Veronika Albrecht-Birkner

Vom Apostelkonzil
bis zum Montagsgebet

Kirchengeschichte im Überblick

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverfoto: © Reinhard Marscha – Fotolia.com

Layout und Satz: Steffi Glauche, Leipzig

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

ISBN 978-3-374-03954-8

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Augenblick mal

1 Einblicke

1.1 Der Ausgangspunkt: Was fangen wir mit der Geschichte der Kirche an?

1.2 Die Aufgabe: Schneisen schlagen

1.3 Die Spuren: Wer schreibt (Kirchen-) Geschichte?

2 Durchblicke

2.1 Urchristentum und Alte Kirche

2.1.1 Das Urchristentum

2.1.2 Die Herausbildung der frühkatholischen Kirche und ihrer Normen

2.1.3 Die Stellung von Christen und Kirche im Römischen Reich bis zum Ende des 4. Jahrhunderts

2.1.4 Die denkerische Bewältigung des Glaubens und die Festlegung grundlegender Dogmen

2.2 Kirche im Mittelalter

2.2.1 »Mittelalter« – ›finstere‹ Zeit der Kirche?

2.2.2 Weichenstellungen im Frühen Mittelalter (5. bis 10. Jahrhundert)

2.2.3 Schlüsselereignisse des Hohen Mittelalters (11. bis 13. Jahrhundert)

2.2.4 Das Späte Mittelalter (14. und 15. Jahrhundert)

2.3 Reformationszeit

2.3.1 Die von Wittenberg ausgehende Reformation

2.3.2 Die von der Schweiz ausgehende Reformation

2.3.3 Die Entstehung der anglikanischen Kirche

2.3.4 Katholische Reform

2.4 Kirchengeschichte der Neuzeit

2.4.1 Konfessionen und Orthodoxien

2.4.2 Jenseits von Konfessionen und Orthodoxien

2.4.3 Pietismus

2.4.4 Theologie und Frömmigkeit in der Zeit der Aufklärung

2.4.5 Das 19. Jahrhundert

2.5 Kirchliche Zeitgeschichte

2.5.1 Vom Ersten Weltkrieg zu Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg

2.5.2 Kirchen im geteilten Deutschland

2.5.2.1 Weichenstellungen vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Mauerbau (1945–1961)

2.5.2.2 Entwicklungen der 1960er, -70er und -80er Jahre

2.5.3 Katholische Kirche, ökumenische Bewegung und konfessionelle Zusammenschlüsse im 20. Jahrhundert

3 Rückblick und Ausblick

Editorial zur Reihe

Weitere Bücher

Augenblick mal …

»Vom Apostelkonzil bis zum Montagsgebet«: Hiermit ist der Bogen einer 2000-jährigen Kirchen- bzw. Christentumsgeschichte angesprochen, der in der Mitte des 1. Jahrhunderts in Jerusalem anfängt und am Ende des 20. Jahrhunderts in der DDR aufhört. Das ist kein Zufall. Der Titel weist darauf hin, dass es hier nicht um eine Gesamtdarstellung der Kirchengeschichte in ihrer ganzen Breite geht – das wäre in einem solchen Band auch nicht leistbar –, sondern um eine Darstellung unter dem Aspekt des Interesses evangelischer Gemeindeglieder in Deutschland an den Wurzeln und der Geschichte ihrer Kirche. Deshalb orientiert sich die Darstellung in ihren Schwerpunktsetzungen an Fragen zum Thema Kirchengeschichte, die ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gemeinden der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens gegenüber den Herausgebern der Reihe vorab als für sie wichtig geäußert haben. Diese haben gezeigt, dass Gemeindeglieder einerseits ›Durchblicke‹ hinsichtlich Schlüsselereignissen und Wendepunkten der Kirchengeschichte sowie exemplarischen Fragen suchen. Andererseits interessieren vor allem ganz grundsätzliche Fragen – nach dem Entstehen von Kirche generell und ihrer Entwicklung vor der Reformation, nach dem Umgang mit der Geschichte der Kirche(n) und nach dem Sinn von Kirchengeschichtsschreibung.

Vor diesem Hintergrund ist die Überblicksdarstellung so aufgebaut, dass zunächst grundlegende Aspekte des Umgangs mit der Kirchengeschichte und der Kirchengeschichtsschreibung vorgestellt werden (»Einblicke«). Unter »Durchblicke« werden anschließend Schlüsselereignisse aller Epochen der Kirchengeschichte erläutert. Für die Zeit ab der Reformation konzentriert sich die Darstellung vor allem auf Grundzüge der protestantischen Kirchengeschichte in Europa. Als detailliertere Darstellung ist hier der in dieser Reihe erscheinende Band von Armin Kohnle »Luther, Calvin und die anderen. Die Reformation und ihre Folgen« hinzuzuziehen. Für die neueste Zeit (20. Jahrhundert) richtet sich der Blick insbesondere auf den Protestantismus in Deutschland bzw. der Bundesrepublik und der DDR. Die Darstellung schließt mit einem kurzen »Rückblick und Ausblick«.

1 Einblicke

1.1 Der Ausgangspunkt: Was fangen wir mit der Geschichte der Kirche an?

»Jesus verkündete das Reich Gottes und es kam die Kirche«, sagte der katholische Theologe und Historiker Alfred Loisy (1857  1940) am Beginn des 20. Jahrhunderts. Man kann diesen Satz unterschiedlich lesen – Loisy meinte ihn positiv: Immerhin kam die Kirche. Man kann ihn auch negativ lesen: Es kam nur die Kirche. Jedenfalls bringt er auf den Punkt: Das von Jesus Christus verkündete Reich Gottes und die Kirche als mittlerweile 2000 Jahre alte Institution des Christentums in den verschiedensten Erscheinungsformen sind nicht einfach dasselbe. Vielmehr ist ›Kirche‹ in evangelischer Perspektive im Gegensatz zum ›Reich Gottes‹ eine höchst menschliche, angesichts doch gerade sehr hoher Ansprüche an christliche Lebensführung vielfach sogar besonders enttäuschende Einrichtung. Und dies gilt auch und in besonderer Weise im Blick auf die Kirchengeschichte: Belegen ›Schwertmission‹, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzer- und Hexenverfolgungen, Antijudaismus, Konfessionskriege, Religionskriege – um nur einige gravierende Beispiele zu nennen – nicht hinreichend, dass ›die Kirche‹ nicht das sein kann, was Jesus gemeint hat? Haben also diejenigen, die gerade aus dieser geschichtlichen Perspektive grundlegende Zweifel an Kirche und Christentum formulieren, nicht Recht?

Es liegt auf der Hand: Wer sich als Christ und nachdenkendes Glied einer Kirche versteht, kommt nicht darum herum, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – auch wenn er oder sie darauf heute vielleicht seltener offensiv angesprochen wird, als das beispielsweise in der DDR der Fall war. Es liegt auch auf der Hand, dass die Aufgabe nicht darin bestehen kann, ›die Kirche‹ samt ihrer Geschichte pauschal zu verteidigen oder Argumente zur Entkräftung einzelner Vorwürfe zu sammeln. Es geht vielmehr darum, sich diesen gerade auch auf dem Hintergrund historischer Ereignisse formulierten Anfragen zu stellen. Dazu bedarf es einerseits grundlegenden historischen Wissens – oder zumindest Auskünften darüber, wo man zu welchem konkreten Thema zuverlässige Auskunft bekommen kann. Andererseits bedarf es des Nachdenkens: Wie bringe ich ›Kirche‹ in ihrer jeweiligen historischen Gestalt mit der Verkündigung Jesu zusammen? Was hat Kirchengeschichte mit Gottes Heilsgeschichte mit den Menschen zu tun? Was gehört zur unaufgebbaren Identität von Kirche und Christentum? Warum haben Christen an dieser oder jener Stelle so und nicht anders gedacht und gehandelt? Und nicht zuletzt: Wie verortet sich meine Gemeinde und wie verorte ich mich als einzelner Christ in dieser 2000-jährigen Geschichte? Wo haben wir heute womöglich ›blinde Flecken‹, die uns vielleicht gerade in der Auseinandersetzung mit der Geschichte bewusst werden können?

Wer sich mit derartigen Fragen auseinandersetzt, erfüllt freilich nicht nur eine Aufgabe ›nach außen‹, sondern zugleich eine sehr wichtige Aufgabe ›nach innen‹, denn: Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bedeutet Kompetenzgewinn für die Gegenwart. Man kann sich das am besten am Bild des Komposthaufens verdeutlichen: Alles, was in einem bestimmten Augenblick passiert, ist im nächsten Augenblick zwar bereits Vergangenheit – aber es ist damit nicht einfach verschwunden. Es ist vielmehr ein weiterer Bestandteil dessen, woraus sich neue Gegenwart speist und insofern von Gegenwart und Zukunft. Das bedeutet, dass die Art des Umgangs mit der eigenen Geschichte erhebliche Folgen für die Gegenwart hat – oder anders gesagt: Der ›Komposthaufen der eigenen Geschichte‹ will ebenso wie der im Garten gepflegt sein. Es gilt, die eigene Geschichte auf- und durchzuarbeiten, und nicht Teile davon sozusagen ›unter Plastikfolien‹ isolieren zu wollen, denn dann fangen sie an zu ›modern‹ und verhindern im wahrsten Sinne des Wortes die notwendige ›Erdung‹ der Gegenwart. Um es an einem Beispiel zu sagen: Es mag auf den ersten Blick ›besser‹ erscheinen, die unrühmliche Rolle eines Theologen, einer Gemeinde oder auch einer diakonischen Einrichtung in der NS-Zeit zu verschweigen – faktisch verzerrt diese Art der Wahrnehmung oder besser gesagt ›Ausblendung‹ von Vergangenheit aber auch die eigene Gegenwart als Bestandteil derselben Geschichte.

Man kann das auch grundsätzlicher formulieren und sagen: Geschichte ›erdet‹. Wer sich mit konkreten Situationen in der Geschichte auseinandersetzt, wird ein differenziertes, keineswegs immer erfreuliches Bild vorfinden – auch von der Kirche nicht. Er oder sie wird ein Gespür dafür bekommen, dass auch die eigene Situation – wie jede frühere – historisch bedingt ist und dass die Realität immer widerspenstig ist gegenüber allen Versuchen der Systematisierung. Wer historische Situationen durchdenkt, wird insbesondere skeptisch werden gegenüber jeglicher ›Schwarz-Weiß-Malerei‹– ob sie nun die eigene oder die Position und Situation anderer in ein pauschal gutes oder schlechtes Licht setzt. Genau dieses Differenzierungsvermögen aber ist es, was Gegenwart und Zukunft am ehesten förderlich ist.

1.2 Die Aufgabe: Schneisen schlagen

Angesichts der 2000-jährigen Kirchengeschichte besteht die Schwierigkeit zunächst einmal darin, sich nicht von vornherein von einer unüberschaubaren Menge von Namen, Daten und Fakten ›erschlagen‹ zu lassen. Offensichtlich ist das Missverständnis, Geschichte treiben bestehe darin, möglichst viele solcher Namen, Daten und Fakten im Gedächtnis zu haben und damit dann auch beeindrucken zu können, nach wie vor weit verbreitet. Studierende, die ich an der Universität erlebe, kommen nicht selten aus einem so dominierten Geschichtsunterricht, der dann bereits jegliches Interesse an Geschichte zerstört hat. Die Frage ist: Wie kommt man aus solchen Sackgassen heraus?

Unverzichtbar ist zunächst einmal ein ›Geländer‹, das es ermöglicht, historische Vorgänge so weit einzuordnen, dass man sich ihnen auf sinnvolle Weise nähern kann. Hierfür hat sich in der kirchengeschichtlichen Wissenschaft ein zeitliches Raster etabliert, das folgende grobe Periodisierung vornimmt:

Urchristentum und Alte Kirche

1. bis Ende 4. Jahrhundert

(Beginn Völkerwanderung)

Kirche im Mittelalter

5. bis 15. Jahrhundert (bis Vorabend der Reformation)

Reformationszeit

16. Jahrhundert

Kirchengeschichte der Neuzeit

17. bis frühes 20. Jahrhundert

Kirchliche Zeitgeschichte

seit dem Ersten Weltkrieg

Auch die Reformationszeit gehört schon zur Frühen Neuzeit (16.  18. Jahrhundert), wird wegen ihrer besonderen Bedeutung für die Kirchengeschichte aber immer eigens thematisiert. Zweifellos ist es hilfreich, sich ausgehend von dieser groben Periodisierung einige Grunddaten und -themen der verschiedenen Zeitabschnitte vor Augen zu führen – solche ›Durchblicke‹ werden im folgenden Kapitel geboten. Zugang findet man oft aber am besten durch Querschnittsthemen, die man epochenübergreifend verfolgt. Gegenstand eines solchen Interesses können ebenso eine Gemeinde, ein Gebäude, ein Dorf oder eine Region sein wie ein Orden, ein theologischer Gedanke, Aspekte der Rolle der Frauen in der Kirche, ein Lied, eine Missionsgesellschaft oder Fragen der Verbindung von Glaube und Alltag oder von Kirche und Politik – um nur Beispiele zu nennen. Methodisch kann man dabei grundsätzlich unterscheiden zwischen einer Kirchen- bzw. Christentumsgeschichte, die sich mit der Entstehung und Entwicklung von christlichem Leben, dessen Institutionalisierung und Verortung in der Gesellschaft befasst, und einer Dogmen- oder Theologiegeschichte, die stärker nach der Entwicklung und Festschreibung christlicher Lehren fragt. Letztere ist in besonderer Weise der Philosophiegeschichte verwandt, erstere der allgemeinen Geschichte. Man kann sich auf das eine oder andere stärker konzentrieren, aber man sollte sich bewusst machen, was man dann jeweils eher ›ausblendet‹.

Für einen problemorientierten Zugang zur Erschließung von Kirchen- und Christentumsgeschichte eignen sich insbesondere zwei Leitfragen:

a) Was haben die Geschichte der Kirche(n) und die des einzelnen Christen mit Gott zu tun?

b) Wer ist ein Christ und was macht wahre Kirche aus?

a) Den ersten Christen – also Juden, die glaubten, dass mit Jesus Christus der Messias gekommen war – lag der Gedanke an eine längere ›Geschichte‹ der Christenheit zweifellos fern. Sie rechneten mit der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi. Indem diese aber ausblieb, standen die Christen vor der Aufgabe, sich in der Welt mehr oder weniger dauerhaft einzurichten und ›Geschichte zu machen‹. Und hierzu gehörte (und gehört) ihre Interpretation im Rahmen von Gottes Heilsgeschichte mit den Menschen: Welchen Sinn soll dieses oder jenes Ereignis – auch in meinem eigenen Leben – haben? Inwiefern ›lenkt‹ Gott überhaupt Geschichte, und gibt es Menschen, die dabei ›Schlüsselrollen‹ einnehmen? Zäsuren in der Geschichte der Kirche(n) ergaben sich nicht selten daraus, dass man den Zusammenhang von Geschichte und Heilsgeschichte neu deutete und ›der Welt‹ entsprechend neue Optionen zuschrieb.

Angesichts der politischen Wende in Deutschland 1989  lag für manchen der Gedanke nahe, hier habe Gott direkt gehandelt – sozusagen wie an Israel zur Zeit des Alten Testaments. So nahe dies in diesem Falle liegen mag, gilt es doch, genau hinzusehen. Wer geschichtliche Situationen unmittelbar mit göttlichem Wirken in Zusammenhang bringen will, kommt schnell auch in die – in Deutschland nicht unbekannte – Gefahr, Gott gewissermaßen als ›seinen Alliierten‹ betrachten und mit ihm gegen die gemeinsamen ›Feinde‹ ziehen zu wollen.

b) Die Notwendigkeit, sich ›auf die Welt einzulassen‹, stellte und stellt die Christen auch vor die Aufgabe, zu definieren, was eigentlich die Identität eines Christen ausmacht. Die Entstehung von Kirche als Institution, in der die Verkündigung des Reiches Gottes im wahrsten Sinne des Wortes dauerhaft ›zu Hause‹ ist, bedeutete, eine christliche Identität festzulegen und auch zu garantieren. Damit verband und verbindet sich eine Entlastung: Wer sich zu einer christlichen Gemeinde und Kirche hält, galt und gilt als Christ und muss sein Christsein insofern nicht ständig neu hinterfragen. Dies setzt freilich die Anerkennung der Kirche, zu der man gehört, als in Glaubensfragen kompetent und vertrauenswürdig voraus.

Genau hier liegt nun aber auch das Problem, denn auch kirchliche Institutionen, Lehren und Lebensformen sind so, wie sie sind, durch Menschen geprägt, die grundsätzlich ja auch irren konnten und können. So verwundert es nicht, dass sich maßgebliche Wenden in der Kirchengeschichte daran festmachten, dass man die letztgültige christliche Kompetenz der Kirche(n) bezweifelte und dabei neue Konzepte von Kirche entwarf und etablierte. Zur Suche nach authentischem Christsein gemäß der im Neuen Testament nachlesbaren Botschaft Jesu Christi gehörte schon seit der Alten Kirche zum Teil auch die Vorordnung des Gottesverhältnisses des Einzelnen vor das Vertrauen in dessen Management durch Kirche. Damit verbunden entstand die Idee der Sammlung der ›wirklich Frommen‹ neben der Kirche. Auch der Gedanke, dass die wahren Kinder Gottes überhaupt nicht als organisierte Gemeinschaft sichtbar, sondern eine sozusagen virtuelle Gemeinschaft sind, spielte von Anfang an eine Rolle. Jede Kirche und christliche Gemeinschaft gab und gibt anders akzentuierte Antworten auf die Frage, wie und wo sich authentisches Christsein vollzieht.

1.3 Die Spuren: Wer schreibt (Kirchen-)Geschichte?

Würde man eine Umfrage machen unter dem Thema »Wer macht Kirchengeschichte?«, wären verschiedene Antworten denkbar – wie z. B. »die Bischöfe« oder »die Theologen« oder aber auch »die Gemeinden« oder »die Christen«. Es käme vielleicht eine Diskussion auf, ob das ›Geschichte machen‹ nur eine Sache einiger leitender Personen ist, oder ob daran nicht letztlich alle beteiligt sind. Die Mehrzahl der Geschichtsbücher erweckt freilich den Eindruck, dass in der Tat nur ein geringer Teil der Menschen Geschichte gemacht hat: Könige, Fürsten, Präsidenten, Parteiführer, Theologen, Philosophen, Dichter, Forscher, Abenteurer, manchmal auch »Ketzer«. Es sind wenige herausragende Personen, meist Männer, die augenscheinlich die Geschicke der Menschheit bestimmt haben, und die irgendwie für alle anderen stehen. Im Gegenzug zu dieser Sicht hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Art der Geschichtsschreibung entwickelt, die auch nach den Wegen der Verbreitung von Ideen, nach alltäglichen Vollzügen und Mentalitäten breiter Bevölkerungsschichten und deren Wechselwirkungen mit weichenstellenden politischen und theologischen Entwicklungen und Entscheidungen fragt. In einer solchen Perspektive ist z. B. der Dreißigjährige Krieg nicht nur ab eine Reihe von Schlachten und Truppendurchzügen aufgrund der Entscheidungen einzelner weltlicher Machthaber mit mehr oder weniger konfessionellem Hintergrund zu definieren, sondern als das Leben einer ganzen Generation unter vollständig veränderten, in vielfacher Hinsicht extremen Bedingungen.

»Zum ›Geschichte machen‹ gehört entscheidend das Hinterlassen irgendeiner Art von Spuren, die über den Tod hinaus ›lesbar‹ bleiben.«

Solche Forschungen sind allerdings oft sehr mühsam, denn: Zum ›Geschichte machen‹ in dem Sinne, dass jemand in der aufgeschriebenen Geschichte einer Gemeinde, eines Ortes oder eines Landes vorkommt, gehört entscheidend das Hinterlassen irgendeiner Art von Spuren, die über den Tod hinaus ›lesbar‹ bleiben. Dies tun in der Regel aber eben nur Leute, die aufgrund ihres Amtes oder weil sie sich in irgendeiner Hinsicht einen bekannten Namen machen, Schriftgut hinterlassen, das von ihnen stammt oder über sie Auskunft gibt. Immerhin: Gerade in Pfarrarchiven finden sich auch die Spuren der ›ganz normalen‹ Gemeindeglieder – zumindest in Gestalt von Einträgen in Tauf-, Trau- und Sterbe-, manchmal auch Beicht- bzw. Abendmahlsregistern. Theoretisch kann jede Familie Spuren ihrer Vorfahren, z. B. in Gestalt von Briefen oder Tagebüchern, aufbewahren. Zu den Spuren, die ein Mensch hinterlässt, kann freilich ebenso etwas gehören, was er oder sie gebaut, gepflanzt, gemalt oder erfunden hat. Als Historiker sprechen wir dabei von ›Quellen‹ und unterscheiden solche, die schon bewusst für die Nachwelt ›Geschichte geschrieben‹ haben, von sog. ›Überresten‹, also Zeitzeugnissen ohne sozusagen historische Absichten.

Um schließlich tatsächlich ›Geschichte zu schreiben‹ genügt aber nicht das Hinterlassen von Spuren. Vielmehr müssen diese auch von irgendjemandem aufbewahrt, von später Lebenden gelesen und schließlich gedeutet werden.

An dieser Stelle trägt jede neue Generation viel Verantwortung. Keiner kann und will alles aufbewahren. Was aber ist wirklich ›überflüssig‹? Was könnte vielleicht nicht für meine, aber doch für eine spätere Generation von Interesse sein, um sich ein Bild machen zu können von unserer Zeit? Und welche Quellen sollten wir in den Blick nehmen, weil sie möglicherweise noch nie wahrgenommen wurden und unser Bild von einer bestimmten Zeit insofern gar nicht stimmt? Das gilt auch für die Kirchengeschichte. Viele Spuren vergangener Generationen warten noch darauf, gelesen und interpretiert zu werden. Und die Frage, welche ›Spuren‹ wir wie ›lesen‹ und welche wir unbeachtet lassen, entscheidet darüber, was zu unserem Bild der Geschichte gehört und was nicht.

Ohnehin gilt auch für die Kirchengeschichte: Es gibt keine ›objektive‹, ein für alle Mal geschriebene Geschichte. Vielmehr muss jede Generation aus ihrer Perspektive neu auf die Quellen schauen, sie lesen und interpretieren. Man kann sich das am besten an Standardwerken zu einzelnen Themen und Epochen klar machen: Niemand würde heute z. B. ein Buch aus dem 19. Jahrhundert über Martin Luther zur Hand nehmen, um sich über die Reformationszeit zu informieren, denn unsere Sicht auf das 16. Jahrhundert ist eine andere als die des 19. Jahrhunderts. Das Buch aus dem 19. Jahrhundert kann trotzdem interessant sein – wenn wir z. B. danach fragen, wie man im 19. Jahrhundert Luther und die Reformation gedeutet hat. Da wird dann die Frage eine Rolle spielen, welche eigenen Perspektiven die Autoren des 19. Jahrhunderts einbrachten und welche Funktion für ihre Gegenwart der Blick auf die Reformationsgeschichte hatte. Es wird auffallen, dass Luther bis weit in das 20. Jahrhundert hinein stark für einen uns heute fremden deutschen Nationalismus ›in Anspruch genommen‹ und idealisiert wurde. Das lässt sich auch an bildlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts etwa von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg 1517 sehr gut zeigen.

So wie die Autoren des 19. Jahrhunderts haben auch wir unsere ›zeitbedingte Brille‹ auf. Wer Quellen liest und interpretiert, tritt sozusagen in ein Gespräch ein mit denen, die Spuren hinterlassen haben. Dieses Gespräch kann sich niemals  losgelöst von der Person des oder der ›Spurenlesenden‹ vollziehen. Er oder sie wird immer in einem bestimmten Interesse fragen, das man sich zumindest bewusst machen sollte. Besonders problematisch, da am wenigsten ›objektiv‹, ist zweifellos immer die Geschichtsschreibung, die nur solche Spuren liest, die sich zur Rechtfertigung einer bestimmten Position oder Institution in der Gegenwart eignen bzw. entsprechende Interpretationen dann auch in die Quellen ›einträgt‹. Das betrifft auch eine Kirchengeschichtsschreibung, die Kirche schlechthin oder einzelne kirchliche Positionen historisch zu rechtfertigen versucht.

Besonders sorgsam ist zu unterscheiden zwischen Quellen, die bereits in der Absicht verfasst wurden, ein bestimmtes, selektives Bild von Ereignissen und Personen zu tradieren, und den oben genannten ›Überresten‹, die historische Ereignisse sozusagen ›unfrisiert‹ widerspiegeln. Hierbei wird es sich insbesondere um lediglich handschriftliche, in Archiven überlieferte Quellen handeln. Um es salopp auszudrücken: Wer nur gedruckte Quellen liest, wird nie die Spuren derer finden, die für Verleger und Editoren nicht interessant waren – wobei auch deren Überlieferung davon abhängt, ob sie von früheren Generationen nicht für zu uninteressant befunden und deshalb vernichtet wurden.

Ernsthaftes Quellenstudium steht immer quer zu schon bestehenden Deutungsmustern, bringt scheinbar festgefügte Geschichtsbilder in Bewegung und stärkt die eigene Gegenwartskompetenz – auch im Umgang mit der eigenen Kirche. In der Auseinandersetzung mit konkreten historischen Stoffen kann man Differenzierungs- und Erschließungsstrategien für andere – auch für gegenwärtige – Konstellationen und Situationen erlernen und das eigene Urteilsvermögen schärfen.

Literaturhinweise

Mariano Delgado/​Volker Leppin (Hrsg.), Gott in der Geschichte. Zum Ringen um das Verständnis von Heil und Unheil in der Geschichte des Christentums, Stuttgart/​Fribourg 2013.

Lexikon der Kirchengeschichte, Redaktion: Bruno Steimer, Darmstadt 2013.

Lothar Dittmer/​Detlef Siegfried (Hrsg.), Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Hamburg 2005.

2 Durchblicke

2.1 Urchristentum und Alte Kirche

2.1.1 Das Urchristentum

Fragt man nach den Anfängen des Christentums, muss man sich zunächst noch einmal vor Augen führen, dass diese nicht in Europa, sondern im Vorderen Orient liegen. Das ist insofern wichtig, als dies zwar eigentlich klar ist, unsere Vorstellungen vom Christentum aber in so erheblichem Maße vom ›christlichen Abendland‹ dominiert sind, dass Westeuropa oft fälschlich als maßgebliches Kerngebiet des Christentums angesehen wird.

Den Beginn des Urchristentums markieren Erscheinungen des auferstandenen Christus nach der Kreuzigung um 30 n. Chr. Ein wichtiges Merkmal der ersten Generation war die Ausbildung des nicht auf den Kreis der zwölf unmittelbaren Anhänger Jesu beschränkten Apostelamtes. Die Bezeichnung weist auf das im Gegensatz zum Judentum stark ausgeprägte missionarische Selbstbewusstsein der ersten Christen hin. Das Apostelamt selbst wurde aber nicht – z. B. in Form der Einsetzung von Nachfolgern – an die nächste Generation weitergegeben. So stellte der Tod des Paulus, des Petrus, des Herrenbruders Jakobus und des Zebedaiden Johannes, also der Übergang in die zweite Generation, einen massiven Einschnitt dar. Er erklärt, weshalb es ein entscheidendes Identitätsmerkmal der Kirche(n) wurde, in irgendeiner Weise diese »Apostolizität« zu wahren, also in ungebrochener Tradition mit der ersten christlichen Generation zu stehen. Das Ende des Urchristentums setzt man um 150 n. Chr., also mit dem Übergang von der vierten in die fünfte Generation an, da sich hier gänzlich neue Entwicklungen etablierten.

Für die Entstehung der Urgemeinde spielten Erlebnisse von Erscheinungen des Auferstandenen und Geisterfahrungen eine Rolle – auch wenn wir entsprechende Berichte eher als schriftstellerische Leistungen und nicht als historisch anzusehen haben. Besonders die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte ist kirchengeschichtlich insofern von großer Bedeutung, als sie bis heute eine wichtige Basis bildet für die Inanspruchnahme solcher ›Geisterfahrungen‹ als unmittelbare göttliche Offenbarungen durch einzelne Christen. Die Urgemeinde bestand im Kern, zumindest anfangs, offenbar aus dem Zwölferkreis derjenigen, die mit Jesus nach Jerusalem gepilgert waren – also aus Galiläaern, die sich nun dauerhaft in Jerusalem niederließen. Judas musste freilich ersetzt werden. Petrus als derjenige, der zuerst eine Erscheinung des auferstandenen Herrn hatte, kam darin eine leitende Rolle zu. Paulus erwähnt ›mehr als 500‹ weitere Empfänger dieser Erscheinung (1Kor 15,6), was – unabhängig von der nicht als historisch zuverlässig anzunehmenden Zahlenangabe – für die Entstehung der sicherlich wesentlich kleineren Urgemeinde offenbar konstitutiv war. Interessant ist, dass Jakobus, der Bruder Jesu, erst danach und eigens erwähnt wird (1Kor 15,7). Jesu Familie stand ihm zeitlebens offenbar ja sehr distanziert gegenüber (vgl. Mk 3,20 f und 31  35) – Jakobus hingegen wurde in der letzten Phase der Urgemeinde sogar zu deren zentraler Leitfigur. Dass mit ihm zusammen die ›Gesamtheit der Apostel‹ erwähnt wird, spricht für eine größere Gruppe, die über den Kreis der Zwölf hinausging, und die eher in Jakobus als in Petrus ihre Leitfigur sah.

Die Taufe des Johannes bildete die Voraussetzung für die Ausbildung des urchristlichen Taufritus. Taufe »auf den« bzw. »im Namen Jesu« und rituelles Gemeindemahl (›Herrenmahl‹) hatten für die Ausbildung einer urchristlichen Gruppenidentität und -stabilität entscheidende Bedeutung. Sie bildeten die Zeichen oder den Vollzug der Grundgewissheit, dass Jesus der Christus, also der Messias ist. Diese aber basierte auf dem Glauben an die Auferweckung und Erhöhung Christi sowie an dessen baldige Wiederkunft und ist insofern nur nachösterlich denkbar. Deshalb kann man nicht davon sprechen, dass Kirche und Kirchengeschichte schon zu Jesu irdischen Lebzeiten begannen.

So sehr z. B. die Apostelgeschichte betont, dass die ersten Christen »ein Herz und eine Seele« gewesen seien (Apg 4,32), so deutlich ist zugleich, dass bereits in der Jerusalemer Urgemeinde durchaus verschiedene Gruppierungen existierten, zwischen denen es zu teils erheblichen Spannungen kam. Diese erklären sich zunächst einmal aus der im Judentum zu diesem Zeitpunkt bereits erfolgten auch sprachlichen Auseinanderentwicklung von einem westlichen – lateinischen bzw. griechischen – Kulturraum, und einem östlichen, in dem Hebräisch und Aramäisch überwogen. Die Grenze und bis zur Zerstörung des Tempels im Jahre 70 auch die einigende Kraft zwischen westlicher und östlicher Diaspora bildete Israel, so dass hier Vertreter beider Gruppierungen zusammenkamen. Indem die Urgemeinde zunächst einmal ausschließlich aus christusgläubigen aramäisch-hebräischen Juden bestand, denen sich dann aber hellenistische Juden anschlossen, die Christus ebenfalls als den Messias ansahen, übernahm sie auch diese – eigentlich innerjüdische – Spannung (vgl. Apg 6,1  6). Die ›Hellenisten‹ hatten offensichtlich eine eigenständige Leitungsstruktur mit Stephanus und an zweiter Stelle Philippus an der Spitze, so dass wir hier eine eigene urgemeindliche Gruppierung annehmen müssen.

»Für die antiochenische Gemeinde ist erstmals die Bezeichnung ›Christen‹ belegt.«

Diese ursprünglich innerjüdische Spannung innerhalb der Urgemeinde entwickelte jedoch bald auch ein spezifisch christliches Profil, indem die hellenistischen Judenchristen im Gegensatz zu den aramäischen nach der Steinigung des Stephanus und ihrer Vertreibung aus Jerusalem dazu übergingen, auch Nichtjuden in die christlichen Gemeinden aufzunehmen. Dies betraf vor allem Antiochia, wo sich offenbar eine größere Gruppe der aus Jerusalem vertriebenen hellenistischen Judenchristen sammelte. So entstand hier seit etwa 32/​33 n. Chr. eine hellenistisch-christliche Gemeinde, deren Bindung an das Judentum sich mehr und mehr lockerte. Dies äußerte sich entscheidend darin, dass bei der Aufnahme in die christliche Gemeinde auf die für die Zugehörigkeit zum Judentum unabdingbare Beschneidung verzichtet wurde, so dass die Taufe zum (einzig) maßgeblichen und identitätsstiftenden Ritual des Eintritts in die christliche Gemeinde wurde. Eine wichtige Rolle spielte in Antiochia der Gemeindeleiter Barnabas. Für die antiochenische Gemeinde, die zum zweiten Zentrum des frühen Christentums wurde, ist erstmals die Bezeichnung »Christen« belegt (Apg 11,26).

Zu einer entscheidenden Gestalt im frühchristlichen Konfliktfeld zwischen eindeutig an Judentum und Beschneidung festhaltenden Christen (in Jerusalem) und einem die jüdische Identität überschreitenden christlichen Gemeindekonzept (in Antiochia) wurde Paulus. Nach seiner Bekehrungserfahrung und einer Phase der Wirksamkeit in Arabien und möglicherweise in seiner Heimatstadt Tarsus gehörte er selbst der antiochenischen Gemeinde an und missionierte von hier aus mit Barnabas auf Zypern sowie im südlichen Kleinasien.

Ein herausragendes Ereignis der theologischen Verständigung zwischen den verschiedenen Flügeln des Urchristentums wurde ein Treffen der führenden Vertreter der verschiedenen Gemeinden, das um 48 n. Chr. in Jerusalem stattfand und als »Apostelkonzil« bezeichnet wird (vgl. Apg 15,1  35 und Gal 2,1  10). Hier vertraten Paulus und Barnabas die Interessen der antiochenischen Gemeinde. Im Ergebnis dieses Treffens wurde die Aufnahme in die christliche Gemeinde ohne Beschneidung als Bestandteil der antiochenischen Heidenmission grundsätzlich anerkannt – allerdings nur von den an diesem Spitzengespräch teilnehmenden leitenden Personen. Faktisch wäre ohnehin eine grundlegende Klärung des Verhältnisses zu den jüdischen Gesetzen nötig gewesen, wie sich kurz darauf an schweren Verwerfungen wegen der Nichteinhaltung jüdischer Speisevorschriften durch antiochenische Gemeindeglieder zeigte. Die daraufhin verstärkte Bereitschaft auch nichtjüdischer Christen, sich den jüdischen Speisevorschriften um der Einheit der christlichen Gemeinschaft willen zu unterwerfen, trug Paulus nicht mit und verließ Antiochia. Er brach zu großen, eigenständigen Missionsreisen in Richtung Europa auf, mit dem Ziel, »bis an das Ende der (westlichen) Welt«, also bis nach Spanien, vorzudringen. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom, der als sein ›theologisches Testament‹ gilt, hat er sich nachdrücklich gegen den Vorwurf gewehrt, er vertrete eine zu freizügige Haltung gegenüber dem jüdischen Ritualgesetz, wende sich insofern vom Judentum ab und relativiere die heilsgeschichtliche Vorrangstellung Israels.

Das Wissen um diese Vorgänge ist für das Verständnis der gesamten Kirchengeschichte wichtig. Sie zeigen zum einen allgemein, dass es auch schon in der Christenheit der ersten Generation jenseits des alle verbindenden Bekenntnisses, dass Christus der Messias sei, verschiedene theologische Positionen gab, die diskutiert werden mussten und zum Teil sogar heftige Auseinandersetzungen erforderten. Sie zeigen zum anderen, dass die Verwurzelung des Christentums im Judentum keineswegs eine Nebensache war, so dass diese Verwandtschaft womöglich schon bald keine Rolle mehr gespielt hätte. Vielmehr wird im Gegenteil deutlich, dass anfangs alle und dann viele Christen der ersten und vielfach auch noch der zweiten Generation – insbesondere in der Jerusalemer Urgemeinde mit Jakobus als führender Persönlichkeit – ihre Identität selbstverständlich als eine jüdisch-christliche verstanden und dieses Verständnis sogar unter den Christen auch in Antiochia noch am Ende der 40er Jahre auch weitgehend erfolgreich durchsetzen konnten. Die in den 50er Jahren von Paulus in Makedonien, Achaia und Kleinasien gegründeten Gemeinden teilten den jüdischen Aspekt der christlichen Identität hingegen eindeutig nicht mehr.

»Es findet sich bereits im Neuen Testament die Tendenz, Pontius Pilatus auf Kosten der Juden immer stärker von der Schuld am Tod Jesu zu entlasten.«

Für die Entwicklung des Christentums ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts ist die Ablösung vom Judentum einer der entscheidendsten Faktoren. Die Ausbildung einer eigenen Identität neben dem Judentum stellte den ersten Schritt zur Ausbildung eines spezifisch christlichen Profils dar. Die Christen übernahmen die »Heiligen Schriften« der Juden und entwickelten dazu komplementär eine eigene Literatur, in der sie diese Schriften christlich deuteten und somit in Anspruch nahmen (vgl. 2.1.2). Ebenso knüpften sie an jüdische Formen des Gottesdienstes und die Deutungen von Geschichte als Heilsgeschichte an. Dabei beanspruchten sie letztlich aber eine einzigartige, das Judentum nicht nur relativierende, sondern sogar ins Unrecht setzende Stellung. Dies erklärt, weshalb aus der nahen Verwandtschaft von Christentum und Judentum schon in der Zeit der Entstehung der neutestamentlichen Schriften nicht nur ein problematisches Verhältnis wurde, sondern auf christlicher Seite schon bald ein tiefgehender theologischer Antijudaismus wuchs. So findet sich bereits im Neuen Testament und dann verstärkt in der apokryphen, also nicht zum Neuen Testament gehörenden christlichen Tradition die Tendenz, Pontius Pilatus auf Kosten der Juden immer stärker von der Schuld am Tod Jesu zu entlasten. Die schweren Judenverfolgungen des Mittelalters und der Neuzeit stehen auch im Kontext dieses bereits in den frühen Jahrzehnten des Christentums entstandenen theologischen Antijudaismus.