HANS-JOACHIM SCHULZE

BACH-FACETTEN

Essays – Studien – Miszellen
Mit einem Geleitwort von Peter Wollny

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INHALT

Cover

Titel

Impressum

Geleitwort

Zum Geleit

Vorwort

BIOGRAPHIE UND FAMILIE

Von der Schwierigkeit, einen Nachfolger zu finden

Die Vakanz im Leipziger Thomaskantorat 1722–1723

Zwischen Kuhnau und Bach

Das folgenreichste Interregnum im Leipziger Thomaskantorat. Anmerkungen zu einer unendlichen Geschichte

»… da man nun die besten nicht bekommen könne …«

Kontroversen und Kompromisse vor Bachs Leipziger Amtsantritt

Johann Christoph Bach (1671–1721), »Organist und Schul Collega in Ohrdruf«

Johann Sebastian Bachs erster Lehrer

Von Weimar nach Köthen

Risiken und Chancen eines Amtswechsels

Eine Buch-Auktion im September 1742

»Wer der alte Bach gewesen weiß ich wol«

Anmerkungen zum Thema Kunstwerk und Biographie

»Zumahln da meine itzige Frau gar einen sauberen Soprano singet …«

»Die Bachen stammen aus Ungarn her«

Ein unbekannter Brief Johann Nikolaus Bachs aus dem Jahre 1728

Notizen zu Bachs Quodlibets

Johann Elias Bachs Briefentwürfe als Zeitdokumente

Regesten zu einigen verschollenen Briefen Carl Philipp Emanuel Bachs

Wann begann die »italienische Reise« des jüngsten Bach-Sohnes?

Noch einmal: Wann begann die »italienische Reise« des jüngsten Bach-Sohnes?

II SCHÜLER- UND FREUNDESKREIS, FÖRDERER

Wer intavolierte Johann Sebastian Bachs Lautenkompositionen?

»Monsieur Schouster«

Ein vergessener Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs

Der unterschätzte Bach-Schüler

Johann Friedrich Schweinitz

Die Briefe von Johann Gottfried Walther

Christan Friedrich Henrici (»Picander«) zum 300. Geburtstag am 14. Januar 2000

Anna Magdalena Bachs »Herzens Freündin«

Neues über die Beziehungen zwischen den Familien Bach und Bose

Adeliges und bürgerliches Mäzenatentum in Leipzig

III AUFFÜHRUNGSPRAXIS UND MITWIRKENDE

Bachs Aufführungsapparat

Zusammensetzung und Organisation

Bachs Leipziger Wirken und die »ehemalige Arth von Music«

Studenten als Bachs Helfer bei der Leipziger Kirchenmusik

Besitzstand und Vermögensverhältnisse von Leipziger Ratsmusikern zur Zeit Johann Sebastian Bachs

Cembaloimprovisation bei Johann Sebastian Bach

Versuch einer Übersicht

Zur Frage des Doppelaccompagnements (Orgel und Cembalo) in Kirchenmusikaufführungen der Bach-Zeit

Wunschdenken und Wirklichkeit

Nochmals zur Frage des Doppelaccompagnements in Kirchenmusikaufführungen der Bach-Zeit

IV TEXTE UND PARODIEN

Bachs Parodieverfahren

Parodie und Textqualität in Werken Johann Sebastian Bachs

»… gleichsam eine kleine Oper oder Operette …«

Zum Dramma per Musica bei Johann Sebastian Bach

»Amore traditore«

Zur Herkunft eines umstrittenen Kantatentextes

Johann Sebastian Bachs dritter Leipziger Kantatenjahrgang und die Meininger »Sonntags- und Fest-Andachten« von 1719

Wege und Irrwege

Erdmann Neumeister und die Bach-Forschung

WERKE

Probleme der Werkchronologie bei Johann Sebastian Bach

Die Handhabung der Chromatik in Bachs frühen Tastenwerken

Rätselhafte Auftragswerke Johann Sebastian Bachs

Anmerkungen zu einigen Kantatentexten

Die Bach-Kantate »Nach dir Herr, verlanget mich« und ihr Meckbach-Akrostichon

Reformationsfest und Reformationsjubiläen im Schaffen Johann Sebastian Bachs

Sonate G-Dur für Violine und Basso continuo (BWV 1021)

Missa h-Moll BWV 232/I

Die Dresdner Widmungsstimmen von 1733: Entstehung und Überlieferung

Fantasie und Fuge c-Moll für Cembalo (BWV 906)

Melodiezitate und Mehrtextigkeit in der Bauernkantate und in den Goldberg-Variationen

VI QUELLEN, SAMMLUNGEN, BIBLIOTHEKEN

»Wo Gott der Herr nicht bei uns hält« (BWV 1128)

Quellenkundliche Überlegungen

Telemann – Pisendel – Bach

Zu einem unbekannten Bach-Autograph

Ein »Dresdner Menuett« im zweiten Klavierbüchlein der Anna Magdalena Bach

Ein apokryphes Händel-Concerto in Johann Sebastian Bachs Handschrift?

Eine rätselhafte Johannes-Passion »di Doles«

Bach-Überlieferung in Hamburg

Der Quellenbesitz von Christian Friedrich Gottlieb Schwencke (1767–1822)

Karl Friedrich Zelter und der Nachlaß des Bach-Biographen Johann Nikolaus Forkel

Anmerkungen zur Bach-Überlieferung in Berlin und zur Frühgeschichte der Musiksammlung an der Königlichen Bibliothek

Rara, Rarissima, Unica

50 Jahre Bach-Archiv Leipzig

VII WIRKUNGSGESCHICHTE IM 18., 19. UND 20. JAHRHUNDERT

Ein »Drama per Musica« als Kirchenmusik

Zu Wilhelm Friedemann Bachs Aufführungen der Huldigungskantate BWV 205a

Humanum est errare

Text und Musik einer Chorfuge Johann Sebastian Bachs im Urteil Friedrich Wilhelm Marpurgs

Carl Philipp Emanuel Bachs Hamburger Passionsmusiken und ihr gattungsgeschichtlicher Kontext

Unterschiedlichkeit dokumentarischer Überlieferung

Bach und Mozart im Vergleich

Beethoven und Bach

Bach – Leipzig – Mendelssohn

Johann Sebastian Bach im Urteil Moritz Hauptmanns

Carl Hermann Bitter

»Johann Sebastian Bach«

Heile Welt der Forschung

Das Bach-Jahrbuch

100 Jahre Bach-Jahrbuch

Die Neue Bach-Ausgabe

Auch eine deutsch-deutsche Geschichte

Zur Kritik des Bach-Bildes im 20. Jahrhundert

Abkürzungen

I. Literatur und Quellen

II. Bibliotheken und Archive

Anhang

Bibliographie (Veröffentlichungen von Hans-Joachim Schulze, zusammengestellt von Rosemarie Nestle und Marion Söhnel, Leipzig, 3. 12. 2014 [mit Nachträgen bis 2017])

Register

Kompositionen

I. Werke Johann Sebastian Bachs

II. Werke anderer Komponisten

Personen

Weitere Titel

Anmerkungen

GELEITWORT

 

ZUM GELEIT

Das 1950 – im Jahr der 200. Wiederkehr von Johann Sebastian Bachs Todestag – gegründete Bach-Archiv Leipzig verfolgte von Anbeginn das Ziel, das umfangreiche Quellenmaterial zu Bachs Leben und Wirken zentral zu erfassen und den kostbaren Bestand der weit verstreuten Musikhandschriften – zunächst in Mikrofilmaufnahmen und Fotokopien, seit geraumer Zeit auch elektronisch – zu sammeln und auszuwerten. Daß die Institution sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem weltweit renommierten Forschungszentrum entwickeln konnte, ist nicht zuletzt dem Wirken ihres langjährigen Direktors Hans-Joachim Schulze zu verdanken, der dem Haus seit nunmehr sechzig Jahren verbunden ist und der seine gesamte berufliche Laufbahn der Erforschung von Bachs Leben und der Erkundung von Entstehung, Überlieferung und Wirkungsgeschichte seiner Kompositionen gewidmet hat.

Die von Schulze im Zuge seiner Arbeiten an den Bach-Dokumenten (1963–1979, 2007) entwickelten Methoden und Blickweisen haben der Forschung grundlegende neue Perspektiven eröffnet und über die Jahre hinweg reiche Früchte getragen. In seinen Arbeiten bemühte und bemüht er sich darum, die Lebenswirklichkeit vergangener Zeiten einzufangen. Die hierzu notwendige Empathie ist selbst dort noch zu spüren, wo es um abstrakte Befunde von Schriftformen und Wasserzeichen geht. In Schulzes Arbeiten, die sich durch ihre geschliffene Diktion und hochentwickelte Kunst des verbalen Porträtierens auszeichnen, hat das von der älteren Forschung entworfene heroenhaft distanzierte Bach-Bild erstmals menschliche Züge gewonnen. Die umsichtige, ausgewogene und facettenreiche Darstellung komplexer Zusammenhänge setzt Akribie und umfassende Kenntnis selbst der entlegensten Literatur voraus. Zugleich aber gilt das Diktum, mit dem Hans Wollschläger die Arbeit des Historikers Ferdinand Gregorovius charakterisierte: Ausgezeichnet mit einer tiefen, empfänglichen Liebe zur Literatur weiß der Autor um die sinngebende Macht der Worte und hat erkannt, daß die Präzision und Logik des syntaktischen Gefüges funktionellen Zusammenhang stärker noch stiften kann als die, oft scheinhafte, Ursachen- und Wirkungsordnung der Fakten selbst.1

Diese doppelte Qualität zeigt sich nachdrücklich in den hier versammelten meist biographisch akzentuierten Schriften, die etwas andere Schwerpunkte setzen als die bereits 1984 in den Studien zur Bach-Überlieferung im 18. Jahrhundert publizierten Arbeiten und die 2006 erschienene Sammlung von Werkeinführungen zu Bachs Kantatenschaffen.

Die Veröffentlichung dieses Buchs wurde ermöglicht durch die großzügige finanzielle Unterstützung dreier Einrichtungen: der Neuen Bachgesellschaft, der ihr angegliederten Johann-Sebastian-Bach-Stiftung und der Vereinigung der Freunde des Bach-Archivs Leipzig. Ich danke deren Vorständen für ihr Engagement. Dank gebührt auch der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig und ihrer Leiterin Frau Dr. Anette Weidhas für die verlegerische Betreuung.

Leipzig, im März 2017

Peter Wollny

VORWORT

Dem Erreichen einer gewissen Altersstufe folgen häufig genug Rückschau und Bilanz: Was wurde erreicht, was wurde versäumt, was läßt sich noch nachholen? Weit seltener ist ein solches Innehalten verbunden mit der Gelegenheit, in einer Anthologie eine repräsentative Auswahl des in Jahrzehnten Zusammengetragenen, Erforschten, in Frage Gestellten oder auch nur Angeregten vorzulegen. Daß in meinem Falle ein solches Florilegium tatsächlich das Licht der Welt erblicken kann, und dies ungeachtet aller Bedenken, die dergleichen Wiederveröffentlichungen mit sich bringen, ist allein der Initiative meiner Kollegen Helmut Loos und Peter Wollny zu verdanken. Da dieses – hauptsächlich dem Thema Bach-Forschung gewidmete – Unternehmen anläßlich meines 80. Geburtstags in Gang gesetzt wurde, stellt es sich in eine Reihe mit einigen bereits vorliegenden Bach-Anthologien, bei denen bezüglich der dergestalt Geehrten allerdings eine geringere Zahl absolvierter Lebensjahre als hinlänglich erschienen war: Robert L. Marshall und Christoph Wolff (je 50), Georg von Dadelsen (65), Alfred Dürr (70), Friedrich Smend (75).

Die Auswahl der im vorliegenden Band zusammengefaßten Beiträge zielt auf eine möglichst breite Palette, wobei Quellenkunde, Biographik, Personen- und Zeitgeschichtliches den Vorzug genießen. Bloße Werkeinführungen, theologische Exkurse, Zahlenspekulationen wird man vergeblich suchen, auch Rezensionen wurden nicht aufgenommen, wiewohl dort verschiedentlich Material ausgebreitet ist, das anderwärts nicht berücksichtigt wurde. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich um relativ kurze Texte, bedingt durch deren Entstehungsumstände als Beiträge zu Festschriften, als Konferenzreferate oder als »Kleine Beiträge« für das Bach-Jahrbuch. Manche thematische Begrenzung erklärt sich durch die Abfassung unter den Bedingungen des bis 1989 existierenden Eisernen Vorhangs, der die Heranziehung von Quellen und anderen Unterlagen aus »westlichen« Bibliotheken und Archiven erschwerte oder gänzlich verhinderte; anderes gehört eher zu einer Art Generationenkonflikt, dem aus persönlichen oder auch politischen Gründen resultierenden eifersüchtigen Wachen Einzelner über ihre vermeintlich angestammten Claims. Dem Widerstand gegen einen solchen Verdrängungswettbewerb dient in einer Anzahl von Beiträgen das aus heutiger Sicht viel zu häufige Zitieren eigener Arbeiten, wofür um Nachsicht gebeten werden muß.

Die Textgestalt der Beiträge folgt mit geringfügigen Ausnahmen den Originalveröffentlichungen. Dies gilt insbesondere für die heute so zu nennende traditionelle Rechtschreibung (erster wieder gesamtdeutscher Duden von 1991/92), an der der Verfasser aus Überzeugung festhält. Eine Handvoll kleinerer Fehler wurde stillschweigend korrigiert – Mißgriffe bezüglich des Vokabulars sowie Irrtümer in Orthographie und Zeichensetzung. Verbesserungen seitens ehemals tätiger Herausgeber von Konferenzberichten und anderen Sammelbänden wurden übernommen, manche »Verschlimmbesserungen« jedoch rückgängig gemacht. Inhaltlich unverändert bleiben konnten auch die Fußnoten (beziehungsweise die in Fußnoten umgewandelten ursprünglichen Endnoten einiger Texte), jedoch wurden diese in ihrer Form so weit wie möglich dem aktuellen Standard des Bach-Jahrbuchs angeglichen. Letzteres gilt insbesondere für die Verwendung der dort üblichen Literatur- und Quellenabkürzungen, die eine erhebliche Platzersparnis ermöglichte. Inhaltliche Änderungen beziehungsweise Zusätze wurden, sofern erforderlich, am Ende jedes Beitrags untergebracht und als »Nachtrag 2017« gekennzeichnet.

Die als Anhang beigegebene, von Rosemarie Nestle und Marion Söhnel mit großer Akribie zusammengetragene und aufbereitete Bibliographie, die meinerseits nur wenige kosmetische Korrekturen und Ergänzungen erforderlich machte, beschränkt sich aus naheliegenden Gründen auf gedruckte Texte. Nur in Manuskriptform Vorliegendes, insbesondere Vorträge und Unterlagen zu Rundfunksendungen, blieb unberücksichtigt. Zu einigen wenigen Sonderfällen sei folgendes bemerkt. Im Sinne des oben Angedeuteten wurde bei einer Notenausgabe (Nr. 309) mein Name vorsätzlich weggelassen, in einem anderen Fall im »Kleingedruckten« versteckt (5), bei noch anderer Gelegenheit »vergessen« und mittels gedruckter Erratazettel nachgeschoben. Zwei Gelegenheitsvorträge, die von mir keinesfalls zur Veröffentlichung bestimmt waren, sind ohne meine Zustimmung und ohne vorhergehende Information in übersetzter Form erschienen (62 und 102). Unter einer Abhandlung über die wiederaufgefundenen Bestände aus der Bibliothek der Sing-Akademie zu Berlin (166) steht zwar mein Name, doch stammt der Text keinesfalls aus meiner Feder. Ein gelegentlich vorgetragenes Grußwort anläßlich eines Bibliotheksjubiläums wurde gedruckt und ohne mein Zutun mit einem skurrilen Titel versehen (75). Feststellungen über die Herkunft der Texte zu Telemanns »Moralischen Kantaten« lagen ehedem rechtzeitig vor und sollten in Verbindung mit der zuständigen Notenausgabe publiziert werden (318). Die Herstellung des Notentextes zog sich jedoch so lange hin, daß der in der Druckerei als »Stehsatz« aufbewahrte Textanteil mittlerweile verlorengegangen war und neu hergestellt werden mußte. Durch den so entstandenen Zeitverlust ist das »Erstgeburtsrecht« für den erwähnten Textfund nur mit Mühe aufrechtzuerhalten.

Mein Dank gilt den beiden erwähnten Initiatoren, den Bearbeiterinnen der Bibliographie, einigen Kollegen des Bach-Archivs Leipzig, die das Einscannen einer Reihe älterer Texte besorgten, den Förderern Bach-Stiftung, Vereinigung der Freunde des Bach-Archivs und Neue Bachgesellschaft (sämtlich Leipzig), deren Beiträge das Erscheinen dieses Bandes ermöglichten, sowie dem Verlag für das sorgfältige Betreuen der Herstellungsarbeiten.

Leipzig, im Frühjahr 2017

Hans-Joachim Schulze

I
BIOGRAPHIE UND FAMILIE 

 

A
VON DER SCHWIERIGKEIT, EINEN NACHFOLGER ZU FINDEN

Die Vakanz im Leipziger Thomaskantorat 1722–1723*

Uns Heutigen, die wir gewohnt sind, die altberühmte Trias Thomaskirche, Thomanerchor und Thomaskantorat gleichsam instinktiv mit dem Namen Bach zu verbinden, fällt es nicht leicht zu begreifen, daß die Chancen für eine dauernde Bindung Bachs an Leipzig anfangs theoretisch und praktisch gegen Null tendierten. Trotzdem müssen wir uns um der geschichtlichen Wahrheit willen damit zurechtfinden, daß Bach zu keinem Zeitpunkt, und auch nicht in dem Augenblick, da in Leipzig eines der wichtigsten musikalischen Ämter zur Neubesetzung auszuschreiben war, von seiner Mitwelt als der alles Überragende angesehen worden ist, dem eine so bedeutende Stelle zu allererst anzutragen gewesen wäre. So ist es weder die Schuld Bachs noch die der Leipziger Stadtväter, wenn es mehrmals – aus heutiger Sicht viel zu oft – der helfenden Hand des Zufalls bedurfte, ehe die Besetzungsfrage in einer Weise geregelt war, daß in Leipzig ein Kapitel Weltmusikgeschichte beginnen konnte.

Wie schwer sie sich mit der Berufung eines neuen Thomaskantors tun würden, hatten die Leipziger Bürgermeister und Prokonsuln, Stadtrichter und einfachen Ratsherren des Jahres 1722 sicherlich nicht geahnt: Hatten sie doch im Gegenteil weitsichtig geplant wie nie zuvor und so frühzeitig wie irgend möglich die Weichen gestellt, um dem leidigen Problem übermäßig langer Vakanzen aus dem Wege zu gehen. Wenn trotzdem ihre Vorstellungen sich in nichts auflösten, das schon sicher Geglaubte zwischen den Fingern zerrann und sie sich immer wieder an den Ausgangspunkt ihrer Bemühungen zurückgeworfen sahen, dann sind subjektive Faktoren dafür ohne weiteres mit maßgebend gewesen. Doch im Grunde genommen gehören auch diese in den Zusammenhang einer Entwicklung, die sich in vielen deutschen Städten des 17. und 18. Jahrhunderts vollzog, wenngleich mit zahlreichen politisch und lokalgeschichtlich bedingten Varianten.

Die Zersplitterung des Landes als Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges, die Etablierung feudalabsolutistischer Territorialherrschaften in kaum überschaubarer Zahl und Vielfalt, dazu das allzu langsame wirtschaftliche und gesellschaftliche Erstarken des Bürgertums bildeten den Hintergrund für einen ziemlich anachronistischen Wettbewerb zwischen Bürgertum und Adelsschichten, der auch wesentliche Bereiche des Musiklebens beeinflußte. Das zunehmende Repräsentationsbedürfnis der städtischen Führungskreise, also der Wunsch nach Betonung und Bestätigung des eigenen gesellschaftlichen Ranges, führte zumal im 17. Jahrhundert zu einer bewußten Förderung der Kirchenmusik als einer quasi offiziellen und in jeder Hinsicht unantastbaren Kunstform, die sich aber – und dies gegen den Wunsch des Kleinbürgertums wie auch weiter Kreise der Geistlichkeit – durchaus der modernen, aktuellen Kompositionstechniken bedienen sollte. Die drohende Gefahr, daß solchergestalt die Auswüchse der verdächtigen und als moralgefährdend verschrienen Opernkunst als musikalische Konterbande in die Kirche gelangen sollten, rief vor allem diejenigen auf den Plan, die sich dem Gedankengut des Pietismus verbunden fühlten und um ihrer religiösen Ideale willen diese Art äußeren Aufwandes verabscheuten: Teile der Geistlichkeit, des Kleinbürgertums, der Landesherren. Teilerfolge dieser Gegner der konzertierenden Kirchenmusik konnten nicht verhindern, daß die von den Räten geförderte zunehmende Pflege der gottesdienstlichen Musik zu einer Aufwertung der Kantorenämter führte, gelegentlich auch zu einer Besserung der Einkünfte, vor allem auf der Basis bestellter Gelegenheitskompositionen.

Diese Herausbildung kontroverser Standpunkte war auch an den führenden Kreisen des Leipziger Bürgertums nicht spurlos vorübergegangen und hatte schon 1677 bei einer Neubesetzung des Thomaskantorats zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten im Rat geführt. Damals hatte sich der einflußreiche Bürgermeister Christian Lorenz von Adlershelm mit Vehemenz für den besten Musiker unter den Bewerbern, den Thüringer Georg Bleyer, eingesetzt, war aber auf den entschiedenen Widerstand derjenigen gestoßen, die nach hergebrachter Weise im Thomaskantor auch einen Schullehrer sehen wollten. »Die Kirche erforderte einen guten Musicum«, heißt es im Protokoll, »die Schule einen guten Informatorem, welches nicht aus den Augen zu verlieren. Bleyer möchte ein guter Musicus sein, hätte aber viel Schwachheit an sich.«

Gewählt wurde schließlich Johann Schelle. Johann Pezel, der berühmte Stadtpfeifer und Komponist von Bläsermusiken, verfiel schon im Hinblick auf seinen derzeitigen Beruf der Ablehnung. Vierundzwanzig Jahre später, im Mai 1701, als die Stelle erneut zu besetzen war und die Streithähne von 1677 längst im Grabe ruhten, taktierte man weit vorsichtiger und versuchte, einen bereits am Ort Tätigen, den Thomasorganisten Johann Kuhnau, zu inthronisieren.

Bürgermeister Falckner meinte, »Herr Kuhnau wäre ein guter Musicus und Componist. Er hätte ihn bereits gefragt, ob ihm die Schüler auch parieren würden, worauf er geantwortet, er tractierte seine Sachen mit Liebe, allenfalls aber wollte er es denen Obern hinterbringen.« Ein anderer Ratsherr »richtete auf Herrn Kuhnau seine Gedancken, ob er schon etwas unansehnlich wäre. Es seye ihme zu sagen, daß er die Musik nicht so weitläuftig einrichtete.«

Erneut, wie schon ein Vierteljahrhundert vorher bei der Wahl Johann Schelles, hatten die konservativen Kräfte hier Oberwasser. Kuhnau, ein »guter Musicus« und namhafter Jurist, wurde umgehend von seiner Wahl unterrichtet, zur Aufgabe seiner Anwaltspraxis veranlaßt und, obwohl bekanntermaßen kein Neutöner, verpflichtet, »damit alles in Ordnung bleibe, die Music nicht zu lang zu machen, auch solche also einzurichten, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer zur Andacht aufmuntern möge.«

Nicht zu bezweifeln ist, daß die Verantwortlichen sich der Bedeutung der Kantoratswahl durchaus bewußt waren, denn schon 1677 hatte man protokolliert, »es schiene zwar ein schlechter [einfacher, gering bezahlter] Dienst zu sein, wäre aber von ziemlicher Importanz, darbei sich stattliche Leute befunden, als Sethus Calvisius, Herman Schein, Tobias Michael« und »ungeachtet dieser Dienst sonst nicht allzu wichtig schiene, aber doch jederzeit mit wackern Subjectis bekleidet gewesen.«

So ist auch nicht anzunehmen, daß die auf Repräsentation bedachten, an einer aktuellen, modernen Kirchenmusik interessierten Kreise des Rates und der ihnen nahestehenden Teile des Bürgertums sich nach dem Sieg der Konservativen zu einem vollständigen Verzicht durchgerungen hätten. Vielmehr scheinen sie auf eine Verlagerung des Schwergewichts der Leipziger Musikpflege gesetzt zu haben, die notfalls auf Kosten der Thomasschule und damit der städtischen Hauptkirchen St. Thomae und St. Nikolai gehen sollte. Gewisse Ansatzpunkte hierfür boten sowohl die Einrichtung eines privaten Operntheaters im Jahre 1693, dessen Aufführungen zu den drei jährlichen Messen erhebliches Aufsehen erregten, als auch die Entwicklung des studentischen Musizierens, das in halböffentliche und später öffentliche Darbietungen der Collegia musica mündete. Als ein erster Schritt in die gewünschte Richtung ist es zu verstehen, wenn der einflußreiche und prachtliebende Bürgermeister Franz Konrad Romanus, der später wegen undurchsichtiger Machenschaften für den Rest seines Lebens auf der Festung Königstein festgesetzt werden sollte, den Leipziger Jurastudenten Georg Philipp Telemann beauftragte, alle zwei Wochen eine Kantate für die Thomaskirche zu liefern – eine Kränkung ohnegleichen für den eben erst in sein Amt eingewiesenen Thomaskantor Kuhnau.

Bald darauf, als der Orgelbau in der als »Neue Kirche« wiedereingerichteten alten Barfüßerkirche fertiggestellt ist, wird Telemann zum Organisten und Musikdirektor an dieser Kirche ernannt mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß er im Notfall fähig wäre, »in der Thomas- und Nikolaikirche den Chor zu dirigieren und wann sich einmal eine Veränderung begeben möchte, so hätte man wieder ein tüchtiges Subjectum.« Mit entwaffnender Geradlinigkeit sind also bereits hier die Konsequenzen erwogen, die sich aus dem labilen Gesundheitszustand des Thomaskantors ergeben könnten – sehr voreilig allerdings, denn Kuhnau blieb wider Erwarten doch über zwanzig Jahre im Amt. Daß der Rat aber in jedem Fall mit der Organistenstelle an der Neuen Kirche etwas im Sinn hatte, zeigt eindeutig die Anstellungsverhandlung mit Telemann am 1. September 1704, deren Protokoll über die geringe Besoldung vermerkt, sie wäre zwar »von keiner Wichtigkeit, daferne Er aber seine Geschicklichkeit erwiese, so würde wohlgedachter Rath ihn ferner zu befördern bedacht sein.«

Nicht eine Kantoren-, sondern eine Organistenstelle zu einer Führungsposition des städtischen Musiklebens aufzubauen, lag offensichtlich in der Absicht der Verantwortlichen. Zahlreiche Städte, wie Mühlhausen, Lübeck oder das nahegelegene Halle konnten hierfür Vorbilder liefern. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ist in Leipzig keine Institution so liebevoll gefördert worden, wie die Musikpflege an der Neuen Kirche, die darum auch – vor allem in der Amtszeit Kuhnaus – stets die besten Kräfte aus der Studentenschaft an sich ziehen konnte, darunter spätere Berühmtheiten wie Christoph Graupner, Johann David Heinichen oder Johann Friedrich Fasch – zum Ärger des Thomaskantors darüber hinaus häufig auch Absolventen der Schola Thomana.

Nicht die schwerfällige und letzten Endes konservativ geprägte Einrichtung des Thomaskantorats und Thomanerchores, sondern die bewegliche, moderne, aktuelle Organistenmusik an der Neuen Kirche setzte fortan die Hauptakzente im Leipziger Musikleben – ungeachtet des persönlichen Ansehens, des kompositorischen Fleißes, des erbitterten Widerstandes von Johann Kuhnau. Auch der plötzliche Weggang Telemanns im Frühjahr 1705 änderte hieran nichts, sondern gab dem Rat neue Gelegenheit, seine Politik konsequent weiterzuführen.

Kuhnau hatte sogleich versucht, die lästige Konkurrenz dadurch auszumanövrieren, daß er sich erbot, zusätzlich zu seinen bisherigen Aufgaben die Leitung der Neukirchenmusik zu übernehmen, war aber auf beinahe einhellige Ablehnung gestoßen. Während einer der Ratsherren zweifelte, »ob mit dem Cantore werde auszukommen sein«, ein zweiter vorschlug, »weil Kuhnau kränklich sei, so könne man Heinichen oder einen anderen darzu nehmen, daß man aufn Fall wenn der Cantor kranck würde, jemand hätte«, fand ein dritter die dann von allen akzeptierte Formel, »daß man sonderliche Personen in die neue Kirche bestellete, mit Ausschließung des Cantoris.«

Die im 17. Jahrhundert angebahnte inoffizielle Aufwertung vieler Kantorenämter zu einer Art städtischem Musikdirektorenposten, für Leipzig schon 1618 durch den Zusatz »Director Musices zu Leipzig« auf einem Druckwerk von Johann Hermann Schein signalisiert, war damit von dieser Seite her vorerst abgebremst worden.

Der Leidensweg des Thomaskantors Johann Kuhnau, gekennzeichnet durch Verfall der Gesundheit, Nachlassen der Schaffenskraft, Niedergang der schulischen Musikpflege und ungenügende Unterstützung durch den Rat endete am 5. Juni 1722. Anstandshalber vergoß man ein paar Krokodilstränen und meldete der Presse, »daß der sehr berühmte Cantor Kuhnau auf hiesiger Thomas-Schulen, zu großem Leidwesen, nicht allein dieser Stadt, sondern auch aller Liebhaber und Virtuosen, gestern als den 5ten dieses das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt.«

Über den Nachfolger im Amte konnte kaum ein Zweifel bestehen. Abmachungen darüber waren ja schon vor siebzehn Jahren getroffen worden. Der vielversprechende Student von damals, Georg Philipp Telemann, hatte sein – nur mit Rücksicht auf elterliche Wünsche – begonnenes Jurastudium längst an den Nagel gehängt und war zur Musik zurückgekehrt. In höfischen und städtischen Diensten war er zum ersten Meister der Zeit herangereift und hatte soeben eine günstige Position in Frankfurt am Main mit einer anscheinend etwas weniger günstigen in Hamburg vertauscht, so daß ein erneuter Ortswechsel sich geradezu anbot.

Die einzige Schwierigkeit bestand darin, daß Telemann den dem Kantor als drittem beziehungsweise viertem Lehrer der Thomasschule zustehenden Lateinunterricht nicht zu übernehmen gedachte, sondern diesen einem auf Nebenverdienst angewiesenen Lehrerkollegen zu übertragen beabsichtigte. Vergleichbar den Vorgängen von 1677 und 1701 meldete sich auch diesmal – es war die Ratssitzung vom 14. Juli 1722 – ein einflußreicher Anwalt der schulischen Belange in der Person des 64jährigen Bürgermeisters Abraham Christoph Plaz:

»Es habe der Cantor in denen obern Claßen mit zu informiren, welches ihm nur in der Person Telemanns, der dergleichen nicht zu übernehmen gesonnen, bedencklich sey und müße man wenigst hören, wie er die Information einzurichten sich diesfalls zu vergleichen gedenke, wegen seiner Geschicklichkeit in der Music wäre er bekant.«

Bezeichnenderweise ließ man im Rat diesen Einwand vorerst auf sich beruhen und lud Telemann auf Ratskosten nach Leipzig ein. Anfang August meldeten Hamburger Zeitungen, daß »der berühmte Virtuose von Hamburg« am Monatsersten in Leipzig eingetroffen sei, um in der Thomaskirche eine Probemusik abzulegen und nach der Rückkehr nach Hamburg seinen Abschied zu nehmen. Wenig später wird eine weitere Korrespondenz aus Leipzig abgedruckt, nach der die Kantoratsprobe am 9. August »unter ansehnlicher Frequentz von Hohen und Niedern« »mit besonderer Approbation« vonstatten gegangen sei. Welche Komposition bei dieser Gelegenheit erklang, ist bisher nicht ausfindig gemacht worden. Ebensowenig weiß man, ob die seltsam ausführliche Berichterstattung auf Zufall beruht oder ob Telemann, im Umgang mit Korrespondenzen, offiziellen und inoffiziellen Meldungen bis hin zum Hofklatsch keineswegs unerfahren, einem seiner Freunde einen Wink gegeben hat. Auf jeden Fall werden die Nachrichten aus Leipzig in Hamburg einige Bestürzung hervorgerufen haben und damit Telemanns wirklichen Absichten entgegengekommen sein.

Zunächst freilich bemühte man sich in Leipzig um schnelles Handeln. Zwei Tage nach der erfolgreichen Probe schreitet man zur Wahlhandlung im Rat – Telemanns Anwesenheit auf Ratskosten legte ein beschleunigtes Verfahren nahe – und stimmte der Berufung zu mit dem Bemerken »die Sache wegen der Lectionen könne man noch aussetzen«. Ein anderes Protokoll versteigt sich sogar zu der Formulierung »Wegen der Lectionen, die aber gar nicht wichtig, werde Gestalt zu treffen sein.«

Damit sind diejenigen am Zuge, die das Thomaskantorat in ein primär musikalisch geprägtes Amt umwandeln wollen im Sinne der wirksameren Repräsentanz zugunsten der führenden Schichten des Bürgertums. So wird auch zwei Tage später, als man Telemann das Wahlergebnis mitteilt, im Protokoll ausdrücklich vermerkt »Weil Er nun, wegen seiner Music, in der Welt bekant wäre: So hätte ein Edler Hochweiser Rath Ihn erwehlet«.

Auch die Universität beeilte sich, Telemann auf Antrag ihre Director-Musices-Stelle zu übertragen, »dieweil an ihm, als einem excellenten Musico, nichts auszusetzen.« Die Bestellung der Musik sollte ihm nicht vorgeschrieben, sondern seinem Gutbefinden überlassen werden, jedoch sei eine Instruktion erforderlich, »damit es nicht das Ansehen gewinne, als ob Academia allemahl den Stadt-Cantorem anzunehmen schuldig sei.« Die alte Rivalität zwischen Stadt und Universität brach auch hier wieder hervor, der Nikolaiorganist Johann Gottlieb Görner witterte Morgenluft und erbot sich, die Stelle bis zum Dienstantritt Telemanns zu verwalten – sehr zum Schaden Bachs, wie sich zeigen sollte.

Inzwischen reiste Telemann nach Hamburg zurück, nachdem die Stadtkasse ihm am 14. August einen entsprechenden Geldbetrag gezahlt hatte. Sein Quartierwirt, der Aktuar Johann Christoph Götze, ehemals Violoncellist im Collegium musicum und als solcher ein alter Bekannter von Telemanns erster Leipziger Zeit her, erhielt die Auslagen für vierzehn Tage Unterbringung und Verpflegung erst Ende September ersetzt. Aus dieser verspäteten Zahlung ist die Legende entstanden, Telemann sei im Herbst wegen Meinungsverschiedenheiten im Zusammenhang mit seiner Anstellung nochmals in Leipzig gewesen; davon kann jedoch keine Rede sein.

Telemann richtete am 3. September 1722 in Hamburg ein vorsichtig formuliertes Schreiben an den Senat und ließ wissen, daß Leipzig ihn berufen habe und er »solche Station, in Betrachtung ihrer guten Beschaffenheit und der mir obliegenden Pflicht in Versorgung der Meinigen, wie auch in Entgegenhaltung der hiesigen für mich anitzo nicht favorable scheinenden Conjuncturen, zu ergreiffen kein Bedencken tragen können«. Aus der taktvoll umschriebenen Bitte um höhere Besoldung ergibt sich, daß Telemann den Hamburger Behörden in jeder Beziehung goldene Brücken zu bauen bereit war und seine Bindungen an diese Weltstadt nicht leichtfertig lockern wollte.

Wenige Tage später lag Telemanns Entlassungsgesuch dem Senat der Hansestadt vor, der es an die zuständige Schulbehörde weiterleitete; deren Antwort konnte merkwürdigerweise jedoch erst am 21. Oktober verhandelt werden. Dem spontanen Beschluß, Telemann unter allen Umständen in Hamburg zu halten, folgten nun – Monate nach dem ersten Warnschuß der Presse – ermüdende Versuche, die erforderliche Besoldungszulage von 400 Talern jeweils von einer Behörde und Kasse zur anderen zu schieben. Am 4. November 1722 war noch immer kein Ende abzusehen.

Der Leipziger Rat scheint indessen geduldig gewartet zu haben: seltsam genug angesichts der Eile, mit der im August die Anstellungsformalitäten betrieben worden waren. Schon damals waren Stimmen der Verwunderung laut geworden, da das Hamburger Stadtkantorat, ungeachtet der finanziellen Attraktivität der Leipziger Stelle, als durchaus entwicklungsfähig galt. Vielleicht hat Telemann in der Zwischenzeit noch einige Briefe mit dem Leipziger Regierenden Bürgermeister Gottfried Lange gewechselt; sie wären dann als verschollen anzusehen. Fest steht, daß Telemann der Hamburger Behörde im Herbst 1722 noch genauere Angaben über die finanzielle Einträglichkeit des Thomaskantorats zukommen ließ, doch ist dieses Schreiben, das kennenswerte Aufschlüsse über die Versprechungen geben könnte, die man seitens des Leipziger Rates den Bewerbern, später auch Bach gemacht hat, leider noch nicht wieder aufzufinden gewesen.

Versucht man zu entscheiden, ob Telemann es von Anfang an auf eine Scheinbewerbung angelegt hatte, um seine von einigen Mißhelligkeiten überschattete und noch etwas schwankende Position in Hamburg zu festigen und eine finanzielle Verbesserung durchzusetzen, dann kann man sich der Tatsache nicht verschließen, daß er in jenem Vierteljahr der Ungewißheit offenbar keinen Versuch unternommen hat, den Leipziger Behörden irgendwelche weitergehenden Zugeständnisse abzuringen. So blieb die Initiative allein bei den Hamburger Behörden, während Telemann und der Leipziger Rat zum Warten verurteilt waren.

Hätte der Leipziger Rat geahnt, worauf Telemann in Wirklichkeit aus war, hätte er wohl kaum so viel Geduld aufgebracht. Immerhin konnte er den Dingen noch in Ruhe entgegensehen; die musikalischen Pflichten wurden seit dem Tode des alten Kantors Kuhnau von einem zwanzigjährigen Alumnen verwaltet, Johann Gabriel Roth aus Johanngeorgenstadt, der in späterer Zeit ein Kantorenamt in Grimma übernahm. Mit dessen Leistungen war man in Leipzig in jeder Hinsicht zufrieden.

Alle Hoffnungen des Leipziger Rates, den berühmtesten deutschen Musiker der Zeit in das höchste musikalische Amt der Stadt einsetzen zu können, alle Pläne, die man seit siebzehn Jahren geschmiedet hatte, verschwanden Mitte November 1722 wie eine Fata Morgana. Schon am 20. des Monats erfuhr die Presse, »daß der hierzu berufene Musicus aus Hamburg solche (Stelle) vor dißmahl nicht annimmt, sondern bey seiner vorigen Stelle, wie man nunmehro höret, verbleibet.« Drei Tage später mußte man sich in der Ratssitzung eingestehen, daß man »wegen Ersetzung des Cantor Diensts bei der Thomas-Schule […] auf Telemannen die Absicht gerichtet« habe, »der aber entschuldige sich, daß er nicht dimittiret werden wolle.« Nicht verkneifen konnte sich Bürgermeister Gottfried Lange die Bemerkung, daß man diese Behauptung »dahin stelle und wie hierunter von ihm verfahren worden.« Nun wußte auch der Leipziger Rat, daß Telemann keinen Deut besser war als andere, die derartige Scheinbewerbungen nutzten, um Besoldungserhöhungen durchzusetzen.

Während einige Sitzungsteilnehmer ihre Enttäuschung nur schwer verbergen konnten, triumphierte Appellationsrat Plaz. Jetzt konnte er wieder auf seine alte Forderung nach Beteiligung des Kantors am wissenschaftlichen Unterricht zurückkommen, auf die noch verbleibenden Bewerber verweisen und den bisherigen Spitzenkandidaten mit der Bemerkung abtun, »man habe nicht Ursach sich zu betrüben, daß Telemann nicht herkomme.«

Dem Hamburger Meister selbst mag es bei der ganzen Angelegenheit auch nicht allzu geheuer gewesen sein; seine Jahrzehnte später verfaßte Autobiographie läßt in der wohlwollenden Umschreibung des wahren Sachverhalts jedenfalls noch Spuren eines nicht ganz reinen Gewissens erkennen:

»Anno 1723 berief mich Leipzig an die Stelle weiland Herrn Johann Kuhnau, Musikdirectoris und Cantoris daselbst, welche Ehre der Nachfolge mir bereits vor 20 Jahren zugedacht war, weil jenes Schwächlichkeit dessen baldigen Tod vermuthen ließ; allein es beliebte der Stadt Hamburg, diesen Ruf durch ansehnliche Verbesserung meines Unterhalts abzulehnen.«

Als aussichtsreichster Bewerber nach der Absage Telemanns galt im November 1722 der 35jährige Thüringer Johann Friedrich Fasch, einstmals Thomasschüler unter Kuhnau und dann Gründer eines zweiten Collegium musicum in Leipzig, geschätzter Komponist und soeben bestallter fürstlicher Hofkapellmeister zu Anhalt-Zerbst. Auch er erinnerte sich Jahrzehnte später an die ehrenvolle Berufung, erwähnte in seiner Selbstbiographie den Empfang von zwei Briefen des Regierenden Bürgermeisters Lange mit der Aufforderung, in Leipzig eine Probe seines Könnens abzulegen, schloß seinen Bericht jedoch mit der doppelsinnigen Bemerkung: »es war mir aber ohnmöglich meine gnädigste Herrschaft zu verlassen.«

In der Tat war Fasch als Untertan eines absolutistischen Herrschers gehalten, viel vorsichtigere Worte zu wählen als Telemann, der ihm in diesem Augenblick sozusagen eine ganze historische Epoche voraus war. Ob Fasch am Zerbster Hofe einen unmißverständlichen Wink erhalten hatte und darum in Leipzig absagte, oder ob er sich tatsächlich außerstande sah, an der Thomasschule mit zu »informieren«, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Bezeichnend genug ist jedoch der Umstand, daß Fasch noch als 67Jähriger es wagte, sich um eine Kantorenstelle zu bewerben – es war diejenige von Freiberg in Sachsen, 1755 freigeworden, weil Bachs Schüler Doles in das Leipziger Thomaskantorat berufen worden war –, dabei aber den Wunsch äußerte, ihn wegen seiner längst entschwundenen Lateinkenntnisse von den Unterrichtsaufgaben zu entbinden, vor allem aber dringend bat, im Falle einer Nichtberücksichtigung unter keinen Umständen etwas nach Zerbst durchsickern zu lassen, weil ihm sonst auf seine alten Tage höchste Gefahr drohe.

Zweifellos befand Johann Friedrich Fasch sich in einer mißlichen Lage. Schließlich hatte er als erster auf der Liste derer gestanden, die sich nach Kuhnaus Tode um das Thomaskantorat bewarben, und war nur wie alle anderen zugunsten des nunmehr abtrünnigen Telemann übergangen worden. Nun, da man sich wieder seiner erinnerte, hatte er eine angesehene Stellung an einem kleineren Hofe inne und lief Gefahr, sich zwischen zwei Stühle zu setzen, wenn etwa hinsichtlich des Lateinunterrichts an der Thomasschule Meinungsverschiedenheiten auftreten sollten. So tat er das in dieser Situation Einfachste: er schrieb ab.

In der letzten Sitzung vor den Weihnachtsfeiertagen mußte der Leipziger Rat sich wieder einmal der leidigen Frage der Nachfolge im Thomaskantorat zuwenden und sich damit abfinden, daß es ohne zeitraubende und kostspielige Kantoratsproben nicht abgehen würde. Die hierbei zu Berücksichtigenden – sie alle standen schon seit dem 14. Juli auf der Liste – waren letzthin schon genannt worden; lakonisch fügt das Protokoll hinzu, »es hätten sich noch mehrere gemeldet, als der Capellmeister Graupner in Darmstadt und Bach in Köthen.«

Woher dieser plötzliche Zuwachs an Bewerbern? Die Akten schweigen sich darüber aus. Vielleicht sollte man annehmen, daß beide Kandidaten als Hofkapellmeister einen günstigen Zeitpunkt abwarten mußten, um ohne Aufsehen und ohne Schaden für die eigene Karriere vorstellig werden zu können. Bach selbst hatte in Weimar schon trübe Erfahrungen mit der Entlassung aus Hofdiensten sammeln müssen, und wer konnte wissen, wie sein Köthener Dienstherr auf derartige Ambitionen reagieren würde? Eine schriftliche Bewerbung, notfalls über Mittelspersonen, oder die Gelegenheit einer Reise in die Gegend von Leipzig mögen die Kontaktaufnahme begünstigt haben – Genaueres wissen wir nicht.

Hauptkandidat nach Telemann und Fasch war um die Jahreswende 1722/23 nicht Bach, sondern Christoph Graupner, Hofkapellmeister zu Darmstadt, aber wie Telemann und Fasch ein »alter Leipziger«. Vom ihm wird angenommen, daß der äußere Anlaß zu seiner Reise von Darmstadt nach Sachsen die Regelung familiärer Angelegenheiten war. Doch das in ungewöhnlicher Höhe aus der Leipziger Stadtkasse erstattete Reisegeld verrät, von wem die Einladung in Wirklichkeit ausging. Ursache für Graupners Bewerbung waren der rapide Verfall der Darmstädter Hofkapelle infolge jahrelanger Zahlungsunfähigkeit des verschuldeten Hofes und die verzweifelte Flucht mehrerer Musiker unter Hinterlassung von Schulden und Gehaltsforderungen.

Eingedenk der bisherigen Fehlschläge erwog man in der Ratssitzung vom 15. Januar 1723 nochmals gründlich alles Für und Wider, brachte die Frage des Schulunterrichts zur Sprache, befaßte sich mit der Möglichkeit, vorsorglich auch andere Bewerber Proben ablegen zu lassen, berief sich auf die guten Zeugnisse Graupners und auf dessen Aussagen über die Entlassungsaussichten, doch hielt es der Leipziger Ratssyndikus trotz allem für zweifelhaft, »ob selbiger seine dimißion so leicht erhalten werde, dahero wohl gut sein werde, daß man an Herrn Landgrafen schreibe.«

Zwei Tage später legte Graupner mit der Aufführung von zwei Kantaten, deren Stimmen er sich von einigen Alumnen ausschreiben beziehungsweise ergänzen ließ, die geforderte Probe ab und erhielt weitere drei Tage später ein diplomatisch abgefaßtes Schreiben des Leipziger Rates an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt, in dem es heißt, der Rat habe bei der Wiederbesetzung der Kantorenstelle sein meistes Absehen auf Graupner, den ehemaligen Thomasschüler und jetzigen Kapellmeister, gerichtet und diesen zur Aufführung eines eigenen Werkes aufgefordert. Da der Landgraf mit Virtuosen seinesgleichen im Überfluß versorgt sei, in Leipzig hingegen ein Mangel bestehe, so wolle der Rat untertänigst um die gnädige Entlassung Graupners bitten.

Nun begann wieder die Ungewißheit des Wartens, während die Presse sich hin und wieder in Spekulationen erging. Noch konnte niemand ahnen, daß eine Meldung vom 9. Februar 1723 von entscheidender Wichtigkeit sein würde:

»Am verwichenen Sonntag Vormittage machte der Hochfürstliche Capellmeister zu Cöthen, Monsieur Bach, allhier in der Kirchen zu St. Thomä wegen der bisher noch immer vacant stehenden Cantor-Stelle seine Probe, und ist desselbigen damahlige Music von allen, welche dergleichen ästimiren, sehr gelobet worden.«

Gern wüßten wir, ob die Formulierung von »allen, welche dergleichen ästimiren« als bewußte polemische Spitze gemeint ist und die Zustimmung zu Bachs Probemusik auf einen gewissen Kreis reduzieren und von der »besonderen Approbation« unterschieden wissen will, die ein halbes Jahr zuvor Telemann zuteil geworden war.

Überhaupt bleiben viele Einzelheiten der Probeveranstaltungen im dunkeln. Während bei Telemann überhaupt nicht festzustellen ist, was er für Leipzig bestimmt hatte, sind von Graupner, wie schon erwähnt, zwei Probekantaten in Partitur und Stimmen erhalten, obwohl normalerweise immer nur von einer Probemusik die Rede ist. Wer die Texte verfaßte und ob die Kompositionen am Heimatort vorbereitet werden durften oder kurz vor der Aufführung in Klausur komponiert werden mußten, läßt sich ebenfalls nicht sagen.

Auch von Johann Sebastian Bach sind zwei einschlägige Kompositionen überliefert, die allerdings einige Merkwürdigkeiten oder sogar Widersprüche aufweisen. Die eine von ihnen, die Estomihi-Kantate »Jesus nahm zu sich die Zwölfe« (BWV 22) trägt auf einer Partiturabschrift von der Hand eines Bach-Schülers den Vermerk »Dies ist das Probestück in Leipzig«. Neben den dicht gearbeiteten Eingangssatz, dessen Ausdruckskraft schon auf die großen Passionen vorausweist, tritt hier eine tänzerisch bewegte Tenorarie »Mein alles in allem, mein ewiges Gut«, die eher auf ein weltliches Werk heiteren Genres zurückgehen könnte. Der von einer fast mechanisch ablaufenden Streicherfiguration begleitete Schlußchoral endlich wirkt geradezu wie eine augenzwinkernde Parodie auf gewisse Manierismen der Ära Kuhnau, deren konservative Kreise in Leipzig nicht ohne weiteres entraten mochten. Das Schwesterwerk, die ursprünglich dreisätzige Kantate »Du wahrer Gott und Davids Sohn« (BWV 23), weist stärker als die eben genannte Komposition auf eine Vorbereitung in Köthen und eine Aufführung in Leipzig (hierfür nachträglich erweitert um die vielleicht schon 1717 oder früher in Weimar geschaffene Choralbearbeitung »Christe, du Lamm Gottes«), ebenfalls am Sonntag Estomihi 1723. Hier zeigt sich Bachs Kunst auf zumeist höherer Stufe, insbesondere im Eingangssatz, einem Quintett für zwei Vokal- und drei Instrumentalstimmen, dessen kammermusikalisches Filigran melodischen Erfindungsreichtum und verwickelte Kontrapunktik souverän vereint. Dieses Werk könnte im weiteren Verlauf des Gottesdienstes »sub communione«, also während der Austeilung des Abendmahls, erklungen sein, während »Jesus nahm zu sich die Zwölfe« als eigentliche Hauptmusik vor der Predigt aufgeführt wurde. Stärker noch als die sub-communione-Kantate läßt das als Hauptmusik dargebotene Werk das Bestreben erkennen, selbst in einer Kantate von relativ geringem Umfang die Bandbreite künstlerischer Möglichkeiten weitgehend zu nutzen und von da her die Anforderungen an ein »Probestück« im buchstäblichen Sinne zu erfüllen.

Am selben Tage, da Bach sich mit seinen beiden Kantaten den Leipzigern präsentierte, schrieb Graupner in Darmstadt an den Leipziger Rat von der Einreichung seines Entlassungsgesuches, vom eingeleiteten Verkauf seines Hauses und Hausrates und von der Hoffnung, gegen Ostern nach Leipzig übersiedeln zu können. Dieser Brief wird spätestens Mitte Februar in Leipzig vorgelegen haben. Als aber am 12. März noch immer Ungewißheit herrschte, schrieb Bürgermeister Lange nochmals an Graupner sowie an einen Minister des Darmstädter Hofes. Bald darauf, wohl kurz nach Ostern, hatte man das niederschmetternde Ergebnis in den Händen: Graupner, der wegen der Finanzmisere Darmstadt hatte verlassen wollen, hatte vom Landgrafen eine Besoldungszulage zugesagt erhalten mit der Andeutung »ich möchte nun solches annehmen oder nicht, so würden Ihro Hochfürstliche Durchlaucht es dennoch zu machen wissen, daß ich müßte hier verbleiben.« Auch der erwähnte Minister ließ wissen, daß der Landgraf über die Absichten Graupners sehr verärgert gewesen sei, da er nicht nur den Leiter der Hofkapelle, sondern auch einen »stattlichen Componisten« zu verlieren fürchtete. So wurden Graupners ehrliche Absichten durch einen kaum verhüllten Gewaltakt vereitelt, das Machtwort des Potentaten gab den Ausschlag gegenüber dem berechtigten Wunsch des Untertanen nach Bewegungsfreiheit, und der Leipziger Rat hatte trotz aller angewendeten Mühe und Sorgfalt ein weiteres Mal das Nachsehen.

Vorsichtig und vieldeutig wie sein Mitbewerber Fasch formulierte auch Christoph Graupner den Tatbestand in einer autobiographischen Aufzeichnung: »Im Jahr 1723 sollte ich nach Leipzig, als Cantor, hinkommen: alles war auch in so weit schon richtig; es kam aber so viel dazwischen, daß es nicht angehen konnte.«

Daß eine Berufung des Darmstädter Meisters nach Leipzig der städtischen und kirchlichen Musikpflege nennenswerte Impulse gegeben hätte, ist so gut wie sicher; kann doch Graupner auch aus heutiger Sicht einer der bedeutendsten Komponisten der Bach-Zeit genannt werden. Eine Ära Graupner von 1723 bis vielleicht 1760 hätte also für Leipzig nichts weniger als ein Zurückbleiben im Mittelmaß bedeutet.