Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Band 14

Thomas Mayer

Der nicht aufgibt

Christoph Wonneberger - eine Biographie

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Gesamtgestaltung: behnelux gestaltung, Halle/Saale

Coverbild: Christoph Wonneberger © Andreas Döring

ISBN 9783374038695

www.eva-leipzig.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Eine Sternstunde

»Wonni« ist so frei

Schlosser bei Diamant

Zum ersten Mal Leipzig

Eine versuchte Anwerbung

Prager Erkenntnisse

Wunderbare Jahre

Im Weinberg in Dresden

Geburt der Friedensgebete

Eine Gewissensfrage

Heirat und Fasten

Die Freiheit des Narren

Zurück in Leipzig

Konzert mit dem Staatsfeind

Populäre Gebete

Lieber Bruder Wonneberger

Kampf um die Wahrheit

Symbol der Freiheit

Der Ton wird schärfer

Treff bei Lukas

Der 25. September 1989

Gepaart mit Gottvertrauen

9. Oktober - Tag der Entscheidung

Warum ein Atheist die Kirche braucht

Ute, die Frau an seiner Seite

Drei Brüder

Pfarrer ohne Worte

Aus mit 47

Josef und Marie

Der schwierige Bruder Wonneberger

Erinnerungen des Telefonisten

Oliver Kloss, ein enger Vertrauter

Pfarrerfreund Turek

Hausmann und Bundesverdienstkreuz

Helden-Bambi

Geist(lich) vereint

Der Provokateur träumt

Ein Mann für’s Museum

Nachwort (Lutz Rathenow)

Zum Autor

weitere Bücher

»Ich habe gelernt von Gandhi, wie gewaltfreie Aktion funktioniert.
Damals in Indien. Ich lernte von Martin Luther King,
zehn Gebote für die Bürgerrechtsbewegung. Damals in den USA.«

Christoph Wonneberger, 2012 in Leipzig
in einer Debatte mit Jugendlichen
im Zeitgeschichtlichen Forum

Eine Sternstunde

»Wonni«, so nennen ihn zu gern seine Freunde, ist eine der Schlüsselfiguren der Friedlichen Revolution im Herbst 1989. Christoph Wonneberger und seinesgleichen schrieben Geschichte. Und die ist signifikant an einem Montag im beginnenden Revolutionsherbst 1989 festzumachen. Am 25. September ist wie üblich zu Wochenbeginn Friedensgebetszeit in St. Nikolai im Herzen von Leipzig. Die Andacht gestalten diesmal die Bürgerrechtsgruppe Menschenrechte und Christoph Wonneberger, Pfarrer der Lukaskirche in Leipzig-Volkmarsdorf. In überdeutlichen Worten sprechen Wonneberger und seine Mitstreiter der Leipziger Bürgerrechtsgruppen über die Lage im Land, die geprägt ist von innerem und auch äußerem Aufruhr und immer mehr von Angst.

Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer begrüßt die Teilnehmer des Friedensgebets, er verweist darauf, dass die Kirche wegen Überfüllung geschlossen werden muss und draußen unzählige Menschen stehen. Wonneberger sagt wenig später in seiner Predigt: »Mit Gewalt, so der Friseurgehilfe, das Rasiermesser an meiner Kehle, ist der Mensch nicht zu ändern.« Lachen und Beifall. Wonneberger weiter: »Mit Gewalt ist der Mensch durchaus zu ändern. Mit Gewalt lässt sich aus einem ganzen Menschen ein kaputter machen.« Immer wieder Beifall. Man denkt jetzt im Kirchenraum vor allem an die inhaftierten Freunde, die in den vergangenen Tagen und Wochen, wie es im Stasi-Jargon heißt, »zugeführt« wurden und in U-Haft sitzen. Wonneberger: »Wer Gewalt übt, mit Gewalt droht und sie anwendet, wird selbst Opfer der Gewalt. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Wer die Kalaschnikow nimmt, hat mit einem Kopfschuss zu rechnen. Das ist nicht begrüßenswert, ich finde, das ist einfach so. Wer eine Handgranate wirft, kann gleich eine Armamputation einkalkulieren. Wer einen Bomber fliegt, erscheint selbst im Fadenkreuz. Wer einen Gummiknüppel schwingt, sollte besser einen Schutzhelm tragen. Wer andere blendet, wird selbst blind. Wer andere willkürlich der Freiheit beraubt, hat selbst bald keine Fluchtwege mehr.«

Langer Beifall. Predigt, Gebet und Segen. Nach einer Stunde fassen sich die Menschen an den Händen und singen in der Nikolaikirche Pete Seegers Protestsong »We Shall Overcome«. Man zieht nach draußen, weitere tausende Menschen schließen sich an. Jetzt wird die »Internationale« angestimmt. Der Zug mit über 4000 Demonstranten bewegt sich Richtung Hauptbahnhof. Der Spruch »Neues Forum zulassen« erklingt. In einem Dokument der SED-Bezirksleitung Leipzig ist später von »Verkehrsstörungen« die Rede. Die Bewegung wäre nur durch den Einsatz von polizeilichen Hilfsmitteln zu verhindern gewesen, was aber nicht geschah. Die Staatsmacht wird überrascht von den Menschen auf der Straße. Während der Leipziger SED-Stadtleitungssitzung vom 28. September hält der 1. Sekretär Joachim Prag eine Rede, er sagt über das Friedensgebet vom vergangenen Montag: »Pfarrer Wonneberger hat sozusagen die Predigt gehalten. Mit solchen Worten: Wer den Knüppel nimmt, muß selbst den Helm aufsetzen … Menschen werden furchtbar aufgewiegelt und erhalten in der Kirche Verhaltensmaßregeln.«

Die Friedliche Revolution nimmt ihren Lauf, obwohl die SED-Mächtigen noch nicht willens sind, von der Macht zu lassen. Über mutige Leute, die dieser Zeitenwende ihre menschliche Dimension gaben, ist viel geschrieben worden. Über einen allein muss aber endlich geschrieben werden. Über »Wonni«, über Christoph Wonneberger. Er ist bereit, sich zu erinnern. Freunde und Mitstreiter bestätigen ein Vierteljahrhundert nach einer noch heute kaum fassbaren Zeitenwende, die vor allem von Sachsen aus und in den Städten Leipzig, Dresden und Plauen ihren Ursprung hatte: »Wonni lehrte uns in tiefsten Zeiten der Diktatur demokratisches Verhalten, begeisterte uns für Freiheitsdenken und nahm uns die Angst vor einem allgegenwärtigen Geheimdienst.« Ein Buch über Wonneberger ist auch eins über Freunde, Familienangehörige, also über Weggefährten, die ihn in seinem Leben begleitet haben. Geschichte wird in Geschichten reflektiert, und in Gesprächen werden Erinnerungen wach, die zwar schon 25 Jahre und älter sind, aber dennoch so authentisch präsent, als wären sie erst gestern geschehen.

»Wonni« ist so frei

An einem Abend im Herbst 2012: Der Lions-Club »9. Oktober 1989« will an diesem Abend seinem Namen Ehre machen und hat sich Christoph Wonneberger als Gast eingeladen. Der Pfarrer i. R. erzählt im Vortragssaal der Leipziger Stasi-Unterlagenbehörde fast humorvoll aus seinem Leben. Die Zuhörer, meist alt-westdeutscher Herkunft, sind von Wonneberger auf eine besonders persönliche Art positiv eingenommen. »So authentisch haben wir die Geschichte der Friedlichen Revolution bisher noch nicht gehört«, heißt es später. Wonneberger spricht ja auch wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Natürlich frei, mitunter fehlt ihm jedoch das passende Wort, was aber nicht seiner Aufregung, sondern den Nachwehen eines Gehirninfarktes geschuldet ist. Der Zusammenbruch hatte ihn am 30. Oktober 1989, einem Montag mit 300.000 demonstrierenden Menschen in Leipzig, unvermittelt getroffen. Wonneberger ist nun nach Jahren der mühsamen, aber doch fast vollständigen Gesundung wieder resolut genug, sich aus den sporadisch auftretenden Nachwehen nichts zu machen. Er hat vor allem seine Courage zurückgewonnen, um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er nimmt sich die Freiheit und traut sich wieder was. Das beeindruckt die Zuhörer genauso wie seine Geschichte(n), die er authentisch erzählen kann.

Frei sein. Das war und das ist nun mal Wonnebergers Lebensmotto. Er sagt mit tiefer Überzeugung und dabei durchaus doppeldeutig: »Ich bin so frei.« Das ist schon so in Wiesa im Erzgebirge, wo er 1944 geboren wird. Sein Vater Erhard Wonneberger ist hier Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Gemeinde nahe Annaberg-Buchholz und als Seelsorger vom Fronteinsatz verschont geblieben. Er ist ein Theologe, dem die »Bekennende Kirche« von Karl Barth nahe ist. Der Krieg ist hier oben in der sächsischen Provinz bei weitem nicht so gegenwärtig wie in den großen Städten.

Foto: privat /  Archiv Wonneberger

Die St.-Trinitatis-Kirche im erzgebirgischen Wiesa, an der Christoph Wonnebergers Vater als Pfarrer wirkte.

Streng geht es bei den Wonnebergers zu, was schon bald Christophs Trachten nach Unabhängigkeit, seinem Drang nach Freiheit entgegenläuft. »Vater wollte, dass aus mir was wird. Zu seinem großen Ärger hatte ich mir das aber nicht so zu eigen gemacht. Seine Vorstellungen von einem Musterschüler gingen mir zunehmend auf die Nerven. Ich habe stattdessen oft behauptet: Schularbeiten? Die gibt es nicht - und bin dann lieber mit meinen Kumpels durch die Gegend gezogen«, erinnert sich Wonneberger an die Ursprünge eines Lebens, oft im Widerspruch.

Foto: privat /  Archiv Wonneberger

Christoph war schon als Kind unternehmungslustig.

Die Hausaufgaben hat Christoph lieber zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn abgeschrieben. Clique statt Aufsatz. Klassenleiterin Nietzoldt nicht nur einmal: »Der Christoph - das ist ein so richtiges verbummeltes Genie.« Die Schule meist nur nebenbei. Erst im Gebirge und dann auch während der Schuljahre in Chemnitz /  Karl-Marx-Stadt, wohin es Christoph Wonneberger Anfang der 1950er Jahre verschlägt, weil dem Vater das Amt des Stadt-Jugendpfarrers übertragen wird. Christoph bleibt sich auch in der großen Stadt treu, er ist ein umtriebiger Junge: »Als Kind haben wir sowas wie Krieg gespielt. In Siegmar bei Chemnitz, wo ich zu Hause war, gab es eine Metallfabrik. Wir klauten hier Stahlkugeln und zerschnitten für unsere Katapulte die Reifen der Maschinen, die auf dem nahen Flughafen geparkt waren. Das war der beste Gummi, den es gab. Der hatte richtig Bums, wahre Geschosse flogen durch die Luft. Dass niemand ernsthaft zu Schaden kam, war ein Wunder.« Christoph, klein und schnell, ist nicht der Anführer der Vorstadt-Gang, aber er will sich den Älteren und Größeren beweisen. Eines Abends ist er auch dabei, als alle öffentlichen Glühlampen im Wohngebiet kaputtgeschossen werden. Siegmar liegt im Dunkeln. Die Bande fühlt sich ganz groß.

Vater Wonneberger bekommt von Christophs Umtrieben nur selten etwas mit. Es gibt die eine oder andere Vorladung in die Schule. Der Nicht-Musterschüler ist zwar ganz gut in Mitarbeit und in seinen fachlichen Leistungen, in Betragen setzt es aber schon mal eine Vier. Schule mit links, lieber das tun, was nicht die Norm ist, lautet seine Devise. An einem Abend, Christoph ist 14, klettert er mit einem Seil vom Balkon herunter, um in der Stadt den neuesten Film sehen zu können. Das dicke Seil hat er unter seinem Bett versteckt. Vom Balkon und zurück zu kommen, ist für den guten Turner kein Problem. Christoph fragt nicht, nimmt sich die Freiheit und tut das, was ihm wichtig erscheint. Wenn der Vater die Ausbrüche des Sohnes doch mitbekommt, gibt es nicht selten Prügel. Christoph revanchiert sich dann wieder auf seine Weise: »Ich habe ihm einfach was weggenommen, was ihn schmerzte.« Später, so will Wonneberger nicht verschweigen, habe man sich ausgesprochen und der eine dem anderen »verziehen«. Vater Wonneberger wurde 93 Jahre alt.

Christoph nimmt sich seine Freiheiten, gerade weil es die nicht gibt. Er reizt und reizt aus. Von vornherein den Kompromiss anbieten, ist selten seine Sache. So wird es bleiben. Sein Leben lang. Außer einer neuen Liebe fühlt sich auch der 70 Jahre alte Mann heute eigentlich zu nichts verpflichtet. Ist er ein Egoist? Wonneberger stutzt und lächelt. Er sei nun mal wie er sei.

Foto: privat /  Archiv Wonneberger

Konfirmation statt Jugendweihe: Christoph Wonneberger wird 1958 in Karl-Marx-Stadt konfirmiert.

Schlosser bei Diamant

Es gibt in der DDR das ungeschriebene Gesetz, dass Kinder aus Pfarrersfamilien keinen Zugang zum Abitur bekommen. Auch auf die Wonnebergers trifft das zu. Vater Erhard setzt sich qua seines Kirchen-Amtes für seine Jungen ein, der Zugang zur Erweiterten Oberschule bleibt ihnen freilich trotzdem verwehrt. Christoph, der nicht die besten Zensuren und die Streber in seiner Klasse nicht zum Freund hat, stört diese Verweigerung nicht, ja, so eine Einstellung kommt ihm in seiner Überzeugung, das Leben (noch) nicht ernst nehmen zu wollen, sogar entgegen. Dem 14-Jährigen fehlt der Ehrgeiz. In der Ablehnung zum Besuch der Erweiterten Oberschule steht: »Die Erziehungsziele der Familie Wonneberger stimmen nicht mit den Zielen der Schule überein.« Der Junge besucht bis zum Abschluss der 10. Klasse die Polytechnische Oberschule in Karl-Marx-Stadt /  Schönau. Er ist weder Pionier noch später Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Wenn das neue Schuljahr beginnt, wird ihm immer eine Frage gestellt: »Wirst du endlich einer von uns?« Die Antwort lautet jedes Mal: »Nein.«

Christoph ist 16. Von Lebensentwürfen noch keine Spur. Mit dem Vater als Pfarrer kennt er freilich das Leben in der Kirche und der Jungen Gemeinde sehr gut. Aber auch dabei ist er nicht besonders aktiv. Die Kirche ist ihm ganz einfach zu fromm, das für ihn fast schon Pietistische animiert ihn überhaupt nicht. Auch im Glauben spürt er vor allem eins haben zu wollen: Freiheit, vor allem auch die Freiheit im Kopf, im Denken. »Es lag für mich damals auch nicht nahe, einmal Theologie zu studieren.«

Da er technisch begabt ist, wird er lieber Lehrling im VEB Diamant Karl-Marx-Stadt und erlernt den Beruf des Maschinenschlossers. Die Ausbildung macht ihm Spaß. Noch kommen freilich seine eigentlichen Neigungen wie Sprache und Philosophie nicht zum Durchbruch. Ihm sei es wohl in jungen Jahren ein bisschen wie dem jungen Karl Marx gegangen: »Frühmorgens fischen gehen, am Mittag am Haus bauen und erst am Nachmittag Philosophie betreiben.« Und am Abend, so ist zu ergänzen - leben. Wonneberger braucht alles. Die sozialistische Produktion schadet ihm nicht. Der junge Mann kann sich nicht festlegen, er nimmt sich weiter Auszeiten, wird aber letztlich »ohne Probleme« Facharbeiter, um dann spätestens bei der Zeugnisübergabe festzustellen, in diesem Job doch nicht arbeiten zu wollen. Man fragt ihn, weil er kein schlechter Lehrling war, ob er nicht Lust habe, weiterzumachen. Wonneberger kommt ins Grübeln: »Soll dein Weg so aussehen? Nein, nur Technik, das engt dich doch viel zu sehr ein.«

Foto: privat /  Archiv Wonneberger

Christoph Wonneberger als Lehrling im VEB Diamant in Karl-Marx-Stadt (vorn, 2. v. r.).

Mit 18 reifer geworden im eigenen Glauben und im Denken auch über den Marxismus - ihn interessiert vor allem der Philosoph Ernst Bloch mit seinem »Prinzip Hoffnung« - will er doch Theologie studieren. Ohne Abitur bietet sich dafür nur das Theologische Seminar, das die evangelische Landeskirche in Leipzig unterhält, zur Ausbildung an.

Zum ersten Mal Leipzig

1963 ist Christoph Wonneberger erstmals in seiner späteren Schicksalsstadt Leipzig angekommen. Hier lernt er bis 1965 am Theologischen Seminar in der Friedrich-List-Straße und lebt auch im heutigen Missionshaus einige Zeit im Internat. Rundum zufrieden mit seinem neuen Leben ist er auch hier nicht. Das Seminar kommt ihm »zu verschult« vor, es drängt ihn nach persönlicher und mittlerweile vor allem auch nach geistiger Freiheit. Christoph Wonneberger empfindet die Ausbildung als »verspätete Oberschule und als eine Art Berufsschule für Pfarrer«. Er lernt die alten Sprachen und wird mit der Weltliteratur vertraut. Der Eigensinn des jungen Mannes besteht weiter, der kommt sogar im Trampen an den Wochenenden zu den Eltern nach Karl-Marx-Stadt und im Besuch der Kneipen und Bars in Leipzig zum Ausdruck. Die Tanzbar »Schorsch« in Leipzig-Connewitz kennt er wie das Café »Corso«. Er kommt hier mit interessanten Menschen in Kontakt - und genießt das Leben. Christoph geht lieber zu Vergnügungen, auf Bälle, zum Tanz und Schwof, statt intensiv zu studieren. Und wieder glaubt er, anders leben zu können.

Am Theologischen Seminar will er dann auch nicht das Examen machen, erwirbt hier aber die Grundlage, auch ohne Abitur studieren zu können. In Rostock, so hat er gehört, gibt es einen hochinteressanten Lektor. Peter Heidrich ist an der Theologischen Sektion der Universität tätig, unterrichtet dort die ganze Bandbreite der Philosophie und gibt viel mehr als nur das grundlegende klassische Wissen weiter. Von Heidrich heißt es unter der Hand: »Bei dem kann man wirklich was lernen.« So was reizt Wonneberger, auch kann er seine Lust auf die Ostseeküste mit dem ihn im Frühjahr quälenden Heuschnupfen begründen. Wonneberger zieht an die Küste.

Klare Luft, klares Denken. Bei Uni-Lehrer Heidrich trifft man sich abends und tauscht sich oft bis weit nach Mitternacht über griechische Philosophen, Sanskrit und vielfältige theologische Fragen aus. Fünf Jahre lernt Wonneberger damit auch privat neben dem Studium von Sokrates bis Marx. Von diesem nicht offiziellen Bildungszirkel zehrt der Student, er findet vor allem auch Zugang zu der Sprache der Philosophie, begeistert sich für die Schriften von Ernst Bloch und Martin Heidegger und wird in diesem privaten Bildungszirkel sogar mit Yoga-Übungen vertraut. Diese geistig-körperliche Lehre wird ihn zeit seines Lebens begleiten. »Man dachte und redete, man hatte Aufträge zu erfüllen und musste mit übersetzten alt-griechischen Texten zum Treff kommen. Das war meine eigentliche Universität. In diesen Runden habe ich das erste Mal richtig denken gelernt. Die offizielle Uni habe ich im Vergleich dazu in fünf Jahren wohl doch eher mit links gemacht«, erinnert sich Wonneberger.

Foto: privat /  Archiv Wonneberger

Christoph Wonneberger im Jahr 1969 als Student am Ostseestrand von Rostock-Warnemünde.

Eine versuchte Anwerbung

Christoph Wonneberger wohnt in Rostock im Studentenwohnheim und verdient sich beim Kellnern in den Strandbädern Warnemünde, Wustrow und Ahrenshoop ein bisschen Geld zu seinem Stipendium hinzu. Der junge Mann nutzt diese Einkünfte vor allem dafür, sich endlich mal ein ordentliches Radio kaufen zu können. Denn Wonneberger ist Rundfunkbastelfreak, auch hört er gern den NDR mit den aktuellen West-Hits.

Nicht weit weg von der Studentenbleibe befindet sich das »Magasin« der sowjetischen Truppen, was ein beliebter Treffpunkt der Studenten ist. Hier gibt es immer was, vor allem preiswertes Essen und Trinken. Eines Abends Anfang Juni 1967 haben Wonneberger & Co. wohl etwas zu viel getrunken. Auf dem Heimweg kommt man am FDJ-Jugendklubhaus namens »Greif« vorbei. Auf dessen Dach steht eine Antenne, die ist zwar längst verrostet, aber tut noch ihren Dienst. »Die müsst’ ich haben, wenn ich die dann noch in die richtige Richtung drehe, könnt’ ich den NDR noch besser empfangen«, sagt sich Christoph - klettert nach oben, baut die Antenne ab und nimmt sie mit. Er denkt sich nichts dabei. Was er tut, ist ein Jugendstreich. Christoph baut das Teil noch in dieser Nacht an einen Mast aufs Wohnheimdach.

Foto: privat /  Archiv Wonneberger

Der Theologie-Student Wonneberger (links) verdient sich in verschiedenen Ostseebädern ein Zubrot als Kellner.

Vier Wochen später berichtet der GI »Bodo Schreiber« der Stasi, von dieser Geschichte erfahren zu haben. Drei Monate später überprüft die für die Theologische Fakultät zuständige Abteilung der Rostocker Stasi diesen Hinweis und stellt fest, dass die Antenne wirklich auf dem Dach über dem Zimmer von Wonneberger montiert ist. Am 19. September 1967 legt die Stasi nun einen Maßnahmeplan zum »Operativen Ausgangsmaterial Wonneberger, Christoph« an. Darin wird festgelegt, eine Anzeige bei der Polizei durch den Leiter des Jugendclubs, der als Inoffizieller Mitarbeiter für die Rostocker Stasi arbeitet, zu veranlassen. An den Vernehmungen soll ein Stasioffizier teilnehmen, um zu entscheiden, »ob Werbung einer Person oder Auswertung an der Universität« erfolgen soll. Ein Vorgesetzter ergänzt hier: »Ziel ist Exmatrikulation des W., bei den beiden anderen Studenten prüfen, ob einer als IM geeignet ist.«

So wie von der Stasi geplant, wird das Ganze nun in Szene gesetzt. Am 4. Dezember 1967 leitet das Volkspolizeikreisamt Rostock ein Ermittlungsverfahren gegen Wonneberger zur Prüfung des dringenden Verdachtes, eine Fernsehantenne im Wert von 150 Mark entwendet zu haben, ein. Zwei Tage später wird Christoph Wonneberger zur Kriminalpolizei vorgeladen und vernommen. Er gibt alles zu und bedauert den Vorfall, den er »als ein reines Husarenstück und eine sportliche Leistung« verstanden wissen will. Das Vernehmungsprotokoll ergänzt er handschriftlich: »Ich betrachte diese Handlung als eine große Dummheit und als eine äußerst kurzsichtige Verhaltensweise. Es tut mir sehr leid, daß dies passiert ist. Mir liegt sehr am Herzen, die Sache in irgendeiner mir möglichen Weise wiedergutzumachen. Den Jugendclub möchte ich um Entschuldigung bitten und ihm meine Hilfe bei irgendeiner nötigen Arbeit anbieten - auch um ihm zu zeigen, daß ich diese dumme Tat wirklich bereue und wiedergutmachen will.«

Im Anschluss an diese Erstvernehmung führt nun Stasi-Leutnant Andruschow in den Räumen des Polizeireviers das erste Kontaktgespräch mit Wonneberger. Er knüpft an die Bereitschaft zur Wiedergutmachung an und fragt: »Sie haben doch Interesse weiter zu studieren, oder? …« Wenn er sich z. B. bereit erklären würde, das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen, so bestünde die Möglichkeit, die Auswertung des Ermittlungsverfahrens zu beeinflussen, d. h. dass die Universität davon nichts erfährt. Wonneberger bittet um Bedenkzeit. Ein weiterer Gesprächstermin wird vereinbart. Die Stasi erstellt nun einen konkreten Maßnahmeplan, um Christoph Wonneberger als Spitzel anzuwerben.

Quelle: BStU, Ast. Rostock, AIM 925/69

Christoph Wonneberger schränkt in seiner Verpflichtungserklärung zur Stasi-Mitarbeit diese von vornherein ein: »soweit mein Gewissen nicht dadurch eine unerträgliche Belastung erfährt.«

Beim zweiten Kontaktgespräch im Dezember 1967 wird Wonneberger weich geklopft. Er unterschreibt letztlich eine Verpflichtungserklärung, weil er fürchtet, exmatrikuliert zu werden und weil er wohl auch Angst vor seinem strengen Vater hat, der ihm den Diebstahl nie verzeihen würde. Die von Wonneberger selbst geschriebene Verpflichtungserklärung, in der er den Decknamen »Louis« auswählt, hat einen der üblichen Wortlaute. Er ergänzt sie aber um einen ungewöhnlichen Passus, wodurch er sich selbst in dieser schwierigen Situation ein Mindestmaß an Selbstbestimmung bewahrt: »Bei der Zusammenarbeit werde ich um Ehrlichkeit und Objektivität bemüht sein, soweit mein Gewissen nicht dadurch eine unerträgliche Belastung erfährt.«

Die Stasi aber sieht nur den Erfolg dieser Anwerbung, der ihr gerade recht kommt, sieht sie doch damit die Möglichkeit, das Innenleben der Sektion Theologie der Rostocker Universität besser überwachen zu können. So heißt es im »Vorschlag zur Anwerbung« vom 11. Dezember 1967, dass sie zweckmäßig sei, »weil sich unter den Studenten der Theol. Fakultät Rostock nur ein IM befindet und die Fakultät auch bald verlassen wird«. Der Student Wonneberger sitzt in der Falle. Er spürt den Gewissenskonflikt, dem er sich mit seiner unterschriebenen Verpflichtungserklärung ausgesetzt hat. In der Akte finden sich Hinweise auf seinen Ausstiegswillen: immer wieder gibt es Vermerke über Termine, zu denen er nicht erschienen ist. Enthalten sind auch drei von der Stasi protokollierte Treff-Berichte. So gibt der Bericht vom ersten Treffen am 9. Januar 1968 in einer Konspirativen Wohnung über Kommilitonen, mit denen Wonneberger zusammen im Wohnheim lebt, auf den ersten Blick belanglos wirkende Auskunft. Doch auch solche Informationspartikel konnten missbraucht werden. Der Treffbericht endet mit einem Auftrag: »Aufbau einer Verbindung zu einem Hamburger Studenten über die Patengemeindearbeit der ESG (Evangelische Studentengemeinde; Anm. d. A.). Teilnahme an Patengemeindetreffen in Berlin …« Die Stasi-Mitarbeiter notieren, dass Wonneberger das Angebot ablehnt, sich die Geldstrafe für den Diebstahl vom MfS bezahlen zu lassen.

Quelle: BStU, Ast. Rostock, AIM 925/69

Wonneberger kündigt die Zusammenarbeit mit der Stasi auf und erklärt Zweifel, dass seine »Ziele mit den vom MfS gesetzten wirklich übereinstimmen«.