Plaudereien

an Luthers Tafel

KÖSTLICHES UND NACHDENKLICHES

MARTIN LUTHER | Eingeleitet, zusammengestellt und herausgegeben von Thomas Maess

Die Texte in diesem Buch sind so ausgewählt, dass sie möglichst viele Lebensbereiche einschließen und unterhaltsam bleiben. Theologische Dispute wurden weitgehend ausgeklammert; ebenso auch Textstellen, die Personen zum Thema haben, die uns heute unbekannt sind. Die Auswahl entspricht keinen wissenschaftlichen Methoden oder Vorgaben.
Die Lutherforschung wurde nur insoweit genutzt, als die Texte aus unterschiedlichen Veröffentlichungen stammen, die als wissenschaftliche Editionen gelten. Aber auch populäre Ausgaben der Tischreden Luthers wurden für diese Ausgabe herangezogen. Besonders danke ich dem Präsidenten der Luther-Gesellschaft, Johannes Schilling, für seine bei Reclam erschienene Publikation „Luther zum Vergnügen“ (2008). Die Ausgabe „Tischreden“ von Kurt Aland im gleichen Verlag (1959) wurde ebenfalls für dieses Buch kräftig genutzt.

Worüber Luther in diesem Buche plaudert

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Zur Einführung

Was Luther über Deutschland und andere Länder meint

Martin Luther über Sex, die Frauen, die Liebe und die Ehe

Was Luther zur Obrigkeit, den Fürsten und der Politik zu sagen weiß

Martin Luther zu Haus und Hof und diesem und jenem

Martin Luther weiß: Fröhlichkeit und Trauer liegen eng beieinander

Luther und die menschlichen Schwächen

Was Luther über die Prediger und die Predigten zu sagen weiß

Martin Luther über das liebe Geld und den Reichtum

Martin Luther über die Sprache und die Sprachen

Musik zählt zu Luthers Lieblingsthemen

Was Martin Luther über sich selbst sagt

Luther über Gott und die Welt, Tod und Teufel

Sprachwitz und Redewendungen, die auf Luther zurückgehen

Über den Autor

Impressum

Zur Einführung

Luthers Tischreden sind legendär. Generationen von christlichen Familien, von Theologen, von Sprachforschern, Dichtern und solche, die sich dafür hielten, haben in den Tischreden reiche Beute machen können. Sie sind eine unerschöpfliche Quelle für theologische Dispute, für Volkswitz und Volksweisheit, für Zitatenbücher und deftige Sprüche.

Martin Luther hat kein Thema ausgelassen, über das er nicht bei Tische geplaudert hat. Eifrige Studenten, Kollegen, Gäste und Freunde schrieben auf, was der Hausherr Martin Luther während der ziemlich üppigen Mahlzeiten von sich gab. Die Überlieferungen sind in verschiedenen Ausgaben der Werke Martin Luthers niedergelegt, nachlesbar in unterschiedlichen Schreibweisen und unterschiedenen sprachlichen Angleichungen. Leider gibt es keine Originalhandschriften der Aufzeichnungen mehr, nur noch Abschriften. Im Jahr 1566 erschien bereits die erste Tischredenausgabe im Druck. Durch den Vergleich verschiedener Handschriften und Drucke konnten seither immer vollständigere Ausgaben hergestellt werden. In der letzten wissenschaftlichen Ausgabe der Tischreden, die von 1912 bis 1921 in Weimar erschien, zählt man über 7.000 lateinische und deutsche Redenachschriften.

Was aber alle diese Überlieferungen vereint, das ist die Freude an der Formulierung, der Witz, die sprachliche und gedankliche Tiefe, die pointierten Sprüche, die gelungenen und weniger gelungenen Urteile über Zeitgenossen, Ansichten, Meinungen oder Persönlichkeiten. Mit Luthers Tischreden können wir auf eine unterhaltsame Weise tief in das 16. Jahrhundert blicken – ein Jahrhundert, das in Deutschland und Europa ansonsten keinesfalls unterhaltsam ablief.

Mit der deutschen Sprache ging Martin Luther so überzeugend um, dass seine Worte sehr schnell die Runde machten: bei Studenten, an der Wittenberger Universität, an den deutschen Fürstenhöfen und natürlich in den Pfarreien, die sich der Reformation anschlossen. Man muss sich klarmachen, dass damals die lateinische Sprache in den Kirchen, den Hörsälen und vielfach auch in den Verwaltungen vorherrschte. Das reformatorische Anliegen Martin Luthers aber wurde zunehmend mit der deutschen Sprache verknüpft. Das „Luther-Deutsch“ wurde zu einem entscheidenden Instrument in den Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts.

Martin Luther selbst kannte von seinem Elternhaus her das Thüringische; in seinem Geburtsort Eisleben und später in Mansfeld, wo der Vater als Unternehmer im Bergbau tätig war, sprach man niederdeutsch, auch in Wittenberg wurde neben dem Mitteldeutschen das Niederdeutsche noch gesprochen. Während seiner Universitätsjahre 1501 bis 1505 lernte er das Lateinische beherrschen. Doch Luthers Heimatgebiet, die Stätte seines hauptsächlichen Wirkens, Wittenberg, lag ungefähr auf der Grenze vom niederdeutschen zum mitteldeutschen Sprachraum. Dieser Raum, im damaligen ostdeutschen Gebiet liegend, sollte für die Herausbildung des modernen Deutsch von herausragender Bedeutung werden. Die umwälzenden Ereignisse der Reformation haben diese ostmitteldeutsche Sprachform bis in den Süden Deutschlands getragen. Da Luther dabei die „gemeine Sprache“ ganz bewusst pflegte und auch in den theologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit nutzte, wurde sie zu einem starken nationalen Kommunikationsmittel; wie eine Lawine erfasste diese Sprache alle Schichten des Volkes.

Wie die Tischreden zeigen, ist Luthers Sprache nicht nur präzis treffend, sie ließ auch manches Mal die im 16. Jahrhundert ohnehin sehr weitgesteckten Grenzen der Höflichkeit hinter sich. So ist uns eine kurze Charakteristik über Luther von dem Rektor der Leipziger Universität, Petrus Mosellanus, aus dem Jahre 1518 überliefert: Martinus ist mittlerer Leibeslänge, von hagerem, durch Sorgen und Studieren erschöpftem Körper, sodass man fast die Knochen durch die Haut zählen könnte, von männlichem, frischem Alter und hoher, klarer Stimme. Er ist aber voller Gelehrsamkeit und vortrefflicher Kenntnis der Schrift  Es fehlt ihm auch nicht an Stoff, und er hat einen großen Vorrat an Worten und Sachen. Im Leben und in seinem Betragen ist er sehr höflich und freundlich und hat nichts Strenges und Sauertöpfisches an sich, er kann sich in alle Zeiten schicken. In Gesellschaft ist er lustig, scherzhaft und immer freudig, immer munteren und fröhlichen Gesichts, ob ihm auch die Widersacher noch so drohen. Nur den einen Fehler tadeln alle an ihm, dass er im Schelten etwas zu heftig und beißend sei, mehr als es für einen, der in der Theologie neue Pfade finden will, sicher und für einen Gottesgelehrten schicklich ist.

Es war das Jahr 1508, als Martin Luther an der Universität zu Wittenberg mit Studien und Lehre seine akademische Laufbahn begann. Er wohnte im „Schwarzen Kloster“, einem Bau, der von den Augustinern als Bildungsstätte und Schlafhaus errichtet wurde. Nach der Reformation, im Jahr 1524, als das Kloster verwaist war, bekam es Martin Luther aus der Hand des Kurfürsten geschenkt. Er wohnte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1546. Vorwiegend in diesem Haus, das heute als Museum eingerichtet ist, wurden die legendären „Tischreden“ gehalten. Man schätzte die Reden, die Luther in großer Tafelrunde gehalten hat; sie bestimmten vielfach die Stadtgespräche in Wittenberg. Keineswegs wurden sie chronologisch sauber aufgeschrieben, redigiert und von dem Hausherrn autorisiert. Nein, es gibt sehr viele Nachschriften, und es ist nahezu unüberschaubar, was denn nun wirklich authentisch von Luther gesagt wurde. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn derbe Sprüche oder schöne Bonmots, kleine Bosheiten oder brillante Redewendungen Dr. Luther zugeschrieben wurden, auch wenn sie nachweislich nicht von ihm stammten. Dazu zählt zum Beispiel das vielzitierte Wort vom Apfelbäumchen: Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Ebenso stammt das kleine Gedicht

Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,

der bleibt ein Narr sein Leben lang.

kaum von Luther – zuzutrauen ist es ihm aber.

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