Christian Lehnert | Manfred Schnelle

Die heilende Kraft
der reinen Gebärde

Gespräche über liturgische Präsenz

Christian Lehnert, Jahrgang 1969, studierte Religionswissenschaften, Theologie und Orientalistik. Er arbeitete als Pfarrer, war Studienleiter für Theologie und Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und ist jetzt als Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch- Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) bei der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig tätig.

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© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Gestaltung: FRUEHBEETGRAFIK · Thomas Puschmann, Leipzig

Coverbild: Manfred Schnelle bei einem Auftritt

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04681-2

www.eva-leipzig.de

Vorwort

Dieses Buch versammelt Gespräche aus den Jahren 2015 und 2016. Das letzte Treffen fand Ende Januar 2016 statt, zwei Wochen vor dem plötzlichen Tod von Manfred Schnelle. Er war voller Pläne, studierte mit einem jungen Tänzer eine Choreographie zum »Wohltemperierten Klavier« ein, die er selbst mit seiner Lehrerin Marianne Vogelsang kurz vor deren Tod 1973 erarbeitet hatte.

Manfred Schnelle kam als Tänzer und Choreograph aus der Schule des Ausdruckstanzes in Deutschland, dessen bedeutendste Vertreterinnen Mary Wigmann, Gret Palucca und eben seine Lehrerin Marianne Vogelsang waren. Er sammelte seine künstlerischen Erfahrungen im Ballett der Dresdner Staatsoper, als freier Ausdruckstänzer und Choreograph und später, nach Auftrittsverboten in der DDR, vor allem in Kirchen.

Die lange Beschäftigung mit dem Tanz in Kirchen und viele Aufführungen darin, zu denen große künstlerische Momente gehörten, geistliche Choreographien, für die der Begriff »Kirchentanz« entschieden zu klein ist, haben Manfred Schnelle zu einem genauen und sensiblen Beobachter auch liturgischer Vollzüge gemacht. Seine tiefe Frömmigkeit, geprägt von der Michaelsbruderschaft und dem christlichen Zen Enomiya Lassalles, haben ihn mehr als nur technisch die Liturgie reflektieren lassen – sie war für ihn eine geistlich-leibliche Ausdrucks- und Lebensform des Glaubens im untrennbaren Ineinander von Wort, Musik und Bewegung.

Die hier wiedergegebenen Gespräche zeigen das. Ich habe Manfred Schnelle dazu befragt, wie aus seiner Sicht als Tänzer eine starke und glaubhafte liturgische Präsenz von Pfarrerinnen und Pfarrern entsteht und wie man sie üben und erlernen kann. Seine Antworten haben nie die Tendenz zur Regel oder zur »Richtigkeit« oder gar zu rein technischer Beschreibung – stets zielen sie auf einen spirituellen Weg, auf innere Bereitschaft und Offenheit für das Geheimnis Gottes. Diese eigene geistliche Bewegung galt ihm als Voraussetzung für alles liturgische Handeln, das in seinem Verständnis weniger ein Tun als ein Empfangen war.

So sind diese Gespräche mehr geworden als ein liturgischer Knigge. Sie zeigen, wie liturgische Präsenz sich verwirklicht in der Übung der eigenen Frömmigkeit. Die tänzererischen Erfahrungen Manfred Schnelles, seine verwickelte Biographie als Künstler mit Auftrittsverbot in der DDR und Dissident, als unerschrocken Glaubender gegen viele Widerstände, dringen immer wieder hinein in seine Reflexionen über die Liturgie. Im Stehen und Gehen im Kirchenraum und in der Bewegung vor dem Altar zeigen sich eben immer auch das ganze Leben und die Beziehungen zu anderen und zu Gott in großer Deutlichkeit. So geht es in diesem Buch einerseits um Grundwissen und um elementare »Fingersätze« des liturgischen Handelns, immer aber auch um Glaubenserfahrung.

Worte und Sätze in einem Buch können natürlich nur teilweise abbilden, wie Manfred Schnelle als liturgischer Lehrer agierte – seine Fähigkeit zur scharfen Spieglung, seinen Humor in der Gestik, seine gelegentliche Ungeduld und seine Improvisationslust und Begeisterung, wenn jemand in sich ruhte und sich stimmig bewegte, egal wie »korrekt« es war. Deshalb haben wir in das Buch viele Fotografien aufgenommen, auf denen zu sehen ist, wie Manfred Schnelle im Gespräch plötzlich zeigt, was er meint. Das tat er oft. Diese Fotografien können der Ausgangspunkt für eigene Übungen sein. So möge das Buch allen denen dienen, die haupt- oder nebenamtlich als Liturginnen und Liturgen Gottesdienste mitverantworten.

Ein besonderer Dank gilt Maximilian Wagner, der bei fast allen diesen Gesprächen dabei war, nachfragte und protokollierte. Er hat unsere Gespräche aufgenommen und abgeschrieben. Er hat meine Zusammenstellungen und Bearbeitungen dann wieder korrigierend gelesen.

Einbezogen habe ich immer wieder, noch in Rücksprache mit Manfred Schnelle, viele seiner Notizen und seiner aphoristischen Sprachminiaturen – etwa zu den von ihm praktizierten Exerzitien zum »Geistlichen Pfad« oder zum Glaubensbekenntnis.

Christian Lehnert,

Leipzig, März 2016

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Der Raum und der Körper

Richtungen – Ausrichtungen. Das Gehen

Das Sitzen

Der Anfang. Die Begrüßung

Gebetsgesten. Die Eingangsliturgie

Das Abendmahl

Segen und Kreuzeszeichen

Liturgie und Tanz im Spiegel künstlerischer Erfahrung

Übung

Nachwort und Nachruf

Weitere Bücher

Der Raum und der Körper

Christian Lehnert: Wenn ich als Liturg einen gottesdienstlichen Raum betrete, so ist bei aller Vertrautheit mit den wiederkehrenden architektonischen Mustern immer auch Fremde da. Kirchen haben je eigene Atmosphären, sind unterschiedlich groß oder hell. Der Altar steht an verschiedenen Orten. Selbst die Heimatkirche ist durch das Licht und die Jahreszeit oder durch die eigene seelische Situation immer anders. Wie macht sich ein Tänzer mit einem Raum vertraut?

Manfred Schnelle: Ich habe viel in Kirchen getanzt und mich immer, wenn noch niemand da war, flach auf die Erde gelegt, auf den Bauch oder in Rückenlage, habe dann die Decke angesehen, oben das Gewölbe. Ich habe auch die Hände an den Taufstein gelegt oder an die Kanzel, an ein Geländer. Das ist wichtig: Du musst den Raum begreifen, mit deinen Händen, mit dem ganzen Körper, damit dein Herz und dein Wesen ihn begreifen. Ich durfte als Tänzer kein Fremdkörper in einer Kirche sein. Ich musste so vertraut sein mit dem Raum, dass alle sofort spürten, wie ich zu ihm gehörte. Der innere und der äußere Mensch müssen dazu gleichermaßen den Raum erfassen, mit dem Gefühl, mit dem Verstand. Wunderbares kann dann eintreten: Ich bin im Laufe von Jahrzehnten nie in einer Kirche gestolpert. Ich kannte intuitiv auch die unwegsamen Ecken, die Stufen. Wie verhalte ich mich, wenn Stufen sind? Was macht man mit dem Gewand?

Liturginnen und Liturgen brauchen Zeit und Ruhe, um sich vor dem Gottesdienst mit dem Kirchenraum vertraut zu machen, sich in seine Atmosphäre einzuschwingen. Was ist denn Heiligung von Sein und Räumen? Zuallererst heißt das: vertraut werden. Schlicht: anwesend sein. Eine Zwiesprache halten mit allem, was mich zum Eigentlichen führt. Jeder Raum hat eine Seele, ist Lebensraum.

Christian Lehnert: Du willst kein Fremdkörper sein, aber du betrittst doch als Tänzer den Raum. Dein Auftritt verändert ihn.

Manfred Schnelle: Der Raum und ich werden im Tanz eine natürliche Einheit. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ich bei Auftritten in einer Kirche gar nichts zu machen brauchte, als mich nur hinzustellen, alles andere machte der Raum mit mir. Ich hatte natürlich immer eine feste Choreographie, die ich getanzt habe. Aber die Kraft des Raumes, seine Architektur, seine Ordnung waren oft überwältigend.

Ich will dir etwas zur Bühne sagen, und das betrifft ähnlich auch den Gottesdienstraum: Ein Maler, der vor sich eine Leinwand oder ein Blatt Papier hat, kann anfangen, wo er will, um sein Bild zu gestalten. Anders auf der Bühne: Dort muss ein Auftritt erfolgen, und es gibt am Ende einen Abgang. Im Grunde wird die Theaterbühne so zu einem Gleichnis für das Leben. Ich trete auf, meist von der Seitenbühne her, trete ins Dasein. Ich bewege mich in Raum und Zeit, begreife Weite und Enge, Freude und Schmerz. Und dann – verlasse ich die Lebensbühne wieder, meist zur Seite, manchmal auch nach vorn oder in den tiefen Hintergrund. Die Seiten bilden das Jenseits der Bühne. Alles, was auf der Bühne vor sich geht, hat eine Beziehung zur jenseitigen Welt!

In den meisten Kirchen ist das etwas anders: Sie sind geostet, gerichtet auf den Sonnenaufgang, auf den Christus zu. Der Eingang liegt im Westen, dem Sonnenuntergang zugewendet. So aber, und fast noch bestimmender, beziehen sich alle Bewegungen auch hier auf eine Transzendenz, ein Jenseits des Raumes, ein Kommen hinein und eine Ausrichtung hinaus.

Christian Lehnert: Alle Bewegungen im Raum, ob nun im Tanz oder in der Liturgie, haben einen bleibenden Bezug: den Erdboden. Wie ich als Liturg vor dem Altar stehe, ist ja bereits eine wichtige Botschaft. Lässig und leicht? Oder erdverbunden? Sicher? Ruhend? Wie ist es mit dem Boden, auf dem du dich als Tänzer bewegst? Wie erfährst du ihn und verhältst du dich zu ihm?

Manfred Schnelle: Der Boden ist mein faktischer und mein geistiger Grund. Ich bin angenommen, aufgenommen – wie von einer großen Hand. Sie lädt mich ein, mich ihr zu überlassen, zu einer Einheit des inneren und äußeren Menschen, zur Ganzheit meiner selbst. Die Hingabe an den Boden, an die Erde, ist grundlegend, ist Begründung im Wortsinn. Ich berühre die Erde – mit den Füßen, mit den Händen, mit dem Körper im Liegen – und dabei erfahre ich eine Beruhigung meines Wesens.

Stell dir vor: Wenn ich etwa auf dem Rücken liege, in gelöster Haltung, dann kann das der Ausdruck einer Niederlage sein, einer Unterwerfung, einer Kapitulation vor einer Übermacht. Aber zugleich bin ich nach oben ausgerichtet, zur Höhe über mir, zum Himmel. Grund und Ausrichtung, Boden und Himmel bilden zusammen mit den vier Himmelsrichtungen immer den Raum, in dem ich bin.