URSULA OTT –
GESCHICHTEN, DIE IMMER NUR MIR PASSIEREN

Ja toll!

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung und Satz:

Lena Gerlach, Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH

Fotonachweis:

Umschlag: Tillmann Franzen

Seite 10, 48, 76, 106: Michael Ondruch

Seite 143: Matthias Jung

1. digitale Auflage:

Zeilenwert GmbH 2014

© Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main 2008
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Einwilligung des Verlags unzulässig.

ISBN 9783938704714

Index

Cover

Titel

Impressum

VORWORT

Träum weiter!

1. DAS PRINZIP ALLTAG

Sie haben da was vergessen!

Im Prinzip total bescheuert

Hier ist echt der Wurm drin!

Sprache ohne Maul

Immer essen?

Mäuse vorm Altar

Örkk!

Platz für echte Helden

www.haseundigel.de

Mach voran, du alte Schrottmühle!

Total verschlafen

Einmal Spieleland, bitte!

2. JA TOLL!

Mein Leben als Fünf-Parteien-System

Vatertag und Elternabend

Im Notfall zu benachrichtigen

Wellness für Baby Einstein

Eine schrecklich schöne Familie

Alle Jahre wieder

Ohne Haut und Haare

Generation danke

Das Väter-Revolutiönchen

3. WIR DANKEN FÜR IHR VERSTÄNDNIS

Ziegen im Tunnel

Alexis Sorbas oder Amy?

CU, liebe alte Tante!

Na, Krause? Noch im Bett?

24 Stunden sind nicht genug

Multikulti beim Minigolf

Waren Sie mit mir zufrieden?

Goldbärchen in Hongkong

Geschenkt!

Good morning, Deutschland!

4. ERLEDIGT

Powerpoint: Da zittert der Feind!

Auswandern: Und tschüss!

Gipfel: Hauptsache hoch

Fitness: Auch für Goldhamster?

Führerschein: Bitte nur fürs Autofahren!

Augenhöhe: Von denen da oben und denen da unten

Masterplan: Der Mensch denkt und lenkt zu gern

Kindische Töne: Papa, dein Handy klingelt!

Leuchtturmprojekte: Auf dem Festland reichlich albern

Erlebniswelt: Das Leben ist aufregend genug

Listen: Einfach abhaken!

Kinderdorf: Es braucht mehr, um ein Kind zu erziehen

Katastrophe: Uups, hat ja gar nicht wehgetan

Pilgern: Das Ziel ist im Weg

Vertrag: Einmal Liebe, gilt auch ohne Unterschrift

Philosophie: Oder doch nur Liebe zum Weisheitszahn?

2.0: Warum das Internet nicht jeden Quatsch modern macht

Joannis, der griechische Fischer – oder Ingo, der schwäbische Studienrat?

DIE AUTORIN

Vorwort

Träum weiter!

Das sagen manchmal meine Kinder. Wenn die Erwachsenen mal wieder so absurde Ideen haben wie: um 20 Uhr ins Bett gehen. Oder am Sonntag – am SONNTAG! – Einmaleins üben. Träum weiter, Mama.

Mama träumt echt manchmal weiter. Wenn sie im ICE sitzt, der sie jeden Tag von Köln nach Frankfurt fährt. Im Prinzip. Bloß nicht, wenn gerade wild gewordene Ziegen im Tunnel bei Siegburg herumlaufen. Über deren Schicksal die Zugbegleiterin alle zwei Minuten Rapport erstattet. Oder wenn Mama nach einem langen Arbeitstag beim Elternabend ihres Sohnes sitzt, auf harten, viel zu kleinen Holzstühlen, und den anwesenden Vätern lauscht, die nicht etwa zügig eine Lösung finden wollen für das Problem: „Diese Klasse ist zu laut und undiszipliniert.“ Sondern gerne einen Schwank aus ihrer eigenen bewegten Jugendzeit zum Besten geben, in der sie selber gaaanz wilde Kerle waren.

Auf solchen Zugfahrten, an solchen Elternabenden kann man dreierlei tun: sich schwarzärgern über die Widrigkeiten des Alltags. Wahlweise die Deutsche Bahn, den deutschen Vater oder das Schicksal verfluchen. Oder weiterträumen. Wo das wohl herkommt, diese neue Ehrlichkeit bei der Bahn. Und wie das wohl passieren konnte, dass diese Huckleberry-Finn-Väter heute so bieder angezogene IT-Berater sind.

So entstehen viele meiner Kolumnen: aus dem Alltag. Und seinen Absurditäten, kleinen Ärgernissen und Pannen. Von hässlichen Geschenken, die sich in zu kleinen öffentlichen Papierkörben nur mühsam entsorgen lassen. Bis zu Adventsgottesdiensten, in denen über die magere Kollekte gejammert wird statt „Macht hoch die Tür“ gesungen. Um solche Beobachtungen geht es in Kapitel eins: „Das Prinzip Alltag“.

Seit acht Jahren erscheinen diese Kolumnen in „Sonntag aktuell“, und die süddeutschen Leser wissen deshalb über mein Leben ungefähr so viel wie Lidl über seine Kassiererinnen. Den Neueinsteigern seien die Rahmendaten genannt: Ich arbeite als Journalistin in Frankfurt am Main, meine Kinder wohnen in Köln. Deshalb wird in meinen Kolumnen ziemlich viel Zug gefahren (siehe Kapitel 3: „Wir danken für Ihr Verständnis“). Mein Mann, meine Kinder und ich leben in dem, was die Politiker ein „Fünf-Parteien-System“ nennen: einer sogenannten Patchworkfamilie – über die wechselnden Koalitionen und Kompromisse dieser modernen Familie, überhaupt um große und kleine Kinder geht es in Kapitel 2: „Ja toll!“.

Klingt kompliziert, oder? Man könnte jetzt ein Schaubild zeichnen: zwei Kinder, drei Wohnsitze, vier Elternteile. Vielleicht eine Powerpoint-Präsentation? Bloß nicht! Powerpoint hat sich für mich längst „erledigt“ – so heißt meine Kolumne in chrismon, in der ich Dinge in meinen höchstpersönlichen virtuellen Abfalleimer entsorge. Dinge, die nerven: das allgegenwärtige Pilgern, die aufgeblasenen Masterpläne und Leuchtturmprojekte, der inflationäre Gebrauch des Wörtchens Katastrophe. Und der Hang des Deutschen, für alles einen Vertrag oder gar einen Führerschein zu machen. Diese „erledigt“-Kolumnen finden Sie in Kapitel 4.

Logisch, dass Sie nicht mit allem einverstanden sein werden. Kolumnisten müssen manchmal böse und ungerecht sein, sonst könnten sie auch Börsennachrichten verfassen. Was, Börsennachrichten finden Sie auch viel wichtiger als die Alltagsbeobachtungen einer pendelnden Journalistenmutter? Ja toll! Dann müssen Sie dieses Buch eben Ihrer besten Freundin schenken.

Ursula Ott, Köln/​Frankfurt am Main im Sommer 2008 

1. Das Prinzip Alltag

Sie haben da was vergessen!

Neulich hatte mein Chef einen runden Geburtstag, und weil er ein Fußballfan ist, kamen wir auf die gloriose Idee: Wir schenken ihm ein Foto von uns, also von seinem Team. In Fußballtrikots, vor einem schönen altmodischen Vereinsheim. Die Aktion war spaßig, lange hatten wir noch Gesprächsstoff zu dem Thema, wer denn nun Linksaußen sei und wer Stürmer. Wir, die Schenker, waren von der Grandiosität der Idee so überzeugt, dass wir das Foto gleich auf A2 vergrößern ließen. Bevor es auch noch einen monströsen Rahmen kriegte, bekam zum Glück eine Kollegin Bedenken. Und wenn es ihm jetzt gar nicht gefällt? Und wenn er seine Leute gar nicht so großformatig um sich sehen will? Zumindest den großen Rahmen haben wir gerade noch verhindert. Denn es ist ja wahr: Je größer ein Geschenk, desto schwerer kann man es verschwinden lassen, wenn es einem nicht gefällt.

Das Problem hatte ich neulich nach einem Vortrag in Berlin. Ich bekam als Dankeschön einen schweren Bildband jener Kirche, in der ich den Vortrag gehalten hatte. Und schon als ich das tonnenschwere Teil entgegennahm, kam mir der Verdacht: Davon hat die Gemeinde wahrscheinlich noch 2000 Stück im Kirchenkeller, von diesem relativ unansehnlichen, aber sehr großen Band aus dem Erscheinungsjahr 1987. Da ich mir nach dem Vortrag gern noch Berlin ansehen wollte, wäre ich es gerne losgeworden, das schwere Teil. Aber es passte in keinen Papierkorb, und das fiel mir erst jetzt auf: Papierkörbe sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Sie haben nur noch einen kleinen winzigen Schlitz oben. Wahrscheinlich weil zu viele Leute sonst ihren Hausmüll dort abladen würden.

Also versuchte ich, das Buch unauffällig im Bus liegen zu lassen, der mich von Berlin-Mitte nach Schöneberg brachte. So oft schon habe ich aus Versehen Dinge liegen lassen, Handy, Schirm, Jacke – nie hat mir einer was nachgetragen, und schon gar nicht im mauligen Berlin. Aber genau an dem Tag schien der ansonsten grantige Berliner seinen gastfreundlichen Tag zu haben – jedenfalls sprang mir eine ältere Dame nach und hätte fast selber ihren Bus dadurch verpasst: „Sie haben da was liegen lassen.“ Also trug ich das schwere Teil mit in den Flieger und wollte es dort unauffällig im Gepäckfach zurücklassen, aber selbstverständlich kam mir auch jetzt eine nette Stewardess zu Hilfe. „Sie haben Ihr Buch vergessen.“

Nein, es ist wirklich nicht leicht, Dinge loszuwerden. Und in Deutschland gibt es wenigstens noch Abfalleimer, wenn auch immer kleinere. In Ländern, in denen der Terror noch ärger wütet, gibt es schon längst keine mehr, denn dort könnten sich Bomben verstecken. In London würde man wahrscheinlich sofort verhaftet, wenn man ein buchähnliches Paket in der U-Bahn liegen ließe. In London kann man noch nicht mal einen Koffer ins Schließfach legen – es gibt nämlich keine Schließfächer. Wer an Victoria Station morgens ankommt und zum Beispiel erst um 14 Uhr ins Hotel einchecken kann, muss für viel Geld seinen Koffer einem Menschen aus Fleisch und Blut überantworten. Das kostet dann fast so viel wie der Flug mit Ryan Air von Deutschland nach London.

Eine Zeit lang warb ja die Firma E-Bay dafür, ungeliebte Geschenke sofort ins Internet zu stellen. Nach Weihnachten zum Beispiel. Aber E-Bay geht es wirtschaftlich nicht mehr so gut, die Gemeinde wird kleiner. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Verschenker seinem Geschenk im Internet wiederbegegnet. Dann kann man es gleich so machen wie meine Freundin Sabine, die nach der Hochzeit gar nicht erst vom Hotel nach Hause fuhr mit all den geschmacklosen Vasen, Weingläsern und Salatbestecken. Nein, sie fuhr direkt zu Oxfam, einem Secondhandladen für karitative Zwecke. Blöd war nur, dass eine Freundin direkt neben Oxfam wohnte. Die entdeckte die sechs Weingläser, die sie gerade erst verschenkt hatte, und war nicht etwa beleidigt. Nein, es kam schlimmer: Sie kaufte die sechs, brachte sie freudestrahlend zu Sabine und sagte: „Jetzt hast du zwölf.“

Deswegen habe ich inzwischen doch eine Menge dafür übrig, Dinge zu verschenken, die man entweder aufessen, leer trinken oder unauffällig weiterverschenken kann. Da fällt mir übrigens auf: Bisher hat der Chef das Foto nicht an seine Wand gehängt. Gut, dass wir es nicht haben rahmen lassen. So kann er es notfalls zusammenrollen – und in einem handelsüblichen Mülleimer verschwinden lassen.

Im Prinzip total bescheuert

Ich beantrage hiermit Titelschutz für das Harry-Potter-Prinzip, das Biene-Maja-Prinzip und das Bob-der-Baumeister-Prinzip. Warum? Weil es das Pipilotta-Prinzip und das Donald-Duck-Prinzip schon gibt. Auf dem Buchmarkt sprießen sie nur so, die Prinzipien. Und wollen uns offenbar sagen: Es gibt doch so was wie Regeln in dieser ziemlich unüberschaubar gewordenen Welt. Und es ist ki-ka-kinderleicht, sie zu durchschauen. Oder warum sonst bedienen sich die Autoren vornehmlich der Helden der Kinderliteratur? Weil es ja wirklich verdammt kompliziert geworden ist in der Wirklichkeit.

Früher galten so was wie Gesetzmäßigkeiten. Wie in der Physik, wo man durch jahrelange Beobachtung rausfinden kann, was passiert, wenn man zum Beispiel einen Gegenstand im Wasser versenkt. So entstand das archimedische Prinzip: Die Auftriebskraft eines Körpers ist genauso groß wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums. Das gilt immer und überall.

Aber das Leben ist leider nicht so mechanistisch. Zwei, drei Jahrzehnte lang sah es vielleicht so aus: Wenn man die Komponenten Ausbildung und Lebensalter mischte, kam fast immer ein ansehbares Gehalt, ein gesellschaftlicher Status dabei heraus. Jetzt ist es definitiv anders. Menschen, die im Experimentierlabor des Lebens alles richtig gemacht haben, stehen mit Mitte 40 plötzlich arbeitslos da. Junge Leute, die zehn Jahre lang die vernünftigen Fächer studiert, die richtigen Praktika gemacht und ein Jahr im angesagten amerikanischen College studiert haben, finden trotzdem keine feste Stelle, oder sie finden keinen Partner, mit dem sie eine Zukunft planen mögen.

Das ist alles ziemlich sinnlos. Wer an den lieben Gott glaubt, kann wenigstens einen vagen Bauplan vermuten hinter dem großen Trümmerfeld. Aber was machen die andern? Versuchen, diesem anarchischen Zustand irgendeine Gesetzmäßigkeit abzugewinnen. Und so blühen derzeit die einfachen Theorien, die gerne gleich zu „Prinzipien“ geadelt werden. „Strukturiertes Leiden“, lästert die New Yorker Publizistin Barbara Ehrenreich, die für ihr Buch „Qualifiziert und arbeitslos“ ein Jahr lang in Wallraff’scher Manier mit einer falschen Identität durch die amerikanische „Bewerbungswüste“ irrlichterte.

Dabei gerät sie an die absurdesten Heilslehren, an selbst ernannte Coaches und Persönlichkeitsberater, die allesamt suggerieren: Du musst nur Faktor A mit Schritt B kombinieren – und schon stellt sich der Erfolg ein. So gerät sie unter anderem an ein Erfolgstraining, das aus sage und schreibe fünf verschiedenen Elementen zusammengerührt ist: Sufismus, Buddhismus, jesuitische Philosophie, keltische Weisheit und Numerologie.

Die Reporterin wäre zweifellos auch in Deutschland fündig geworden. „Ich nutze moderne Erkenntnisse der Quantenphysik und Gehirnforschung und altes östliches Wissen“, verkündet etwa eine gewisse Ulla Sebastian in ihrem „Prinzip Lebensfreude“. Und liefert – ganz wichtig – noch ein bisschen Religionsstiftungssmythos dazu: „Geht es Ihnen wie mir, die ich viele Jahre damit verbracht habe herauszufinden, wie und wo ich den Knopf des Leidens abstellen kann?“ Knopf abstellen, ach wenn es doch nur so einfach wäre. So einfach wie das „Pareto-Prinzip“, das komplexe Zusammenhänge tatsächlich auf die mathematische Formel 80 zu 20 reduziert – inzwischen von Kritikern übrigens modifiziert zum Verhältnis 65 zu 35. Warum dann nicht gleich das LOLA-Prinzip, das nichts weniger verspricht als die „Supraleistung im Leben eines Menschen“. Die Abkürzung steht für „Loslassen plus Liebe mal Liebe gleich Aktion“. Nix verstehn? Gilt aber „universell und ausnahmslos für jeden Menschen“.

Wie gnadenlos. Und wie sympathisch, dass Albert Camus schon vor über 50 Jahren schrieb: „Hebt euch eure Prinzipien für die wenigen Augenblicke im Leben auf, in denen es auf Prinzipien ankommt.“ Und der Rest? „Für das meiste“, sagte der französische Existenzialist, „für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“

Hier ist echt der Wurm drin!

Mein Fahrradhändler ist total überzeugt von seinem Produkt. Wenn man ihm das Rad zur Reparatur bringt, steht er im ölverschmierten T-Shirt im Laden, guckt sich sofort das Problem an und lobt, was für einen guten Kauf man da getätigt hat. Und wenn man abends bei uns im Viertel ein Eis essen geht, sieht man ihn oft vorbeiradeln mit seinen Kindern im Radanhänger. Oder mit dem allerneuesten Schrei von Helm auf dem Kopf. Keine Frage, der richtige Mann auf dem richtigen Posten. Ganz normal, oder?

Eben nicht. Immer öfter begegnen einem Leute, die ihren eigenen Laden schlechtreden. 88 Prozent der Mitarbeiter in deutschen Unternehmen verspüren keine echte Verpflichtung ihrem Arbeitsplatz gegenüber. Das hat das Marktforschungsunternehmen Gallup herausgefunden – und gleich die Rechnung hinterhergeschoben: Kostet angeblich 260 Milliarden Euro im Jahr, das Massenphänomen der inneren Kündigung. Weil „emotional Distanzierte“ öfter krankfeiern, weniger leisten und die Produkte ihres Arbeitgebers nicht weiterempfehlen.

Als ich die Zahl vor einiger Zeit las, dachte ich: Na und? Wenn die Unternehmen ihren Leuten zunehmend mit echter Kündigung drohen, wenn nichts mehr sicher ist zwischen Allianz und Telekom, dann ist die „innere Kündigung“ vielleicht eine gesunde Reaktion. Klar, sagen sich die Mitarbeiter: Du Firma willst also nicht mehr mit mir verheiratet sein. Dann mach ich auch einen auf unstetes Verhältnis. Und rede schlecht über dich wie ein gekränkter Liebhaber.

So dachte ich, bis ich in einer Woche gleich drei von den geschätzten 30 Millionen kennenlernte. Es fing an mit der Bahn, und das war noch vergleichsweise lustig. Auf der Fahrt von Frankfurt nach Köln kam die internationale Durchsage, dass wir jetzt gleich an der Endstation sind. „Endstation“, sagte der Zugführer auf Deutsch, Englisch, Französisch und Flämisch, denn Köln liegt nicht weit von der holländischen Grenze. Albern war nur, dass der Zug fast leer war und die Wahrscheinlichkeit gering, dass unter den 30 versprengten Gästen gleich vier Nationalitäten vertreten sein könnten. Das fand auch der Schaffner, der sich laut über seinen Arbeitgeber amüsierte. „Na, da bin ich ja bei einem Verein gelandet.“ War zwar ganz lustig – aber so richtig auf der Höhe der Mehdorn’schen Unternehmensphilosophie war es bestimmt nicht. Wenn die Bahn jetzt international sein will, dann müssen das die eigenen Leute schon vertreten. Sonst wird es wirklich albern.

Viel bedenklicher einen Tag später bei der Telekom. Ich rief bei der Hotline an, weil meine ISDN-Anlage