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Manfred Gerland

Aufatmen

Die Spiritualität
der Natur entdecken

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 by edition chrismon in der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Cover: Anja Haß, Leipzig

ISBN 978-3-96038-287-4

Vorwort

In der Natur unterwegs zu sein, ist gut für Körper, Geist und Seele. Hier kann man seinem Bewegungsdrang folgen und ein Gefühl von Weite und Freiheit erleben. Und wenn man mit allen Sinnen unterwegs ist, kann man nicht nur sich selbst, sondern auch Gott begegnen. Dieses Buch bringt die Achtsamkeitsbewegung mit Schätzen der christlichen Mystik und Schöpfungsspiritualität in Verbindung. Es will zum Rausgehen anregen und den Blick und das Herz für die Schätze unserer Umwelt weiten. Denn das Wunder beginnt direkt vor der Haustür. Und es lohnt sich, einfach mal innezuhalten und sich aufzumachen, um aufzuatmen.

Seit meiner Jugend bin ich als leidenschaftlicher Wanderer und Pilger mit der Natur eng verbunden. Als Pfarrer für Meditation und geistliches Leben habe ich siebenundzwanzig Jahre lang im evangelischen Kloster Germerode bei Kassel und an anderen Orten Meditationskurse, Studienreisen, Pilgerwanderungen, Wege der Achtsamkeit und Gottesdienste auf dem Weg geleitet. Als geistlicher Begleiter, Referent und Autor bin ich weiterhin in diesem Bereich tätig. Meine Motivation dabei ist, anderen zu helfen, die Natur mit allen Sinnen zu erleben, sie wertzuschätzen, zu lieben und in ihr zu gesunden. Für mich ist sie Ort vielfältiger Gottesbegegnungen.

Ich danke Annegret Grimm (Grimm-Kommunikation, Weimar) für die kompetente Beratung und Unterstützung bei der Entstehung des Buches und dem chrismon Verlag für die Aufnahme in sein Programm.

Manfred Gerland

Herleshausen, im April 2021

Inhalt

Einleitung

Die Stimme der Natur

Achtsamkeit

Sehnsucht

Heilsame Unterbrechung

Aufbruch

Auf der Schwelle

Anderort

Unterwegs

Waldbaden

Loslassen und empfangen

Die Welt ist Gottes so voll

Die drei Augen

Verbundenheit

Gott ist gegenwärtig

Leben inmitten von Leben

Hören

Einswerden

Lehrmeisterin Natur

Kraftorte

Vier Pfade

Geben und nehmen

Anverwandlung

Zum Schluss

Quellennachweise

Literatur

Übungen

Schenk dir einen Wüstentag

Schwellenritual

Meditatives Gehen

Waldbaden

Den eigenen Atem wahrnehmen

Eine Handvoll Erde

Angehaucht und durchströmt vom Atem des Lebens

Verbunden sein

Deine Strahlen fassen und dich wirken lassen

Pirschen wie die Indianer

Hören

Ich in dir und du in mir

Mein Baum – von den Wurzeln bis zur Krone

… der ist wie ein Baum

Kraft aus der Erde

Mandala aus Naturmaterialien

Einleitung

Aufatmen, in Bewegung kommen, die Natur genießen – das war und ist die große Sehnsucht nach so vielen Einschränkungen, die wir in jüngerer Vergangenheit erlebt haben. Immer mehr Menschen sind jetzt spazierengehend, wandernd, walkend, joggend unterwegs in der Natur, um die Bewegung zu genießen und auf andere Gedanken zu kommen. Sie haben dabei ihre nähere Umgebung und Heimat neu entdeckt und schätzen gelernt. Das wird auch in Zukunft so bleiben und sich vielleicht noch verstärken.

Die Natur als Gegenwelt zum Alltag erfährt eine immer größere Wertschätzung, hilft sie doch vielen dabei, aus Burnout, Depressionen und mancherlei körperlichen Gebrechen herauszukommen und neue Kraft zu schöpfen. Psychotherapeutische, psychosomatische und auch physiologische Therapien werden immer öfter in die Natur verlegt, um die heilsamen Kräfte der Natur unterstützend zu nutzen, wie zum Beispiel das Waldbaden, das erwiesenermaßen heilende Wirkungen hat.

In vielen Religionen und spirituellen Ansätzen spielt die Natur bzw. die Schöpfung eine wichtige, sinnstiftende Rolle. Die Verbindung von Achtsamkeit, Mensch und Natur hat vor allem im Buddhismus eine jahrtausendealte Geisteshaltung und spirituelle Praxis der Selbstfindung und spirituellen Erfahrung wachsen lassen. Naturanschauungen indigener Völker, Stämme und ihrer Religionen werden heute aufgrund der dahinterstehenden naturnahen Lebensweise und ihres animistischen Verständnisses der Natur gern von esoterischen Naturanschauungen rezipiert. Oft sind solche esoterischen Modelle patchworkartig aus unterschiedlichsten Religionen und Naturanschauungen ausgewählt und sehr zufällig zusammengestellt oder so kombiniert, wie es dem Autor gerade in sein Konzept passt. Der Buchmarkt ist mit unzähligen esoterischen Sachbüchern und Ratgebern zum Thema Natur und Achtsamkeit geradezu überschwemmt, und es ist wirklich ein Glücksfall, hier etwas Solides zu finden.

Dem Christentum wird oft vorgeworfen, es habe die Natur entzaubert und entgöttlicht und sie spätestens seit der Aufklärung mit dem biblischen Auftrag, sich die Erde untertan zu machen (1. Mose 1,28), zum Objekt und zur Verfügungsmasse menschlicher Ausbeutung degradiert. Insbesondere der Protestantismus habe, so Max Weber, alles Magische aus der Welt verbannt, Gott in ein unerreichbares Jenseits verschoben und die Natur als reine Materie verstanden und behandelt. Daran ist viel Wahres. Und doch gibt es bereits im Neuen Testament der Bibel die Vorstellung des universalen Christus, der die Schöpfung durchdringt und mit seinem Geist belebt. Hieran hat die christliche Mystik, zum Beispiel einer Hildegard von Bingen, eines Meister Eckharts oder Gerhard Tersteegens, angeknüpft. Wir brauchen also das Christentum oder unseren Kulturkreis nicht zu verlassen, um Anregungen und Orientierung für eine sinnstiftende und achtsame Schöpfungsspiritualität zu bekommen. Das gilt auch für eine verantwortliche, ökologische Praxis. Die christlichen Kirchen haben seit mindestens dreißig Jahren die Bewahrung der Schöpfung zu einem zentralen Thema gemacht und sind heute ein wichtiger Kooperationspartner für unterschiedliche Umweltbewegungen.

In den letzten Jahren ist weltweit eine neue Sensibilität für die Bedrohung der Natur durch den Menschen und, damit verbunden, ein neues Umweltbewusstsein gewachsen. Eine junge Generation fürchtet zu Recht um ihre Zukunft und den Erhalt der Biodiversität und der Grundlagen des Lebens auf der Erde. Sie fordert radikal einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der Natur und eine neue weltweite Politik, die den Klimawandel und seine Folgen begrenzt. Auch Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si“ aus dem Jahr 2015 seiner „Sorge für das gemeinsame Haus“ Ausdruck verliehen und wegweisende Perspektiven für einen neuen ökologischen Lebensstil aufgezeigt. Er wirbt für einen Paradigmenwechsel, bei dem es ihm um Einfachheit, Verzicht mit Freude, Genügsamkeit, Demut und eine Kultur der Liebe und Achtsamkeit unter allen Geschöpfen geht. Weil alles mit allem verbunden ist, sind wir eingeladen, „eine Spiritualität der globalen Solidarität heranreifen zu lassen, die aus dem Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes entspringt“.1 Mahnungen und politische Forderungen allein werden keine neue Haltung zur Natur, kein neues Bewusstsein und keine neue Praxis hervorbringen. Der Pädagoge Heinrich Pestalozzi war davon überzeugt: „Nur was wir kennen und lieben, sind wir zu schützen bereit.“ Wir schützen, was wir lieben.

Die Liebe zur Natur zu wecken und zu befördern, Zusammenhänge deutlich zu machen und ein neues Bewusstsein der Verbundenheit unter allen Geschöpfen zu fördern, ist ein großes Anliegen dieses Buches. Die Liebe zur Natur schlummert bereits in unseren Herzen. Sie macht sich bemerkbar in unserer Sehnsucht nach ursprünglicher Verbundenheit mit ihr. Sie führt uns in die Tiefe der Wälder, auf die Gipfel der Berge und in die Weite der Meere. Sie motiviert uns aber auch, für die Bewahrung der Schöpfung noch entschiedener und entschlossener einzutreten.

Zu Übungen der Achtsamkeit in der Natur sind Sie in diesem Buch eingeladen. „Achtsamkeit“ ist ein seit Jahren inflationär genutzter Begriff. Für manche ist er nur ein abgegriffenes, schwammiges Modewort. Als Pfarrer für Meditation und geistliches Leben habe ich seit über zwanzig Jahren Erfahrungen mit der Methode der Achtsamkeit sammeln und Menschen darin in der Meditation und Kontemplation anleiten und begleiten dürfen. Achtsamkeit ist die Aufmerksamkeit für das, was im Moment ist. Sie ist die Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks im Hier und Jetzt. Achtsamkeit kann man gut in der Beobachtung des Atems oder des Leibes (z. B. Bodyscan), aber auch in der Begehung der Natur lernen und üben. Die Achtsamkeit öffnet vielfältige Kanäle der Wahrnehmung und ist eine ausgezeichnete Methode für die Begegnung und Vereinigung mit der Natur.

Sie können beim Lesen des Buches an jeder Stelle einsteigen, auch können Sie sich einzelne Übungen herauspicken, die Sie interessieren. Das handliche und griffige Format lädt dazu ein, das Buch beim nächsten Spaziergang oder Wanderung in die Tasche zu packen und vor Ort aufzuschlagen und die Übungen tatsächlich auch zu machen. Lesen Sie sich die Anleitung vorher mehrfach durch und verinnerlichen Sie sie, damit Sie sich im Vollzug ganz auf das Erleben einlassen können. Wenn Sie selbst gute Erfahrungen mit den Übungen gemacht haben, können Sie damit auch Gruppen anleiten.

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Die Stimme der Natur

Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

JOSEPH VON EICHENDORFF (1788–1857)

Wohin gehen Menschen, wenn sie in die Natur aufbrechen? Was können sie dort erfahren, und was kommt dort möglicherweise auf sie zu? Ist die Natur nur Arena sportlicher Aktivitäten, Sanatorium für gestresste Großstädter, Objekt unserer Erkundungen und Eroberungen, stumme Materie, oder spricht sie zu uns, antwortet sie gar mit eigener Stimme? Solche grundsätzlichen Fragen sollen in der gebotenen Kürze hier erörtert werden. Denn dies ist die Grundlage und Voraussetzung unserer Expedition in die Natur, die wir mit diesem Buch unternehmen wollen. Wir folgen dabei unter anderem dem Resonanzkonzept Hartmut Rosas, der sehr eindrücklich zeigt, wie die Natur zu der zentralen Resonanzsphäre der Moderne geworden ist.2 Die Vorstellung, dass der Kosmos bzw. die Natur zu uns spricht oder gar singt, ist weit verbreitet. Sie lässt sich in ganz unterschiedlichen Kulturen und Religionen finden, beispielsweise in den Werken der deutschen Romantik, wie in Joseph von Eichendorffs eingangs zitiertem Gedicht „Wünschelrute“. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Welt von einer kosmischen Sinfonie durchdrungen ist und dass man nur den richtigen Ton treffen und anstimmen muss, um die Melodie aufzuwecken und zum Schwingen und Klingen zu bringen. Nach dieser Auffassung ist die Welt resonanzfähig, nicht, indem sie einfach nur ein Echoraum ist, in dem der Klang widerhallt und es so herausschallt, wie er eingedrungen ist, sondern indem sie uns mit eigener Stimme antwortet.

Für den Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) ereignet sich im „Anschauen des Universums“ eine dynamische Begegnung des Menschen mit der Natur, in der es zu einer wechselseitigen Berührung kommt, die man als religiöse Erfahrung bezeichnen kann. Alles Angeschaute habe eine unmittelbare Rückwirkung auf den Anschauenden. Dabei kann es sogar zu einer gegenseitigen Durchdringung kommen, die er folgendermaßen beschreibt: „Ich liege am Busen der unendlichen Welt: ich bin in diesem Augenblick ihre Seele, denn ich fühle all ihre Kräfte und ihr unendliches Leben, wie mein eigenes; sie ist in diesem Augenblick mein Leib, denn ich durchdringe ihre Muskeln und ihre Glieder wie meine eigenen, und ihre innersten Nerven bewegen sich nach meinem Sinn und meiner Ahnung wie die meinigen.“3 Nach Hartmut Rosa steckt hinter dieser Anschauung und Erfahrung die „Idee einer entgegenkommenden, antwortenden Welt, die uns berührt und der wir unsererseits entgegenzugehen vermögen“.4 Natur ist demnach für den Menschen ein resonantes Gegenüber, auf das es zu hören gilt. Mensch und Natur sind zwar zunächst zwei in sich abgeschlossene Erscheinungen bzw. Subjekte, die sich aber auch gegenseitig durchdringen und gegenseitig korrigieren und widersprechen können.

Überall dort, wo Menschen meinen, dringend wieder einmal in die Natur, das heißt ins Freie, in den Wald, an den Fluss oder in den Garten gehen zu müssen, ist dieser Wunsch verbunden mit der Ahnung bzw. Überzeugung, man könne, wenn man auf die Natur hört oder in die Natur geht, sich selbst finden. Das ist insgeheim auch die Erwartung vieler Pilger, die sich wie Hape Kerkeling auf eine längere Pilgerwanderung begeben. Menschen brechen auf aus der Enge ihrer Alltagswelt, mit einer oft noch unbestimmten Sehnsucht nach Weite und Freiheit, nach Kraft und Verwandlung, die sie in der Natur, auf dem Weg oder an einem ganz bestimmten Ort für sich oder andere erwarten. Sie sind dabei auf der Suche nach sich selbst, weil sie meinen, sich irgendwie verloren zu haben in den vielen Anforderungen, die in Arbeit und Familie auf sie einstürmen. Krisen in der Lebensmitte verunsichern zusätzlich und kosten viel Kraft. Sie sind auf der Suche nach Orientierung und Kraft für ihr Leben.

In der Psychobewegung der letzten Jahrzehnte ist immer wieder die Rede von Kraftressourcen, die man in sich selbst finden und aktivieren könne. Die Arbeit an der eigenen Identität, ein Zu-sich-selbst-Kommen, wird als Aufgabe und Ziel so mancher Outdoor-Aktivität angesehen. Viele derer, die zu einer Pilgerwanderung aufgebrochen sind, um sich selbst zu finden, sind auf dem Weg zunächst in große Turbulenzen geraten. Die Anstrengungen des Weges haben sie durchgeschüttelt und manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht. Auf dem Weg ist ihnen vielleicht unter Schmerzen das Liebste genommen worden: die Geborgenheit, die Sicherheit, die Gewohnheit. Beim Pilgern oder anderen vergleichbaren Outdoor-Aktivitäten kann es zu ganz unvermuteten Erfahrungen kommen: Statt zur Ruhe zu kommen, durchlebt man eine Art Wandlungs- und Sterbeprozess, wird aufgewühlt und kommt mit den eigenen Möglichkeiten an seine Grenzen.