BETTINE REICHELT (HRSG.)

Denn sie sollen
getröstet werden

WORTE FÜR TRAUERNDE

Reichelt, Bettine, Jahrgang 1967, studierte Evangelische Theologie in Leipzig. Sie arbeitet als Pfarrerin und freie Autorin und Lektorin, engagiert sich im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und dem Friedrich-Bödecker-Kreis Sachsen e. V. für Literaturaustausch und Leseförderung. Seit 2014 arbeitet sie regelmäßig mit dem Biologen und Fotografen Fabian Haas im Bereich Poesie und Fotografie. Bei der EVA erschienen von ihr u. a. ein biographischer Roman zu Max Reger sowie die Biographie »Philipp Melanchthon. Weggefährte Luthers und Lehrer Deutschlands«.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

und Fachverlag des deutschen Bestattungsgwerbes · Düsseldorf

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gesamtgestaltung: Makena Plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung Zeilenwert GmbH 2017

ISBN epub 978-3-374-04490-0

www.eva-leipzig.de

www.bestatter.de

Inhalt

Cover

Titel

Die Autorin

Impressum

Vorwort

Jegliches hat seine Zeit

Abschied nehmen

Der Trauer Worte geben

Getröstet werden

Vertrauen lernen

Aufbruch ins Leben

Textnachweis

Weitere Bücher

Vorwort

»Trauer hat heilende Kräfte.« Das sagt sich leicht, wenn man selbst nicht betroffen ist oder die Zeit der Trauer bereits lange hinter einem liegt. Mitten in der inneren Dunkelheit aber stimmt man dem nur schwer zu.

Trauer ist schmerzhaft, selbst wenn man sich bewusst ist, dass dieses Sterben, dieser Tod eine Erlösung aus schwerem Leiden war. Unmöglich zu akzeptieren, dass der geliebte Mensch nicht mehr da ist. Das Alter des Verstorbenen spielt in diesem Fall kaum eine Rolle. Jeder, der Abschied nehmen muss, wird sich bewusst: Ich werde diese Stimme nicht mehr hören, nie mehr. Alle Worte sind gesagt. Alles Gute gegeben. Und auch Streit kann nicht mehr geschlichtet, Sorgen können nicht mehr besprochen werden. Was bleibt, sind Erinnerungen. Wohin ich gehe, wie ich ohne den verlorenen Menschen weiterleben werde, ist offen.

Trauer ist eine Arbeit der Seele, oft harte Arbeit. Wir sehen dies kaum von außen. Aber jeder Betroffene spürt sie auf seine eigene Art und Weise: als Chaos der Gefühle, als Achterbahnfahrt zwischen Wut und Sehnsucht, als Zeit des stillen Rückzugs, der Erinnerungen, die immer wieder neu durchlebt werden.

In dieser Trauer kann sich mein Leben wandeln. Ich kann neu und anders mit dem Menschen in Verbindung treten, der nicht mehr neben mir ist. Das, was wir einander waren, bleibt unverlierbar, aber es braucht einen neuen Platz im eigenen Leben. Insofern hat Trauer, wenn ich sie zulasse, heilende Kräfte. Aber die Heilung vollzieht sich allmählich. Sie fordert mich heraus und bringt mich an meine Grenzen. Erst der Blick zurück, manchmal nach Jahren, lässt sichtbar werden, was neu geworden ist, nachdem so viel zerbrach. Manchmal ist es, wie Eva Strittmatter einmal schrieb, »der süßeste Saft aus unseren bittersten Jahren«.

In solchen Zeiten kann man sich oft nicht auf lange Texte einlassen. Einzelne Worte lesen, kurze Abschnitte überfliegen, in einem Buch blättern, einen Psalm aufsagen, etwas finden, weglegen, wiederfinden, das wird oft als hilfreich empfunden. Und so ist dieses Buch entstanden: Es ist das Ergebnis vieler Gespräche, Briefe und gesammelter Eindrücke. Ein Buch auf dem Weg, ein Begleiter durch die schwere Zeit mit Impulsen aus vielen Jahrhunderten. Jedes Wort der Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise mit Trauer auseinandergesetzt haben, ermutigt zum Weitergehen und gibt zu verstehen: Du bist nicht allein. Ich bin diesen Weg auch gegangen und ich habe erfahren: Der Weg ist steinig und schwer. Aber er führt in ein neues Leben.

Bettine Reichelt

Jegliches hat
seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;

pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist,

hat seine Zeit;

töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;

abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;

klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;