SIEGFRIED ECKERT

BERÜHRENDE GEBETE

Siegfried Eckert, geboren 1963, arbeitet als Gemeindepfarrer in Bonn. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Predigtstudien. Seit vielen Jahren ist er Synodalbeauftragter für den Kirchentag, Landessynodaler der Evangelischen Kirche im Rheinland und Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. in Bonn.

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© 2017 by edition chrismon in der

Evangelischen Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

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Lektorat: Marlene Fritsch

Covergestaltung: Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH · Frankfurt am Main, Anja Haß

Innengestaltung: Formenorm, Friederike Arndt, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-96038-068-9

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Cover

Titel

Der Autor

Impressum

Vorwort

gott küssen

du bist schön

loslassen

keine angst haben

gebet zur nacht

marthas segen

unglück

aufwecken

hoffnungsgrund

resonanzboden

verwalten

du und ich

schlaganfall

so viel wir brauchen

auferstehung

kirche im dorf

blickwinkel

untergang

verwandlung

stolpersteine

verzagtheit

verfallsdatum

halbleere gläser

genügsamkeit

gott schauen

seligpreisung

regenbogen

mond

dazwischen

durst haben

zeigefinger

lassen

schlittschuhlaufen

mitten im leben

ladehemmung

verlorene fäden

reich sein

biergarten

ende einer ausstellung

aufbruch

beschleunigung

brutkasten

tunnelblick

scherbenhaufen

sterbehilfe

sorge

können

konflikte

irdische wege

wechsel der jahre

notausgang

rechtes auge

ungleichzeitigkeit

wolkenworte

rätselraten

fernreise

schuldscheine

ausquetschen

besitzstandsdenken

anerkennungsbedürfnis

folgsam sein

graue maus

schicksalsschlag

elias schweigen

shit storm

übereinstimmung

abdanken

hintertür

frucht bringen

grabenkämpfe

stille nacht

schlachtfelder

wachsam bleiben

aufleuchten

jahreswende

kleingartenanlage

regelfall

segen für parteigänger

hin und her

neues jerusalem

kissen finden

lachfalten

ladenschluss

berechtigte hoffnung

heimat

segen für die ewigkeit

moralapostel

abendsegen

weihnachten 21

berühre mich

befehlen

mütterliche brust

abschied

Vorwort

Beten ist für mich ein Nachhausekommen ins Wohnzimmer meiner Seele. Besonders innig gelingt mir dies in der Gemeinschaft von Taizé. Stundenlang kann ich dort in der Kirche sitzen, mich auf den Wogen der Gesänge treiben lassen, wie ein Süchtiger in die Magie der Stille eintauchen und einen Geist ein- und ausatmen, der nicht von dieser Welt ist. Wenn hingegen die Stunden des Alltags wie Papierschiffchen auf hoher See zwischen Flaute und Sturmtief dahintreiben, sieht das anders aus. Dann hält mich das Gebet höchstens über Wasser, hält es Ausschau nach besseren Zeiten und gerät zur Wünschelrute meiner Sehnsucht.

Lange Zeit stand meinem Beten die Vergangenheit im Weg. Unter dem Stichwort »Stille Zeit« übertrieb es mein freikirchlicher Jugendeifer und hinterließ verbrannte Erde. Die Form der Klage als Ventil der Ohnmacht und Wut half mir, neu Beten zu lernen angesichts einer Welt, deren Unrecht zum Himmel schreit. Seither stehe ich mit meinen Gebeten meist an der Furt des Zweifels. Wie Jakob am Jabbok ringen sie mit dem großen Unbekannten. Höchstens rückblickend kommt das Gefühl auf, als Gesegneter vom Platz zu gehen: hinkend.

Beten hilft mir, meine Sorgen loszulassen und sie in die Hände dessen zu legen, der alles in Händen hält. Solche Erleichterung setzt Kräfte frei für einen tätigen Glauben. Händefalten ist ja nicht Däumchendrehen, sondern »Kontemplation und Kampf«. Herzensanliegen meiner Predigten packe ich mehr denn je ins Fürbittgebet. »Das soll man nicht tun«, sagen die Experten. Ich hoffe, im Himmel sitzt keine liturigsche Prüfungskommissionen, sondern ein Vater, der offene Ohren für unsere Anliegen hat.

Beten ist das einfachste Ausdrucksmittel unseres Glaubens. Dafür braucht keiner nach Taizé zu fahren oder Theologie zu studieren. Es ist jederzeit möglich. Dieses Buch möchte in Versuchung führen, dem eigenen unaussprechlichen Seufzen Worte zu verleihen. »Es braucht Gebetbücher, weil beim Beten in unserer Zeit Wortnot herrscht«, antwortete mir einst ein kundiger Lektor auf meine Frage, ob es Bücher mit Gebeten überhaupt geben müsse.

»Am Anfang war das Wort«, wurde als Überschrift für die Reformationdekade gewählt. Trotz Bilderfluten und postfaktischer Gerüchteküchen will ich den Glauben an das Wort nicht zum Altpapier legen. »neulich küsste ich gott« war der Titel meines ersten Buches, eines Gedichtbandes, der 1985 erschien. »Gott in den Ohren liegen« überschrieb ich das erste Gebetbuch, das in einer überarbeiteten Fassung in der edition chrismon 2014 herauskam. In diesem Gebetbuch feiert ein mir vertrauter Titel Auferstehung, sind doch die Grenzen zwischen Gedicht und Gebet fließend. Sollte das eine oder andere Wort dieses Buches berühren, für Gänsehautmomente sorgen, gar etwas in der Welt verändern, ist dies dem zu verdanken, der tote Buchstaben zu neuem Leben erweckt. Deshalb heißt Beten in erster Linie: Gott loben.

Siegfried Eckert   Frühjahr 2017

gott küssen

neulich

küsste ich gott

steckte ihm

einige groschen

für ein paar zigaretten zu

wischte ihm

die tränen

aus den augen

besuchte ihn

im krankenhaus

schenkte ihm

eine scheibe brot

für seinen knurrenden magen

lud ihn

in mein zimmer ein

auf eine tasse tee

du bist schön

du bist schön

weil augen dich ansehen

eltern dich wollten

hände dich formten

aus liebe und lehm

du bist schön

weil gottes geist in dir atmet

die falten der haut

deine geschichten erzählen

du bist schön

wenn die sonne

auf deinem gesicht erstrahlt

das lachen

über deine lippen huscht

du bist schön

wenn du

die hände faltest

um dein leben

wie ein kind

in die hand

deines schöpfers

zu legen

loslassen

herr

ich lasse los

zu allererst mich selbst

meine vorstellungen vom leben

meine vorurteile über andere

den neid auf so viele

die es besser haben als ich

meine sorge vor so vielen

die es schlechter haben als ich

herr

ich lasse los

meine vorbehalte

gegenüber meinen feinden

meine abhängigkeit

von meinen freunden

meine sehnsucht nach anerkennung

meine undankbarkeit trotz größtem glück

nimm in deine hände

was wehmütig ich dir überlasse

lege deinen segen auf alles

was dem frieden dient

keine angst haben

anstrengend ist es geworden

sich zu behaupten

im kampf um arbeitsplatz

und lebenschancen

auf schulhöfen und spielplätzen

die versuchung liegt nahe

sich anders zu geben

als man ist

christus befreie uns

vom zwang der selbstbehauptung

erlöse uns

von bösen mächten

die allen schaden