Cornelia Füllkrug-Weitzel
(Hrsg.)

Klima

geht uns alle an

GEDANKEN ZUR LAGE
DER SCHÖPFUNG

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Coverillustration: Francesco Ciccolella

Gesamtgestaltung: Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH ⋅ Frankfurt am Main,

Cover: Ellina Hartlaub, Innenlayout: Lisa Fernges

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-96038-221-8

www.eva-leipzig.de

Für Florian Benedikt

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Klima geht uns alle an! Vorwort

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Gemeinsinn über Egoismus Warum Klimaschutz kein Verzichtsthema ist

Interview mit Sven Plöger

Blockaden können wir uns nicht mehr leisten Die Klimakrise verschärft sich, die Zeit wird knapp, die Politik ist zu langsam

Bärbel Höhn

Freiheit zur Begrenzung Verantwortung der Kirche für den Klimaschutz und die Nachhaltigkeit

Heinrich Bedford-Strohm

Klimaneutralität und ein gutes Leben für alle sind möglich Die Nordkirche zeigt mit ihrem Klimaschutzgesetz und vielen kreativen Ideen, wie es gehen kann

Interview mit Jan Christensen, Ulrike Eder und Judith Meyer-Kahrs

Warum wir die globalen Emissionen halbieren müssen Über das Risiko unaufhaltsamer Erwärmung und Maßnahmen, diese zu begrenzen

Interview mit Johan Rockström

Das Klima erfolgreich schützen Gerechtigkeitsfragen und die Rolle der Städte

Dirk Messner und Marian Feist

Wir leben auf einer endlichen Erde Der anglikanische Erzbischof von Kapstadt mahnt zu mehr Klimagerechtigkeit

Interview mit Thabo Makgoba

Die Klimakrise ist schon da Eine Reisereportage aus Bangladesch

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Wenn Tuvalu sicher ist, dann ist die Welt sicher Eine Reisereportage aus dem südpazifischen Inselstaat Tuvalu

Sabine Minninger

Klimawandel verschärft Hunger Eine Reisereportage aus Äthiopien

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Eure Emissionen rauben uns die Zukunft! Eine Reisereportage aus El Salvador

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Das Meer ist der Garten hinter meinem Haus Die Bedrohung der Marshallinseln durch die Folgen des Klimawandels

Selina Leem

Unsere Zukunft wird für kurzfristige Interessen geopfert Zwei Schüler aus Berlin erzählen, warum ihnen die Klimademonstrationen so am Herzen liegen

Benjamin Dörfel und Laurens Heintze

Die Welt retten? Das können wir jungen Leute nicht alleine Ein Gespräch darüber, was es braucht, den Wandel anzustoßen

Interview mit Luisa Neubauer

Wie wir uns wandeln können Praktische Tipps für ein klimaneutrales Leben

Friederike Meier und Susanne Schwarz

Befreiung von Gottes Geschöpfen Eine Klima-Predigt

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Wie aus dem sinkenden Boot eine rettende Arche werden kann Nachwort

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Dank

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Klima

geht uns alle an!

VORWORT

Cornelia Füllkrug-Weitzel

(geboren 1955) ist Präsidentin von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Die evangelische Pfarrerin und Politologin arbeitete an der Universität als Frauen- und Menschenrechtsreferentin und in der politischen Bildungsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie war Vorsitzende von ACT Alliance, dem weltweiten Netzwerk von Kirchen für Entwicklung und humanitäre Hilfe. Die Themen Klimawandel und Klimagerechtigkeit begleiten Füllkrug-Weitzel seit vielen Jahren. Sie ist Unterstützerin des ökumenischen Klimapilgerwegs und nimmt regelmäßig an nationalen und internationalen Veranstaltungen teil, u.a. der Klimakonferenz 2015 in Paris und dem Sonderklimagipfel 2019 in New York.

Ich schreibe dieses Buch in der festen Überzeugung, dass die Eindämmung des Klimawandels in unserer Generation eine Schicksalsfrage der Menschheit ist. Ich gehöre zu den Menschen, die „postfaktischen“ Verdummungsstrategien keine Chance einräumen. Ich bin sicher, dass die Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnisse ihre Überzeugungskraft entfalten können. Das wird insbesondere gelingen, wenn die Klimakrise ein Gesicht bekommt, etwa durch die Erzählung von Menschen, die mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben und nicht aufgeben, Strategien zum Weiterleben zu entwickeln. Das gelingt auch, wenn wir nicht Ohnmachtsgefühle produzieren, sondern aufzeigen, welche Optionen wir haben, die notwendige Wende unseres Wirtschafts- und Lebensstils herbeizuführen. Wir sollten begehbare Wege aus der Klimakrise heraus aufzeigen, die Menschen ermutigen und bestärken, das vermeintliche Schicksal abzuwenden. Nicht minder wichtig ist es mir, aufzuzeigen, worin die Chancen und Zugewinne im eigenen Leben liegen, wenn wir klimaneutral zu leben versuchen und welche Kosten zur Schadensbegrenzung und Bewältigung gespart werden könnten. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen eine eindeutige Sprache: Wir haben noch zehn Jahre, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Nicht mehr. Aber wir haben diese zehn Jahre – nicht weniger. Und das gibt uns Hoffnung und den klaren Auftrag, sie zu nutzen.

Millionen junge Menschen haben den Ernst der Lage begriffen. Und sie haben unsere Mut- und Tatenlosigkeit satt. Immer freitags und inzwischen rund um den Erdball gehen sie auf die Straße, um uns aufzurütteln, endlich entschiedene und verbindliche klimapolitische Schritte zu unternehmen. Sie haben genug von Jahrzehnten, in denen Klimapolitik von Regierenden bestenfalls als politischer PR-Gag inszeniert wurde, sie aber nicht auf die harten Transformationserfordernisse eingehen wollten. Sie akzeptieren nicht länger, dass Jahr um Jahr die Fieberkurve der Erde gefährlich hochgetrieben wird, weil Politiker den Verlust der Wählergunst gefährlicher finden und es deshalb zum Beispiel mindestens seit einem Jahrzehnt unterlassen, die notwendigen Schritte zum sozial verträglichen Umbau der Kohlereviere zu ergreifen und dafür zu werben. Ein sinnlos verlorenes Jahrzehnt. Sogar für die Politiker, die ihre Mehrheit trotzdem nicht sichern konnten.

Die jungen Leute halten uns den Spiegel vor und haben Recht damit. Ich habe meinen Sohn Florian Benedikt viel zu früh verloren. Aber ich weiß: Er wäre einer von ihnen gewesen. Deshalb widme ich ihm dieses Buch. Der Optimismus, den wir geteilt haben, wurzelt im christlichen Glauben und der festen Überzeugung, dass es kein unabwendbares Schicksal gibt – auch nicht bezüglich des Klimawandels. Wir können ihn stoppen – wenn wir innehalten und umkehren zurück ins Leben, wie es die Evangelische Kirche in Deutschland schon 2009 formuliert hat.

Ich werde keine Enkelkinder haben. Aber das muss man auch nicht, um sich für die Lebensrechte der kommenden Generationen verantwortlich zu fühlen. Ich habe als Präsidentin von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe das Privileg, in viele Länder zu reisen und – anders als Touristen – die harten Realitäten kennenzulernen, denen die örtliche Bevölkerung ausgesetzt ist. Unter meinen Reisezielen waren auch viele Regionen, die schon seit Jahren massiv unter dem Klimawandel zu leiden haben. Und ich hatte in den Vertretern unserer Partnerorganisationen vor Ort stets hochgradig und langjährig erfahrene Experten, die mir und meinen Mitarbeitenden helfen, die komplexen und tiefgehenden sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Veränderungen zu verstehen, die der Klimawandel ihnen abverlangt – und auch für uns bedeuten würde, wenn wir es soweit kommen lassen. Wir haben die Folgen des Klimawandels bisher ignorieren können, weil wir damit – wieder mal – einseitig die Armen im Globalen Süden belastet haben. Entwicklungserfolge der letzten Jahrzehnte wurden zerstört. Der Klimawandel ist gegenwärtig der größte Armutstreiber. Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe verwenden einen Teil öffentlicher Mittel und der uns anvertrauten Spenden dafür, zu reparieren, was von uns nie hätte kaputt gemacht werden dürfen. Weit weg haben wir die kostspieligen Folgen des Klimawandels ausgelagert. Als Präsidentin zweier Hilfswerke fühle ich eine große Verantwortung dafür, die Lösung der Probleme da anzupacken, wo sie verursacht werden: bei uns. Warum Leiden und hohe Kosten produzieren, wenn es so viel billiger und verantwortlicher wäre, bei uns die Hebel umzulegen? Viele Menschen sagen mir immer wieder, sie wollen nicht bloß für die Armen in Entwicklungsländern spenden, sondern sich persönlich engagieren. Das können sie! Ich möchte Sie dringend aufrufen und anregen, einen persönlichen Einsatz zu leisten, indem Sie ihren Lebenswandel und ihre Konsummuster überdenken und sich politisch einmischen an der Seite der jungen Leute.

Wenn ich in diesem Buch über Begegnungen mit Menschen in Äthiopien, Bangladesch und El Salvador berichte oder unsere Klimareferentin, Sabine Minninger, von ihren Begegnungen im Pazifik, dann nicht nur, um mit Hilfe einer Art Zoom heranzuholen und sichtbar zu machen, was wir mit unseren übermäßigen CO2-Emissionen anrichten. Vom Kampf der betroffenen Bevölkerung und unserer Partnerorganisationen in Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Pazifik gegen die Folgen des Klimawandels geht auch große Ermutigung aus und wir dürfen davon praktisch, aber auch spirituell lernen.

Hinzu kommen in diesem Buch viele Gespräche mit Persönlichkeiten und Experten wie dem Leiter des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung, Professor Johan Rockstöm, der sich seit Jahrzehnten mit dem Klimawandel befasst, dem Meteorologen Sven Plöger, der uns das Wettergeschehen in der Tagesschau vermittelt, oder dem Erzbischof von Kapstadt, Thabo Makgoba, der dem Klimawandel tagtäglich im südlichen Afrika begegnet. Ihnen allen möchte ich danken, weil sie dazu beigetragen haben, mir und hoffentlich auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vertiefte Einblicke in den Klimawandel zu vermitteln.

Dieses Buch wäre nicht vollständig ohne die vielen weiteren Beiträge, unter anderem von Bärbel Höhn, die auf eine lange Karriere in der Klimapolitik zurückblickt und heute die Energiewende-Erfahrungen Deutschlands in Afrika vermittelt. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes und Marian Feist, der an der Universität der Vereinten Nationen zu den Zusammenhängen von Umwelt und menschlicher Sicherheit arbeitet, zeigen auf, wie sehr Gerechtigkeit, nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz zusammenhängen. Jan Christensen, Ulrike Eder und Judith Meyer-Kahrs berichten von den ermutigenden Erfahrungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, die einen Fahrplan zur vollständigen Dekarbonisierung bis 2050 beschlossen hat. Freiheit zur Begrenzung – die Verantwortung der Kirche für Klimaschutz diskutiert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche von Deutschland und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Sie alle beleuchten den Klimawandel aus unterschiedlichen Perspektiven. Aber ganz gleich ob wissenschaftlich, politisch oder theologisch begründet – sie eint der drängende Appell für massive Veränderungen in unserer Lebens- und Wirtschaftsweise, damit uns eine gute Zukunft bleibt. Auch Angela Merkel spricht vom disruptiven Wandel, den wir benötigen, um den Klimawandel zu bewältigen. Disruptiv steht für Technologiebrüche und umwälzende Veränderungen. Ich stimme dem zu. Wir stehen am Scheideweg. Ohne die Bereitschaft zu schnellen und großen Veränderungen berauben wir nachfolgende Generationen und unsere Mitwelt in verantwortungsloser Weise ihrer Lebenschancen.

Es stimmt mich deshalb froh, dass ich auch junge Erwachsene aus Deutschland und von den Marshall-Inseln habe gewinnen können, ebenfalls zu diesem Buch beizutragen. So zum Beispiel Luisa Neubauer, Geografie-Studentin und prominente Stimme der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland, und Selina Leem, junge Aktivistin aus dem Pazifik. Was sie zu sagen haben, verdient es fürwahr, gelesen zu werden. Welch eine Vitalität, mit der sie sich dem Klimawandel stellen und uns zugleich herausfordern! Lassen Sie uns diese Herausforderung gemeinsam annehmen! Noch können wir umsteuern – wenn wir gemeinsam handeln!

Als das Pariser Klimaabkommen 2015 nach langen und schwierigen internationalen Verhandlungen angenommen wurde, gab es einen Moment globaler Euphorie, endlich die richtigen Schritte zu unternehmen. Doch spätestens seit der Ankündigung der USA, das Abkommen zu verlassen, und verstärkt noch durch Deutschlands zögerliches Handeln, die Verstromung von Kohle zu beenden, schien sich wieder Mutlosigkeit breitzumachen. Nun aber bricht sich ein gesellschaftlicher Stimmungswandel Bahn, scheint die Stimmung zugunsten einer aktiven Klimaschutzpolitik zu kippen. Mindestens ein Kipppunkt sind die Freitagsstreiks der Schülerinnen und Schüler. Vorbereitet und nun auch verstärkt wurde der gesellschaftliche Wandel nicht allein, aber auch nicht zuletzt durch die beiden großen Kirchen. Schon seit dem Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in den Achtzigern haben sie unermüdlich den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung in den Vordergrund gestellt. Der Deutsche Evangelische Kirchentag im Juni 2019 war ein einziger flammender Appell, endlich mutiger zu handeln! Genährt wird der Stimmungswandel von immer mehr Wetterextremen auch bei uns, die selbst dem größten Ignoranten signalisieren: Tatsächlich, der Klimawandel geht uns alle an – nicht nur irgendwelche Insulaner im Pazifik! Und ermutigt wird der gesellschaftliche „Klimawandel“ schließlich durch die vielen guten Beispiele, die zeigen, dass Klimaschutz, Wohlstand und Wohlbefinden sich nicht ausschließen, sondern – ganz im Gegenteil – sich bedingen.

Von all diesem handelt dieses Buch, mit dem ich Sie mitnehmen möchte auf eine Reise in eine klimafreundliche Zukunft. Nicht Mutlosigkeit, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für unsere eine Welt, sollte uns dabei leiten, die Herausforderung der Klimakrise anzunehmen und als Chance auf ein besseres Leben zu begreifen. Mir gibt mein Glaube Kraft und die Zuversicht, dass uns das gelingt. Christen sind Hoffnungsmenschen!

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Interview mit Sven Plöger

Gemeinsinn
über Egoismus

WARUM KLIMASCHUTZ
KEIN VERZICHTSTHEMA IST

Sven Plöger (geboren 1967) ist Meteorologe und Moderator. Im Jahr 1999 moderierte er seine erste Wettersendung in der ARD und ist bis heute regelmäßig vor der Tagesschau zu sehen. Daneben produziert Plöger TV-Dokumentationen, schreibt Bücher und ist auf Vortragsreisen in Deutschland unterwegs.

Wann ist der Klimawandel für Sie erstmals zum Thema geworden? Gab es dafür einen Auslöser?

Sven Plöger: Auslöser war der Sturm Lothar mit seinen schweren Schäden vor allem im Schwarzwald im Jahr 1999. Da habe ich angefangen, mich intensiver mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich relativ kurze Zeit vor dem Sturm zu meiner Frau sagte: „Irgendwas stimmt nicht beim Wetter. Die Hochs und die Tiefs, die bleiben ständig stehen. Die ziehen langsamer ab.“ Und dann kam Lothar, ein Sturm, bei dem ich die Spitzen-Windböe von 180 Kilometern pro Stunde selbst erlebt habe und dabei zusehen musste, wie ein Drittel des Waldes auf dem Berg, an dem wir arbeiteten, umgestürzt ist. Natürlich war Lothar ein Wetterereignis, aber mir stellte sich die Frage, wie sich Wetterereignisse aller Art verändern, wenn es auf der Erde immer schneller immer wärmer wird. In diesem Moment wurde der Klimawandel für mich von etwas Abstraktem zu einem sehr stark empfundenen Gefühl. Da kam mir auch der Gedanke, dass Stürme, die sich durch unseren Einfluss aufs Klima verändern, uns Menschen zu Opfern unserer eigenen Taten machen.

Wie funktioniert der Klimawandel? Was sind die wichtigen Dinge, die man wissen muss?

Es gibt einen Treibhauseffekt, das heißt es gibt Gase, die in die Atmosphäre gelangen und diese erwärmen. Das passiert dadurch, dass diese Gase zwar durch die kurzwellige Sonnenstrahlung in die Atmosphäre eintreten, die langwellige Strahlung des von der Erde reflektierten Lichtes sie aber nicht völlig ungehindert austreten lässt. Das ist von Natur aus zunächst mal gut. Hätten wir keine Treibhausgase, wäre die Erde mit einer mittleren Jahrestemperatur von minus 18 Grad unbewohnbar. An diesem Treibhauseffekt sind verschiedene Gase beteiligt: Allen voran der Wasserdampf, dann das bekannte Kohlendioxid, aber auch Methan, Lachgas und viele weitere Spurengase. Nachdem die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre über viele Jahrtausende hinweg ziemlich stabil war, bringen wir Menschen seit der Industrialisierung immer mehr dieser Gase in die Atmosphäre ein und erwärmen sie zusätzlich. Wie begrenzt unsere Erfolge im Klimaschutz bislang sind, sieht man daran, dass die globalen Emissionen Jahr für Jahr noch immer steigen. Über 40 Milliarden Tonnen sind das jährlich, und viele dieser Gase bleiben für 50 bis 100 Jahre in der Atmosphäre wirksam.

Man spricht ja immer von globaler Erwärmung. Ist das denn überhaupt messbar?

Das Wetter ist etwas sehr Wechselhaftes, das an jedem Ort anders ist. Aber aus verschiedenen Parametern, also etwa Temperatur oder Niederschlag, können wir natürlich einen Mittelwert bilden und über einen längeren Zeitraum schauen, ob sich dieser in eine bestimmte Richtung verändert oder nicht. Wie ermitteln also einen langfristigen Trend. Dafür betrachten wir den Verlauf des Wetters an einem Ort über 30 Jahre hinweg. Das muss man nicht nur auf einen Ort beschränken, sondern kann das Flächenmittel über den gesamten Globus bilden. Trend und tägliches Geschehen können auch mal gegeneinander laufen. Das ist überhaupt kein Widerspruch. Aber wir sehen bei der Temperatur eine sich deutlich beschleunigende Erwärmung. Gegenüber dem langjährigen Mittel der Jahre 1951 bis 1980 haben wir eine erkennbare Erwärmung, und wenn wir die letzten 100 Jahre anschauen, dann stellen wir fest, dass es im globalen Mittel fast ein Grad wärmer geworden ist.

Jetzt könnte man einwerfen: „Ein Grad, das ist nicht viel!“ Das ist aber falsch. Richtig ist, dass unheimlich viel passieren muss, damit sich die globale Mitteltemperatur um ein Grad erhöht. Das heißt, ein Grad ist eine erhebliche Veränderung. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: In der letzten Eiszeit, in der das Klima bei uns ja ganz anders war, mit Eisbergen bis nach Norddeutschland und den Alpen als einer einzigen Eismasse vergleichbar mit Grönland heute, da war es im globalen Mittel gerade einmal vier Grad kälter als heute. Vier Grad. Das heißt, unser Planet hat sich um vier Grad in den 11.000 Jahren seit der letzten Eiszeit erwärmt und davon wiederum um ein Grad in den letzten 100 Jahren. Daran sieht man, wie massiv wir die Erwärmung beschleunigt haben.

Welche Folgen hat die Erwärmung denn für unser Wettergeschehen?

In einer wärmeren Atmosphäre steckt prinzipiell mehr Energie, die freigesetzt werden kann. Insbesondere kann sie mehr Wasserdampf aufnehmen und damit kann auch mehr kondensieren und wieder als Regen oder Starkregen herausfallen. Außerdem ist die Erwärmung in verschiedenen Regionen unterschiedlich stark und so ändern sich auch die Strömungen, konkret die sogenannte Zirkulation der Atmosphäre und damit eben auch unser tägliches und fühlbares Wettergeschehen. Nehmen wir als Beispiel den Sommer 2018. Wochenlang lag ein Hoch über der Mitte Europas und reichte hinauf nach Skandinavien. Doch warum zog es nicht weiter? Um das zu erklären, müssen wir uns gedanklich mal in den hohen Norden, in die Polarregion begeben. Dort sehen wir, wie sich das arktische Eis wahnsinnig schnell zurückzieht. Das ist aber für unser Wetter von zentraler Bedeutung: Der Rückzug des arktischen Eises führt zu einer übermäßigen Erwärmung in den polaren Breiten. Das sind dort mancherorts bis zu zwei Grad innerhalb von nur zwanzig Jahren! Weil damit das Temperaturgefälle zwischen den Polen und dem Äquator abnimmt, wird die globale Wärmepumpe, die diese Temperaturunterschiede ausgleichen will, verlangsamt. Sichtbar ist diese Wärmepumpe als sogenannter Jetstream, einem Starkwindband in rund 10 Kilometern Höhe. Schwächt sich dieses im Mittel ab, so wandern auch unsere Hochs und Tiefs langsamer, denn auch beim Wetter wird „oben“ bestimmt, was „unten“ geschieht. Manchmal – wie im Sommer 2018 – bleibt ein Hoch, manchmal aber auch ein Tief sogar wochenlang stehen, ihm fehlt praktisch der Antrieb. Ich nenne das „Standwetter“ in Anlehnung an den Begriff „Standfußball“. Kurz zusammengefasst: Je mehr wir das arktische Eis abschmelzen, desto stärker wird sich der Jetstream verlangsamen.

„Die Klimaveränderungen treten in der Realität schneller ein, als vorhergesagt“

Wie sehr besorgt Sie das?

Sehr. Wenn ich mir die Klimatrends anschaue und sie mit den Prognosen aus Klimamodellen vergleiche, dann stelle ich fest, dass die Klimaveränderungen in der Realität schneller eintreten, als vorhergesagt. Gleichzeitig erleben wir die schrecklichen Folgen von Extremwetterereignissen, die ja nicht nur hohe Sachschäden verursachen, sondern auch Leib und Leben bedrohen. Ich denke da zum Beispiel an die beiden schlimmen Wirbelstürme im Frühjahr 2019 in Mosambik. Natürlich gibt es immer mal wieder Wirbelstürme, aber deren Wahrscheinlichkeit und ihr Ausmaß nehmen einfach drastisch zu. Neben dem steigenden Risiko von Extremwetterereignissen gibt es aber gleichzeitig auch noch die langfristige Gefahr der kompletten Veränderung unserer Lebensgrundlagen. Das gilt für ganz viele Regionen, aber insbesondere die Entwicklungsländer, die aufgrund ihrer tropischen Lage nicht nur stärkeren Wetterextremen ausgesetzt sind, sondern auch nicht über die finanziellen und technischen Möglichkeiten der Klimaanpassung verfügen wie wir. Mich besorgt die Langsamkeit mit der wir als menschliche Gesellschaft auf den Klimawandel reagieren. Mich besorgt die Langsamkeit der Politik. Und mich besorgt manchmal auch meine eigene Langsamkeit. Ich finde es falsch, dass in der Klima-Debatte der kurzfristige Verzicht so viel Raum einnimmt. Viel wichtiger ist es doch, die Chancen zu sehen, die wir haben, wenn wir die Dinge verändern und uns dann klar machen, worauf wir alles verzichten müssten, wenn wir jetzt nicht schnell handeln, um die schlimmen Folgen des Klimawandels noch zu vermeiden.

Derzeit gehen vielerorts Schülerinnen und Schüler freitags auf die Straßen und demonstrieren für Klimaschutz. Was sagen Sie, wenn Sie ihnen begegnen?

Ich bin einigen begegnet und bekomme auch viele Mails von jungen Menschen. Ich bin schwer beeindruckt. Das Thema bewegt sie, weil sie spüren, dass die Dinge nicht so sind, wie sie eigentlich sein müssten. In Greta Thunberg haben sie eine Leitfigur und über die sozialen Medien verbreitet sich eine solche Bewegung viel schneller als früher.

Der freitägliche Schulstreik ist meiner Meinung nach absolut richtig. Nur das schafft die nötige Aufmerksamkeit. Arbeitnehmer streiken ja auch nicht in ihrer Freizeit. Irritierend ist, dass in den Medien immer zuerst die Frage gestellt wird, ob das denn ginge, freitags zu streiken. Nie ist die erste Frage: „Was besorgt euch und was fordert ihr?“ Die Schülerinnen und Schüler haben ja recht! Und wenn ich dann solche Sprüche höre wie „Überlasst das den Profis“, dann ist meine Antwort natürlich: „Liebe Jugendliche, ihr habt gesehen, wie die Profis das gemacht haben in den letzten Jahren und was dabei rauskommt. Wenn ihr mehr wollt, geht auf die Straße.“

Und sie wissen ja auch, dass sie die Folgen des Klimawandels noch viel stärker und vor allem auch länger zu spüren bekommen als wir. Wir erleben schon heute bei einem Temperaturanstieg von gerade mal einem Grad so viele Veränderungen. Stellen wir uns das doch mal bei einem Anstieg auf zwei Grad vor! Das ist das, was wir mit dem Pariser Klimaabkommen einhalten wollen, aber möglicherweise gar nicht schaffen, weil wir viel zu wenig tun. Was würde passieren, wenn wir bei drei oder vier Grad Erwärmung rauskommen? Angesichts unserer Inkonsequenz braucht es eine so glaubwürdige Persönlichkeit wie die des schwedischen Mädchens Greta Thunberg, um uns aufzurütteln. Die sagt nämlich nicht, was zu tun wäre, aber gerade aus welchen Gründen auch immer nicht geht. Sie fordert ein, was zu tun ist. Das ist glaubwürdig und wir sollten im Grunde alle viel mehr so sein, wie sie ist.

Aber nicht nur die junge Generation reagiert, sondern auch bei den älteren Generationen bekommt das Thema immer mehr Bedeutung. Das hat die Europawahl Ende Mai 2019 eindrücklich gezeigt.

„Der freitägliche Schulstreik ist meiner Meinung nach absolut richtig“

Sie haben die Profis angesprochen, das heißt diejenigen, die Klimapolitik machen. Neben der Politik sind es ja auch die Klimawissenschaftler, die seriöse Grundlagen bereitstellen müssen. Wie beurteilen Sie deren Beitrag zu der aktuellen Debatte um den Klimawandel?

Zunächst ist die Aufgabe der Wissenschaft, zu forschen und Wissen zu mehren, damit wir komplexe Zusammenhänge besser verstehen. Jetzt ist der Klimawandel aber gesellschaftlich höchst relevant. Das ist ein ganz anderes Thema, als wenn ich mich als Wissenschaftler etwa mit der Sehfähigkeit von Fliegen auseinandersetze. Dadurch gerät die Wissenschaft zwangsläufig hinein in die politische Debatte. Das ist keine einfache Rolle, denn da muss ich als Wissenschaftler einerseits objektiv bleiben, aber andererseits als verantwortungsbewusster Bürger auch eine politische Haltung einnehmen.

Ganz wichtig erscheint mir, dass die Klimawissenschaft klar Stellung bezieht gegen Unwahrheiten, Verdrehungen oder Verfälschungen von Tatsachen. Gegen so etwas muss sich die Wissenschaft Gehör verschaffen. Sie darf sich nicht durch Killerphrasen immer wieder in die sich rechtfertigende Defensive drängen lassen. Sie muss vielmehr die sachliche Debatte bestimmen, denn eine undifferenzierte Sichtweise hilft niemandem. Die Wissenschaft muss aus meiner Sicht aber auch lernen, besser zu erklären. Das ist eine Rolle, in der ich auch uns Wettermoderatoren sehe: Wir müssen die Dinge anschaulich vermitteln, so dass die Menschen sie verstehen.

Und ich sehe eine Verantwortung der Medien: Leider schafft eine Handvoll Klimaskeptiker immer wieder den Weg in die Medien, indem sie populistische Argumente vortragen, die seit 40 Jahren widerlegt sind. Natürlich haben die Medien eine Verantwortung, auch über kontroverse Positionen zu berichten. Aber das muss auch Grenzen haben, indem Thesen, die längst widerlegt sind, nicht immer wieder einen solchen Raum eingeräumt bekommen. Hinzu kommt, dass Populisten mit ihren zwar falschen aber einfachen Aussagen relativ leicht Zuspruch bekommen, wenn ein Thema sehr kompliziert ist. Wenn etwa ein Klimaskeptiker die Frage in den Raum wirft, wie 0,04 Prozent Kohlendioxid in der Atmosphäre einen so riesigen Klimawandel auslösen können, dann sagen sich natürlich viele Menschen, dass das wirklich eine sehr geringe CO2-Konzentration ist. Und wenn dann ein Wissenschaftler mit einer langen Erklärung antwortet, weil er der Komplexität der Dinge gerecht werden möchte, dann mag sich so mancher Zuhörer sagen: „Der Skeptiker, der hat recht.“ Hat er aber nicht, denn es geht nicht um die Menge, sondern um die physikalische oder chemische Wirkung. Das kann man schön am rein vom Menschen verursachten Ozonloch sehen. Die Konzentration des dafür verantwortlichen FCKW ist eine Millionen mal geringer als die des Kohlendioxids und dafür ist das Ozonloch ganz schön groß.

Klimawissenschaft darf sich nicht so leicht am Nasenring vorführen lassen. Sie muss klar Stellung beziehen und insgesamt politischer werden. Ein solches Zeichen haben die 26.000 Wissenschaftler gesetzt, die in Reaktion auf die Fridays-for-Future-Schülerbewegung eine Erklärung unterschrieben haben als Scientists for Future. Ich habe auch unterschrieben, um die Schüler inhaltlich zu unterstützen und ein klares Zeichen gegenüber Politik und Gesellschaft zu setzen.

Sie halten Vorträge, bekommen Zuschriften und der Klimawandel begleitet Sie seit 20 Jahren. Spüren Sie eine Veränderung in der Reaktion der Menschen auf den Klimawandel?

Es gibt einen Einstellungswandel, der lange Zeit gedauert hat. Das ist so ähnlich wie beim Rauchen. Anders als vor fünfundzwanzig Jahren ist es heute eine Selbstverständlichkeit, dass man nicht mehr in einer Kneipe raucht. Die Gesellschaft hat sich umgestellt. So ist das auch beim Klimawandel. Veränderung beginnt in den Köpfen und führt dann zu verändertem Handeln. Mit diesem zweiten Schritt fangen wir gerade an. Was ist der Auslöser? Ich glaube, es beginnt damit, dass man selbst wahrnimmt, wie einem das Wetter suspekt wird. Damit wächst dann die Sorge, etwa vor Extremwetter. Und dann spielt bei Eltern und Großeltern sicher auch eine Rolle, dass sie sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel machen. Die Jugendlichen selbst machen sich diese Sorgen ja auch.

„Klimaschutz kann Spaß machen und sich auch finanziell lohnen“

Warum handelt die Politik dennoch so langsam?

Ich stelle fest, dass für viele Politiker Klimaschutz noch immer als Verzichtthema wahrgenommen wird, mit dem sie glauben, bei den Wählern nicht punkten zu können. Natürlich ist Klimapolitik kein leichtes Thema und es geht auch nicht ganz ohne Verzicht. Aber darüber hinaus sollten die spannenden Dinge beim Klimaschutz deutlicher gemacht werden. Klimaschutz kann Spaß machen und sich auch finanziell lohnen. Das habe ich erfahren, als wir unser Haus energetisch saniert und unsere Stromversorgung mit Fotovoltaik selbst in die Hand genommen haben.

Politik traut sich nicht, zu tun, was nötig ist. Wir sehen das bei der Energiewende, die ins Stocken gekommen ist, und beim Kohleausstieg. Was machen wir da? Wir trauen uns nicht. Natürlich ist der drohende Verlust von Arbeitsplätzen ein Argument, das Berücksichtigung finden muss. Aber das kann doch kein Grund sein, nichts