ÜBER DEN AUTOR:

Eberhard Grüneberg, Jahrgang 1955, war von 2005 bis 2017 Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland. 2017 ging er in Ruhestand, 2018 brach er zu seiner Pilgerreise auf der Via Romea auf.

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© 2020 by Wartburg Verlag GmbH ∙ Weimar

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Gesamtgestaltung: FRUEHBEETGRAFIK ∙ Thomas Puschmann, Leipzig

Umschlagmotive: Thomas Söllner / AdobeStock (U1),

Lachlan Gowen / unsplash (U4), Eberhard Grüneberg (Autorenbild)

ISBN 978-3-86160-577-5

www.wartburgverlag.net

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Die Idee

Der Tiefschlag

Die Reise:

1. WOCHE

14.– 20. Mai 2018

Von Eisenach
nach Schweinfurt

2. WOCHE

21.– 27. Mai 2018

Von Schweinfurt
nach Schillingsfürst

3. WOCHE

28. Mai – 3. Juni 2018

Von Schillingsfürst
nach Donauwörth

4. WOCHE

4.– 10. Juni 2018

Von Donauwörth
nach Rottenbuch

5. WOCHE

11.– 17. Juni 2018

Von Rottenbuch
nach Innsbruck

6. WOCHE

18.– 24. Juni 2018

Von Innsbruck
zum Kalterer See

7. WOCHE

25. Juni – 1. Juli 2018

Vom Kalterer See
nach Bassano del Grappa

8. WOCHE

2.– 8. Juli 2018

Von Bassano del Grappa
nach Brisighella

9. WOCHE

9.– 15. Juli 2018

Von Brisighella
nach Caprese Michelangelo

10. WOCHE

16.– 22. Juli 2018

Von Caprese Michelangelo
nach Assisi

MONTAG,

23. Juli 2018

Assisi

Die Erkenntnis

Die Idee

Das Jahr 2007 stand in den Kirchen ganz im Zeichen des achthundertsten Geburtstages der Heiligen Elisabeth. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen feierte zum Beispiel einen Elisabeth-Kirchentag in Eisenach mit Themenschwerpunkten, die sich aus ihrem Leben aufdrängten: zu den Werken der Barmherzigkeit, zu Armut, sozialem Engagement, Spiritualität und vielem mehr. Das waren auch relevante Themen für die Diakonie. So hatte auch ich einige Auftritte auf Podien und hielt Vorträge über Elisabeth. Bei der Vorarbeit für die Veranstaltungen wurde mir deutlich, wie stark die Landgräfin durch die Ideen von Franz von Assisi beeinflusst worden war. 1210, als sie gerade mal drei Jahre alt war und noch in Ungarn lebte, wurden die Regeln des durch Franziskus gegründeten Ordens der Minderen Brüder erstmalig päpstlich bestätigt. 1221, als sie vierzehnjährig heiratete und Landgräfin wurde, gab es bereits eine kleine Gruppe von Franziskanern, die am Fuße der Wartburg lebten und zu denen sie Kontakt hatte. Sie hatten sich demnach in einer für die damalige Zeit erstaunlichen Geschwindigkeit über Europa ausgebreitet.

Einer von ihnen namens Rodeger galt spätestens ab 1223 als Elisabeths geistlicher Berater, der sie natürlich auch mit der franziskanischen Armutsbewegung und den Idealen und Regeln des Ordens vertraut machte. Das hatte, wie wir wissen, nachhaltige Auswirkungen auf ihr Leben. Der unmittelbare gedankliche Austausch mit den Franziskanern endete erst, als Konrad von Marburg immer mehr Einfluss bei Elisabeth gewann und ab 1226 ihr geistlicher Berater und Führer wurde. Im selben Jahr starb Franziskus vor den Toren von Assisi. Er war vierundvierzig Jahre alt geworden, Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt neunzehn. Sie waren sich zwar persönlich nie begegnet, aber für Elisabeth blieb Franziskus eine Leitfigur. Nicht von ungefähr benannte sie ihn als Schutzpatron für das auf ihr Betreiben hin errichtete Hospital vor dem Toren Marburgs. Es wurde im Herbst des Jahres 1228 eingeweiht, wenige Wochen nach der Heiligsprechung von Franziskus. Anlässlich dieser Einweihung soll sie ganz in franziskanischem Geiste das sogenannte „graue Gewand“ angenommen haben, das schlichte Gewand für Schwestern, die ein Armutsgelübde abgelegt hatten. Praktisch war sie damit eine Nonne geworden und in den geistlichen Stand eingetreten. Sie arbeitete fortan im Hospital bis zur totalen Erschöpfung und starb 1231, mit vierundzwanzig Jahren.

Der Gedanke, dass Elisabeth und Franziskus zu Lebzeiten im Geiste sehr verbunden waren, beschäftigte mich seinerzeit sehr. Ich begann darüber nachzudenken, einen spirituellen Brückenschlag von Eisenach nach Assisi zu versuchen. Die franziskanischen Gedanken waren von Assisi nach Eisenach getragen worden, in den Köpfen und Herzen von Franziskanern, die zweifellos diesen Weg zu Fuß gegangen waren. Das war zur Inspiration für Elisabeth geworden, deren daraus erwachsenes Handeln auch nach achthundert Jahren für alle, die in der sozialen Arbeit unterwegs waren, faszinierend und beispielgebend geblieben war. Auch für Evangelische und für die Diakonie. Nicht von ungefähr tragen viele diakonische Häuser ihren Namen.

Durch Elisabeth und später durch Martin Luther und Johann Sebastian Bach wurde Eisenach mit der Wartburg zu einem spirituellen „Kraftort“, der auf Christen aller Konfessionen weltweite Anziehung ausübte. Mich faszinierte zunehmend der Gedanke, ihn mit dem anderen spirituellen „Kraftort“, nämlich mit Assisi, von dem seinerzeit der Impuls, den wir heute „Option für die Armen“ nennen, ausgegangen war, wieder zu verbinden. Und zwar so, wie es vor achthundert Jahren die Franziskaner getan hatten: zu Fuß! Aber nun als Evangelischer und mit dem Wissen darum, wie die Diakonie in Mitteldeutschland im Geist von Franziskus und Elisabeth und allen darauf folgenden Müttern und Vätern der Diakonie ihre soziale Verantwortung im Hier und Heute wahrgenommen hat. Solch ein Fußmarsch nach Assisi könnte meine ganz persönliche Antwort auf den franziskanischen Appell sein, sich um die Armen zu kümmern und zu zeigen, dass er von der Diakonie gehört und beherzigt wurde. Und meiner eigenen Spiritualität würde so eine Pilgerreise vermutlich auch guttun, dachte ich. Vielleicht wäre dieser Weg – zurück zur franziskanischen „Quelle der Barmherzigkeit“ – genau die richtige Form für mich, um wieder geistlich „aufzutanken“.

Seit Jahren hing an der Wand über meinem Schreibtisch eine bunte Keramik, die Franz von Assisi zeigte, wie er in seiner Kutte, mit gelbem Heiligenschein und erhobenen Händen zu den ihn umschwirrenden Vögeln predigte. Seit diesem Elisabeth-Jubiläumsjahr sah ich ihn auf diesem Bildnis neu und anders an. Ich war noch nie in Assisi gewesen. Aber nach und nach wurde diese Stadt zu einem Sehnsuchtsort, der mich anzog. Ich wollte dorthin gehen. Unbedingt.

Jetzt kam es nur noch auf den richtigen Zeitpunkt an. Für eine solche Wanderung über tausendvierhundert oder tausendfünfhundert Kilometer veranschlagte ich mindestens einen Zeitraum von drei Monaten. Denn an einem Stück wollte ich den Weg schon gehen. Damit war auch klar: In einem jährlichen Urlaub ist das nicht zu realisieren. Mich für ein Vierteljahr freistellen zu lassen, hielt ich weder für eine gute Idee – wer als Leitungsperson für einige Monate abwesend ist, muss sich nicht wundern, wenn sich bei seiner Rückkehr in das vermeintlich alte „Arbeitssystem“ die (Macht-)Verhältnisse geändert haben –, noch war es realistisch. In den Jahren 2007 bis 2009 befand sich die junge fusionierte Diakonie Mitteldeutschland in einem tiefgreifenden Umbruchprozess. Die drei ehemaligen Dienststellen in Eisenach, Magdeburg und Dessau sollten geschlossen werden. Die Entscheidung für Halle als zentraler Standort war gefallen, und im April 2009 wurden die neuen Räume in der Merseburger Straße bezogen. In der Mitarbeiterschaft und im Vorstand gab es in diesen Jahren viel Unruhe und viele Wechsel. Die nächsten Jahre mussten dazu genutzt werden, eine neue gemeinsame Identität im Verband zu erarbeiten und auf die unterschiedlichsten Erwartungen und Anfragen von außen die richtigen Antworten zu finden. Das war einfach nicht die passende Zeit für eine monatelange Abwesenheit.

Das bedeutete aber: Eigentlich kam solch eine Auszeit nur infrage bei einem Stellenwechsel, in der Zeit zwischen Aufhören und Neubeginn. Die Fusionsjahre hatten mich sehr gefordert und ich war kräftemäßig und auch spirituell ziemlich ausgepowert. Das konnte eine gute Begründung für die Beantragung eines Sabbaticals sein. Vor dem Beginn von etwas Neuem noch einmal ein Vierteljahr Zeit für mich zu haben und dann auf einer Pilgereise neue geistliche Impulse zu bekommen, um anschließend inspiriert und freudig in eine neue Aufgabe einzusteigen, dieser Gedanke gefiel mir. Doch es ließ sich leider nicht realisieren. Bald wurde klar: Der einzig realistische Termin würde die Zeit unmittelbar nach der Versetzung in den Ruhestand sein.

Der Tiefschlag

Für Mitte Juni 2017 war meine Verabschiedung aus dem Dienst in der Diakonie Mitteldeutschland festgelegt – formvollendet, mit Gottesdienst und Empfang. Nichts war in den vergangenen Wochen und Monaten davor so oft Thema gewesen wie meine Pilgerreise. Auf die Frage, wie ich denn diesen krassen Wechsel in meinem Alltag – heute noch hundertprozentig im Arbeitsleben und morgen Ruheständler – verkraften wolle, war immer meine überzeugende, vor allem aber auch Erstaunen hervorrufende Antwort: „Ich möchte diesen Übergang nicht leichtnehmen, sondern ein Stück weit selbst gestalten. Deshalb werde ich eine ‚kleine Wanderung‘ unternehmen – von Eisenach nach Assisi!“

„Alle Achtung!“, hörte ich daraufhin oft. „Wie weit ist das denn? Wie viel Zeit werden Sie dafür brauchen? Warum gerade Assisi?“, so die anerkennenden und neugierigen Reaktionen. Aber vor allem: „Das ist aber eine gute Idee und ein mutiges Vorhaben! Werden Sie etwa allein losgehen?“

„Grundsätzlich ja! Aber meine Frau wird am Fuße der Alpen zu mir stoßen, damit wir die Berge gemeinsam überqueren können. Drei Wochen später, am Ende ihres Urlaubes, fährt sie dann wieder nach Hause und ich wandere allein weiter. So kann ich Schritt für Schritt meine Arbeit in der Diakonie loslassen, mich innerlich verabschieden und gleichzeitig meine Gedanken nach vorn ausrichten auf das, was künftig meinen Lebensinhalt ausmachen könnte.“

Das war der Plan. In Zeitungsartikeln über meine Verabschiedung wurde er besonders hervorgehoben. Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreichs und guter Freund, hielt eine Festrede genau zu diesem Thema und verehrte mir den Instagram-Hashtag #EberhardOn-Tour, damit ich mit anderen Menschen meine Reise bebildert teilen könnte. Ich bekam allerlei nützliche Reiseutensilien und sieben (!) Reisetagebücher geschenkt. Die Zeichen standen auf Start.

Eine Woche nach der Verabschiedung wollte ich am 27. Juni aufbrechen, direkt vor unserer Haustür in Eisenach. Die wenigen Tage dazwischen nutzte ich noch für Gartenarbeit und rückte dem Gras an einem kleineren Hang auf unserem Grundstück zu Leibe, erst mit der Sense und dann mit einem motorlosen Rasenmäher, der leidlich funktionierte. Am Abend merkte ich, dass meine Knie leicht spannten. Aber es war nicht sehr beeinträchtigend, und Knieprobleme kannte ich bis dahin nicht. Dann stand noch der Auszug aus meiner Wohnung in Halle an. Gemeinsam mit unserem Sohn Hermann und dessen Freund Konrad räumten wir sie aus. Danach war Wohnungsübergabe und die Rückfahrt nach Eisenach. Schon das Ausladen zu Hause schaffte ich nicht mehr! Mein linkes Knie war kolossal angeschwollen. Die Diagnose meiner besorgten wie strengen Hausärztin Karin bei der Spontanuntersuchung am darauffolgenden Samstagmorgen – wir waren mit anderen zum Brunch bei Freunden eingeladen – lautete: Erguss im Knie, vermutlich durch Überanstrengung! Das Knie bandagieren, hochlegen und kühlen! Ich sollte am Montagmorgen zur Sprechstunde und sicherheitshalber zum Röntgen kommen. „Wandern am Dienstag? Das kannst du vergessen!“

Die nächsten Tage wurden schwierig. In Gedanken verschob ich den Aufbruch immer wieder für ein paar Tage; vielleicht Freitag oder Montag? Von anderen, die Leute mit Knieproblemen kannten, hörte ich öfter den „ermutigenden“ Beitrag: „Knie? Das kann Monate dauern! Am besten verschiebst du deine Wanderung auf nächstes Jahr!“

Das war frustrierend. Noch nie hatte ich irgendeine Sorge mit einem Knie gehabt! Und nun das! Die ersten Tage, an denen ich nur sitzen und gar nichts machen konnte, deprimierten mich. Gedanklich war ich gar nicht mehr hier und wollte mich deshalb auch auf nichts anderes einlassen. Ich saß nur da, befühlte mein Knie und haderte mit der Situation. Aber es war ja klar: Ich konnte nur losgehen, wenn das Knie stabil und schmerzfrei war. Immerhin war die Schwellung schon etwas zurückgegangen. Aber das immer neue Festlegen von möglichen Startterminen half der Psyche nicht!

Anfang Juli war die Schwellung nahezu weg, aber das Durchbeugen ging nach wie vor schwer und war schmerzhaft. Ich probierte kleine Spaziergänge, setzte mich täglich für eine halbe Stunde auf das Ergometer zum Radfahren und ging schwimmen. Moderate Bewegung hieß das Zauberwort. Nach und nach ging es mir besser, am Wochenende um den 8./9. Juli war die Schwellung weg und das Knie war schmerzfrei.

Inzwischen waren meine Frau Diotima und ich übereingekommen, am 15. Juli gemeinsam aufzubrechen. Somit hatte ich noch eine Woche Zeit, mit kleinen, sich steigernden Wanderungen die Belastbarkeit des Knies zu testen. Also machte ich mich am Montag, den 10. Juli wandermäßig fertig, mit Outdoor-Hose, Merino-Shirt und Outdoor-Jacke, und startete morgens beschwingt und beschwerdefrei zum ersten Test. Nach nicht einmal zwanzig Minuten, ich war noch am östlichen Stadtrand, bekam ich plötzlich einen äußerst schmerzhaften Krampf in der rechten Wade! Meine letzten Wadenkrämpfe hatte ich als Zwanzigjähriger beim Fußball gehabt, und da auch nur, wenn es mal in eine Verlängerung ging. Im Normalfall kann man so einen Krampf durch Anspannen des Beines wieder auflösen. Das funktionierte aber beim besten Willen nicht. Ich musste umkehren und mühsam wieder nach Hause humpeln.

Da der Krampf sich weder im Laufe des Tages noch über Nacht löste, ging ich am Dienstag wieder zum Arzt. Die Diagnose nach Ultraschalluntersuchung lautete: Infolge Überlastung hatte sich vor zwei Wochen im rechten Knie eine Zyste gebildet, die beim Gehen geplatzt war. Die in der Zyste angesammelte Flüssigkeit war dann offenbar in die Wadenmuskulatur geflossen und hatte diese völlig blockiert. Die Wade einschließlich Knie und Knöchelbereich war verhärtet und durch Wasserbildung angeschwollen.

Das vordringlichste Ziel war nun, das Wasser aus dem Bein zu kriegen. Das wichtigste Hilfsmittel dafür – und das empfand ich wirklich als Gipfel der Demütigung – war ein Stützstrumpf! Bilder aus meiner Kindheit, von massigen Frauen mit säulenartigen Wasserbeinen, die nur noch durch Stützstrümpfe in Form gehalten wurden, stiegen in mir auf. Links trug ich immer noch die Bandage, rechts nun also einen vom Orthopäden angemessenen Stützstrumpf für die komplette Beinlänge. Trotz mitgelieferter Anziehhilfe, einer Art seidige Socke, die beim Überziehen des Strumpfes ein besseres Gleiten ermöglicht, war durch die weitgehende Unbeweglichkeit des Knies das Anziehen des Strumpfes eine tränentreibende tägliche Tortur. Die inzwischen stattfindenden Lymphdrainagen entlasteten zwar spürbar die Wade, aber die Flüssigkeit verharrte im Knie, ließ es anschwellen und schmerzen. Damit war klar: Ein gemeinsamer Start mit Diotima am 15. Juli war eine Illusion!

Die Schwellung hielt tagelang an, trotz Massage, Stützstrumpf und permanenter Kühlung. Am 14. Juli war noch, wegen des ursprünglichen Aufbruchtermins, ein Besuch bei Schwiegermutter Mareile in Kassel geplant. Die Autofahrt ging, da Diotima fuhr, einigermaßen gut. Für Kassel war ein kleiner Spaziergang durch die Innenstadt mit der Besichtigung einiger documenta-Highlights wie des Bücher-Parthenons oder des Flüchtlings-Obelisken, vor allem aber der neuen Orgel in der Martinskirche vorgesehen. Nach nicht einmal einer halben Stunde musste ich wegen zu starker Schmerzen den Spaziergang abbrechen. Den Nachmittag verbrachte ich auf der Couch liegend. Dort dachte ich zum ersten Mal darüber nach, wie ich die ganze Situation nun eigentlich deuten sollte?

Mir wurde plötzlich klar, dass das ständige Verschieben des Aufbruches und überhaupt das fortwährende Hoffen darauf vollkommener Unsinn waren. Ich begriff, dass mein Vorhaben gescheitert war.

Umgehend planten wir die drei Urlaubswochen neu: eine Woche die Kinder aus Halle zu Besuch in Eisenach, eine Woche Ostsee in Bansin und eine Enkelin-Woche mit Heide wieder in Eisenach. In der ersten Woche waren angesichts fortwährender Schwellungen meine Aktivitäten sehr eingeschränkt, die Woche an der Ostsee verkam zu einem Lazarettaufenthalt, da ich jeden Tag zum Orthopäden musste und an beiden Knien punktiert wurde. Die Zeit im Hotel direkt am Strand verbrachte ich meistens im Bett liegend, lesend und aus dem Fenster sehend, nur unterbrochen durch Arztbesuche. Gleichzeitig erkrankte Diotima nach zwei Tagen an einer schweren Bronchitis, die sie sich beim morgendlichen Schwimmen bei viel zu kalter Luft geholt hatte, und legte sich auch ins Bett. Das war ein Ostseeurlaub der besonderen Art. In der dritten Woche, wieder in Eisenach, verschlechterten sich die Knie zusehends und schmerzten derart, dass selbst an Nachtschlaf nicht zu denken war. Zur Orthopädin überwiesen, bekam ich dann schon „schwere Kaliber“, wie zum Beispiel entzündungshemmende Cortison-Spritzen. Zum ersten Mal seit Wochen war ich danach für einige Zeit schmerzfrei. Das war ein ganz neues Lebensgefühl.

Und trotzdem: Das konnte doch alles einfach nicht wahr sein! Meine ersten Wochen im Ruhestand waren genau das Gegenteil von dem, was ich mir vorgenommen hatte! Nichts mit Bewegung, unterwegs sein, Abschied nehmen vom Arbeitsleben, pilgernd die Gedanken im Kopf und die Gefühle im Herzen bewegend, auf der Suche nach Neuem, das künftig eine ausfüllende Rolle in meinem Leben einnehmen könnte. Ich war durch meine Knieprobleme geradezu wie auf den Stuhl genagelt, zum absoluten Nichtstun, zum Herumsitzen gezwungen.

Anfangs hatte ich buchstäblich den Kopf eingezogen und niemandem ein Lebenszeichen gegeben. Es war einfach zu blöd, dass das vollmundig angekündigte Pilgerprojekt so sang- und klanglos weggebröselt war. In den ersten Wochen riefen Freunde und ehemalige Kollegen bei meiner Frau an, um sich zu erkundigen, wo ich denn gerade sei und wie es mir auf dem Weg erginge. Ähnliche Anfragen kamen auch auf meinem Smartphone an. Und dann – nach meiner deprimierenden Offenbarung – immer dasselbe Staunen und Bedauern: „Das ist aber wirklich schade!“ Aber auch: „Das hört man ja oft, dass der Übergang in den Ruhestand mit einem gesundheitlichen Einbruch verbunden sein kann. Aber bei dir hätten wir das nicht gedacht!“ Das stimmt! Ich hätte das auch nicht gedacht!

Die folgenden Wochen und Monate verliefen mit Blick auf den Heilungsprozess in wellenartigen Kurven. Auf Zeiten der Stabilisierung kamen Rückfälle, schien nach der einen Wanderung nun alles wieder in Ordnung zu sein, folgten auf die nächste gleich massive Beschwerden. Wochenlang ging ich zur Lymphdrainage. Umfangreiche Laboruntersuchungen wurden durchgeführt, um die Ursache der Flüssigkeitsbildung herauszufinden. Aber ein möglicher Grund nach dem anderen wurde ausgeschlossen: keine Arthrose, kein Rheuma, keine Borreliose, kein Meniskus! Nichts! Ich hatte zwar dicke schmerzende Knie, aber niemand konnte mir sagen, warum!

Als dieses Fazit Mitte Dezember feststand, hatten auch die Selbstheilungskräfte das ihre getan. Die Knie waren wieder auf das normale Maß geschrumpft, waren belastbar und schmerzten nicht mehr. Vielleicht war es ja doch etwas Psychosomatisches. Vielleicht wusste ich tief im Innern, ohne es mir eingestehen zu wollen, dass das gar nicht funktionieren kann: übergewichtig zu sein, seit Monaten keinen Sport gemacht zu haben, beim Treppensteigen zu ächzen, beim Schuhezubinden zu schnaufen – und dann die Aktentasche in die Ecke zu stellen, gegen einen Rucksack einzutauschen und locker loszuwandern. Vielleicht war mir eine unbewusste Bangigkeit auf die Knie geschlagen und hatte mich in die Knie gezwungen.

Als ich Anfang des Jahres darüber nachzudenken begann, mich Mitte Mai auf den Weg zu machen, empfahl mir Hermann, mich auch physisch darauf vorzubereiten. Denn das wäre ja fatal, ein paar Tage nach dem Start wegen Kniebeschwerden den Weg dann wieder abzubrechen und zerknirscht vor der heimischen Tür zu stehen. Also ging ich für ein Vierteljahr in ein Fitnessstudio und ließ mir spezielle Übungen zur Kräftigung der Kniemuskulatur sowie allgemeine Konditions- und Kraftübungen zeigen. Die arbeitete ich zwei- bis dreimal wöchentlich in je zwei Stunden ab und fühlte mich immer besser und lockerer, ohne dabei irgendwelche Beschwerden zu haben. Das war genau das Richtige!

1. WOCHE

14.– 20. Mai 2018

Von Eisenach
nach Schweinfurt

MONTAG, 14. MAI 2018

Eisenach — Spießberghaus (25 km)

Nun war ich also die ersten Schritte gegangen. Am Morgen hatten Diotima und ich noch unseren Sohn Konrad an den Zug gebracht. Er war am Sonntag aus Hannover nach Eisenach gekommen, um mich vor dem Aufbruch noch mal zu sehen. Dann waren wir gleich weitergefahren auf die „Hohe Sonne“. Abschied – in einer Mischung aus Lachen, Tränen und guten Wünschen! Diotima fuhr zur Arbeit ins Annenstift und ich zog los. Sie hatte vor ein paar Tagen – halb im Scherz, halb im Ernst – gesagt: Und was ist, wenn du verunglückst und nicht wiederkommst? Die Frage kam mir plötzlich wieder in den Sinn. Aber ich hatte, auch wenn mich der Abschied gerade eben doch etwas angefasst hatte, in diese Richtung nicht einmal einen Anflug von Bangigkeit. So tickte ich nicht. Ich war zuversichtlich, dass alles gut gehen würde.

Jetzt ging ich ohnehin erst mal vertraute Wege: Hubertushaus, Glasbachwiese, Heuberghaus, Spießberghaus. Das waren von Eisenach aus alles Ziele für sonntägliche Spaziergänge oder winterliche Skitouren. In den letzten Jahren waren wir mit den Ski öfter am Heuberghaus gestartet, dann am Spießberghaus vorbeigelaufen bis hin zur Ebertswiese. Dort eingekehrt, ging es dann wieder retour. Im Spießberghaus waren wir dabei noch nie. Das wäre eine zu kurze Strecke gewesen. Heute aber war es mein Tagesziel. Ein Zimmer hatte ich gebucht. Denn genau hier kreuzte der Rennsteig meinen eigentlichen Pilgerweg, die Via Romea. Sie beginnt in Stade in Norddeutschland, führt über Braunschweig und den Harz nach Nordhausen und dann durch Thüringen bis nach Friedrichroda und hoch auf den Rennsteig.

Die spannendste Frage am Ende des ersten Tages war: Wird der von körperlicher Beanspruchung eher entfremdete Körper die Dauerbelastung mitmachen? Immerhin: Die Knie waren bandagiert und hatten sich überhaupt nicht gemeldet. Aber seit Tagen hatte ich Rückenschmerzen wegen eines Hexenschusses! Losgegangen war ich mit einer Ibuprofen 600 und blieb so den ganzen Tag schmerzfrei. Auch abends im Spießberghaus blieb der Schmerz erträglich, aber vor dem Spiegel stehend sah ich meine dramatische Schonhaltung mit Linksdrall. Das dürfte noch heiter werden! Probleme machte auch mein Hallux am rechten Fuß. Vor allem bergab schmerzte er beträchtlich, und ich merkte, dass die große Zehe seit dem Platzen der Zyste immer noch etwas taub war und meine Trittsicherheit einschränkte. Zeitweilig glaubte ich sogar zu humpeln. Vielleicht waren fünfundzwanzig Kilometer für den ersten Tag doch etwas zu weit?

Bei der Ankunft im Spießberghaus gegen drei viertel sieben war ich ziemlich kaputt und appetitlos. Ich musste an Peru denken, wo ich nach der ersten Tageswanderung durch den Colca-Canyon am Abend so erschöpft war, dass ich vor einem wunderbar kredenzten Abendessen saß und keinen Bissen herunterbekam. Das wiederum erfreute seinerzeit unseren sportlichen indigenen Guide, der meine Portion mit Appetit gleich mit verzehrte. Hier aber reichte es immerhin noch für einen Salat! Und ein großes Radler nebst zwei kleinen dunklen Bieren! Es ging sehr bergauf und bergab auf der Strecke. Ich hatte viel geschwitzt, nun war also der Durst groß. Nach dem Essen kam ich kaum vom Tisch hoch. Ich war schon mit Schmerzen und im Eiergang ins Restaurant gewankt, jetzt taten die Muskeln noch mehr weh. So schleppte ich mich auf mein Zimmer, fiel ins Bett und war gespannt, wie es sich Morgen anfühlen würde.

DIENSTAG, 15. MAI 2018

Spießberghaus — Schmalkalden (19 km)

Gut gefrühstückt ging es gegen neun Uhr los. Wider Erwarten waren die Beine schmerzfrei und gehbereit. Es war wunderbares Wanderwetter, abwechselnd Sonne und leichte Bewölkung bei etwa zwanzig Grad. Trotzdem blieben die Sinne mehr fixiert auf das Funktionieren des Körpers und waren kaum offen für die Schönheiten der Landschaft.

An der Ebertswiese bog der Weg ab vom Rennsteig und am Bergsee vorbei in Richtung Floh. Nun ging es schon wieder abwärts vom Kamm, noch eine Weile im Wald und bald trat ich bei schönstem Sonnenschein heraus aus dem Wald und sah in ein weites Tal mit Blick auf ferne Hügel, zu denen hin ich gehen wollte. Ich fühlte mich froh und frei, unbeschwert und neugierig, vielleicht sogar ein bisschen glücklich. Und das schon am zweiten Tag! Ich kannte dieses Gefühl auch vom Radfahren. Unterwegs bei einer Tour am Morgen alles zusammengepackt zu haben, sich aufs Rad zu schwingen und loszufahren, das war genauso. Freiheit und Abenteuer, ein Feeling, wie es früher der Cowboy in der Marlboro-Werbung vermitteln wollte. Ich hatte es jetzt! Und marschierte heiter weiter. Im bezaubernd im Tal gelegenen Floh war die Kirche offen, und über dem Altar schwebte ein Engel, der Luther ähnelte. Vielleicht sollte er’s gar sein? Dann weiter auf dem Radweg nach Schmalkalden.

Ich wollte versuchen, aufs Geratewohl eine Unterkunft zu bekommen. Und zwar nicht irgendwo, sondern bei der evangelischen Kirchengemeinde. Also erst mal rein in die Kirche und beten. Zufällig war auch der Dekan da, den ich von früheren Begegnungen her kannte. „Das ist ja eine gute Fügung. So kann’s weitergehen“, dachte ich erfreut. Gleich am Eingang sprach ich eine ältere Dame an, die als Kirchenführerin mit Namensschild erkennbar war: „Können Sie mir sagen, wo das Gemeindebüro ist? Ich suche eine Pilgerunterkunft!“ „Da haben Sie aber Glück! Der Herr Dekan ist gerade da. Fragen Sie ihn doch mal! Der kann Ihnen bestimmt weiterhelfen!“ Also ging ich in seine Richtung.

Er war in ein Gespräch vertieft und wartete, wie ich im Vorbeigehen hörte, auf ein Kamerateam. Ich setzte mich in eine Bank und überlegte, wann ich in dieser schönen Kirche das letzte Mal gepredigt hatte. Es war, glaubte ich, während der Landesgartenschau. Nach einem Dankgebet stand ich auf und ging auf den Dekan zu. Ich sah, dass er mich in meinem Wanderaufzug nicht erkannte. Also sprach ich ihn an mit der Frage nach dem Pfarramt oder Kirchbüro und wie es mit einer Pilgerunterkunft aussehe? Er schüttelte ablehnend den Kopf: „So was gibt es in unserer Gemeinde nicht. Mit Pilgern haben wir es hier nicht so!“, meinte er nur lapidar. Die Kirchenführerin sprang mir bei und warf ein, ob es denn nicht vielleicht im Gemeindehaus was gäbe? Er schüttelte den Kopf: „Versuchen Sie es doch mal in der Touristinformation!“ Ich entgegnete: „Pilgern ist doch nicht nur etwas Touristisches, sondern auch etwas Spirituelles! Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass es im Pfarrhaus oder im Gemeindehaus keine kleine Kammer mit einem Bett gibt … oder irgendjemanden in der Gemeinde, der mich aufnehmen würde …“ Wieder Kopfschütteln und im Weggehen: „Die Kameraleute kommen!“ In meiner Nähe stand immer noch die Kirchenführerin. Sie sah, dass er mich einfach stehen gelassen hatte, und fragte mitfühlend: „Was hat denn der Herr Dekan gesagt? Nichts, nicht wahr?“ „Das stimmt!“, erwiderte ich, „gar nichts!“ Zum Glück gehört Schmalkalden kirchlich zu Kurhessen-Waldeck, dachte ich noch, sonst wäre es noch deprimierender.

Also ging ich – ziemlich angefressen – zur Touristinformation. Dort gab es in einem Verzeichnis Ansprechpartner für Pilgerunterkünfte. Aber ihre Telefonnummern standen im Gemeindeblatt, das gerade aus war. Einige Anrufe, bei denen niemand erreichbar war, Nachrichten aufs Band. „Da kann ich jetzt nichts weiter tun. Vielleicht kommen Sie in einer Stunde wieder?“ Also ging ich in ein Café am Markt und wartete. So spontan eine Unterkunft zu organisieren war offenbar nicht ganz einfach.

Nach anderthalb Stunden und drei Milchkaffee also wieder zurück in die Touristeninformation. Frau Hanf, die freundliche Mitarbeiterin, hatte leider noch keine Neuigkeiten. Von den Angerufenen hatte sich niemand gemeldet. Immerhin gab es aber eine Option: Frau W. bot ein Zimmer an – zwanzig Euro ohne Verpflegung, aber mit der Möglichkeit zum Teekochen. Frau Hanf fragte mich nebenbei, auf welcher Route ich denn liefe? „Aha, Via Romea. Da liegt das ‚Vital Hotel‘ direkt auf dem Weg. Wenn das eine Option ist?“ Laut Internet kostete das Einzelzimmer fünfundneunzig Euro. Zu viel natürlich! Frau Hanf: „Vielleicht lässt sich was machen. Am Telefon nimmt aber gerade niemand ab.“ Ich entschied: „Also dann Frau W.! Wie komme ich da hin?“ Sie druckte mir einen Stadtplan mit Wegbeschreibung aus. Wieder in die Gegenrichtung, und zwar drei Kilometer! Na prima! Ich hatte es jetzt satt. „Wir haben Frau W. schon angerufen, sie erwartet Sie“, versuchte mich Frau Hanf aufzumuntern.

Als ich aus der Tür ging, begann es zu regnen. Ein Gewitter zog auf. Mein Ziel war die Straße „Heilig Grab“. Na, das hörte sich ja vertrauenserweckend an! Davor musste ich ein Neubaugebiet durchqueren. Trotz mehrmaligen Erkundigens bei Passanten lief ich eine gute Stunde im Regen – und im Kreis. Dann fragte ich einen jungen Mann. Er kannte die Straße nicht, zückte aber sein Smartphone: „Ich kann Ihnen zwar nicht erklären, wie Sie dahin kommen, aber ich kann Sie mit meinem Auto hinfahren!“ Das fand ich großartig. Also den Rucksack auf den Rücksitz und noch mal eine Fahrt rund ums Dorf. Der junge Mann hieß Hamri, was nach seinen Worten übersetzt „der Beständige“ bedeutet, und machte gerade sein Abitur. Er wollte einmal Apotheker werden, wie sein Vater. Dem gehörte in Syrien eine Apotheke. Hamri war seit 2015 in Deutschland. Erst wohnte er in Viernau, jetzt in Schmalkalden. Hamri war nach Frau Hanf der Zweite, der mir half. Wir verabschiedeten uns sehr herzlich.

Ich klingelte am Haus von Frau W., aber es hörte keiner. In angemessenem Abstand mehrmaliges Klingeln – nichts! Ich rief wieder Frau Hanf an: „Es scheint niemand da zu sein!“ Sie: „Das gibt’s doch nicht! Ich rufe sofort Frau W. an! Dann rufe ich zurück!“ Hoffentlich noch rechtzeitig. Denn ich hatte nur noch elf Prozent Akku auf meinem Smartphone. Nach zwanzig Minuten kam der Rückruf: „Ich kann die Frau nicht erreichen. Tut mir leid. Aber wenn Sie das ‚Vital-Hotel‘ mit fünfunfsechzig Euro für ein Einzelzimmer nehmen, dann pickt Sie der Chef des Hotels jetzt auf, da wo Sie sind!“ Seit drei Stunden versuchte ich nun in Schmalkalden irgendwo unterzukommen. Das war genug. „Na klar, schicken Sie ihn bitte her! Mit Frau W. wird das nichts mehr. Wahrscheinlich bin ich ihr zu nass und mache für zwanzig Euro zu viel Dreck!“

Der freundliche vierzigjährige Hotelchef sammelte mich wenig später mit einem Kleinbus ein. Er empfahl mir wärmstens den Wellnessbereich in seinem Haus. Ich hinkte inzwischen etwas. Offensichtlich belastete ich durch die Schonhaltung das rechte Bein zu stark, so dass es an der Hüfte schmerzte. Da kam mir Wellness gerade recht. Erst mal schwimmen, dann Sauna, dann Ruheraum – herrlich! Danach aufs Zimmer und mit Finalgon eincremen. Das Abendessen ließ ich ausfallen, da ich noch zwei Frühstücksbrote hatte. Aber das Bier aus der Minibar war doch zu verlockend!

Allerdings wurde so schon am zweiten Tag die Budgetfrage aufgeworfen. Ich hatte mir vorgenommen, pro Tag nicht mehr als fünfzig, höchstens sechzig Euro auszugeben. Das wäre dann ein Wochenbudget von dreihundertfünfzig bis vierhundertzwanzig Euro! Gestern im Spießberghaus waren es mit Essen und Übernachtung schon achtzig, das kam heute mit den drei Milchkaffee und der Übernachtung samt Minibar auch schon wieder zusammen. Das durfte nicht so weitergehen, auch wenn ich froh war, im Hotel zu sein und nicht bei Frau W. im Zimmer „ohne alles“. Von Experimenten bezüglich der Unterkunft war ich heute geheilt worden! Ich rief noch am Abend in Meiningen in einer Jugendherberge an und bekam ein Einzelzimmer für dreißig Euro. Alles ist besser, als drei Stunden auf Zimmersuche zu sein!

Die Begegnung mit dem „Herrn Dekan“ wird es mir in Zukunft bestimmt erschweren, Ausflüge nach Schmalkalden zu machen. Höchstens für ein Wellness-Wochenende im ‚Vital-Hotel‘ mit meiner Frau.

MITTWOCH, 16. MAI 2018

Schmalkalden — Meiningen (16 km)

Jeder Pilger, selbst wenn er nur nebensächlich in einem spirituellen Kontext unterwegs ist, wünscht sich doch, positive Erfahrungen mit dem kirchlichen Netzwerk zu machen. Das würde geistlich aufbauen. Aber offensichtlich ist für manche Verantwortlichen in der Kirche diese Perspektive gänzlich verborgen. „Mit Pilgern haben wir es nicht so!“ Und mit helfen? Wie haben Sie es damit? Wenn von der Kirchgemeinde selber beim Stichwort „Hilfe!“ der Tourismusinformation mehr zugetraut wird als sich selbst, dann ist das doch ein Armutszeugnis. Dass ein um Unterkunft bittender Pilger nicht dramatisch hilfsbedürftig ist, ist natürlich richtig. Aber ist, falls es schon keine praktische Hilfe gibt, etwas freundliche Unterstützung und Zuwendung nicht das Mindeste dessen, was möglich sein sollte? Oder erscheint das Engagement für jemanden, der morgen schon nicht mehr da ist, als vergeudete Mühe und Zeit? Gastfreundschaft geht anders! Aber vielleicht ist das auch gar kein Kriterium mehr für die christliche Gemeinde? Eine solche Gemeinde ist dann aber wirklich nicht einladend, wie man es gern betont, sondern trübsinnig. Und zwar für jeden, der hier künftig als Pilger durch die Kirchentür tritt und meint, auf Geschwister im Geiste zu treffen!

Ich merkte, dass mir am Morgen der „Herr Dekan“ noch etwas schwer im Magen lag.

Eigentlich sollte es viel Regen geben. Die ersten sechs Kilometer bis zur Oberwallbachmühle ging ich aber vor allem bei Sonnenschein durch lichten Laubwald und meist bergab in Richtung Werra. Schön war das Wallbachtal. Die Mühle lag einsam. Das Mühlrad drehte sich nicht klappernd, sondern geräuschlos. Kein Mensch war zu sehen. Die Kirche in Wallbach war geöffnet. Scheinbar war am Wochenende eine Hochzeit gewesen. Zementsäcke lagen im Chorraum und auf den Bänken am Eingang. Das hatte offenbar niemanden bei der Trauung gestört. Ich bekam Lust zu singen und schmetterte hintereinander „All Morgen ist ganz frisch und neu“, „Verleih uns Frieden“ und „Dona nobis pacem“. Dann noch ein Gebet und weiter in Richtung Walldorf.

Die Kirchenburg dort war und wird ein Ereignis. Vor ein paar Jahren abgebrannt, wird sie jetzt aufs Feinste wieder aufgebaut und restauriert. Äußerlich schon strahlend und trutzig wiederhergestellt, waren gerade die Innenarbeiten im Gange. Moderne, mutige, sehr schöne Kirchenfenster von unterschiedlichster Art zogen meine Aufmerksamkeit im alten Gemäuer auf sich. Starke Steinplatten im unregelmäßigem Zuschnitt, große und kleine mit Linien und Schwüngen machten den Fußboden lebendig. Vom künstlerischen Anspruch ließ diese Kirche nichts zu wünschen übrig. Hier weiß einer, was er tut! Großartig!

Auf dem Radweg lief ich entlang der Werra weiter nach Meiningen. Gleich ins Zentrum und rein in die Stadtkirche. Jemand übte Orgel. Dabei ließ es sich gut ins Nachdenken versinken. Hier in dieser Kirche hätte ich vor gut zwanzig Jahren Superintendent werden können. Dann wäre sie mir jetzt vertrauter gewesen. Aber wegen der Wohnung war daraus nichts geworden.

Im Jahr 1999 war ich vom Kirchenkreis Meiningen angefragt worden, ob ich mich im Pfarrkonvent als Kandidat für das Superintendentenamt vorstellen würde. Damals war ich seit gut zehn Jahren in meiner ersten Pfarrstelle in Rüdersdorf in Ostthüringen. Die Anfrage war interessant. Diotima konnte sich einen Wechsel nach Meiningen auch gut vorstellen. Also machten wir mit den Kindern einen Familienausflug und waren verabredet mit dem demnächst aus dem Amt scheidenden Superintendenten Victor. Wir schauten uns die Verwaltungsräume an, sprachen mit Mitarbeitenden, besichtigten die Kirche.