Beat Weber

Jona

Der widerspenstige Prophet
und der gnädige Gott

Beat Weber, Dr. theol., Jahrgang 1955, ist Pfarrer in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Linden (Emmental/Schweiz), zudem Notfallseelsorger und Dozent für das Alte Testament am Theologischen Seminar Bienenberg (Liestal/Schweiz). Ab 2017 wird er in Basel wohnen und freiberuflich tätig sein. Die Psalmen sind sein Hauptarbeitsgebiet. Für sein »Werkbuch Psalmen III. Theologie und Spiritualität des Psalters und seiner Psalmen« wurde ihm 2011 der Johann Tobias Beck-Preis verliehen.

Für Rahel

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2., durchgesehene Auflage 2016

© 2012 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Umschlaggestaltung: behnelux gestaltung, Halle/Saale

Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04972-1

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Die mit »Jona« überschriebene biblische Schrift interessiert und irritiert, löst Vermutungen aus und bewirkt Zumutungen. Viele Meinungen über Sinn und Aussage dieses Bibelbuchs bestehen allein schon in der Gegenwart und noch mehr über die Zeiten hinweg. Sie haben mit der literarischen Kunstfertigkeit zu tun: Unbestimmtheit im Text fordert heraus und wird von der Hörerschaft unterschiedlich aufgefüllt. Die größte Herausforderung liegt wohl nicht bei der Biologie (Überleben im Fisch) oder der Geschichte (Ninive und was dort geschieht), sondern in der Theologie: im Handeln Gottes im Gegenüber zu dem seines Propheten.

Bei aller Meinungsvielfalt besteht diesbezüglich heute ein breiter Konsens: Das kleine Prophetenbüchlein erzählt zu Lehrzwecken eine erfundene, aus der Perserzeit (4. Jh. v. Chr.) stammende Geschichte. Dafür lassen sich respektable Gründe anführen. Dennoch stößt eine solche Lesart bei mir auf Skepsis. Diese liegt – vereinfacht gesagt – im Schluss der Erzählung begründet: Gott zerstört Ninive gerade nicht. Um 612 v. Chr. wurde die »große Stadt« zerstört und nicht wieder aufgebaut. Wohl kann man »Jona« (auch) nach Ninives Untergang lesen und verstehen – das tut man ja bis heute! Nach meiner Einschätzung stellt diese Lesart aber nicht die ursprüngliche Sinnabsicht dar. Mir scheint näherliegend, dass die in der Jona-Schrift entwickelte Argumentation damit rechnet, dass Mensch und Tier in Ninive aufgrund des gnädigen Gottes jetzt am Leben bleiben dürfen. Freilich wird bereits innerbiblisch das Ergehen Ninives weiter bedacht und die Sichtweise der Jona-Schrift durch diejenige Nahums, in der die Zerstörung Ninives angesagt ist, ergänzt. Daher bietet dieser Band eine doppelte Leseperspektive: Zunächst wird »Jona« als isolierte Erzählung vor dem Untergang Ninives (8. Jh. v. Chr.) ausgelegt, und dann betrachten wir die Jona-Schrift im Kontext der Zwölf Kleinen Propheten (4. Jh. v. Chr.).

Die biblischen Texte werden in der Regel nicht in der üblichen Luther-Übersetzung, sondern in einer eigenen Übersetzung wiedergegeben. Sie lehnt sich eng an den Wortlaut der hebräischen (oder griechischen) Ausgangssprache an und nimmt dafür gewisse Unebenheiten in der deutschen Übersetzung in Kauf. Wichtig war mir, neben kurzen Verweisen im Laufe der Auslegung (»Darstellung«), Ihnen als Leserinnen und Leser den Jona-Text insgesamt zugänglich zu machen. Er ist als »Anhang« beigegeben. Die vielfältige Verwendung und bis heute große Beliebtheit des »Jona« ist mir bei der Behandlung der Auslegungs- und Wirkungsgeschichte (»Wirkung«) bewusst geworden.

Ich danke zunächst und vor allem Rüdiger Lux, dem Mitherausgeber der Reihe »Biblische Gestalten«: Als ausgewiesener Kenner des »Jona«, des Propheten zwischen »Verweigerung« und »Gehorsam« (so der Untertitel seiner Habilitationsschrift), hat er mich nicht nur für diesen Band angefragt, sondern – trotz anderer Meinung mit Blick auf meine Frühdatierung – der Veröffentlichung zugestimmt und sie gefördert. Im Weiteren danke ich Leonie Ratschow, der Mitarbeiterin am Leipziger Lehrstuhl von Prof. Lux, sowie meinem Kollegen Pfr. Dr. Edgar Kellenberger für Korrekturlesungen. Zuletzt gilt mein Dank den Mitarbeitern des Verlags für die Arbeiten rund um Satz, Herstellung und Drucklegung.

Gewidmet ist das Buch unserer Tochter Rahel, die mit ihrer schweren Behinderung mich Dinge »einfach« verstehen lehrt und mir Gott gnädig nahebringt. Möge die Botschaft des »Jona« auch durch dieses Buch weitergetragen werden: die vom »widerspenstigen Propheten«, aber noch viel mehr die vom »gnädigen Gott«!

Linden BE (Schweiz),

an Ostern (im »Zeichen des Jona«) 2012 

Beat Weber

Für die notwendig gewordene zweite Auflage wurde der Band durchgesehen. Die vorgenommenen Änderungen beschränken sich weithin auf die Korrektur von Fehlern (Stellenangaben, Orthographie, Stil). Darüber hinaus wurden im Literaturverzeichnis einige, mehrheitlich seit der Erstauflage neu erschienene Titel nachgetragen.

Linden BE (Schweiz),
im Juni 2016

Beat Weber

INHALT

Cover

Titel

Der Autor

Impressum

Vorwort

Einführung

1. Geschichtliche Wirklichkeit und/oder theologische Wahrheit?

1.1. Faktizität oder Fiktivität?

1.2. Erzählte Geschichte und/oder Dichtung?

2. Welche »Botschaft(en)« will die Jona-Schrift vermitteln?

3. »Jona« in doppelter Leseweise

3.1. Die Jona-Schrift auf dem Hintergrund des 8. Jh.s v. Chr

3.2. Die Jona-Schrift als Teil des Zwölfprophetenbuchs im 5.–3. Jh. v. Chr

Darstellung

1. »Jona«: Wort, Bedeutungen, Person

2. Aufbau und literarische Gestaltung der Jona-Schrift

2.1. Zur Struktur

2.2. Zu den Gestaltungsmitteln

2.2.1. Wiederholung – Variation – Leitwortstil

2.2.2. Erzählstil, Reden und Weiteres

2.2.3. Personen, Tiere, Pflanze, Winde und Wasser(mächte)

3. Die erste Szene: Jona auf und in dem Meer (Jon 1+2)

3.1. Beauftragung und Verweigerung (Jon 1,1–3)

3.2. Der Sturm auf dem Meer (Jon 1,4 –16)

3.3. Jona im Fisch: Gebet und Rettung (Jon 2,1–11)

3.3.1. Die Erzählung (2,1–2.11)

3.3.2. Das Gebet (2,3–10)

4. Die zweite Szene: Jona in und bei Ninive (Jon 3+4)

4.1. Beauftragung und Gehorsam (Jon 3,1–3a)

4.2. Die Ansage des Gerichts und die Umkehr Ninives (Jon 3,3b–10)

4.2.1. Jonas Verkündigung in Ninive (3,3b–4)

4.2.2. Ninives Umkehr (3,4–9)

4.2.3. Gottes Reue (3,10)

4.3. Jona in der Stadt: Gebet und Antwort (Jon 4,1– 4)

4.4. Jona und Gott im Gespräch: Zorn oder Mitleid? (Jon 4,5 –11)

Wirkung

1. Jona im antik-religiösen Schrifttum

1.1. Neues Testament

1.1.1. Matthäus 12 und 16

1.1.2. Anklänge in den Seesturm-Berichten

1.2. Rabbinisches Judentum

1.3. Koran

2. Jona in Kirche und Kunst von der Antike bis ins Mittelalter

2.1. Künstlerische Darstellungen

2.1.1. Motive in der frühchristlichen (Grab-)Kunst

2.1.2. Motive im Mittelalter

2.2. Verkündigung und Theologie

3. Jona in Kirche und Kunst von der Reformation bis heute

3.1. Von der Reformation bis ins 19. Jahrhundert

3.1.1. Kunst

3.1.2. Verkündigung und Theologie

3.1.3. Literatur

3.2. Im 20. und 21. Jahrhundert

3.2.1. Verkündigung, Unterricht und Literatur

3.2.2. Bildliche und plastische Darstellungen

Anhang: Jona-Texte der Bibel

1. Jona im Alten Testament

1.1. 2 Könige 14,23–29

1.2. Die Prophetenschrift »Jona« (Jon 1– 4)

2. Jona im Neuen Testament

2.1. Matthäus 12,38– 42

2.2. Matthäus 16,1– 4

Verzeichnisse

1. Verwendete (vereinfachte) Umschrift

2. Literatur

3. Internet

4. Abbildungen

Fußnoten

A EINFÜHRUNG

Ist das nicht der, der im Bauch eines großen Fisches landete und doch überlebte?! Den »Jona« kennen trotz schwindender Bibelkenntnis noch viele. Es gibt kaum eine Kinder- oder Auswahlbibel, in der die Geschichte nicht aufgenommen wäre. Und wo Bilder beigegeben sind, da fehlt das Sujet vom Fisch bestimmt nie.

Die Jona-Erzählung ist eingängig, so dass jedes Kind sie verstehen kann. Zugleich ist sie so vielschichtig, dass die Bibelgelehrten bis heute über ihren Sinn und Inhalt diskutieren und sich nicht einig sind, wie denn diese kleine Schrift recht zu verstehen sei.1 Diese doppelte Charakteristik von eingängiger Schlichtheit und vielschichtiger Kunstfertigkeit ist geradezu ein Kennzeichen »großer« Literatur, zu der »Jona« zweifelsohne gehört.

Mit dem Verstehen der »Jona«-Schrift, die Teil des Zwölf-Propheten-Buches (Hosea bis Maleachi)2 ist und die wir nicht anders als Teil der Heiligen Schrift haben, verbinden sich bis heute viele Fragen. Da sie verstehensleitend sind, wollen wir sie kurz bedenken, können sie aber angesichts der Komplexität der Problematik nicht hinreichend diskutieren oder sogar klären.

1. GESCHICHTLICHE WIRKLICHKEIT
UND/ODER THEOLOGISCHE WAHRHEIT?

1.1. Faktizität oder Fiktivität?

Das Wesen von Bibeltexten besteht darin, dass sie durch wiederholtes Lesen in gewandelten Zeiten und bis heute immer neu »ihr Wort« zu sagen hatten und vermochten. Ihnen kommt Bedeutung zu, die Geschichte und Situationen übergreift, bewertet und transformiert. Das Verstehen eines biblischen Buches geschieht dabei nicht in einem zeit- und geschichtslosen Vakuum, sondern stellt sich ein durch die Verbindung dreier Basiskomponenten: 1. Schriftinhalt – 2. Kontext der Interpretationsgemeinschaft(en) – 3. Kontext der (anderen) »biblischen« Schriften.3

1. Die Schrift selbst strukturiert und erschließt aufgrund eingestifteter Verstehenssignale ihre Sinngehalte. Jede Interpretation muss sich anhand des Textes als legitim ausweisen. Nicht alle Verstehensweisen sind möglich bzw. nicht allen kommt das gleiche Maß an Plausibilität zu.

2. Die Gemeinschaft, welche die Schrift als erste empfängt, und die nachfolgenden Lesegemeinschaften in ihren geschichtlichen, sozialen und theologischen Gegebenheiten und Vorstellungen lösen von ihren Verstehensbedingungen her die als angemessen erachtete(n) Lesoption(en) ein. Dass zu unterschiedlichen Zeiten und bei unterschiedlichen Glaubens- und Verstehensbedingungen eine relativ »deutungsoffene« Schrift wie Jona unterschiedliche Lesarten ausgelöst hat, ist verständlich und zeigt die Auslegungs- und Wirkungsgeschichte.

3. Die (später) »biblisch« gewordene Schrift steht nicht isoliert da, sondern wird in den jüdischen und christlichen Glaubensgemeinschaften eingeordnet und verbunden mit weiteren autoritativen (»kanonischen«) Schriften. Dieses Ensemble bestimmt mit, welche Vorstellungen mit der Schrift verbunden respektive welche Inhalte und Aussagen eingelöst werden.

Die Bibelwissenschaft richtet ihr Augenmerk vornehmlich darauf, die Texte und Bücher aus ihren Entstehungsbedingungen heraus und auf dem Hintergrund ihrer Erstempfänger zu verstehen. Entsprechend wird versucht, die Schrift »Jona« geschichtlich zu verankern und mit sozio-historischen und theologischen Konstellationen im Alten Israel in Verbindung zu bringen. Mit Blick auf »Jona« hat sich die Annahme durchgesetzt, dass keine geschichtliche Berichterstattung beabsichtigt sei, es vielmehr um die Vermittlung theologischer Wahrheit gehe. Nicht effektives Geschehen (Faktizität), sondern Dichtung (Fiktivität) – die sich aus historisch zutreffenden Gegebenheiten speisen kann – liege vor. Man spricht von fiktionaler Literatur, die nicht Weltabbildung (»wie es war«), sondern Weltnachahmung (Mimesis) bzw. -modellierung (»wie es gewesen sein könnte«) bezweckt.4 Die Geschichtlichkeit wird damit freilich nicht preisgegeben, sondern durch die Ansetzung zweier unterschiedlicher Zeitebenen neu gefasst: Die »erzählte Zeit« bezeichnet die im Text erscheinende, fiktive Geschichtsebene, die »Erzählzeit« dagegen die reale Geschichtsebene, also die Entstehungszeit der Schrift mit den in sie eingegangenen Bedingungen und Fragestellungen. Die »erzählte Zeit« ist entsprechend Illustration, Lehre, Gleichnis o. ä. für Erfahrungen, Anliegen oder Bewältigungsstrategien einer späteren »Erzählzeit«. Die dargebotene »Geschichte« wird dadurch hintergründig gelesen, insofern sich auf der Erzählebene der alten Geschichte eine neue Geschichte aktueller Gegenwart spiegelt.

Wir haken nach, denn der Sachverhalt ist komplexer, als er in der Regel dargestellt wird. Die Grundfrage bleibt: Wie will der biblische Text selbst verstanden werden? Für den »modernen« Zeitgenossen ist beim Lesen der Erzählung (zu?) schnell klar: Da wird kein historisches oder biologisches Geschehen berichtet. Als Hauptindiz dafür gilt die Rettung des Jona im Bauch des Fisches. Die Bibelforschung fügt darüber hinaus weitere Erzählzüge, insbesondere die Beschreibung der Stadt Ninive, hinzu. Man wird nun aber zurückfragen müssen, ob mit den Beurteilungen das Problem damaliger Textentstehung oder aber dasjenige des Textverstehens unter heutigen, (post)modernen Bedingungen eingefangen wird. Ist das Verstehensmodell fiktionaler Literatur für die damalige Zeit und biblische Texte adäquat? Gibt es hinreichende Signale, dass »Jona« so angemessen zu interpretieren ist? Im derzeitigen Forschungsparadigma werden beide Fragen mit »Ja« beantwortet. Für die Jona-Schrift bedeutet dies: Das Geschehen (erzählte Zeit) – nimmt man den Verweis auf Jona ben-Amittai (2 Kön 14,25) ernst und die Identität der Gestalten als gegeben an – führt in das Nordreich Israel und zwar in die Regierungszeit von König Jerobeam II. (8. Jh. v. Chr.). Die Datierung (Erzählzeit) der Jona-Schrift dagegen wird in der persischen oder (früh)hellenistischen Epoche (5.  3. Jh. v. Chr.) angesetzt. Damit ergibt sich zwischen referiertem Inhalt und effektiver Abfassung eine Zeitdifferenz von rund 400–500 Jahren. Für diese spätnachexilische Datierung und – damit zusammenhängend – für ein Verständnis von »Jona« als fiktionaler Literatur werden unterschiedliche Argumente angeführt, die sich aus der Gattung sowie aus sprach-, religions- und literargeschichtlichen Beobachtungen und Erwägungen ergeben.5

Folgende Indizien-Kategorien werden in der Regel in Anschlag gebracht:

1. »Unwirkliche« (märchenhafte) Erzählzüge: Dazu gehören insbesondere der Fisch (Größe, Überlebensmöglichkeit eines Menschen im Fischbauch), ferner die Zeichnung von Ninive (Größe, radikale Buße von Mensch und Vieh, Unvereinbarkeit der Aussage mit einem Ninive im 8. Jh. bzw. während der assyrischen Hegemonie).

2. Sprachgeschichtliche Momente: Es wird auf seltenes Vokabular und »Aramaismen« hingewiesen, was auf eine Spätzeit schließen lasse.

3. Religionsgeschichtliche Indizien: Es wird u. a. auf deuteronomistische und jeremianische Theologie hingewiesen, auf welcher die Jona-Schrift beruhe bzw. auf welche sie reagiere. Die Redeweise vom »Gott des Himmels« (1,9) und anderes mehr füge sich in die Perserzeit. Zudem findet sich das »(Wal-)Fisch- bzw. Verschlingungs-Motiv« auch in anderen Kulturen und Religionen.

4. Literargeschichtliche Konstellationen: Mit dem derzeitigen Forschungsparadigma lässt sich eine Jona-Schrift aus vorexilischer Zeit oder sogar aus dem 8. Jh. v. Chr. kaum in Einklang bringen. Die Annahme von traditionsgeschichtlichen Einflüssen und in der Jona-Schrift zutage tretender Intertextualität verstärkt dies zusätzlich. Beim Jona-Psalm ist ein »anthologischer Stil« (Übernahme von Textfragmenten aus unterschiedlichen Bibelworten, besonders Passagen aus den biblischen Psalmen) erkennbar.6

Die aufgeführten Gründe sind von unterschiedlicher Plausibilität und Beweiskraft. Eine kleine Minderheit von Auslegern hält bis heute – vor der Aufklärung war dies die Mehrheitsmeinung – an einer Abfassung der Jona-Schrift im 8. Jh. v. Chr. fest (erzählte Zeit ist gleich mehr oder weniger Erzählzeit). Sie sind der Überzeugung, dass die Jona-Schrift ganz oder weithin geschichtlich zuverlässige Angaben mache. Die Vertreter dieser Einschätzung nennen ihrerseits Gründe für ein solches Verständnis.7

1. »Wunder« finden sich auch andernorts in der Bibel (etwa im zeitlich und örtlich nahen »Umfeld« der Elia- und Elisa-Geschichten!) und können keine von einem Glauben an Gott ausgehende Bestreitung von Geschehnissen legitimieren. Die »unrealistische« Fisch-Episode kann auf dem Verstehenshintergrund, dass bei Gott »alle Dinge möglich« sind (Mt 19,26; Mk 10,27, vgl. auch Jer 51,19; Sir 23,29; 42,19; Joh 1,3; 16,30), nicht als hinreichendes Kriterium gelten für die Bewertung, ob das Geschehen real oder fiktiv sei (im Gegenzug ist mit der Möglichkeit, dass Gott solches tun kann, noch nicht über die Tatsächlichkeit solcher Geschehnisse entschieden).

2. Die Geschehnisse rund um Ninive ließen sich mit zeitgeschichtlichen Hinweisen aus dem 8. Jh. v. Chr., einer Phase, in der das Assyrerreich relativ schwach war, in Übereinstimmung bringen. Die Bezeichnung »König von Ninive« meine einen Provinzgouverneur und habe ihr Recht, auch wenn zu jener Zeit Ninive noch nicht die Hauptstadt des Assyrerreichs war. Die »Wegstrecke von drei Tagen« könne mit der altorientalischen Gastpraxis von Ankunftstag, Tag des Vorbringens des Anliegens und Abreisetag in Einklang gebracht werden oder sich auch auf das dazugehörige Umland beziehen. Die erfolgte Umkehr habe Anhaltspunkte in assyrischen Omina und stehe im Zusammenhang mit einem eingetretenen oder als bevorstehend erwarteten großen Notereignis (Invasion, totale Sonnenfinsternis, Erdbeben, Hungersnot). Solche Geschehnisse sind in mesopotamischen Quellen z. T. bezeugt (Hungersnot 765[–759?] v. Chr.; 763 v. Chr. Sonnenfinsternis). Anders als Sodom oder Babylon sei Ninive in der Bibel zudem nicht zum Symbol für das Böse oder Widergöttliche geworden.

3. Die sogenannten »Aramaismen« könnten nicht als Zeitindikatoren für eine nachexilische Datierung in Anschlag gebracht werden. Vielmehr ließen sie sich (weithin) als Dialekteinschläge des Nordreichs mit seiner Nähe zu den Aramäerstaaten oder als Einflüsse des Phönizischen (so mallachim »Seeleute«, Jon 1,5) verstehen und fügten sich in das Setting des 8. Jh. v. Chr.

4. Die postulierten Abhängigkeiten gegenüber anderen (biblischen) Texten seien nicht erwiesen bzw. ließen sich auch umgekehrt auffassen. Zudem fußten sie auf einem insgesamt problematisch einzuschätzenden Paradigma, das biblische Texte weithin spät datiert.

In Abwägung der beiden Argumentationsreihen ist festzuhalten: Trotz der beachtlichen kumulativen Evidenz für eine nachexilische Entstehung kann eine Datierung anhand der Jona-Schrift selbst nicht schlüssig vorgenommen werden. Insgesamt gesehen ist der Sachverhalt m. E. nicht derart klar, wie ihn die Mehrheitsmeinung darstellt. Ob hinreichend Anzeichen vorliegen, die für die damaligen Hörer eine fiktionale Perspektive vorgeben, scheint mir nicht ausgemacht. Die einführenden Textsignale legen – jedenfalls zunächst – eher einen geschichtlichen wie prophetischen Kontext als ein Verständnis im Sinne einer Parabel oder Allegorie nahe. Die Einordnung Jonas in den Kanonteil der »Nebi’im« und nicht der »Ketubim« (wie Daniel; Chronik; Esther), ganz zu schweigen von deuterokanonischem Schrifttum (wie Tobit; Judith), unterstreicht dies.8

Nun sind wir in der (Post-)Moderne »hineingerissen« in ein Wirklichkeitsverständnis, das nur alternativ zwischen »Realität« und »Fiktivität« zu denken vermag. Meine Vermutung – mehr ist es nicht – geht dahin, dass die Empfänger der Jona-Schrift (und anderer biblischer Literatur) damals »Jona« jenseits der Alternative von Historizität versus Fiktivität lasen (in gewisser Weise mit kleineren Kindern heute vergleichbar). Sie empfanden weder die Notwendigkeit, die Geschichtlichkeit zu begründen noch diese zu bestreiten. Das Ausgesagte ist vielmehr in einer übergreifenden Kategorie »real und wahr«. Nach den Verfassern der Evangelien hat auch Jesus die Jona-Schrift so gelesen und neu aktualisiert (vgl. Mt 12,40 f.; Lk 11,30.32).9 Das Gesagte entbindet freilich nicht von der Aufgabe, die Jona-Schrift einer heutigen Leserschaft mit ihren Rahmenbedingungen zugänglich und verständlich zu machen.

Ein abschließender Befund bleibt schwierig. Wie auch immer: Die Jona-Schrift vermittelt auf jeden Fall eine Botschaft mit autoritativem Anliegen. Ihr »Ort« innerhalb des Zwölfprophetenbuchs und letztlich in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments trägt dazu bei. Eine losgelöste und für sich selbst stehende Jona-Erzählung haben wir nicht (mehr); vielmehr ist diese Teil der hebräischen und später christlichen Bibel. Jona ist eine »biblische Gestalt«.

1.2. Erzählte Geschichte und/oder Dichtung?

»Jona« ist mit seiner Doppelheit von vordergründiger Schlichtheit und tiefgründiger Komplexität ein Meisterwerk der Erzählkunst. Die eingeschriebene Mehrsinnigkeit, die auf dem Hintergrund anderer biblischer Texte unterschiedliche Facetten zum Leuchten bringt, ist deutlich. Die literarische Gestalt und ihre kompositionellen »Techniken« sind durch eine Vielzahl von Studien und Kommentarwerken gut erhellt. Als Konsens kann gelten, dass es sich bei der Jona-Schrift um eine literarisch modellierte (geschichtliche) Erzählung mit einem theologischen bzw. prophetischen Anliegen handelt. Damit verbunden ist eine belehrende Absicht. Allein schon die auf Einsicht und Verstehen abzielenden (rhetorischen) Fragen und insbesondere der Schluss machen dies hinreichend deutlich.10

Die bereits aufgeworfene Frage nach Faktizität und Fiktivität (s. o.) stellt sich in neuer Weise beim Literaturbegriff. Eine »Literaturtheorie« ist weder der Jona-Schrift beigegeben noch in der Bibel – abgesehen von einigen Hinweisen – greifbar. In der (griechischen) Antike liegt sie bei Aristoteles vor (Poetik). Heute wird eine solche weithin anhand von neuzeitlicher Literatur entwickelt und beinhaltet entsprechend moderne Kategorien und Problematiken. Oft wird der Jona-Schrift der Gattungsbegriff »Novelle« zugelegt, wenngleich ein Konsens diesbezüglich nicht vorliegt. Strittig ist ferner die Annahme, ob und inwieweit Momente von Humor, Ironie und Sarkasmus in Anschlag zu bringen bzw. die Jona-Schrift als »Satire«, »Parodie« o. ä. zu klassifizieren sei.11 Der gängige Literaturbegriff »forciert« ein Entweder-Oder – mit Blick auf »Jona«: Geschichtsschreibung (»narrative history«) oder (lehrhafte) Dichtung? Doch nach biblischer Überzeugung gehören Geschichte und ihre (prophetische) Deutung zusammen und werden beide von Gott gewirkt.

Anfang und Ende einer Geschichte – und dazu einer derart kunstvoll komponierten Erzählung wie die des »Jona« – haben besonderes Gewicht und enthalten verstehensleitende Signale. Der Erzähler der Jona-Schrift zeigt mit seiner Eröffnung an, dass er seine mit der Tradition vertrauten Leser in die Zeit des Nordreich-Propheten Jona ben-Amittai und (damit der Königsherrschaft Jerobeams II.) führen will. Und am Ende wird eine Zeit ersichtlich, in der es trotz Gerichtsankündigung durch den Propheten des HERRN die Stadt Ninive – erstaunlicherweise!? – immer noch gibt. Falls Ninive, das 612 v. Chr. zerstörte wurde, zur Abfassungszeit der Jona-Schrift längst untergegangen und d. h. dem Gericht Gottes verfallen wäre, so bliebe dies für die theologische Spitzenaussage des gnädigen und barmherzigen Gottes, den das Gericht über Ninive reut und der es nicht ausführt (vgl. Jon 3,10 ff.), und damit für das Verständnis dieser Schrift insgesamt nicht ohne Folgen. Wie soll die Lehre aus der Geschichte, die »Jona« darbietet, zu verstehen sein, wenn sie angesichts des Untergangs Ninives bereits zur Abfassungszeit geschichtlich obsolet geworden ist? Ist Gottes Reue inzwischen hinfällig geworden? Auf eine positive Antwort auf diese Frage läuft der Schluss der Jona-Schrift jedenfalls nicht hinaus. Die Herkunft der Jona-Schrift aus einer Zeit, in der die Stadt Ninive (noch) existent war, legt sich m. E. deshalb nahe – dies ist für mich der Hauptgrund für eine Frühdatierung. Dass ein anderer Verstehensrahmen von Raum und Zeit »gleichnishaft« im Sinne einer Lehrerzählung – schon von Beginn – zur Erhellung einer ganz anderen (spätnachexilischen) Zeit dienen sollte, ist zwar nicht unmöglich (vgl. Tobit 14,2 ff.), bedürfte aber stichhaltiger Überlegungen und Begründungen. Erstaunlicherweise werden solche in den Kommentierungen kaum dargeboten.12

Ein anderer Sachverhalt liegt vor, wenn die Jona-Schrift nicht mehr isoliert für sich selbst gelesen, sondern eingebettet im Kontext des Zwölfprophetenbuchs verstanden wird. Dann tritt, namentlich vom (in der Buchabfolge nachgeordneten) Propheten Nahum her, Ninive in neues Licht: Die Buße war anscheinend nicht nachhaltig. Ninive erwies sich als »Stadt der Bluttaten« (Nah 3,1), über die das Gericht Gottes nun hereinbricht (vgl. auch Zeph 2,13–15). Entsprechend steht in Nahum nicht wie in der Jona- (4,2) und zuvor in der Joel-Schrift (2,1–14) die Barmherzigkeit Gottes (Jon 4,2), sondern das Zorngericht (Nah 1,3) innerhalb der mit der Ursprungsstelle Ex 34,6 f. verbundenen Gottesaussagen im Vordergrund.

Abschließend gesagt und ohne alle Fragen klären zu können, bin ich – entgegen der Mehrheitsmeinung – geneigt, der vom Erzähler gelegten Textspur zu folgen und die Erzählung in dem vorgegebenen Zeit- und Ortskontext (der gegenüber anderen Prophetenschriften »sparsam« ausgeführt wird) zu interpretieren. Damit ist eine königszeitliche Datierung vor 612 v. Chr. angesprochen, die vermutlich ins noch bestehende Nordreich zurückreicht. Die Eingangsidentifikation wird so gewichtet und für die Interpretation als wegleitend verstanden: Jona ist mit dem im 8. Jh. v. Chr. unter Jerobeam II. wirkenden Propheten Jona ben-Amittai aus Gat-Hepher (vgl. 2 Kön 14,25) identisch. Die größten Probleme bei einer derartigen Interpretation stellen weder »Wunder« noch Einpassungen in die Realgeschichte dar. Im derzeitigen Forschungsparadigma, in dem die Perserzeit als formative Phase der Literaturentstehung der meisten Teile des Alten Testaments gilt, bietet die Vernetztheit der Jona-Schrift mit anderen biblischen Passagen (in deren angenommenem Zeithintergrund) die größte Herausforderung für eine Frühansetzung des »Jona«. Die hier favorisierte Verstehensoption kommt über Wahrscheinlichkeitsannahmen auch nicht hinaus. Indizien für spätere Lektüren und/oder Re-Lektüren sind daher im Auge zu behalten. Später eingefügt in den Kontext des Zwölfprophetenbuchs ist die Jona-Schrift aus einer Perspektive nach der endgültigen Zerstörung Ninives (612 v. Chr.) und d. h. in einer (spät)nachexilischen Zeitlage ebenfalls zu lesen. Bei einer solchen »Zweitlesung« treten nochmals neue Aspekte hervor.

2. WELCHE »BOTSCHAFT(ENWILL DIE JONA-SCHRIFT VERMITTELN?

Der Geschehensablauf der Jona-Schrift ist einsichtig, und inhaltliche Schwerpunkte sind erkennbar. Doch was will diese Schrift insgesamt den Hörenden/Lesenden vermitteln und bei ihnen bewirken? Die Textsignale sind offenbar nicht derart eindeutig, als dass sich bei den Auslegern ein Verständnis des Inhalts, der »Botschaft« dieser Schrift, durchgesetzt hätte. Die bei der Lektüre vorgenommenen Akzentuierungen sind vielmehr Ausdruck einer gewissen Deutungsoffenheit, die unterschiedlich eingelöst wird.13 Die hauptsächlichsten, z. T. untereinander kombiniert vertretenen Interpretationsmodelle für das Gesamtverständnis sind folgende:14

1. Das Thema der »Erwählung«: Gottes Zuwendung gilt nicht nur Israel, sondern ist universal und umfasst auch die Völkerwelt (gerichtet gegen exklusiv-nationalistische Ansprüche Israels bzw. gewisser Kreise darin).

2. Das Thema der Umkehr bzw. Souveränität göttlichen Handelns: Gott wirkt Umkehr und hat selbst die Freiheit, von einem angekündigten Gerichtshandeln »umzukehren« (Reue) und Gnade zu gewähren.

3. Das Thema der Prophetie: zwischen Verweigerung und Gehorsam. Die Jona-Schrift bearbeitet Herausforderungen der prophetischen Sendung und ihrer Botschaft (z. B. die Frage der Erfüllung oder die Diskrepanz Jonas zwischen der Solidarität zum eigenen Volk und dem prophetischen Auftrag).

Zunächst ist ernst zu nehmen, dass »Jona« als Prophetenschrift eingestuft und überliefert wird. Innerhalb der prophetischen Schriften des Alten Testaments nimmt sie insofern eine Sonderrolle ein, als sie – abgesehen von der kurzen Botschaft in 3,4 – keine prophetischen Worte enthält. Zudem wird die nach Jona benannte Schrift nicht auf ihn zurückgeführt (er tritt nicht als schreibender Prophet auf), sondern handelt über ihn (was eine von ihm ausgehende Überlieferungsbildung nicht ausschließt). Es liegt eine Prophetenerzählung vor. Sie vermittelt insgesamt eine prophetische Botschaft. In etwa vergleichbare Prophetenerzählungen finden sich mit dem Elia- und Elisa-Zyklus in den Könige-Büchern. Sie gehören in der dreigeteilten Hebräischen Bibel ebenfalls zum Prophetenkanon (»Nebi’im«). Weithin königszeitliche Geschichte, Berichte und Erzählungen werden ebenso als »prophetisch« akzentuiert verstanden wie »eigentliche« Prophetie, d. h. prophetisch vermittelte Gottesreden.15 Innerhalb dieses Prophetenmilieus beschäftigt sich die Jona-Schrift mit Wirkungen, die sich als Folge der Verkündigung der Botschaft einstellen. Namentlich die theologisch virulente Thematik der »doppelten Umkehr« (menschliche Buße    16