Ingolf U. Dalferth

Leiden und Böses

Vom schwierigen Umgang
mit Widersinnigem

EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT

Leipzig

Die Deutsche Bibliothek – Bibliographische Information

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detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

2., verb. Auflage 2007

© 2006 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Kai-Michael Gustmann

ISBN 9783374034390

www.eva-leipzig.de

Vorwort

Die Meinung, Böses zu tun erfordere eine böse Absicht, ist eine fragwürdige Übervereinfachung. Die Entführung unschuldiger Geiseln zur Erpressung von Lösegeld mag sich so erklären lassen, die nationalsozialistische Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern kaumund die terroristische Zerstörung der Zwillingstürme am 11. September allenfalls auf den ersten Blick. Menschen, die meinen, nur dann Böses zu tun, wenn sie böse Absichten haben, müssen nur dazu überredet werden, doch eigentlich etwas Gutes zu wollen, um das Böse nicht mehr zu bemerken, das sie tun.

Auf diese Pervertierbarkeit menschlicher Gewissen setzt die Massenpropaganda totalitärer Regime nicht weniger als die Indoktrinierungsbemühung religiöser Fundamentalisten. Wer sich einredet oder einreden lässt, seinem verbrecherischen Tun lägen edle Motive und gute Absichten zu Grunde, verstellt sich die Einsicht in das Verbrecherische seines Tuns. Man handelt ohne schlechtes Gewissen, weil man es durch das eigene Tun und seine Auswirkungen nicht mehr in Frage stellen lässt. Solche Menschen sind Überzeugungstäter, nicht weil sie das Böse wollen, das sie tun (obgleich es auch das gibt), sondern weil sie in der Überzeugung handeln, Gutes zu wollen. Für die überkommene moralphilosophische Sicht des Bösen ist das schwer verständlich. Sie unterstellt ihnen daher böse Absichten, die sie nicht wahrhaben wollen oder vor sich und anderen verbergen. Aber das dürfte in vielen Fällen ein Irrtum sein. Überzeugungstäter dieser Art handeln nicht aus bösen Absichten, die sie nicht zugeben, sondern meinen guten Gewissens, für das Böse, das sie anrichten, nicht verantwortlich zu sein, da sie aus ihrer Sicht ja keine bösen, sondern gute Absichten verfolgen. Ihr Gewissen ist durch die Irrmeinung verblendet, gute Absichten müssten in guten Handlungen resultieren und böse Handlungen könnten nur aus bösen Absichtenentspringen. Doch das ist falsch. Gut gemeint, ist niemals gut getan, und Böses geschieht nicht nur dort, wo Böses gewollt oder Gutes nicht gewollt wird.

Wie haltlos diese missbrauchbare Sicht des Bösen ist, ist schon lange bekannt. Der Primat des Bösen liegt nicht im Wollen, sondern in »der Erfahrung des Bösen im Widerfahrnis des Üblen«.1 Nicht unsere Absichten, sondern die Folgen unseres Tuns für andere entscheiden darüber, ob dieses böse ist oder nicht. Zwar stehen die Folgen unseres Handelns nur selten in unserer Macht. Aber diese Einsicht führt auf eine falsche Fährte, wenn man meint, sich stattdessen mit der Erkundung der Absichten begnügen zu können. Deren Berücksichtigung mag für die rechtliche und moralische Beurteilung von Tätern relevant sein, für die Bestimmung ihrer Taten als böse ist sie unzureichend. Absicht und Tat sind durch eine Kluft getrennt, die sich in keiner Richtung überspielen und durch keine Universalisierungsprobe vermeiden lässt. Aus bösen Absichten können gute Taten und aus guten Absichten böse Taten folgen. Beides kann auch zusammenfallen und zur Mehrfachkodierung von Handlungen führen, wo Taten, wie es häufig der Fall ist, gemeinsam von verschiedenen Akteuren aus unterschiedlichen Absichten begangen werden. In solchen Fällen mag es schwierig sein, die Verantwortung für böses Tun zu klären. Aber das ändert nichts daran, dass es unstrittig böse ist. Was zählt, ist das Leiden der Betroffenen, das solches Tun verursacht, nicht die Absichten, die es leiten. Aber auch das kann zu abwegigen Übervereinfachungen führen. An diesem Punkt setzen die Überlegungen dieser hermeneutischen Studie in theologischer Absicht ein.

Wer Böses vom Leiden der Betroffenen und nicht von den Absichten der Handelnden her versteht, vermeidet zwar die Reduktion des Bösen auf die böse Absicht, steht dafür aber in Gefahr, Leiden mit Bösem gleichzusetzen. Doch nicht alles Leiden ist böse, auch wenn sich alles Böse im Leiden von Menschen und Tieren manifestiert. Das Feld zwischen Leiden, Bösem und Übel ist anders zu vermessen, als es häufig geschieht. Darum geht es in dieser Studie. Die maßgebliche Differenz ist nicht die zwischen Bösem und Üblem, sondern zwischen dem Leiden auf der einen und den Variationen des Bösen auf der anderen Seite. Nicht ob Leiden auf die Seite des Bösen oder des Übels zu rechnen ist, ist die entscheidende Frage, sondern ob Leiden in jedem Fall als Böses verstanden werden muss. Hier wird man theologisch und ethisch differenziert zu antworten haben, wenn man an den aktuellen Lebensphänomenen nicht vorbeireden und den Beitrag von Glaube und Religion zum Umgangmit Leiden und Bösem nicht falsch verstehen will.

Die Studie ist während meines Aufenthalts am Wissenschaftskolleg zu Berlin entstanden, der realen Gegenwelt zu allem, was sich mit Leiden und Bösem in Verbindung bringen lässt. Zu erleben, wie es sein kann, wenn Geist, Zeit und gegenseitiges Interesse aus dem akademischen Leben nicht vertrieben sind, schärft den Blick für das, was im Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart nicht sein müsste, besser sein könnte und anders sein sollte. Solange solche Gegenwelten nicht gänzlich irreal geworden sind, bleibt die Hoffnung, dass sich die Situation doch zum Besseren kehren könnte.

Für hilfreiche Kommentare zu einer früheren Fassung, die mich manches überdenken und sicher zu wenig ändern ließen, danke ich Prof. Dr. Dieter Niethammer und Dr. Annette Weidhas. Sie haben mir deutlich gemacht, wie vieles noch weiter zu klären ist. Der Verlag hat die Drucklegung vorzüglich betreut. Ich danke allen Beteiligten.

Ingolf U. Dalferth

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

A. Reden von Bösem

1. Bezeichnungen des Bösen

2. Präzisierungen

3. Leiden und Böses

4. Böses erleiden und Leiden als Böses beurteilen

5. Erleben, Erfahren und Darstellen von Bösem

B. Leiden als Ort der Erfahrung von Bösem

1. Anthropologische Verkürzungen

2. Tun und Leiden

3. Leiden und Leben

4. Passivität und Leiden

5. Leben und Leidenmachen

6. Leben als Leidenszusammenhang

7. Leiden und die Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem

8. Gut und Böse als Orientierungsunterscheidung

9. Die kulturelle Entkoppelung von Leiden und Bösem

10. Menschliches Leiden

11. Gedeutetes Leiden

C. Orientierende Unterscheidungen

1. Vermeidbares und unvermeidbares Leiden

2. Täter und Opfer

3. Eigenes und fremdes Leiden

4. Im Leiden lernen und vom Leiden lernen

5. Schuldloses und schuldhaftes Leiden

6. Sinnloses Leiden

7. Leiden als Schlüssel zum Verständnis von Bösem?

D. Reaktionen auf Leiden

1. Verstummen und Schreien

2. Trost als Hilfe zur Neuorientierung des Lebens

a) Alltägliche Tröstungen

b) Religiöser Trost

c) Seelsorge als Neuorientierung

3. Leidensbewältigung?

a) Technik der Leidensminderung

b) Hermeneutik der Leidensdeutung

c) Folgeprobleme

4. Stationen der Leidensbewältigung

5. Unverzichtbare Umwege

a) Kultur als Umweg

b) Anforderungen an Umwege der Leidensdeutung

c) Leidensdeutung und Zeitbezug

6. Umwege über Zwischenbestimmungen

a) Leidenstypen

b) Zielvorstellungen und Leitbilder

c) Ursprungs- und Überwindungserzählungen

d) Entscheidungsnotwendigkeit und Auswahlkriterien

e) Mittelgrößen, Drittinstanzen und Zwischenbestimmungen

E. Deutungsstreit

1. Religiöse Deutungen

2. Theologische Deutungen

3. Sinndeutungen

4. Verständnis des Bösen und Verständnis des Leidens als Böses

5. Problemkonstellationen des Verstehens von Bösem

6. Grundprobleme religiöser Deutungen des Bösen

7. Das christliche Lebensparadox

8. Leiden an Gott

9. Gottes Leiden

Weitere Bücher

Endnoten

A. Reden von Bösem

Weniges ist uns Menschen so gewiss wie die Wirklichkeit von Bösem und Übeln. Wer wüsste nicht aus eigener Erfahrung von Schmerz und Leid, Unfällen und Leiden, Ungerechtigkeiten und Anfeindungen, vergeblichen Mühen, enttäuschten Erwartungen, Verletzungen, Verbrechen und allen möglichen anderen Arten von Übeln zu berichten? Wer könnte nicht Schopenhauers bittere Bemerkung nachempfinden, dass wir den Lämmern gleichen, »die auf der Wiese spielen, während der Metzger schon eines und das andere von ihnen mit den Augen auswählt: denn wir wissen nicht, in unseren guten Tagen, welches Unheil eben jetzt das Schicksal uns bereitet, – Krankheit, Verfolgung, Verarmung Verstümmelung, Erblindung, Wahnsinn, Tod u.s.w. …«.2 Wer hätte sich noch nie gefragt, warum so viele Chancen, das Leben vieler zu verbessern, nicht wahrgenommen, wider besseres Wissen nicht ergriffen, aus Unwissenheit übersehen, durch Zufälle verhindert, aus Dummheit verscherzt, durch Bosheit zerstört, aus Leichtsinn verspielt werden? Wer wäre beim Blick auf die menschliche Geschichte noch nicht darüber entsetzt gewesen, zu welchen Ungeheuerlichkeiten Menschen im Umgang miteinander in der Lage sind? Und für wen wäre all das nicht Böses, etwas, das nicht sein sollte, von dem man wünschte, das es nicht wäre, weil es dem Leben schadet, besseres Leben verhindert oder gutes Leben zerstört, so dass die Welt ohne es besser wäre, als sie mit ihm ist?3

1. Bezeichnungen des Bösen

Jeder kennt Böses, und kein Bereich des Lebens ist davon ausgenommen. Immer wieder, und oft gerade dann, wenn man es nicht vermutet oder erwartet hätte, bricht Böses aufdringlich und unabweisbar ins Leben und Bewusstsein ein – als Übel, das einem widerfährt, als Unbill, die einem zugefügt wird, als Unrecht, das man erleidet, als Untat, die einem angetan wird oder die man mit Absicht, aus Versehen oder aus Nachlässigkeit selbst begeht.

Böses kennt viele Gestalten, Facetten und Bezeichnungen, aber schon sprachlich kann man sich ihm nur mit Mühe nähern. Traditionelle Einteilungen und gängige Unterscheidungen wie die zwischen physischem, moralischem und metaphysischem Übel4 oder zwischen natürlichem Übel und moralisch Bösem, die es so im Deutschen, aber in vielen anderen Sprachen nicht gibt, sind kulturell mehr oder weniger eingespielt, aber nur bedingt tauglich, die mit ihnen bezeichneten Phänomene präzise in den Blick zu rücken. Wo genau verläuft denn die Grenze zwischen natürlichen und moralischen Übeln – natürlichen Übeln, »die nicht von Menschen absichtlich hervorgebracht werden und sich auch nicht auf Grund menschlicher Fahrlässigkeit ereignen«, und moralischen Übeln, »die Menschen absichtlich verursachen, indem sie etwas tun, was sie nicht tun sollten (oder etwas zulassen, weil sie aus Fahrlässigkeit nicht das tun, was sie tun sollten)«, oder die »durch solch absichtliche Handlungen oder fahrlässige Unterlassungen ent[stehen]«5? Wo verläuft diese Grenze, wenn sich das ›Natürliche‹ nur als variable kulturelle Unterscheidung fassen lässt, Naturereignisse »durch menschliche Entscheidungen geprägt und beeinflusst« werden und »Naturkatastrophen und Krankheiten« zumindest »teilweise Auswirkungen menschlicher Handlungen, und keine rein natürlich verursachten Übel« sind?6 Oder warum sollte man das Böse von vornherein auf das moralisch Böse einschränken und dann sprachlos vor den Phänomenen stehen, in denen Menschen unvorstellbar Böses taten, ohne dass ihr Handeln so klar wie beim Anschlag auf die Zwillingstürme in New York von bösen Absichten bestimmt gewesen wären?

Susan Neiman hat das Problem mit Verweis auf die europäischen Schlüsselereignisse des Bösen im 18. und 20. Jahrhundert, das Erdbeben von Lissabon und das Todeslager von Auschwitz, präzise benannt: »Vor Lissabon wurde das Böse in natürliches, metaphysisches und moralisches eingeteilt. Nach Lissabon wurde das Wort Böse für das reserviert, was zuvor das moralische Böse genannt worden war. Das neuzeitliche Böse ist ein Produkt des Willens. Böse Handlungen auf solche zu beschränken, die von bösen Absichten begleitet werden, schafft eine Menge Schrecken auf sinnvolle Weise aus der Welt.«7 Aber mit Auschwitz ist dieses neuzeitliche Orientierungsverfahren unwiderruflich an seine Grenzen gestoßen. »Am exzessiven Charakter des Übels scheitert jeder Rekurs auf Gründe, Motive und Ursachen, mit dem man sich im 19. Jahrhundert behalf, um das Böse als bloß Pathologisch zu entschärfen.«8 Das Ausmaß und der Charakter des Grauens lassen sich nicht fassen und begreiflich machen, indem man die nationalsozialistischen Vernichtungslager auf das böse Handeln böser Menschen aus bösen Absichten zurückzuführen sucht. Das ist gleichzeitig viel zu wenig und viel zu viel. Es ist zu viel, wenn es um das historische Verstehen dieser Vorgänge geht: Moralische Betrachtungsweisen, in denen menschliche Bosheit, bösartige Absichten und böse Vorsätze als analytische Kategorien geschichtlicher Phänomene fungieren, behindern die historische Forschung, weil sie so übervereinfachend sind, dass sie die Komplexität und Vielschichtigkeit geschichtlicher Konstellationen nicht treffend wahrzunehmen und zu analysieren erlauben.9 Das zu versuchen, wäre in diesem Fall aber auch viel zu wenig: Der Grund ist nicht, dass es uns an Wissen über die Motive, Gründe und Interessen der Handelnden in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern mangeln würde. Doch sie lassen das alle Vorstellungsfähigkeit übersteigende Böse nicht verständlich werden, das da getan wurde, sondern führen in die Abgründe der Erkenntnis, dass häufig nicht Sadismus, Hass, Bösartigkeit oder antisemitischer Vorsatz (all das gab es auch), sondern kleinbürgerlicher Karrierismus, Feigheit, Routine, Pflichtgehorsam und Frontangst es den Nazis ermöglicht haben, »auf jeder Ebene … mehr Böses mit weniger Bösartigkeit« zu erzeugen, »als es die Zivilisation je gesehen hatte«,10 und damit das Böse in der unbegreiflichen Weise zu banalisieren, die Hanna Arendt in Eichmann in Jerusalem analysiert hat.11 Nicht erst die Antworten versagen hier, sondern die neuzeitliche Frage nach dem Bösen kommt hier an ihre Grenzen: Das Böse kann nicht auf Handlungen beschränkt werden, denen böse Absichten zu Grunde liegen. Auschwitz macht deutlich, dass sich »die Vorstellung, das Böse erfordere eine böse Absicht, selbst als konfus erweist«.12

Man muss das in dieser Pointiertheit sagen, um die neuzeitliche Verteilung der Problemlasten zwischen natürlichem Übel (für das niemand etwas kann) und moralischem Bösen (für das immer jemand verantwortlich ist) als ebenso übervereinfachend zu durchschauen wie die duale Vermessung des Problemfelds zwischen Tätern und Opfern des Bösen. So unverzichtbar diese Unterscheidungen für manche Zwecke sind, so wenig kommt damit das ganze Ausmaß des Bösen in den Blick. Das Böse ist umfassender, unvermeidlicher und unverständlicher, als es die traditionellen Unterscheidungen der Neuzeit und ihre Orientierung am Leiden und Handeln Einzelner nahe legen. Diese Unterscheidungen werden dadurch nicht unbrauchbar, aber sie bieten nur hilfs- und näherungsweise Orientierung im unüberschaubaren Feld des vorstellbaren und unvorstellbaren Bösen. Manmuss sie daher mit Vorsicht gebrauchen.

2. Präzisierungen

Um das zu markieren, gebrauche ich im Folgenden die Ausdrücke das Böse bzw. Böses in dem weiten und offenen Sinn des lateinischen malum, das gegenüber all diesen Unterscheidungen zunächst einmal neutral ist, sie aber bei Bedarf einzuzeichnen erlaubt. Die Rede vom Bösen ist also nicht in dem eingeschränkten Sinn des moralisch Bösen zu verstehen, des bösen Handelns aus bösen Absichten. Wo das gemeint wird, werde ich es deutlich machen. Zunächst geht es darum, vorschnelle Verengungen und Verkürzungen zu vermeiden. Das Kaleidoskop des Bösen kennt unzählige Variationen im menschlichen Leben, aber stets stört und zerstört es Leben auf sinnlose und sinnwidrige Weise. Es unterbricht die gewohnten Kontinuitäten, Vertrautheiten, Ordnungen und Sinnstrukturen des Lebens, ohne Neuanfänge anzubahnen oder Anschlüsse zu ermöglichen. Es tritt also nicht nur negativ als das Andere des Gewöhnlichen, Vertrauten, Geordneten und Sinnvollen in Erscheinung, sondern destruktiv als negierende Negation ohne Verstehens- und Zukunftshorizonte. Das Böse ist nicht bloß geistlose Felswüste, wie Hegel die Berner Alpen erlebte, sondern greift plötzlich wie ein Steinschlag oder sich allmählich ausbreitend wie eine Verkarstung ins Leben ein, indem es dieses sinnlos schädigt und zerstört.

Erlebt wird Böses, sei es von Einzelnen, einigen oder vielen, stets konkret als Böses in einem bestimmten bzw. für ein bestimmtes Leben. Entsprechend wird es sprachlich und phänomenal nach Art der Anlässe differenziert bezeichnet, in denen es unser Leben oder anderes Leben konkret betrifft. So begegnet Böses in Ereignissen und leiblichen Erlebnissen als physisches oder psychisches Übel, als Unfall, Not, Krankheit, Hunger, Durst, Schmerz, Leiden, Dummheit, Verblendung, unerfüllte Wünsche, beleidigte Gefühle, zerstörte Hoffnungen; in Taten als moralisch Böses, Untat, Unrecht, Unbill, Kränkung, Krieg, Freiheitsberaubung, soziale Benachteiligung, rechtliche Verfehlung; in Personen als Übeltäter und Opfer; als Mörder, Betrüger, Diebe, Terroristen, Geiseln, vergewaltigte Frauen, geschundene Männer, missbrauchte Kinder; in Lebenssituationen als Verhängnis, Verstrickung, Verschuldung, Ausweglosigkeit, wirtschaftliche, politische oder persönliche Abhängigkeiten oder als Macht, der man hilflos ausgeliefert ist. Die Bezeichnungen von Bösem sind Legion, seine Wahrnehmungsweisen wechseln, immer aber tritt es in bestimmtem Leben in Erscheinung und wird dort am und im Leiden bemerkbar, am Leiden anderer oder am eigenen Leiden.

Die konkrete Vielfalt und unüberschaubare Vielzahl von Bösem hat sprachliche Folgen. Sie führt dazu, dass sich der Sinn des Ausdrucks ›böse‹ nicht eindeutig bestimmen und der Sinn des Prädikats ›böse sein‹ nicht auf nur eine Weise festlegen lässt. Wir beschränken uns auf Grundkontraste wie böse und gut oder böse und schlecht und suchen die konkrete Vielfalt abstrakt durch semantische Entgegensetzungen zu organisieren, indem wir die Anwesenheit von Bösem als Abwesenheit von Gutem von der Anwesenheit des Guten als Abwesenheit von Bösem unterscheiden oder Böses dynamisch als Störung und Zerstörung von Gutem und Gutes als Zerstörung und Überwindung von Bösem bestimmen. Doch damit wird nur der Kontrast unterstrichen, der in den Gebrauch von böse und gut eingezeichnet ist, den Ausdrücken selbst aber kein präziser Sinn verliehen. Was jeweils genau mit ›böse‹ im Unterschied zu ›gut‹ oder auch zu ›schlecht‹ gemeint wird, variiert mit den Zusammenhängen, in denen diese Ausdrücke in ihrer Differenz konkret gebraucht werden. Allerdings gibt es auch keinen Kontext, in dem man gänzlich darauf verzichten könnte, sie in einer ihrer vielfältigen Konkretionen zu verwenden, also auf irgendeine Weise von etwas zu sagen, es sei gut oder böse oder schlecht.

Die semantische Vielfalt des konkreten Sinns und die faktische Ubiquität des pragmatischen Gebrauchs von ›böse‹ und ›gut‹ machen deutlich, dass diese Ausdrücke in prädikativer Verwendung nicht als Bestimmungsbegriffe fungieren, die sich semantisch definieren ließen, sondern als Orientierungsbegriffe, auf die pragmatisch nicht verzichtet werden kann. Bestimmungsbegriffe wie ›rot‹ oder ›schwer‹ taugen dazu, Sachverhalte zu beschreiben und wahre oder falsche Aussagen über sie zu machen (›Diese Rose ist rot‹, ›Der Tisch ist schwer‹). Orientierungsbegriffe wie ›gut‹ oder ›böse‹ dagegen taugen nicht zur Beschreibung von Sachverhalten, sondern bringen eine Beurteilung oder Bewertung eines Sachverhalts und damit eine Haltung oder Einstellung der Sprechenden gegenüber dem zum Ausdruck, wovon sie sprechen. Mit Orientierungsbegriffen beschreiben wir keine Sache, sondern beurteilen bzw. bewerten einen Sachverhalt unter bestimmten Gesichtspunkten. ›Hochstapeln ist böse‹ beschreibt keine Eigenschaft, die dem Hochstapeln zukäme, sondern bringt eine Sichtweise und Bewertung des Hochstapelns zum Ausdruck, die Felix Krull nicht teilen würde.

Mit Orientierungsbegriffen wird also nichts Wahres oder Falsches über einen Sachverhalt ausgesagt, das sich durch Untersuchung dieses Sachverhalts bestätigen oder widerlegen ließe. Es wird vielmehr zum Ausdruck gebracht, wie ein Sachverhalt unter technischen, moralischen, ästhetischen, religiösen oder anderen Gesichtspunkten bewertet und im Licht einer bestimmten Praxis und Lebensorientierung beurteilt wird. Der Gebrauch von Orientierungsbegriffen gibt daher nicht so sehr Auskunft über den jeweiligen Sachverhalt als vielmehr über die Wertorientierung derer, die so von ihm reden. Indem sie so Orientierungsgesichtspunkte ins Spiel bringen, strukturieren Orientierungsbegriffe Handlungs- und Lebensfelder – semantisch offen, aber pragmatisch präzise. Ihr Gebrauch ist pragmatisch präzise, weil mit Unterscheidungen wie gut/böse Wertdifferenzen gesetzt und handlungsrelevante Alternativen markiert werden, und er ist zugleich semantisch offen, weil sich das, was jeweils mit gut und böse gemeint wird, nicht semantisch definieren, sondern nur in einer offenen Reihe von Konkretionen exemplifizieren lässt.

In diesem pragmatischen Orientierungssinn werde ich im Folgenden den Ausdruck ›böse‹ in seinem prädikativen Gebrauch als stets näher konkretisierbare Grundbestimmung für alles gebrauchen, was in bestimmten Zusammenhängen als sinnlose Schädigung, Behinderung, Einschränkung, Zerstörung von Leben, Lebensmöglichkeiten und Lebensqualität erlebt, wahrgenommen, erfahren, bewertet bzw. beurteilt wird.13 Da das in verschiedenen Kontexten sehr Verschiedenes sein kann, aber immer etwas ist, das ganz konkret so erlebt, wahrgenommen, erfahren und beurteilt wird, kennt die Umgangssprache eine offene Reihe von Ausdrücken, um das in konkreten Kontexten anzuzeigen, auszusagen und zum Ausdruck zu bringen: ungerecht, gemein, bösartig, schmerzhaft, kopflos, menschenunwürdig, gewalttätig, grob, illegal, brutal, doppelzüngig, betrügerisch, feige, aggressiv, hilflos und vieles andere mehr. Wo immer mit diesen und anderen Ausdrücken konkret von einer Lebensschädigung und Lebensbeeinträchtigung gesprochen wird (›Menschenhandel ist illegal‹), kann auch gesagt werden, dass es böse ist. Diese Redeform ist nicht präziser, sondern nur kürzer. Sie bringt nichts Zusätzliches oder ›Tieferes‹ zur Sprache, sondern der Sinn von ›böse‹ lässt sich stets anhand der Orientierungsleistung angeben, die in den konkreten Wertungen und Beurteilungen in den jeweiligen Lebens- und Praxiszusammenhängen zum Ausdruck kommt, die mit ihm abkürzend und summarisch in Erinnerung gehalten werden.

Diese abkürzende Redeform, die alle konkreten Wertungen in bestimmten Kontexten als Konkretionen von gut und böse versteht, so dass man statt dieser Konkretionen (›Sein Verhalten war gemein‹) immer auch unbestimmter gut und böse verwenden kann (›Sein Verhalten war böse‹), ist umgangssprachlich zuweilen ungewöhnlich, erlaubt aber in knapper Form das zu sagen, was mit diesen vielen verschiedenen Bestimmungen in konkreten Kontexten zur Orientierung des Lebens gesagt wird. Umgekehrt heißt das allerdings auch, dass nichts einfach böse ist, sondern dass sich das, was jeweils ›böse‹ genannt wird, im Horizont der Orientierungsunterscheidungen des jeweiligen alltäglichen, professionellen, wissenschaftlichen, medizinischen, moralischen, ästhetischen, religiösen usf. Praxiszusammenhangs näher bestimmen und konkreter fassen lassen muss.14 Das so regulierte Prädikat ›böse sein‹ fungiert nicht deskriptiv, sondern wertend, es beschreibt keine bestimmte isolierbare Eigenschaft, die sich moralisch oder metaphysisch erforschen ließe, sondern es ist eine Kurzformel für eine Vielzahl sehr verschiedener Prädikate, die in konkreten Kontexten zur Lebensorientierung über das Lebenszuträgliche und Lebensabträgliche, Hilfreiche und Schädliche, Gelungene und Misslungene, Gute und Schlechte, Gute und Böse gebraucht werden. Der Gebrauch des Prädikats ›böse sein‹ signalisiert daher nur, dass es in den entsprechenden Äußerungen (Aussagen, Warnung, Anweisungen, Regeln) um einen lebensorientierenden Hinweis auf etwas geht, was das Leben sinnlos schädig, behindert, beeinträchtigt oder zerstört. Was das im konkreten Fall ist, muss genauer gesagt werden können, wenn der Hinweis orientierungsrelevant sein soll.

3. Leiden und Böses

Leiden in seinen vielfältigen Gestalten gehört zum menschlichen Leben. Nicht nur hat jeder schon physische Schmerzen erlebt.15 Wir kennen auch den Schmerz, wenn uns etwas misslingt, was uns wichtig ist. Wir wissen, was es heißt, durch ein unbedachtes Wort anderer verletzt zu werden oder sie durch unser Gerede zu verletzen. Wir leiden nicht nur an physischen Schmerzen und psychischen Verwundungen, sondern auch an sozialer und ökonomischer Ungerechtigkeit und Ungleichheit, an der unberechtigten Bevorzugung der einen gegenüber den anderen. Wir leiden an politischer Bevormundung, militärischer Gewalt, religiösem Fanatismus, kultureller Intoleranz. Wir leiden an uns selbst. Wir leiden an anderen. Und wir leiden am Leiden anderer. Wer kann es ertragen, angesichts des Leidens eines nahen Menschen nichts tun und nicht helfen zu können? Wer wüsste nach dem 20. Jahrhundert nicht von unvorstellbarem Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen, und sinnlosem Leiden, das unsere Fassungskraft und Vorstellungsfähigkeit bei weitem übersteigt? Wer hätte sich noch nicht gefragt, warum die einen leiden müssen und andere nicht, warum Leid und Leiden so willkürlich verteilt sind im menschlichen Leben, warum es überhaupt Leid, Böses und Übel gibt, oder warum es sie in so unfassbarem Ausmaß gibt?

Die Erfahrung von Leid und Leiden ist nicht die einzige Weise, in der wir die Wirklichkeit von Bösem kennen. Aber es ist eine, die alle Menschen kennen. Alle haben in ihrem Leben mit Leid und Leiden zu tun. Alle kennen damit aus eigener Erfahrung etwas, an dem und durch das ihnen Böses begegnet. Das kann überall im Leben geschehen, aber es geschieht immer so, dass Böses jemandem anhand von etwas begegnet, exemplarisch anhand von (eigenem oder fremdem) Leiden. Nur so wird uns Böses bekannt: als etwas, das sich uns nicht an sich, als solches und durch sich selbst, sondern an anderem, anhand von etwas anderem und durch anderes erschließt. Wo von Bösem geredet wird, ist es deshalb immer richtig, sinnvoll und wichtig zu fragen, was böse ist und für wen es böse ist. Denn nur für jemanden gibt es Böses, und nur anhand von etwas gibt es Böses für jemanden.

Böses ist also nicht einfach, sondern es ist für jemanden da, und es ist für jemanden da nur anhand von anderem und durch anderes, durch das es erfahren und als eine bestimmte Gestalt von Bösem bestimmbar wird. Eine fiebrige Erkältung etwa ist nicht prinzipiell etwas Böses oder Übles. Man hat sie nur, wenn man die entsprechenden körperlichen Beschwerden und Symptome aufweist, die zu einer Erkältung gehören und anhand derer sie als Erkältung identifiziert wird. Diese Beschwerden und Symptome treten immer bei einem bestimmten Menschen auf, um dessen Erkältung es sich handelt. Aber ob dieser die Erkältung als etwas Böses bzw. Übles erlebt, hängt davon ab, ob er dadurch abgehalten wird, an einem Fußballspiel teilzunehmen, auf das er sich gefreut hat, oder ob sie ihm erspart, eine Mathematikarbeit zu schreiben, auf die er sich nicht vorbereitet hatte. Der Unterschied liegt nicht im Phänomen, sondern in der Art und Weise, wie das Phänomen von der betroffenen Person erlebt und im Licht ihrer Präferenzen, Wünsche und Interessen beurteilt wird. Ähnlich ist es auch in Fällen, wo ein und dasselbe Ereignis für die einen etwas Böses ist, für die anderen dagegen nicht. Der Tod eines Menschen kann ein Ereignis sein, das von den einen als großer Verlust und als tiefe Erschütterung ihres ganzen Lebens erlitten wird, während es bei anderen kaum unterdrückte Freude auslöst, weil es das lange Warten auf das so dringend benötigte Erbe endlich beendet. Dasselbe Ereignis ist für die einen ein Übel und für die anderen etwas Gutes.

Weil man bei allem Bösen sinnvoll fragen kann, was und für wen es etwas Böses ist, sind stets zwei Aspekte zu beachten. Zum einen kann etwas Böses immer auch als etwas (ein Ereignis, eine Handlung, ein Geschehen) beschrieben werden, das nicht oder nicht für jeden als Böses bestimmt ist. Zum anderen ist die Wirklichkeit von Bösem kein isoliertes factum brutum, keine eigenständige Realität, die auch wäre, wenn es kein Leben gäbe, für das etwas Übel, Unbill, Untat, Unrecht, Unheil, kurz: Böses ist. Nicht alles kann daher böse und Böses kann niemals die einzige und ganze Wirklichkeit sein. Böses tritt vielmehr stets in weiterem Kontext auf, als Moment von Erlebens- bzw. Sinnzusammenhängen, in denen es anhand von etwas (am Leiden, Übeltun, Unfall, Unglück, Versagen, Nichttun des Gerechten) für jemanden (für bestimmte Menschen, für Gott, für das Gesetz, für Betroffene, für andere Urteilende) durch etwas (durch das Nichtige, die Materie, Gott, den Kontrast zu Gutem, Gerechtem, Schönem, Erwünschtem, Erhofftem) als etwas (als Schockierendes, Abstoßendes, Sinnwidriges, Widersinniges, Unverständliches, Überwundenes, Unvermeidliches) erfahren wird,16 die nicht alle und in jeder Hinsicht ausschließlich böse sein können, wenn Böses in ihnen im Kontrast zu anderem in Erscheinung treten können soll. Böses ist wirklich, weil und insofern es in solchen verschiedenen Hinsichten im Horizont kontingenter Sinnzusammenhänge wahrnehmbar wird und zur Wirkung kommt. Man kann deshalb immer nach dem Ort (woran und für wen?), dem Medium (wodurch und wie?), der Perspektive (von wo aus und in welcher Hinsicht?) und dem Verständnis (als was?) von Bösem fragen, und nur wenn man das fragen kann, hat man wirklich mit Bösem zu tun.

Die Antworten auf diese Fragen können den Bezug auf die kontingenten Sinnzusammenhänge nicht ausblenden, in denen Böses als Übel erfahren und Erfahrenes als Übel und Böses bestimmt werden. Wo Böses erfahren wird, werden (im weitesten Sinn) Übel erfahren, und wo Übel erfahren werden, wird zunächst nicht Übles als etwas, sondern etwas als übel erfahren: eine Krankheit, ein Unfall, ein Betrug, eine Kränkung.17 Das setzt einmal voraus, das man dieses Ereignis unabhängig von seiner Bestimmung als Übel beschreiben kann: die Krankheit als einen physischpsychischen Zustand oder Prozess eines Organismus, den Unfall als eine Folge von Ereignissen, den Betrug als eine bestimmte Handlungsweise. Und es setzt zum anderen ein Verständnis von Übel und von Bösem voraus, das ganz unspezifisch sein mag, sich aber präzisieren lässt, indem man Böses und Übel reflektierend als etwas zu verstehen sucht, also nach dem fragt, wie es von denen verstanden wird, die es als Übel bzw. Böses verstehen.

4. Böses erleiden und Leiden als Böses beurteilen

Da die vom Bösen Betroffenen und die, die es beurteilen, identisch sein können, aber nicht müssen, gibt es auf die genannten Fragen nicht nur eine Antwort, wenn das Erleben und das Beurteilen von Bösem auseinander treten. Was von den einen erlebt wird, kann für sie, muss aber nicht auch für andere ein malum sein, und was andere als böse beurteilen, kann von den Betroffenen selbst anders erlebt werden. Das Erleben von etwas und das Beurteilen von Erlebtem als böse werden damit unterscheidbar, mit erheblichen Folgen. Leiden ist dann nicht mehr mit dem Erleben von Bösem gleichzusetzen, und als böse kann auch das beurteilt werden, was ganz anders erlebt wird. Nicht jeder Schmerz muss als Leiden18 erlebt werden, und auch nicht alles Leiden als böse, wie die z.T. schockierend zu lesenden Leidenstraktate des Mittelalters deutlich machen,19 während umgekehrt das, was von den Betroffenen gar nicht als böse erlebt wird, in der Sicht von Urteilenden böse sein kann.

Der Streit um die Beurteilung von Erlebtem gehört deshalb zur Erfahrung von Bösem: Böses kann auch dort erfahren werden, wo es nicht erlebt wird, und mit der Beurteilung von Erlebtem als böse wird unter Umständen mehr darüber gesagt, als die Betroffenen sagen würden. Deshalb ist Böses nicht auf Leiden zu beschränken und Leiden nicht einfach böse zu nennen, sondern vorsichtiger als ›Ort der Erfahrung von Bösem‹ zu bezeichnen – als der Ort, an dem das, was einem widerfährt, als Böses erfahren werden kann: Leiden ist nicht als solches ein malum, jedenfalls nicht immer, für alle, überall und auf jeden Fall, sondern anhand von Leiden kann Böses erfahren werden und wird es meist auch. Nicht nur Leiden als Widerfahrnis und als Erfahrung sind zu unterscheiden,20 sondern auch Leidenserfahrung und die Erfahrung von Bösem. So ist Leiden Widerfahrnis als pathisches Betroffenwerden durch etwas im Erleben (Magenschmerzen): Man erleidet, was man erlebt, ohne darstellen zu können, was man erlebt und erleidet, da man von ihm passiv überwältigt wird. Dagegen ist Leiden Erfahrung als semiotisches Gestalten (Symbolisieren) dessen, was man erleidet, wenn man erlebt, was einem widerfährt (Hunger): Man erlebt, was man erleidet, indem man es sich aktiv in Zeichenprozessen als einen bestimmten Phänomenkomplex zugänglich macht, der sich semiotisch und sprachlich fortbestimmen und kommunizieren lässt.

Aber auch eine Leidenserfahrung ist als solche noch keine Erfahrung von Bösem, sondern kann das nur sein. Manche hungern aus Lust und verstehen das keineswegs als Erfahrung von Bösem. Sie haben dieselben körperlichen Symptome wie die anderen, machen aber eine andere Erfahrung. Das gilt auch für andere Widerfahrnisse, die man auf gleiche Weise erleiden, aber auf verschiedene Weise erfahren kann. Am Tod eines nahen Menschen wird fast jeder leiden, aber dieser Tod muss nicht in jedem Fall als Böses, sondern kann auch als Erlösung von unerträglichen Schmerzen, als Rückkehr in den Kreislauf der Natur oder als Eingang in das ewige Leben verstanden werden. Das ändert nicht das Leiden an dem Verlust, aber es verändert die Art und Weise, wie dieser erfahren und beurteilt wird und wie man mit und nach ihm weiterlebt: Das Widerfahrnis wird nicht aufgehoben, sondern es wird anders erfahren und beurteilt.

Leiden als Böses erfahren und im Leiden Böses erfahren sind daher wohl zu unterscheiden. Nichts von beidem muss sein, aber beides kann sein. Man muss Leiden nicht als Böses erfahren, wie viele Zeugnisse christlichen Mitleids belegen, ohne es deshalb als Leiden herunterzuspielen oder zu verharmlosen.21 Wer dagegen Böses anhand von Leiden erfährt, der nimmt das, was ihm widerfährt, als Böses wahr, weil er dieses Leiden, oder das, was es auslöst, als etwas Böses erfährt und beurteilt. Wo Böses erfahren wird, wird zunächst nicht Böses als etwas, sondern etwas als böse erfahren – wird das, was einem widerfährt, als Böses erfahren.

Das setzt ein Verständnis von Bösem voraus, das ganz unspezifisch sein mag, sich aber präzisieren lässt, indem man Böses reflektierend als etwas zu verstehen sucht. Wer Böses erfährt, also das, was ihm widerfährt, als Böses erfährt, wird vor Fragen gestellt, denen er sich nicht entziehen kann, weil auch sich nicht mit ihnen auseinander zu setzen eine Weise ist, eben das zu tun: Warum ich? Warum das? Warum jetzt? Warum so? Jede Auseinandersetzung mit solchen Fragen ist ein Prozess, der von der Erfahrung von etwas als böse zur Bestimmung von Bösem als etwas und zurück in die Erfahrung führt: Bestimmte Erfahrungen (›Peter hat Leukämie‹) werden im Licht eines lebenspraktisch und kulturell vermittelten Verständnisses von Bösem als Erfahrungen von Bösem (›Leukämie ist eine schreckliche Krankheit‹) erlebt und bestimmt. Diese werden reflektierend mit anderen derartigen Erfahrungen verglichen, semantisch verdichtet und im kulturellen Diskurs über Böses auf Konzeptionen von Bösem (›Böse ist alles, was ein Leben schädigt oder beeinträchtigt‹) hin weiter bestimmt. In deren Licht werden dann wiederum Erfahrungen von Bösem gemacht, also das, was einem widerfährt, als Böses erfahren und beurteilt, und zwar sowohl im Blick auf aktuelle Erfahrungen als auch retrospektiv in einer differenzierenden Neubeschreibung früherer Lebenserfahrungen im Licht des gewonnenen Verständnisses von Bösem.22 Die eigene Lebens- und Erfahrungsgeschichte wird so immer wieder neu beschrieben, weil neue Erfahrungen von Bösem das Verständnis von Bösem weiter zu bestimmen nötigen und jedes veränderte Verständnis des Bösen die Revision und Neubeschreibung früherer Erfahrungen nahe legt und nötig macht.23

dassböse ist24