Gesine Wulf und Hannes Leitlein

Warum wir
heiraten


Zwölf Paargeschichten

Cover

Titel

Vorwort

Kathleen & Stefan

Miriam & Jochen

Luise & Gustav

Markus & Sebastian

Hannah & Miguel

Odeke & Steve

Valeria & Andrej

Annika & Quentin

Daniela & Marc

Anita & Hans-Joachim

Katharina & Sule

Lisa & Timo

Danksagung

Die Autoren

Impressum

VORWORT

Die Ehe ist das letzte Abenteuer Europas, hat einmal eine alte Dame gesagt. Die alte Dame ist als junges Mädchen auf hohe Berge gestiegen, sie konnte ein Flugzeug fliegen und durch winterkalte Seen schwimmen, als sich all das für Frauen noch nicht gehörte. Sie hat sich mehrfach mit dem Tod angelegt und ist durch dunkle Täler des Lebens getaumelt. Sie lernte die Sprachen fast verschwundener Völker. Doch auf die Frage, was ihr größtes Abenteuer war, sagte sie: meine Ehe. Da habe sie all ihren Abenteuergeist gebrauchen können, ihre Lust an fremden Welten, ihre Beharrlichkeit, ihre Freude am Widerwort, ihre Leidenschaft für Veränderungen. Das klingt nicht gerade nach einer gängigen Ehebeschreibung. Lange galt sie als Relikt einer fast vergangenen Epoche, eher Fessel als Bindung, eher Zeichen von Feigheit als von Mut, gestiftet aus der Sehnsucht nach Sicherheit, wenn sich die Suche nach dem ganz großen Liebesglück schon verflüchtigt hat. Hafen statt hohe See, neue Steuerklasse statt neue Welt. Oder die Ehe wurde zum kitschigen Traumentwurf des ganz normalen Liebeschaos, das Bild von Mr. und Mrs. Right in der Vielzahl schier unendlicher Varianten des Sich-Verliebens und Sich-Entliebens, der ersehnte Endpunkt einer Freiheit, die zur Überforderung geworden ist. Wer die Porträts der Heiratswilligen in diesem Buch liest, ahnt, was die alte Dame meinte. Die Ehe ist das letzte Abenteuer Europas, ein Wagnis, das Menschen sehenden Auges eingehen. Sie zeigen den Statistiken eine lange Nase und wehren sich dagegen, dass die Scheidungserfahrungen in Familie und Nachbarschaft ihnen die Vorfreude auf die Ehe vermiesen. Diese Mischung aus Mut und Vertrauen in einen möglichen guten Ausgang verbindet alle Paare, deren Geschichten die Autoren für dieses Buch aufgeschrieben haben, auch wenn ihre Gründe fürs Heiraten unterschiedlich sind. Noch eines verbindet die Paare, die ansonsten so verschieden sind wie ihre Biografien: Alle streben den »Statuswechsel«, wie er auf der Facebook-Seite lakonisch vermeldet wird, aus freien Stücken an. Längst ist die Ehe nämlich ein wunderbar modernes Freiheitsparadox. Niemand heiratet noch, weil er oder sie »muss«, weil die Eltern es wollen oder die Gesellschaft das erwartet, weil ein Kind unterwegs ist oder damit die Nachfolge im Familienunternehmen gesichert ist. Man kann als unverheiratetes Paar eine Wohnung mieten und seine Kinder taufen lassen, den Beruf ergreifen, den man möchte, und Hotelzimmer buchen, ohne zu schummeln. Wer heute heiratet, geht die Bindung aus freien Stücken ein. Dieser lebenslange Freiheitsverzicht wird von den Heiratsmutigen als Freiheitsgewinn beschrieben, obwohl die Ehe als lebenslange Verantwortungsgemeinschaft so gar nichts mit der Projektitis dieses Jahrzehnts zu tun hat, wo nur dann Engagement erwartet werden kann, wenn ein (erfolgreiches) Ende in Reichweite liegt. Die Ehe ist kein Projekt. Das wissen alle, die heiraten wollen. Bis dass der Tod uns scheidet, dieser kühne Satz ist keine ritualisierte Rollenprosa, der Satz ist ein Bekenntnis und eine Hoffnung, auch dann, wenn diese Hoffnung mit einem anderen Menschen schon einmal gescheitert ist. Und noch was spürt man den Paaren ab: Ehe ist mehr als das hoch individuelle Bündnis von zwei Menschen. Die Ehe als solche, als Institution, als Lebensform, die größer ist als man selbst, als die eigenen Zweifel und die eigenen Hoffnungen, ist nicht vollends diskreditiert. Im Gegenteil. Sie wird als Schutzraum gegen die eigene Bedenkenträgerei empfunden, als umzäunter Garten, in dem es ruhig mal wild zugehen darf. Kein Garten Eden, sondern ein Habitat, in dem Menschen zusammen wachsen, einander Raum geben und sich so stärker machen, als sie es alleine je sein könnten, auch wenn es zwischendurch mal stachelig wird. Im Grunde ist die Ehe das Palliativ gegen eine triviale Auffassung von Autonomie: die Einsicht, dass Menschen nur in Beziehungen wirklich frei sein können. Das »Ja, ich will« wird für viele auch deshalb zu einem »Ja, mit Gottes Hilfe«, weil sich längst rumgesprochen hat, dass der Beziehungswille an Grenzen kommt und auch belastbare Verbindungen porös und brüchig werden können. Dieses Buch ist kein Appell. Es moralisiert nicht. Es lässt die Leserinnen und Leser hinter die Kulissen von Brautkleidern und Hochzeitskutschen schauen. Es verführt zum Heiraten im Bewusstsein, dass es für die Lebensform der Ehe Trotz und Segen braucht. Es gibt mehr Abenteurer als man denkt.

Dr. Petra Bahr

Kulturbeauftragte des Rates der EKD

Kathleen & Stefan


Darf ich dich
küssen?

Kathleen wollte eigentlich gar nicht ausgehen. Silvester 2010/​2011. Das Jahr war geschafft, aber so richtig glücklich hat es sie nicht gemacht. Es begann mit einer Trennung. Dann gab es noch zwei verkorkste Anfänge. Ihr war nicht nach Feiern zumute. Doch ihre Freundin Jule überredete sie, mitzukommen, anstatt sich zu Hause auf dem Sofa zu verkriechen. Drei Freundeskreise hatten sich zu einer Silvesterparty zusammengetan in einem Penthouse in der Leipziger Innenstadt. Das Motto war »Schwarz Weiß«, die Gesellschaft entsprechend elegant. Stefan lebte erst seit Kurzem in der Stadt und Franz, Offizier wie er, aber Einheimischer, hatte ihn zu dieser Party mitgeschleppt. Als Stefan eintraf, verstopften viele Leute den Flur. Er bekam sofort ein Glas Ramazotti in die Hand gedrückt und noch bevor er einen Schluck getrunken hatte, schwappte der Kräuterlikör im Gedränge gegen die weiße Wand. »Ich stand direkt daneben und habe geholfen, es aufzuwischen. Mir tat er leid. Ich dachte, das hätte auch ich sein können. Die anderen reagierten nur mit ›Och, der Knallo‹«, erinnert sich Kathleen. So sind sie sich begegnet. Stefan war sofort neugierig auf diese attraktive Frau. Schlank, lange schwarze Haare, ein wacher Blick unter dem Pony. Sehr herzlich, offen, natürlich. Und dieses Lächeln. Zurückhaltend wie er ist, ließ er sich aber nichts anmerken. Kathleen hatte in dieser Nacht so gar keine Antennen für einen Mann, der ihr gefallen könnte, dem sie gefallen könnte. Später am Abend kamen sie nebeneinander zum Sitzen und begannen ein Gespräch, das die Zeit vergessen ließ. Kathleen war überrascht, als ihre Freundin kam und sagte, es sei gleich Mitternacht. Sie gingen auf die Dachterrasse, aus der Ferne prosteten sie sich zu. Später zogen sie noch in den Club »Velvet«. Stefan suchte immer wieder den Blick von Kathleen, ihre Nähe, aber ohne Echo. Gegen 5 Uhr am Morgen verschwand Kathleen. Franz fragte sie im Weggehen noch: »Hast du die Telefonnummer von Stefan?« Kathleen waren Stefan und eine Telefonnummer zu dieser Stunde ziemlich egal, sie wollte nur noch ins Bett. Als Stefan sich verabschiedete, gab Franz ihm einen Zettel mit Telefonnummer und sagte: »Die soll ich dir geben von Kathleen.« Das hat ihn gefreut, er wusste ja nicht, dass der Freund Amor spielen wollte. Als Kathleen am Neujahrstag vor dem Rechner saß, fand sie unter den Vorschlägen für Freundschaftsanfragen auf Facebook auch Stefan. Jetzt, so bei Lichte betrachtet und völlig nüchtern, erinnerte sie sich gern an ihn und schickte spontan eine Freundschaftsanfrage. Stefan saß auch am Rechner und bekam nun das zweite Signal von dieser tollen Frau. Er reagierte gleich und fragte, ob sie mal eine Limo trinken gehen wollten. Da traf er genau Kathleens Humor. Nach der durchzechten Silvesternacht war eine Limo eine gute Idee. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag. Es war Sonntag. In diesem Online-Chat tauschten sie auch ihre Telefonnummern aus und Stefan merkte, dass in der Nummer aus der Nacht ein Zahlendreher war und sie gar nicht funktioniert hätte. Er bot an, sie abzuholen. Das war Kathleen noch nie passiert. Jetzt funkte es auch bei ihr. Sie hatte ein Date. Das machte sie nervös. Am Sonntag saßen sie im »Koslik« und erzählten sich alles. Alles, was wichtig ist, was der andere sofort wissen sollte. Zu diesem schonungslosen Kennenlernen gehörte auch, dass Stefan von seiner Arbeit bei der Bundeswehr erzählte und dass er in einem Jahr nach Afghanistan gehen würde für sechs Monate.

VORNAME

Kathleen

Stefan

GEBOREN

1978

1980

GEBURTSORT

Leipzig

Schmalkalden

AUFGEWACHSEN IN

Leipzig

Trusetal

BERUF

Kosmetikerin,

Offizier,

Podologin,

Erziehungs-

Dozentin

wissenschaftler

WOHNORT

Leipzig

KENNENGELERNT

Silvester 2010/​2011

VERLIEBT

2. Januar 2011

VERLOBT

14. Februar 2013

VERHEIRATET

7. September 2013

Kathleen erzählte, wie sie das Abitur gemacht hat und dann doch Kosmetikerin wurde wie ihre Mutter, als sie merkte, dass Soziologie nicht ihr Fach war. Inzwischen ist sie Dozentin für Podologie, medizinische Fußpflege, an der Berufsschule. Beide mussten sehr schnell ein paar Vorurteile über Bord werfen. Kathleen, die die Armee bisher nur als große Schwester eines Grundwehrdienstleistenden kannte und die Sitten in der Kaserne furchtbar fand. Stefan, der dachte, dass Kosmetikerinnen vielleicht zu blond sind im Kopf. Es wurde ein reges, langes, bewegendes Gespräch. Da passte soviel zusammen. Stefan fuhr Kathleen nach Hause und fragte sie vor der Haustür: »Darf ich dich küssen?« Für den Offizier war die Frage ein Zeichen des Respekts, die normalste Sache der Welt. Für Kathleen war es noch ein Hinweis, wie besonders er ist. Das hatte sie noch nie jemand gefragt. Die Antwort konnte nur ein Kuss sein.

Jetzt fühlte sich alles richtig an.
Dann sollte man auch das tun, was man richtig fand und zusammenziehen.

Das zweite Date war ein Dinner in Stefans Wohnung, er kochte für sie Lauch-Sahne-Hühnchen mit Tagliatelle. Es schmeckte wunderbar. Seine Wohnung war so stilvoll eingerichtet und aufgeräumt, dass Kathleen dachte, hier hat eine Frau geholfen. Aber das ist eben Stefan. Ein ziemlich selbstständiger, aufgeräumter Mann. Athletisch, groß, freundlich und die Ruhe im Sturm. So empfand es Kathleen, die impulsiv und emotional in die Welt geht. Wenn er bei ihr war, wurde sie ruhig, gelassen. Seit der ersten Nacht waren sie unzertrennlich. Schon kurz darauf lernte Stefan Kathleens Eltern bei einem Heimspiel ihrer Volleyballmannschaft kennen. Im Mai 2011 gab es am Gewandhaus ein künstlerisches Projekt, das die Einsatzerfahrungen von Soldaten musikalisch verarbeitete. Stefan war einer der Soldaten, er berichtete von seinem Einsatz im Kosovo. Stefans Vater und Stiefmutter kamen zur Aufführung, Kathleens Eltern und Großeltern auch und so lernten sich beide Familien schnell kennen. »Das zeigt, wie sicher wir uns waren«, sagt Stefan. Dieser Familiensinn ist es auch, den er an Kathleen so schätzt. Ganz entspannt, nicht als Pflichtveranstaltung, sondern meistens herzlich und herzhaft, wenn’s mal Ärger gibt. In den Jahren bei der Bundeswehr war er viel umgezogen, weit weg von seiner Familie, seiner Heimat. Dabei hatte er sich das immer gewünscht: einen Ort, an dem die Familie wohnt, zu Hause ist. Deshalb wollte er auch nicht Berufssoldat werden. Er hatte gemerkt, dass er irgendwann bleiben will und nach 14 Jahren seinen Abschied von der Bundeswehr für März 2013 geplant.

Den ersten Urlaub verbrachten sie auf Ibiza. Das war nicht so romantisch, wie sie sich das geträumt hatten, aber tat dennoch gut. Danach hatte Kathleen das Gefühl, jetzt könnten sie auch zusammenziehen. Als Stefan ihr sagte, er müsse zu Ikea, um noch etwas für die Küche zu besorgen, hatte sie den perfekten Moment für ihre Idee gefunden: »Du, wenn wir schon mal da sind, könnten wir gleich einen großen Kleiderschrank kaufen, und dann ziehe ich zu dir.« Stefan schluckte. Er hatte sich das auch schon überlegt, aber für die Zeit nach Afghanistan geplant, also ein Jahr später. Es leuchtete ihm sofort ein, dass Kathleen sich nicht um zwei Wohnungen kümmern wollte, wenn er weg sein würde. Also zog sie nach acht Monaten bei ihm ein. Stefan hatte noch nie zuvor mit einer Freundin zusammengewohnt. Aber jetzt fühlte sich alles richtig an. Dann sollte man auch das tun, was man richtig fand. Genau das hatte sich Kathleen gewünscht, eine Liebe, die einfach so liebt, wie es kommt. »Das hat mich umgehauen, dass es so unkompliziert ist. Kein Ich-muss-erst-mal-nachdenken, Ich-weiß-nicht-so-recht und meine Psychosen und was man sonst alles hört. Nein. Was muss man darüber nachdenken oder zehnmal drüber reden. Es ist einfach Liebe. Völlig unkompliziert, unbeschwert, schön. Deshalb haben wir auch geheiratet.«

Stefan hatte sich vorgenommen, Kathleen nach Afghanistan einen Heiratsantrag zu machen. Aber da war ihr Glück schon wieder schneller als sie. Kathleen war schwanger. Im letzten Heimaturlaub war ihnen diese Überraschung gelungen. Stefan freute sich auf seine Familie und ging in den letzten drei Wochen Einsatz nicht mehr raus. Er war Aufklärer. Er kannte das Risiko. Seit der Nachricht von der Schwangerschaft wollte er nichts mehr riskieren. Im September war er wieder bei Kathleen. Sie hatten auch diese Prüfung gut überstanden. Doch bei einem Ultraschalltermin in der 20. Woche begann der Arzt merkwürdige Sachen zu sehen. Das Kind würde sich nicht bewegen, vielleicht eine Muskelerkrankung? Was für eine Frage, möchten sie ein Kind, das im Rollstuhl sitzen muss? Aber natürlich. Das ist doch kein Problem, dachten sie. Das machte ihnen keine Angst. Aber es blieb etwas Beunruhigendes, ein merkwürdiges Gefühl. Sicherheitshalber suchten sie eine Spezialpraxis für Feindiagnostik in Berlin auf. Da klang das alles ganz anders, viel kritischer. Nicht nur für das Kind, sondern auch für Kathleen. Die Symptome und Auffälligkeiten waren so gravierend, dass man nicht einmal wusste, ob das Kind lebensfähig geboren und wie Kathleen die Geburt überstehen würde. Was für ein Schock! Eine Qual. Ein Schmerz. Sie mussten stark sein und eine schwere Entscheidung treffen. Für sich, für ihr Kind. Es kam im sechsten Monat tot zur Welt. Es wog über 500 Gramm und sie mussten es beerdigen – so sieht es das Gesetz vor. Sie nannten das Mädchen Pauline. Sie beerdigten es. Sie trauerten. Sie blieben Weihnachten lieber in aller Stille daheim, sie verbrachten Silvester zu zweit. Ein Lied wurde in dieser Zeit zu ihrer Hymne, Hymne ihrer Trauer und ihrer Hoffnung. Ella Endlich singt zur Filmmelodie des tschechischen Märchenfilms »Aschenbrödel und die drei Haselnüsse«:

Küss mich, halt mich, lieb mich

(Textdichter Marc Hiller)

Wenn es dich doch gibt

ein Herz nur für mich schlägt

Wer sagt mir heut was Morgen noch zählt

Wird die Welt bald neu geboren

Der Weg ist mit Blumen und Sternen gesät

Ich spür mein Held wird kommen

Siehst du was ich seh

auch Wunder können geschehen

Dann wünsch ich mir Flüsse die Wasser noch führ’n

Dornen die weichen und Rosen die blüh’n

Küß mich – Halt mich – lieb mich

für immer 

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Textdichters ©Marc Hiller und des Verlags ©Provox music publishing, Prag veröffentlicht.