Arnd Brummer

UNTER KETZERN

Warum ich evangelisch bin

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Autor: Arnd Brummer

Lektorat: Elke Rutzenhöfer

Umschlagillustration: Olaf Hajek

Umschlagfoto: Ilja Mess

Gestaltung und Satz: Lisa Keßler

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

© Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main 2011.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Einwilligung des Verlags unzulässig.

ISBN 9783869211435

INHALT

COVER

TITEL

IMPRESSUM

EIN VORWORT

EIN FROMMES KIND UND DAS KONZIL

IN DER PUBERTÄT ZWISCHEN CHE GUEVARA UND EINEM VERZWEIFELTEN ZÖLIBATÄR

DER LANGE WEG UND ZWEI ÜBERRASCHENDE ERFAHRUNGEN

DIE KONVERSION

ANGEKOMMEN – IN HAMBURG

EVANGELISCH UND GLEICH RICHTIG!

UNTER KONVERTITEN – WAS MIR MARTIN LUTHERS KIRCHENBILD BEDEUTET

UNTER FREUNDEN IM KIRCHLICHEN ALLTAG

EINE ÖKUMENISCHE VESPER UND IHRE FOLGEN

HOBBY-FUNDAMENTALISTEN UND MEDIEN-AGNOSTIKER

ALLES IST EVANGELISCH ODER WIRD ES

ENTSCHEIDEND IST IN DEN GEMEINDEN

DER AUTOR

EIN VORWORT

Über den Glauben zu sprechen oder zu schreiben, gelingt nur in zwei extrem unterschiedlichen Haltungen: entweder ganz aus der Nähe, höchst persönlich, ausgehend von der eigenen Wahrnehmung; oder empirisch, statistisch zählend, äußere Wahrnehmbarkeiten notierend. Da der Glaube ein Werden und Wahrnehmen ist, ein vermessenes Messen zwischen dem Nichts und der Unendlichkeit, zwischen der eigenen Seele in ihrer Unbegreiflichkeit und dem Unbegreiflichen als dem Seligmachenden, verändert er sich auch unter dem Nachdenken und im Beschreiben. Kurz: ich bin nach dem letzten Wort in diesem Essay nicht mehr der, der ich beim Setzen des ersten Buchstaben war. Diese Erkenntnis ist biographisch, biologisch, existenzphilosophisch eine sehr schlichte Wahrheit, ja eine Binsenweisheit. Aber im Falle der Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung Gottes und seines Bezuges zur Welt ist dieser Umstand ebenso bedrohlich wie beflügelnd für mich als Schreibenden. „Unter Ketzern“ heißt dieses Buch, weil es mit einem Erlebnis des zehnjährigen Arnd Brummer verbunden ist, das ihn von einem religiös bewegten Jungen zu einem zunächst zweifelnden, bald verneinenden und doch wieder fragenden Wanderer in der Einsamkeit werden ließ, bis er den Weg in eine Gemeinschaft fand, in der Zweifeln, das Fragen und selbst das Verneinen ausdrücklich gewollt ist. Und nun, unter den Ketzern, kann er die Reise fortsetzen.

Dieses Buch beschreibt meinen höchst persönlichen Weg aus der römischen Kirche, aus einer im besten Sinne katholischen Familie in die Kirche der Freiheit. Ich schreibe es voll großem Respekt für all jene, die in der römisch-katholischen Kirche bleiben, um sie zu reformieren. Aus Respekt und auch in wachsendem Unverständnis. Denn wie sie auch heißen, ob Hans Küng, Hermann Häring oder Franz-Xaver Kaufmann, sie wissen, dass sie und wahrscheinlich auch die gerade jetzt getauften Kinder der übernächsten Generation von römischen Katholiken nicht erleben werden, was sie ersehnen: eine für alle Menschen offene, auf Männer und Frauen in gleicher Weise zugehende, dem tiefsten Wesen des bezeugten Jesus Christus entsprechende, offene, demütige, ihrer Sündigkeit bewussten und ihrer immerwährenden Erneuerungsbedürftigkeit gewärtigen Gemeinschaft, eine echte Kirche eben.

Dieses Buch erscheint nicht zufällig in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Deutschlandbesuch 2011 des Papstes Benedikt XVI., denn diesem Theologen im römischen Leitungsamt verdanke ich wesentliche Anstöße für meinen Aufbruch, ja vielleicht den wesentlichen Impuls, meine Heimat unter den Evangelischen zu finden.

Es hat mir sehr gefallen, wie der damalige Bischof der Kirchenprovinz Sachsen Axel Noack seinen Weg ins Theologiestudium und ins Pastorat zu DDR-Zeiten beschrieb. Noack, der als Jugendlicher gar nicht vorhatte, diesen Weg zu beschreiten, aber immer deutlicher erkannte, dass die Ideologie des SED-Regimes nicht zu seiner Weltauffassung passte, formulierte etwa so: Schließlich bediente sich der Herr seines Knechtes Walter Ulbricht, um mir diesen Weg zu weisen. Ein Satz von tiefer biblischer Frömmigkeit, gleichzeitig aber von ironisch-selbstironischer Raffinesse schimmernd. Nun denn: In meinem Fall bediente sich der Herr seines Knechtes Joseph Ratzinger (und einiger anderer Knechte und Mägde), um mir den Weg in eine neue Heimat zu weisen.

Als die BILD-Zeitung mit ihrer aus journalistischer Sicht genialen Überschrift die Wahl Ratzingers in Rom bejubelte – „Wir sind Papst!“ –, leistete sie Ketzern wie mir einen Dienst als dialektisches Gegenüber. Wir Christen, die Martin Luthers Auffassung vom Priestertum aller Glaubenden teilen, sind tatsächlich alle Papst (aber nicht der von Rom, Italien) und sind es, weil wir wie die evangelisch inspirierten Demonstranten von 1989 in Leipzig, Berlin und anderen Städten der DDR ausrufen: Wir sind das Volk! Wir sind das Volk – Gottes! Wir sind das Gottesvolk! Und wie die legendären Bluesbrothers sind wir „unterwegs im Namen des Herrn“. Und weil wir alle Nachfolger Petri sind (und Nachfolger Maria Magdalenas und aller Jüngerinnen und Jünger Christi), freuen wir uns über jeden Besuch. Also sei der Bruder Papst aus Rom uns als Mitchrist herzlich willkommen. Die gewählten Repräsentanten unserer Kirche werden ihn höflich, freundlich und zuvorkommend wie immer in Erfurt begrüßen. Die Präses und der Ratsvorsitzende, die Bischöfin und der Kirchenpräsident, die Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland werden mit Benedikt geschwisterlich beten und ökumenisch illusionslos ein weiteres Mal feststellen: Eine Ökumene – zu deutsch Hausgemeinschaft – der Christen gibt es (zumal in Deutschland) längst, eine solche der Institutionen wird es niemals geben. Es sei denn, Rom würde aufhören, Rom zu sein, oder die Kirche der Freiheit würde ihre eigene Identität verraten.

Ich habe Menschen wie Hans Küng und Hermann Häring bereits meine Hochachtung bekundet. Ich glaube, sie wähnen sich als Gesandte des Herrn, als Missionare, die verzweifelt versuchen, der Kleruskirche ihr Sein als solche auszureden. Nur so ist zu verstehen, dass sie dem römisch-autokratischen System nach wie vor als Mitglieder die Treue halten, obwohl sie seiner Lehrmeinung und seinem Kirchenbegriff fast in jedem Punkt widersprechen. Ich glaube nicht, dass sie deswegen in der römischen Kirche bleiben, weil man als Dissident mit Büchern bessere Umsätze macht und häufiger in Talkshows eingeladen wird. Obwohl das natürlich stimmt. Schaut man sich ihre Forderungskataloge für Reformen an, wissen die Autoren selbst, dass, was sie wünschen, längst auf dem Weg oder realisiert ist: bei Protestanten, Methodisten oder Altkatholiken etwa. Und so hat der hämisch klingende Aufruf des katholischen Boulevard-Rhetorikers und Psychiaters Manfred Lütz nach dem Reform-Appell von 144 keineswegs „linker“ oder „liberaler“ katholischer Theologen schon etwas Wahres an sich: In dem Appell seien alle zwischen den Kirchen kontroversen Themen im Sinne der evangelischen Lösung entschieden; wer also als Katholik die Forderungen teile, könne „sofort zur Evangelischen Kirche in Deutschland übertreten“. Lützens Aufforderung klingt so ähnlich wie das, was sich in der Adenauer-Republik jene anhören mussten, die Reformen forderten: Wenn es dir hier nicht passt, dann geh’ doch rüber! Mit einem Unterschied: es wäre ein Weg in die Freiheit. Ich habe diesen Weg vor mehr als zwei Jahrzehnten gewählt, habe die Papstkirche verlassen – und es nie bereut.

EIN FROMMES KIND UND DAS KONZIL

Konstanz. Wer in dieser Stadt an Bodensee und Rhein nicht mit der Geschichte der Kirche konfrontiert werden will, muss Augen und Ohren konsequent geschlossen halten. Ich bin dort ab meinem dritten Lebensjahr aufgewachsen. Mein Elternhaus war von beiden Seiten her gut katholisch, wie man damals sagte. Der väterliche Teil, aus Baden stammend, bürgerlich gediegen, liberal und nicht konfessionalistisch, hielt Abstand zu extrovertierter Frömmigkeit. Das galt für meinen Vater wie für meine Großeltern und die übrige mir bekannte Verwandtschaft. Man war katholisch, ging regelmäßig zur Messe. Aber Wallfahrten, Prozessionen und Ähnliches sah man distanziert, kommentierte solches Geschehen auch mal mit mildem Spott. Großvater Albert verfügte über ein schier unendliches Reservoir von Witzen über Priester, Nonnen, Wunderglauben und andere klerikale Besonderheiten. Geboren 1895 als Sohn einer Kaufmannsfamilie im badischen Odenwald, sollte Albert Brummer eigentlich Priester werden und besuchte deshalb das erzbischöfliche Konvikt in Tauberbischofsheim. Nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde und ein Auge verlor, lernte er bei einem Kuraufenthalt in Bad Mergentheim meine Großmutter kennen und wurde Lehrer. „Wenn ich das andere Gesangbuch hätte, wäre ich sicher Pfarrer geworden“, hat er mir mal gesagt.

Die Familie meiner Mutter, aus dem Frankenland stammend, praktizierte – bis auf meinen stillen, jeden Sonntag leise und alleine die früheste Messe besuchenden Opa Peter – eine geradezu barocke Marienfrömmigkeit. Meine Mutter, zeitweise Redakteurin einer katholischen regionalen Wochenzeitung, verehrte Dom Helder Camara, den Bischof von Olinda und Recife in Brasilien, den Begründer der Befreiungstheologie. Oma Lina liebte Maiandachten, Marienlieder und betete gerne und häufig Rosenkränze. Uns Kindern erzählte sie mit dramatischem Temperament Heiligenlegenden von Aloysius bis Ursula, brachte uns die Allerheiligenlitanei bei und schenkte uns Heiligenbildchen für unsere Gesangbücher.

Ich mochte die meisten ihrer Geschichten, konnte sie bald selbst gut erzählen und andächtig Omas Lieblingslied mitsingen: „Meerstern, ich Dich grüße, oh Maria hilf! Gottesmutter süße, oh Maria hilf!“ Wobei ich mit dem „Meerstern“ meine Schwierigkeiten hatte, weil ich ihn für etwas Ähnliches hielt wie einen Seestern. Dass ich bereits im Alter von sechs oder sieben Jahren mit der Idee vom einen Gott die Erweiterung der Dreifaltigkeit um die „Gottesmutter“ zum Quartett nicht in Einklang bringen konnte, sah ich als meine Schwäche an und behielt es für mich. Weil ich ein so andächtiges und liebes Kerlchen war, schlug eine mit meinen Eltern befreundete Ordensfrau vor, mich zur Frühkommunion zuzulassen.

Der Dekan und Münsterpfarrer zu Konstanz, ebenfalls häufiger Gast in meinem Elternhaus, war überzeugt, ich würde einmal Priester. Ich erzählte ihm von Großvater Albert und seiner Entscheidung. Der Dekan schmunzelte und legte mir den Arm auf die Schulter: „Lieber Arnd, bis du erwachsen bist, ist der Zölibat längst abgeschafft!“

Das war im Jahr 1963 oder 1964. In Rom lief das Zweite Vatikanische Konzil und in meiner Heimatstadt bereitete man sich auf die Feier 550 Jahre Konstanzer Konzil vor, das zur Aufhebung des Schismas einberufen worden war und an dessen Ende es zur einzigen Papstwahl nördlich der Alpen kam.

Meine Eltern gehörten einem sogenannten Konzilskreis geradezu aufbruchseuphorischer, reformfreudiger Katholiken an. Ich erinnere mich an Nächte in unserem kleinen Haus, in denen bis in die Morgenstunden über die Zukunft der Kirche diskutiert, die Nachrichten vom Konzil analysiert, in Unmengen geraucht und Wein getrunken wurde. Seltsame Worte wie „Aggiornamento“ klangen bis hinauf in unsere Kinderzimmer. Alle liebten den alten, großohrigen, Güte, Humor und Mut ausstrahlenden Papst Johannes XXIII., Angelo Roncalli. Oft fielen die Namen der Kardinäle Julius Döpfner und Franz König. Und 1964 durfte ich nach der Eröffnungsfeier des Konzilsjahres auf dem Münsterplatz die Hand Franz Königs drücken, des Wiener Erzbischofs. Er hatte den Festvortrag gehalten. König hielt mir die behandschuhte Rechte entgegen und ich griff fröhlich zu, was einen mürrisch dreinschauenden Kleriker neben König verdross. „Küssen“, zischte er, „küss die Hand von seiner Eminenz!“ Schon griff er an meinen Hinterkopf, um meinen Mund Richtung Bischofsring zu bewegen. „Lassen’s den Buben“, stoppte ihn der Kardinal, „a richtiger Händedruck langt!“

Als ich mich mit meiner Mutter ein paar Schritte entfernt hatte, erklärte die mir: „Das hättest du ruhig tun sollen. Das ist ein Zeichen der Verehrung seines Bischofsamtes.“ Und warum soll ich das Bischofsamt verehren? „Ein Bischof ist ein Nachfolger der Apostel.“ Mhmm.

Das tat sich mir irgendwie nicht auf. Ich fand den Kardinal überzeugender – ein richtiger Händedruck genügt.

Als der alte Papst im Jahr zuvor gestorben war, hatten meine Eltern und ihre Freunde tief um ihn getrauert. Ich sah Tränen in den Augen meiner Mutter. Und während des Konklaves zur Wahl des Nachfolgers hatte ich den Namen „König“ von den Erwachsenen erstmals gehört. Man nannte ihn „papabile“ und war ein wenig enttäuscht, dass nicht er, sondern der Mailänder Erzbischof Montini zum Papst gewählt wurde. Und als dieser den konziliaren Reformeifer einbremste und eher zaudernd als vorwärtsdrängend vor sich hin administrierte, hieß es im elterlichen Freundeskreis immer wieder: „Wenn es doch der König geworden wäre! Wir wären schon weiter!“

Ich bin heute davon überzeugt, dass auch Franz König nicht wesentlich anders agiert hätte als Paul VI. Zu klar ist in der Rückschau erkennbar, wie mächtig die Traditionalisten im inneren Zirkel der vatikanischen Kurie stets blieben. Andererseits gehörte auch König lediglich zu den sogenannten „moderaten“ Reformern. Eine sehr viel weitere Öffnung der römischen Kirche zur Gegenwart wäre auch unter ihm kaum zu erwarten gewesen. Letztlich bleibt es Spekulation.

Je mehr ich mich mit der Sache des Glaubens befasste, desto mehr Fragen stiegen in meiner Seele auf. Aus meiner heutigen Sicht eine geradezu logische Entwicklung. Ich brachte es nicht zusammen, wenn mir meine Oma einerseits erzählte, dass Jesus für uns gestorben sei und uns von der Verdammnis erlöst habe, andererseits aber ständig davon redete, dass die Verstorbenen ihrer Sünden wegen durch das Fegefeuer müssten, einer Art Höllenstrafe auf Zeit mit auf Saunatemperatur herunter gepegelter Hitze. Geradezu schrecklich empfand ich das Gebet, das ich bereits als kleines Kind gelernt hatte: „Lieber Heiland, sei so gut, lasse doch dein teures Blut in das Fegefeuer fließen, wo die armen Seelen büßen. Ach sie leiden große Pein, wollest ihnen gnädig sein!“

Der zum Himmel aufgefahrene Gottessohn, sitzend zur Rechten des Vaters, soll von dort aus eine Art Blutdusche (aus den Wundmalen?) ins Fegefeuer (im Keller unter dem Gottesthron?) fließen lassen – und das noch auf unseren Wunsch!

Und weil das noch nicht reichte, sollten in weiteren Gebeten, die meine Oma innig sprach, auch noch diverse Heilige beim lieben Gott vorsprechen, auf dass dieser die armen Seelen begnadige. Der allmächtige, allwissende, gütige Gott brauchte also Leute, die ihn bitten, nicht so hart zu sein. Das fand ich sehr seltsam.

Wenn ich Mutter oder Oma fragte, warum dies oder jenes so sei, bemühten sie sich um redliche Antworten. Oft gelang es ihnen, mich wenigstens für eine gewisse Zeit zufrieden zu stellen. Manchmal hieß die Antwort: Kind, ich weiß es nicht. Oder: Da bist du noch zu jung. Oder: Das sind die Geheimnisse des Glaubens.

Letzteres antwortete auch Schwester Margarethe, die Religionslehrerin, gerne, die uns in der Grundschule den Glauben erklären sollte. Bis auf eine der letzten Stunden in Klasse Vier, habe ich nur spärliche Erinnerungen an Schwester Margarethes Unterricht. Ich weiß nur, dass wir massenhaft biblische Geschichten als Bilder malen sollten: Adam und Eva mit Schlange, die Arche Noah, Daniel in der Löwengrube, die heilige Familie um die Krippe, Jesus am Kreuz, die Auferstehung.

Nur eine Szene, kurz vor unserem Wechsel in weiterführende Schulen, hat sich in meinem Kopfe geradezu filmisch klar erhalten:

Schwester Margarethe begab sich im Juni 1967 mit ihrer Reli-Klasse auf einen kirchengeschichtlichen Spaziergang durch die Konstanzer Altstadt. Wir besuchten das Münster, in dem die Konzilsväter fast vier Jahre lang getagt hatten. Wir besichtigten das „Konzil“ genannte alte Kaufhaus am Hafen, in dem 1418 das Konklave Papst Martin V. wählte, schlenderten eislutschend durch die Altstadt. Bevor wir den Bus zurück zur Schule nahmen, machten wir noch einen kleinen Schwenk in den Stadtteil Paradies. Der heißt so, weil dort die Konstanzer Bauern seit altersher ihre fruchtbarsten Gemüseäcker haben.

Ein großer dunkler Stein, ein sogenannter Findling, in einem winzigen Park inmitten eines Wohngebietes. Auf dem Stein in goldenen Lettern: Johannes Hus, 6. Juli 1415. Die Schülerinnen und Schüler stehen ein wenig ratlos vor dem Felsbrocken, kauen auf ihren Vesperbroten herum, dann erhebt die Schwester ihre Stimme: „Hier ist der Hus verbrannt worden. Das Konzil hatte ihn zum Tode verurteilt.“ Bevor sie weiterreden