verfassung, Gewaltenteilung und Menschenrechte schätzen und fördern können.

Ungeachtet der moderaten verfassungsrechtlichen Umformung von einer Staats- zur Volkskirche blieben weite Teile des Protestantismus auch weiterhin auf Distanz zum Weimarer Staat. Das demokratische System galt hier als Produkt liberaler Traditionen der westeuropäisch-atlantischen Gesellschaften und wurde aus einem »deutschen« Selbstverständnis heraus ab gelehnt. Die Vorbehalte gegenüber dem Weimarer Staat machten sich vordergründig explizit an dem ungeliebten Friedensvertrag von Versailles (1919) fest. Er galt als ein vom »Westen« auferlegter »Schandfrieden« und blieb ein Spaltpilz deutscher Politik. Darüber hinaus war die protestantische Neigung zum Nationalismus ein weiterer Faktor, der die Vorbehalte gegenüber der Demokratie stärkte. Seit dem 19. Jahrhundert hatte man die um sich greifende Säkularisierung mit der Nation als Projektionsfläche religiöser Werte kompensiert und diese in der Nationalisierung neu erfahrbar gemacht. Den demokratisch verfassten Staat begriff man als Fehlgeburt aus Kriegsniederlage und Revolution. »National« avancierte zum Kampfbegriff gegen eine demokratieaffine Haltung sowie gegen eine Westorientierung mit liberalen und individualistischen Werten, die man als »politisch« beschrieb. Leitbegriffe wie »politisch« und »national« formatierten Weltbilder, aus denen sich die Handlungsmuster der Zukunft entwickeln ließen [Doering-Manteuffel, 185]. In der national verengten Wahrnehmungsperspektive galt der mit dem Weimarer Staat einhergehende gesellschaftliche und wirtschaftliche Modernisierungsschub als bedrohlich.

Das kirchliche Milieu bot ein Spiegelbild dieser antirepublikanischen Einstellungen. Der 1919 gegründete Evangelische Kirchentag präsentierte sich mit nationalem Pathos in Distanz zum Weimarer Staat. Innerhalb der mehrheitlich deutschnational geprägten Pfarrerschaft stießen Töne dieser Art auf offene Ohren. 80% der Pastoren und evangelischen Pfarrer zählten nach den Erfahrungen mit der Revolution zum rechten Spektrum. Man hat weiten Teilen der evangelischen Pfarrerschaft vor 1933 eine tiefgreifende Demokratieunfähigkeit bescheinigen müssen [Nowak, Kirche, 210–215 u. ö.].

Die neu verfasste Weimarer Gesellschaft bot der evangelischen Kirche Reibungsflächen und forderte sie gleich in mehrfacher Hinsicht heraus. Auch wenn die WRV den Kirchen weiterhin weitgehende Freiheiten beließ, so blieb die verfassungsrechtlich religionsneutrale Gesellschaft für den Protestantismus mit Fremdheitserfahrungen behaftet; zutiefst irritiert kritisierten viele den Weimarer Staat und nicht wenige suchten nach scheinbar politikfreien Nischen. Das galt auch für das von Otto Dibelius ausgerufene »Jahrhundert der Kirche«, es bot das Modell einer kirchlichen Gegenwelt, es konterkarierte den vermeintlich religionslosen Weimarer Staat mit seinen modernen Zügen, gleichzeitig war es aber an ihn und seine säkulare Präsentation gebunden, um die Kirche als Wächterin der Sittlichkeit und als gemeinschaftsspendenden Erlebnisort zur vollen Entfaltung kommen zu lassen [Dibelius, Jahrhundert].

Die Großstadtkultur der »Goldenen Zwanziger Jahre« mit seinen von konservativen Kreisen als aufreizend wahrgenommenen Musik- und Theateraufführungen sowie den aufkommenden Kinos, dem sich ändernden Geschlechterverhältnis, das in einer evangelischen Frauenbewegung – gestärkt durch das nunmehr erreichte Wahlrecht für Frauen – Konturen gewann, dem ausgreifenden Konsum- und Freizeit verhalten wurde mit vermeintlich identifizierten Pluralisierungstendenzen aus Angst vor scheinbar unbändigen Zentrifugalkräften im Protestantismus zu großen Teilen abgelehnt. Die primär maskulin bestimmten gesellschaftlichen Diskurse über Ehe, Sexualreform (Lösung des Konnex’ Sexualität – Ehe; Schwangerschaftsabbruch) und Bevölkerungspolitik (Verhütungsmittel) fanden vor allem in evangelischen Frauenverbänden einen tendenziell konservativen Reflex.

Die von technischen Errungenschaften und neuen Produktionstechniken ausgehende Modernisierung konnte von einer jüngeren Generation von protestantischen Funktionsträgern der nachrückenden Generation, wie etwa den Generalsekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung Hanns Lilje, gerade noch bejaht werden, deren Transformation auf andere Lebensbereiche wurde indes strikt abgelehnt. Harsch deutete man den diagnostizierten umfassenden gesellschaftlichen Rationalisierungsprozess als Grund für die Entlassung des Individuums in seine schlechthinnige Bindungslosigkeit ohne Gemeinschaftsbezug. So unterschiedlich denkende Theologen wie Reinhold Seeberg, Friedrich Brunstäd, Emanuel Hirsch oder selbst Paul Tillich konnten als Ursache für die krisenhaft wahrgenommene Gesellschaft sowie für die Marginalisierung der Religion über ein stimmend das 19. Jahrhundert und die dort entwickelte rationalistische Grundhaltung verantwortlich machen.

Als Gegenmodell zur als dekadent wahrgenommenen Großstadtkultur entdeckten einzelne konservative evangelische Kreise den von den Modernisierungen scheinbar unberührt gebliebenen ländlichen Raum. Die Zivilisationskritik und romantisierende Naturverbundenheit verbanden sich zu einzelnen Initiativen, die einen christlichen Lebensstil im ländlichen Raum anstrebten, dabei nicht selten inspiriert von einem Mythos eines intakten Land- und Familienlebens.

3. Protestantische Präsentationsformen: Kirche, Milieus und Gruppen

Die institutionelle Herausforderung für die evangelische Kirche nach dem Ende des landesherrlichen Kirchenregiments bestand im zeitnahen Aufbau einer kirchlichen Selbstverwaltung. Eine offene Ausgangslage hat es dabei nicht wirklich gegeben. Die den Revolutionsimpuls aufnehmende und aus liberalen Kreisen sowie aus dem freien Protestantismus stammende Volkskirchenbewegung propagierte eine Trennung von Staat und Kirche und setzte auf das sogenannte allgemeine Priestertum aller Gläubigen sowie auf eine einheitliche Kirchenverfassung. Die Initiative blieb eine Episode der Revolutionszeit. Die beharrenden Kräfte in den konservativ-konfessionell agierenden kirchenleitenden Be hör den und Synoden beanspruchten schnell das Neuordnungsmonopol. Dort favorisierte man eine landeskirchlich organisierte Amtskirche. Der Kirchentag in Dresden 1919 erwies sich in diesem konservativen Sinn als zukunftsentscheidend.

Für den 1922 in Wittenberg gegründeten »Deutschen Evangelischen Kirchenbund« (DEKB) blieb infolgedessen das landeskirchliche Territorialprinzip bestimmend. Die Bildung einer Reichskirche war zwar in Aufnahme vormaliger Bemühungen aus dem 19. Jahrhundert diskutiert worden, gleichwohl kam es jetzt noch nicht dazu, erst nach 1933 sollte das Thema unter neuen politischen Vorzeichen auf der Agenda stehen.

Für die Weimarer Zeit indes wurden 28 evangelische Landeskirchen zu einer nur losen Konföderation zusammengeführt. Die Selbständigkeit in Verkündigung, Verfassung und Verwaltung sowie der Bekenntnisstand der Landeskirchen blieben unangetastet. Als Organe des DEKB fungierten der Kirchentag, der Kirchenbundesrat und als Exekutivorgan der Kirchenausschuss, dessen Präsidium jeweils der höchste Beamte (Jurist) der preußischen Kirche vorstand. Der innovative Beitrag in der Geschichte der evangelischen Kirche vollzog sich in dieser Phase nach 1918 auf Länderebene durch die Bildung von Landeskirchenämtern, die fortan administrativ und inhaltlich eigenständig geführt wurden. Wegweisend wurden die nunmehr abgeschlossenen Verträge zwischen einzelnen Landeskirchen und Ländervertretungen, die ein Vorbild für die nach 1945 aufkommenden Staatskirchenverträge ab gaben.

Seit dem 19. Jahrhundert manifestierte sich der Protestantismus neben seiner institutionell verkirchlichten Form im strukturellen Rahmen von Vereinen, die in der Weimarer Zeit in ein dichtes Netz verzweigter Milieus und Gruppenbildungen eingebunden waren.

Die Milieus vereinten protestantische Zeitgenossen, die wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Lebensorientierungen miteinander teilten. Dem konservativ ausgerichteten Milieu fiel im Protestantismus eine Leitfunktion zu. Hier dominierten nationale Einstellungen, die in einer rückwärtsgewandten Zuneigung zur Monarchie, in der Förderung der politischen Rechten sowie in Sympathien für volksmissionarische Bewegungen einen adäquaten Ausdruck fanden. Schwächer ausgeprägt, aber immerhin noch wirksam waren die aus dem 19. Jahrhundert überkommenen liberalen protestantischen Milieus. Traditionell sympathisierte man hier mit dem katholischen Zentrum, dem liberalen Judentum und unterstützte ansatzweise Initiativen gegen den Antisemitismus.

Die außerkirchlichen protestantischen Kräfte manifestierten sich in etlichen sozialen Bewegungen, die sich in der Gesellschaftsdynamik der Weimarer Republik vital entfalten konnten und sich zwecks einer längerfristigen Bestandssicherung vereinsähnliche Ordnungsstrukturen gaben.

Die Jugendbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatte nach dem Ersten Weltkrieg etwas an öffentlicher Wahrnehmbarkeit eingebüßt, gleichwohl blieb ihr prägender Einfluss auch im Bereich des Protestantismus evident. Nicht zuletzt durch die kriegsernüchterte junge Generation bezog sich der Veränderungswille jetzt erst recht auf krisenbedingt verhärtete Institutionen und positiv gewendet engagierte man sich für ein freies, schöpferisches, ›gläubiges‹ Leben des Einzelnen und in der Gemeinschaft. In der Universität sollten ethische Maximen als Handlungsanweisungen das politische Leben bestimmen. Die Deutsche Christliche Studentenvereinigung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts u. a. aus dem Christlichen Verein Junger Männer hervorgegangen war, besann sich wieder auf ihre genuinen Ziele der Mission und Evangelisation. In dieser Ausrichtung wurde man durch die Mitgliedschaft im Christlichen Studentenweltbund bestärkt, dem man beitrat und damit gegen den allgemeinen nationalen Rückzug im Gesamtprotestantismus dieser Jahre ein stark gegenläufiges Zeichen setzte.

Im Zentrum der religiös-sozialen Bewegung stand zunächst die aus der Schweiz kommende Gruppe der Religiösen Sozialisten. Bald nutzten die davon inspirierten Paul Tillich, Emil Fuchs, Günther Dehn und andere die gesellschaftlichen Möglichkeiten des demokratischen Systems für eine Theologie im politischen Gewand. Man projizierte eine biblisch fundierte Ethik in den Gestaltungsraum einer gleichzeitig nach sozialistischen Maßgaben zu entwerfenden Gesellschaft.

Die Freidenkerbewegung er hielt durch die krisenbedingte Bereitschaft zum Kirchenaustritt nach 1918 einen starken Impuls, transportierte die aufklärerische Religions- und Kirchenkritik unter erheblichem Zulauf in die Weimarer Zeit.

Die völkische Bewegung markierte seit der Herausbildung von Rasseideologien nach der Reichsgründung 1871 eine zunehmend heterogene Sammlung von Gruppen und Strömungen, die mehrheitlich einen auf dem Rassegedanken gegründeten Nationalismus anhingen, in ihren nationalistischen, politischen und kulturellen Akzentuierungen in des voneinander abwichen. Im Zuge der Weimarer Republik wurde sie zunehmend vom Nationalsozialismus instrumentalisiert.

Im protestantischen Vereins- und Verbandswesen der Weimarer Jahre setzten sich die theologischen Differenzierungen und konfessionellen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger fort. Mit einer konservativen Ausrichtung sind besonders der Evangelische Bund und der Evangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftung zu nennen, aus der liberalen Tradition der Deutsche Protestantenverein, die Vereinigung der Freude der Christlichen Welt und der Evangelisch-Soziale Kongress.

Dieses differenzierte Spektrum von Milieus, Gruppen und Strömungen bildet das heterogene Erscheinungsbild des Protestantismus in der Weimarer Republik ab. Dabei dominierte das modernitätskritische Profil, die liberalen und sonstigen demokratieaffinen Gruppierungen blieben ins gesamt überschaubar.

4. Reaktion und Reflexion in Theologie und Kultur

Für den Protestantismus lassen sich die Vorbehalte gegenüber dem demokratisch verfassten Weimarer Staat besonders deutlich auf dem Feld der Theologie ablesen. Die militärisch-politischen Ereignisse und die allgemeine Krisenstimmung hatten auch die protestantische Theologie mit Wucht erfasst. Die jetzt entwickelte Dialektische Theologie war der Auf stand einer jungen an Kierkegaard geschulten Theologengenerationgegen ihre liberal-theo logischen Väter. Angesichts des eklatant erfahrenen Widerspruchs zwischen dem kulturprotestantischbürgerlichen Ethos des 19. Jahrhunderts einerseits und den morbiden Trümmerfeldern des Weltkriegs andererseits konnte Friedrich Gogarten den Vertretern der liberalen Theologie mit unversöhnlicher Schärfe zurufen: »Heute sehen wir eure Welt zugrunde gehen« [Gogarten, Zeiten, 96]. Der Aufstand der Jungen stürzte den theologischen Liberalismus vom Sockel. Das war eine theologische Revolution. Was daraus folgte, war mehr als eine Reaktion auf Krieg und Krise, es war so etwas wie eine »Generalrevision des Gottesverständnisses« [Nowak, Geschichte, 213], die Wiederentdeckung der Gottheit Gottes durch die Theologen der Krisis.

Dieses neue theologische Denken entfaltete sich im Einflussbereich der in allen Kulturwissenschaften Raum greifenden vehementen Absetzbewegung vom Historismus, der »antihistoristischen Revolution« [Graf, Revolution]. Liberales Denken verstanden als eine lineare Aufwärtsentwicklunghatte die optimistische Weltbejahung der Aufklärung ins 19. Jahrhundert hinübergetragen. Jetzt sah sich der Historismus dem vehementen Vorwurf eines ethischen Relativismus ausgesetzt, er unterbinde die Geltung absoluter Werte und in theologischer Hinsicht damit die Transzendenz.

Es waren insbesondere die Vertreter der Dialektischen Theologie, die in diesem Zusammenhang einen umfassenden Prozess der Enthistorisierung der Theologie einleiteten. Nicht mehr die Leitkategorie der Linearität und des langfristigen geschichtlichen Wandels war für die jungen Theologen bestimmend, sondern man dachte nunmehr in Kategorien einer Äonenwende. Hier kam ein neues Zeitverständnis zur Geltung [Doehring-Manteuffel, 187–190], nicht die kontinuierliche Entwicklung, sondern die Zeitenwende war bestimmend, in sie hinein ragte die Dimension der Ewigkeit. Verbanden sich das neue Ordnungsdenken und der Zeitfaktor »ewig« miteinander, dann erhielten Werte wie Volk, Rasse, Germanentum und mittelalterlichesHeldentum einen absoluten Wert und sogar Transzendenz (1000-jähriges Reich als ewiges Reich). Darin galt das selbstbestimmt handelnde, vernunft- und gemeinschaftsfähige Individuum als Irrtum der in der Aufklärungstradition stehenden liberalen Theologie und wurde liquidiert. Die Gotteslehre war der Schlüssel, sie fasste man neu. Schon in Rudolf Ottos Werk »Das Heilige« von 1917 war in Abkehr von der rationalisierenden und ethisierenden Religionsauffassung des Liberalismus ein neues Verständnis von Gott als dem »ganz anderen« erkennbar geworden. Nach dem Ende des Krieges war der Blick wieder frei geworden für den absoluten Gott. Der »unendlich qualitative Unterschied« (Kierkegaard) zwischen Mensch und Gott wurde mittels intellektueller Kreativität schließlich offenbarungstheologisch überbrückt. In dem die Dialektische Theologie kein Interesse für die Kategorie der Individualität aufbrachte, konnte sie auch zur demokratischen Staatsform und ihren neuzeitlichen Politikelementen, die auf ein politisch selbstbestimmtes Individuum setzten, keinen Zugang finden. Eine so konzipierte Theologie hatte es infolgedessen schwer, sich in die Moderne der Weimarer Gesellschaft ein zu fügen. Die Frage der Vermittlung zwischen beiden Bereichen jedenfalls blieb unzureichend reflektiert.

Das galt auch für die Ordnungstheologie. Dieses theologische Konzept fügte sich exakt in den gesellschaftlichen und politischen Kontext des Protestantismus der Weimarer Zeit. Diese seit Beginn der 1930er Jahre aufkommende theologische Konzeption speiste sich aus dem Bedürfnis der Stabilisierung der in der Weimarer Republik vermeintlich in der Auflösung begriffenen Welt. Paul Althaus bestimmte die politische Funktion seiner Ordnungstheologie folgendermaßen: »In einer Zeit, die alle Ordnungen in Frage stellte, verkannte, zersetzte, hat die Theologie einen entschlossenen Kampf geführt gegen den individualistischen und kollektivistischen Angriff« [Althaus, Theologie, 42]. Dieses mit dem ersten Glaubensartikel begründete kongruente Verständnis von göttlicher und weltlich-politischer Ordnung ermöglichte die Einbindung nationaler Werte und Ordnungen in das theologische Denken (neben Althaus vor allem Hirsch). Das führte im konservativen Luthertum zu einem überhöhten und moralisierenden Staatsideal, das gewissermaßen den legitimatorischen Übergang vom Abgesang der zerfallenden Weimarer Republik hin zur lautstarken Begrüßung des NS-Staats moderierte.

Die sich scheinbar unter den Zentrifugalkräften der Weimarer Republik auflösende Welt fand im Rekurs auf die verlässlichen Orientierungsmarken der christlichen Tradition einen neuen sinnstiftenden Zusammenhalt. Das galt auch für die sogenannte Lutherrenaissance, die Karl Holl schon seit 1917 mit einer nachdrücklichen Herausstellung der Rechtfertigungslehre Luthers als das systematische Zentrum seiner Theologie eingeleitet und geprägt hatte.

Trotz eines üppigen Reichtums an neuen theologischen Programmen gilt: Der Sinn für das, was die parlamentarisch-demokratische Verfassungsrealität erforderlich machte, war nur schwach ausgeprägt, eine »veritable Theologie der Demokratie sucht man in den zwanziger Jahren vergebens« [Nowak, Protestantismus, 229].

Der gesamte Sektor der Bildung stand nach dem politischen Umbruch von 1918 auf dem Prüfstand. Die strittige Frage nach der Bedeutung der Kirchen im Weimarer Staat betraf auch den konfessionell gebundenen Religionsunterricht (RU). Die christlichen Staatsschulen galten als abgeschafft (WRV §137,1), der nunmehr säkular gefassten staatlichen Schulhoheit waren fortan die ›religiösen Bezüge‹ des schulischen Unterrichts geschuldet. Der zwischen Zentrum und Sozialdemokratie mit Blick auf die WRV erzielte Schulkompromiss sah für alle Bekenntnisse eine gemeinsame Simultanschule vor, wobei die Eltern für ihr Kind zwischen einer konfessionellen oder bekenntnisfreien Schule wählen konnten. Diese Lösung verschaffte dem RU in der Weimarer Republik einen vergleichsweise sicheren Stand.

Das Feld der Religionspädagogik war positionell geteilt. Zunächst wirkten liberale Traditionen weiter und führten zu Konzeptionen, die sich gegenüber Psychologie und liberaler Theologie aufgeschlossen zeigten und das religiöse Subjekt ins Zentrum stellten. Ansätze mit ordnungstheologischen Inhalten rückten dagegen als Bezugspunkte die Kirche oder die Schöpfungsordnungen in den Mittelpunkt. Im Rahmen dieser reflexiven Bemühungen um den RU vollzog sich – noch mangels eines akademischen Raumes für entsprechende Theoriebildungen – ansatzweise die Zusammenführung unterrichtspraktischer Modelle zu einer konsistenten religionspädagogischen Theorie.

Der Bereich der Kultur unterlag nach dem Ende des Kaiserreichs in der protestantischen Theologie einem fundmentalen Bedeutungswandel. Die liberale Theologie hatte den Kulturbegriff ins Zentrum gerückt, was durch die Kriegsereignisse radikal in Frage gestellt wurde, sodass der Begriff nunmehr zum Ziel einer pointierten Kultur- und Religionskritik wurde. Die Dialektische Theologie erlebte den Krieg als Epochenbruch und deutete die Zeit nach 1918 als Krise aller Kultur. Selbst die theologischen Erwägungen Paul Tillichs, mit denen er 1919 eine bloße, reduktionistische Kirchentheologie konfrontierte, waren von einer krisentheoretischen Zeitdiagnose bestimmt.

Das Kulturleben der Weimarer Republik war bestimmt von der »Explosion der Moderne« [Nowak, Geschichte, 205] und zeigte sich – in der Wirkung häufig verstärkt durch die aufkommenden technischen Reproduktionsmedien Rundfunk und Kino – facettenreich und nicht selten innovativ. Die protestantische Wahrnehmung des Kulturangebots fiel auch auf diesem Feld disparat aus. Angetrieben von funktionalen Nützlichkeitserwägungen wurde August Hinderer nach 1918 zur treibenden Kraft einer Neuausrichtung des evangelischen Pressewesens. Konservative protestantische Stimmen waren immer vernehmbar und bedachten die aufkommende Film- und Kinoszenerie aus sittlichen Erwägungen mit harscher Kritik. Die aufblühende Literaturszene bildete bis hin zu ihren herausragenden Protagonisten wie Thomas Mann, Hermann Hesse oder Ricarda Huch den Protestantismus angemessen facettenreich ab. Kunst und Architektur im kirchlichen Bereich nahmen den Pluralismus der Stile und Formen der Weimarer Jahre nur bedingt auf. Otto Bartnings modernes Kirchenbauprogramm markierte eine herausragende Ausnahme. Ganz ähnlich gestaltete sich die Entwicklung der Kirchenmusik, die sich analog zur sonstigen Entwicklung in der evangelischen Kirche eher konventionell gestaltete.

5. Gestaltungsräume: Ökumene und Diakonie

Ein entscheidender Anstoß zur Ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts erfolgte bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit der ersten Weltmissionskonferenz, die 1910 in Edinburgh statt fand. Im Rahmen dieses Zusammentreffens wurden gemeinsame Missionsstrategien für den Gesamtprotestantismus vereinbart. Von hier aus gingen insbesondere durch den gegründeten Internationalen Missionsrat entscheidende Impulse aus, die bis zur späteren Konstituierung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 fortwirkten.

Der Weltkrieg hatte auf die Ökumenische Bewegung eine insgesamt förderliche Wirkung: die Kirchen waren in den kriegsbedingten Bedrängnissen insgesamt näher aneinander gerückt. Neben der Mission begannen nun auch theologische Grundfragen und die Ethik eine größere Rolle zu spielen. Allerdings hatte es die deutsche evangelische Kirche wegen der Schuld, die Deutschland am Ausbruch des Krieges zugeschrieben wurde, nicht leicht, ihren Platz in der neuen weltweiten Kirchengemeinschaft zu finden. Die angelsächsischen und skandinavischen Kirchen leisteten nach dem Ersten Weltkrieg einen signifikant größeren Beitrag zur Ökumenischen Bewegung als die deutsche evangelische Kirche.

Es war der Deutsche Friedrich Siegmund-Schultze, der unmittelbar zu Beginn des Ersten Weltkriegs den Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen mitbegründet hatte. Aus dieser Arbeit entwickelte sich unter Führung des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom die Ökumenische Bewegung für Praktisches Christentum. Die Bewegung vertrat den Anwendungsaspekt christlicher Ethik und war inhaltlich auf die sozialen Probleme des modernen Lebens ausgerichtet. Der DEKB hatte sich von Anfang an diesem Zweig der Ökumene beteiligt. Zur ersten Weltkonferenz für Praktisches Christentum 1925 in Stockholm waren die deutschen Protestanten durch eine offizielle Delegation vertreten. Auch im Namen des DEKB erging die Botschaft von der Stockholmer Konferenz für die Wertschätzung seelischer Werte, für die Bedeutung internationaler Beziehungen und für eine weltweite Reich-Gottes-Arbeit. An der zwei Jahre später stattfindenden Folgekonferenz in Lausanne nahmen erneut deutsche Vertreter teil.

Die Ökumenische Bewegung für Glaube und Kirchenverfassung war aus der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 hervorgegangen, sie hatte eine bekenntnistheologische Ausrichtung. Das Ziel war eine sorgfältige Analyse der theologischen Bekenntnisse, um zu ermitteln, in welchen Punkten zwischen den einzelnen Konfessionen trennende Gegensätze wirkten und auf welcher Basis eine Wiedervereinigung möglich sein könnte. An dieser Konferenz hatte es keine offizielle Beteiligung des DEKB gegeben, denn er hatte in bekenntnistheologischen Fragen keinen Vertretungsanspruch für die deutsche evangelische Kirche, bei der Bekenntnisfragen und die Kirchenverfassung in der Obhut der einzelnen Landeskirchen lagen.

Insgesamt galt für diese zwischenkirchlichen Bemühungen, dass sich die Bedingungen für die ökumenische Arbeit in dem Maße erschwerten, in dem die NS-Herrschaft näher rückte.

In konfessioneller Hinsicht waren in den Weimarer Jahren weiter die lutherischen Kirchen engagiert. In Deutschland war seit 1868 die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenkonferenz auf dem Weg. Entgegen aller kriegsbedingten nationalen Rückzugsbewegungen kam es fünf Jahre nach Kriegsende in Eisenach zum weltweiten Zusammenschluss lutherischer Kirchen im Lutherischen Weltkonvent.

Die Ökumenische Bewegung vollzog sich ohne Beteiligung der katholischen Kirche. Papst Pius XI. hatte seine Kirche 1928 in der Enzyklika »Mortalium animos« auf einen anderen Kurs der Ökumene verpflichtet: »Rückkehr aller getrennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi« [Greschat/Krumwiede, 58–60], die freilich allein im Vatikan ihr Zentrum hatte. Ungeachtet punktueller Annäherungen auf pfarramtsbezogener Ebene zwischen evangelischer und katholischer Kirche kam es zu einer engeren Form ökumenischer Verbundenheit erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich beiden Großkirchen in etwa die gleichen kriegsbedingten Aufgaben stellten.

Die christliche Liebestätigkeit, die in Bezug auf das Dienen bzw. Helfen seit urchristlicher Zeit unter dem Begriff der Diakonie subsummiert wurde und im 19. Jahrhundert mit dem neu geschaffenen Synonym als Innere Mission (IM) bezeichnet wurde, erlebte mit dem Ersten Weltkrieg eine grundlegende Zäsur. Die freien Träger waren kriegsbedingt überfordert, die gewährte staatliche Hilfe manifestierte einen öffentlichen Einfluss auf die Wohlfahrtspflege, aus dem langfristig das »duale System« des deutschen Sozialstaats hervorging. Zudem bot die verfassungsrechtlich offene Situation nach Kriegsende die Möglichkeit, christlich-soziale Ideen in den neuen Kirchenverfassungen zu verankern.

Die IM expandierte, in diesem Zusammenhang gab sich der Centralausschuss für IM 1921 eine neue, an die veränderten Bedingungen angepasste Ordnung, die den Weg für die Entwicklung zum Spitzenverband frei machte. Der umfassende Strukturwandel in der IM fand einen adäquaten Ausdruck in der Betheler Botschaft von 1924, die als soziale Kundgebung ohne parteipolitische Berührungsängste und in Abkehr einer monoperspektivischen Staatsfixierung sich erstmals dem Wohl des Volksganzen verschrieb. Erst die finanziell und personell reduktionistischen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise schwächten den Sektor der Diakonie nachhaltig und gaben der IM zu Beginn der NS-Zeit keine günstige Ausgangssituation.

6. Protestantismus und Antisemitismus

Für die deutschen Juden in der Weimarer Republik hatten sich bereits in der Kaiserzeit wegweisende, dabei ambivalente Entwicklungen ergeben. Einerseits galten sie seit 1871 nach der Reichsverfassung als gleichberechtigte Bürger, die jüdischen Gemeinden blühten auf und zahlreiche Synagogen wurden neu gebaut. Andererseits nahm der gesellschaftlich verbreitete Antisemitismus zu. Der Historiker Heinrich von Treitschke (Antisemitismusstreit) und der Berliner Hof- und Domprediger mit politischen Ambitionen Adolf Stoecker standen exemplarisch für einen Antisemitismus, der sich gesellschaftlich bis weit in akademische und kirchliche Kreise ausbreitete.