RELIGIÖSE IDENTITÄT UND ERNEUERUNG IM 21. JAHRHUNDERT
JÜDISCHE, CHRISTLICHE UND MUSLIMISCHE PERSPEKTIVEN

Simone Sinn | Michael Reid Trice (Hrsg.)

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© 2016 Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

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Redaktionelle Verantwortung: LWB-Abteilung für Theologie und Öffentliches Zeugnis

Übersetzung aus dem Englischen: LWB-Büro für Kommunikation in Zusammenarbeit mit Antje Bommel, Ursula Gassmann, Claudia Grosdidier-Schibli, Detlef Höffken, Angelika Joachim und Regina Reuschle.

Satz und Textlayout: LWB-Büro für Kommunikation/Abteilung für Theologie und Öffentliches Zeugnis

Gestaltung: LWB-Büro für Kommunikation/EVA

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

Veröffentlicht von:

Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig, Germany, für

Lutherischer Weltbund

150, rte de Ferney, Postfach 2100

CH-1211 Genf 2, Schweiz

ISBN 978-3-374-04695-9

www.eva-leipzig.de

Parallelausgabe in englischer Sprache

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Martin Junge

Einleitung

Michael Reid Trice und Simone Sinn

I. Gott, Großzügigkeit und die Theodizee

Die Zukunft der religiösen Identität: ein Geist der Großzügigkeit

Michael Reid Trice

Juden, Gott und die Theodizee

Anson Laytner

II. Die Stimme der Religion, Dialog und Erneuerung

Herausforderungen für die religiöse Identität im 21. Jahrhundert

John Borelli

Die Stimme der Religion im 21. Jahrhundert – eine jüdische Perspektive

Shira Lander

III. Gedächtnis, Tradition und Offenbarung

Schrift und Offenbarung in der jüdischen Tradition

David Fox Sandmel

Die Rolle des Gedächtnisses bei der Herausbildung der frühchristlichen Identität

Binsar Jonathan Pakpahan

Heiliger Text, Offenbarung und Autorität: Erinnern und Weitergeben des Wortes

Nelly van Doorn-Harder

IV. Fallstudien: Gemeinschaftsbildung im 21. Jahrhundert

Wurzeln bilden inmitten der Wurzellosigkeit: religiöse Identität im Pazifischen Nordwesten

Catherine Punsalan-Manlimos

Die Renaissance, die es nie gab: Überlegungen zu den institutionellen Herausforderungen für das Judentum in Deutschland

Paul Moses Strasko

Religionen in Südafrika im Wandel

Herbert Moyo

V. Schnittpunkt der Identitäten

Die Umma im Schnittpunkt der Identitäten

Celene Ibrahim-Lizzio

Wer sind wir und was konstituiert unsere Identität?

Suneel Bhanu Busi

Autorinnen und Autoren

Fußnoten

VORWORT

Martin Junge

Im Laufe der Geschichte haben die Religionen wiederholt entscheidend zu Transformationsprozessen in der Gesellschaft beigetragen und eine Vision des Lebens aufgezeigt, durch die Menschen befähigt wurden, sich für Veränderungen einzusetzen. Eine solche Dynamik entfaltet sich insbesondere dort, wo religiöse Gemeinschaften offen für Erneuerung und Veränderung sind. Weil sie auf Gottes lebendige Gegenwart achten, sehen sie auch ihre eigenen Traditionen in einem neuen Licht. Von diesen benötigen vielleicht einige eine kritische Überprüfung, andere strahlen dafür in einem helleren Licht als jemals zuvor. Es ist von größter Wichtigkeit, zu lernen, wie man seine religiöse Identität mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der eigenen Zeit in Beziehung setzt. Dies ist eine geistliche und theologische Aufgabe, die Mut und Einsatz erfordert.

Die Reformationsbewegung im 16. Jahrhundert ist dafür ein herausragendes Beispiel. Martin Luther und seine Zeitgenossen setzten sich streitbar mit einer überkommenen Tradition auseinander. Ihr Kampf war Anstoß für die Transformation des theologischen Denkens, die Reform von kirchlichen Strukturen und Praktiken und für eine allgemeine Erneuerung des christlichen Lebens. Die Reformatoren glaubten fest daran, dass ein Hören auf Gottes „heutigen“ Ruf von wesentlicher Bedeutung war, um den rechten zukünftigen Weg erkennen zu können.

Eine solche Offenheit für Gottes lebendige Gegenwart gepaart mit dem Eifer, theologisch die Zeichen der Zeit zu erkennen, findet sich in vielen religiösen Gemeinschaften. Die vorliegende Veröffentlichung versammelt aufschlussreiche Überlegungen jüdischer, christlicher und muslimischer Wissenschaftler zur Frage der religiösen Erneuerung in den drei monotheistischen religiösen Traditionen. Erneuerungsprozesse sind Gegenstand gründlicher theologischer Debatten darüber, wie Religionen ihre eigenen Ressourcen verstehen und welche Maßstäbe sie im Blick auf eine Erneuerung anwenden.

Der Lutherische Weltbund (LWB) geht dem Reformationsjubiläum entgegen, dessen Höhepunkt der 500. Jahrestag des Beginns der protestantischen Reformation im Oktober 2017 sein wird. Allen Veranstaltungen und Projekten des LWB liegen folgende drei Grundprinzipien zugrunde:

1. Eine nachdrückliche Betonung des polyzentrischen Charakters der Reformation und der unterschiedlichen kontextuellen Gegebenheiten, die zu ihr hinführten.

2. Ein intensives Achten auf die Fragen, die die Menschen und Gesellschaften heute bewegen, denn die Reformation war kein singuläres geschichtliches Ereignis, sondern ist vielmehr wesentliche Bestimmung der kirchlichen Identität (ecclesia semper reformanda) und als solche Herausforderung für die Kirche, auch heute für Erneuerung offen zu sein.

3. Ein Gedenken und Feiern des Jubiläums der Reformation auf eine Weise, die die ökumenischen Beziehungen bejaht und stärkt.

In einer Zeit, in der die Welt religiös immer vielfältiger wird, beschäftigen Fragen der Reformation und Erneuerung nicht nur christliche Kreise. Obwohl andere religiöse Gemeinschaften natürlich auf jeweils eigene, besondere historische Entwicklungen zurückblicken und von spezifischen theologischen Voraussetzungen ausgehen, haben sich doch ähnliche Fragestellungen in Bezug auf Tradition und Erneuerung ergeben. Ein interreligiöses Gespräch über die polyzentrische Natur religiöser Gemeinschaften und die Art und Weise, wie sie die Grenzen innerer und äußerer Vielfalt aushandeln, hilft uns, die Komplexität der dabei beteiligten Prozesse besser zu verstehen.

Die hier versammelten Aufsätze wurden erstmals im August 2014 auf einer internationalen interreligiösen Konferenz zum Thema „Religious Identity and Renewal. Jewish, Christian and Muslim Explorations“ präsentiert, die vom LWB und der „School of Theology and Ministry“ an der Seattle University mitorganisiert und mitfinanziert wurden. Ich empfehle diese Aufsatzsammlung allen, die nach einem tieferen Verständnis der Möglichkeiten zur Erneuerung in ihren eigenen Gemeinschaften und in anderen religiösen Gemeinschaften im 21. Jahrhundert suchen.

EINLEITUNG

Michael Reid Trice und Simone Sinn

Religiöse Identität sieht sich heute auf tiefgreifende Weise herausgefordert. Wo immer gegenwärtig über Religion diskutiert wird, geraten schnell Konfliktzonen ins Blickfeld. Bilder von Gewalt, Feindseligkeit und Hass im Namen Gottes oder des Heiligen drängen ins Bewusstsein. Dass Hass so eng mit religiöser Identität verbunden ist, gehört zu den negativen Kennzeichen unserer Zeit. Die einzelnen Fälle mögen sich in ihrer Ausprägung unterscheiden, doch folgen sie einem erstaunlich homogenen Muster: Religion wird dazu benutzt, um die konstitutiven Merkmale einer gemeinsamen Menschlichkeit zu denunzieren und oft genug sogar auszulöschen.

Welchen Sinn und Zweck hat Religion für das menschliche Leben? Wenn man diese Frage stellt, wenden sich die Gespräche schnell Themen zu, bei denen es um eine fest umrissene Identität (national, ethnisch-religiös usw.) aber auch um die gesellschaftsübergreifende Darstellung und Manipulation göttlicher oder heiliger Zweckbestimmungen für die Menschheit geht. Eine globale Dynamik und Bestrebungen auf der lokalen Ebene scheinen beizutragen zur Bildung von ethnisch-religiösen, durch Retribalisierung gekennzeichneten Identitäten oder auch zum Entstehen einer tiefgehenden Instabilität und sozio-ökonomischer Unterschiede. Wir sind Zeugen, wie zunehmend Grenzen physischer wie auch psycho-sozialer Natur errichtet werden, die die Kriterien der Menschlichkeit neu definieren und Menschen in Flüchtlinge mit verdächtigen Absichten verwandeln.

Wie kann religiöse Zugehörigkeit da korrigierend wirken und den gegenwärtigen protektionistischen Trend zu einer auf Angst gründenden Isolation überwinden? Wie kann man eine Botschaft der Freiheit inmitten eingeschränkter Gerechtigkeit und schwerwiegender moralischer Vergehen leben? Und schließlich, wie können wir glaubwürdig für das sich um die Menschheit sorgende und ihr beistehende Heilige einstehen angesichts eines Mahlstroms menschlicher Abscheulichkeit?

Tatsächlich leisten religiöse Menschen überall auf der Welt in zahlreichen Wirkungsfeldern (soziale Medien, politische Diskussionen, sozio-religiöse Interessengemeinschaften usw.) kreativ Widerstand gegen militante religiöse Ausdrucksformen. Damit widersprechen sie der rhetorischen oder physischen Bewaffnung der Religion und vertreten die zentralen Botschaften, für die es sich einzusetzen gilt: für menschliches Gedeihen, gesunde gesellschaftliche Verhältnisse, globales Wohlergehen und für die Notwendigkeit eines ernsthaften Nachdenkens über die spirituellen Werte und Botschaften, deren ein zukünftiges kollektives Gemeinwohl bedarf.

Selbst und insbesondere inmitten des Mahlstroms menschlicher Abscheulichkeit leisten Milliarden Menschen ausdauernd Widerstand gegen unerwünschte Gewalt in ihren Gemeinschaften, wenden sich gegen die Radikalisierung ihres Glaubens und bringen aktiv und im besten Sinne ihre Spiritualität in ihre religiösen Gemeinschaften ein und hoffen dabei auf eine zukünftige Gesellschaft, die sich weigert, den Feindseligkeiten von gestern mit ihren überholten Loyalitäten Raum zu gewähren.

Angesichts dieser dynamischen Entwicklungen ist es evident, dass die Frage, wie religiöse Gemeinschaften mit Erneuerung in Bezug auf ihre eigene religiöse Identität umgehen, von wesentlicher Bedeutung ist – und dies nicht nur für ihr eigenes Selbstverständnis, sondern auch für ihr Zusammenwirken mit anderen in der Gesellschaft.

Auf ihrem Weg zum 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017 diskutieren Christen engagiert und lebhaft über die Bedeutung der Reformation. Es geht ihnen dabei nicht nur um deren historische Bedeutung, sondern auch um die Frage, welche Erkenntnisse relevant und hilfreich sind, um konstruktiv zum heutigen gesellschaftlichen Wandel beitragen zu können. Weiterhin ist es sehr wichtig für sie, über Erfahrungen von Erneuerung in anderen religiösen Traditionen ins Gespräch zu kommen. Der Austausch von „Erinnerungen der Erneuerung“ aus unterschiedlichen Glaubensperspektiven und die Analyse der Wechselbeziehung zwischen religiöser und gesellschaftlicher Erneuerung helfen, die interreligiösen Beziehungen zu stärken. Angesichts heutiger Herausforderungen und Möglichkeiten ist es notwendig, gemeinsame „Visionen der Erneuerung“ mit Hilfe der Heiligen Schriften, Glaubenstraditionen und der Theologie zu entwickeln. Dazu gehört auch, „Orte der Erneuerung“ im heutigen Kontext zu benennen und insbesondere auf die Bedeutung interreligiöser Initiativen und interreligiöser Zusammenarbeit im humanitären Bereich, in der Entwicklungsarbeit und in der Wissenschaft hinzuweisen.

In Erkenntnis der Herausforderungen, denen sich religiöse Identität und das Streben nach ihrer Erneuerung im 21. Jahrhundert gegenübersieht, fand im August 2014 in Seattle (Washington, USA) unter der Schirmherrschaft des Lutherischen Weltbundes (LWB) und der Seattle University School of Theology and Ministry eine Konsultation von Vertretern verschiedener Religionen und Wissenschaftlern statt. Über vierzig Juden, Christen und Muslime nahmen an dieser fünftägigen Konsultation teil. Sie kamen zusammen, um über die grundlegenden Fragen zu sprechen, die sich den Menschen weltweit stellen, und multiperspektivische religiöse Antworten darauf zu geben. Teilnehmer und Organisatoren stimmten darin überein, dass Antworten auf diese zentralen Fragen von entscheidender Bedeutung sind, damit es auch weiterhin konstruktive religiöse Impulse in der Gesellschaft gibt. Methodisch wurde in der Konsultation mit Bezug auf die aus den wesentlichen Fragestellungen erwachsenden Themen durchgängig das Modell des partizipatorischen Engagements angewandt. Die Vortragenden behandelten die Fragen jeweils in ihrer besonderen religiösen Perspektive, wobei auf recht organische und natürliche Weise gemeinsame Themen und Anliegen zum Vorschein kamen. Die Beiträge des vorliegenden Buches wurden ursprünglich alle auf der Konsultation in Seattle präsentiert.

Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, die fünf Sektionen der folgenden Seiten zu durchwandern. Wir werden hier zunächst die Hauptfragen und -themen der verschiedenen Sektionen kurz umreißen.

Die erste Sektion, „Gott, Großzügigkeit und die Theodizee“, sucht Antworten auf die zentrale Frage: Welcher radikalen Fragestellung sehen sich die Religionen in der Zukunft gegenüber? Thematisch geht es dabei um die Entwicklung der Religionen weltweit, die Frage, ob die Menschheit am Anfang einer post-religiösen Epoche steht, und darum, wie theologisch auf massenhaftes Leid sinnvoll zu antworten wäre. Michael Reid Trice plädiert für eine völlige Neueinschätzung des Konzepts der Großzügigkeit als eines theologischen und religionsübergreifenden Fokus, den die Welt heute dringend benötigt. Wie ein im Prozess des Stoffwechsels kaum umgewandelter Nährstoff hat Großzügigkeit Ähnlichkeit mit der Desoxyribonukleinsäure (DNS), die sich selbst verdoppeln kann und in allen lebenden Organismen vorhanden ist. Das muslimische Verständnis der Zakat wie auch die jüdische Interpretation der Tsedaka sind Beispiele für diesen Nährstoff, d. h. für den ontologischen Status der Großzügigkeit, die im menschlichen Sein vor jeglichem Handeln verwurzelt ist. Trice zieht daraus den Schluss, dass eine zukünftige Glaubwürdigkeit der Religion eine komparative religiöse Rückgewinnung einer in den Schriften niedergelegten Verpflichtung zur Großzügigkeit erfordert, die einer wachsenden Gewalt und Missachtung in der Welt Widerstand leistet. Anson Laytner hingegen behandelt im Blick auf die grundlegende Frage diese Abschnitts jenes schwerwiegende Problem, das viele in der Welt umtreibt, nämlich die Frage der Theodizee: Wie kann ein liebender Gott uns leiden lassen? Mit Blick auf den Holocaust stellt Laytner fest, dass entweder Gott für den Holocaust verantwortlich ist oder, falls er dies nicht ist, nicht die Macht zu einem anderen Handeln hatte. Ein Teil unserer gegenwärtigen Krise ist unsere Distanz zum Göttlichen. Zur Zeit als die Tora verfasst wurde, wussten die Menschen, wo Gott wohnte; heute dagegen verstärkt die postmoderne Sinnkrise nur noch das menschliche Gefühl der Distanz und des Abgeschnittenseins. Wir dürfen uns nicht mit theologischen Überlegungen selbst betrügen, die das menschliche Leiden in der Welt als Partikel auf der Leinwand göttlicher Weisheit rationalisieren. Solche Lösungsversuche schaden mehr, als sie nutzen, und diskreditieren ein ernsthaftes theologisches Denken. Laytner findet eine Antwort auf die Entfremdungserfahrung in der Theologie der jüdischen Gemeinschaft in Kaifeng in China und fordert die Leser auf, einen alternativen Weg zum menschlichen Wohlergehen zu bedenken.

Die zweite Sektion, „Die Stimme der Religion, Dialog und Erneuerung“, beschäftigt sich mit der zentralen Frage: Wer bestimmt, ob eine religiöse Äußerung wahr oder diabolischen Ursprungs ist? Im Verlauf der Konferenz tauchte die Frage auf, ob und auf welche Weise Religionen gemeinschaftlich dafür verantwortlich sind, die moralische Verwerflichkeit einer Ideologie aufzudecken. John Borellis Aufsatz thematisiert die Herausforderungen für die religiöse Identität im 21. Jahrhundert. Zunächst einmal sollte der religiöse Dialog keine exklusive Domäne der Fachleute sein; der Dialog ist vielmehr Sache aller Menschen, regional wie global. In einer pluralistischen Welt erfordert der Dialog insbesondere eine Haltung der Demut, aber keineswegs eine „Verbesserung“ der die eigene Weltanschauung prägenden religiösen Tradition oder Religion. Anhand von Beispielen aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil und insbesondere Nostra Aetate, und mit Blick auf den religiösen Pluralismus benennt Borelli drei falsche Ansätze für die Dialogpraxis in gemeinschaftlichen Kontexten. Einer davon ist die falsche Vorstellung, dass es sich beim Dialog um ein ganz und gar menschliches Unterfangen handelt. Wenn immer es zwischen Juden, Muslimen und Christen zum Dialog kommt – und das trifft natürlich auch auf andere bei der Konsultation nicht vertretene religiöse Strömungen zu – befinden sich diese inmitten des heiligen oder göttlichen Geheimnisses, das uns daran erinnert, auf die Geschichten der anderen zu hören und darauf zu vertrauen, dass sich unsere eigene Geschichte vor allem in einer Art heiliger Achtsamkeit artikulieren wird. Der sich anschließende Beitrag von Shira Lander geht von der Feststellung aus, dass eine zukünftige Erneuerung der religiösen Identität nur dann erfolgen wird, wenn wir uns mit den grundlegenden Problemstellungen unserer Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Zu diesen gehört z. B. ein universalistischer Triumphalismus, der eine nicht nur auf eine Religion beschränkte ideologische Methodologie darstellt, die eine aktiv-aggressive Missionierung und erzwungene Bekehrung anderer Menschen vorantreibt. Umgekehrt werden im öffentlichen Raum des 21. Jahrhunderts unter dem Begriff Religion auch notwendigerweise Atheisten sowie spirituelle und säkulare Humanisten und andere subsumiert werden müssen. Wenn ein religionsübergreifendes „evangelistisches“ Ziel heutzutage zu formulieren wäre, dann dies, dass Religionen ihre Grundwerte einstimmig ausdrücken und sich mit denen auseinandersetzen sollten, die Glaubensinhalte in einer Weise benutzen, die erheblichen Schaden verursacht und fortbestehen lässt. Und doch bleibt die Schwierigkeit des Dialogs, dass er immer vom guten Willen abhängt. Wie steht es um die Inklusion von extremistischen Positionen, die sehr schnell den Dialog in eine Auseinandersetzung über Unterscheide zurückführen? Verschiedene Probleme bleiben erhalten, von denen eines für Lander von besonderer Dringlichkeit ist: Was sind die Grenzen der religiösen Toleranz? Es gibt eine große Asymmetrie zwischen Vertretern eines religiösen Pluralismus und denen extremer Positionen. Und doch leben wir alle in derselben Gegenwart und haben das Geschenk einer Zukunft vor uns, die uns vor die Aufgabe stellt, in den kommenden Jahrzehnten den Zirkel der Gewalt zu durchbrechen.

In der dritten Sektion, „Gedächtnis, Tradition und Offenbarung“, geht es um die Frage: Wodurch wird ein Text heilig und wer hat die Autorität, ihn zu interpretieren? David Sandmel eröffnet die Diskussion mit einer Untersuchung der Schlüsselkonzepte von Schrift und Offenbarung im Verständnis der klassischen rabbinischen Periode. Ein Text ist niemals nur ein Text; die Tora wurde niemals eng als Gesetz gefasst, sondern schließt erweitert den Tanach und die Gesamtheit der rabbinischen Literatur mit ein. Dies bedeutet, dass man an der Tora teilhat durch die tägliche tätige Überlieferung und Interpretation des Textes durch die Gemeinschaft. Nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels nimmt der Rabbiner die Rolle einer Verkörperung der Tora, eines Meisters der Lehre, ein. Durch ihn, als Führer der Gemeinschaft, wird diese in ihrem Leben in das Nachdenken über die Tora eingebunden, das darauf abzielt, neu zu erkennen, wohin Gott die Menschen führt. So ist die Tora auch die Verkörperung Gottes in der Gemeinschaft, in gewissem Sinne die Inkarnation von Gottes Wort in der Gemeinschaft. Für Judentum, Christentum und Islam hat der religiöse Text sowohl schriftliche als auch lautliche Gestalt, er ist dazu da, um in der Gemeinschaft laut gesprochen und gelebt zu werden. Trotzdem, wer bestimmt, ob ein Text nur ein Text oder vielmehr ein inspirierter Akt göttlicher Offenbarung ist? Oder, noch genauer gefragt, was sind die Kennzeichen eines offenbarten Textes, die ihn zu einem heiligen und nicht bloß profanen Text machen? Die Krise der textlichen Autorität und die Frage, wer die Autorität besitzt, um den Offenbarungscharakter bestimmter Texte festzustellen, stellt unsere die Ambiguität der Texte betonende Zeit vor Probleme. Die Wahrhaftigkeit des gelebten Textes zeigt sich im Leben der sich auf diese Schriften stützenden Gemeinschaften in der ganzen Welt. Den Gemeinschaften obliegt es, die authentische Nutzung der Schriften festzustellen und bei einem Gebrauch zu diabolischen Zwecken, missbräuchliche Interpretationen zu korrigieren.

Binsar Jonathan Pakpahan erörtert die normative Rolle des Gedächtnisses in den religiösen Traditionen, die wesentlich für den Erhalt der gemeinschaftlichen Identität ist. Nach einer Analyse zweier Formen des Gedächtnisses – des Ereignisses selbst und der mit ihm assoziierten Gefühle – diskutiert Pakpahan den Zusammenhang zwischen Ritual und Gedächtnis, wodurch die zerbrochene Gemeinschaft ihre Vergangenheit in der Gegenwart erinnert und aktualisiert. Wie hilfreich ist diese rituelle Praxis für eine positive Zukunft der Religion? Wie gehen wir mit Erinnerungen an Feindschaft oder der sogenannten gefährlichen Erinnerung um? Die gefährliche Erinnerung ist tatsächlich eine Form des Vergessens, wodurch eine Gemeinschaft eine geschichtliche Amnesie hinsichtlich des Leidens entwickelt, das sie anderen Menschen und Gemeinschaften zugefügt hat. Erinnern schließt ein einfaches und billiges Verzeihen für die Vergehen der Vergangenheit aus. Vielmehr bleiben wir in der Geschichte, tragen Verantwortung und sind rechenschaftspflichtig für die Vergangenheit. Diesen Teil abschließend, betrachtet Nelly van Doorn-Harder die Tradition des frühen Christentums, das die ganze Bibel als einen einzigen kontinuierlichen Strom der Offenbarung erhielt, und wo die Schrift zur Initiation in die heiligen Praktiken der Glaubensgemeinschaft diente. Die Offenbarung ist evident durch die „Einsichten des Herzens“, die die Schrift der rechten Interpretation öffnen. In der frühen christlichen Kultur waren Gedächtnispraktiken von zentraler Bedeutung für die Weitergabe (durch Hören und Erinnern) des Glaubens als Voraussetzung der Bildung einer zukünftigen gemeinschaftlichen Identität. Wodurch wird ein Text heilig? Die Antwort hängt davon ab, wie mit dem Text im Laufe der Geschichte bis heute umgegangen wird. Nach Auffassung Doorn-Harders wird der Text durch die Anhänger der betreffenden Schrift fortwährend zu einer heiligen Schrift rekonfiguriert; sie bilden eine Gemeinschaft, die ihre Berufung darin sieht, diese Texte zu interpretieren, weiterzugeben und zu bewahren.

Die vierte Sektion, „Gemeinschaftsbildung im 21. Jahrhundert“, stellt die Frage: Welche konkreten Faktoren bestimmen vor allem das heutige religiöse Leben? Catherine Punsalan-Manlimos antwortet auf diese Frage aus der Sicht einer philippinischen Einwanderin der ersten Generation, die im pazifischen Nordwesten der USA eine leitende Tätigkeit im theologischen Bereich ausübt, einer Region im Übrigen, wo keine religiöse Gruppierung eine dominierende Stellung innehat. Im Kontext des pazifischen Nordwestens der USA ist religiöse Identität in hohem Maße flexibel. Von daher wird eine nicht-monolithische Interpretation religiöser Identität notwendigerweise Merkmale des Geschlechts, von Kultur und Geografie und anderes mit einschließen. Punsalan-Manlimos sieht eine religionsübergreifende Aufgabe darin, die Kinder zu lehren, sich in einer pluralistischen Gesellschaft gut zurechtzufinden und gleichzeitig mit der sie prägenden Tradition und Gemeinschaft verbunden zu bleiben. Die Autorin stützt sich auf Erzählungen aus Einwanderergemeinschaften der zweiten und dritten Generation, wo das Nachlassen der ethnisch-religiösen Identität sowohl für die Familien wie auch für die umfassendere Gemeinschaft krisenhaft werden kann. Wie man Wurzeln ausbildet inmitten der Wurzellosigkeit ist in der Tat eine der größten Herausforderungen für die Gestaltungskraft und Widerstandsfähigkeit jeder religiösen Gemeinschaft. Gilt dies für Gemeinschaften in anderen Weltregionen in geringerem Maße? Im zweiten Beitrag reflektiert Paul Strasko über seine Erfahrungen als Rabbiner in Deutschland. In einer Gemeinde mit 2.700 Mitgliedern, darunter viele jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, sah er sich der Schwierigkeit gegenüber, auch nur zehn Menschen in einem Gottesdienst zusammenzubringen. Das Leben von drei Generationen unter dem Stalinismus haben den selbstverständlichen Sinn einer Gemeinschaft für Schabbat Schalom (das Willkommen heißen und einander Begrüßen in einer lebendigen Gemeinschaft) zum Versiegen gebracht, der doch die Seele der Gemeinschaft ist, auf den sich ihre Zukunft aufbaut. Was die Bildungsarbeit angeht, stellt Strasko fest, dass sich eine zukünftige religiöse Leitungsverantwortung in einem lokalen bis hin zu einem globalen Kontext von bestimmten Illusionen freimachen muss, wie etwa einem statischen Verständnis eines den Kern bildenden religiösen Sinns von Gemeinschaft oder der Auffassung, dass religiöse Institutionen ganz selbstverständlich die Zukunft mitgestalten werden. Das letzte Jahrhundert hat uns gelehrt, wie schon eine nur kurze Zeitspanne der Unterbrechung des religiösen Lebens ausreicht, um die Haltepunkte auszuhebeln, an denen sich die Grundlagen des religiösen Lebens festmachen.

Der Aufsatz von Herbert Moyo in diesem Abschnitt behandelt die Frage der Authentizität von Religion, wobei er von seinem erweiterten Kontext als afrikanischer Christ ausgeht. Moyo reflektiert darüber, wie Religion mit authentischer Stimme sprechen kann, um zur Liebe Gottes und des Nächsten hinzuführen. Dabei bleibt es eine Herausforderung, wie Religion auf die politischen Kontexte reagiert, in die das heutige Leben verwickelt ist. So können z. B., wenn kirchlicherseits durchaus notwendigerweise staatliche Missstände angesprochen werden, unterschiedliche Perspektiven etwa von Seiten der Mainline-Kirchen und der afrikanischen unabhängigen Kirchen (African Independent Churches) sichtbar werden, die in der Gesellschaft zu Verwirrung darüber führen, welches denn nun die authentischen Stimme in diesem Fall wäre. Welches Kriterium haben wir, um zu entscheiden, ob eine bestimmte kirchliche Perspektive ein authentisches religiöses Narrativ repräsentiert? Im afrikanisch-christlichen Kontext – innerhalb dessen vielfältige Formen des Christentums gedeihen – mangelt es z. B. was den Heilungsdienst betrifft an Übereinstimmung zwischen den traditionellen Mainline-Kirchen und den unabhängigen afrikanischen Kirchen. Da es Fälle gibt, wo Anhänger des Heilungsdienstes keine Medikamente mehr nehmen und krank werden, muss schnell ein neuer Konsens über eine normative Schriftinterpretation erreicht werden, die der menschlichen Gesundheit förderlich ist. Die Gestaltung der religiösen Gemeinschaft im 21. Jahrhundert wird weltweit in den verschiedensten lokalen Kontexten viele Ebenen der Konsensbildung erfordern.

Die fünfte Sektion, „Schnittpunkt der Identitäten“, widmet sich vornehmlich der Frage: Was ist Gottes Vision für die Welt und wie muss die Menschheit auf diese Vision antworten? Celene Ibrahim-Lizzio stellt das zentrale Mysterium islamischer Theologie an den Anfang ihrer Überlegungen: die Schöpfung des Menschen durch den Willen Gottes weist darauf hin, dass diese ein Ausströmen des Verlangens Gottes ist, erkannt zu werden. Aber die Schrift sagt auch, dass Gott enttäuscht ist darüber – aber zugleich auch zutiefst besorgt – wie wir für einander sorgen, für die Welt, für die Intaktheit unserer Beziehungen, Gesetze und Steuerungssysteme. Die Umma (Gemeinschaft) des 21. Jahrhunderts ist wie die meisten Gemeinschaften in der Welt polyzentrisch, mit vielfältigen, nicht auf einen theologischen Ort reduzierbaren kontextuellen Theologien. Die polyzentrische Umma des heutigen muslimischen Lebens macht eine glaubwürdige Erklärung notwendig, was es heißt, ein Volk zu sein und wie die Gläubigen mit religiöser Identität umgehen können in einem säkularen Raum, wo selbst in den Familien (insbesondere, wenn beide Eltern unterschiedliche religiöse Identitäten haben) möglicherweise kaum ein kohärentes religiöses Narrativ zu finden ist.

Der abschließende Beitrag dieses Abschnittes und des ganzen Buches stammt von Suneel Bhanu Busi. Busi geht ebenfalls von einer anthropologischen Perspektive aus und stellt dar, wie der hinduistische Schöpfungsmythos und die Inkulturation des Kastensystems im indischen Leben eine repressive Sichtweise schaffen. Im Laufe einer komplexen Entwicklungsgeschichte ist aus dem Namen „Kinder Gottes“ (Harijan) heutzutage eine abwertende Bezeichnung für die Dalit geworden, als sozusagen illegitime Kinder in der Gesellschaft. Busi zeigt, wie sich die Unterdrückung der Dalit in Form ritueller Herabwürdigung und sozioökonomischer und politischer Entmachtung darstellt und schließt ihre Ausführungen mit einem Blick auf die Herausforderung durch die Tatsache vielfältiger Bindungen und Zugehörigkeiten. Jedes Individuum trägt in sich eine Vielfalt unterschiedlicher Zugehörigkeiten.

Die Konsultation war mehr als die Summe der hier skizzierten Sektionen. Sie bot den Teilnehmern aus Praxis und Wissenschaft eine Gelegenheit und den Rahmen zu eingehenden Diskussionen, wobei es eher auf humane Kompetenz als auf Fachwissen ankam. Die Teilnehmenden an der Konsultation konnten immer wieder, von ihrem eigenen Kontext ausgehend, direkte Korrelationen erkennen zwischen der Umweltzerstörung, dem globalen Anstieg der Armut, dem Missbrauch von Frauen und Kindern und dem außerordentlichen Ausmaß der Vertreibung von Menschen, wie es weltweit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr vorgekommen ist. In einem gemeinsamen Kommuniqué erklärten sie:

Gemeinschaften suchen auf sehr verschiedene Weise Erneuerung. Dazu gehört die Neuinterpretation schwieriger Texte, die Heilung von Erinnerungen und die Überwindung trennender Gegensätze der Vergangenheit. Ein tieferes Verständnis der Geschichtlichkeit von Texten und trennenden Gegensätzen hilft uns, die konstruktive Bedeutung der Texte für heute neu zu bedenken. Jede unserer religiösen Gemeinschaften verfügt über ein großes Reservoir interpretatorischen Fachwissens (Midrasch, Tafsir, linguistische Analyse, Hermeneutik). In der gemeinsamen Reflexion über interpretatorische Herausforderungen profitieren wir alle gemeinsam von dieser Fachkompetenz.

Die theologische Ausbildung kann ein wichtiger Bereich sein, wo Theologen und Religionswissenschaftler die Bedeutung der Heiligen Schriften und der verschiedenen Traditionen auf eine Weise in den Blick nehmen, die einer lebendigen Beziehung zum Schöpfer gerecht wird. Jüdische, christliche und muslimische Identitäten stehen in einer Wechselbeziehung, und ihre Theologien blicken auf eine lange Geschichte gegenseitiger Beeinflussung zurück. Heutzutage stellen Menschen unterschiedlichen Alters in jeder unserer Glaubensgemeinschaften angesichts unermesslichen Leides radikale Fragen über Gott. Wir erkennen, dass wir die Zukunft unserer Glaubensgemeinschaft nicht unabhängig von den anderen bedenken können; unsere Gemeinschaften sind eng miteinander verbunden und ein zukünftiges Leben in Würde ist unser gemeinsames Anliegen.1

Schließlich sei noch der japanische Garten in der Nähe der Seattle University erwähnt, der sowohl ein realer Ort als auch eine Metapher für das substantielle und ästhetische, Herz und Geist bewegende Zusammenspiel lebendiger Ökosysteme ist. In den Religionen zeigt sich immer wieder die menschliche Nähe zum Geheimnis und der göttliche Wille, uns die Erfahrung von Schönheit zu schenken, die uns zuallererst in der Natur begegnet, die ja den Daseinsrahmen unseres Seins auf diesem Planeten bildet. Der japanische Garten ist in seiner Schönheit Ausdruck der japanischen Weltsicht (wabi sabi), in der neben der Ordnung auch Vergänglichkeit und Unvollkommenheit ihren Ort haben. Zurückhaltend angesichts sich entwickelnder streng systematischer Ideologien von morgen erinnert uns die Religion daran, dass das Leben von Grenzen und Unvollkommenheiten eingefasst ist. Wie können auch wir, wie im Falle des japanischen Gartens, Unvollkommenheit als Wert betrachten und nicht als Hindernis für unsere menschliche Entwicklung? Sollte nicht das Moos manchmal die Oberhand gewinnen? Der japanische Garten ist mit Absicht so angelegt, dass er den Eindruck von Wildnis vermittelt, mit unerforschten, ungestalteten Winkeln, ein spontanes, nicht an jeder Ecke und Kluft vorbestimmtes Gebilde. Die kunstvolle Anlage wird allerdings so gepflegt, dass die Wildnis niemals die Oberhand gewinnt.

Wie können Religionen eine positive Rolle bei der Gestaltung der menschlichen Zukunft auf diesem Planeten spielen? Die Erneuerung der religiösen Identität im 21. Jahrhundert erfordert neue Metaphern neben einem authentischen Bezug auf unsere vielfältigen Identitäten, um deuten zu können, wo sich das Geheimnis morgen spontan zeigen wird.

Im 21. Jahrhundert überschneiden sich tagtäglich verschiedene religiöse Identitäten. Die althergebrachten Grenzen sind zugleich durchlässiger und verletzlicher geworden. Angesichts dieser sich im Fluss befindlichen Verhältnisse bedarf die Herausbildung einer religiösen Identität einer religionsübergreifenden Zielsetzung, die wir aktuell in der Wiederbesinnung auf eine frühe Mystik in den jeweiligen Traditionen sich entwickeln sehen. Dies zielt auf die Wurzeln und die Tiefe des Glaubens in der Gemeinschaft und den Glaubensinstinkt im Allgemeinen, in welchen sozio-kulturell religiösen Kontext wir auch immer eingebunden sein mögen. Der Rückgriff auf unser ganzes Menschsein einbeziehende Kosmologien und deren Neuformung stellt alle Menschen vor die Frage, inwiefern ihre jeweiligen religiösen Identitäten eine Vision gemeinsamen Menschseins auf diesem Planeten bereichern oder verzerren und wie es möglich ist, Horizonte eines gemeinsamen Zeugnisses für ein gutes Leben in der heutigen Welt zu entdecken.

I. GOTT, GROSSZÜGIGKEIT UND DIE THEODIZEE 

DIE ZUKUNFT DER RELIGIÖSEN IDENTITÄT: EIN GEIST DER GROSSZÜGIGKEIT

Michael Reid Trice

EINLEITUNG

Welcher radikalen Fragestellung stehen die Religionen heute und morgen gegenüber? Wir nähern uns dieser „radikalen Frage“, indem wir zunächst einmal näher bestimmen, was die Welt von der Religion braucht, in der Annahme, dass Religion Anteil an der Heilung der Welt haben sollte. Wir beginnen also unsere Erörterung mit einem kurzen Blick auf unsere sozio-historische Verortung in der jüngsten Vergangenheit. Was geschieht in der Welt? Eine Stichprobe aus den Ereignissen in der heutigen Welt zeigt uns, dass Religion – oder was als sie ausgeben wird – als Mittel zur Rechtfertigung von Handlungen benutzt wird, zu denen gehören: die Entführung von der Kirche der Brüder angehörenden jungen Mädchen in Nigeria; die Ermordung israelischer und palästinensischer Kinder aus Blutrache und die weitere Eskalation zu einem ethnischen und internationalen Konflikt; die rasche Ausbreitung des „Islamischen Staates“ (IS) im Irak und in Syrien; eine Millionen Menschen betreffende Flüchtlingskrise im 21. Jahrhundert; die weiter andauernden Kämpfe von religiösen Minderheiten für ihre Rechte wie z. B. der Ahmadiyya und der protestantisch-christlichen Batak in Indonesien; das Weiterbestehen eines „biblisch begründeten“ weißen fremdenfeindlichen Christentums in Teilen der USA. Diese sozio-historischen Gegebenheiten sind Teil unseres aktuellen globalen Kontextes, in dem unsere verschiedenen Glaubensgrundsätze als Chiffren dazu herhalten müssen, Konflikte zu säen oder zu verstärken. Dass unsere geheiligten Tugenden und Werte Chiffren dieser Ordnung geworden sind, ist ein entsetzlicher Beleg für die Instrumentalisierung von Religion. Natürlich sind die Nachrichten nicht nur schlecht: Mennoniten und Lutheraner nehmen teil an einem weltweiten Dienst der Versöhnung, durch den die Folgen der Gewalt in ihrer gemeinsamen Vergangenheit überwunden werden sollen; Muslime und Christen von Indonesien bis Dearborn, Michigan, sind bestrebt mit anderen Gläubigen die anti-islamischen Vorurteile im Westen und anderswo zu bekämpfen; engagierte Gläubige und Aktivisten aus allen drei abrahamischen Religionen haben sehr viel bessere Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten, als jemals zuvor in der Geschichte. Trotzdem bleibt die große Herausforderung für uns religiöse Menschen, dass die schlechten Nachrichten so horrend sind und dem Geist der Religion so völlig zuwider laufen.

Auf der Suche nach der „radikalen Frage“ an die Religion für heute und morgen fragen wir weiterhin insbesondere, ob in den Drangsalen dieser Welt nicht eine tiefes Verlangen, ein Hunger nach einem Nährstoff besteht, den die Religion der Welt liefern könnte. Dies müsste ein Nährstoff sein, den sowohl das Judentum, das Christentum und der Islam der Welt geben könnten. Wo immer wir diesen Hunger und Mangel an Nährstoff feststellen, haben wir schließlich unsere radikale Frage an die Religion heute und morgen identifiziert, weil das dann das größte bislang unerfüllte Bedürfnis sein wird, auf das Religion eine Antwort geben muss. Sehen wir also so eine Form des Hungers, und wenn ja, welcher Nährstoff fehlt? Wir sehen eine solche Form des Hungers: Neben den oben angeführten Beispielen ist es die Tatsache, dass die Menschen auf diesem Planeten unter einem Dasein leiden, das ihnen wenig oder gar keine Hoffnung bietet. Beispielsweise haben wir es heute mit der größten Zahl von Einwanderern und Binnenvertriebenen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu tun. Oder nehmen wir die durch Umweltschäden bedingten Dürren und Überschwemmungen in einigen der schutzlosesten Gebiete dieser Erde.1 Eine Vielzahl unserer Mitmenschen ist in ethnische oder religiöse Konflikte verwickelt, was zu einer wachsenden Verunsicherung und Verwirrung unter allen Anhängern von Religionen beiträgt. Und schließlich beobachten wir eine auf der ganzen Erde um sich greifende wachsende Zahl bewaffneter Konflikte oder potentieller Konfliktherde, von der Ukraine bis zum Nahen Osten und Nordafrika und darüber hinaus.

Angesichts dieser Berichte von einer in Konflikten versunkenen Menschheit würden wir zu schnell zu einem Gegenmittel greifen, wenn wir glaubten, der fehlende Nährstoff in der Welt sei Frieden. Was wir brauchen, ist einfach mehr Frieden, könnten wir sagen. Dann wäre die radikale Frage an unser Zeitalter: Wie werden die Religionen und ihre Anhänger zu wirksamen Instrumenten des Friedens im 21. Jahrhundert? Diese Frage nach der Relevanz der Religionen für die Schaffung von Frieden ist sicher von wesentlicher Bedeutung für uns. Im Folgenden werde ich jedoch für einen viel unmittelbareren Nährstoff für uns plädieren, den wir meist unterschätzen und den wir doch in all unseren Glaubensüberzeugungen gemeinsam entdecken können als einen „Geist der Großzügigkeit“. In jeder der drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – gibt es a priori einen Geist der Großzügigkeit, der dadurch notwendigerweise jedem religiösen Engagement für den Frieden vorausgeht und dieses bereichert und der in der heutigen Welt unbedingt zur Geltung zu bringen ist. Jedes zukunftsträchtige Engagement für den Frieden verkümmert, wenn es nicht in Großzügigkeit wurzelt. Großzügigkeit ist der gesuchte Nährstoff.

Hier ist die radikale Frage, die meiner Ansicht nach der Religion heute und morgen zu stellen ist. Was ist der Geist der Großzügigkeit, der sich bei Juden, Muslimen und Christen gleichermaßen im Herzen ihrer Gemeinschaften findet, der unverzichtbar ist für die Menschheit und die Welt im 21. Jahrhundert? Meine Einschätzung der Großzügigkeit vorausgesetzt, gliedert sich dieser Aufsatz folgendermaßen: 1. Zunächst wird eine kurze Arbeitsdefinition von Großzügigkeit formuliert; 2. es wird erörtert, inwieweit es sich bei Großzügigkeit um eine vorgegebene Disposition der menschlichen Natur handelt. Diese Disposition wird anhand von Schöpfungsgeschichten in den heiligen Schriften und in Bezugnahme auf die antike Philosophie näher betrachtet; 3. um die Quelle der Zusammenarbeit zwischen Juden, Muslimen und Christen näher zu bestimmen, untersucht dieser Aufsatz ebenso die Verbindung zwischen Großzügigkeit und „heiligem Neid“; 4. dem folgt eine Analyse aktueller statistischer Angaben über das Zusammenwirken von Religion und Gewalt in der Welt, wenn Heiligkeit und Großzügigkeit versagen; und 4. folgt abschließend ein praxisbezogener Blick auf die Großzügigkeit als radikale Frage unserer Zeit.

GROSSZÜGIGKEIT – EINE ARBEITSDEFINITION

Von einer kulturellen Perspektive aus betrachtet, zeigt Großzügigkeit eindeutige und unterscheidbare Merkmal auf. In manchen Kulturen muss jeder Akt des Gebens mit einem reziproken Akt erwidert werden, die Akzeptanz der Großzügigkeit ist hier ein Bekenntnis zur Existenz einer Beziehung. In anderen Kulturen handelt die generöse Person oder Gemeinschaft altruistisch oder empathisch: Das Geschenk des Gebens verliert seinen Sinn, wenn es von der Erwartung eines reziproken Vorteils für den Gebenden begleitet wird. Ich möchte jedoch vorschlagen, das Konzept der Großzügigkeit hier nicht an erster Stelle in Bezug auf menschliches Handeln, sondern eher in Bezug auf Gottes Sein zu erörtern. In der Heiligen Schrift hat Gott vor allem die Charakterzüge der Großzügigkeit, Barmherzigkeit, der Beständigkeit und Liebe. Ich meine Großzügigkeit in einer Bedeutung, wie sie im hebräischen Begriff chesed aufscheint, chesed verstanden als Großzügigkeit im Sinne einer dauerhaften liebevollen Güte, die zuallererst aus Gottes Wesen selbst entspringt, da er ein Gott ist, der mit seiner Schöpfung in Beziehung stehen will.2 Gott ist „der Barmherzige, der Erbarmer“, wie es in der eröffnenden Sure des Koran heißt, Eigenschaften, die der Schöpfung der Welt zugrunde liegen. Auch im Christentum findet das Motiv von Gottes überfließender Gnade als ein Geschenk an die Welt seinen Widerhall. Über die Natur der göttlichen Großzügigkeit gibt es innerhalb und zwischen Judentum, Christentum und Islam zahlreiche besondere Auffassungen. Jeder Versuch einer operativen Definition von Großzügigkeit erfordert deshalb ein genaues Hinschauen. Für unsere Zwecke genügt zunächst die Definition von Großzügigkeit als einer liebenden Güte, die ihren Ursprung und ihr Vorbild in Gottes Wesen selbst hat. Können wir diese Definition von Großzügigkeit, die heutzutage für Judentum, Christentum und Islam von so großer Notwendigkeit ist, noch näher bestimmen? Ich denke, das ist möglich. Dazu wenden wir uns zunächst der Schöpfungsordnung zu.

EIN GEIST DER GROSSZÜGIGKEIT

Gott handelt (Hebräische Bibel: Gen 1,1; Koran: Sure Ibrahim [Abraham], 14,32–34). Dieser ursprünglich göttliche Schöpfungsakt ist zuerst und vor allem ein höchster Akt der Großzügigkeit gegenüber den Menschen und der Welt; wodurch die Schöpfung selbst – das göttliche in eine Ordnung Rufen der Dinge aus dem Nichts – primum movens ist, oder erster Akt des sich selbst an die Schöpfung gebenden Gottes. Der Schöpfungsakt ist für Juden, Christen und Muslime eine heilige Tat; uns gehört die Geschichte eines Gottes, der in die Geschichte eintritt und die Erde und den gesamten Kosmos durch die Schöpfung weiht. Und innerhalb des göttlichen Gewebes der Welt schafft Gott auch den Menschen. So berichtet es das Buch Genesis. Doch was haben wir von dieser jüngsten Gattung zu halten, die am selben Tag wie der Esel geschaffen wurde und doch nach dem Himmel strebt? Kurz, warum und wozu ist diese Gattung auf der Welt?

Im Blick auf Gottes allgemeine Schöpfung und die menschliche Reaktion auf diese werden christliche Theologen diese Frage beantworten, indem sie auf die Doppelnatur des Menschen verweisen, der einmal in der Gegenwart Gottes (coram Deo) und zugleich in der Welt (coram mundi) existiert. In Gottes Gegenwart sind die Menschen geschaffen in einem Akt großzügiger Liebe und streben im Idealfall danach, diese Liebe Gott gegenüber zu erwidern; in Gegenwart der Welt sind die Menschen dem Vorbild göttlicher Großzügigkeit folgend dessen Mitarbeiter, selbst partnerschaftliche Mitschöpfer des Göttlichen.3 Das Leben in der Prägung durch die großzügige göttliche Hand (als imago Dei, in der Ebenbildlichkeit Gottes) bedeutet, dass die Menschen die Großzügigkeit sowohl Gott als auch ihren Mitmenschen und der ganzen Welt gegenüber erwidern. Dieser Geist der Teilhabe an der göttlichen Großzügigkeit ist Christen immer gegenwärtig, wenn sie die Einheit Gottes in den drei Artikeln des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aussprechen – die Schöpfung durch den Vater, die Erlösung durch den Sohn und die Heiligung durch den Heiligen Geist, wodurch die Menschheit teilhat an dem schöpferischen, wiederherstellenden und versöhnenden Handeln des liebenden Gottes in der Welt. Im Ganzen ist die Schöpfungsgeschichte also ein kosmisches Narrativ der Großzügigkeit mit einander sich überlagernden Handlungen – eine über der anderen bis ans Ende der Zeiten.

Die erste große Aufgabe bzw. Verpflichtung für die menschliche Großzügigkeit als Antwort auf die göttliche findet sich in den heiligen Schriften (Hebräische Bibel: Gen 2,5; Koran: Sure al-Baqarah [die Kuh], 2,177) niedergelegt: Die Menschheit soll anderen in der Schöpfung gegenüber Großzügigkeit erweisen, diese pflegen und kultivieren. Wir sollen sozusagen „den Boden kultivieren“. Das ist unsere erste gemeinsame Aufgabe, denn niemand arbeitet alleine im Weinberg. In ihrer täglichen Befolgung dieser Aufgabe schlagen Juden, Christen und Muslime drei hauptsächliche Richtungen ein: ein Leben der Hingabe im individuellen und gemeinschaftlichen Gottesdienst, der eine stetig „kultivierte“ Praxis der Antwort an Gott darstellt; ein Leben der Treue den Mitmenschen gegenüber in der Kultivierung von verwandtschaftlichen und gemeinschaftlichen Bindungen; und ein Leben der stellvertretenden Fürsorge für alle Geschöpfe dieser Erde. Der Mensch steht zwischen der großen Gegenwart Gottes und der Welt. In diesem Zusammenhang ist Folgendes aufschlussreich: Wenn wir von Großzügigkeit als menschlicher Antwort reden, gebrauchen wir kein transitives Verb, sondern ein Substantiv. Am Anfang der menschlichen Fähigkeit zur Großzügigkeit steht nicht die Frage: Was soll ich in dieser gegebenen Situation tun? Für die Menschheit ist vielmehr im Blick auf Gottes Großzügigkeit, wie sie sich in seinem Ursprungshandeln zeigt, Großzügigkeit etwas, was sie selbst als Voraussetzung für die eigene Identität begreift, die jedes Handeln in der Welt bestimmt. Die Frage ist nicht, was muss ich Gutes tun, sondern vielmehr: Was soll ich nach Gottes Intention in meinem Leben sein? Auf diese Weise entspringt jede individuelle Handlung in unserem Leben einer untergründigen Geisteshaltung der Großzügigkeit, die ihrerseits ihren Grund in Gottes erstem Handeln hat, so wie es in den heiligen Schriften berichtet wird.4 Großzügigkeit muss eine menschliche Disposition, ein Habitus sein.5

Aber vielleicht wird um Großzügigkeit zu viel Aufhebens gemacht? Schließlich sind Menschen voller Widersprüche und oft selbstsüchtig, gierig und ungerecht.6 Und leider finden sich in der Geschichte mehr als genug Beispiele menschlicher Übeltaten. Aber dies alles mindert nicht die Wahrheit, dass in unseren heiligsten Schriften Juden, Christen und Muslime ein Zelt errichtet haben, um diese unabweisbare Gabe und Verpflichtung eines Geistes der Großzügigkeit für die Welt zu beherbergen. Wir huschen manchmal durch diese Schriften, als ob sie nur poetische Schnörkel über das Thema Nächstenliebe wären, wo sie doch in Wirklichkeit einzigartige Prosagebilde sind, die einer gemeinsamen Haltung der menschlichen Großzügigkeit Ausdruck verleihen, die alle drei Religionen bezeugen. Nehmen wir diese Beispiele: In 1. Korinther 13 gibt Paulus seine klassische Beschreibung der Nächstenliebe. Von dieser Liebe (agapeZakatZakatZakat Tzedaka