Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Gestaltung

Kristin Kamprad, Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH

Illustrationen

Susanne Janssen

1. digitale Auflage

Zeilenwert GmbH 2014

2. Auflage

© Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main 2013
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Einwilligung des Verlags unzulässig.

Unveränderte Neuausgabe

ISBN 9783869211466

Cover

Titel

Impressum

VORWORT

1 In den Herzen wird’s warm

2 Deo oder leichte Erziehung

3 Das Märchen vom armen Hacker

4 Hirten am Strand

5 Der Schornsteinfeger

6 Spät dran – mitten im Oktober

7 Echt toll, das Mädel

8 Ein Bariton und Gentleman

9 Ein Streicher und seine Auftritte

10 Sie ist wie du

11 Nacht der Neugeburt

12 Lang, lang her

13 You’ll never walk alone

14 Fürchtet euch nicht!

15 Herr Rohde und die unschuldigen Kinder

16 Grand Cru oder was vom Wühltisch?

17 Ich hatte nichts getrunken. Ich schwöre!

18 Der Lametta-Krieg

19 Nüchtern, logisch, berechenbar

20 Das letzte Ding

21 Wort und Fleisch

22 Puls in Ordnung

23 Schweinebauchs Initiative

24 Alles fertig

DER AUTOR

Wann haben Sie zum letzten Mal Türchen eines Adventskalenders geöffnet? Wann ist Ihnen zum letzten Mal das Herz aufgegangen? Freuen Sie sich auf die stille Zeit? Je weniger Kinder es in unseren Breiten gibt, desto mehr scheint sich die Zeit der Erwartung vor dem Geburtstag des Christkindes auf ein medial inszeniertes Kinderfest zu reduzieren. Erwachsene kommen nur noch als Adressaten von Geschenktipps für die Kleinen, als Konsumenten oder als von alten Zeiten raunende Großeltern vor. Der allgemeine Trubel wird von den einen befeuert und von den anderen bedauert.

Advent im Erwachsenendasein heißt: Was erwarten Ihre Mitmenschen von Ihnen? Dieses Buch ist ein Adventskalender für Sie, für die Großen, für das Kind in der Frau und im Mann. Eine kleine Geschichte für jeden Tag, vom 1. bis zum 24. Dezember, könnte Sie vielleicht einen Augenblick lang rausholen aus Vorfeststress und wachsender Hektik. Der Puls geht runter und die Laune wird besser. Vielleicht finden Sie sich da und dort wieder, auch wenn Ihr Nikolaus kein Schornsteinfeger war und Sie noch nie einen Tresor geknackt haben. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es einem Backpinsel in den Zeiten von Mikrowelle und Tiefkühlkost geht? Interessiert Sie, wie ein germanischer Legionär das Geschehen in Bethlehem verarbeitet hat? Was sind die Angaben zur Religion in den Steckbriefen einer Online-Singlebörse wert? Kann man mit toten Ehebrechern Weihnachten feiern? Vielleicht erwarten Sie etwas ganz anderes von einem Adventsbuch für Erwachsene.

Ich möchte Ihnen in diesem Vorwort nicht zu viel verraten, sonst hätte ich dieses Büchlein gar nicht schreiben müssen. Machen Sie einfach das erste Türchen auf. Oder fangen Sie mit dem 24. an oder mit dem zweiten oder mit dem 18. Dann werden Sie erfahren, was passiert – nicht nur in den Geschichten, sondern auch mit Ihnen. Vielleicht fallen Ihnen persönlich erlebte Geschichten ein, die Sie sich jetzt zu erzählen trauen. Das wäre besonders schön. Die Zeit der Erwartung lässt sich seit Jahrtausenden am leichtesten dadurch verkürzen, dass man zusammensitzt und einander Persönliches mitteilt. Früher geschah das an den Lagerfeuern, in Karawansereien, Herbergen und Burgen. Heutzutage hat fast überall das Fernsehen diese Aufgabe übernommen. Also: Glotze aus – für eine halbe Stunde wenigstens – und miteinander sprechen. Manchmal braucht man unter Erwachsenen Hilfe, um damit anzufangen, zum Beispiel etwas zum Vorlesen. Wenn die Geschichten in diesem Buch in diesem Sinne auftauend wirken, das Eis der Sprachlosigkeit brechen helfen, dann reicht das dem Autor völlig aus.

Er wünscht Ihnen viel Vergnügen, einen segensreichen Advent und frohe Weihnachten.

Ihr Arnd Brummer

Holder Knabe, was haben sie aus dir gemacht? Alles schläft, einsam lacht? Das traute hochheilige Paar? Wenn es denn tatsächlich in Bethlehem war. Auf der Suche nach dem historischen Jesus kommen wir nicht weit. Der kleine Junge aus Galiläa, ein Kind aus einer normalen jüdischen Familie. Natürlich wird der Säugling gebrüllt haben, wenn er hungrig war oder in einer vollen Windel lag. Und es roch dann nicht nach Weihrauch im Hause Josefs.

Seine Mutter Maria, die gesegnete junge Frau, lachte gerne und war zu Freundschaften fähig. War sie asexuell? Wohl nicht. Und Josef war mit Sicherheit kein frömmelnder Einfaltspinsel. Ein Handwerker war er. Wahrscheinlich ziemlich muskulös, der Zimmermann aus Nazareth. Josef wird Sohn Jeschu auch mal zur Ordnung gerufen haben.

Die historisch-kritische Zerlegung der Evangelien ist erlaubt. Der fromme Jude, den wir als Matthäus kennen, beschreibt zu Beginn seines Textes ausführlich die lange Ahnengalerie Josefs, lässt ihn von König David abstammen – das muss nicht stimmen. Die Reise nach Bethlehem, vom Arzt Lukas mit einer historisch nicht belegten Volkszählung begründet, mag auch nicht stattgefunden haben. Was wäre anders, wenn Jeschu in Nazareth geboren ist und nicht im judäischen Bethlehem? Nichts Wesentliches. Sie kriegen dich nicht klein, holder Knabe.

Weihnachten, wie wir es heute kennen, wie es eine gewaltige Maschine von Kitsch, Konsum und wahrer Frömmigkeit antreibt, ist ein riesiges Gebirge von menschlichen Sehnsüchten und Hoffnungen. Jede Zeit und jede Weltgegend hat sich Jesus auf ihre Weise angeeignet, hat sich ihren Jesus zurechtgemacht. Die unterschiedlichsten Köpfe des Christentums haben unerschrocken daran mitgewirkt. Die Krippe verdanken wir Franz von Assisi. Das Christkind Martin Luther und den Adventskranz dem Sozialreformer Johann Hinrich Wichern.

Der „holde Knabe“ geht auf die Rechnung zweier armer Kirchenleute aus dem Salzburger Land, des Hilfspriesters Joseph Mohr und des Lehrers Franz Gruber. Die Sklaven auf den Baumwollfeldern Alabamas und in den Tabakplantagen Virginias sangen: „Go, tell it on the mountain, that Jesus Christ is born!“ Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium – eine Jesus-Gala, Popkultur auf höchstem Niveau. Der festliche Umzug der Heiligen Drei Könige in Sevilla erinnert den Nordeuropäer an rheinischen Karneval. Die am Polarkreis logische Verbindung des Jesus-Geburtstages mit dem Aufleuchten des Lichts in der winterlichen Dunkelheit findet der Mittelmeeranrainer seinerseits etwas düster und übertrieben.

Die Amerikaner haben einem – historisch nicht belegten, wahrscheinlich aus zwei unterschiedlichen Biografien zusammengebastelten – byzantinischen Bischof ein knallrotes Wams angezogen und ihn mit einer großen Schelle bewaffnet, auf dass er in den Einkaufsstraßen von New York vorweihnachtliche Fröhlichkeit verbreite. Der arme Nikolaus musste an den Nordpol umziehen, von wo er im Rentierschlitten um die Welt und durch die Kamine fegt, um Kinder zu beschenken. Irgendwann nannte man ihn Weihnachtsmann. Christ, der Retter, ist da? Alle Wetter, holder Knabe, ho, ho, ho!

Dieses Mythen- und Legendengebirge Schicht für Schicht abzutragen, ist nicht nötig, um den Kern der Weihnachtsgeschichte zu finden. Der heißt schlicht: Gott ist Mensch geworden. Der Evangelist Johannes sagt es so: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Unfassbar.

Wenn etwas unfassbar, unbegreiflich ist, was machen Menschen dann, um es trotzdem zu verstehen? Sie suchen nach Bildern und Vergleichen. Sie entwickeln Ausdrucksformen, die alle rationale Deutung hinter sich lassen. In anderen Religionen gibt es durchaus Fälle von Göttern, die Menschengestalt annehmen. In der Regel handelt es sich bei dem erwählten Personal um Pharaonen, Könige und Helden. Sie legitimieren Macht und Bedeutung mit ihrer Göttlichkeit. Sie leben in Palästen oder führen große Heere.

Mit der Menschwerdung Gottes in dem galiläischen Juden Jesus verhält es sich anders. Der will weder Perser noch Trojaner besiegen. Er will weder über Ägypten herrschen noch über Japan. Er ist zu uns gekommen. Und er bleibt bei uns. Schwierige Geschichte, holder Knabe.

Es waren Hirten auf dem Felde, Nachtwächter bei ihren Schafen. Gab es die Hirten wirklich? Waren die Wissenschaftler aus dem Morgenland überhaupt da? Wenn es hilft, die Menschwerdung Gottes zu begreifen, haben sie das Kind angefasst und in ihren Herzen tirolerisch gejodelt: still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will.

Hilfspriester Mohr aus dem kleinen Oberdorf bei Salzburg hat übrigens sechs Strophen für „Stille Nacht“ gedichtet. Nummer drei, vier und fünf verstauben in den Archiven. In der dritten Strophe heißt es: „Stille Nacht! Heilige Nacht!/​Die der Welt Heil gebracht/​Aus des Himmels goldenen Höhn/​Uns der Gnade Fülle lässt seh’n/​Jesum in Menschengestalt.“ Darum geht es doch, holder Knabe?

Heil und Gnade in Menschengestalt. Das ist mit Menschwerdung gemeint. Der Menschensohn, wie sich Jesus selbst nennt, bringt es auf den Punkt, indem er sagt: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Noch Fragen?

Stört es diesen Jesus, wenn die Heiden Weihnachten mitfeiern? Wenn sich shintoistische Japaner an seinem Geburtstag beschenken, wenn kirchenferne Deutsche oder Briten festlich zu Abend essen oder Kerzen an einem Tannenbaum anzünden? Es stört ihn wahrscheinlich nicht. Die Menschwerdung Gottes und am anderen Ende dieses Menschenlebens die Überwindung des Todes sind ein universales Angebot. „Der du der Heiden Heiland bist“, heißt es in einem Kirchenlied. Einer, der mit Zöllnern tafelte und im Haus eines Offiziers der verhassten römischen Besatzungsmacht Station machte, kann nicht kleinlich sein. Er ist zu den Sündern gekommen, um ihre Seelen zu bewegen. Das ist selbst ihm nicht immer gleich gelungen. Stimmt’s, holder Knabe?

Also wieder Advent. Mit all diesen unglaublichen Geschichten und Riten, mit den großen und kleinen Ungenauigkeiten, mit dem Zuviel und Zuwenig an Stille und Heiligkeit. Gastfreundlich zu sein ohne Murren, forderte Jesus seine Freunde auf. Christen, lasst sie dabei sein, lasst sie mit euch zusammen Gänse essen und Weihnachtsgebäck. Aber erzählt ihnen die Geschichten von Bethlehem. Und seid mutig, übersetzt sie in neue Bilder, wenn ihr meint, es mache sie besser verständlich. Ihr dürft das. Ihr seid dann in guter Gesellschaft mit dem heiligen Franz, mit Martin Luther, mit Johann Sebastian Bach, mit den Sklaven auf den Feldern Virginias, mit Lehrern und Hilfspriestern. Tell it on the mountain – in den Herzen wird’s warm. Ho, ho, ho, happy birthday, holder Knabe!

Der Fremde im dunkelblauen Mantel stand schon eine kleine Weile im Schulsekretariat. Frau Paulsen, die Sekretärin, wusste, dass er da war, aber sie hatte zu telefonieren und schaute deshalb konsequent an seiner linken Schulter vorbei in die Ferne. Als sie aufgelegt hatte, wandte sie sich ihm zu. „Worum handelt es sich?“, fragte sie unpersönlich, wie sie es für ihre amtliche Pflicht hielt.

„Ich suche Sinn“, antwortete der Fremde und versuchte, ihr in die Augen zu sehen. „Wie alt? Mädchen oder Junge?“ Ohne seine Reaktion abzuwarten, hatte sie bereits das Programm mit dem Schülerverzeichnis aufgerufen. „Als Nachnamen haben wir das gar nicht. Ausländischer Vorname? Wie schreibt sich das? Cin, Sim, Sin?“ Als sie nichts hörte, blickte sie auf. Der Fremde war verschwunden. Komisch, dachte Frau Paulsen, sie hatte nicht mal das Türschloss klicken gehört. „Die Leute heute“, murmelte sie, zuckte die Achseln und rief ihre Freundin an. „Geht klar mit dem Lunch. Um eins im Café Reiter.“

In der Polizeiwache 11 am Schillerplatz sah Hauptmeister Thimm den Fremden auf dem Überwachungsmonitor vor der Sicherheitstür warten. Er betätigte den Summer der Türanlage und ließ ihn rein. „Ja“, sagte er knapp und vermaß den Mann mit geübtem Auge: etwa ein Meter achtzig, 30 bis 40 Jahre alt, dunkelbraune Haare, schlank, grünbraune Augen, schmale Nase. „Ich suche Sinn“, gab die Person an. „Seit wann vermissen sie ihn?“, fragte Thimm zurück. „Um wen oder was handelt es sich? Gegenstand, Haustier, menschliches Subjekt?“

Während er das Formular für die Suchanzeige unter dem Tresen suchte, fragte sich der Hauptmeister, wie man die Leute dazu erziehen könnte, endlich sachdienliche, ordentliche Angaben zu machen. Etwa: Ich vermisse seit drei Tagen meinen Hund oder Kater oder Sohn … und so weiter. Als Thimm aus der Hocke hochkam, war der Besucher verschwunden. Thimm sah auf den Monitor, wählte die Kamera „Flur I“ – gähnend leer, der Flur. Dann „Haupteingang II“ – niemand zu sehen. „Toilette M“, „Toilette W“ – Fehlanzeige. Zur Sicherheit schaute er noch mal unter den Tresen und unter den Schreibtisch. Niemand. Er beschloss, kein Protokoll zu schreiben. Warum sollte er einen Fall schaffen, bei dem nur einer schlecht aussah: Hauptmeister Thimm? Auf keinen Fall!

Pastorin Schmidtke sah den Mann vom Fenster ihres Arbeitszimmers aus den Plattenweg zum Pfarrhaus beschreiten. Bevor er klingeln konnte, hatte sie die Haustür geöffnet. Sah gut aus, der Mann. „Wie kann ich helfen?“ Sie begleitete die Frage mit dem seelsorgerlichsten Lächeln, das ihr zur Verfügung stand. „Ich suche Sinn“, sagte der Dunkelhaarige leise. „Das ist gut. Da sind Sie hier richtig. Warten Sie einen Augenblick.“ Carmen Schmidtke holte aus ihrem Büro ein Heftchen und überreichte es dem Gast.

„Da steht alles drin, alle unsere Angebote in der Thomas-Gemeinde. Da zum Beispiel: 18.3o Uhr, Bibel-Gesprächskreis. Das ist heute Abend. Sie sind herzlich eingeladen. Oder hier: Morgen, 20 Uhr, Vernissage mit Bildern von Martin Ölberger aus unserem Kirchenvorstand. Oder Mittwoch: 19 Uhr, ‚Die spirituellen Tänze der Sioux‘ mit Silke Nass. Frau Nass hat ein halbes Jahr mit ihrem Mann in New York gelebt. Das ist eher was für Frauen. Und am Sonntag natürlich: 10 Uhr, Gottesdienst, Themengottesdienst ‚Uhren‘, mein Kollege Winterholl predigt, sehr interessant. Ja, also Sie sind herzlich willkommen in der Thomaskirche.“ Als sie die rechte Hand ausfuhr, um dem Fremden das Heftchen zu überreichen, war der Mann verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. War doch gar nicht so spät gestern?, fragte sich Carmen Schmidtke. Dann sah sie auf ihre Swatch. Halb vier, oh Gott, ich muss rüber zu den Konfirmanden, sonst verwüsten die den Gemeindesaal. Schräger Typ, ging es ihr durch den Kopf, wird wohl nicht wiederkommen.

Gegen acht gongte es im Paris-Club. „Kundschaft, meine Süßen“, trällerte Martina Noske, die man hier nur als „Bonnie“ kannte. Als sie auf den Gang trat, blieben alle anderen Türen zu den Salons geschlossen. Alle Kolleginnen bei der Arbeit. Im großen Spiegel prüfte Bonnie kurz ihr Outfit. Strings, Stiefel, Make-up – perfekt. Der Fremde sah gut aus und kam sofort mit zur Sitzecke für ein persönliches Beratungsgespräch. Bonnie bot Wasser und Kaffee an. „Also, mein Liebling, was wünschst du dir?“ – „Ich suche Sinn“, sagte der Mann und blickte ihr ins Gesicht. „Also: Ich mache Verkehr, französisch, auch beidseitig, spanisch, wenn gewünscht englisch – aber nur leichte Erziehung, eine halbe Stunde 80, eine Stunde 150, Rollenspiele gegen Aufpreis und für einen 50er extra eventuell griechisch, wenn er nicht zu groß ist.“ Bonnie stand auf und stöckelte zur Nasszelle. „Du kannst ja überlegen, was wir miteinander spielen. Ich gehe mich solange frisch machen. Das Geld kannst du auf das Nachttischchen legen, deine Kleider auf den roten Stuhl“, flötete sie geschäftsmäßig, was in ihrem Job nun mal Standard war. Als Bonnie zurückkam, war der Typ weg. Grußlos. Sie kontrollierte ihre Sachen. Wenigstens kein Dieb. Sie dankte der Mutter Maria. Gut, dass er weg war, wirkte doch ein bisschen wie ein Perverser. Und ihr Pfefferspray war über das Haltbarkeitsdatum hinaus.

In der Buchhandlung Watzmann sprach der Fremde die Praktikantin Yvonne Maaß an. „Sinn“, kombinierte sie blitzschnell, „das ist Philosophie, Theologie, Geisteswissenschaften, erster Stock, die Regale links von den Kochbüchern. Sie können aber auch mal bei Politik und Wirtschaft schauen, Erdgeschoss, links hinter den Romanen.“ Sie war stolz, wie sie das nach drei Monaten draufhatte, besser als manche von den alten Watzmännern und -frauen hier. „Kann ich sonst noch was für Sie tun?“ Aber der Fremde war schon weg. Wenn er sich nicht zurechtfand, oben saß ja noch jemand, den er fragen konnte.

In der Parfümerie Händel wusste Inge Röbel sofort, was der Mann wollte und dass es nicht das war, was er gesagt hatte. „Sie meinen Mystère!“ Die Männer konnten sich einfach die Namen der Parfüms nicht merken, da hatten sie ein Loch im Hirn. „Mystère, das Deo – Roller oder Spray –, das Parfüm, Eau de Toilette. Wir haben das auch als Paket für die Dame jetzt gerade als Weihnachtsangebot. Wird gern genommen. 258 und ein Give-away. Sie sparen etwa 60 Euro.“ Mystère! Plötzlich war der Mann weg. Nur sein fremder Duft wehte noch an Inge Röbels Nase vorbei. Den gab es hier nicht, weder als Deo noch als After-Shave. Das wusste sie als Fachverkäuferin ganz genau. Vielleicht ein Ami, die mochten es kräftig süß.

„Das muss in der Nähe von der Lessingstraße sein“, vermutete Busfahrer Friedrich, „steigen Sie ein. Da fahren wir hin. Kurzstrecke. Das macht eins fuffzich.“ Weg war der Typ. „Komiker!“, brummte Friedrich, schloss die Türen und fuhr an.

Als der Fremde vor Alster-Freddi, Biene Maja und Knochen-Kurt stehen blieb und nach Sinn fragte, war es das erste Mal seit mindestens zwei Tagen, dass so ein Lackheini sie ansprach. „Den suchen wir auch“, gluckste Knochen-Kurt. „Willste ein Astra? Du kannst uns aber auch einladen. Biene holt uns dann was.“ Der Mann zog seinen Mantel aus, gab ihn Freddi und hatte sich auch schon in Luft aufgelöst. „Fata Morgana“, piepste Biene. „Nee”, sagte Freddi und prüfte den Mantel, „der ist echt, teures Stück. Da muss erst mal bisschen Bier drüber und Dreck. Sonst glauben die Bullen, ich hätte ihn geklaut. Und hier!“ Freddi hatte die Taschen umgedreht. „Ein Fuffi! Ich glaub’s nich, Alter!“ Und Kurt posaunte im Kaiserton: „Ja is denn scho Weihnachten?“

Malte, Laura, Knörzel und Mehmet spielten hinten bei den Garagen Fußball. Als der Mann sie ansprach, schauten sie misstrauisch. „Wir sollen doch nicht mit fremden Erwachsenen reden“, flüsterte Laura Knörzel ins Ohr. Aber Knörzel gefiel der Herr im grauen Anzug. „Spiel einfach mit“, schlug er vor. „Du kannst ins Tor.“ Der Fremde nickte, zog das Jackett aus und fragte: „Wie steht’s?“ – „Null-Null“, meinte Knörzel, „wir fangen neu an. Malte und Laura gegen Mehmet und mich.“ Sie spielten sicher eine Stunde, bis es dunkel wurde. Dann mussten die Kids nach Hause. „Kommst du morgen wieder?“, fragte Laura. „Alle Jahre wieder“, sagte der Fremde und winkte den vieren hinterher.

Es war einmal ein armer Hacker. Robert hieß er. Tagaus, tagein, oftmals bis spät in die Nacht saß er in seinem zugigen Kellerzimmerchen an seinem Computer und reiste durch die virtuelle Welt. Sein Rechner mit dem Flachbildschirm war eigentlich alles, was er besaß. Die Sozialhilfe, die ihm der freundliche Staat einmal im Monat überwies, reichte gerade, um die Flatrate für seinen DSL-Zugang zu bezahlen, sich etwas zu essen zu kaufen und für Wasser und Strom. Den Kellerraum hatte ihm eine entfernte Tante überlassen, die ansonsten nichts mit ihm zu tun haben wollte. Sie schämte sich seiner. Und sie duldete auch nicht, dass er mehr als einmal im Monat nach oben in ihr Haus kam. Sie konnte Roberts Gegenwart schon deshalb schwer über längere Zeit ertragen, weil er ein wenig streng roch. Denn das Geld für Shampoo und Seife sparte er. Lieber lud er sich Software aus dem Netz herunter oder kaufte wohlfeile Datenträger. Immerhin hatte ihm diese Tante – Marga hieß sie und war ein prachtvolles Weib in reiferem Alter – angeboten, seine Wäsche zu waschen. Und die lieferte er eben einmal im Monat bei ihr ab.

Der arme Hacker war nicht immer arm gewesen. Als Sohn aus bestem Hause hatte Robert die Welt kennengelernt, an renommierten Universitäten studiert und seine Studien mit einem glänzenden Diplom abgeschlossen. Damit hatten sich ihm die Türen zum beruflichen Glück weit geöffnet. Damals konnte er die Angebote für lukrativste Jobs kaum zählen. Schließlich heuerte er bei einem der weltweit führenden Häuser in der Computerbranche an und stieg dort innerhalb kürzester Zeit in führende Positionen auf.

Rasch wurde auch der Firmengründer des Slaughter-Imperiums, ein Herr gleichen Namens, auf ihn aufmerksam. Mehr noch: Robin Slaughter, ein gemütlich wirkender Mann in den besten Jahren, machte ihn zu seinem engsten Vertrauten. Bald behandelte er ihn wie seinen eigenen Sohn. Robert ging im prächtigen Palast der Slaughters ein und aus. So kam es nicht von ungefähr, dass er recht bald auch Slaughters Töchterlein Rosina begegnete. Dem anmutigen Mädchen gefiel der schlanke, dunkelhaarige Robert mit den verträumten Augen ausnehmend gut. Sie gewannen einander lieb. Kaum waren zwei Sommer ins Land gezogen, feierte man Hochzeit.

Zur Feier des Tages ernannte Slaughter seinen Eidam zum Statthalter in Europa. Im schönen Hamburg an der Elbe schlugen Robert und Rosina ihre Zelte auf. Schnell galt die Villa als eine der besten Adressen der Stadt. Prominente aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft rissen sich um Einladungen zu Rosinas glanzvollen Festen und Hauskonzerten.

Robert gefiel das alles gut. Er fuhr einen italienischen Sportwagen und trug Anzüge aus erlesenen Stoffen von den besten Schneidern. Rosina hielt Reitpferde, und auf dem Fluss vor dem Anwesen ankerte eine schnittige Hochseejacht.

Wie gesagt, Robert freute sich am Wohlstand. Genau genommen bedeutete er ihm aber nicht sehr viel. Lieber fuhr er auf Computermessen und erstand dort die teuersten und besten Gerätschaften, die man sich nur denken konnte. Und insgeheim wurde er auch der allabendlichen Gäste in seinem Haus bald überdrüssig. Ebenso erging es ihm mit Rosina, ohne dass er sich traute, es ihr zu sagen. Lieber verbrachte er lange Nächte in seinem Office, umgeben von jungen, wissbegierigen Mitarbeitern, als dass er mit Rosina über Mode, Pferde und Leckerbissen für die abendliche Tafel beriet.

Doch Rosina – ausgestattet mit einer gehörigen Portion gesunden Menschenverstandes – hatte ihrerseits längst erkannt, welchen Dingen Roberts eigentliche Zuneigung galt. Da sie ihn noch immer mochte, ließ sie es sich jedoch nicht anmerken. Dass aber die Liebe mählich erkaltete und das Mäuerchen der Fremdheit zwischen ihnen täglich wuchs, konnte das Schweigen der beiden Unglücklichen nicht verhindern.

Bei den Einladungen in Roberts und Rosinas Villa wurde nun immer häufiger ein zartgliedriger Mann mit dem Aussehen eines Filmstars gesehen, Generalkonsul eines südamerikanischen Landes in der Hansestadt. Pedro dos Santos war sein Name. Der feurige Latino machte Rosina den Hof, so dass manche Gäste – vornehmlich die Mitglieder alter Kaufmannsfamilien – unangenehm berührt in ihre Champagnerkelche starrten. Nur Robert schien von den Aktivitäten nichts zu bemerken, sah nicht, dass sich dort einer zum veritablen Nebenbuhler aufschwang. Erst als die Klatschpresse verfängliche Bilder von Pedro und Rosina beim morgendlichen Ausritt veröffentlichte, nahm er notgedrungen Notiz davon.

Er zuckte mit den Achseln und akzeptierte sein Los. „Ist sie wenigstens beschäftigt“, sagte er zu sich selbst und wandte sich wieder Maus und Bildschirm zu.

Der berufliche Erfolg lief Robert geradezu nach. In kürzester Zeit machte er Slaughter zum Marktführer in Russland, in Polen und Tschechien. Daheim in Amerika rieb sich Robin die Hände vor Vergnügen. Vom Zustand der Ehe zwischen Rosina und Robert ahnte er ebenso wenig wie Roberts Eltern, brave schwäbische Unternehmer.