MARGOT KÄSSMANN

Fantasie für den Frieden
oder: Selig sind, die Frieden stiften

INHALT

Cover

Titel

„Euer Herz erschrecke nicht . . .“ Predigt

Fantasie für den Frieden

Warum nicht alles gut ist in Afghanistan

Den Krieg kritisieren, nicht die Soldaten!

Um Gottes willen: Kein Krieg!

Kirchen rufen zum Frieden

Unerschrocken und fantasievoll

Dokument
Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen

Impressum

Anmerkungen

„Euer Herz erschrecke nicht –
glaubt an Gott und glaubt an mich“

Predigt am Neujahrstag 2010 in der Frauenkirche Dresden und in der Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin

Liebe Gemeinde,

„Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich.“ So lautet die Losung, die uns für das neue Jahr 2010 mit auf den Weg gegeben ist. Das ist eine wunderbare Zusage an einem ersten Januar. Denn wir stehen ja am Beginn eines neuen Jahres meist in einer Spannung zwischen der Hoffnung, dass alles gut wird, und den Ängsten, dass Schweres auf uns zukommen könnte. Die Jahreslosung für 2010 ist zuallererst eine Ermutigung: „Nicht erschrecken! Habt keine Angst!“ Mit Gottvertrauen sollen wir in das neue Jahr gehen: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Hört sich das nicht etwas naiv an, diese Antwort auf das Erschrecken: „Glaubt an Gott“? Das klingt so einfach. Mich erinnert das an einen Satz, den ich auf vielen Karten gelesen habe, die ich letztes Jahr an Weihnachten erhielt: „Alles wird gut!“ Das ist offenbar eine ganze Serie – herausgegeben von einer Fernsehmoderatorin. „Alles wird gut!“ Ist das die christliche Botschaft, die uns die Jahreslosung mitgibt, habe ich mich gefragt. Eine Hoffnung ist das schon. Alles soll gut werden! Ein neues Jahr beginnt. Da wünschen sich viele Menschen, dass die Sorgen unserer Welt irgendwie aufgehoben sein könnten.

Und diese Hoffnung packt zum Jahreswechsel auf wundersame Weise unsere ganze Gesellschaft, so verschieden wir auch sonst sind. Der Briefträger ruft mir zu: „Frohes Neues!“ Die junge Frau an der Kasse sagt: „Guten Rutsch auch!“ Die Mitarbeiterin verabschiedet sich fröhlich: „Auf ein neues nächstes Jahr!“ Neu. Vorfreude. Neugier auch. Der Neubeginn als Chance. Wir dürfen gespannt sein, was kommt. Voller Hoffnung und Erwartung. Alles ist gut. Oder, wie Xavier Naidoo in seinem neuen Lied singt: „Alles kann besser werden!“ Das ist ein schönes Gefühl. Und das dürfen wir auch zulassen.

Aber – ja, auf dieses „Aber“ haben Sie sicher schon gewartet. Denn leider ist eben nicht alles gut. Wir haben allen Grund, zu erschrecken. Damit ist nicht ein lustiger Spaß nach dem Motto: „Huch, da habe ich mich erschrocken“ gemeint! Kein Halloween-Unfug oder Horrorfilm oder Scherz. Nein, es geht hier um echtes Erschrecken, tiefe Erschütterung, Lebensangst in einer existenziellen Dimension.

Wenn unser Herz so erschrickt, dann ist unser Leben zutiefst berührt. Unser Herz, das ist in der Bibel der Ort, an dem der Mensch nichts verbergen kann. Da kommen Fühlen und Denken zusammen, unsere ganze Existenz ist im Spiel, wenn es um das Herz geht. Da geht es um die elementaren Fragen: „Wer bin ich überhaupt? Macht mein Leben Sinn? Wo will ich hin? Wie will ich diese Situation bewältigen? Mein Gott, ich weiß nicht weiter!“

Erschrecken – weil ich erkenne, dass es keine Perspektive gibt für mein Leben. Ich werde nicht mithalten können beruflich, in der Schule, im Leistungssport.

Erschrecken – meine Ehe wankt, ich befinde mich in einem Hamsterrad, so geht es nicht weiter.

Erschrecken – ich habe Schuld auf mich geladen. Das kann ich nicht wieder gutmachen, da gibt es keinen Weg zurück.

Erschrecken – ich bin krank, ich werde sterben. Vielleicht schon dieses Jahr. Das muss ich begreifen: Mein Leben ist endlich.

Liebe Gemeinde, wenn wir so von tiefstem Herzen erschrecken, dann steht unser ganzes Leben auf dem Prüfstand. Allzu oft weichen wir davor lieber aus. Der Jugendliche hängt vor dem Computer ab, die alte Dame schaut Fernsehen, der Geschäftsmann betrinkt sich, die Familienmutter geht einkaufen. Klischees, ja, ich weiß. Aber sie stehen für Fluchtmanöver, die das Erschrecken verdrängen sollen.

Sich selbst konfrontieren mit den großen Fragen des Lebens, mit dem, was mein Leben in Frage stellt, das braucht Mut und Vertrauen. Gottvertrauen, wie Jesus es meint mit dieser Aufforderung: „Glaubt an Gott und glaubt an mich. Vertraut euch an! Ihr könnt nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Unser Gott weiß etwas vom Leben, weil er eben nicht in fernen Himmelswelten blieb, sondern mitten unter uns war, auch Leid, Sterben und Tod kennt. An ihn glauben heißt die Spannungen unseres Lebens auch im neuen Jahr nicht ausblenden, sondern mutig aus Gottes Hand nehmen, was kommt, und unser Leben verantwortlich gestalten, so gut wir es vermögen. Wenn wir beten, nehmen wir diese Haltung an: Vertrauen wagen und Mut erbitten.

Im Altarbild von Johann Christian Feige, das in der Dresdner Frauenkirche zu sehen ist, kann ich die wunderbare Szene anschauen, wie die Bewegung des betenden Christus von einem Engel aufgenommen wird. Bei dem Engel mag der Künstler an das Lukasevangelium gedacht haben: „Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn“, heißt es dort. Seine Geste hat etwas Segnendes, aber auch etwas Wegweisendes. Darauf hoffen wir am Beginn eines neuen Jahres, auf Segen und auf Wegweisung. Betend wie Christus wünschen wir uns gehalten und getragen zu sein durch die Höhen und Tiefen, die da kommen mögen, auch dann, wenn wir erschrecken. Im Gebet erfahren wir die Ermutigung, uns einzubringen in diese Welt.

Unter dem Hinweis auf diesen Engel bestärkte (im 17. Jahrhundert) der Dresdner Oberhofprediger Philipp Jacob Spener seine Predigthörer mit den Worten: „Mangelt’s an Menschen, und sehen wir um uns keinen Halt, so solle uns vom Himmel ein Engel trösten, das ist, Gott wird uns so unvermutet Trost lassen zukommen, als ob er einen Engel vom Himmel sendete: entweder von innen selber in unsern Seelen … oder dass er andere zu uns schicket, die unser Engel werden.“

Nein, noch nicht vollkommen ist Gottes Reich, in dem alle Tränen abgewischt sein werden, aber wir können einander zu Engeln werden, zu Boten Gottes. Gott lässt sich nicht greifen, nicht auf eine Festplatte speichern, nicht einsperren, auch nicht in Kirchen. Aber Gott lässt sich erfahren in unserem Leben, wo wir Trost finden, begleitet und getragen