WAS HEISST
KIRCHEN-UNION HEUTE?

BEITRÄGE ZU EINEM SYMPOSIUM DER EVANGELISCHEN KIRCHE
BERLIN-BRANDENBURG-SCHLESISCHE OBERLAUSITZ

HERAUSGEGEBEN VON KARL-HEINRICH LÜTCKE
UND
ECKHARD ZEMMRICH

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Satz und Covergestaltung: Formenorm – Friederike Arndt, Leipzig

Coverfoto: Kanzel der Heilig-Geist-Kirche Werder (Havel), Reliefs im Kanzelkorb von links nach rechts: Philipp Melanchthon, Martin Luther, Johannes Calvin © gezett

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04592-1

www.eva-leipzig.de

GELEITWORT DER HERAUSGEBER

Am Reformationsfest 1817 folgten viele Gemeinden auf dem Gebiet Preußens einer königlichen Kabinettsorder: Lutheraner und Reformierte überwanden die alten Gegensätze und feierten gemeinsam Abendmahl. Mit Bedacht wurde die Gründung der »Altpreußischen Union«, die Zusammenführung der lutherischen und reformierten Gemeinden in einer Landeskirche in das Jahr des 300-jährigen Reformationsjubiläums gestellt. Deswegen werden die aus dieser Union hervorgegangenen Landeskirchen, und dazu gehört auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), 2017 bei der Feier der Erinnerung an die Reformation auch das Jubiläum dieser Union begehen. Aber ein solches Ereignis lässt sich nicht feiern ohne gründliche und kritische Beschäftigung mit diesem Ereignis selbst, seiner Vorgeschichte und Nachwirkung und mit der Frage nach seiner Gegenwartsbedeutung. Diesen Fragen ist ein Symposium nachgegangen, das am 13. und 14. Juni 2014 unter dem Titel »Was bedeutet kirchliche Union heute?« in Berlin stattfand. Die Beiträge dieser Tagung werden in dem vorliegenden Band dokumentiert.

Markus Dröge weist in seiner Einführung auf Präsenz und Bedeutung des Unionsmodells im Bereich der EKBO hin und auf die Impulse, die es für die Landeskirchen der EKD geben kann. Dorothea Wendebourg schildert und analysiert im ersten Hauptvortrag aus kirchengeschichtlicher Perspektive sorgfältig den Weg, der zur Gründung der Union geführt hat, die schweren Auseinandersetzungen, die daraus folgten, und sie bündelt ihre Darstellung in der Frage nach den »Früchten«, von denen wir heute zehren. Wilfried Härle behandelt das Thema im zweiten Hauptvortrag unter systematischer Fragestellung nach der Bedeutung der Union für das Bekenntnis. Er ist besorgt über die Wirkung und Nachwirkung der starken politischen Motiviation zur Kirchen-Union und sucht nach einer ausreichenden theologischen Grundlage, die er nur in der Leuenberger Konkordie erkennen kann.

Es war uns wichtig, neben die weit ausgreifenden, historisch- und systematisch-theologischen Beiträge noch pointiert kritische Sichtweisen von außen auf die Union zu stellen. Der Beitrag von Werner Klän steht für die Perspektive einer Kirche, die aus der damaligen Opposition gegen die Union mit der Folge einer schmerzhaften Trennung hervorgegangen ist. Georg Plasger stellt aus dem Blickwinkel reformierter Gemeinden dar, die ihr konfessionelles Profil als eigene Kirche auf dem Gebiet lutherischer Landeskirchen pflegen. Eberhard Cherdron schließlich entfaltet die Perspektive einer unierten Landeskirche, die ohne eine Bindung an reformatorische Bekenntnisschriften allein die Bibel als Lehrnorm ansieht. Im Zentrum aller Beiträge steht die Frage nach der Rolle und Bedeutung der zur Reformationszeit entwickelten »lutherischen« bzw. »reformierten« Bekenntnisse für das heutige Kirche-Sein. Unser Dank gilt allen Beitragenden sowie der Evangelischen Verlagsanstalt für die Aufnahme dieses Buches in ihr Verlagsprogramm. Wir hoffen, dass die im Auftrag der Kirchenleitung der EKBO erfolgende Veröffentlichung des Tagungsbandes mit seinen unterschiedlichen Perspektiven und Anregungen dazu beiträgt, das Profil unserer Landeskirche besser zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Karl-Heinrich Lütcke Eckhard Zemmrich

INHALT

COVER

TITEL

IMPRESSUM

GELEITWORT DER HERAUSGEBER

Markus Dröge

GRUSSWORT

Dorothea Wendebourg

DIE UNION VON 1817

Wilfried Härle

UNION UND BEKENNTNIS

Öffnung oder Verwässerung?

Werner Klän

ABFALL VOM LUTHERISCHEN BEKENNTNIS?

Der kritische Blick von außen auf die Union

Georg Plasger

ABFALL VOM REFORMIERTEN BEKENNTNIS?

Der kritische Blick von außen auf die Union

Eberhard Cherdron

IMMER NOCH ZU VIEL BEKENNTNIS?

Der kritische Blick von außen auf die Union

DIE AUTOREN

FUSSNOTEN

GRUSSWORT1

Markus Dröge

Am ersten Sonntag nach Pfingsten feiern wir »Trinitatis«. Das aus dem Lateinischen abgeleitete Kunstwort, das tri – drei – und unitas – Einheit – miteinander verbindet, bringt zum Ausdruck, dass all unser theologisches Nachdenken und unser Glaube in seiner Tiefe immer den dreieinigen Gott zum Thema hat. Gott ist für uns nicht anders aussagbar und denkbar denn als trinitarischer Gott: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die geeinte Vielfalt ist in Gott selbst angelegt, sie ist vor aller Zeit und sie wird bleiben in Ewigkeit, das glauben und bekennen wir.

Vor diesem theologischen Hintergrund spricht vieles dafür, auch unser Kirche-Sein trinitarisch zu verstehen. Die Kirche selbst ist in sich vielgestaltig, aber dennoch geeint. Ich halte unser Modell einer unierten Kirche theologisch für besonders anschlussfähig an das Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott. Denn genau so leben wir ja die Gestalt der unierten Kirche: Wir sind in der Verschiedenheit der Bekenntnisse von reformiert, lutherisch und uniert verbunden in einer Kirche.

2017 wird das große Jahr des Reformationsjubiläums werden. Zugleich werden wir den 200. Jahrestag der Einführung der preußischen Kirchen-Union begehen. Am Reformationstag 1817 feierten viele lutherische und reformierte Gemeindeglieder erstmals gemeinsam einen Sakramentsgottesdienst. In der Gemeinde im Rheinland, in der ich lange Dienst getan habe, in Koblenz, wurde schon 1803 das gemeinsame Abendmahl mit Reformierten und Lutheranern gefeiert. Man habe sich weinend in den Armen gelegen, wird berichtet. Diese Union auf Gemeindeebene war allerdings eher pragmatisch motiviert. Von theologischem Nachdenken und Diskutieren habe ich wenig gelesen.

In der unierten Tradition steht die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) bis heute. In der Grundordnung der EKBO heißt es, dass wir eine lutherisch geprägte Kirche sind. Unser besonderer Charakter aber besteht »in der Gemeinschaft kirchlichen Lebens mit den zu ihr gehörenden reformierten und unierten Gemeinden« (Grundordnung, Grundartikel I, 6). Diese Vielfalt ist ein Schatz, den wir pflegen wollen. Es soll dabei bleiben, dass es in unserer Kirche auch weiterhin reformiert, lutherisch oder uniert geprägte Gemeinden und Ordinierte geben kann und soll. Bei der Ordination, die ich 2014 in Görlitz mit sechzehn jungen Theologinnen und Theologen feiern konnte, war ich dankbar, erstmals in meiner Amtszeit auch zwei reformierte Ordinationen vornehmen zu können.

Ich lege als Bischof sehr viel Wert darauf, dass die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer sich bewusst mit der Frage nach ihrer Bekenntnisbindung auseinandersetzen. Auf den Ordinandenrüsten diskutieren wir intensiv darüber, welche Rolle das Bekenntnis für das Pfarramt und für unsere Kirche heute spielt. Dabei zeigt sich immer wieder, dass das Bewusstsein für verschiedene Bekenntnisse durchaus vorhanden ist und aktiviert werden kann. Daran sollten wir weiter arbeiten, nicht nur mit den angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern. Denn die Vielfalt der Bekenntnistraditionen macht uns heute theologisch sprachfähig in einer vielfältigen Welt.

Aber nicht nur nach innen, sondern auch nach außen bringen wir uns mit unserer unierten Tradition in die Gemeinschaft der Landeskirchen ein. So hat die Landessynode der EKBO auf ihrer Frühjahrstagung 2013 eine Anregung zu einer Änderung der Grundordnung der EKD gegeben. Hintergrund ist die Diskussion zur Weiterentwicklung des sogenannten Verbindungsmodells, das seit 2007 auf EKD-Synoden praktiziert wird. Im Anschluss an die Leuenberger Konkordie hat unsere Landeskirche einen Vorschlag gemacht, wie die Grundordnung der EKD behutsam geändert werden kann, um das Kirche-Sein der EKD zum Ausdruck zu bringen. Diesen Vorstoß haben wir als einen bewussten Schritt in unierter Tradition getan.

»Was heißt Kirchen-Union heute?« Die beiden genannten Beispiele geben einen ersten Eindruck davon wieder, dass diese Frage keine Frage von gestern ist. Im Juni 2014 hat sich ein Symposium unserer Landeskirche dem Thema aus verschiedenen Perspektiven genähert. Ich freue mich sehr, dass die Beiträge der Referentinnen und Referenten nun in diesem Band gesammelt sind und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

DIE UNION VON 1817

Dorothea Wendebourg

Es gibt viele Kirchen-Unionen auf der Welt, alles in allem um die 60. Und es gab und gibt viele Unionsverhandlungen, allein seit 1800 über 150. Derzeit laufen in Asien, Afrika, Latein- und Nordamerika um die 15 Unionsprozesse, beteiligt daran sind über 50 Kirchen (»uniting churches«). Der Oberbegriff »Union« zeigt an, dass es sich in all diesen Fällen um Kirchenvereinigungen handelt: Konfessionell verschiedene, institutionell getrennte Kirchen werden zu einer. Verborgen bleibt unter dem gemeinsamen Oberbegriff, dass diese Vereinigungen sehr unterschiedlich aussehen, dass sie mit divergierenden Vorstellungen von dem verbunden sind, worin die jeweiligen Kirchen bei dem Unionsprozess eins zu werden hätten.

Da steht auf der einen Seite der älteste, die meisten Christen umfassende Typ von Union: die Vereinigung der römischen Kirche mit altorientalischen und orthodoxen Kirchen – oder besser, mit Teilen dieser Kirchen, denn fast immer ging der Prozess mit Spaltungen auf deren Seite einher. Diese Unionen, die seit dem Mittelalter bis in die jüngere Zeit vollzogen wurden, kamen so zustande, dass Repräsentanten der beteiligten Kirchen Übereinstimmung in der Lehre proklamierten und dass anschließend das von Rom für nötig erachtete Maß von institutioneller Integration herbeigeführt wurde, namentlich die Unterstellung des Klerus und damit auch der Gemeinden der östlichen Signatarkirche unter den Papst. Solche Unionen schwebten im 17. und frühen 18. Jahrhundert manchen Geistern auch für das Verhältnis zwischen Rom und den evangelischen Kirchen vor, in modernerer Form tauchte das Modell im katholisch-lutherischen ökumenischen Dialog des späten 20. Jahrhunderts wieder auf (»Einheit vor uns«). Eine Erklärung gemeinsamer Lehre und institutionelle Integration der beteiligten Kirchen über die Amtsträger sehen auch die Unionen vor, die die anglikanische Kirche und verschiedene andere durch die Reformation gegangene Kirchen vollzogen oder zur Zeit vollziehen, bereits abgeschlossen etwa in Süd- (Church of South India) und in Nordindien (Church of North India); die Integration kam oder kommt hier durch die Bildung einer gemeinsamen Kirchenspitze und durch die Eingliederung aller seit der Union Ordinierten in die anglikanische Amtssukzession zustande – Letzteres auch in der anglikanisch-lutherischen Ökumene ein mancherorts vertretenes Rezept (Porvoo, USA). Anders sehen wegen der anderen Natur der vertretenen Kirchen die beiden Unionen aus, durch die aus reformierten und lutherischen Kirchen die Protestantische Kirche der Niederlande und die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs wurden. Bei diesen in den letzten Jahren vollzogenen Unionen gab es keine Integration der Amtsträger einer Seite in die Strukturen der anderen, erforderlich war allein die Feststellung, dass man in den wesentlichen Punkten der Lehre übereinstimme, woraufhin die beteiligten Kirchen zu einer erklärt und eine gemeinsame Kirchenleitung geschaffen wurden. So oder ähnlich liefen weltweit die meisten Unionen evangelischer Kirchen ab.

Daneben nun die Preußische Union von 1817, lange nach den großen katholischen Unionen und erheblich vor den Unionen der neueren ökumenischen Zeit. Die Geburt eines Typus von Union, der mit diesem Exemplar zusammenfällt: Kirchenvereinigung nicht durch die Feststellung gemeinsamer Lehre und nicht durch irgendwie geartete Integration der Amtsträgerschaft und der Gemeinden, sondern Kirchenvereinigung schlicht durch gemeinsame Verwaltung samt unbeschränkter Zulassung aller Glieder zum Abendmahl. Dieser Typ von Union ist so einzig und erstaunlich, dass es nur einen Weg gibt, ihn zu verstehen: den Blick in die Geschichte. Ich verfolge diesen Weg in zwei Strängen, wohl wissend, dass beide vielfältig miteinander verknüpft sind: Der erste Rückblick gilt der dynastischen Vorgeschichte, der zweite der unmittelbaren theologischen Vorgeschichte der Union.

DIE DYNASTISCHE VORGESCHICHTE DER PREUSSISCHEN UNION

Mit dem Blick in die dynastische Vorgeschichte folgen wir dem Begründer der Preußischen Union, König Friedrich Wilhelm III., selbst. Denn der König präsentierte seinerseits den Aufruf zur Kirchen-Union als Ergebnis einer langen geschichtlichen Entwicklung, die von seinen Vorfahren getragen wurde. In seiner Kabinettsorder vom 27. September 1817, mit der er den 31. Oktober zum Tag für die Union bestimmte, setzte er mit einem großen, über zwei Jahrhunderte zurückgreifenden Rückblick ein:

»Schon Meine, in Gott ruhende erleuchtete Vorfahren, der Kurfürst Johann Sigismund, der Kurfürst Georg Wilhelm, der große Kurfürst, König Friedrich I. und König Friedrich Wilhelm I. haben … mit frommem Ernst es sich angelegen seyn lassen, die beiden getrennten protestantischen Kirchen, die reformirte und die lutherische, zu Einer evangelisch-christlichen in Ihrem Lande zu vereinigen. Ihr Andenken und Ihre heilsame Absicht ehrend, schließe Ich Mich gerne an Sie an«.1

Die Ahnenreihe, die der König nennt, beginnt mit jenem Vorfahren, der den innerprotestantischen Konfessionsgegensatz in das Kurfürstentum Brandenburg hineingetragen hatte, Kurfürst Johann Sigismund. Noch als Kurprinz am reformierten Kurpfälzer Hof zu Heidelberg vom in seinen Augen nur halbprotestantischen Luthertum zum konsequenteren und moderneren Calvinismus konvertiert, machte der junge Fürst diesen Schritt an Weihnachten 1613 im Berliner Dom mit dem Empfang gebrochenen Abendmahlsbrotes statt einer Hostie seinen Untertanen handgreiflich klar. Nach dem Grundsatz cuius regio, eius religio das ganze Land mitzuziehen, wie es der Kurfürst von der Pfalz und andere zum Calvinismus übergegangene Fürsten getan hatten, daran war gleichwohl nicht zu denken. Adel und Bürgertum ebenso wie die Geistlichkeit des Landes, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten die strikt anticalvinistische Konkordienformel eingeführt worden war, verweigerten sich. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass das Bekenntnis des konvertierten Fürsten sich auf die Confessio Augustana, freilich die modifizierte Fassung von 1540, berief und ausdrücklich Martin Luther und niemals Calvin oder calvinistische Bekenntnisschriften anführte. Das Land blieb nach Bekenntnisstand, Liturgie und Kirchenordnung, was es gewesen war, lutherisch. Die zweite, als kurfürstliche nun erste Konfession beschränkte sich auf den Hof. Auch durch gezielte reformierte Elitenbildung in Hofgesellschaft, Militär und Universität und durch die bevorzugte Ansiedlung reformierter Glaubensflüchtlinge in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ließ sich diese Minderheitenposition zwar mildern, aber nicht beheben.

Ein bloßes Nebeneinander von Landes- und Hofkirche leitete die Konversion des Kurfürsten gleichwohl nicht ein. Denn der konfessionell nun von der Kirche seiner Untertanen geschiedene Herrscher blieb, was er vorher für sie gewesen war: ihr oberster Bischof. Kraft landesherrlichen Kirchenregiments hielten die Kurfürsten, später Könige in Berlin die Zügel der lutherischen wie der reformierten Kirche ihres Landes in der Hand. Zur Durchführung des zweifachen Kirchenregiments diente ihnen das Konsistorium, das strikt paritätisch besetzt wurde, später sollten es mehrere Konsistorien sein; das Amt des Generalsuperintendenten, früher Garant einer gewissen Selbstständigkeit für die lutherische Kirche, wurde abgeschafft, eine Synode, die für die reformierte Kirche eine entsprechende Rolle hätte spielen können, gar nicht erst eingerichtet. Es war die moderne Herrschaftsform des Absolutismus, die, aus Westeuropa ins Heilige Römische Reich dringend, das Kirchenregiment der Hohenzollern seit dem Übergang zur »modernen«, reformierten Form des Protestantismus in besonderer Weise prägte.

Doch trotz klarer Hinordnung beider Kirchen auf den Landesherrn befriedigte die Bikonfessionalität ihres Territoriums die Berliner Herrscher nicht. Ein Herrschaftsraum und eine Kirche, das blieb das Leitbild, das den religiösen ebenso wie den politischen Vorstellungen der Zeit entsprach und das andere Territorien innerhalb des Reiches und die meisten Länder ringsum verwirklicht hatten. Dass dieses Leitbild für Brandenburg idealerweise die landesweite reformierte Kirche gewesen wäre, stand für die von den Vorzügen des Calvinismus überzeugten Hohenzollern fest. Aber wenn die Calvinisierung des ganzen Territoriums nun einmal nicht zu erreichen war, dann musste man eine andere Lösung finden: die Abschmelzung der konfessionellen Gegensätze   23